Im Auge des Malstroms - Maik Pfeilschifter - E-Book

Im Auge des Malstroms E-Book

Maik Pfeilschifter

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Beschreibung

Jos Triwalker, Gründer des Malstromordens, will den kriegswunden Kontinent Urad in eine bessere Zukunft führen; Bürgerbund, ein Staatengebilde, das auf demokratischen Strukturen basieren soll, ist seine Lebensvision. Doch die verschiedenen Völker Urads sind nicht leicht zu einen, und überall im Reich sind Mächte am Wirken, die eigene Vorstellungen und Wege verfolgen.

Als Triwalker sich gezwungen sieht, den aufgelösten Malstromorden zu reaktivieren, ebnet er einer Entwicklung den Pfad, die zu einer alles vernichtenden Katastrophe zu führen droht. Denn ein alter und zugleich vollkommen neuer Feind versteht es ebenfalls, sich dieser erneut erschlossenen Quelle zu bedienen. Und dessen Absichten liegen jenseits aller Vorstellungen….

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Veröffentlichungsjahr: 2016

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Maik Pfeilschifter

Im Auge des Malstroms

BookRix GmbH & Co. KG81371 München

Prolog

 

Er hatte das Meer beinahe erreicht. Flach und gering brandend lag es vor ihm, ein buchtförmiger Ausläufer des landumschlingenden Ozeans, eine Bucht, etwa vier Meilen breit und an den rapide ansteigenden Begrenzungsufern von unförmigen Klippen eingefasst, und obwohl die See ruhig lag, konnten einzelne Wellen es dennoch bis an dieses Klippengefüge schaffen, um sich dort geräuschvoll und kräftig daran zu brechen, und das sich hierdurch mal glitschig überzogen, mal funkelnd karg dem Betrachter präsentierte.

Die rechts von ihm liegende Klippenseite peilte er an, hielt in sich erschöpfendem Tempo darauf zu, seine Beine folgten einem Rhythmus, der längst die Dynamik eines vom Willen des Läufers bestimmten Ablaufes verloren und sich nur noch dem Vorwärtsdrang verschrieben hatte. Seine Verfolger waren dichter aufgerückt, als in den drei Stunden, die diese Jagd nun schon dauerte, jemals zuvor, und es war ihm deutlich bewusst, dass er, hielte er jetzt an, um sich zu verschnaufen und mit neuer Kraft den letzten Abschnitt bis hin zu den Klippen anzugehen, es keine drei Augenblicke dauern würde, bis er umstellt und von deren vereinten Kräften nieder gemacht und vernichtet worden wäre. Also rannte er. Ihm war keine Waffe geblieben, seine Kräfte gingen bereits seit längerem zur Neige, und er wusste in diesem Teil des Landes Neusonn auch keinen Abschnitt, der ihm noch Schutz oder Deckung hätte bieten können. Die Optionen gingen ihm aus und die Feinde rückten näher. Sie waren noch zu viert: bewaffnet mit Schwertern, Messern in ihren Händen und Totschlägern, die am Gürtel steckten; drei Männer, eine Frau. Zu sechst hatten sie sich auf die Jagd nach ihm gemacht, doch zwei der Feinde hatte er bereits durch Kampf erledigt, etwa einen halben Tag lag das nun zurück, als sie ihm in dem kleinen Fischerdorf, das er sich für seinen Rückzug und seine Ruhezeit ausgesucht und seit gut drei Umläufen bewohnt und sich mit den Menschen, die es bevölkerten gut angefreundet hatte, aufgelauert und nach einem feigen Hinterhalt, der ihn um ein Haar auch schon seine Freiheit, wenn nicht sogar sein Leben, gekostet hätte, doch noch in einem offenen Kampf gestellt hatten. Offen und dennoch sechs gegen einen. Ihre Intentionen hatte er nicht erkennen oder ausmachen können, doch immerhin hatte er ihre offensichtliche Anführerin und einen Kämpfer ausschalten und besiegen können. Danach allerdings, das wiederum hatte er sehr schnell und umgehend erfahren müssen, waren ihre Absichten mehr als klar; sie wollten ihn definitiv töten. Es gab keine Verhandlungen, keine Gespräche, keine Angebote, es gab, nachdem er zwei ihrer Leute getötet hatte, nur noch eines: die Jagd auf ihn. Und nun neigte sie sich dem Ende. Er brauchte nicht erneut einen Blick über die Schulter zu werfen, um zu erkennen, dass sie ihm wieder ein Stück näher gekommen waren, er konnte ihr Atmen, ihr Hetzen, ihr Geifern hören, sie hatten sich nicht abreagiert, sich nicht von ihrem offensichtlichen Auftrag abbringen lassen, so weit und ausdauernd er auch gerannt war, sie waren gefolgt. Sie wollten ihn, und das wahrscheinlich mehr, als zuvor. Doch sein Geist konnte nicht kapitulieren, und sein Körper durfte es nicht. Er war Kurier!

 Er war vom Orden ausgebildet, vom Vorsteher eingesetzt und vom Schicksal gelenkt worden, er hatte nicht die Möglichkeit, sich zu ergeben, sich auf Kompromisse einzulassen oder gar von einem Auftrag zurück zu treten.

Hatte er diesen erhalten, musste er ihn durchführen. Wurde er bedroht, musste er die Bedrohung ausschalten. Und so sehr seinen Verfolgern seine wilde Hetze Richtung Klippen auch wie eine Flucht vor ihnen erscheinen mochte, so sehr und unwiderruflich waren sie darin im Irrtum.

Kurier hatte tatsächlich keine Waffen mehr bei sich, hatte sie verbraucht, hatte sie an seinen Feinden und Gegnern verschlissen. Doch nicht nur Werkzeuge aus Stahl, Holz und Horn konnten einem Kurier, - der an diesen weitaus weniger intensiv ausgebildet worden ist - , als ein Soldat, als Waffe dienen; vielmehr konnte Kurier auf Verbündete zurückgreifen. Und auf seine besonderen Fähigkeiten. Und genau das hatte er vor.

Er erreichte die Klippen, schwang sich, ohne zu zögern oder den Blick ab zu wenden, daran hinauf und stand bald etwa fünf Meter weit im rauschenden Brandungsstrudel und nahezu zwei Meter erhört zu seinen Feinden, die ebenfalls in diesem Augenblick am Stand eintrafen.

Die Frau heulte triumphierend, reckte ihre Zunge heraus und ließ sie wild über ihre Lippen kreisen, wobei sie die Arme in die Höhe warf und ihre rostigen und dennoch scharf wirkenden Stichwerkzeuge präsentierte. Ihre Augen waren weit aufgerissen, und sie schien der schieren Mordlust anheimgefallen. Nicht viel besser stand es um ihre drei männlichen Begleiter, auch wenn diese durch Lederkappen und Rüstungen an Schulter und Unterarm eher wie Kämpfer, denn wie entrückte Schimären wirkten. Doch auch sie wollten nun töten.

Kurier fand sicheren Stand und wandte sich ihnen zu. Das Geheul schwoll noch an. Einer der Kämpfer schleuderte ein kurzes Wurfmesser nach ihm, doch es verfehlte sein Ziel und fiel geräuschlos in eine ablandig laufende Welle.

„Komm schon!“, schrie die Furie und ließ ihre Zunge wieder kreisen, „komm und lass dich schlachten, du Bastard! Es geht nicht mehr weiter, und mit mir wirst du nicht so leichtes Spiel haben, wie mit Nuutz! Ihr Geist ist bei mir und wird deinem Ende beiwohnen, du Hund!“

Sie tanzte wild zwischen Muscheln und Tang, schleuderte kleine Fontänen schweren und gesättigten Sandes mit ihren Füßen auf, und selbst ihre Begleiter warfen sich beunruhigte Blicke ob ihres Gebärdens zu. Das Augenrollen, Stampfen und Zungenkreisen nahm sogar noch zu. Schweiß glänzte auf ihrem Ausschnitt in dem Lederwams, das nur die Ansätze ihrer Brust und nur die unteren Enden ihrer Arme unbedeckt ließ.

Kurier schloss die Augen und sammelte seine Kräfte.

Zunächst stand er aufrecht, und hielt seine Arme vom Oberkörper abgewinkelt, die Handflächen nach oben gerichtet. Er versteifte, und musste ein Zittern seines Kopfes mit Gewalt unterdrücken.

Das Meer um ihn herum nahm an Intensität zu, allerdings waren es weniger die Wellenbewegungen, diese schienen eher im Nachlassen begriffen, sondern vielmehr die reine Energie des Meeres, das sich so strudelnd und kraftvoll an den Klippen und Felsen abarbeitete, als wollte es ein Eigenleben an diesem Abschnitt erheben.

Und tatsächlich fand auch eben dies, wenn auch in abgewandelter Form statt. Kurier öffnete die Augen, sah in die Gesichter seiner Feinde, die alle bis auf die Frau, die weiterhin unbeeindruckt fluchte und forderte, er möge sich endlich stellen und sich bei ihr seinen Tod abholen, ein gewisses Zögern im Blick und ihrer Haltung hatten, und als er sich seiner Unterstützung sicher war, begann Kurier damit, seine Hände wie zur Ergebenheit zu erheben und die Handflächen seinen Gegnern zuzuwenden. Und er lächelte.

Und dann geschah es. Aus dem Meer, von den tiefer gelegenen Klippen und aus den Spalten und den unterseeischen Korallen schossen in einem Tosen und Schäumen mehrere Dutzend Seeigel in die Höhe, fanden Kuriers Hände und Unterarme und ließen sich sanft und mit der weichen und empfindlichen Seite ihrer Leiber darauf nieder. Dieser nickte kurz, wie zum Dank oder als Signal für einen Aufbruch.

Und weil die Kriegerin noch immer ihre wüsten Flüche ausspie und ihre wilden Zuckungen vollzog, und weil die Frau immer noch ihre Zunge im Munde und über ihre weit geöffneten Lippen lang und weit kreisen ließ, gab Kurier ihr das erste Dutzend mitten ins Gesicht. Er hatte nicht die Zeit, sich weiter mit dem Ergebnis seiner Attacke zu beschäftigen, hatte noch bemerkt, dass ein Seeigel direkt mit seinen giftverseuchten Stacheln auf der Zunge, ein zweiter mitten in das Loch, das ihr Mund in ihrem Gesicht bildete, gelandet waren und der Rest sich wohl in ihre Gesichtshaut und das Muskelfleisch ihres Halses bohrten. Sie kreischte und schrie und fiel beinahe gleichzeitig, und als sie im weichen Sandboden aufschlug, noch einmal mit den Beinen zappelte, und sich dann in einem einzigen Körperkrampf lang und energisch streckte und in diesem Moment beinahe zu schweben schien, fand sie auch schon ihr Ende.

