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Im Jahre 1346 befindet sich Frankreich im Krieg mit England. Der englische König Eduard III. wurde von den Franzosen entführt, die vom Bösen unterwandert wurden. Eine Armee aus Höllenrittern hat sich dem französischen Heer angeschlossen. Der englische Kommandeur Godric Liovin bittet die weißen Hexen Claire Mercier und ihre Meisterin Adrienne d´Heur um Hilfe. Zusammen mit ihrer Schülerin Jehanne bekämpfen sie das Böse und erleben unglaubliche Abenteuer. Doch auch sie müssen im Kampf gegen die Finsternis Opfer bringen, denn die Hölle ist vorbereitet...
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Seitenzahl: 273
Veröffentlichungsjahr: 2020
Der Autor:
Axel Brauckmann wurde 1970 in Witten geboren. Seit 2013ist er schriftstellerisch aktiv und begleitete seinen ersten Ironman in Tagebuchform.
Im Bann der Höllenritter ist sein erster Fantasyroman.
Vorwort
Kapitel 1: Das Schicksal des Königs
Kapitel 2: Sumpf der Höllenritter
Kapitel 3: Die Verteidigung des Palastes
Kapitel 4: Das Jesivahatemassiv
Kapitel 5: Das Benediktinerkloster
Epilog
Nachwort
Liebe Leserin, lieber Leser,
eine aufregende Zeit neigt sich dem Ende zu. 2020 bereisten meine Familie und ich die Côte d'Azur in Frankreich. Es reifte die Idee, eine Fantasygeschichte in Frankreich spielen zu lassen. Ich fing an zu schreiben und mein Ziel war es, einen 60 Seiten Roman fertigzustellen. Meine Charaktere entwickelten sich und die Geschichte war viel zu schnell erzählt. Da meine Heldenfiguren viel Potential haben, entschied ich mich dafür, dieses zu nutzen und ein Buch zu schreiben. Für die Geschichte musste ich die Geografie Frankreichs etwas umgestalten, damit meine Ideen umgesetzt werden konnten. Dies ist also mein Erstlingswerk und ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen.
Na dann los!
Axel Brauckmann
26. August 1346
Crécy-en-Ponthieu
Im Norden Frankreichs
Kommandeur Godric Liovin war mit seinen Männern in der Unterzahl. Zusammen mit dem englischen König Eduard III. rettete er sich mit sechstausend Mann auf eine Erhebung. „Es sind um die zwanzigtausend Franzosen, mein König, was sollen wir tun?“ Godrics Stimme klang verzweifelt.
König Eduard beanspruchte seit Jahren den Thron Philipps VI, Frankreichs regierenden Königs, und marschierte in Frankreich ein. Es stand nicht gut um die Engländer. Es war früher Morgen und die Franzosen hatten Godrics Ritterschaft in die Enge getrieben.
„Absitzen und Formieren. Bogenschützen in die zweite Reihe!“ Godric dachte, er hätte sich verhört: „Mein König, meine Ritter sollen vom Pferd absteigen?“ Es war verpönt, in der Schlacht als Ritter vom Pferd zu steigen. Der Ehrencodex verbot dies. „Godric Liovin, stelle nicht noch einmal meine Befehle in Frage: Absitzen!“ Godric gab den Befehl zum Absteigen und murrend befolgten die Ritter den Befehl des Königs. Die Franzosen hatten sich ihnen mittlerweile bis auf sechshundert Ellen genähert. Der Wind frischte auf und die ersten Sonnenstrahlen reflektierten sich in den schon arg ramponierten Rüstungen der englischen Ritter. Godric gab Anweisung, die Pferde als Schutzschild in einem Halbkreis vor ihnen aufzustellen. Seine Ritter waren freiwillige Männer, die ihm treu ergeben waren.
Es war ein ungewohnter Anblick in einer Schlacht wie dieser. In drei Reihen wurden die Pferde vor ihnen positioniert und dann stellten sich je einhundert Bogenschützen in einer Reihe dahinter auf. Alle Ritter waren hervorragende Schützen, die mit einem walisischen Langbogen auf vierhundertfünfzig Ellen Entfernung noch einen Hasen schießen konnten.
Die Sonne stieg weiter am Himmel auf, als ob sie die Schlacht besonders in Szene setzen wollte. Godric schwitzte in seiner gepanzerten Rüstung und sein Atem ging schwer. Noch hatte er sein Visier aufgeklappt und genoss die frische Luft. Die Franzosen gaben mit Trompeten den Befehl zum Angriff. Unter dem Hufschlag zwanzigtausend gepanzerter Pferde und Reiter erbebte die Erde.
Godric klappte sein Visier herab: „Bogenschützen bereitmachen!“ Er ließ die erschreckende Übermacht der Franzosen auf dreihundert Ellen herankommen. Die galoppierenden Pferde wirbelten viel Staub auf und hinter den Angreifern formierte sich eine große braune Staubwolke.
„Legt an!“ Zweihundertfünfzig Meter trennten sie noch von dem sicheren Tod. „Feuer!“ Sechstausend Pfeile wurden gleichzeitig abgeschossen. Ein Surren lag in der Luft, was hundertmal lauter war als ein Heuschreckenschwarm auf Futtersuche. Die Pfeile flogen im Bogen auf die Angreifer zu, die ahnungslos ihren Pferden die Sporen gaben. Hart schlugen die Pfeile ein.
