Im Bann der Mondpilger - A.B. Söhn - E-Book

Im Bann der Mondpilger E-Book

A.B. Söhn

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Beschreibung

Als Nora im Nachlass ihrer Großmutter ein rätselhaftes Amulett entdeckt, ahnt sie zunächst nicht, dass sie damit immer tiefer in die Geheimnisse einer Gruppe namens Mondpilger eintaucht. Diese haben den Auftrag alle Lügen, die sich von den Menschen lösen und in Form von Schattenwesen weiterhin existieren, aus der Welt zu schaffen. Als Nora jedoch in das Visier bisher unbekannter Wesen gerät, gegen die selbst die Mondpilger machtlos zu sein scheinen, beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit und für Nora eine Reise ins Ungewisse... Bodenständig erzählter Fantasy-Roman mit spannendem Handlungsaufbau, authentischen Charakteren und tiefsinnigen Dialogen!

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EPUB
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Seitenzahl: 604

Veröffentlichungsjahr: 2021

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A.B. Söhn

Im Bann der Mondpilger

© 2021 A.B. Söhn

Verlag und Druck:

tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

ISBN

 

Paperback:

978-3-347-41507-2

Hardcover:

978-3-347-41508-9

e-Book:

978-3-347-41509-6

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Prolog

Es war Nacht und die Temperatur hatte sich deutlich abgekühlt.

Ferdi legte den Kopf in den Nacken, um an dem Licht der Sterne Orientierung zu finden.

Hier und dort durchdrangen die Lichter der fernen Gestirne das dichte Blätterdach. Sie gaben ihm eine Ahnung von den umgebenden Strukturen des Waldes. Der nächtliche Wanderer hielt eine kleine Öllampe in der Hand, die nicht müde wurde bei jedem Schwenker der Halterung zu quietschen.

Eine Undichtigkeit in der Verglasung sorgte zudem dafür, dass die Flamme immer wieder erlosch.

Mit steifen Fingern kramte Ferdi in seiner Manteltasche, um ein Feuerzeug herauszuholen und den Docht erneut zu entzünden. Ihm war bewusst, dass er optisch und akustisch nicht zu verfehlen war. Der tänzelnde Schein der Flamme, der ihn wie eine helle Aura umgab, glitt tastend an den borkigen Rinden der Bäume entlang. Doch er schenkte ihm gerade so viel Sicht, dass er seine Füße einigermaßen sicher auf den Boden setzen konnte.

Ein Betrunkener würde nicht mehr Lärm verursachen. Hättest ja auch einfach eine Taschenlampe mitnehmen können, dachte er mit einem selbstironischen Lächeln auf den Lippen.

Andererseits würde sich außer den aufgeschreckten Waldtieren oder seiner Zielperson wohl niemand nachts im Wald aufhalten. Achtsamkeit war trotzdem geboten, denn der von Wurzeln durchwobene Untergrund hielt genügend Stolperfallen bereit. Es war kein vergnüglicher Gedanke, die restliche Nacht mit einem verstauchten Knöchel auf dem feuchten Erdboden zu verbringen. Auch wenn Ferdi alles andere als zimperlich war. Allerdings würde er vor dem morgigen Tag nicht mit Hilfe rechnen können. Keiner der Pilger hielt sich zurzeit in seiner Nähe auf. Keiner außer dem mysteriösen Signalgeber, seiner Zielperson, die sich irgendwo in diesem Waldgebiet herumtreiben musste.

Zum Donner, das sollte sie auch! Seit schätzungsweise zwei Stunden war Ferdi ihr dicht auf den Fersen und langsam wollte er Ergebnisse sehen. Immerhin ließ er sich schon eine Woche lang an der Nase herumführen. Der Vorstand hielt sich bisher mit Äußerungen zu diesem Vorfall sehr bedeckt, auch wenn es erste Gerüchte unter den Mondpilgern gab. Offiziell war die Störung durch einen Querschläger aber nicht bestätigt worden. Ferdi wusste es zwar besser, aber für die übrigen Mondpilger war es überhaupt schon unmöglich zu verstehen, wie jemand solche Signale aussenden konnte, ohne ein Mitglied in ihren Reihen zu sein.

Vor zwei Wochen war zum ersten Mal dieser Misston in ihrem sonst so harmonisch klingenden Universum ertönt. Es war eine spätabendliche Zusammenkunft gewesen, als der letzte Mann zu ihnen stieß und mit seinem Eintreten die Zahl „neunundvierzig“ verkündet wurde. Verblüffung war seine Reaktion. Schließlich war er sicher, dass draußen noch jemand herumstreifte. Der rote Vollmond hatte es ihm signalisiert. Rita, die gewissenhafte Vizevorsteherin, war noch einmal ihrem Dienst nachgegangen, indem sie alle Anwesenden, passend zu der Nummer ihres Amulettes, aufstehen ließ.

Tatsächlich waren sie vollständig versammelt.

Für die meisten ein Blitz aus heiterem Himmel, dachte Ferdi.

Plötzlich spürte er rhythmische Energiepulse auf Brusthöhe. Mit einer raschen Bewegung griff er nach seinem Amulett, das er offen über der Jacke trug. Ein helles Glimmen breitete sich aus der Mitte des roten Halbmondes aus. Dieses Signal war es, auf das er die ganze Zeit gehofft hatte. Der Querschläger musste sich also im näheren Umkreis befinden. Genau genommen, von seiner Position gesehen, in nordöstlicher Richtung.

Ferdi spürte wie der Energiestrahl sich zu einer feinen Verbindungslinie aufbaute und ihn vorwärts leitete. Impulsfaden nannten sie es.

Und alles das ohne Zachéli, ärgerte er sich und stolperte weiter.

Ferdi war lange nicht ohne den Schutzschild gewandert. Er hielt es auch nicht für besonders klug. Doch andernfalls würde er nicht den Funken einer Chance haben, den Querschläger zu finden. Ein Funktionsfehler des Amuletts, wie er selbst fand. Denn erst wenn zwei oder mehrere Pilger zusammentrafen, konnten sie gemeinsam den Schutz namens Zachéli bilden. Der Haken war, dass sie damit kein Signal mehr von externen Pilgern wahrnehmen konnten. Einen Impulsfaden konnte das Amulett also nur dann aufbauen, wenn ein Pilger alleine unterwegs war.

Ferdi wurde geradewegs in einen jungen Tannenwald geführt. Der Baumbestand nahm an Dichte zu und verlor gleichzeitig an Höhe. Ferdi registrierte, dass er sich in Ortsnähe bewegen musste. Die Schonung verriet es ihm. Schützend hielt er einen Arm vor das Gesicht. Die nadeligen Zweige stachen ihm entgegen und rafften seinen Filzhut vom Kopf. Ein Fluch entfuhr ihm. Gut, dass er seine langen Haare gegen die eigentliche Gewohnheit in einem geflochtenen Zopf trug. Wenigstens bestand kein Zweifel, dass er sich auf dem richtigen Weg befand. Die Zielperson war zum Greifen nah, denn die Energiepulse konnten deutlicher nicht werden. Mit und mit lichtete sich das kratzige Gestrüpp. Vor ihm eröffnete sich jetzt eine moosige Lichtung, die sich, getaucht in das riesige Scheinwerferlicht des Mondes, wie ein Bühnenbild präsentierte. Ferdi hielt seinen Blick suchend auf diesen mystischen Ort gerichtet, der dramatischer nicht hätte sein können.

Perfekter Auftakt eines Duells, scherzte er in Gedanken. Ferdi rutschte ein wenig aus und sah zu Boden. Im Licht der flackernden Öllampe, das jetzt fast überflüssig war, kamen massige graue Wurzeln zum Vorschein, die zu einer knorrigen alten Eiche zogen. Die Königin der Lichtung, dachte er.

Dann stockte ihm der Atem. Ungläubig riss er die Augen auf und fixierte das, was er über sich auf einem Zweig des urigen Baumes zu sehen bekam. Entweder seine Müdigkeit spielte ihm einen Streich oder das Problem war weitaus größer als bisher angenommen!

Es war stockdunkel.

Nora versuchte sich in ihrem Umfeld zurecht zu finden, aber alles Augenreiben und Blinzeln half nichts. Die Panik darüber blind zu sein, drängte sich ihr auf. Etwas stimmte grundsätzlich nicht. Nora fühlte sich auf eine seltsame Art und Weise bewusst, hatte aber keinerlei Bezug zu ihrem Aufenthaltsort. Eigentlich musste sie schlafen, denn das Letzte, was sie in ihrer Erinnerung fand, war das Knips-Geräusch ihrer Leselampe, dann das wohlige Gefühl sich von ihrer Müdigkeit in den Schlaf treiben zu lassen. Vielleicht träumte sie. Aber Träume waren kein Rätsel, solange man sich in ihnen befand.

Das eigenartige Gefühl, in einer Art Grenzbewusstsein festzuhängen ergriff sie. Verzweifelt fing Nora an, über Umstände nachzugrübeln, die zu solch einem Erleben führen könnten. Nichts als beängstigende Möglichkeiten fielen ihr ein. Schwarz wie die Dunkelheit, die sie umschloss. Aber so schnell wollte sie sich nicht geschlagen geben.

Sie hatte eine Idee. Sie musste ihre Hand sehen! Auf jeden Fall musste sie es versuchen. Jemand hatte mal behauptet, dass kein Traum in der Lage sei, die einzigartigen Linien einer Handinnenfläche realitätsgetreu nachzubilden. Das wäre also ein Anhaltspunkt. Aber keine Chance, so lange sie absolut nichts sehen konnte.

