Im Anfang - Herbert Michael Veh - E-Book

Im Anfang E-Book

Herbert Michael Veh

0,0

Beschreibung

Mit dem Ruhestand droht Gerichtspräsident Heinrich Mai Bedeutungslosigkeit und Langeweile. Kann sich Mai auf Neues einstellen oder ist er alltagsuntauglich und in seiner Bürokratensprache verkümmert? Mai beginnt Texte zu schreiben, in denen sich Traum und Wirklichkeit vermengen. Spiegelt das seine Ängste und Hoffnungen oder will da einer mit Geschichten über protestierende Schäferhunde, kindliche Illusionen, Nachbarschaftsstreitigkeiten und wahlkämpfende Giraffen die Leser an der Nase herumführen? Mais Familie versucht Ordnung zu schaffen. Welchen Einfluss hat ein ehemaliger Griechischlehrer? Lässt sich ein veröffentlichungsfähiges Werk basteln? Und wie sehr wird ein Verlag eingreifen, um Genderunverträglichkeiten, Plagiate und Missverständnisse zu vermeiden?

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 210

Veröffentlichungsjahr: 2022

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Prolog vor dem 1. Kapitel (von Marisa und Miriam Mai)

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

Nachwort (von Heinrich Mai)

Vorwort

Wir veröffentlichen dieses Manuskript ohne uns sicher zu sein, ob die Person, die es eingereicht hat und sich nach eigenen Angaben hinter einem Pseudonym versteckt, tatsächlich dieses von ihr selbst als Roman bezeichnete Werk verfasst hat. Wir haben deshalb sämtliche im Text genannten Namen geändert, um etwaigen wahren Autor*innen die Gelegenheit zu geben, sich durch die Angabe der im Original verwendeten Namen auszuweisen. Zudem haben wir dem Einsender ein neues Pseudonym verpasst. Wenn wir im Folgenden vom Autor reden, ist dies mit zu bedenken.

Die Herausgeber*innen1

§ 1Aller Anfang ist schwer

Allenthalben heißt es, der erste Satz sei der wichtigste.2 Er müsse den3 Leser in seinen Bann ziehen, sein Weiterlesen geradezu erzwingen. Dieser könne dann gar nicht anders. Erfolg oder Misserfolg eines Werkes hänge deshalb wesentlich von diesem ersten Satz ab.

Mir leuchtet diese These nicht ein. Ist nicht der Titel wesentlich wichtiger, um Interesse zu wecken? Und erst der Klappentext. Steckt nicht darin das Geheimnis des ersten und zweiten Erfolgs? Des ersten Erfolgs. Der Besucher einer Buchhandlung nimmt ein Buch zur Hand. Und des zweiten Erfolgs. Der Besucher behält das Buch in seinen Händen und stellt es nicht sogleich wieder zurück.

Erst jetzt dringt der potentielle Käufer zum eigentlichen Text vor, liest vielleicht den ersten Satz, aber doch auch sogleich den zweiten und dritten, vorausgesetzt, der erste Satz erstreckt sich nicht bereits über mehrere Seiten. Wer, frage ich mich, wer würde, wenn er denn schon zu lesen begonnen hat, bereits nach dem ersten Satz wieder aufhören? Nein, wer so weit gekommen ist, der investiert noch ein wenig mehr seiner Zeit und liest weiter.

Lesen auch Sie noch weiter? Das ist für mich nicht ohne Bedeutung. Freilich schreibe ich zunächst einmal für mich selbst. Indem ich schreibe, was und wie ich will und entdecke, was und wie ich es kann, möchte ich mich beweisen.

Ich fordere mich heraus, heraus aus vorgegebenen Sprachmustern und fremdbestimmtem Rahmen. Heraus aus einem schützenden und zugleich einengenden Kokon. Herausforderung durch mir selbst gestellte Aufgaben. Arg viel Pathos? Vielleicht, aber wenn ich mich nicht selbst ansporne, laufe ich Gefahr, nicht weiterzuschreiben, aufzugeben.

Ich hoffe, ich halte durch, beweise Ausdauer, Stehvermögen. Denn dann kann ich etwas schaffen, was über mich hinausreicht. Etwas Bleibendes, gewidmet meiner Familie, auf dass sich alle besser an mich erinnern können. Ein Werk, welches aber auch in jedem zusätzlichen Leser weiterlebt. Lesen Sie ruhig weiter, das zeigt mir, dass der Text Sie immer noch interessiert. Halten Sie durch, so wie ich durchhalte.