Sie durchbohrten die Panzerplatten der Rüstungen von Mann und Pferd und drangen tief ins Fleisch ein. Die ersten Pferde kamen zu Fall und die Ritter wurden abgeworfen. Die nachstürmende Reiterschaft überrannte sie gnadenlos. Knochen brachen, Körper wurden von der Masse der stürzenden Pferde zerquetscht. Godrics Bogenschützen wurden darauf trainiert, in schneller Folge die Pfeile zielsicher abzufeuern. In wenigen Sekunden hatten über zwanzigtausend Pfeile eine Spur der Verwüstung in der Formation der Angreifer hinterlassen. Die Zahl der Angreifer hatte sich um die Hälfte reduziert und die Männer von König Eduard III. hatten noch nicht einmal persönlichen Feindkontakt. Erst jetzt verstand der Kommandeur die List seines Königs. Eine Schlacht wird normalerweise zu Pferd oder zu Fuß ausgetragen. Dies war das erste Mal, dass Langbogen die Schwerter der Ritter ergänzten.
Die Franzosen hatten keine Chance. Ehe sie die unterlegenen englischen Kämpfer erreichten, wurden sie von weiteren Pfeilsalven tödlich getroffen. Ein Rückzugssignal ertönte auf der Seite der Angreifer und die französischen Soldaten wendeten sofort ihre Pferde. Sie verschwanden in der von ihnen geschaffenen Staubwolke.
Auf dem Schlachtfeld wimmerten schwerverletzte Ritter, die unter ihren Pferden begraben lagen und sich nicht befreien konnten.
„Legt an - Feuer!“ Eine weitere Pfeilsalve beendete das flehentliche Wimmern auf der Stelle. König Eduard III. und seine Männer stießen Siegesschreie aus und reckten ihre Langbögen in die Höhe. Der König klopfte seinem Kommandanten anerkennend auf die Schulter und in Godric machte sich Erleichterung breit. Sie hatten überlebt.
Der Wind wehte die gewaltige Staubwolke auf sie zu. Die Pferde der englischen Ritter wurden unruhig und wieherten. Der Staub kam näher und die Pferde bekamen Panik. Sie stiegen und rissen sich los. Innerhalb der braunen Staubwolke waren grünliche Blitze zu sehen und circa hundert Ellen vor ihnen traten berittene Ritter aus der Wolke. Godric stockte der Atem und er ließ vor Entsetzen sein Schwert fallen. Die Reiter waren zum Teil skelettiert und Rüstungsteile verdeckten die verwesenden Körper. In den Händen hielten sie verrottete Schwerter, Morgensterne und halbverrostete Schilde.
Die Pferde galoppierten donnernd über das grüne Gras. Godric und seinen Männern lief es kalt den Rücken herunter. Die Augen der Streitrösser leuchteten glutrot und an ihren Körpern hing halb verwestes Fleisch. Aus den Hufen der Höllentiere ragten Metallspitzen, die alles töten würden, was sich in unmittelbarer Nähe befand. Schockstarre überfiel die tapferen englischen Ritter. Der vorweg reitende Höllenritter erhob den Arm und gab den Befehl zur Attacke. Geistesgegenwärtig schossen einige Engländer ihre Bögen ab, aber sie hatten keine Chance gegen diese Ausgeburt des Bösen. Im Galopp mähten sie die gelähmten Ritter nieder. Sie wurden einfach überrannt. Die Pferde, die als Schutzwall aufgestellt wurden, scheuten und rissen sich los. Sie galoppierten in alle Himmelsrichtungen davon. Der Weg zu den englischen Angreifern war geebnet.
Die Ritter, die nicht ausweichen konnten, wurden von den Hufen der Höllentiere regelrecht aufgeschlitzt. Hatten sie Glück und konnten den Hufen entkommen, dann wurde ihr behelmtes Haupt mit einem Morgenstern oder einem Schwert vom Torso gefegt. Ein ungleicher Kampf entbrannte und innerhalb weniger Minuten stand der Sieger fest.
*
In der Nähe von Trigance
im Jahre 1346
Frankreich
Claire Mercier und ihre Meisterin Adrienne d’Heur durchstreiften die Wälder vor Paris und suchten Beeren und Hülsenfrüchte. Auch ihr Kräutervorrat neigte sich dem Ende. Also beschlossen die beiden, den sonnigen Tag zu nutzen, um ihre Vorräte aufzufüllen. Sie sangen ein Lied in einer geheimen Sprache, welches jeden Zuhörer sofort in seinen Bann gezogen hätte.
Barfuß liefen sie über grüne, saftige Sommerwiesen und pflückten am Waldrand Beeren und Heilkräuter. Die Sonne schien ihnen ins Gesicht und das Rauschen der Bäume stimmte in ihr Lied ein. Sie waren vergnügt und tanzten zwischendurch auf der Wiese. Grashalme kitzelten an den Füßen und die Röcke ihrer schlichten Baumwollkleider wirbelten im Kreis, wenn sie sich bewegten. Es war wunderbar. Der Duft der Bäume in der heißen Sonne, die Blumen auf der Wiese und das Plätschern des kleinen Baches, gleich neben ihnen.