Nora sammelte sich, um sich auf die übrigen Sinne, die ihr noch blieben, zu konzentrieren. Eindeutig saß sie auf etwas Hartem mit rauer Oberfläche. Gerade breit genug, um ihr Halt zu geben. Unter den Füßen spürte sie nichts, was ihren Puls unmittelbar in die Höhe schießen ließ. Mit der rechten Hand hielt sie sich an etwas fest und wagte es nicht, dieses Etwas los zu lassen, denn jede kleine Bewegung führte unter ihr zu einem bedrohlichen Schwanken. Aber die linke Hand war frei. Nora bewegte die Finger der freien Hand in Wellenbewegungen, erleichtert über das differenzierte Empfinden. Kurzentschlossen riss sie ihren Arm hoch, führte die Bewegung aber zu zügig aus und schlug sich vor die eigene Nase.

Schmerz kann ich also noch empfinden, dachte sie weniger erfreut.

Wieder wackelte und raschelte es unter ihr. Sie fühlte sich wie auf einer Schaukel.

Mal sehen, Nora begann den Kopf auf allen Ebenen zu bewegen.

Dann, sah sie es. Ganz zaghaft begann sie über sich undefinierte Schemen zu erkennen. Tatsächlich, weit über ihr schienen Abermillionen kleiner Lichtpünktchen. Vielmehr waren es tanzende, bunte Funken, die so unterschiedlich schillerten, als hätten sie sich aus einem Regenbogen gelöst. Nora war verzückt über diese Entdeckung und zugleich zutiefst beglückt, dass ihr Augenlicht zurückgekommen war.

Ein Geräusch, wie das Bersten trockenen Holzes, riss sie aus ihrer Euphorie. Alarmiert starrte sie hinunter und eine erschreckende Tiefe, aus der nun ebenfalls ein Lichtkegel auftauchte, tat sich unter ihr auf. Nora wurde schlagartig bewusst, dass sich unter ihr eine ringförmige Lichtung befand, umgeben von dichten Tannen. Sie selbst saß auf einem Baum, der alle anderen um einiges überragte. Das fremde Licht schlich sich immer näher, bis es den Stamm ihres Baumes erreichte.

Nora sah eine gespenstige Gestalt, wie eine lebendige Lichtquelle. Direkt unter ihr stand er, groß und schlank. Eine breite Hutkrempe verbarg sein Gesicht, bis er sich aufrichtete und erst ein starkes Kinn, schließlich das ganze Gesicht zum Vorschein kamen. Scharfe Augen peilten sie an.

Instinktiv klammerte Nora sich noch fester an den Baum, versuchte irgendwie in Deckung zu gehen. Doch es war zu spät.

Die Gestalt hob einen Arm, murmelte etwas Unverständliches gegen den Wind und richtete einen rot leuchtenden Stein auf sie.

Ein kräftiger Strahl bündelte sich und zielte auf den Mittelpunkt ihres Brustkorbs. Sofort verlor Nora jegliche Kraft. Sie konnte sich nicht mehr halten. Mit einem lautlosen Schrei stürzte sie in die Tiefe.

Der Mann mit der Lampe

Samstagmorgen.

Nora stellte mit einem Blick auf ihren Wecker fest, dass es bereits halb zehn war und sie den Signalton überhört hatte. Gequält richtete sie sich auf. Die Erinnerung an die vergangene Nacht klebte so unangenehm an ihr, wie das Nachthemd an ihrem Rücken. Nora war schlagartig aus dem Schlaf hochgeschreckt und aufrecht im Bett sitzend, mit flatterndem Atem und Paukenschlägen in den Ohren, ihrer Umgebung bewusst geworden. Wie so oft in letzter Zeit, war sie in Schweiß gebadet, Bettlaken und Plumeau komplett durchnässt. Kurzerhand hatte sie nach der Decke gegriffen, sie auf den Boden geschleudert und sich stattdessen in eine Wolldecke gewickelt.

Nora rieb sich das Gesicht. Es wunderte sie, dass sie überhaupt wieder hatte einschlafen können. Ein Windstoß zog durch das gekippte Fenster. Stark genug, den rostigen Teelichthalter, der an der Gardinenstange hing, quietschen zu lassen. Blitzartig entstand vor ihrem geistigen Auge ein Bild.

Der Mann mit der Lampe!

Sie musste sich irgendwie sammeln, schließlich war der Tag längst angebrochen und die Nacht würde zumindest für ein paar Stunden fern von ihr bleiben. Nora stellte fest, dass ihre Zunge förmlich am Gaumen klebte. Sie hatte schrecklichen Durst. Wankend stand sie auf und tapste über den kleinen Flur zu dem noch kleineren Badezimmer.

Früher war es ein Gästebad gewesen. Sie liebte das kleine Bad mit den hellbraunen Fliesen und den rosa geblümten Gardinen. Als Kind, wenn sie zu Besuch bei ihrer Oma Marianne war, hatte sie jedes Mal, wenn sie auf der Toilette saß, angefangen, die filigranen Blumenmuster zu zählen. Ein Tick vermutlich, denn sie wusste schon lange, dass es dreiundneunzig Stück waren. Zumindest auf dem rechten Gardinenschal. Jetzt war ihre Oma tot und sie allein in dem großen Haus.

Wie jeden Morgen schaltete Nora das Radio ein, ließ Wasser in das Waschbecken laufen und band ihre Haare hoch. Dann betrachtete sie kritisch ihr Spiegelbild, das sich in den letzten vier Jahren nicht viel geändert hatte.

Nichts zu sehen davon, dass ich achtzehn hin, dachte Nora unzufrieden. Doch ihr blieb keine Zeit noch weiter über ihr Außeres zu grübeln. Sie musste sich beeilen. In zwanzig Minuten würde sie schon abgeholt. Waren die Haare noch in Ordnung? Bei ihrem hellblonden Haar fiel schnell auf, wenn es nicht mehr ganz so sauber war.

Nora befand, dass es gerade noch ging. Sie musste für die heutige Arbeit schließlich nicht allzu gut aussehen. Sie wusch sich zügig, putzte die Zähne und schlüpfte dann in eine bequeme Leggins-Jeans und einen warmen Strickpulli. Sie frisierte sich den üblichen hohen Pferdeschwanz, die Wimpern tuschte sie dezent mit etwas braunem Mascara. Kajal fand sie überflüssig, da sie sehr dunkle Augen hatte. Ihre Sommersprossen ließ Nora wie immer unbedeckt.

Nora stieg die Treppe hinunter, die von dem kleinen oberen Flur in die größere Diele im Erdgeschoss führte. Es fühlte sich noch immer falsch an, ohne ihre Oma in diesem Haus zu leben, jedoch wollte Nora nirgendwo anders sein. Es war, als würde sich das I laus mit einem Mal an sein Alter erinnern. Alles was in diesen Wänden zuvor so makellos und belebt zu sein schien, wirkte jetzt fehlerhaft und unbelebt. Tag für Tag schritt der Verfall voran. Zuerst sah Nora es im Wohnzimmer, als die Tapetenstreifen an den Rändern an denen sie sich überlappten, mehr hervorstippten als sonst. Auch die Treppenstufen, die aus gutem Holz waren, knarrten mehr als sonst. Die Krönung kam mit dem Wasserschaden, der die Küchendecke derart aufweichte, dass sie drohte herabzusacken. Ein Schaden nach dem anderen musste behoben werden. Nora kannte einige Handwerker schon beim Namen.

»Na Mädchen, was steht denn dieses Mal an?«, fragte der Klempner Erik Friese dann.

Nora war nicht bereit für den neuen Tag. Alles an ihr fühlte sich schwer und elend an. Halbherzig kippte sie erst Müsli, dann Sojamilch in eine kleine Porzellanschüssel und fing träge an zu löffeln. Hoffentlich bringt jemand Kaffee mit!, dachte sie.

Denn,um sich selbst einen zu kochen, würde ihr keine Zeit mehr bleiben.

Suchend griff sie nach ihrem Anhänger, den sie an einer langen feinen Kette um den Hals trug. Dieses seltsame Schmuckstück hatte sie bei Aufräumarbeiten auf dem Speicher gefunden, den sie im Rahmen einer „Auflösung“ durchforstete. Nora legte das kühle Amulett nachdenklich an ihre Lippen. Dann zog sie es kurzentschlossen über den Kopf, stand auf und ließ es in einer Küchenschublade verschwinden. Nicht, dass ich die Kette bei der Arbeit verliere!

Im selben Moment, als sie aus der Küche in das Wohnzimmer trat und von dort in die Diele ging, hörte sie draußen eine Autotür schlagen. Das würde ihre Freundin Esther sein, um sie wie vereinbart als Helferin für die Vorbereitungsarbeiten des abendlichen Dorffestes abzuholen.

Der Wettervorhersage widersprechend, war es ein sonniger Vormittag. Der nahende Herbst zog mit gewaltiger Farbkraft ein. Nora spürte schon nach zwei Stunden der Arbeit jede Faser ihres Körpers. Diese Art der Anstrengung war sie nicht gewohnt.

Erst mussten massenhaft Getränkekästen aus einem Lieferwagen gewuchtet werden, anschließend wurden Tische und Bänke aufgestellt und zuletzt half sie, große Planen für die Unterstände auszubreiten und sie an den zusammengesetzten Gestellen zu befestigen.

Jedes Jahr am ersten Septemberwochenende wurden Freiwillige gesucht, die sich an den Vorbereitungen für das große Dorffest beteiligten. Die drei eng beieinander liegenden Ortschaften beschlossen einst, ihre Gemeinschaft einmal jährlich zu feiern. Üblicherweise stieß die Aktion auf rege Beteiligung, nicht zuletzt, weil es für die Helfer den ganzen Abend lang Freibier gab. Das war nicht Noras Motivation.