Ich habe angefangen. Für mich, für mein Schreiben ist der erste Satz wichtig gewesen. Denn ich weiß: Jetzt komme ich in Gang und Sie, etwaiger Leser, bleiben dran. Aller Anfang ist schwer, das ist vorbei. Es heißt jetzt: Aller Anfang war schwer. Und wenn ich es recht bedenke, hat tatsächlich alles mit einer Aussage über einen Anfang, ja eigentlich den einen, den entscheidenden Anfang angefangen.

Prolog vor dem 1. Kapitel (von Marisa und Miriam Mai)

Dieses Buch ist ein Geschenk. Ein Geschenk an unseren Vater Heinrich. Wir werden es ihm überreichen, sobald er aus dem Krankenhaus entlassen und aus der anschließenden Reha zurück ist. Nach seinem Unfall hatten wir zwischenzeitlich fast schon die Hoffnung aufgegeben, hatten uns auf schwierige Entscheidungen eingestellt, hatten gemeinsam sein Arbeitszimmer durchstöbert – auf der Suche nach der Vorsorgevollmacht und der Patientenverfügung, die abzufassen er stets angekündigt hatte.

Gefunden haben wir noch etwas anderes, eine Sammlung von Texten, nach Paragraphen gegliedert. Heidrun kannte sie nicht, sie wusste aber von Heinrichs Vorhaben, zu schreiben. Und sie wusste um seine Sorgen. Wir haben versucht, sein Werk zu vollenden. Seine Texte sind geblieben, eingebettet in einen Zusammenhang, der aus unserer Sicht ihr Zustandekommen erklären soll. Unser Ziel war, ein veröffentlichungsfähiges Gesamtwerk zu formen. Unsere Mutter Heidrun hat uns beraten. Natürlich haben wir die Gefahr gesehen, befangen zu sein und Heinrich zu verklären. Im Bewusstsein dieser Gefahr haben wir ihm einige Eigenschaften angedichtet, die ihm beileibe abgehen.4 Auch manch anderes ist reine Spekulation. Nicht immer war jemand von uns bei den Ereignissen dabei. Über manches wissen wir nicht einmal vom Hörensagen. Immerhin könnte es so gewesen sein. Jetzt, da das Wunder geschehen ist, soll Heinrich entscheiden, was aus dem Manuskript werden soll. 5

1 Zur Gendergerechtigkeit vgl. Fußnote 3; zu den Herausgeber*innen näheres auf der letzten Seite des Buches im Nachwort; reizvoller wäre es, bis zum Schluss mit dem Lesen der letzten Seite zu warten

2 Eine derartige These wird nicht „allenthalben“, sondern lediglich in der Verlagswerbung für Werke über erste Sätze der Weltliteratur vertreten. So die Auskunft von Horst Federlein, Präsident des Verbands professioneller deutscher Literaturkritiker, den wir hierzu befragt haben. Der Autor dieses Werks stellt die „Allenthalben“-These also wohl nur deshalb in den Raum, um ihr anschließend zu widersprechen. Die Herausgeber*innen

3 Wir lassen den Text des womöglich alten, männlichen und hellhäutigen Autors unverändert. So schreiben solche Leute eben immer noch. Selbstverständlich bekennt sich der Verlag zu den jeweils herrschenden Werten und Vorstellungen von gendergerechter Sprache. Die Herausgeber*innen

4 Wir weisen ausdrücklich darauf hin, dass wir dieses Werk den Beteuerungen des vermutlichen Autors (s. Vorwort) folgend als Fiktion veröffentlichen. Zudem haben wir uns erlaubt, sämtliche Namen zu verändern und die eine oder andere Anmerkung anzubringen. Die Herausgeber*innen

5 Wir wiederholen hier noch einmal, was wir schon im Vorwort betont haben: An uns wurde das Werk unter einem Pseudonym zugesandt, das wir nochmals verändert haben. Der Einsender gibt sich als Autor aus. Vielleicht gibt es Marisa, Miriam, Heinrich und Heidrun Mai oder wie sie auch immer heißen, aber auch tatsächlich und unser Einsender schmückt sich mit fremden Federn. Es ist auch nicht auszuschließen, dass „Heinrich“ die Veröffentlichung untersagt hat und das Manuskript auf welch verschlungene Weise auch immer in die Hände des Einsenders gelangt und das Nachwort dreist hinzugefügt ist. Die Herausgeber*innen