Claire blieb abrupt stehen, weil sie etwas am Bach gesehen hatte. „Adrienne, schau, dort am Bach!“
Augenblicklich verstummte Adriennes Gesang und sie stellte ihren Weidenkorb mit den Beeren und Kräutern ab.
„Claire, bleib hinter mir.“ Mit vorsichtigen Schritten näherten sie sich dem kleinen Bachlauf. Über einem Felsstein am Bach lag ein Ritter mit ramponierter, blutbespritzter Rüstung. Adrienne rüttelte beherzt an der Schulter des Mannes. Es tat sich nichts. Die weiße Hexe packte die Rüstung des Mannes und wuchtete sie auf den Boden. Aus dem Inneren des Helms war ein Stöhnen zu hören. Der Ritter lag auf dem Rücken und die beiden weißen Hexen konnten jetzt seine tiefen Wunden sehen, die er trotz Rüstung davon getragen hatte. Die Rüstung war im Brustbereich regelrecht aufgerissen worden, ein Wunder, dass dieser Mann noch lebte.
„Alles ist gut. Wie heißt du, Fremder?“ Claire gab dem halb verdursteten Mann einen Schluck Wasser aus ihrem Trinkschlauch aus Ziegenleder.
Der Ritter trank und musste husten. Nachdem er wieder normal atmen konnte, sagte er: „Mein Name ist Godric Liovin, ich bin der Kommandant des englischen Königs!“ Er musste erneut husten.
„Ich suche die weißen Hexen, die hier irgendwo wohnen müssen.“ „Nun“, antwortete Adrienne kühl, „die hast du nun gefunden!“ „Ich benötige eure Hilfe!“ Godric erzählte in kurzen Sätzen das, was sich in Crécy-en-Ponthieu zugetragen hatte.
„Es war das Grauen pur! Meine tapferen Ritter hatten keine Chance. Sie wurden zerstückelt oder zertrampelt.“ Godric musste schlucken und seine Hand verkrallte sich in Adriennes Arm. „Ihr müsst mir helfen. Ich hatte Angst, dass man mich gefangen nimmt, deshalb bin ich nur nachts gereist und habe euch gesucht.“ „Warum sollten wir einem Engländer helfen, der versucht hat, uns das Land wegzunehmen?“ „Ich vertraue darauf, dass auch ihr der Meinung seid, dass diese Bedrohung für alle Menschen sehr gefährlich ist! Ich lege mein Leben in eure Hand, aber rettet meinen König. Mein König, Eduard III. wurde von den Höllenrittern entführt!“
*
Nähe Trigance im Jahre 1346
In der Höhle Adriennes
Frankreich
Jehanne saß vertieft über ein großes, in Leder eingebundenes Buch. Sie studierte die großen Seiten sehr genau, denn wenn ihre Meisterin nach Hause kommt, würde sie Jehanne prüfen. Ihr gefiel es, wenn sie allein in der großen Höhle Adriennes war und sich der Magie zuwenden durfte. Ihre Meisterin und Claire Mercier hatten sie als dreijähriges Kind aufgenommen, da ihr ganzes Dorf durch englische Kreuzzüge vernichtet wurde. Die zwei weißen Hexen spürten, dass auch sie weiße Magie in sich trug, die nur erweckt und gelenkt werden musste. Mittlerweile war sie elf Jahre alt und aus ihr wurde ein schönes Mädchen. Sie hatte ein paar Sommersprossen und eine kleine Stupsnase. Ihre Haut war leicht gebräunt, da sie viel mit ihrer Meisterin draußen war und durch die Wälder streunte. Ihre Meisterin erzählte ihr viele interessante Geschichten, erklärte ihr Bäume und Sträucher, und bereitete sie auf ihre Aufgabe als weiße Hexe vor. Jehanne liebte diese Spaziergänge. Es gab noch so viel zu entdecken. Sie trug ihre schwarzen Haare offen und die Haarpracht reichte ihr bis zu den Schulterblättern. Sie hatte über ihr Leinenkleid eine Schürze gebunden, da sie heute die Behausung noch aufräumen sollte. Doch die Bücher waren viel spannender. Heiltränke waren mittlerweile ihr Spezialgebiet geworden, und Adrienne war sehr zufrieden mit ihren Leistungen. Die junge Schülerin war den beiden weißen Hexen sehr dankbar, dass sie sie aufgenommen hatten. Sonst wäre sie wahrscheinlich an irgendeinen reichen Bauern verkauft worden. Sie durfte sich in der geräumigen Höhle eine kleine Ecke für sich einrichten. Ein Lager aus Stroh und Heu, ein Schemel und ein kleiner Tisch waren die einzigen Gegenstände, die sie benötigte. Der Tisch und der Hocker standen an der ausgewaschenen Felswand. Sie hatte sich zwei Kerzenständer auf den Tisch gestellt und studierte freudig die Zutatenliste eines Wahrheitstranks. Derjenige, der diesen Sud trank, sagte für etwa eine Sanduhr die Wahrheit oder er starb, weil der Trank falsch zubereitet wurde. Sie verzog das Gesicht, Fliegenpilze und Knollenblätterpilzsaft waren noch die harmlosen Zutaten.