»Ich dachte du machst eine Pause?«

Nora wandte sich leicht taumelnd um. Tino, der Sohn ihrer Stamm-Eisdiele in der Kleinstadt, grinste sie an. Seine Eltern gehörten zur Dorfgemeinschaft. »Das ist mir leider noch nicht gelungen. Du siehst ja, was hier los ist«, antwortete sie.

»So hast du wenigstens Mal was zu tun!« Tino klopfte ihr lachend auf die Schulter. »Komm schon, was ist denn? Das war nur ein bisschen Spaß!«

»Den hattest du ja jetzt«, entgegnete sie kühl. »Weißt du, mir geht es zur Zeit echt bescheiden.«

Tino musterte sie als müsste er ihre Aussage mit der äußeren Erscheinung abgleichen. »Stimmt, du siehst nicht besonders gut aus«, schloss er. »Etwas kaputt… Nein! So war das nicht gemeint!«, setzte er schnell hinzu, als Nora die Arme verschränkte und ihn gereizt anblitzte.

Er selbst war der Inbegriff gesunden Aussehens. Sein honigfarbener Teint ließ ihn immer aussehen, als sei er frisch aus dem Urlaub zurück. Seine geraden weißen Zähne bildeten einen hübsehen Kontrast dazu. Trotzdem war er sich der anhimmelnden Blicke junger Mädchen anscheinend nicht in vollem Umfang bewusst. Was eigentlich auch besser war.

»Ein Gentleman bist du nicht gerade«, stellte Nora fest.

»Nein, aber dafür ehrlich.«

»Meinetwegen«, räumte sie ein, da sie keine Lust auf weitere Haarspalterei hatte.

In dem Moment fuhr ein roter Traktor, der einen vollbeladenen Anhänger hinter sich herzog, auf die buckelige Rasenfläche. Zu allem Überfluss ließ er ein kräftiges Hupen ertönen. Nora zuckte zusammen.

»Das ist unser Holz! Da wollte ich helfen!« Tino hechtete los. »Bis später dann! Hey, noch ein Stück hier rüber bitte!«, rief er und winkte dem Fahrer zu.

Wie immer sollte das Holz in der Mitte des Platzes zu einer großen Pyramidenform gestapelt werden.

Nora sah noch einen Moment zu, wie Tino und zwei weitere Männer voller Tatkraft begannen das Holz abzuladen, dann wandte sie sich ab. Für die nächste Zeit würde er erst mal beschäftigt sein. Sie atmete erleichtert auf und fing an, sich den schmerzenden Nacken zu massieren. Ist das schon wieder so ein Stresssymptom?

»Nora?«, hörte sie jemanden ihren Namen sagen. »Entschuldige, ich wollte dich nicht erschrecken«, lachte Esther, »ich mache jetzt Pause, kommst du mit? Du hast bestimmt noch kaum was gegessen, oder?«, sie runzelte fragend die Stirn.

Nora bemerkte, dass Esthers Füße in knallroten Gummistiefeln steckten, die so locker saßen, dass sie sicher zwei Nummern zu groß waren.

»Warum starrst du so auf meine Stiefel?«

Nora riss sich zusammen. »Entschuldige… Ich bin wohl nicht ganz anwesend. Letzte Nacht bin ich wieder von einem dieser Albträume terrorisiert worden. Also, ich komme gerne mit um eine Pause zu machen.«

Esther kräuselte die Stirn noch intensiver, zog ihre schmutzigen Arbeitshandschuhe aus und warf sie beherzt auf eine Kiste. »Ich denke so langsam, dass das nicht normal ist mit diesen Träumen! Du solltest mal darüber nachdenken, woher das kommt und gegebenenfalls mit einem Therapeuten sprechen. Ich muss jetzt jedenfalls etwas essen, sonst fängt mein Magen an sich selbst zu verdauen.«

Nora verzog angewidert das Gesicht.

»Entschuldige, ich habe vergessen, dass du Probleme damit hast, wenn man über das redet, was jeder von uns in sich trägt.« Esther blieb ernst aber in ihren grau-blauen Augen lag ein spöttisches Blitzen.

Nora ließ den Beitrag unkommentiert und folgte schweigend zu dem blauen Kangoo, der ein Stück abseits geparkt stand.

Esther war nicht nur neun Jahre älter, sondern auch um einen ganzen Kopf größer als Nora.

Kennengelernt hatten sie sich in einem Kick-Boxen Kursus eines Fitnesscenters, das Nora nicht sehr lange besuchte. Sie hoffte damals im übertragenen Sinne schlagfertiger werden zu können, stellte aber mangelnde Kondition und Koordination fest. Esthers Motivationsreden halfen nicht.

Esther schloss das Auto auf, reichte Nora ein Kissen und ließ eine Decke neben sie auf ein Mäuerchen fallen. Dann hob sie einen Korb aus der Beifahrertür, kletterte auf die Mauer und machte es sich im Schneidersitz bequem.

»Im Angebot habe ich zum einen belegte Brote«, sie holte eine große Brotdose aus dem Korb, »zum anderen ein paar Weintrauben oder eine Banane, wenn du möchtest. Hauptsache du isst irgendwas! Du bist bald nicht mehr als ein Strich in der Landschaft.«

»Übertreib‘ mal nicht! Du bist größer und in meinen Augen trotzdem schlanker als ich! Du dürftest mir so etwas also gar nicht sagen, sonst denke ich, dass ich wirklich dick gewesen bin.«

»Unsinn, du kannst gar nicht dick sein. Außerdem meine ich das ernst. Du hast seit der Beerdigung deiner Oma kaum ordentlich gegessen.«

»Ich trauere eben.«

Esther nickte verständnisvoll, dann schloss sie die Augen und genoss den zarten Sonnenschein auf ihrem Gesicht. »Eine wunderbare Luft ist das heute. Ich liebe diese Jahreszeit!«

»Ja, stimmt«, pflichtete Nora ihr bei und biss hungrig in ihr Brot mit Frischkäse und Petersilie.

»Möchtest du einen Kaffee trinken?«, fragte Esther.

»Du hast Kaffee?« Noras Gesicht hellte sich auf. »Warum rückst du erst jetzt damit raus!« Aber gegen diese elende Müdigkeit wird auch das nicht helfen.

Warum wiederholten sich diese merkwürdigen Träume ständig? Zwar variierten sie, aber ein Zusammenhang war offensichtlich. Der Traum der vergangenen Nacht besaß allerdings noch eine andere Qualität. Nora war sich bewusster vorgekommen. Bild für Bild war die Erinnerung über den Morgen hinweg wieder aufgetaucht. Sie erinnerte sich an ein Licht, das durch einen dichten Wald auf sie zusteuerte. Dann eine männliche Gestalt mit Hut.

Nora schüttelte ratlos den Kopf.

»Was ist los? Denkst du an Tino?« Esther, die sie von der Seite beobachtete, hob neckend eine Augenbraue.

Prompt spürte Nora wie sie errötete. Ihre blasse sommersprossige Haut bot leider in mehrfacher Hinsicht keinen Schutz.

»Nein«, nochmals schüttelte sie den Kopf, »auch wenn ich gerade rot werde! Du brauchst gar nicht so komisch zu grinsen.«

»Eigentlich schade.« Esther zuckte mit den Achseln. »Als Italiener liebt er bestimmt dein sonnengleiches Haar und deine unwiderstehlichen Rehaugen.«

»Er ist nur halber Italiener. Außerdem alles andere als ein Gentleman! Könnten wir bitte das Thema wechseln?«

Esther zwinkerte. »Ich mache doch nur Spaß. Übrigens, ich muss gleich nochmal weg. Ich habe vor dem Abend noch was zu erledigen. Die Nacht wird bestimmt lang.«

»Bestimmt! Letztes Jahr war selbst meine Oma noch bis zwölf Uhr dabei, obwohl sie kein Fan von Bier und Schlager gewesen ist.«

»Ja, Marianne war eine lebensfrohe ältere Dame«, meinte Esther.

»Und ich verstehe immer noch nicht, warum sie so plötzlich verstorben ist? Sie war doch noch in Top-Form?!«, entfuhr es Nora.

Esther griff nach ihrer Hand und sah sie mitfühlend an. Viel zu sagen wusste sie nicht mehr. Was sollte man auch in ein paar einfache Worte packen, damit es auch nur annähernd der Leere, die ein Verstorbener hinterließ, gerecht wurde? Ein ganzer Kosmos brach weg.

Im Juni war Marianne Theiss gestorben und beerdigt worden. Sie wurde nur einundsiebzig Jahre alt.

Als Nora die Schule abschloss und ganz in der Nähe ihrer Oma einen Teilzeitjob bekam, war sie aus praktischen Gründen zu ihr gezogen. Es sollte eine vorübergehende Lösung sein, bis Nora sich über ihre konkreten Zukunftspläne im Klaren war. Doch die zündende Idee war ihr noch nicht gekommen.

Nachdem die Freundinnen sich gestärkt hatten, verabschiedeten sie sich vorläufig voneinander und Esther stieg in ihren Wagen. Sie winkte Nora zum Abschied, dann fuhr sie davon. Noch einmal blickte sie in den Rückspiegel und sah wie ihre Freundin wieder in Richtung Festplatz schlenderte.