1. Kapitel

Über Festgespräche und Festgedanken

Christi Himmelfahrt. Jedes Jahr Pfarrfest. Jedes Jahr die Gelegenheit, zu überprüfen, wer noch da war. Jedes Jahr der Reaktionstest. Wie kommt er noch an in seiner Heimatgemeinde? Gibt es Balsam für die Seele? Etwa: Nach spektakulären Fällen gefragt werden und das Buhlen manches Pfarrfestbesuchers um Hintergrundinformationen genießen.

Seine Frau kannte das, hoffte, Freundinnen von früher zu treffen, eigene Gespräche führen zu können anstatt seine Geschichten zu hören. Dutzendmal erzählt. Aus ihrer Sicht allenfalls unter dem Aspekt von Interesse, wie sich die Geschichte je nach Zuhörer veränderte, wie der Erzähler der Erwartung des Hörers zu entsprechen suchte, der Erwartung an die Geschichte und insbesondere an die Rolle, die der Erzähler darin spielte.

Die Fahrt in ihrer beider Heimatort war Tradition, inzwischen ohne die Kinder, die aus dem Haus waren. Besuch des Festgottesdienstes, in einer Bankreihe neben Heidruns Mutter, anschließend Festbesuch.

Selbstbedienung. Same procedure: Sein ehemaliger Deutschlehrer als ehrenamtlicher Helfer bei den Getränken, ein Stadtratskollege seines verstorbenen Vaters bei der Essensausgabe, der Nachbar, der weiterhin gegenüber seinem Elternhaus wohnte, an der Kasse. Freundlich-freudige Begrüßungen. „Ja Heinrich, auch wieder im Lande? Wie geht’s denn so? Wie lange hast Du eigentlich noch? Schon im Ruhestand?“ „Immer wieder liest man von Dir in der Zeitung. Viel zu tun, was?“ „Für unseren Freund Heinrich ein besonders großes Schnitzel.“

Es tat gut, hier in der Kleinstadt nach wie vor gekannt zu werden und gefragt zu sein. Freilich: Wer von denen mochte und schätzte ihn tatsächlich? Die drei Pfarrfesthelfer? Wohl schon. Aber manch anderer oder andere? Heinrich war sich sicher. In Kenntnis der Gegenwart erschien vielen die Vergangenheit in einem anderen Licht.

Heinrich erinnerte sich. War ihm nicht vor etwa fünf Jahren eine Klassenkameradin, die er am örtlichen Baggersee getroffen hatte, geradezu um den Hals gefallen (Küsschen hier, Küsschen da; ja Heini, dass wir uns endlich mal wieder sehen; weißt Du noch, die wilden Partys bis spät nach Mitternacht; schade, dass Biggi nicht dabei ist, die hätte sich gefreut, so dicke wie Ihr zwei wart). „Wer war das denn?“, fragten die beiden Töchter. „Und was hattest Du mit einer Biggi?“

Ja, eine Biggi war mit ihm einst aufs Gymnasium gegangen. Aber „gehabt“ hatte er mit ihr gar nichts. Auch nicht mit irgendeiner anderen aus der Klasse. Keine einzige hatte ihn als mögliches Objekt der Begierde gesehen. Ihn, den kurzsichtigen, schon leicht übergewichtigen Klassenbesten, der nur zum Abschreiben zu gebrauchen war. Freilich hatte ihn wohl in der geheimen Wahl auch die Mehrzahl der Mädchen zum Klassensprecher gewählt, anders war sein grandioses Wahlergebnis gar nicht zu erklären. Reden konnte er, und bei den Lehrern war er wohlgelitten, sodass die Mitschülerinnen und Mitschüler offenbar hofften, es könne sich auf die Durchsetzbarkeit einzelner Wünsche der Klasse auswirken, wenn diese gerade von ihm vorgetragen würden.

Jetzt aber ins Festzelt. Die Schwiegermutter war schon vorausgegangen. Galt es doch Platz zu sichern an einem der Bierbänke. Schnitzel in der Rechten, Bierkrug in der Linken. Oder besser umgekehrt? Heidrun ebenso bepackt. Oktoberfestkellner waren sie nicht. Umso besser, dass Heidrun und ihre Mutter sich ein Schnitzel und ein Radler teilten, müsste man sich doch ansonsten ein zweites Mal zur Essens- und Getränkeausgabe begeben.