Sie hörte ein Geräusch vor dem Höhleneingang und stand leise vom Tisch auf. Adrienne hatte ihr einen kleinen Dolch geschenkt, den sie jetzt in der linken Hand fest umklammert hielt. Sie schlich sich an der Höhlenwand Richtung Ausgang entlang und war bereit, ihr Zuhause zu verteidigen. Vorsichtig schaute sie um die Ecke nach draußen, in den Wald hinein. Ihr Körper war angespannt und sie war bereit, die gelernte Kampfkunst anzuwenden. Aber sie konnte sich entspannen. Ihre Meisterin und Claire teleportierten sich vor den Höhleneingang und hatten einen verletzten Ritter zwischen sich, den sie stützten mussten, weil er sich alleine nicht auf den Beinen halten konnte.
Adrienne und Claire schleiften den schwerverletzten Ritter in die Höhle. Sie hatten Mühe, die verbeulte Rüstung von seinem Körper zu lösen. „Jehanne, schnell, schüre ein großes Feuer unter dem Kessel. Wir müssen einen Trank brauen, der die Wunden verschließt und das tote Fleisch zum Leben erweckt!“ Jehanne war aufgeregt. Der fremde Ritter war die erste Person, die jemals die Höhle gesehen hatte. Die Lage der Hexenzuflucht war geheim und davon hing das Überleben der drei Frauen ab.
Sie legte neue, geschlagene Holzscheite in die Glut und es dauerte nicht lange, bis die ersten Flämmchen unter den Holzstücken züngelten. Die junge Schülerin erinnerte sich sofort daran, welche Zutaten sie für diesen Trank benötigte und schnellen Schrittes sammelte sie die Kräuter, Pilze und Tierextremitäten zusammen und legte sie vor dem Kessel ab. Claire kümmerte sich um den halbtoten Ritter, während Adrienne damit begann, Wasser in den großen Kupferkessel zu gießen und nach und nach die Zutaten in den Sud hineinzuwerfen. Die weiße Hexe bewegte beschwörend ihre Hände und sprach Zauberformeln in einer Sprache, die kein Außenstehender verstand.
Mitleidlos sah Claire dem geschwächten Feind in die Augen und sprach: „Dein König ist uns egal. Ihr wolltet mordend und vergewaltigend durch unser Land ziehen. Er interessiert uns nicht!“ „Bitte helft mit. Ihr seid die Einzigen, die ihn aus diesem Höllensumpf retten können!“ Die letzten Worte kamen langsam und leise über die Lippen des Ritters, dann wurde Godric bewusstlos.
Als er wieder aufwachte, lag er auf einem Strohlager in der Höhle und sah, dass es draußen schon dunkel war. Ein Feuer brannte in der Mitte des Platzes und ringsum saßen die drei Frauen und diskutierten, ob sie dem Ritter helfen sollten oder nicht. Adrienne bemerkte als Erste, dass Godric wieder bei Bewusstsein war, stand auf und kam auf ihn zu. „Hör zu, wir werden dir unter einer Bedingung helfen. Wir werden deinen König retten. Als Gegenleistung werden eure Truppen sofort aus Frankreich abziehen und nie mehr den Thron Frankreichs einfordern! Schwöre!“ Kommandant Godric Liovin brauchte nicht lang zu überlegen. „Ich schwöre, bei Jesus Christus, dass wir sofort das Land verlassen werden und alle Truppen abziehen, wenn er denn befreit wird!“ „Schwöre, dass du deinen König tötest, wenn er sich nicht an die Abmachung hält!“, zischte Claire. „Sonst werden wir dich finden und dich und alle dir nahestehenden Menschen verfluchen!“ Godric schluckte heftig. “Ich schwöre!“
*
Crécy-en-Ponthieu
Im Norden Frankreichs
Adrienne und Claire fuhren Meter für Meter tiefer in die Sümpfe von Crécy-en-Ponthieu. Mit einer langen dünnen Holzstange stießen sie ihr Boot lautlos ab und glitten immer tiefer in den großen Sumpf. Kommandant Godric Liovin hatten sie zurück an Frankreichs Grenze teleportiert. So war Jehanne in Sicherheit und ihr Versteck blieb geheim. Mit den Hinweisen des Ritters und der blutigen Spur, die die Höllenritter hinterlassen hatten, konnten die weißen Hexen sie bis in dieses Sumpfgebiet verfolgen.