An den Stellen seiner Hände, die durch das Abfeuern der Seeigel frei wurden, nahmen sofort nachrückende Tierchen den Platz ein, und er konnte umgehend weitere Salven auf seine Gegner schießen. Die schwarz-silbrigen Stachelbälle flogen mit erstaunlicher Geschwindigkeit auf die drei Soldaten zu, änderten im Fluge noch schnell um einige Deut den Kurs sobald klar wurde, dass sie auf Kopfschutz oder Armrüstung zu treffen drohten. Und alle fanden ihr Ziel. Innerhalb von wenigen Augenblicken war alles vorbei, und drei weitere Leben waren für immer erloschen.

Kurier stieg sicher, aber mit Bedacht, von den Klippen herab, beobachtete seine kleinen Verbündeten, wie sie sich, geschickter, als ihre Artgenossen ohne den Einfluss von Kuriers Energie, ihren Weg zurück ins Meer bahnten und sich schließlich von den wieder leicht auf und ab brandenden Wassermassen in weitere Tiefen des Ozeans zurück spülen ließen.

Er trat an die Leichen der drei Männer heran, schirmte seine Sinne gegen deren aufgedunsene und vom Gift der Seeigel graugrün gequollenen Gesichter und Leiber ab und durchsuchte ihre Kleider nach Hinweisen auf deren Herkunft und mögliche Motive, ihn zu attackieren, fand jedoch bei keinem der dreien etwas, was sich verwerten ließ. Ihre Waffen schleuderte er weit und kräftig ins Meer und ließ ihre Kadaver den Krabben und anderen Strandlebewesen als Nahrung offen.

Als er an die Kriegerin heran trat, ahnte er bereits, dass eine Leibesvisitation hier nicht ohne Ergebnis auf Hinweise bleiben würde. Ihre Art, ihr Wesen, wie es sich ihm in diesem kurzen Abschnitt, in dessen Ablauf sie sich begegnet waren, präsentiert hatte, ließen nun, da er sich in weniger Eile und Stress Gedanken darüber machen konnte, gewisse Rückschlüsse zu, und sie gefielen ihm ganz und gar nicht. Doch er musste sicher gehen, und so hielt er die Abschirmung seiner Sinne zu drei Vierteln aufrecht, und nutzte das Restpotenzial, um eine genaue Analyse vorzunehmen. Seine Augen sahen, dass die Frau ihre verzerrte Fratze auch im Tode noch beibehielt, ihr Mund war aufgerissen, und die Zunge darin unförmig geschwollen. Auch die Adern und Muskeln an ihrem Hals und rund um ihr Dekolleté waren geschwollen, blaufleckig und wirkten wie eine Gruppe Aale, die ein sich öffnendes Fangnetz eines Fischers soeben hatte an Land fallen lassen. Ihre Augen standen offen, rotgeädert und mit vielen geplatzten Blutgefäßen von der Iris fortlaufend, doch es fiel ihm nicht so sehr das zu erwartende Bild aufgrund ihrer Verletzungen und der durchlittenen Qualen auf, sondern eher andere Details. Und eines davon war, dass sie unglaublich gepflegtes und gesundes Kopfhaar gehabt haben musste, auch jetzt, da die salzigen Wogen hin und wieder weit genug an Land vorstießen, um es leicht zu berühren und zu benetzen, und es somit mit ihrer schmierigen und fetten Meerwasserkonsistenz zu beeinträchtigten schienen, konnte er es noch deutlich erkennen. Diese irre Kriegerin, so sehr sie auch ihren übrigen Körper und ihr Äußeres ungeschont gelassen und nur auf die Jagd ausgerichtet hatte, war zuvor eine schöne Frau mit äußerst gepflegten Haaren, die ihr etwas über die Schultern gereicht haben mussten, gewesen.

Und dies war der Hinweis, der seiner Vermutung den Drall gab, um ihn ausführen zu lassen, dessen er gehofft hatte, es nicht tun zu müssen. Doch die Indizien waren zu klar, und er musste absolute Gewissheit erlangen, um dies in seinem Bericht Kraft der Beweislast herausstellen und ihn somit untermauern zu können. Auch wenn seinem obersten Ordensmeister Triwalker dies überhaupt nicht gefallen würde; er war Kurier, er würde liefern, er würde berichten.

Er trat mit beiden Füßen breitbeinig neben ihre Hüften, drehte sie vollständig auf den Rücken und beugte sich tief zu ihr hinab. Seine Abschirmung vollzog er nun, bis auf einen Rest seiner optischen Sinne, wieder zur Gänze, ihm war klar, was nun folgen, welcher Anblick sich ihm gleich bieten würde, bieten musste. Er hakte seine beiden Hände in den Ausschnitt des Lederwamses, mit den Fingern nach außen gerichtet, ein, holte tief Luft und riss dann mit einem Ruck das Wams bis zur Hüfte auf und legte ihren Oberkörper frei.

Kurier richtete sich wieder auf, trat an die Seite der Frau, blickte noch einige Momente auf ihren exaltierten, toten Leib und nickte schließlich. Denn es war so, wie vermutet, wie befürchtet und wie bestimmt: der Frau waren zu Beginn ihrer weiblichen Reifezeit, weit vor ihrem Eintritt ins Erwachsenenalter, die Brustwarzen samt Höfen amputiert worden.

Er entfernte sich vom Rauschen der leichten Brandung, verließ den Strand, nahm seine ihm verbliebenen Kräfte zusammen und begab sich von der Landseite aus auf die Randklippen der Bucht, ganz bis auf deren äußersten und höchsten Punkt, drückte beim Klettern seine Knie unerbittlich durch, stemmte sich ab und erreichte schließlich, von Kreuzwinden empfangen, die Stelle, die ihm für seinen Zweck am besten geeignet schien.

Er blickte in den Himmel und zurück, drehte sich in jede der vier Richtungen, verharrte in dieser Stellung kurz, führte seine Hände zusammen, die Spitzen seiner Finger berührten sich exakt und wie die Pole zweier Magneten. Auf das Dreieck aus Daumen und Zeigefingern legte er seine Stirn, rief in sich hinein und tat seine Pflicht:

Kurier sonderte eine Botschaft ab.

 

Die Blutschwestern sind wieder in Neusonn!

 

Das Meer unter ihm nahm die besonderen Schwingungen auf, der Himmel über ihm ebenso.

Mit der Energie seiner Gedanken lenkte er sie durch die Elemente und führte sie den bestimmten Empfängern zu. Ihm standen auch andere Wege der Übermittlung und Übergabe zur Verfügung, doch für die dringendsten Botschaften musste dieses Mittel gewählt werden, das war einer der grundlegenden Pfeiler seiner Ausbildung, und es hatte sowohl ihn, als auch seinen Meister Jahre gekostet, diesen Weg zu beherrschen und anwenden zu können.

Nur drei, vier Mal hatte er das Wasser kommen und wieder gehen sehen, und schon hatte eine Reaktion ihn erreicht, auf eben dem Wege, den auch er gewählt hatte, was ihm Rückschlüsse auf den Absender gab. Und die Art der Reaktion überraschte ihn keineswegs.

Nicht, dass man ihn der Lüge bezichtigte, nicht, dass man ihm nicht glaubte.

Man wollte diese Botschaft schlichtweg nicht wahr haben, konnte sich dies zu dem jetzigen, wie auch den noch kommenden Zeitpunkten einfach nicht erlauben, es als gegeben und wahr zu akzeptieren.

Also tat Kurier etwas, was er in seinem ganzen Leben als Kurier des Ordens noch niemals zuvor getan hatte: er wiederholte seine Botschaft.

 

Die Blutschwestern sind wieder in Neusonn!

 

 

 

 

Buch 1 – Alter Adel, neue Feinde

 

„Wenn ich die Motive so sehe, welche die sogenannten freien Künstler immer wieder verwenden, kommt mir, schlicht gesagt, das Abendessen vom Vortag wieder hoch“, er legte seine Zigarre in den Tonaschenbecher, der auf der linken Lehne seines bequemen Denkersessels platziert war und ließ sie eine Weile qualmen, hatte aus reiner Gewohnheit ein Gefühl dafür, wann er sie wieder aufnehmen und an ihr ziehen musste, um sie nicht erlischen zu lassen. „Und...mir tun die Modelle unsäglich leid, denn an ihnen liegt es nun wirklich nicht. Die Mädchen und Frauen, die sich den Kerlen zur Verfügung stellen, geben alles von sich, das lässt sich selbst auf diesen Amateuraufnahmen erkennen, sie machen selbst das kitschigste Motiv noch wenigstens halbwegs erträglich. Ihre Gesichter, ihr Ausdruck, ihre Aura und ihre Hingabe an diese Form der Kunst sind nahezu heroisch!“ Er legte den Kopf auf seine linke Schulter, ließ den Blick zur Decke wandern und schnaubte durch die Nase. Dann ballte er die Hand zur Faust, streckte den Zeigefinger daraus hervor und deutete auf seine Gesprächspartnerin, Gräfin Dumur zu Toranli, die ihm gegenüber Platz genommen hatte lächelte wissend, ehrlich und ohne erkennbare Verschlagenheit.

Die Gräfin war eine Frau in den Vierzigern, südländischer Teint, alter Adel aus Neusonn, ihrer Heimat fern, dennoch erstaunlich stark gebräunt und mit einem immer noch kräftigen und umfassenden Schwarz ihrer Haarpracht, die sie dieses Mal halboffen, mit einem kleinen, flachen Zopf, der ihr die Strähnen aus dem schönen, ovalen Gesicht hielt, trug, immer noch seidig glänzend und ohne die Widerspenstigkeit und Sturheit, die Haare ab einem bestimmten Alter anzunehmen pflegten; von diesem Kniff abgesehen, ließ sie den Rest ihrer Pracht glatt und ohne offensichtliche Schäden in der Struktur herabfallen, bis über ihre Schultern und mit einer natürlichen Selbstverständlichkeit, dass einem Betrachter unweigerlich der Atem stocken musste. Sie trug ein, für die Witterungsverhältnisse, die derzeit in diesem Abschnitt von Wildenstein herrschten, ungewöhnlich luftiges Kleid, mit extrem schmalen Trägern und aus einem Material, das in ihrer Heimat, in der es keinen Winter gab, für angenehme Kühlung sorgen konnte. Alles an ihr bedeutete ihm, fortzufahren.