Wo war denn die Schwiegermutter? Gott sei Dank gleich rechts vom Festzelteingang. Gehörig weit weg von der Blasmusik. Man konnte also mit einander reden, ohne sich anbrüllen zu müssen, um die Musik zu übertönen. Ohnehin würde das Gespräch laut werden, saßen doch schon einige Freundinnen seiner Schwiegermutter mit am Biertisch. Erinnerungen an die gemeinsame Zeit im Vorstand des Katholischen Frauenbunds, Reminiszenzen der älteren Damen, das versprach nur bedingt interessante Gespräche. Hatten sie, wie sie meinten, früher den nachmittäglichen Kuchenverkauf nicht ganz anders, besser, organisiert? Kaffee und Kuchen erst ab 15.00 Uhr.

Diese Ordnung war verloren. Jetzt ging alles durcheinander, wurde das Kuchenbüffet schon um 13.00 Uhr eröffnet. Mancher, der das Pfarrfest gar nicht frequentierte, geschweige denn im Gottesdienst gewesen war, nahm jetzt günstigen Kuchen mit nach Hause. Und der treue Pfarrfestbesucher, der zunächst, wie es sich gehörte, sein Mittagessen vertilgt hatte, lief Gefahr, um 15.00 Uhr zur Kaffeezeit die attraktivsten Kuchenstücke gar nicht mehr zu bekommen.

So uninteressant wie gedacht war diese Unterhaltung gar nicht. Gut, dass sie für drei Personen nur zwei Portionen geholt hatten. Heinrich verzichtete darauf, sein Schnitzel allein zu verzehren und, wie vorgesehen, lediglich die zweite Portion seinen Frauen zur gemeinsamen Konsumation zu überlassen. Großzügig schob er ein Drittel auf den zweiten Teller („wir müssen schon gerecht sein“) und gab sogleich auch noch von seinem Kartoffelsalat reichlich ab, bevor dagegen protestiert („das wird uns doch zu viel“) werden konnte. Mit reduziertem Mittagsmahl würde er als Dessert ein Stück der angebotenen Schwarzwälder Kirschtorte problemlos bewältigen und deren Ausverkauf an die „Zum Mitnehmen“- Kunden rechtzeitig zuvorkommen.

§ 2Babys Glück beginnt im Bauch

In meinem Arbeitszimmer am Schreibtisch saß ich, blickte aus dem Fenster auf die schmale, durch parkende Autos zusätzlich verschmälerte Zufahrtsstraße und die grauen Einfamilienhäuser gegenüber. Der Apfelbaum, der bis unmittelbar vor das Fenster im ersten Stock unseres Reihenhauses heraufragte, zeigte erste Knospen, die auf eine spätere volle Blüte schließen ließen. Die Bienen würden reichlich zu tun bekommen. Ein jüngerer Kollege trat vor mein Auge. Finden Sie die Examensarbeiten auch so misslungen, wollte ich ihn fragen, er aber flüsterte nur „Rettet die Bienen“. Schon war er wieder verschwunden.

Wir sind nicht eingeladen, rief Heidrun. War sie in der Küche? Nein, denn flugs stand sie auch schon in der Tür. Wie konnten sie uns das antun? Wir haben doch sämtliche in Betracht kommenden Termine freigehalten. Keine Urlaubsreise im September wie gewohnt, hast Du noch gesagt. Damit wir auf jeden Fall dabei sein können, hast Du gesagt. Vorsichtshalber fassen wir den Kreis potentieller Termine weiter als angegeben, hast Du gesagt.

Das Gespräch schien unangenehm zu werden. Ich begann, Schweiß auf der Stirn zu verspüren. Nichts wie weg!

Der Hörsaal, der größte, Fassungsvermögen 1000, war gut gefüllt. Professor Birke stand neben mir. Endlich ein wirklich interessanter Vortrag, sagte er. Wenn wir volkswirtschaftlich vorne bleiben wollen, müssen wir mit der frühkindlichen Erziehung schon ganz zeitig beginnen. Jeder Monat zählt.