Das Ziel der Fahrt war Esther selbst nicht bekannt. Die letzten Male hatten sie zwar immer dasselbe Waldgebiet aufgesucht, der Treffpunkt wurde aber jeweils um ein paar hundert Meter versetzt. Sie könnte vielleicht jemanden anrufen und fragen ob er Näheres wusste, denn es war nicht einfach, den gewählten Ort aus der Ferne anzupeilen. Allerdings hatte sie noch keine engeren Kontakte knüpfen können. Esther beschloss, zunächst in die Richtung des abgesteckten Bereiches zu fahren, in dem die jüngsten Zusammenkünfte der Mondpilger gewesen waren. Fröstelnd drehte sie die Autoheizung auf die höchste Stufe. Der Himmel hatte sich zugezogen und dicke, schwere Regenwolken hingen über dem Land.

Gleich halb zwei, stellte sie mit einem Blick auf die Uhr fest, hoffentlich hat es sich bis um sechs Uhr ausgeregnet. Könnte sonst ungemütlich werden, unser Dorffest.

Eigentlich passte es ihr überhaupt nicht, jetzt irgendwo in die Wildnis zu stapfen. Sie fragte sich auch, wer überhaupt um diese Zeit an einem Samstag kommen konnte. Manch einer war bestimmt mit seiner Familie unterwegs.

Jeder Pilger hielt es etwas anders mit der Familie. Eine ihrer gemeinsamen Richtlinien war die Wahrheitsliebe. Unter diesem Siegel wurde in grauer Vergangenheit beschlossen, reinen Wein einzuschenken und die Angehörigen als Mitwissende teilhaben zu lassen. Das bedeutete, dass die Familien unter Eid standen, niemandem von den Mondpilgern zu erzählen.

Esther nahm an, dass die spontane Versammlung aus einem Notfall einberufen wurde. Zuvor angekündigt, wie das normalerweise geschah, wurde sie nämlich nicht.

Just in dem Moment, als sie den Picknickkorb aus dem Auto hob, hatte sie unter ihrem Pullover den Energiestoß wahrgenommen. Innerlich verdrehte sie die Augen, als ihr klar wurde, was das bedeutete. Ein solcher Impuls stammte immer von höchster Instanz. Ab dem Impuls blieben neunzig Minuten Zeit, bis mit ihrer Anwesenheit, wenn irgend möglich, gerechnet wurde. Esther wurde wie jedes Mal nervös. Noch keine fünf Monate waren vergangen, seit es eines sonntagnachmittags bei ihr klingelte und Marianne mit schicksalsschwerer Miene vor ihr stand. Es war eine irreale Situation. Esther befürchtete sofort, Nora wäre etwas zugestoßen. Aber Marianne beruhigte sie und bat darum ungestört mit ihr reden zu können. Bei einem frischen Pfefferminztee mit Blättern aus dem eigenen kleinen Beet, hörte Esther das erste Mal von den Mondpilgern.

Esther kannte sich immer schlechter aus. Sie überlegte an den Straßenrand zu fahren, um auf ihr Amulett zu schauen. Die Pulse unter ihrem Pullover waren so stark, dass sich bestimmt schon ein Impulsfaden bildete. Gerade, als sie in eine Bucht einlenken wollte, erspähte sie etwas weiter die Straße hinunter einen kleinen Parkplatz, der verdeckt hinter der nächsten Linkskurve lag. Zögernd fuhr sie weiter, froh darüber, dass keiner hinter ihr war.

Das ist Toms Auto!, jubilierte sie innerlich, als sie das andere Fahrzeug mit dem Anti-Atomkraft Aufkleber erkannte. Wenn möglich, sollten maximal drei Mitglieder von demselben Ort aus zu ihrem Treffpunkt gehen. Heute musste sie keinen alternativen Anlandeplatz suchen. Zufrieden mit ihrer Leistung fuhr sie auf den unebenen Parkplatz, stellte den Motor ab und zog die Handbremse an. Sofort, als sie ausgestiegen war, holte sie das Amulett hervor. Von der Mitte aus, in der zwei Monde eingelassen waren, baute sich bereits ein roter Impulsfaden auf. Er war in seiner Ausdehnung so fein, dass Esther mit bloßem Auge nicht sehen konnte, wo er endete. Was sie sehen konnte, war in welche Richtung er zeigte. Rot deutete immer auf Mitglieder oder die Richtung des Versammlungsortes hin. Weiß hingegen fürchtete sie. Es bedeutete, dass sich ein Schatten in der Nähe aufhielt. Dann würde kein Impulsfaden entstehen, sondern der weiße Halbmond, der sich unterhalb an den roten Vollmond schmiegte, würde beginnen zu leuchten. Das Amulett verfügte über weitere Funktionen, die Esther noch nicht alle kannte.

Esther marschierte los und gelangte, einem schmalen Trampelpfad folgend, immer tiefer in den entlegenen Wald. Sie fröstelte und die innere Anspannung nahm zu. Mit zittrigen Fingern hielt sie ihr Amulett umschlossen. Die Energie in dem vermeintlichen Schmuckstück war spürbar. Es war ein wenig so, als würde es geringfügig unter Strom stehen. Esther registrierte, dass der blutrote Vollmond an Helligkeit gewann, bis er schließlich in hellem Himbeerrot erstrahlte. Viele Meter lagen schon hinter ihr, als der Pfad sich unter bodendeckenden Pflanzen verlor. Sie sah auf den Impulsfaden, der sie dazu drängte, sich auf eine Anhöhe zu begeben. In dem Moment musste sie niesen. Hoffentlich bin ich bald da, um mich aufwärmen zu können…

Sie kraxelte den Hang hinauf, suchte nach Halt und riss dabei eine Wurzel aus. Immer wieder drohte sie abzurutschen. Als sie schließlich über den Hang hinweg gestiegen war, gelangte sie in eine Senke, in der ein gewaltiger mit Efeu bewachsener Fels auftauchte.

Hier muss es sein, schloss sie, als die Impulse stabil blieben.

Doch sehen oder hören konnte sie niemanden. Esther sah sich suchend um und erspähte eine schmale Öffnung in der Felswand, die sie nicht bemerkt hätte, würde davor nicht ein Stock senkrecht im Boden stecken. Glücklicherweise nutzten die Pilger solche schlichten Zeichen als Hilfsmittel. Sie ging um den Stock herum und schob ein paar Efeuranken zur Seite. Dann schlüpfte sie in geduckter Haltung hindurch. Kaum auf der anderen Seite angelangt, schlug ihr ein angeregtes Stimmengewirr entgegen.

»Herzlich willkommen Esther!«, wurde sie am Eingang von Rita begrüßt, einer Frau mittleren Alters, die wie immer adrett gekleidet war. Sie hielt das Amt der Vize-Vorsteherin inne, falls Aaron van Norden einmal ausfallen sollte. Das war aber noch nie passiert.

»Zweiundzwanzig!«, sagte sie laut und Esther wusste, dass das ihr galt. Sie war die Zweiundzwanzigste, die hinzugestoßen war.

»Doch so viele?! Was ist denn eigentlich los?«

»Das wird uns gleich mitgeteilt. Ich denke es geht um diesen mysteriösen Querschläger. Der Vorstand wird neue Ergebnisse haben.«

Das klang so, als hätte Aaron Rita nicht eingeweiht.

»Ach so«, sagte Esther.

»Dreiundzwanzig«, rief Rita in dem Moment und Esther wich einem korpulenten Mann aus, der sich durch die Öffnung zwängte. Manchmal geht es hier ein wenig wirr zu, dachte sie mit einem Schmunzeln. Wenigstens war es angenehm warm. Ihr Stimmungsbarometer stieg direkt um einiges an.

»Und vierundzwanzig.«

Der Nächste drängte schon hinein

Esther registrierte, dass sie im Weg stand, lächelte Rita noch einmal zu und suchte sich einen Stehplatz, möglichst in einer der hinteren Reihen. Oft standen sie bei ihren Versammlungen, hin und wieder kam es aber auch vor, dass sich jemand die Mühe machte und für Sitzgelegenheiten sorgte. Das heutige Treffen war sicher zu spontan gewesen.

Esther sah sich aufmerksam an ihrem heutigen Treffpunkt um. Es blieb ihr auch nicht viel anderes übrig, da sie die Leute noch nicht gut genug kannte, um einen lockeren Plausch zu halten.

Sie befanden sich in einem alten Steinbruch, der so beschaffen war, dass die hochragenden Felswände beinahe einen Kreis ergaben.

Esther sah auch, dass eine Seite wohl mal offen war, dass dort aber inzwischen ein dichter Baumbestand für Geschlossenheit sorgte. Hinter sich auf dem Boden entdeckte sie eine schmutzige Bierflasche, die mit Sicherheit schon länger dort lag, denn sie war halb zugewuchert.

In dem Steinbruch befanden sich inzwischen an die dreißig Personen. Neunundvierzig Mitglieder waren es insgesamt, aber die würden heute sicher nicht zusammenkommen. Die unterschiedlichsten Menschen waren Teil der Mondpilger.

Esther beäugte zwei tuschelnde Mädchen, die vielleicht erst sechzehn Jahre sein mochten. Die ältesten dagegen waren um die siebzig. Viele beschlossen in dem Alter einen würdigen Nachfolger auszumachen.

Wie sollen ältere Menschen auch solche Hänge hochkommen?

Esther fühlte sich mit Haut und Haar ergriffen von dieser neuen Welt. Warum sie zu einer Mondpilgerin geworden war, wusste sie nicht genau. Mariannes Erklärung dazu war nebulös gewesen. Auch von den anderen Mondpilgern konnte ihr bisher niemand eine zufriedenstellende Antwort geben. Sie wusste bisher nur, dass fünf Tugenden entscheidend waren. Sie war auf diese geprüft worden, hatte bestanden und wurde in einer offiziellen Zeremonie aufgenommen.