„Es ist wahrlich eine Schande“, seine Hand wippte auf und ab, der Finger jedoch blieb auf sie fixiert. „Die Kunst liegt brach und alles, was sie noch zu Stande bringt ist, sich in Langeweile zu wiederholen. Musik, Malerei, Literatur, ihr müsst das doch am besten wissen, ihr Neusonn-Töchter, ha!“

Sie ergriff zum ersten Mal an diesem Abend das Wort: „Tausche einfach alle deine Helden aus und ersetze sie mit namenlosen Geistern ohne Gesicht und ohne Identität, und du hast das kreative Schaffen und die Größe der Vorstellungskraft der heutigen Künstler.“

Ihr Gegenüber, der Regent von Wildenstein, bei dem sie nun bereits seit drei Wochen zu Gast war, nickte heftig und stimmte ihr zu:

„Sicher, so kann das umschrieben werden. Doch Ihr habt leicht davon zu reden, denn Neusonn hat, im Gegensatz zu vielen anderen Ländern, eine hervorragende klimatische Situation und kann auf eine riesige Exportmenge an Früchten, Ölen, Nüssen und Gewürzen blicken, Jahr für Jahr inzwischen wieder. Wildenstein blieb nach dem Krieg nicht mehr viel, wir müssen durch die schönen Künste, die einst hier bei uns im Norden, im kargen und harten Klima unter Druck und Not entstanden und nunmehr eben lediglich noch als Karikatur ihrer früheren Herrlichkeit existieren, unseren Haushalt aufrecht erhalten, um weiterhin überleben zu können.“

Gräfin Dumur zu Toranli setzte an und wollte widersprechen, doch der Regent gab ihr dazu keine Gelegenheit: „Ich weiß, was Ihr sagen wollt, und es ist auch in Ordnung. Natürlich haben alle unter den Kriegsjahren gelitten, keine Frage. Doch bedenkt dies: Mein Volk musste fliehen, wurde vertrieben und gejagt. Es fand großzügige Aufnahme in eurem Land, mehr, als in anderen, und dessen wird man sich noch in vielen Jahren erinnern und es in dankbaren Ehren halten. Und obwohl bereits viele Teile meines Volkes zurückgekehrt sind und sich mit der Situation hier wieder arrangiert haben, herrscht doch eine innere Zerrissenheit in den Herzen und eine unterschwellige Furcht vor neuem Unheil. Dies wird mir aus allen Teilen berichtet. Und wie, frage ich Euch“, er griff zur Kordel, die dicht an der Wand hinter ihm herab hing und läutete nach dem Personal, „kann in so einer Stimmung, in einem solchen Zustand, in dem sich große Teile der Menschen von Wildenstein befinden, so etwas wie frische Kreativität gedeihen?!“

Ein Diener erschien, nahm den Wunsch des Regenten auf und kehrte nach kurzer Zeit mit einem kunstvoll verzierten Glaskrug voll Eiswein wieder zurück, stellte zwei Becher auf das kleine Tischchen, das zur Seite der beiden Gesprächspartner stand und füllte diese.

Die Gräfin beobachtete geduldig den Vorgang, musterte den Diener mit ihren dunklen Augen und fuhr sich mit der Zunge über den inneren Bereich ihrer Oberlippe. Nachdem der Wein kredenzt und der Diener wieder geräuschlos gegangen war, nahmen sowohl der Regent, als auch die Gräfin ihre Gläser in die Hand und stießen vornehm damit an. Der Wein, eine Weile im Mundraum bewegt, entfaltete eine hervorragende Blume und spielte mit den Geschmacksknospen mühelos und meisterlich wie ein Virtuose auf seinem bevorzugten Instrument.

„Die Nachfrage nach Eurer Kunstfertigkeit, speziell in Neusonn, steigt mit jedem Tag, den unser Land in ruhigen Zeiten verbringen darf, dessen kann ich Euch versichern, Regent. Nach wie vor bringt Euer Künstlerstand die besten und begehrtesten Motive hervor, die man sich nur wünschen kann, um seine Sinne damit zu verwöhnen.“ Sie nahm noch einen kleinen Schluck Wein. Der Regent, ein Mann kurz vor dem Ende seiner besten Jahre, war sichtlich über dieses Kompliment erfreut und atmete tief ein und aus.

Hauser Drey, Regent von Wildenstein auf Lebenszeit, war ein Mann, der alles gesehen, erlebt und überlebt hatte, was die vergangenen fünfundsechzig Jahre ihm, seinem Land und seinem Volk zu bieten gehabt hatten.

Und dazu gehörte ein mehrere Jahre tobender Krieg, ausgetragen zu großen Teilen in seinem Land; ein Konflikt, der zu unsäglichem Leid, Vertreibung und dem Tod mehrerer Millionen Wildensteiner durch die einfallenden Klafterhorden geführt hatte. Nun befand sich sein Land in einem Zustand der Postagonie und leckte allerorts seine Wunden, ein Wiederaufbau war noch in weiter Ferne, zunächst sammelten sich die Flüchtlinge aus allen Teilen Urads nach und nach wieder in ihrer Heimat im hohen Norden.

Hauser Drey brummte Zustimmung: „Ich weiß Euer Entgegenkommen bezüglich der Handelsbeziehungen zwischen unseren Ländern selbstverständlich zu schätzen, meine Liebe. Die Aufträge kommen reichlich, und sie tragen sicherlich nicht unerheblich Eure wohlmeinende und fördernde Handschrift. Leider kommen meine Kunsthandwerker noch nicht so richtig mit den Materialien, die ihnen bislang zur Verfügung stehen, zurecht, so dass es bei dem einen oder anderen Wunsch noch zu Verzögerungen kommt, doch daran wird gearbeitet.“

Die Gräfin winkte ab: „Ihr überschätzt meinen Einfluss, Drey, doch ich gebe zu, dass ich nicht müde werde, die Damen und Herren der feinen Gesellschaft in Neusonn wieder für die Künste und das Schöne zu begeistern und ihnen die Quellen aufzeige, um unser Land mit Eurer Kunst zu bereichern und weiter zu schmücken. Was die Verzögerungen anbetrifft, so seid ohne Sorge, das steigert bei den Kunden lediglich die Spannung und weckt bei denen, die noch Kunden werden sollen, die Begehrlichkeiten, zeigt dies doch auf, dass es sich um außergewöhnliche Schätze der Inspiration und Kunsthandfertigkeit handelt, die nun einmal ihre Zeit für die Entstehung durch die Künstler benötigen.

Die beiden tranken ihren Wein und sahen einander an. Nach einigen Augenblicken setzte Regent Drey erneut an: „Ich möchte Euch einmal zeigen, was ich meine“, er erhob sich und ging zu einem massiven Regal aus feinstem wildensteiner Holz, strich mit seinen Fingern über die darin befindlichen Aktenordner, die allesamt mit in Leder gebundenen breiten Rücken ausgestattet waren, jedoch ohne Beschriftung, was Gräfin Toranli vermuten ließ, dass ausschließlich der Regent sich ihrer bedienen und Einblick nehmen durfte, möglicherweise hatte er sie sogar selbst zusammen gestellt und archiviert. Er zog einen Ordner, dessen Rücken rötlich glänzte und noch keine deutlichen Altersspuren aufwies, hervor. Mit diesem kehrte er zu seinem Sessel zurück, legte ihn sich auf die Knie und schlug ihn auf.

„Hier sind die Arbeiten unserer Künstler in den Entwurfskizzen, die mir regelmäßig eingereicht werden, um mich über den Stand der neuesten Entwicklungen auf dem Laufenden zu halten. Darüber hinaus“, er griff erneut zu seinem Weinglas und trank daraus, „darüber hinaus finden auch jährliche Wettbewerbe statt, in denen unser Nachwuchs sich beweisen und für eine Aufnahme in die für sie geeignete Klasse bewerben darf und auch soll. Diese sind momentan zur Auswertung bei den Kunstmeistern, doch ich kann Euch versichern, dass es sich dabei um ein ähnliches Niveau handelt, wie bei den hier zu bestaunenden Entwürfen“, er reichte der Gräfin den schweren Ordner und positionierte sich an ihrer Seite.

Gräfin Toranli musterte die dargestellten Skizzen; auf den Seiten, die sie überflog, waren die ihr bekannten Kunstarbeiten aus den wildensteiner Werkstätten zu bewundern, und sie konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, welche Kritikpunkte der Regent darüber anzubringen gedachte. Sie sah die Arbeiten der Künstler; Steinplatten aus dem besten Gestein, das dieses Land an seiner Küste zu bieten hatte, extrem dünn geschliffen, und darin eingefügt, mit Mitteln, die nur wenigen, die Gräfin gehörte dazu, bekannt waren, Portraits und Bilder in einer Detailarbeit, die schier unmöglich schien; Motive, die vieles widerspiegelten und ausdrückten, jedoch keine Makel oder Unvollständigkeiten in ihren jeweiligen Kunstformen aufzuweisen schienen. Gräfin Toranli wusste, dass Wildenstein nach wie vor über die spezielle Form der Magie verfügte, die, nach jahrelanger Ausbildung schließlich bis zur Perfektion beherrscht, in der Lage war, derart kunstvolle Werke zu erschaffen. Die kreativen Geister der Künstler waren als Basis in diesem Volk mehr als bei allen anderen in ganz Urad vorhanden, doch wurden sie durch die Ausbildung und das Aufzeigen der Möglichkeiten, die die Magie hier noch bereit zu stellen in der Lage war, noch zu innovativen Höhenflügen inspiriert, die ihresgleichen suchten und kaum noch in Worte zu fassen waren. Der Betrachter dieser Kunst, wenn er sich, was nahezu unweigerlich geschah, darauf einließ, wurde innerhalb kürzester Zeit mit allen seinen Sinnen in ihren Bann gezogen, so dass auch er oder sie davon bereichert wurde und eine Veränderung seines Wesens zur Kunst und der Welt überhaupt vollzogen wurde. Die Bilder auf diesen Steinplatten waren zum Teil, wenn der Künstler dies im Sinne und beabsichtigt hatte, dermaßen realistisch, dass die Gräfin glaubte, durch ein steinernes Fenster zu blicken und einem Wasserfall bei seinem endlosen Kommen und Gehen zusehen zu können. Doch auch die Portraits und Bilder von Personen, meist Frauen, waren so lebendig und mit Sein erfüllt, dass es ihr jedes Mal einen Schauer über die Haut bescherte, und sie ohne es zu wollen vor Fassungslosigkeit mit dem Kopf schüttelte. Der Regent Drey bemerkte dies natürlich und setzte ein geschmeicheltes Grinsen auf, ließ seinem hochwohlgeborenen Gast noch weitere Augenblicke, in denen sie sich dieser speziellen Form der Kunst widmen konnte. Dies waren lediglich die Entwürfe, Abbildungen und Ausarbeitungen, die die Künstler dem Regenten vorlegten, um ihn von ihren Ideen und Vorhaben zu überzeugen und ihn dafür zu begeistern, damit sie weiter aufsteigen und sich noch tiefer in die Beherrschung und die Anwendung der Kunstmagie begeben zu können. Die Gräfin hatte eine Vorstellung davon, wie es sich anfühlte, tatsächlich ein Objekt dieser Art in den Händen zu halten und zu betrachten, daher überkam sie eben dieser Schauer der vorfreudigen Erwartung.