Heidrun war wieder da. Erneut stand sie vor mir, in meinem Arbeitszimmer war sie vor meinen Schreibtisch getreten. Die sonst so sanfte Heidrun war aufgewühlt. Sie haben Dich nie gemocht, sagte sie. Sie haben manipuliert. Anders ist es nicht zu erklären. Zu einer Erklärung konnte ich nichts beitragen. Die gesamte Szene war mir schleierhaft. Wozu waren wir von wem nicht eingeladen?

Der Hörsaal gab weniger Rätsel auf. Der Referent beschwor das deutsche Strukturproblem („keine materiellen Rohstoffe“; „unser Rohstoff ist allein unser Geist“). Frühkindliche Bildung, etwa die Spracherziehung beginne im Mutterleib. Wir wissen, dass der Fötus, sei er männlich, weiblich oder divers, bereits Stimmen unterscheidet und auf Musik reagiert. Warum lassen wir ihn nur mithören? Lassen wir ihn sehen, noch bevor er im althergebrachten Sinn das Licht der Welt erblickt. Erleuchten wir schon den Uterus!

Eine Tauffeier lehnen Carola und ihr Mann ja ab, hörte ich mitten in den Hörsaal hinein die Stimme Heidruns. Und schon saß ich wieder in meinem Arbeitszimmer und blickte Heidrun in die Augen. Referent und Hörsaal hatten sich in Nichts aufgelöst. Wir feiern stattdessen den nullten Geburtstag, klang mir Nichte Carola im Ohr. Danke, danke lieber Onkel, für Deine wertvollen Tipps, säuselte sie und kicherte. Eigentlich klang sie doch ganz nett, die Nichte.

Was also war schiefgelaufen, dachte ich und versuchte der nach wie vor aufgewühlt dreinblickenden Heidrun wieder zu entfliehen. Ich fand zurück in den Hörsaal.

Wieder sah ich den Referenten, einen etwa dreißigjährigen Schlaks, schlammfarbene Lederjacke, weißes Hemd, türkisene Krawatte, schwarze Jeans, edelbelöchert. Unsere Universität zieht ein Exzellenzprogramm an Land. Warum bereiten wir alle auf die Geburt vor, nur den männlich/weiblich/diversen Fötus nicht? Der Referent entwickelte Leidenschaft und hob seine Stimme. Längst wissen wir, ja, geschätztes Auditorium, längst wissen wir, dass das Trauma der Geburt den/die/das Fötus (der Referent muss natürlich auch darlegen, dass seine Forschung nicht gegen Grundsätze der Gendergerechtigkeit verstößt, daher die Sprache, flüsterte mir Professor Birke zu), dass dieses Trauma ihn oder sie zunächst in der Entwicklung zurückwirft. Wie auch nicht? Heißt es doch: Heraus aus der warmen, zwar dunklen, aber doch gemütlichen Höhle! Wir werden dieses Trauma vermeiden und bereiten alle Beteiligten, nicht nur wie bisher die Eltern, auf die Geburt vor, planen Übertragungen aus dem vorgesehenen, freundlich im Sinne einer Willkommenskultur gestalteten, Empfangsraum, früher hätten wir von Kreißsaal gesprochen, planen also Übertragungen in den Uterus, um mit den späteren ersten Eindrücken nach der Geburt vertraut zu machen. Anhand der Reaktionen erkunden wir auch den Musikgeschmack, um die passende Begleitmusik zur Geburt auszuwählen. Alles im Angebot. Von Ihr Kinderlein kommet über Mozart bis zu Heavy metal. Wir sind überzeugt, dass wir genügend Eltern finden, die sich an unserem Programm beteiligen und damit teilhaben am Fortschritt der Wissenschaft. Professor Birke flüsterte mir erneut zu. „Faszinierend“, sagte er. Ich werde dafür sorgen, dass meine künftigen Enkel schon im Mutterleib in diese Förderung einbezogen werden. Wer sich hier beteiligen kann, hat schon einen erheblichen Startvorteil.

Onkel Heinrich sollte zur Geburtstagsfeier nicht kommen. Ich saß im Wohnzimmer und sah auf Carolas WhatsApp-Nachricht. Keine Begründung, sagte ich und wandte mich Heidrun zu. Da sind übrigens nicht wir beide ausgeladen, nur ich soll nicht dabei sein. Willst Du allein hinfahren? Immerhin kannst Du mir ja berichten und vielleicht Filmaufnahmen drehen. Kommt ja gar nicht in Frage, sagte Heidrun empört. Wir beide sind nur im Paket zu haben.