Es fing an zu regnen. Die letzten zwei Ankömmlinge, die Esther bemerkte, kamen mit tropfend nassen Sachen in den Steinbruch. Dennoch war es an diesem Ort, wie an allen anderen Versammlungsorten, warm und trocken. Sie trafen sich zwar ausschließlich draußen, in möglichst abgelegenen Gebieten, aber sobald eine bestimmte Anzahl der Mitglieder anwesend war, konnte die Energie der Amulette zusammenfließen, um einen gemeinsamen großen Schutzschild zu bilden, der alle Witterung von ihnen fernhielt. Esther musste dafür nichts weiter tun, als bei ihrem Eintreten das Amulett offen zu tragen und es kurz in die Höhe zu halten. Sie stellte sich den Schild wie eine Art Käseglocke vor, denn sehen konnte man ihn nicht. Nur die Wärme unter dem Schild und die Eigenschaft, dass der Regen von ihm abprallte, machte ihn auf eine faszinierende Art und Weise sichtbar. Gespräche die sie führten, konnten nach außen nicht gehört werden.

Esther sah, wie über ihnen lautlose Regentropfen aufschlugen und in tausende glänzende Spritzer zerplatzten.

»Zauberhaft, nicht wahr?« Die unerwartete Ansprache ließ sie zusammenzucken »Bist du neu hier?«, fragte ihr Nachbar, als sie nicht sofort reagierte.

Esther war verblüfft von seiner Gestalt und der Tatsache, so dicht neben ihm zu stehen. »Nein, nicht direkt. Also, meine Aufnahme war am ersten August.«

»Ach, stimmt!«, der Mann tippte sich vor die Stirn. »Mariannes Nachfolgerin! Tut mir leid, ich habe nicht dabei sein können«, er wirkte aufrichtig, »das kommt zwar etwas verspätet, aber ich gratuliere zu der Mitgliedschaft! Und herzliches Beileid natürlich, wegen deiner Oma…«

»Nein. Also ich meine, Dankeschön für die Gratulation! Aber Marianne war nicht meine Oma.«

»Ach so. Bestand auch sonst keine Verwandtschaft oder so was mit ihr?«

Esther schüttelte den Kopf.

»Hm, das ist ungewöhnlich. Ich bin übrigens Ferdinand.«

»Ich weiß«, brachte Esther hervor, warf einen scheuen Blick auf seine Nase und meinte zu verstehen, woher sein Kosename der Falke stammte. Ob er sich mal das Nasenbein gebrochen hat?, fragte sie sich. Auch wenn die Nase im Profil betrachtet wie ein spitzer Haken hervorstach, fiel ihr auf, dass sie etwas zur linken Seite abwich. Alles in allem war er, allein durch die langen gewellten dunkelblonden Haare, eine markante Erscheinung. Er hingegen hatte sie bisher anscheinend nicht wahrgenommen. Esther musste sich eingestehen, dass sie darüber etwas enttäuscht war. Vielleicht liegt es an meinen kurzen Haaren, die auf ihn zu bieder wirken? »Ich heiße Esther«, sagte sie als ihr auffiel, dass sie an der Reihe war sich vorzustellen.

Ferdi vollführte eine höfliche Geste, die wohl so viel wie »angenehm« heißen sollte.

Nicht nur seine Nase ist schief, auch sein Lächeln, schoss es Esther in den Kopf.

Esther hatte kaum mitbekommen, wer sonst noch alles neben ihr stand. Noch unterhielten sich die Mondpilger angeregt, auch wenn die Blicke immer wieder nach vorne gingen, wo ein improvisierter, hölzerner Podest aufgebaut war. Rechts und links zu den Seiten standen bereits entzündete Fackeln, für die Rita gesorgt hatte.

Gerade als Esther überlegte, wie ihre Unterhaltung mit Ferdi weitergehen könnte, klatschte jemand mehrfach laut in die Hände. Unverzüglich zog Stille ein.

Die Aufmerksamkeit der Anwesenden richtete sich nach vorne zu dem Podest, auf dem Rita in aufrechter Pose stand, bereit die Versammlung zu eröffnen. Der erste Vorsteher stand noch etwas abseits der Bühne. Das Flackern der Fackeln warf Schatten in sein Gesicht. Aaron van Norden war für die meisten eine Ehrfurcht einflößende Person.

»Liebe Pilger!«, rief Rita. »Ich heiße euch alle herzlich

willkommen! Wie ihr wisst, ist die heutige Versammlung eine außerordentliche Zusammenkunft. Der Anlass ist, dass wir nun bestätigen können, dass innerhalb der letzten zwei Wochen mehrere Nächte zu verzeichnen sind, in denen ein Unbekannter, der unrechtmäßig in Besitz eines Amuletts geraten sein muss, oder jemand der seine Mitgliedschaft missbraucht, sein Unwesen treibt! Das bedeutet, dass er sich ohne Zachéli auf Wanderschaft begibt und damit sich und uns als Gruppe, die Blöße gibt. Zumal er nicht der eigentlichen Aufgaben eines Mondpilgers nachgeht.«

»Das ist ja ungeheuerlich!«, rief jemand dazwischen. »Dieser Verräter soll sich stellen! Feigheit können wir in unseren Reihen nicht brauchen!«

Allgemeine Zustimmung wurde laut.

»Ich bitte darum«, fuhr Rita unbeeindruckt fort, »dem was an diesem Nachmittag zu sagen ist erst einmal Gehör zu schenken, bevor voreilige Schlüsse gezogen werden! Das gilt auch für die Älteren unter uns, Carl!« Ihr Blick ruhte auf dem empörten Redner, der in der vordersten Reihe stand.

Esther meinte von ihrem Platz aus in ihm den korpulenten Mann zu erkennen, der direkt nach ihr gekommen war.

»Vorwegnehmen darf ich bestimmt«, fuhr Rita fort, »um die Stimmung zu entschärfen, dass es niemand ist, der offiziell zu dem Kreise der Mondpilger zählt.«

»Was?!«, entfuhr es einer Frau neben Esther, »das ist doch gar nicht möglich!«

»Seit Anbeginn dieser Vereinigung, gibt es neunundvierzig Pilger à neunundvierzig Amulette!«, donnerte Carl aufs Neue los. »Über diese Anzahl von Pilgern geht nichts hinaus! Nur durch die Weitergabe des Amuletts ist doch eine Teilhabe möglich!«

»Ich bitte nochmals um Ruhe!«, erhob sich eine sonore Männerstimme, die kräftig genug war, den steigenden Lärmpegel zu übertönen. Sofort war es mucksmäuschenstill.

Aaron van Norden stieg das Podest empor, um sich in seiner ganzen stattlichen Größe neben der Vize-Vorsteherin aufzubauen, die respektvoll zur Seite trat.

»Wir alle kennen diese Bedingungen, ich denke kaum, dass hier irgendwer einer Belehrung bedarf!«

Wie ein beschämter Schuljunge, senkte Carl den Kopf. Auch wenn Aaron ihn nicht direkt ansah, wusste er natürlich, wem die Worte galten.

»Wir werden nun fortfahren. Das hier ist keine Diskussionsrunde! Der Auftrag, den ein geschätztes Mitglied übernommen hat, wurde in der letzten Nacht erfolgreich beendet. Nach einer Woche der Suche, hat unser Falke den Querschläger aufgespürt. Ferdinand! Komm doch bitte nach vorne und berichte uns.« Aaron winkte ihn herbei.

Ein Raunen erfüllte den Steinbruch.

Ferdi richtete seine Jacke und sah sich einen Augenblick zögernd um. Dann bahnte er sich einen Weg nach vorn durch die Reihen, die sich für ihn öffneten. Er ging an den Mondpilgern vorbei und polterte mit seinen schweren Stiefeln auf den Podest. Ferdi räusperte sich in seine Faust.

»Ähm, gut. Ich sag es mal so«, fing er sogleich an, »ich bin äußerst froh fündig geworden zu sein! Es wurde langsam etwas anstrengend ohne Zachéli… Jedenfalls ist sie nicht mit hellem Verstand unterwegs. Das Mädchen, das ich letzte Nacht gefunden habe, trägt ein Amulett. Es muss das Amulett im Schlaf getragen haben. Also, sie hatte ein Nachthemd an. Sah richtig unheimlich aus, so halb durchsichtig mit diesem weißen Ding und dann auch noch die hellen Haare.« Ferdinand hielt einen Moment inne, dann nahm er die fragenden, teils verwirrten Gesichter der Mitglieder wahr. »Oh, Pardon. Ihr wisst ja vielleicht, dass ich nicht der beste Redner bin. Deswegen bin ich auch nicht der Vorsteher.« Er wies mit dem Daumen zu Aaron, der die Stirn runzelte.

Einige der Versammelten lachten vorsichtig.

»Der Querschläger ist, um es kurz zu machen, also eine Querschlägerin. Ein Mädchen von vielleicht…«, Ferdi machte eine abwägende Handbewegung, »fünfzehn Jahren. Ich entdeckte sie in einem Tannenwald auf einem Kastanienbaum sitzend.«

Allgemeines Schweigen.

Aaron gab ihm zu verstehen, mit seinem Bericht fortzufahren. Ferdi nickte, seine Augenbrauen schnellten zusammen.