„Ich finde sie wie immer einfach wundervoll, unbeschreiblich schön in ihrer Sanftheit und Perfektion, in ihrer Wirkung, Regent! Es fehlt mir wohl der kritische Blick, denn ich kann mir nicht vorstellen, was es hieran auszusetzen geben könnte. Bitte, klärt mich auf!“

„Es fehlt Euch wohl nicht so sehr am kritischen Blick, dessen seid versichert, ich kenne Euch als durchaus beflissene und geistreiche Kunstliebhaberin, Gräfin, sondern vielmehr fehlt es euch an dem, was ich schon seit langem zu ertragen habe: Dem Überfluss an derlei Motiven und Darstellungen. Was ich kritisiere und daher auch vermisse, ist die Kreativität bei den Motiven. Das Neue, das Besondere, das Andersartige! Nicht nur das Bedienen von gängigen Vorlieben und Strömungen, nicht nur das Folgen, sondern das Beschreiten von neuen Wegen, das ist es, was ich fordere. Doch es wird einfach nicht umgesetzt; fast scheint es, als hätten meine Künstler, bei aller handwerklichen Meisterschaft, die Grenzen ihrer Schöpfungskraft erreicht.“ Seine Hand fuhr über die Seiten, blätterte in dem Ordner, und die Gräfin ließ ihren Blick für einen kurzen Augenblick von den Exposés hin zu den grauen und schwarzen Haaren auf dem Handrücken des Regenten Hauser Drey abschweifen. Schließlich hatte er eine weitere Stelle gefunden, deutete darauf, sich nicht darum scherend, ob er es mit seinem Finger berührte oder nicht und fuhr fort: „Hier, seht Euch dies an! Eine wunderschöne Frau in einer vom Künstler geforderten Pose vor einer imposanten Naturkulisse, so könnte man es doch umschreiben, kurz und bündig?“, er wartete keinerlei Zustimmung ab, dozierte weiter, „doch wenn ich mir vor Augen halte, wie oft ich eben diese Pose, diese Kulisse und überhaupt diese ganze, fast scheue ich mich es so zu nennen, Idee vorgelegt bekommen und betrachtet habe, könnte ich heulen vor Wut ob dieser stumpfsinnigen Einfallslosigkeit! Sicher, es ist perfekt dargestellt, sicher, es sind dort alle Kniffe der Kunst zu finden, die man anwenden kann, doch das ist mir nicht genug, es hat keine Seele, es hat keine Freude, kein Leiden, keine Sonne und keinen Regen; es ist nicht lebendig in dem Sinne, wie unsere Kunst es einmal zu sein pflegte, und genau dort will ich sie wieder haben. Doch das scheint meinem Volk, und speziell den angehenden, sowie auch den etablierten Künstlern, vollkommen abhandengekommen zu sein. Und glaubt, mir das liegt keineswegs daran, dass es sich hierbei nur um Entwürfe handelt, ich habe die Umschichtung vom Entwurf auf diesem Pergament hin dem tatsächlichen Kunstwerk in Stein und Gold oft genug selbst verfolgen können, um zu sagen, dass es dabei auch keinen weiteren Belebungsprozess mehr geben wird. Was Ihr hier seht, könnt Ihr, wenn ich das so frei gebe, in wenigen Tagen im Original im wildensteiner Granit hier in Euren Händen halten und es ebenso betrachten. Natürlich nimmt die Wirkung noch etwas zu, das möchte ich gar nicht abstreiten, doch der lebende Funke, das, was das Herz und die Seele des Betrachters ganz tief treffen soll, wird trotz alledem nicht deutlicher vorhanden sein.“

Er beließ es zunächst dabei, ging zu seinem Sitz zurück, betätigte dabei wieder die Kordel, um das Dienstpersonal herbei zu ordern und setzte sich mit ungewöhnlicher Vorsicht in seinen Denkersessel. Umgehend erschien der Bedienstete wieder, und Regent Drey bestellte weiteren Eiswein und eine Platte der heimischen Meeresfrüchte für sich und seinen Gast.

Der Diener eilte hinaus, um einen Hinweis an die Küche zu geben und kam umgehend mit einer weiteren Karaffe Wein zurück, den der sogleich mit viel Ehrfurcht und beinahe ohne ein Geräusch zu verursachen einschenkte und sich dann wieder zurückzog, um darauf zu warten, dass er die Meeresfrüchteplatte servieren konnte.

Hauser Drey nahm einen tiefen Schluck und schmatzte den Wein in seinem Mund herum. Gräfin Toranli konnte seinen faltigen Hals und den darin auf und ab hüpfenden Kehlkopf sehen, ließ sich seine Worte noch einmal durch den Kopf gehen und musste ihm schließlich Recht zu gestehen, wenn auch auf einem extrem hohen Niveau. Der Regent fuhr fort.

„Ich befürchte, wir haben noch nicht das volle Ausmaß des fürchterlichen Preises, den wir für unsere Torheit zu zahlen hatten, erreicht. Offensichtlich werden wir nicht nur mit dem Einfall der Klafterhorden, hier in unserem Land, und damit dem Ausbruch eines weiteren Krieges bestraft, sondern, nach schrecklichen Jahren des Konfliktes und dem glücklichen Sieg über die Horden, nun mit dem Erschlaffen der Kreativität, dem Erliegen der Kunstmagie und schließlich dem Absterben jeglicher künstlerischer Inspiration endgültig zu Boden geworfen. Doch ich werde mit allen Mitteln zu verhindern suchen, dass dieser Fall tatsächlich eintritt, ich werde nicht der Regent sein, der seinem Volk beim Niedergang tatenlos zusieht, nicht, nachdem wir siegreich über die Horden geblieben sind, wenn auch mit einem Blutzoll, der wohl in der Geschichte Wildensteins seinesgleichen sucht! Dieser Sieg muss einen Sinn gehabt haben, unser Überleben muss weiterhin dem endlosen Fluss der Künste zugute kommen und diese symbiotische Beziehung auf neue und unbekannte Höhen treiben, dafür werde ich kämpfen! Da unsere Holz –und Steinressourcen in den Kriegsjahren erheblich abgenommen haben, sind wir mehr denn je darauf angewiesen, unser drittes Handelsgut, die Künste, zu fördern und gewinnbringend an den Markt zu bringen. Doch ich will mehr, als bloße Auftragsarbeiten, ich will eine weitere Revolution der Künste, will mit ihnen in Regionen vordringen, die es jedem einzelnen Bürger im Bunde geradezu zwingend notwendig machen, diese Künste zu erwerben und für sich in sein Leben aufzunehmen.“ Er wurde durch das verhaltene Klopfen der Dienerschaft unterbrochen. Zwei Diener hatten die georderte Speiseplatte auf einem prächtigen Servierwagen platziert, und zusätzlich hatten sie noch einen kleinen aber kunstfertig und äußerst stilvoll gefertigten Tisch bei sich, den sie zwischen den Regenten und die Gräfin aufstellten, um daraufhin die Steinplatte voller Meeresfrüchte zu arrangierten. Nachdem auch das Besteck aufgetischt und der passende Wein gebracht war, zogen die beiden Diener sich wieder diskret zurück und schlossen die Tür zum Konferenzzimmer. Gräfin Dumur zu Toranli hatte in den vielen Jahren, in denen sie im diplomatischen Dienst tätig war, gelernt, ihre Gefühle zu beherrschen, und auch ihre Mimik hatte sie unter starker Selbstdisziplin stets zu beherrschen gewusst, doch beim Anblick dieser prachtvoll zubereiteten und vorgelegten Speisen wäre es um ihre Beherrschung beinahe geschehen gewesen!

Auf einen Blick fand sie hier Austern in verschiedenen Zubereitungsvarianten, Hummer im Stück oder bereits zerlegt, Jakobsmuscheln und gebackene oder gebratene Tintenfischteile, alles arrangiert in einem Meer aus Seetang in den verschiedenen Facetten von Grün. Diese Kontraste und das Farbspiel waren derart anregend, dass sie tatsächlich spürte, wie ihr Leib nach diesen Speisen sich verzehrte, und sie konnte es kaum erwarten, dass Regent Drey das Dinner endlich eröffnete. Auch dieser war, das konnte sie ihm im Gesicht ablesen, mehr als angetan von der angerichteten Speisenkomposition. Dass er so bereitwillig seinen Redeschwall unterbrochen, und dies auch ohne Rüge oder einer härteren Strafe dem Dienstpersonal hatte durchgehen lassen, waren weitere Anzeichen für seine Begeisterung hinsichtlich des Angebotes. Er breitete nun auch seine Arme über der Pracht aus und lächelte die Gräfin gewinnend an: „Obgleich ich noch nicht zu dem wichtigsten Punkt in meiner Darstellung der Zukunftspläne gekommen bin, und dieser Euch möglicherweise ein wenig Verdruss bereiten mag, möchte ich nichtsdestotrotz, da die Gelegenheit nun einmal so ist, wie sie ist, einen guten Appetit und viel Freude an dem reichhaltigen und reichen Angebot aus Wildensteins Meeresschätzen wünschen. Bitte lasst es Euch munden, liebe Gräfin Toranli!“