Im Hintergrund lief die heute-Sendung. Der Schlaks erschien im Bild. Ich stellte den Ton lauter und lauschte. Erstmals, verkündete der Schlaks im Interview, erstmals ist es uns eindeutig gelungen, die Wünsche eines Fötus zur Gestaltung ihrer, ich verwende hier geschlechtsunabhängig die weibliche Form, die Wünsche eines Fötus zur Gestaltung ihrer Geburt festzustellen. Unsere Probandin, sie ist übrigens wirklich weiblich, hat sich als geburtsbegleitende Musik New-Orleans-Jazz gewünscht. Wir haben ihr auch Fotos potentieller Gäste zum nullten Geburtstag in den Uterus projiziert. Auf weiße alte Männer aus ihrer Verwandtschaft hat sie konsequent ablehnend reagiert.

Ich erwachte, stand auf, traf Heidrun im Badezimmer und erinnerte mich an den Ärger um den anstehenden nullten Geburtstag. Ich dankte Heidrun für die Solidarität, mit der sie all die Schmähungen weißer alter Männer, wie sie bereits in der unmittelbaren Verwandtschaft Einzug hielten, solidarisch mittrug. Heidrun reagierte gelassen. Hast Du wieder geträumt? fragte sie.

2. Kapitel

Über den richtigen Platz

Heinrich war ins Grübeln geraten. Konnte er sich die Torte gönnen? Weshalb hatte der frühere Nachbar an der Pfarrfestkasse vom Ruhestand gesprochen? Er war lediglich ein wenig über 60. Kannte der die Ruhestandsregeln für den öffentlichen Dienst nicht? Wir waren hier nicht bei der Bundewehr oder der Polizei! War er zu dick, nicht sportlich genug? Sah er schon so alt aus? War er bis vor kurzem nicht als eher jung beurteilt worden, hatte er sich nicht mit älteren Kolleginnen und Kollegen herumgeschlagen, die der festen Überzeugung gewesen waren, er sei zu unerfahren, geradezu ein Grünschnabel und sie, die Älteren, wüssten viel besser, wo es lang gehe?

War dem 75-jährigen früheren Nachbarn nicht schon längst das Zeitgefühl verloren gegangen? Hatte der sich bei seiner Äußerung überhaupt etwas gedacht? Vermutlich bloßes Dahergerede.

Andererseits: Ein wenig Sport wäre wohl nicht schlecht. Er saß zu viel, telefonierte, studierte Akten. Zwar stand er immer wieder auf, warf einen Blick ins Vorzimmer, orderte eine Tasse Tee, suchte die Toilette auf. Das genügte aber nicht, nahm er doch zudem Arbeit mit ins Wochenende, verbrachte auch zuhause viel Zeit am PC und verweigerte mit dem Ausdruck des Bedauerns seiner Frau gemeinsame Radtouren oder sonstige sportliche Aktivitäten. Du gehörst an die frische Luft, pflegte seine Frau zu sagen.

Heidrun hielt nach neuen Gesprächspartnern für Heinrich Ausschau. Nach dem Essen langweilte ihn, so ihre Prognose, die Unterhaltung der Damen vom Frauenbund. Bald steht er auf, läuft herum, hält Ausschau nach Bekannten und holt sich, wenn er niemanden findet, viel zu früh einen Kuchen (und später einen zweiten!). Dass er von seiner Schnitzelportion etwas abgegeben hatte, war ungewöhnlich und verdächtig.

Einige Tische weiter saßen örtliche Honoratioren, der Bürgermeister mit Gattin, Stadträte, vereinzelt weiblich, der Landtagsabgeordnete mit seiner Frau Gemahlin, der katholische Pfarrer mit Pfarrhaushälterin. Alle dicht aneinander, wollte doch jeder im Dunstkreis des Bürgermeisters einen Platz am wichtigsten Tisch im Zelt ergattern und dadurch seine Bedeutung unterstreichen. Zumal: Auch der Pressevertreter der örtlichen Zeitung war mit am Tisch, einer, der zwar nicht das Gras wachsen hörte, aber doch gerne aus Äußerlichkeiten meinte seine Schlüsse ziehen zu können, galt es doch für die Mehrheitspartei, einen neuen Bürgermeisterkandidaten zu finden (oder vom amtierenden Bürgermeister empfohlen zu bekommen). Da konnte es schon ein Indiz sein, wer in der Nähe des Bürgermeisters wie goutiert wurde. Im Grunde interessiert dieses Geschehen meinen Mann nicht, dachte Heidrun. Heinrich hatte der Politik entsagt, sich zurückgezogen. Wahrgenommen werden, das war ihm wichtig, und an jenem, ohnedies überfüllten, Tisch würde er eher die Bratsche als die erste Geige spielen können.