»Das Mädchen ist sich nicht klar über das, was sie tut. Aber sie hat die deutliche Aura einer Pilgerin, wenn ich das so sagen darf. Ich konnte sie nämlich durch recht starke Energiepulse ausfindig machen. Viel mehr kann ich zum jetzigen Zeitpunkt auch nicht sagen. Nur eines vielleicht noch! Ich habe das eigene Energiefeld gegen sie richten müssen. Sie hat mich sehen können, also habe ich die energetische Wirkung ihres Amulettes blockiert. Sie wusste dem nichts entgegen zu setzten, verlor die Kontrolle stürzte und verschwand. Ich meine natürlich, sie erwachte körperlich von ihrem Ausflug.«

»Wie sah sie denn aus?«, fragte jemand.

»Hmm«, Ferdis Augen wurden zu Schlitzen. »Ich denke, ich kann sie nur ansatzweise beschreiben, aber ich versuch´s! Wie gesagt hat sie längeres, helles Haar, ist eher klein und schlank. Die Augenfarbe und so weiter konnte ich natürlich nicht sehen, dafür war es zu dunkel und ich noch zu weit weg. Aber sie trug dieses Nachthemd…« Er zuckte mit den Schultern.

»Dann danken wir für den ausführlichen Bericht«, schloss Aaron den Vortrag.

Ferdi nickte knapp und verließ dankbar das Podest, um sich zu den Pilgern in die erste Reihe zu stellen.

Esther deutete die folgende Stille als eine Art Schockzustand. Sie selbst, die sie noch nicht lange zu den Mondpilgern gehörte, hatte zwar auch die Undenkbarkeiten aus dem Gesagten heraushören können, wunderte sich aber nicht zu sehr. Schließlich war alles für sie noch höchst wundersam. Ähnlich aber, wie ihr Beitritt zu den Pilgern damals ihr Leben umgekrempelt hatte, musste dieser Bericht nun auch die festen Überzeugungen der langjährigen Pilger in Frage stellen.

Aaron schien auf solch eine Reaktion vorbereitet zu sein. Nichts in seiner aufrechten Körperhaltung und der festen Stimme deutete jedenfalls auf das Gegenteilige hin. Trotzdem wurde Esther den Verdacht nicht los, dass er nicht nur die Mitglieder beruhigen, sondern schlichtweg seine Rolle als kompetenter Vorsteher wahren wollte. Für ihre Wahrnehmung, stand er jedenfalls einen Deut zu gerade.

»Liebe Mondpilger«, begann er, »euch ist bekannt, dass von einer Schlafwanderung abzuraten ist. Sie birgt nichts Gutes, denn sie kann schlimmstenfalls zu einer Persönlichkeitsspaltung führen! Ferdinand hat die Koordinaten des Ortes des gestrigen Zusammentreffens festgehalten. Was für ein Glücksfall, dass nur etwa einen Kilometer von der Lichtung entfernt, ein großer Schotterplatz angrenzt, der für Festivitäten genutzt wird. Heute Abend wird auf diesem Platz ein Fest veranstaltet!«

Esther fühlte sich angestupst als sie merkte, wie Aaron direkt in ihre Richtung sah und die Blicke der Mondpilger folgten, um ebenfalls auf ihr zu landen. Sie schluckte nervös.

»Es wird kein Zufall sein, dass sich das Mädchen, in ihrem vermeintlichen Traum, gerade in diesem Waldstück herumtreibt. Sie wird einen Bezug dazu haben. Dem Rat ist bekannt, dass dort in der Nähe heute einige unserer Mitglieder einem großen Dorffest beiwohnen werden. Darunter auch Esther Pinter, nicht wahr?«

»Ja, richtig«, stammelte sie aus ihrer unvorbereiteten Situation heraus, etwas sagen zu müssen.

»Ich bitte dich, ein besonderes Auge auf alles zu haben, was in deinem Umfeld geschieht!«

»Ja, das werde ich haben. Ich werde achtgeben«, hörte sie ihre Stimme fremd von den dicken Wänden des Steinbruchs widerhallen.

Das Dorffest

Die Dunkelheit war längst hereingebrochen.

Nora stocherte mit dem Stock, von dem sie zuvor das halbgare Stockbrot abgezogen hatte, um es mit Marmelade zu füllen, in dem sandigen Boden zu ihren Füßen. Ein paar Meter vor ihr brannte ein tüchtiges Feuer. Die Flammen schlugen züngelnd zum Sternenhimmel auf, bis sie sich, kleinen quirligen Wesen gleichend, losrissen und im Nichts verschwanden.

Zum Glück war der Regen, der am frühen Nachmittag über sie hinweggezogen war, längst wieder in Vergessenheit geraten. Die bunte Schar der Besucher verteilte sich zahlreich über das ganze Gelände. Die Bänke waren voll besetzt und auch um die Stehtische standen eng an eng die munter plaudernden Leute. Etliche hockten, wie Nora selbst, auf Baumstämmen, die in gebührendem Abstand rund um das Feuer verteilt lagen. Vorletztes Jahr war ein betrunkener Mann in die Flammen hinein gestolpert. Bis auf mittelschwere Verbrennungen an Oberarm und Schulter war ihm nichts geschehen. Allerdings gab es seit diesem Vorfall eine mit Weste gekennzeichnete Aufsicht von drei Personen, die mit ihrer Aufmerksamkeit für mehr Sicherheit sorgte.

Wie jedes Jahr wurde geredet, gelacht, gesungen, getrunken und gegessen. Einige tanzten zu der Musik, die von einem DJ arrangiert wurde.

Immerhin ist er besser als der DJ vom letzten Jahr, dachte Nora, konnte sich aber dennoch wenig begeistern.

Sie beobachtete die Dörfler mit einer gewissen inneren Distanz. Insbesondere als sie sah, wie einige schon jetzt, um neun Uhr, nur noch gestützt oder in Schlangenlinien über den Platz laufen konnten. Vor dem blauen Toilettenwagen bildete sich eine Menschenkette. Mindestens einer hatte es nicht geschafft seine Übelkeit unter Kontrolle zu halten, bis er dran war. Pappbecher, Teller und Flaschen landeten zu Noras Verärgerung wie jedes Jahr auf dem Boden.

Einige Helfer waren emsig damit beschäftigt, den Müll und die Pfandflaschen aufzusammeln und in die dafür vorgesehenen Eimer zu sortieren.

Warum tue ich mir das jedes Jahr aufs Neue an?. Nora seufzte.

Es blieb ihr noch etwas Zeit bis sie selbst an der Reihe war, um die Helfer abzulösen. Sie stützte sich nach hinten ab und ließ die Weite des sternenklaren Nachthimmels auf sich wirken. Von vorne, im Gesicht und an den Beinen, war sie zwar schön gewärmt, aber im Rücken wurde es langsam kühl.

Nora wickelte sich in eine Decke, die sie in weiser Vorausschau von zu Hause mitgebracht hatte.

Plötzlich wackelte der Baumstamm unter ihr und Tino, in der einen Hand einen Pappteller in der anderen eine Flasche Bier, ließ sich neben ihr nieder. »Na junge Frau, ganz allein?«

Nora sah knapp zu ihm herüber und verzog argwöhnisch den Mund. »Da muss ich dich enttäuschen!«, sie deutete auf einen Stand unweit des Feuers.

Dicht aneinander gedrängt in einem Anhängerwagen, stand Esther zwischen zwei weiteren gut beschäftigten Waffelbäckern. Der Verkauf lief gut, sie boten den Pommes vom Nachbarstand eine harte Konkurrenz.

Esther hob wie auf ein Signal ihren Blick und winkte den Beiden zu.

»Ist sie eigentlich so was wie deine Aufpasserin?«, wollte Tino wissen.

»Natürlich nicht! Wieso?!«

»Ich weiß nicht… Ich habe einfach beobachtet, dass sie ständig in deiner Nähe ist.«

»Du beobachtest uns also?«

Tino wurde einfach nicht klug aus Nora. »Sei doch nicht gleich wieder so misstrauisch! Ich hatte jedenfalls nicht vor, euch zu beobachten. Es ist mir einfach aufgefallen. Basta.«

Nora überlegte ob sie aufstehen und gehen sollte. Sie bekam den Eindruck, dass Tino sie zunehmend bedrängte und wusste nicht, was seine Intention war. »Ich muss jetzt helfen.«

»Aha. Also genauer gesagt, du bist genervt? Wer ist diese Esther eigentlich?«, fragte Tino und nickte Richtung Waffelbude. »Deine ältere Schwester?«

»Nein. Sehen wir uns nur im Entferntesten ähnlich?! Und wie lange kennen wir beide uns eigentlich?! Du kennst meine Schwester doch!«

Nora fiel es immer schwerer, einen netten Tonfall anzuschlagen.

Tino schwieg lieber und trank einen Schluck von seinem Bier.

»Ich muss jetzt echt gehen.«

»Ja, schon gut. Geh nur!«, sagte er und biss in seine Bratwurst, dabei blieb etwas Senf in seinem Mundwinkel hängen.

»Möchtest du auch mal probieren?«, wagte er einen neuen Annäherungsversuch, als er sah dass Nora zögerte.

»Nein danke, Tino«, lehnte Nora entschieden ab, als er ihr das Brötchen unter die Nase hielt. »Ich bin Vegetarierin, wie du inzwischen wissen solltest und ich werde jetzt meinen Dienst an treten!«

Die Länge der Konversation wurde ihr langsam unangenehm. Sie mochte es nicht, zuviel von sich preisgeben zu müssen. Esther war einer der wenigen Menschen, mit denen sie ungezwungen längere Gespräche führte.

»Kann es sein, dass du etwas angespannt bist?«, fragte Tino.

Nora sprang auf. »Kann es sein, dass du etwas betrunken bist?!«

Entschlossen, endgültig die Kehre zu machen, drehte sie sich um und stieß prompt mit jemandem zusammen.