Diese legte das Kunstbuch aus den Händen und erwiderte: „Das werde ich mit dem größten Vergnügen tun, Regent. Was ist es doch für eine glückliche Fügung gewesen, dass die Horden sich nicht auch noch auf die Verseuchung des Anameeres verstanden haben! Ich habe gehört, dass es durchaus Versuche diesbezüglich gegeben haben soll, was meint Ihr dazu?“

Der Regent hielt einen kurzen Augenblick inne, sich die diversen Köstlichkeiten auf seinen ovalen Teller zu häufen, doch er ließ das Lächeln auf seinem Gesicht und blickte beruhigend zu seinem Gast hinüber. „Durchaus, die hat es gegeben. In den Tagen, als die Offensive der Klafterhorden derart heftig über unser Land hineinbrach, und noch bevor die Truppen aus den anderen Ländern Urads und zur Verteidigung des Vaterlandes zu Hilfe eilen konnten, hatten sie es tatsächlich kurzzeitig geschafft, bis zu dem zugänglichen Küstenabschnitt vorzudringen und auch bereits damit begonnen, ihr widerliches Gift ins Meer zu leiten. Doch die See ist gesund und stark, das Anameer hat sich erfolgreich zur Wehr gesetzt und diese erbärmlichen Giftmischer samt und sonders verschlungen. Und als die erste Vorhut dieser Horde in den Fluten verschwunden war, entwickelten die nachrückenden Clans eine gewisse Vorsicht, wenn nicht sogar einen Widerwillen, sich derart in Gefahr zu begeben. Kurze Zeit später konnten wir sie vernichtend schlagen und die gesamte Küstenregion wieder unter unsere Banner bringen. Ihr könnt also ganz unbesorgt und von Herzen zugreifen, schließlich liegt dieser Vorfall auch bereits elf Jahre zurück, ha!“, der Regent spießte sich ein Stück Hummerfleisch auf seine Gabel und aß es genüsslich und mit herzhaftem Appetit.

Nachdem er seinen Bissen mit einem Schluck Wein hinuntergespült hatte, setzte er erneut an: „Doch Ihr habt Recht, dem Land, und speziell dem Osten Wildensteins, dort, wo sich der Klafter geöffnet und die Horden über unser Land ausgespien hatte, ging es leider nicht so gut und glimpflich ab. Das Resultat ist nun als unsere östliche Grenze zu bestaunen und stellt den am schlimmsten versuchten Landesabschnitt in ganz Wildenstein, wenn nicht sogar in ganz Urad dar: Tiefer Schlaf.“ Er holte tief Luft, blies die Backen ein wenig auf und ließ sie schließlich durch die Nase wieder ab. „Doch lasst uns nicht über diese schreckliche Zeit und ihre Mahnmale sprechen, genießen wir die Speisen, und dann werde ich Euch in meine Pläne einweihen, die ich hinsichtlich des Ausbaus und der Neuerfindung der Künste von Wildenstein habe!“

Gräfin Toranli ließ sich die Köstlichkeiten weiter schmecken, die Schalen und unverzehrbaren Überbleibsel ihres Essens nahmen auf dem dafür vorgesehenen Teller schneller zu, als Hauser Drey das für möglich gehalten hatte, und er hob anerkennend die Brauen, was seinem Gast trotz der Schlemmerei nicht entging. „Ihr könnt Euch glücklich schätzen, einen solchen Meisterkoch in Euren Reihen zu haben, Regent. Die Zubereitung ist auf außerordentlichem Niveau. Obwohl wir in Neusonn selbstverständlich auch mit den meisten dieser Meeresfrüchte durch den Ozean gesegnet sind, vermag ich nicht zu sagen, dass ich jemals vergleichbar exquisit Zubereitetes daheim genossen habe. Ich bin beeindruckt und danke vielmals für die Erfahrung!“, sie neigte leicht ihren Kopf und ließ auf diese Weise ihr seidiges, dunkles Haar im Kerzenschein leuchten. „Doch trotz dieses köstlichen Mahles habt Ihr mit Eurer Bemerkung natürlich meine Neugier geweckt, Regent Drey. Was sind das für Pläne, die Ihr hegt, und die mich, zumindest habe ich dies Euren Worten bislang so entnehmen können, mit einschließen?“, fragte sie ihren Gastgeber und legte ihr Besteck beiseite.

Der Regent tat es ihr gleich, ließ die Dienerschaft erneut antreten, um alles abtragen zu lassen, selbst die noch zu einem guten Viertel gefüllte Weinkaraffe; passend dazu wurde der Gesichtsausdruck Hauser Dreys ernst und geschäftig, schnell und professionell, durch jahrelange Regentschaft und die übermächtige Last der Verantwortung für sein Volk und die Geschicke des Landes geprägt und in unerschütterlicher Disziplin geschliffen, hatte er zwischen der ausgelassenen Stimmung bei einem zwanglosen Abendessen zu der geschäftigen Atmosphäre eines Staatsmannes, der seine Pläne einer Außenstehenden, jedoch für sein Anliegen äußerst wichtige Person darlegte und vorstellte, gewechselt. Er lehnte sich zurück, gab seinem Brustkorb Raum und sagte: „Es steht der Thematik, die wir zugunsten einer entspannten Stimmung beim Essen haben fallen lassen durchaus nahe. Wie Ihr natürlich wisst, ist der Siegelstreifen, der von Triwalker über den Klafter gelegt worden ist bei uns an der Grenze am stärksten befestigt und mit Magie belegt, was zu einer höheren Konzentration des Tiefer Schlaf jenseits dieser magischen Füllmasse geführt hat.

Ich will die sich daraus ergebende Problematik hier nicht weiter vertiefen, das würde uns zu weit von dem eigentlichen Gegenstand meiner Pläne abbringen, nur noch so viel: Es läuft ein Antrag, eingereicht durch unseren Mann im Rat, Ihr seid ihm vor Jahren einmal bei einer Parade zu seinen Ehren bei der Schlacht um die Freudfeuerbucht begegnet, Toranli, der darauf drängt, das Triwalker Siegel an den am stärksten gefährdeten Gebieten unserer östlichen Grenze erheblich zu verstärken, da Tiefer Schlaf, entgegen der zunächst gültigen Annahme, eben doch eine substanzielle Expansion durchläuft, und das nicht weiter in Richtung Osten, also in sein eigenes Gebiet, sozusagen, sondern zunehmend auch an die Siegelgrenze drückt und diese erheblich belastet. So weit, so gut. Über die Stimmenverteilung und das Beschlussprozedere des großen Rates brauche ich Euch nicht weiter aufklären, dies ist Euch durch die langjährige Zusammenarbeit mit Derya Sanftmut, Ratsmitglied für Euer Land, bestens bekannt. Es bleibt uns also nicht bloß abzuwarten, welchem Bescheid der Antrag schließlich obliegen wird, wir müssen uns weiterhin aktiv für unsere Belange einbringen. Nun ist es jedoch so, dass Triwalker bereits bei der Anwendung des Siegelstreifens deutlich gemacht hat, dass die Menge an Magie, die dort eingesetzt worden ist, bereits das Höchstmaß um einiges überschritten hatte, um eine wirklich effektive Versiegelung des Klafters zu gewährleisten. Er wird von seiner Linie nicht abweichen, wird keine weitere Arbeit daran zulassen, wenn der Rat, dessen Beschlüssen auch er sich zu beugen hat, dies nicht ausdrücklich per Beschluss anordnet. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass, bei aller Unterstützung, die wir für unser Anliegen im Rat auch haben, dieser Antrag abgelehnt und die Sache zu den Akten gelegt wird. Unabhängig davon hat sich, und hier komme ich wieder auf unser Ausgangsthema zurück; die Künste und die Förderung dieser in Wildenstein, eine Entwicklung ergeben, auch durch die Forschungsergebnisse, so muss ich dies einmal hervorheben, auch wenn es damit einen Mangel an Bescheidenheit aufweist, die ich selbst seit einiger Zeit vorantreibe und mit Vor –und Auflagen behaftet habe, um die bestmöglichen Resultate zu erhalten. Und in der Tat“, er hob seine rechte Hand und ballte sie zur Faust, „ist es gelungen, und noch um einiges darüber hinaus. Doch genug der vielen Worte, ich möchte meinen hoch geschätzten Gast nicht langweilen, sondern für mich und meine Idee gewinnen, und das sollte ich doch besser mit einer Demonstration praktischer Natur unternehmen. Da Ihr bereits dermaßen angetan seid von den bloßen Entwürfen, die ich Euch zuvor gezeigt habe, bin ich äußerst gespannt, was Ihr denn vom folgenden halten werdet!“, nun setzte der Regent Drey wieder sein gewinnendes Lächeln auf und erhob sich, um Gräfin Dumur zu Toranli die Hand zu reichen und sie zu geleiten. Diese legte den Kopf schräge und erhob sich mit erwartungsvoller Spannung im Körper und vollerweckter Neugierde im Geist.