Heidrun entdeckte den ehemaligen Latein- und Griechischlehrer Gutspecht, Sozialdemokrat, einst ehrenamtlicher zweiter Bürgermeister, seit 10 Jahren im Ruhestand und auch nicht mehr im Stadtrat. Gutspecht saß nicht am Bürgermeistertisch. Um ihn herum einige andere Lehrkräfte und seine Frau. Sie schienen sich zu langweilen. Kein Gespräch, nur Zuprosten. Führte einer das Bierglas zum Munde, taten es ihm die anderen nach.

Heinrich zeigte Anzeichen von Unruhe. Das Gespräch der Frauen war bei Strick-und Häkelthemen angekommen. Bald würde er aufstehen. Ersichtlich wartete er auf eine Gesprächsunterbrechung. Ja, sagte die ehemals zweite Vorsitzende gerade, die Burda ist auch nicht mehr das was sie einmal war. Wie auch, warf die frühere Schriftführerin ein, die Jugend interessiert sich doch längst nicht mehr für Handarbeit. Alle seufzten und griffen zu ihrer Radlerhalben. Die Gelegenheit, dachte Heidrun, und tatsächlich stand Heinrich auf. Ich schau mich mal um, murmelte er. Ich komme mit, sagte Heidrun, erhob sich rasch und folgte ihm. Und schon waren die Damen des Katholischen Frauenbundes unter sich.

Heinrich blickte nach rechts. Möchtest Du etwa beim Bürgermeistertisch vorbei? fragte Heidrun. Nein, nein, sage Heinrich, ohne länger nachzudenken und wandte sich automatisch nach links. Jetzt stimmt die Richtung, dachte Heidrun.

§ 3Chaos ist Chance

Meist sah ich nur das rechte, es sei denn in den seltenen Augenblicken, in denen er sich die über dem linken Auge liegenden Haarsträhnen aus dem Gesicht strich, nur damit sie kurz darauf zurückfielen und erneut dieses Auge überdeckten, ohne auf ihm zu lasten. Stets holte er mit der rechten Hand schwungvoll aus, erfasste die Haarsträhnen und hielt in der Bewegung einen kurzen Moment inne, fast als überlege er, ob er das linke Auge tatsächlich freigeben wolle oder solle. Gerade in diesem Zögern, welches nie zu einem Abbruch der Auge-Enthüllungsaktion führte, lag das Faszinosum. Keiner von den vielen, die mit ihm zu tun hatten, war sich sicher, ob die Bewegung zu Ende geführt oder abgebrochen werden würde. Hätte man nachgefragt, hätte auch niemand aussagen können, ob und wenn ja wie oft der Blick auf das linke Auge tatsächlich freigegeben und ob und wenn ja wie oft die Freigabebewegung gerade nicht zu Ende geführt wurde. Dass letzteres tatsächlich niemals geschah, keiner hätte das bestätigen können.

Er war der Chef, er lud zu Besprechungen und ließ über sein Sekretariat die entsprechenden Unterlagen versenden. Stets erreichten die Teilnehmer Tagesordnung und erste Beschlussvorlagen zwei Wochen vor der Sitzung. Niemals blieb es bei diesen Vorlagen. Wie wenn der Chef im Vorfeld der Besprechung mit sich selbst konferierte, folgten stets überarbeitete Fassungen mit ausführlichen Erläuterungen.

Keiner konnte je sicher sein, den Überblick behalten zu haben. Es empfahl sich, noch kurz vor Sitzungsbeginn zu überprüfen, ob sich nicht eine neue Fassung im Einlauf befand.