»Ohaaa! Störe ich den dramatisch romantischen Augenblick am Lagerfeuer?«

Nora sah sich langen pinken Fingernägeln gegenüber, die das Mädchen vor den Mund hielt, als sei ihr etwas Unanständiges entfahren. Alles in Nora verkrampfte sich. Ihr Blick wich wie automatisiert aus, wanderte zu den Spitzen der Ballerinas, bis sie sich zwang, entlang der schlanken Beine, zurück bis hoch zu Viviens puppengleichem Gesicht zu sehen, dass von dichten kastanienbraunen Locken umrahmt war. Im Schein der Flammen ähnelten sie einer Löwenmähne.

»Ach, die Nora ist das ja!«, setzte sie kichernd hinterher, als habe sie Nora gerade erst erkannt.

»Hallo Vivien.«

»Hi! Ich hoffe, ich störe nicht?!«, wiederholte sie mit einem bedeutungsvollen Blick Richtung Tino, der sich immer noch seinem Essen widmete. »Ich bin mit ein paar echt netten Leuten hier, die dich bestimmt gerne mal kennenlernen würden!«

Nora hatte kein Interesse der fragwürdigen Einladung nachzukommen. Die Leute die Vivi als nett bezeichnete, konnten alles sein vom Schwerstverbrecher bis zum Wohltäter. Vivi hatte sie die gesamte Schulzeit über gestichelt und war einer der Gründe dafür, warum Nora ab der siebten Klasse morgens unter Bauchschmerzen litt. Manchmal hatte sie es deshalb nicht pünktlich zum Schulbus geschafft. Der gut gemeinte Fencheltee ihrer Mutter zeigte nicht immer die erhoffte Wirkung. Andererseits hasste Nora es, immer in der Opferrrolle zu sein. Wie also konnte sie sich besser unbeeindruckt zeigen und beweisen, dass sie längst über den Dingen der Vergangenheit stand, als dadurch, dass sie ihrem Angebot nachkam? Tino sollte ruhig merken, dass sie kein einsamer Sonderling war und es auch noch andere Menschen in ihrem Leben gab.

»Na gut, vielleicht kurz«, hörte sie sich sagen, »dann muss ich aber arbeiten.«

»Nice!«, quietschte Vivien und wirbelte herum.

»Wo seid ihr denn?«

»Da hinten sind wir. Komm!« Vollkommen ungeniert packte sie einen Zipfel von Noras Decke und zog sie mit sich.

Als sie zu der Gruppe stießen, machte gerade jemand einen Scherz. Allgemeines Gelächter schlug ihnen entgegen.

»Leute! Ich bitte um einen Moment der Aufmerksamkeit! Das ist Nora.« Vivis Bewegungen erinnerten an die einer Stewardess. »Sie hat unsere Klasse nach der zehnten ohne Abschluss verlassen.«

»Na ja, so kann man das auch nicht sagen. Ich habe die Fachoberschulreife… Nett euch kennen zu lernen.«

Nora schluckte und sah in die Runde. Drei junge Männer und zwei Mädchen standen beieinander in einem Kreis und beäugten sie abschätzend. Eines der Mädchen kannte sie. Sie war ebenfalls in ihrer ehemaligen Klasse gewesen. Die anderen waren ihr unbekannt.

»Wie gefällt es euch denn hier?«, fragte sie tapfer, nachdem niemand etwas sagte.

»Besser und besser«, frotzelte einer der Jungs. Unter seiner offenen Jacke trug er einen schwarzen Kapuzenpulli, auf dem ein Totenkopf abgebildet war. »Fesche Klamotte übrigens!« Er deutete auf die Decke, die Nora noch immer um die Schultern gewickelt trug.

Wieder stimmten die anderen in das Lachen ein.

»Was machst du denn jetzt eigentlich so?«, fragte Vivi über den Lärm hinweg.

»Ich jobbe in einem Bio-Laden. Also, ich bin noch etwas in der Orientierungsphase… Und ihr so?«

»Na, wir machen Abi!«, rief Juliane, wirbelte mit den Armen herum und pustete dabei ihren Zigarettenqualm in Noras Richtung.

Nora schaffte es geradeso ein Husten zu unterdrücken. »Schön.«

»Also eine Karriere wirst du jedenfalls nicht machen, mit abgebrochener Schule. Andererseits muss ja auch einer die unteren Posten besetzen«, bemerkte einer der Jungs und zuckte lachend mit den Schultern.

»Ich weiß nicht,« Vivien rümpfte die Nase, »ich weiß nicht, wie man sich auf diesem Unbildungsstand ausruhen kann. Du kapierst doch gar nicht, was um dich herum geschieht.«

Einer der Jungs pfiff anerkennend und schlang seine Arme um ihre Taille. »Da wächst ein hübsches Pflänzchen namens Elite heran.«

Vivien wandte ihren Kopf zu ihm und gab ihm ein Küsschen auf die Wange. »Ich bin eben schon immer ein schlaues Mädchen gewesen! Man muss wissen, wo man hingehört«, sagte sie spitz und taxierte Nora mit offener Häme.

»Ich muss jetzt… Mein Dienst beginnt.« Nora machte Anstalten zu gehen.

»Entspann dich mal, der Bioladen hat geschlossen!«, scherzte der mit dem Kapuzenpulli.

Das Johlen der anderen machte deutlich, dass sie hinter ihm und seinem Spruch standen.

Nora beschloss, sich einfach kommentarlos abzuwenden, als es laut knallte und der andere Junge mit wildem Geschrei einen fliegenden Korken kommentierte. Die Freunde klatschten in die Hände, als der Sekt aus der Flasche spritzte.

»Jörn, du musst unbedingt auch unserem Gast einschenken!«, kreischte Vivien und ihre Locken wippten bei jedem Hüpfer auf und ab.

»Oh nein, ich trinke nicht«, murmelte Nora. Ihr Herz schlug bis zum Hals.

»Sei keine Memme, Mädel! Trink was, genieß' das Leben! Wenn selbst wir auf ein paar Gehirnzellen verzichten können, kannst du es erst recht, oder?!«

»Der Jörn ist so krass«, lachte das fremde Mädchen. Sie war wie Nora etwas kleiner und trug langes offenes Haar, das ihr bis zur Hüfte reichte.

»Ich trinke nicht«, wiederholte Nora etwas lauter, konnte aber nicht das Zittern in ihrer Stimme unterdrücken.

Wo war Tino eigentlich abgeblieben, warum hatte er sie ausgerechnet jetzt nicht beschattet? Vom Feuer aus konnte er sie jedenfalls nicht sehen, sie befanden sich zu weit abseits. Die Dunkelheit hatte sie verschluckt.

Esther wischte ihre Hände an der Schürze ab. Sie hatte ein mulmiges Gefühl. Die Versammlung am frühen Nachmittag, hatte ihr einiges Kopfzerbrechen bereitet. Aaron van Norden hatte sie nicht umsonst darum gebeten, ein Auge auf ihr Umfeld zu haben. Monika, ein Mitglied der Pilger, war ebenfalls vor Ort und feierte. Er hätte seine Wahl also genauso gut auf sie fallen lassen können, zumal sie mehr Erfahrung besaß als Mondpilgerin. Außerdem dachte sie an Ferdis Worte. Wenn es üblich war, das Amulett innerhalb der Familie weiterzugeben, wären entweder Nora oder deren Mutter oder sonst jemand an der Reihe gewesen, aber doch nicht sie. Auf einmal gab es, entgegen der Annahme aller, mehr als nur neunundvierzig Amulette. Sie trug die Nummer siebenunddreißig. Aber das spielte keine Rolle. Ihr ging der Gedanke nicht mehr aus dem Kopf, dass Nora als Mariannes Enkelin in die Geschehnisse verstrickt war. Ferdis Beschreibung passte auf sie. Zudem war ihr ja bekannt, wie schlecht ihre Freundin in der letzten Zeit schlief.Letzten Endes war Esther sich fast schon sicher, dass Nora dieses Mädchen sein musste: Die Querschlägerin.

Esther überkam eine Gänsehaut. Jetzt war Nora auch noch aus ihrem Sichtfeld verschwunden! Den ganzen Abend war es Esther gelungen, ihre Freundin im Blick zu behalten, doch kaum hatte sie sich abgewandt, um Kasse zu machen, war sie im nächsten Moment nicht mehr da. Nur Tino hing noch, den Kopf auf den Schoß gestützt, an dem Feuerplatz. Esther war sich nicht ganz sicher, ob er betrunken war oder einfach nur müde.

»Na?! Wenn ich dich so sehe, wird es wohl Zeit, dass ich dich ablöse!«

»Mia! Ja, du kommst in der Tat sehr gelegen, ich brauche Mal eine Pause. Soll ich dir hier noch irgendwas erklären?«, fragte sie die engagierte Frau mit dem blonden Bob.

»Nein, nein. Alles gut!«, wehrte sie mit beschwichtigender Geste ab.

»Na, dann viel Spaß hoffentlich!« Esther warf ihre Schürze über einen Haken. Sie wollte sich beeilen, denn sie hatte ein ungutes Gefühl.

Auf dem Platz wandte Esther sich suchend in alle Richtungen. Einige Teile des Platzes waren

nicht zu überblicken, da sie sich in der Dunkelheit verloren. Inzwischen waren LED- Armbänder verteilt worden. Die Leute fanden die kreativsten Einfälle, sich damit zu schmücken. Aber nirgends sah sie ihre Freundin. Schiere Verzweiflung packte sie. Wiesofrage ich nicht einfach Mal den Tino, ob er etwas weiß?