Der Regent führte sie nach draußen auf den geräumigen und mit vielen steinernen, kunstfertig bearbeiteten Stauen eingefassten und geschmückten Hofplatz, der sich in einem ausladenden und leicht abfallenden Halboval vom Eingangstor der Residenz aus erstreckte und den Blick auf die in großer Distanz liegenden Hochklippen von Wildensteins Küste großzügig eröffnete. Die Luft draußen war frisch, doch nicht unangenehm kühl, sorgte für ein Verfliegen des leichten Benommenheitsgefühls nach dem üppigen Mahl und dem genossenen Wein, was der Gräfin sehr recht war, denn sie wollte mit klaren Sinnen und hoher Aufmerksamkeit den Ausführungen des Regenten folgen. Dieser führte sie, immer begleitet von im Hintergrund aufmerksam und hellwach befindlichen Wachen aus der Leibwache des Regenten, hin zu einem an der Seite des Gebäudes befindlichen Rangierplatzes, auf dem sich der Fuhrpark des Regenten befand. Hier konnte sie mehrere Gefährte für verschiedene Anlässe und Strecken sehen, die zwar immer vorbereitet, jedoch noch nicht Aufbruch fertig mit eingespannten Zugpferden zur Abreise bereit waren. Doch kaum hatten der Stallmeister und der Fuhrparkleiter von dem Eintreffen des Regenten Kenntnis genommen, eilten sie sofort zu ihm, um entsprechende Anweisungen zu erhalten und schnellstmöglich in die Tat umzusetzen. Beide erweckten durchaus einen kompetenten und arbeitssamen Eindruck, nahmen die Anweisungen entgegen und machten sich umgehend auf den Weg zu ihren Leuten, um sich um die sachgemäße und anweisungsgerechte Umsetzung zu kümmern und die entsprechenden Instruktionen an ihre Untergeben zu erteilen. Innerhalb kürzester Zeit war das vom Regenten Drey gewünschte Gefährt bereit gestellt, angespannt und abreisebereit. Ein Fahrer und sein Gehilfe fuhren es vor, zwei prächtige Nordlandpferde zogen die elegante und schlanke, in Leichtbauweise gefertigte Kutsche, und der gesamte Eindruck dieser Parade hatte durchaus eine dynamische und beeindruckende Wirkung. Durch die Lampen, die an unterschiedlichen strategischen Positionen angebracht und mit gläsernen und verschiedenfarbigen Blenden bestückt waren, wirkte der ganze Hof des Fuhrparkes einschüchternd ausgeleuchtet und gewaltig, durchaus abschreckend und imposant, genau, wie der Regierungssitz selbst. Der Gehilfe des Fahrers öffnete den Fond und verneigte sich tief. Der Regent gab seinem Gast ein Zeichen mit dem Arm, der ihr das Einsteigen anempfahl und neigte ebenfalls, wenngleich nur andeutungsweise, das Haupt, um eine Ehrbezeugung anzudeuten. Die Gräfin bestieg die nicht besonders hoch angelegte Kutsche, die eher für schnelle Fahrten auf flacher und gut ausgebauter Straße geeignet schien und nahm in den weichen und mit Samt ausgepolsterten Sitzbereichen in Fahrtrichtung Platz; kurz nach ihr stieg Hauser Drey in seine schnittige Kutsche und gab den Befehl zur Abfahrt, welcher durch den geübten und disziplinierten Fahrer prompt ausgeführt wurde. Im Inneren der Kutsche war es wider Erwarten geräumig und bequem, Gräfin und Regent saßen sich gegenüber mit ausreichend und gebührendem Abstand und nahmen ihr Gespräch wieder auf.

„Wir unternehmen einen kleinen Ausflug in die Werkstätten der Kunsthandwerker, ich möchte Euch das Ergebnis eines Experimentes zeigen, das ich angeregt und die Umsetzung persönlich angeordnet und überwachen lassen habe. Es basiert auf meinen Überlegungen hinsichtlich der abflachenden und zunehmend ideenarmen Ausgestaltung der Kunst in Wildenstein. Wie Ihr wisst, sind meine Kunsthandwerker, zumindest die talentiertesten unter ihnen, vom Rat autorisiert, ein gewisses und limitiertes Maß an Magie anzuwenden, wenn es den schönen Künsten und der Kreativität dient, die unser Land seit Jahrhunderten hervorbringt und, so möchte ich ganz unbescheiden behaupten, zu den besten und außergewöhnlichsten Schöpfungen des menschlichen Geistes zählen, die je in Urad und wohl darüber hinaus entstanden sind. Ich habe mir überlegt, dass wir aufgrund der Lage im Lande und der wirtschaftlichen Situation –unsere Stein –und Holzbestände werden erst in Jahren wieder zu einer exportfähigen Stärke angereichert sein, wobei die Erschließung von Steinbrüchen jenseits der Küste noch der geringere Teil dieser Wiedergewinnungsunternehmung sein dürfte – dringend unser schönstes und ertragreichstes Exportgut mit Nachdruck und neu zu bewerben. Und es kam, wie es manchmal das Schicksal und die Quelle so will, mir der Zufall zu Hilfe. Triwalker hat mit Hilfe seiner ausgewöhnlichen magischen Fähigkeiten und der vom Malstromorden verwalteten Schirmgaze den Klafter gegen die Invasoren aus der Unterwelt verschlossen, richtig?“, er wartete keine Zustimmung seitens der Gräfin ab, war ihm doch bewusst, dass diese die Vorgänge, die nach dem Sieg über den Feind sich abgespielt hatten, ebenso, wie die Präventivmaßnahmen gegen ein erneutes Ausbrechen der Horden aus ihrem Reich tief im Inneren der Welt, genauestens kannte und zum Teil sogar mit getragen hatte, als der Rat in den Nachkriegsjahren noch aus mehreren Teilorganen aus den jeweiligen Ländern des Kontinents Urad bestand, anders, als dies in diesen Tagen der Fall war, da nur einer, oder in besonderen Ausnahmefällen zwei unabhängige Ratsmitglieder die Interessen und Geschicke des jeweiligen Landes vertraten und mit ihrer Stimme zu Gewicht verhalfen. Hauser Drey fuhr umgehend fort, ließ dabei aber die Gräfin ihm gegenüber zu keinem Zeitpunkt aus den Augen: „Ich kam eines Tages auf die Idee, unsere Kunstmagie an allen im Reich, oh, verzeiht mir diesen nostalgischen Begriff, an allen im Bunde verfügbaren Materialien, ob edel, selten, kostbar oder profan und alltäglich, auszuprobieren, im Sinne der Kunst und ihrer Entwicklung. Die Ergebnisse sind in den meisten Fällen natürlich unbefriedigend ausgefallen, das lässt sich gar nicht verhehlen, und ich habe es auch gar nicht anders erwartet. Doch bei der Auswertung kam ich eben auf die Idee, die letztendlich zu dem Durchbruch und zu dem geführt hat, was ich als revolutionär und wirklich neuartig erhofft und gefordert hatte. Und es lag so nahe, dass ich mich, wie wohl viele Köpfe folgenreicher Erfindungen in den Vergangenheit zuvor, dafür gerügt hatte, dass es dermaßen einfach und offensichtlich, ich aber nicht schon viel eher auf diese Idee gestoßen war!“, er hatte die Stimme mehr und mehr angehoben, nun, da er eine dramatische Pause vollzog, kam es der Gräfin ungewöhnlich leer und still im Inneren der Kutsche vor.

Das Gefährt legte sich in eine Linkskurve, sanft getragen und bestens gefedert, so dass die beiden Insassen in keiner Weise von der Seitenbewegung beeinträchtigt wurden und nahm dann auf wieder gerader Strecke mehr Fahrt auf. Der Fahrer musste ein erfahrener Mann sein, sich auf seinen Gehilfen verlassen können und eine gute Portion Selbstvertrauen besitzen, um bei solchen Lichtverhältnissen auf dieser Straße derart gut manövrieren zu können, bedachte man außerdem noch, welch hochwohlgeborene Passagiere er da beförderte.

„Ihr macht es ja durchaus spannend, Regent Drey, doch mir scheint, ich gewinne langsam aber sicher eine Ahnung von Eurer Vision. Bitte, fahrt fort, ich bin sehr gespannt!“

Geschmeichelt und doch ein wenig verunsichert lächelte Hauser Drey im flackernd einfallenden Licht, das sein Gesicht halbseitig aus der Nacht heraus traf. Seine Augen glänzten und waren weit geöffnet, umschlossen von tiefen und zahlreichen Falten und ausgeprägten Tränensäcken; Merkmale, die auf viel harte Arbeit und Verantwortung im Amte des Regenten von Wildenstein schließen ließen. Sein eisgrauer Haarschopf war, entgegen der Tradition im Lande, kurz gestutzt und von der Stirn nach hinten getrimmt, was ihm, im Zusammenspiel mit seiner scharf aus dem Gesicht hervorstechenden, leicht gekrümmten Nase etwas raubvogelartiges verlieh und ihm, ungeachtet seines Alterns, durchaus eine ausgeprägte Attraktivität bescherte. Gräfin zu Toranli munterte ihn mit einem Blick und einem Nicken auf, seine Überlegungen weiter auszuführen.

„Das Verfahren, wie wir die Bilder und Kunstwerke auf die Grundmaterialien bekommen und sie schließlich ausarbeiten, ist natürlich streng geheim, doch Ihr wisst, da öffne ich keine geheime Gruft, dass wir uns zu diesem Zwecke einer Form der von uns modifizierten Magie bedienen, die sich über Jahrhunderte als extrem zuverlässig und überaus geeignet für eben diese Anwendungen erwiesen hat, auch wenn unsere besten Künstler durchaus noch immer einige Tricks herausfinden, wie dieses Verfahren noch verbessert und verfeinert werden kann, so stießen sie doch, ich schilderte es Euch bereits und habe Beispiele aufgezeigt, an ihre Grenzen. Meine Idee war nun, nicht mehr zu versuchen, die Magie zu strapazieren und zu bemühen, da dies offensichtlich nicht mehr in angebrachtem Maße gelingen wollte, speziell, nachdem der große Rat die Limitierungen und Verbote nach dem Krieg gegen die Horden verhängt hatte. Also regte ich an und beauftragte eine Gruppe aus drei meiner fähigsten und kreativsten Künstler damit, sich auf die Modifizierung der Materialien, die als Basis für diese Kunst dienten, zu konzentrieren und ihr Schaffen in diese Richtung zu lenken.“, wieder ließ er eine dramaturgische Pause einfließen, und diesmal kam es, die Kutsche hatte wieder eine Kurve geschnitten und das Tempo scheinbar erneut angezogen, zu einem Ruckeln in der Kabine, und die Gräfin konnte ein klein wenig Verärgerung ob der offensichtlichen Inszenierung, deren Publikum sie hier darstellte, verspüren. Doch sie war immer noch darauf erpicht, zu hören, was der Regent zu sagen hatte, auch wenn sie den Ausgang dieser Geschichte bereits zu kennen glaubte.

Hauser Drey neigte sich zur Seite, sah aus dem Fenster und nickte kaum merklich, schließlich fuhr er fort: „Ich will Euch hier nicht auf die Folter spannen, zumindest nicht mehr, als nötig, meine Liebe, bitte verzeiht mir meine kindische Spielerei mit der Rhetorik. Es kam, wie es kommen musste, wir verfielen auf die Idee, eine Probe der Siegelmasse, die Triwalker über den Klafter gespannt hatte, zu entnehmen und damit in unseren Werkstätten zu experimentieren. Und das Ergebnis aus diesen Experimenten“, die Kutsche kam zum Stehen, schnell und nahezu abrupt, doch wieder ohne merkliche Beeinträchtigung durch dieses Manöver für die Passagiere, „möchte ich Euch nun nicht mehr länger vorenthalten!“ Er erhob sich, wartete, bis der Fahrergehilfe die Tür der Kutsche für ihn geöffnet hatte und bot der Gräfin seine Hand, um sie sicher aus dem Innenraum hinaus in die klare und geräuschlose Nacht zu geleiten. Er führte sie über eine aus Balken und Kopfsteinen befestigte Straße hin zu einem wenig beleuchteten und erdrückend wirkenden Torbogen, der den dahinter liegenden Bereich, eine abschüssig verlaufende enge Gasse, dadurch erkennen ließ, dass er keines der üblichen, aus schwerem Holz und mit Eisen beschlagenen Flügeltor aufwies, sondern lediglich seine halbrunde Bauweise, einem aufgerissenen Schlund gleich, präsentierte. Die Gräfin vermutete, dass gänzlich festere und undurchlässigere Materialien als Holz und Eisen diesen Bereich sicherten, ließ sich aber nichts anmerken, sondern vom Regenten Drey weiter führen und nahm alles mit interessierten Blicken auf.