Auf ihrem Rückweg hinterließen die Höllenritter verdorrtes Land, Tod und viel Leid. Den befragten Überlebenden stand das Grauen immer noch ins Gesicht geschrieben. Ihre Spur führte in den Norden Frankreichs, in die Sümpfe von Crécy-en-Ponthieu. Die beiden Hexen waren vor acht Tagen aufgebrochen und hatten ihre magischen Waffen in einem Lederbeutel um die Schulter gehängt. Dieses Moor war verflucht. Seit sie das Boot betraten, war die Sonne am Himmel nicht mehr zu sehen. Langsam fing es an zu dämmern, aber es waren keine Höllenwesen weit und breit zu sehen. So wie es aussah, mussten sie ein Stück trockenes Land finden, um ihr Lager aufzuschlagen. Sie waren auf der richtigen Fährte. Die Bäume und Sträucher waren ausnahmslos verdorrt und aschgrau. Das Wasser war modrig und schmierig dunkel. Im gleichmäßigen Rhythmus stach Claire die Holzstange leise ins Wasser bis auf den Grund und stieß damit das Boot weiter nach vorne. Sie hatten sich ein Einbaum ausgewählt, einen ausgehöhlten Baumstamm, der sehr robust war. Ihren Proviant hatten sie gut verpackt und im Boot festgeschnürt. Sie glitten über das modrige Wasser. Hier war es totenstill. Man hörte keine Tiere oder andere Geräusche, nur das leichte Eintauchen der Holzstange ins Wasser. Plötzlich hob Adrienne den rechten Arm und Claire stoppte das Boot leise mit der Stange. Links neben ihnen trieb eine Leiche im braunen Sumpfwasser an ihnen vorbei. Anhand der zerfetzten Kleidung mit dem großen roten Kreuz auf weißer Baumwolle auf dem Rücken konnten sie ihn als englischen Ritter identifizieren. Er trieb mit dem Gesicht nach unten im Wasser. Adrienne lehnte sich leicht aus dem Boot und drehte den Engländer im Wasser um. Beide bekamen eine Gänsehaut: „Verdammt!“, entfuhr es Claire. Das Gesicht war als solches nicht mehr erkennbar. Das rechte Auge war nicht mehr vorhanden und die linke Wange fehlte komplett, sodass man direkt auf seine Zähne schauen konnte. In der Augenhöhle tummelten sich kleine Fische, die die Gewebereste von den Knochen fraßen. Sie sahen ein großes Loch im Brustbereich der Leiche, ähnlich des Lochs an der Rüstung des englischen Ritters. Sie waren auf der richtigen Fährte. Die weißen Hexen setzten ihre Fahrt fort und suchten einen sicheren Lagerplatz. Mittlerweile war es schon so dunkel, dass man nicht weiter als zwanzig Meter sehen konnte. „Adrienne, schau da drüben!“ Claire zeigte mit ihrem ausgestreckten linken Arm auf eine kleine bewachsene Erhöhung im Wasser. „Das könnte ein guter Lagerplatz sein“, flüsterte sie ihrer Meisterin zu. Adrienne nickte und Claire steuerte die kleine Insel an. Als der Einbaum auf Grund fuhr, sprang Adrienne leichtfüßig aus dem Boot und zog es weiter an Land. Claire folgte ihr. Sie sammelten totes Holz, was es hier zur Genüge gab, und entfachten ein kleines Lagerfeuer. Ihre Waffen legten sie griffbereit neben ihr Nachtlager und bereiteten in einem kleinen Kupfertopf etwas zu essen. Gut, dass sie Proviant für mehrere Tage eingepackt hatten. Sie aßen, ließen ihre Umgebung aber keine Sekunde aus den Augen. Sie wollten abwechselnd Wache schieben. Claire übernahm die erste Wache und Adrienne drehte sich in ihrer Decke aus gewebtem Leinen und Schafsfell warm ein und schloss die Augen. Das Feuer erhellte die kleine Lichtung und Claire sorgte dafür, dass es nicht ausging, indem sie regelmäßig Holz nachlegte. Es wurde tiefschwarze Nacht. Nur das Feuer sorgte für etwas Licht. Kein Mondschein, keine Sterne. Claires Sinne waren angespannt. Sie bemerkte, dass es kühler geworden war und dichter Nebel aufzog. Dieser Ort war unheimlich und Claires Nackenhaare stellten sich auf. Der Nebel wurde dichter und Claire konnte sehen, wie der Nebel im Inneren langsam anfing, grünlich zu schimmern. Sie fixierte den Nebel mit ihren Augen so sehr, dass sie vergaß, hinter sich zu schauen. Plötzlich wurden ihre Fußgelenke von mehreren kleinen Händen umfasst. Claire schrie auf und drehte sich um. An der Stelle, an dem ihr Boot lag, tauchten zig Höllenkreaturen aus dem Wasser und betraten die Insel. Sie waren maximal eine Elle groß, hatten Beine, Arme und Hände, aber auch spitze Reißzähne. Ihre rot leuchtenden Augen sahen im Feuerschein unheimlich aus und sie gaben eine Art Knurren von sich. „Adrienne, wach auf! Wir werden angegriffen!“
*
Adrienne spürte die Gefahr und hatte die Augen geschlossen. Ein Angriff stand kurz bevor und die Meisterin hatte ihren magischen Dolch bereits in der Hand, als Claire die Angreifer bemerkte. Sie sprang auf, wirbelte die Decke zur Seite und sprach die magischen Worte: „O admirabile pugione vos, protegas me!“ Der Dolch glühte weiß auf und verlängerte sich zum Schwert. Die weiße Hexe stürmte auf ihre Gefährtin zu, die arg in Bedrängnis war. Mit einem Wirbelzauber schoss sie durch die Reihen der Höllenkreaturen, die Claire festgesetzt hatten. Adrienne selbst wurde zur tödlichen Waffe. Ihr magischer Dolch schlitzte Bäuche auf, trennte Köpfe und Arme von den Körpern der hässlichen Höllenwesen.
Als Claire sich wieder frei bewegen konnte, aktivierte sie ihr Artefakt und mit einem schnell gesprochenen Zauber verwandelte sich das Artefakt in die alt bewährte Lichtpeitsche. Es gab kein Entrinnen für die quiekenden Scheusale. Alle Angreifer vor ihr wurden auf einer Peitschenlänge von sechs Ellen in Sekundenschnelle zu Asche verwandelt. Es stank und knisterte, als die Höllenkreaturen im magischen Feuer verbrannten.