In der Besprechung kamen alle zu Wort. Der Chef gab der Diskussion freien Lauf und Zeit, um sich dann ganz spontan in den verfahrensten Situationen mit neuen Überlegungen einzuschalten. Wir müssen das visualisieren, sagte er gerne und zeichnete Striche, Kreise, Kästchen auf sein geliebtes Flipchart, stets in Verwendung unterschiedlicher Farben, deren Bedeutung er einem steten Wandel unterzog, sei es weil er den einer Farbe zugeschriebenen Sinn wieder vergessen hatte (was war rot gleich nochmal?), sei es, weil er im Prozess der Visualisierung, der von einem erläuternden Wortschwall teils begleitet, teils unterbrochen wurde, gar nicht mehr darauf achtete, zu welcher Farbe er gerade gegriffen hatte (oh, jetzt habe ich gelb erwischt, das bedeutet jetzt aber nicht, dass die Maßnahme gefährdet ist; Sie wissen ja, gelb wäre die Farbe von Neid und Missgunst), sei es weil er kurzfristig die Zuschreibung von bestimmten Farben zu bestimmten Bedeutungen veränderte. Grün nehme ich jetzt doch lieber nicht für bereits feststehende Veränderungen, passt da Schwarz? fragte er in einem solchen Fall nach. Grün heißt ja Hoffnung; wenn also der Wechsel von A aus der Abteilung 1 in die Abteilung 2 grün eingezeichnet ist, hieße das, dass das noch keineswegs gesichert wäre, sondern wir nur hoffen, dass A sich zu einem solchen Schritt entschließt bzw. bereit erklärt. Weil aber der Wechsel feststeht, übermalen wir jetzt einfach das Grün mit Schwarz.

Ist das in Ordnung? Mit solchen Rückfragen band er uns in die Debatte ein, verursachte ergänzende Hinweise und Einwände. Sind Sie sich wirklich sicher, dass A wechselt? frägt einer. Natürlich, vor sechs Wochen hat er sich bereit erklärt. Jetzt ist er aber Vater geworden, erklärt die nächste. Ob der jetzt noch auf weitere Veränderungen erpicht ist? Mit einem solchen Wechsel tun wir dem A zum jetzigen Zeitpunkt doch gar keinen Gefallen. Wäre die Ampelfarbe Rot nicht das Richtige, wenn wir etwas gar nicht wollen und den Wechsel stoppen? Das Flipchartgemälde wurde zum Gemeinschaftswerk.

Es wird mir für immer ein Rätsel bleiben, ob Heinrich Mai tatsächlich der Chaot war, als der er uns erschien. Es bleibt aber festzuhalten, dass wir in unseren Besprechungen am Ende durchaus sinnvolle Ergebnisse erzielt haben, die fast immer alle mitgetragen haben.

Jetzt da Mai nicht mehr unser Chef ist, frage ich mich gelegentlich, ob sich Mai nur als Chaot gebärdet hat. War all dies Bestandteil einer durchdachten Strategie?

3. Kapitel

Über Begegnungen mit Lehrkräften

Gutspecht hatte Heinrich entdeckt. Ja Herr Mai, rief er, schön, dass Sie auch da sind. Kommen Sie und setzen Sie sich. Ich hol Dir ein zweites Radler, sagte Heidrun, nickte ihrem Mann aufmunternd zu und verschwand im Getümmel.

Erst auf dessen Rufen hin hatte Heinrich Gutspecht wahrgenommen. Unschlüssig blieb er stehen. Sollte er seinen Weg zum Kuchenbüffet unterbrechen und sich zu Gutspecht setzen? Er war mit seiner Entscheidungsfindung zu langsam. Schon war die fürsorgliche Heidrun unterwegs, ihm ein Radler zu holen. Jetzt hatte er sich zu Gutspecht zu setzen und seine Radlerhalbe zu trinken. Die Schwarzwälder Kirschtorte musste noch warten.

Eilfertig machte die Lehrerrunde Platz. Immerhin, sie schätzten ihn – und erwarteten sicher den einen oder anderen Kommentar zum Zeitgeschehen. Schön, dass Sie da sind. Sie haben sicher viel zu tun in diesen Zeiten des „Wir schaffen das“? fragte, nein, nicht Gutspecht, sondern ein rechts von Gutspecht platzierter Herr, dessen zerfurchtes Gesicht Heinrich nachdenklich stimmte. Wie die Zeit vergeht, jetzt hätte ich meinen Geschichtslehrer fast nicht wieder erkannt. Nur seine roten Haare sind ihm geblieben.