Begleitet von zwei Elitewachen des Regentencorps stiegen sie die engen Bereiche des abgeriegelten Künstlerviertels hinab, bis sie schließlich den Eingang zu einer im Souterrain gelegenen Werkstatt passierten und von dieser aus noch einen im hinteren Winkel angebauten Hinterbereich bis hin zu einer mit einer eisenbeschlagenen, massiven Tür, die allerdings lediglich bis auf Brusthöhe reichte und in exakten Winkeln gefertigt war. Diese wurde durch einen der Gardisten geöffnet, und der zweite Wächter, der Regent und die Gräfin betraten den Bereich, der sich dahinter verbarg. „Hier in diesem Bereich geht es weniger darum, die Kunst zu entwerfen und anzufertigen, als dass es sich hierbei vielmehr um ein Experimentallabor handelt, in dem wir versuchen, aus Entwürfen und Prototypen etwas wirkliches und kunstvolles ins Leben zu rufen“, sagte der Regent Drey, als sie in dem mit allerlei Gerätschaften und abgeriegelten und abgeschirmten Arbeitsplätzen ausgestatteten Labor angekommen waren. Der Wachmann wurde aus diesem Raum entlassen, und die Gräfin fand sich wiederum alleine mit ihrem Gastgeber an diesem Ort wieder. Hauser Drey bediente eine kompliziert erscheinende Apparatur, die sich umgehend in mechanische Bewegung setzte und einen hinter der Rückwand des Raumes befindliche Nische freigab, die durch eine Spezialverglasung abgeschottet war und in der Front eine Partie aufwies, die Einlass für zwei darin tätig werdende Hände gewährte, ohne die Atmosphäre und die Schutzmagie im Inneren zu beinträchtigen.

Gräfin Dumur zu Toranli und der Regent von Wildenstein traten an die Glasfront und betrachteten das Gebilde im Inneren, ausgeleuchtet und in Szene gesetzt durch Immerlicht, das schräg von oben seine Wirkung tat. Gräfin Toranli geriet umgehend in fassungsloses Staunen: Sie konnte dort eine exakte Miniaturabbildung des Kontinents Urad erkennen, gefertigt aus Stein und Granit, der versiegelte Klafter jedoch mit angemessen geringer Menge magisch produzierter Schirmgaze, die jedoch in diesem Modell über und über verziert war mit Bildern solcher Schönheit und Reinheit, dass es ihr den Atem verschlug. Exakt den Grenzverlauf von Wildenstein entlang verlief diese kunstvoll geschmückte Masse, endete an der Grenze zu Hochward-Kruth und verlief von dort aus den historisch bekannten Weg weiter bis hin zu der Grenze von Neusonn, allerdings war lediglich der Abschnitt, der durch Wildenstein verlief mit der exquisiten Kunst versehen, der Rest des Verlaufes war aus unbehandelter Schirmgaze gefertigt. Es war dermaßen beeindruckend, dass Gräfin Toranli beim Betrachten unweigerlich die Ländereien der drei großen Gebiete, die den Kontinent unter sich aufteilten, vor ihrem geistigen Auge in Natura sehen konnte; Wildenstein mit seinen einst unerschöpflichen Wäldern, seinen hohen und sturmumtosten Klippen und Küsten und der rauen Felslandschaft, die jedoch von seiner Bevölkerung über all die Jahre urbar gemacht worden war, Hochward-Kruth mit seinen in Abschnitte und Sektoren gegliederten Ländereien voller prächtiger Natur und natürlich dem verschlungenen und gewaltigen Verlauf des riesigen Flusses, der Siebte, der es durchzog wie eine Lebensader, schließlich ihre eigene Heimat, Neusonn, die keinen Winter kannte und nach Jahren der Verwüstung und der Umweltkatastrophen auf dem Kontinent als erste wieder echte Sonnenstrahlen auf ihrem Antlitz hatte verspüren dürfen und diese seitdem als kostbares und fragiles Gut aufnahm, konservierte und für die verschiedensten Zwecke aufbereitete und in Immerlicht, Sonnsteinen und Lichtpapier auch in die anderen Länder äußerst gewinnbringend exportierte. Darüber hinaus verfügten alle drei Länder über Rohstoffe, Spezialisierungen, Technik, Stahlerzeugnisse wie Waffen, Schmuck und Werkzeug und natürlich, nachdem die Schäden des Krieges einigermaßen behoben worden waren, Lebensmittelerzeugnisse und kultivierte Böden und Pflanzen, um das Beste aus diesen Gegebenheiten zu erzeugen. Das alles stellte sich auf diesem kleinen Raum in dem Glasbehälter dar und zwar in einer Detailliertheit, die schlichtweg brillant und wie nicht von Menschenhand geschaffen schien.

Doch auch der vierte Abschnitt des heimatlichen Kontinentes war nicht ausgespart worden, das Land, das nicht mehr lebte, das Land, das schlief; ein Terminus auf den sich alle Völker nach dem Kriege geeinigt hatten, und der in dieser abgemilderten Form nicht das Volle Ausmaß des Schreckens, das in diesem Abschnitt herrschte zu umschreiben oder gar zu benennen vermochte: Tiefer Schlaf.

Dieses Land war durch die Auseinandersetzungen während des Stromkrieges derart in Mitleidenschaft gezogen worden, durch die hemmungslose und unbedachte, immer weiter vorangetriebene und bis zum Exzess ausgeübte Anwendung von Schlachtmagie verseucht und unbewohnbar gemacht worden, dass es nie wieder von menschlichen Wesen würde betreten werden können, ohne dass diese unweigerlich eines schrecklichen Todes anheimfielen. Tiefer Schlaf verlief direkt hinter der versiegelten Klafternarbe des Landes vom Norden bis hinein in den obersten Süden und deckte die gesamte östliche Hälfte von Urad ab. Nur Neusonn war einigermaßen frei von den verseuchten Landen, denn die neu aufgestiegene Sonne und ihr spezielles Licht wirkte dort derart, dass die Verseuchung bis zu einem gewissen Grad zurück gedrängt wurde, wenn auch nur, um das südliche Neusonn zu verschonen und lebenswert zu belassen. Das Modell ließ die Abschnitte des Tiefer Schlaf in ungewissem Nebel und hier und dort, noch aus vergangenen, besseren Zeiten bekannten, auftauchenden Bergen und Tälern erscheinen, denn niemand konnte dieser Tage wirklich wissen, wie es dort aktuell aussah; zwar hatte es in den letzten Jahren immer einmal wieder Lebensmüde gegeben, die sich auf Expeditionen und Kartographierungsunternehmungen dorthin, entgegen aller Warnungen und jeglicher Vernunft, aufgemacht hatten, doch war niemals jemand von dort zurück gekehrt, um Kunde über die Verhältnisse dort und die Beschaffenheit des Landes geben zu können. Doch die Gräfin fand die Darstellung, wie sie die Künstler hier gewählt hatten als durchaus gelungen und vorstellbar adäquat. Der Eindruck dieses Kunstwerkes in Miniatur war gewaltig, beinahe wie von höherer Macht geschaffen, was, wenn man die Hinzuziehungen und Zuhilfenahme der Kunstmagie mit einbezog, ja auch nicht gänzlich falsch war. Was die Leistung der Menschen, der Künstler, die sich ihrer für dieses Projekt bedient hatten jedoch in keiner Weise schmälerte, schließlich war die Handhabung der Kunstmagie eine Form der Kunst an sich und musste in jahrelanger Mühsal und unter großen persönlichen Opfern und Entbehrungen erlangt und perfektioniert werden.

Toranli stieß einen Laut aus, sie konnte es nicht verhindern. „Das ist überwältigend, Regent Drey!“, als sie sich ihm zuwandte konnte sie nicht nur sein breites Lächeln als Reaktion auf dieses Kompliment, sondern auch ein Funkeln in seinen Augen wahrnehmen, das sie, obgleich sie noch völlig unter dem Bann der Eindrücke stand, die dieses Modell in ihr ausgelöst hatten, tief in ihr drin nicht wenig beunruhigte. Trotzdem fuhr sie fort, ihm zu versichern, wie großartig und kunstfertig dieses Abbild der Länder des Kontinentes, und speziell, wie präzise und formvollendet die Vision vom magischen Schmuck des Klaftersiegels war.