Quälende Schreie hallten durch das Moor und die weißen Hexen arbeiteten sich durch die Reihen der Höllenwesen.
Es stiegen immer mehr aus dem Wasser und Adrienne änderte ihre Taktik. „Claire, halte sie mit der Lichtpeitsche auf Distanz, ich werde uns einen Schutzkreis errichten, wo die Viecher nicht durchkommen!“
„Beeil Dich, Adrienne, ich kann sie alleine nicht mehr lange aufhalten!“
Adrienne zog mit ihrem magischen Dolch einen großen Kreis um die weißen Hexen und ritzte Runen in die morastige Erde. Sie hörte, wenn Claires Lichtpeitsche ihr Ziel getroffen hatte und sah die hellen Feuerbälle, in denen die Kreaturen vergingen.
Adrienne hob beschwörend die Arme und redete wie in Trance Beschwörungsformeln für den Schutzzauber.
Rund um die Markierungen erhob sich eine weiße, durchsichtige Wand und schmorte alle Angreifer, die durch sie durchstürmen wollten, zu kleinen Aschehäufchen. Fünf Höllenwesen hatten es zuvor geschafft, der Lichtpeitsche zu entkommen und standen mit Adrienne und Claire im magischen Kreis. Adrienne setzte deren grausame Existenz in Sekundenschnelle ein Ende.
„Claire, diese Kreaturen sind nachtaktiv, sonst hätten sie uns schon viel eher aus dem Boot geholt.“ Adrienne schnaufte durch und schaute prüfend zur Schutzbarriere. Da standen hunderte verrunzelte, kleine Ungeheuer, die nur darauf warteten, dass der Schutzzauber zusammenbrach und sie die weißen Hexen töten konnten. Aber der magische Kreis hielt den zaghaften Angriffen der Höllenkreaturen stand. Claire und Adrienne setzten sich ans Feuer. An Schlaf war nicht zu denken. Beide starrten in die Flammen.
*
Als Claire aufwachte, war es schon hell und die Holzscheite niedergebrannt. Kleine Rauchfahnen stiegen von den verkohlten Holzscheiten hinauf in den Himmel.
Sie war eingeschlafen! Sofort sprang sie auf und zog ihre Waffe. Claire Mercier schaute sich um. Die elenden Höllenkreaturen waren wieder abgetaucht. Es schien tatsächlich so, dass sie das Sonnenlicht mieden. Ihr Blick streifte die nähere Umgebung, die Bäume, Sträucher und Moorgewächse. Es roch modrig und der Himmel war verdunkelt. Neben ihr lag Adrienne, die auch vom Schlaf übermannt worden war.
Claire schürte das Feuer und kochte im kleinen Kupferkessel Wasser für einen Kräutersud. Als Adrienne erwachte, hatte Claire ihr schon einen Becher zubereitet. „Guten Morgen Claire, danke.“ Sie hielt sich die Tasse unter die Nase und atmete tief ein. „Welch ein Genuss, bei diesem modrigen Gestank hier!“ Sie schloss die Augen und nippte am Becher. Die Lebensgeister in ihr wurden geweckt.
Adrienne seufzte und ließ sich zurückfallen. „Was für eine Nacht“, sagte sie kopfschüttelnd. „Wir müssen hier schnell wieder raus. Hoffentlich finden wir bald das Versteck der Höllenritter!“
Claire stimmte ihr zu: “Ja, wir hatten heute Nacht Glück gehabt. Wir müssen besser aufpassen!“ Sie leerte ihren Becher und schüttete den letzten Schluck ins Feuer.
Die beiden weißen Hexen räumten ihre Sachen zusammen und setzten ihre Reise durch das verfluchte Moor fort.
Der Bewuchs wurde dichter und Adrienne musste mit ihrem magischen Dolch mehr als einmal die Fahrrinne für den Einbaum freischlagen. Leise glitten sie über das Wasser, aus dem die Faulgase in einer Blase vom Grund auf aufstiegen und an der Wasseroberfläche zerplatzten. Aber auch ein anderer Geruch lag in der Luft. Der Geruch des Todes!
*
Nähe Trigance im Jahre 1346
In der Höhle Adriennes
Frankreich
Jehanne hatte seit Tagen nichts mehr von ihrer Meisterin und Claire gehört. Mittlerweile hatte sie sich daran gewöhnt, aber sie war jedes Mal unendlich froh, wenn beide Frauen nach einem Kampf mit dem Bösen wieder gesund vor dem Höhleneingang erschienen und sie von ihren Abenteuern abends am Feuer berichteten. Es regnete heute schon den ganzen Tag, aber Jehanne sah, dass der Regen nachließ und die Sonne vereinzelt zum Vorschein kam. Sie wollte heute auf der Lichtung vor der massiven Felsenwand ihre Zauberfähigkeiten verbessern, um irgendwann einmal so gut zu sein, wie ihre beiden Vorbilder. Die Magieschülerin war sehr beeindruckt, wie die weißen Hexen es immer wieder schafften, das Böse in die Schranken zu weisen. „Komm Magnus, lass uns üben gehen“. Magnus, ein alter verwilderter Kater lag auf ihrem Lager und reckte den Kopf in die Höhe. Er schnurrte und reckte sich.
Jehanne wickelte ihr Artefakt in ein grobes Leinentuch und steckte es sich in die große Tasche ihrer Schürze. Aufgeregt verließ sie die Höhle und stapfte zur großen Lichtung, nahe dem Mondbergmassiv. Magnus sprang vom Strohlager und folgte ihr. Er streifte ihre nackten Beine und schnurrte vor sich hin. Die Sonne hatte sich ihren Platz am Himmel erkämpft und ließ die Regenwolken nach und nach verdunsten.
Die Vögel in den Bäumen zwitscherten vergnügt und Jehanne war gespannt, ob sie sich heute verbessern würde und die Magie zielgerichtet lenken konnte. Claire hatte oft mit ihr geübt und sie verbesserte sich ständig.
Die Hexenschülerin ging zu einem zwei Meter hohen Fels und klemmte einen dicken Ast in eine Aussparung. Dieser sollte ihr Testobjekt sein.
Sie ging fünf Ellen zurück und wickelte ihr Artefakt aus dem Tuch.
Es war ein alter, dicker Zedernholzstab, auf dessen Griff kunstvoll eine Rune eingebrannt war.
Magnus legte sich einen halben Meter vor ihr in das saftige Gras und begann darauf herumzukauen. Dabei hatte er Jehanne im Blick, wie sie ihre Vorbereitungen traf und das Artefakt mit dem rechten Arm ausgestreckt nach vorne, Richtung dicken Ast hielt.
„Baculum magicum lucet, et omnes vias tuas industria ad metam sum intendebant“. Jehanne sprach die Zauberformel, und die Rune im Griff des Zedernholzstabes leuchtete kurz auf. Mehr passierte nicht.
„Ok, Magnus, sag jetzt nichts. Ich muss mich einfach mehr konzentrieren. Baculum magicum lucet, et omnes vias tuas industria ad metam sum intendebant!“ Mit zusammen-gekniffenen Augen schwang sie den Holzstab Richtung dicken Ast. Als wieder nichts passierte, wollte sie den Arm gerade senken, als plötzlich ein Energiestrahl aus dem Zedernholz schoss und sie von den Beinen riss.
Magnus sprang vor Schreck auf und brachte sich in einem Gebüsch in Sicherheit. Jehanne rappelte sich auf und klopfte ihr Kleid sauber. „Magnus, du bist feige. Komm wieder zurück.“ Aber der Kater blieb im Gebüsch sitzen und schaute sich das Spektakel lieber aus sicherer Entfernung an.
„Baculum magicum lucet, et omnes vias tuas industria ad metam sum intendebant!“ Jehanne hatte ihre Position eingenommen und schleuderte ihren Zauber Richtung dicken Ast. Das Artefakt leuchtete kurz weiß auf und mit unglaublicher Geschwindigkeit verließ eine magische Lichtkugel in der Größe einer Männerfaust den Holzstab und pulverisierte das Ziel. Jehanne schrie vor Glück laut auf und lief zum Felsen. Dort, wo der Ast eingeklemmt war, züngelten die letzten Flammen in der Asche und auf dem Stein hatte sich ein großer schwarzer Brandfleck gebildet.
Jehanne lachte und führte einen Freudentanz auf.
Das Mädchen war zufrieden. Eines Tages würde sie in die Fußstapfen der Meisterinnen treten. Ihre Gefährtinnen hatten ihr gezeigt, wie sie ihre Kräfte bündeln und zielgerichtet einsetzen konnte. So konnte sie seit einigen Wochen schon teleportieren. Zuerst mit Adrienne zusammen, dann auch schon alleine. Und seit heute konnte sie sich mit Hilfe der weißen Magie auch verteidigen. Sie war sich sicher, sie würde Adrienne und Claire nicht enttäuschen.
*
Crécy-en-Ponthieu
Sumpfgebiet
Frankreich
Claire steuerte den Einbaum lautlos durch den Sumpf. Es roch nach Faulgasen und um sie herum platzten immer wieder die Gasblasen an der Wasseroberfläche auf. Sie hielten Ausschau nach dem Versteck der Höllenritter. Vielleicht war es ein Portal zur Unterwelt. Der Himmel war dunkelgrau bewölkt und noch immer keine einzige grüne Pflanze im Sumpf zu sehen. Alles was einmal lebendig war, war jetzt tot. Sie hörten keine Tiergeräusche. Ein verfluchter Ort. Seit dem Angriff der Höllenwesen war ein weiterer Tag vergangen und die beiden Hexen hatten sich der neuen Situation angepasst. Sobald es abends anfing zu dämmern, mussten sie sich einen Lagerplatz suchen und einen magischen Schutzkreis um ihre Schlafstätte ziehen. Die Biester versuchten jede Nacht, sie zur Strecke zu bringen, was aber dank des magischen Kreises nicht gelang. Trotzdem waren die beiden weißen Hexen angespannt. Sie mussten den Eingang zum Versteck finden. Jede kleine Unachtsamkeit konnte ihr Ende bedeuten.