„Vielen Dank, meine Liebe. Ihr seid die erste, die dieses Modell in diesem nahezu an meine Vorstellung heranreichenden Zustand von dem zukünftigen Design der Schirmgaze über dem Klafter erscheinenden Bild zu sehen bekommt, und ich möchte Euch ergebenst bitten, dieses unter dem Mantel der Verschwiegenheit zu halten, bis ich in der Lage sein werde, dies auch wirklich ins Leben zu rufen und von der Art einer Träumerei hin zur Realität transportiert zu haben, bitte!“

Gräfin zu Toranli war bis ins Mark berührt. „Selbstverständlich, ganz wie Ihr wünscht, Regent Drey. Doch lasst mich Euch versichern, dass ich alles in meiner Macht stehende unternehmen werde, um Euch bei der Umsetzung dieses Vorhabens zu unterstützen. Das ist einfach außerhalb aller Vorstellungen und das Schönste und Erhabenste, was ich jemals zu sehen bekommen habe!“

Der Regent brummte zufrieden in sich hinein: „Nun ist es an mir, die Ausbildung der Kunstmagier, die ich für dieses Projekt benötigen werde, voran zu treiben und die Bedingungen zu schaffen, damit diese Männer und Frauen es in die Tat umsetzen können. Die Akademie arbeitet mit Hochdruck daran, und die Aufrufe, dass alle Talente des Landes sich bei mir am Hofe einzufinden haben, laufen seit Wochen. Es gibt nämlich auch durchaus scheue und verschrobene Köpfe, die, obwohl sie überaus talentiert sind und bereits herrliche Kunstwerke geschaffen haben, zumindest in der Vergangenheit, sich ungern an die Öffentlichkeit begeben und lieber an abgeschiedenen Orten ihrer Kunst nachgehen. Doch ich habe meine Leute ausgesandt und werde keine Entschuldigung oder Ausflucht gelten lassen. Es wird die patriotische Pflicht eines jeden Talentes und ausgebildeten Künstlers, sich an diesem Projekt zu beteiligen und das Beste zu geben, damit unser Land wieder erstrahlt und seinen Einfluss zurück gewinnt. Verweigerungen werden mit dem Tode geahndet, dies ist bereits verkündet, nicht aber, um welche Sache es sich handeln wird. Und tatsächlich habe ich bei meinen Besuchen in der Akademie auch schon Gesichter gesehen, die sich Zeit ihres Lebens nur äußerst selten außerhalb ihrer Werkstätten und Behausungen gezeigt haben.“ Er musterte die Gräfin, die sich kaum noch von dem Anblick des Modelles losreißen konnte, nickte zufrieden und nahm sie schließlich sanft bei den Schultern, um sie zu lösen und wieder hinaus zu führen, was sie nur unter leichtem Protest über sich ergehen ließ. Sie gingen, begleitet von Wachen, die Strecke zurück und gelangten schließlich wieder zur Kutsche. Die Nacht empfing sie klar und kalt, doch die Gräfin fühlte sich innerlich derart aufgewühlt, dass sie förmlich spüren konnte, wie ihre Wangen glühten und ihre Haut gedehnt und von stark durchbluteten Adern und Venen durchzogen war. Die Kutsche passierte sowohl das innere Tor, als auch bald darauf das zweite, die wirkliche Außenmauer abgrenzende und stärker befestigte. Nun jagte die Kutsche wieder über die Feldstraße durch die Nacht, diesmal allerdings ohne Effekt haschende Momente.

Die Blicke der Gräfin waren in die dunkle Umgebung hinaus gerichtet, und der Regent von Wildenstein richtete das Wort an sie: „Genau das habe ich erreichen wollen, als ich Euch so unsanft von dort löste, verehrte Gräfin. Ihr sollt die Eindrücke frisch und vertiefend mit Euch nehmen und sie auf Euch wirken lassen. Wir werden uns nun zurück zu meinem Regierungssitz begeben, und ich werde Euch bitten, Euch in Eure Gemächer zu begeben, um diesen Vorgang seinen Lauf nehmen zu lassen. Ich werde hier und heute keine Bitte an Euch heran tragen, doch seid versichert, dass ich dies zu gegebener Stunde in den nächsten Tagen nachholen werde, denn ich werde auf Eure Zusage von eben zurück kommen, um mir Eure Unterstützung zu sichern.“, er lächelte, die Seite seines Gesichtes, die flackernd beleuchtet wurde, wirkte attraktiv und verjüngt.

Gräfin zu Toranli fühlte sich plötzlich sehr müde und erschöpft.

So sagte sie nichts weiter und verabschiedete sich, nachdem sie wieder sicher in den Räumlichkeiten des prächtigen Regierungssitzes des Hauser Drey eingetroffen war, von dem Regenten und begab sich in das ihr überlassene Schlafgemach und begab sich in einer Mischung aus innerer Unruhe und gleichzeitiger tiefer Erschöpfung zu Bett.

 

Der nächste Morgen kündigte einen schönen und ruhigen Tag an, das Programm der Gräfin als Gast aus Neusonn in diesem nördlichsten Lande gestaltete sich ebenso. Sie sollte sich mit einigen Vertretern der Granit, Stein -und Grubengilde treffen, um über den weiteren Import von Immerlicht aus ihrem Lande nach Wildenstein zu verhandeln und bei erfolgreichen und einigen Gesprächsabschlüssen über den Transportweg entscheiden. Die Gräfin war weitgereist und welterfahren, eine Eigenschaft, die nicht viele, egal aus welchem Landesteil sie stammten, Leute des Hochadels für sich beanspruchen konnten; zu sehr war man bei Hofe darauf bedacht, speziell in den Nachkriegsjahren, sich auf Angelegenheiten die eigene Kaste und die eigenen Kreise betreffend zu konzentrieren, und die restliche Welt sich selbst zu überlassen. Gräfin Dumur zu Toranli war stets den anderen Weg gegangen und reiste als engste Vertraute und wichtigste Beraterin von Derya Sanftmut, die ständiges Mitglied im großen Rat von Bürgerbund für ihr Land war, durch die Länder, um Kontakte zu pflegen und zu knüpfen und sich Überblick über die Entwicklungen in den verschiedenen Landesteilen in diesen Zeiten, die nicht wenige aus dem einfachen Volk die Zeiten des Zweifels nannten, zu verschaffen und Pläne und Strategien auszuarbeiten und dem politischen Arm von Neusonn, in Person von Derya Sanftmut, vorzulegen, um entsprechende Maßnahmen ergreifen zu können.

Da die Gräfin für eine Weile auf dem Regentensitz von Wildenstein zu Gast war, hatte sie sich in den ihr zur Verfügung gestellten Gemächern eingerichtet. Nachdem sie sich in ihrem Waschraum frisch gemacht hatte, zog sie ein für Verhandlungen und Ausflüge zu den verschiedenen Großhauen geeignetes, lange und eng anliegendes Kleid aus dunkler Samtbüffelwolle an, das hoch geschlossen bis zum Kinn getragen wurde und ihrer Beinfreiheit durch einen langen seitlichen Schlitz, der fast bis zur Hüfte reichte, jedoch durch geschickten und eleganten Schnitt keinerlei anzüglichen Blicken eine Chance gab, ausreichend Raum ließ, um auch Auf -und Abstiege über lange und verwinkelte Treppen ohne Einschränkungen bewältigen zu können. Ihr Haar hatte sie streng und fest am Kopf befestigt, und bis auf ihre Adelskette, die vom Kleid verborgen wurde, legte sie keinerlei Schmuck an.

Die Dienerschaft kam pünktlich und servierte ihr wunschgemäß lediglich eine Karaffe warmen Wassers und Trockenfrüchte, eine frühe Mahlzeit, die ihr die Entleerung ihrer Eingeweide stets zuverlässig erleichterte. Nachdem auch dies erledigt war, bereitete sie sich für den Aufbruch vor, ließ den Hofmeister wissen, welches ihre Ziele für den heutigen Tag waren und ließ sich von ihm ein entsprechendes Gefährt bereit stellen.

Die Kutsche zog in atemberaubendem Tempo los und ließ den Sitz des Regenten von Wildenstein, hoch oben auf dem Drosselberg rasch hinter sich; gezogen von sechs Wildenstein-Hengsten, war dieses Gefährt für schnelle Läufe und große Distanzen wie geschaffen, ein Umstand, den der Hofmeister tunlichst berücksichtigt hatte, als er erfuhr, dass die Gräfin sich zur Großhau Tiefenhall begeben wollte. Dieses Bergwerk war eine unterirdische Mine und ein kleiner eigener Staat in sich; unermesslich tief in den Berg geschnitten, konnte von dort aus in allen Richtungen das kostbare und unerschöpfliche Gut gewonnen und abgetragen werden, das Wildenstein als Exportgut über viele Jahrhunderte seinen Wohlstand und seine Stellung im Reich gesichert hatte. Die Fahrt dorthin würde mehrere Stunden brauchen, und so blieb der Gräfin für Verhandlungen nur wenig Zeit, da sie noch am gleichen Tage die Rückreise antreten musste, denn ein Verweilen in Tiefenhall war selbst ihr über Nacht nicht gestattet. Dies lag zum einen daran, dass in dem unterirdischen Reich Begriffe wie Tag und Nacht keine Bedeutung hatten, und die Zeit dort außer Kraft gesetzt war, da ein permanenter Arbeitsbetrieb herrschte; zum anderen aber war es auch dem Umstand geschuldet, dass in diesem kleinen Reich äußerst selten Frauen zu Besuch waren, und der Regend Drey keine noch so große Eskorte für die Gräfin aufzubieten vermochte, die ihr eine absolute Sicherheit würde gewährleisten können. Es gab in diesen Werken mehrere Klassen von Arbeitern mit verschiedenen Aufgabenbereichen; die ganz normalen Gruben -und Bergarbeiter, die für ihre harte Tätigkeit mit einem guten und angemessenen Lohn bezahlt wurden und sich dort in diesen Großhauen ihre Existenzen aufgebaut und ihr Leben eingerichtet hatten, aber es gab auch eine Gruppe Zwangsarbeiter, überwiegend zu diesem Dienst verurteilte Schwerverbrecher und Landesverräter, sowie Fahnenflüchtige und Spione, die dort lebenslang schuften mussten. Darüber hinaus waren ihre Aufseher und Zuchtmeister dort angesiedelt, ebenso wie eine Vielzahl von Dienstleistern und Kaufleuten, die diese nahezu autonom funktionierenden kleinen unterirdischen Gemeinschaften mit allen Dingen des täglichen Lebens versorgten. Tiefenhall war die größte und ertragreichste Mine in ganz Wildenstein, und Neusonn unterhielt über mehrere Gilden gute und solide Beziehungen zu dieser, denn es hatte sich ein Bedarfsverhältnis an Rohstoffen ergeben, an dem beiden Seiten über die Jahre äußerst gelegen war: Neusonn belieferte die Minen, und insbesondere Tiefenhall, mit seinem Exportgut Immerlicht, wohingegen Wildenstein seine Lieferungen an speziellem, weißem Marmor und Schwarzdiamanten direkt aus Tiefenhall nach Neusonn verbrachte. Die Lieferungen aus Wildenstein erfolgten über den Wasserweg; riesige Frachtkähne waren in ständiger Fahrt die geschützte Route an der Westküste entlang bis tief hinein in die Küstenregion von Neusonn. Das Immerlicht hingegen konnte sowohl auf dem Land, als auch auf dem Wasserwege befördert werden. Die beiden Länder standen bereits seit langer Zeit in einem für beide Seiten ertragreichen Austausch ihrer Güter und Rohstoffe, und die Aufgabe der Gräfin zu Toranli war es vornehmlich, dafür zu sorgen, dass dies auch weiterhin so blieb.