Plötzlich hob Adrienne den Arm und gab so den Befehl, zu stoppen. „Da drüben ist was“, flüsterte sie Richtung Claire und zeigte schräg nach vorn. Eine Landzunge kam in Sicht, auf der in hundert Ellen Entfernung eine Felswand zu sehen war. Auch der Fels war schwarz. Claires Herz klopfte schneller. Ihre Augen suchten den Fels nach einem Höhleneingang ab und wurden fündig. „Adrienne, ich habe den Eingang entdeckt. Hier muss ihr Unterschlupf sein!“
„Ja, wir müssen vorsichtig sein. Diese Kreaturen genießen gerade den letzten Tag ihrer erbärmlichen Existenz auf der Erde!“ Sie legten an und tarnten den Einbaum mit Buschwerk, damit er nicht entdeckt werden konnte. Mit ihren Artefakten in den Händen schlichen sie seitlich an die schwarze Felswand heran. Claire berührte den Felsen mit der Hand und zog diese sofort wieder erschrocken zurück. Der Fels pulsierte und er war heiß. Mit dem Rücken zum Fels standen sie jetzt links und rechts vom Höhleneingang. Gleichzeitig schauten sie vorsichtig in den schwarzen Schlund, der von großen Pechfackeln an den Wänden erhellt wurde.
Dicke, verrostete Metallhalter hielten die Fackeln in Position. Was sie hier sahen, ließ ihnen den Atem stocken. Im Schein der Fackeln stapelte sich vor ihnen ein Berg mit Menschenknochen. Man sah, dass die unteren Knochen schon älter waren. Aber die, die oben lagen, in fast zwei Meter Höhe, die hatten noch blutige Fleischfetzen an den Knochen. Eine Warnung für alle Eindringlinge! Sie wollten gerade die Höhle betreten, als sie näher kommende Schritte aus dem Inneren hörten. Schnell zogen sie ihr Gesicht zurück und hörten ein Geräusch, als wenn ein großer Trog geleert wurde. Danach entfernten sich die Schritte und Claire konnte noch im letzten Moment die beiden Höllenritter sehen, die einen großen Holztrog trugen, bevor sie in der Dunkelheit verschwanden. Claire sah, dass die beiden Kreaturen neue menschliche Überreste auf den Berg gekippt hatten. Es waren sogar noch Stofffetzen an den Rippen der Männer, die sie als englische Ritter identifizierten. Die armen Teufel. Claire und Adrienne huschten in den Gang, an dem Berg vorbei. Ihre Lederstiefel rollten geräuschlos auf dem Felsboden ab und sie folgten dem Gang.
Jede Faser ihrer durchtrainierten Körper war angespannt und für den Kampf bereit. Der Gang verlief vierzig Ellen geradeaus und danach verzweigte er sich in zwei Röhren. Ein Weg führte weiter geradeaus, und der andere Weg knickte rechts ab und verschwand in der Dunkelheit. Adrienne fluchte. „Verdammter Mist, welches ist der richtige Weg?“
„Wir müssen alle Wege erkunden, damit wir wissen, was uns erwartet, und wie wir hier wieder am schnellsten herauskommen“, flüsterte Claire. „Einverstanden. Fangen wir mit dem linken Weg an.“ Adrienne übernahm die Führung.
Aus dem Gang strömte den beiden ein beißender Geruch entgegen. Claire dachte mit verzogenen Mundwinkeln an totes Getier. Der Tunnel war leicht abschüssig und jetzt auch nicht mehr beleuchtet. Claire fluchte innerlich, als sie in der Dunkelheit über einen großen Stein stolperte und hinfiel. Aber ihr Fall wurde gedämpft. Sie tastete und fühlte Fell zwischen ihren Händen. Ehe sie begriff, was das war, schaute sie in zwei leuchtende, dunkelrote Augen, direkt vor ihrem Gesicht. Sie hörte ein Schnaufen und schon schossen die roten Augen auf sie zu. Instinktiv ließ sich Claire zur Seite fallen und rollte sich ab. Sie hörte einen Kiefer zuschnappen. Das war kein Stein, über den sie gestolpert war. Die beiden Hexen befanden sich in den Stallungen der Schlachtrösser.
„Adrienne, Achtung! Wir sind in den Stallungen der Schlachtrösser gelandet! Sie haben uns entdeckt!“
Plötzlich leuchteten im riesigen unterirdischen Stall unzählige rote Augen auf. Die Schlachtrösser hatten sie bemerkt.
“O admirabile pugione vos, protegas me!“ Adriennes Dolch glühte weiß auf und verlängerte sich zum Schwert. Claire aktivierte ihrerseits die Lichtpeitsche: „Luminis ipsos custodes! Malorum protexit me tollerent!“ Ihre Artefakte erhellten ein wenig den Raum, und sie erkannten, dass sich mindestens einhundert Höllenkreaturen aufrappelten, um die zwei weißen Hexen zu vernichten. Sie stellten sich für den Kampf Rücken an Rücken, sodass sie seitlich zu den Angreifern standen. Es herrschte eine gruselige Atmosphäre in den Stallungen. Auf der einen Seite leuchteten in absoluter Dunkelheit nur die Augen der Schlachtrösser dunkelrot auf und fixierten die weißen Hexen. Auf der anderen Seite wurden Claire und Adrienne durch ihre aktivierten Artefakte schummerig beleuchtet.
Es vergingen Sekunden der absoluten Stille, bevor der ungleiche Kampf durch die Höllenwesen eröffnet wurde. Vier Schlachtrösser kamen auf sie zu, wieherten in einem angsteinflößenden Ton und stiegen vor den Kämpferinnen