»Hey, Tino!«, sie rüttelte unsanft an seiner Schulter, »Wo ist Nora?«

»Hä?«

»Ob du weißt, wo Nora ist?!«

»Ach, die Aufpasserin!« , stellte er verschmitzt fest. »Ich habe keine Ahnung, wo sie ist! Ich bin eingeschlafen, wie du siehst.«

»Hat sie dir denn gar nichts gesagt? Tino, bitte konzentriere dich mal! Ich mache mir wirklich Sorgen!«

»Sie hat nichts gesagt, aber hier war so eine Zicke mit Locken. Die hat sie irgendwohin mitgenommen«, er machte eine vage Handbewegung in der Luft.

Esther atmete innerlich auf. Das hieß ja zumindest, sie war nicht alleine.

»Wieso denn Zicke?«

»Ich fand die direkt unsympathisch. Wundert mich, dass Nora mitgegangen ist. Vermutlich, um mir irgendetwas zu demonstrieren… Ach jetzt weiß ich wieder!«, rief er nach einem Moment des Überlegens. »Die könnten da hinten irgendwo hinter dieser Bude verschwunden sein!«

Esther kniff die Augen zusammen. Hinter einem Stand befanden sich die blauen Toilettenwagen.

»Kann ich beim Suchen helfen?«

»Nein danke«, wimmelte Esther ihn ab, da sie nicht wusste, in was für Umständen sich Nora befand.

Ohne Zögern hastete sie los und kollidierte fast mit einem Biergläser balancierenden Mann, der sie sogleich für sich in Beschlag nehmen wollte. Esther befreite sich von ihm und seinem üblen Mundgeruch. Dann wurde sie auf ein paar spielende Kinder aufmerksam, die ihre bunten LED- Bänder in die Luft warfen und versuchten sie wieder aufzufangen. Eines der Armbänder landete dabei auf dem Boden. Irgendetwas Zusammengeknülltes lag dort. Esther war nicht sicher, ob sie es richtig sah, und lief darauf zu. Es war tatsächlich Noras Decke. Ihr Herzschlag beschleunigte sich. Wieso hätte Nora ihre Decke einfach hier hinwerfen sollen?!

Das ist gar nicht ihre Art, mit persönlichen Dingen umzugehen!

Sie schnappte nach Luft und griff eines der Kinder an der Schulter, das daraufhin verschreckt zur Seite sprang.

»Entschuldige, aber ich muss wissen, woher ihr die Decke habt?!«

»Die lag schon hier«, antwortete der Junge unsicher.

»So ein Mist! Wo kann sie nur sein?!«

»Hey! Was willst du von meinem Bruder?!«, fragte eine scharfe Stimme hinter ihr.

Esther bemerkte jetzt zwei Mädchen, die abseits standen und sie beobachtet haben mussten. Die eine hatte langes glattes, die andere auffallend lockiges Haar. »Sagt dir der Name Nora etwas? Bist du eventuell das Mädchen, mit dem sie mitgegangen ist?«, stellte sie eine direkte Gegenfrage, statt zu antworten.

»Jepp! Zumindest wenn du das Mondgesicht mit Sommersprossen meinst. Aber die ist eben wie eine Irre davongelaufen, nachdem sie Jörn einen üblen Tritt verpasst hat! Voll verrückt die Alte!«

»Besser die kommt ihm nicht mehr unter die Augen«, bestätigte die andere nickend.

Esther ging nicht weiter darauf ein. «In welche Richtung ist sie denn gelaufen?«

Vivi streckte das Kinn vor. »Da, in Richtung Wald.«

Klar, ich Idiotin! Esther kamen Aarons Worte, über die Verbundenheit zu einem Ort, wieder in den Sinn.

Ohne einen weiteren Kommentar wandte sie sich ab und bahnte sich zielstrebig einen Weg durch das Gedränge, welches Richtung Bühne immer dichter wurde. Nach dem DJ spielte jetzt eine Liveband, die gar nicht übel war. Bald gelangte sie in den unbeleuchteten Teil des Platzes, um nach weiteren hundert Metern an den Waldrand zu stoßen, der sich wie ein riesiger gähnender Schlund vor ihr auftat.

Esther keuchte, dann ging sie hinein. Abseits des Dorfplatzes war es kalt und die Zweige der Bäume ragten schwarz, wie die Krallen riesiger Ungeheuer über sie hinaus. Immer wieder blieb sie stehen, um in die Nacht zu lauschen. Die lauten Stimmen und die Klänge der Musik mischten sich ineinander, bis sie nur noch ein ferner Hall waren. Esther wusste nicht, wie sie bei dieser Finsternis, zwischen einem derart dichten Baumbestand ihre Freundin finden sollte. Ihre Handytaschenlampe stellte nur eine geringe Hilfe dar.

»Nora?«, flüsterte sie. Dann nahm sie sich zusammen und rief. »Nora, wo bist du?! Ich bin es, Esther!«

Ferdi hatte von einer kleinen Lichtung gesprochen. Vielleicht fand sie ihre Freundin dort? Esther stolperte immer tiefer in den Wald. Längst war sie sich nicht mehr sicher, ob sie den Rückweg finden würde. Der dichte Bestand verschluckte sie und hielt alle Klänge von ihr fern, die zuvor ein Wegweiser hatten sein können.

»Nooraaa!«, rief sie diesmal so laut sie nur konnte. Etwas in ihrer Nähe setzte sich in Bewegung und sprang über brechende Zweige hinweg. Ein spitzer Schrei entfuhr ihr. Als ihr kurz darauf klar wurde, dass es nur ein harmloses Reh war, beruhigte sie sich. Reiß dich zusammen! Es ist alles wie immer, nur dunkel!

Trotzdem hielt sie ein plötzliches weiteres Rascheln in Atem. Eigentlich musste das Reh sich schon weiter von ihr entfernt haben. Andererseits war selten ein Reh allein unterwegs. Esther wagte es nicht, sich auch nur um einen Millimeter zu bewegen.

»Esther? Ich bin hier oben«, wisperte eine feine Stimme.

Esther fuhr zusammen. Sie sah hoch und drehte sich dabei ein paarmal im Kreis. Zum einen wurde ihr deutlich, dass sie sich tatsächlich am Rande einer kleinen Lichtung befand, zum anderen fiel ihr ein Stein vom Herzen, als sie Noras Gesicht im Schein ihres Handylichtes über sich erkannte.

»Nora, dem Himmel sei Dank! Weißt du eigentlich, wie unheimlich du gerade aussiehst?! Komm da runter!«

Nora kicherte trotz all der Umstände, in denen sie sich befand.

»Moment.«

»Und bitte ohne dir irgendwas zu brechen, klar?«

Sobald sie in Reichweite war, streckte Esther ihr die Hände entgegen, aber Nora machte einen gekonnten Satz und ließ sich den letzten Meter fallen.

»Mensch Nora, was ist denn passiert?!«

»Das ist mir ein bisschen peinlich… Ich bin weggelaufen, weil mich die totale Panik gepackt hat. So ein Jörn, ein Freund von Vivien, hat mich festgehalten und versucht mir Sekt einzuflößen. Ich habe mich mit einem Tritt aus dem Kick-Boxen Training befreit. Dann bin ich davon gelaufen.«

Esther verspürte einen tiefen Groll gegenüber diesen selbstgefälligen, überschminkten Mädchen. »Was sind das überhaupt für Leute? Ach, besser ich fahre dich jetzt nach Hause und du erzählst mir alles unterwegs.«

Nora nickte stumm.

»Aber erst mal müssen wir hier herausfinden«, sagte Esther mit einem Stirn kräuseln. In ihren Augen sah ringsumher alles gleich aus.

»Das ist gar kein Problem, ich finde den Weg. In der letzten Zeit bin ich oft hier im Wald gewesen. Ich brauchte meine Ruhe, weißt du.«

Dann stimmt es also, dachte Esther bei sich, deswegen war sie auch in ihrer Schlafwanderung hier. Nora ist der Querschläger!

Als Nora sie sicher aus dem Wald gelotst hatte, ließ Esther sie in ihr Auto steigen, um nicht zu riskieren, dass dieser Jörn oder seine Freunde sie entdeckten. Dann meldete sie sich und Nora bei dem Helfer-Team ab und gabelte Tino auf, da sie wusste, dass er mit dem Auto da war und befürchtete, er könnte zu viel getrunken haben um zu fahren.

Die Lehre der Mondpilger

Es gab zwei Arten von Schatten, soviel wusste Esther.

Bisher hatte sie allerdings erst eine davon kennengelernt. Die Gruppe, der sie in den vergangenen Wochen zugeteilt worden war, wurde als die der Waldgänger bezeichnet. Bei ihnen ging sie seit geraumer Zeit in die praktische Lehre. Esther hatte gehört, es sei schwieriger in der Stadt zu jagen. Nicht nur weil dort viele Menschen lebten. Vereinzelt konnten Schatten der zweiten Art auch auf dem Land angetroffen werden und anders herum. Nur lange nicht in derselben konzentrierten Ballung. Sie war also in Begleitung durch die nächtlichen Wälder gestreift und äußerst dankbar dafür, denn es gab genug zu lernen. Auch diese Nacht galt den Schatten der ersten Art.

Erst vor einer Stunde hatte sie ihre Freundin nach Hause gebracht. Der heutige Dienst stand schon länger fest und sie freute sich sogar darauf. Jeder jagte die Schatten nach einem etwas anderen System.

Diesmal durfte Esther das von Ferdi kennenlernen, was sie in eine innere Nervosität versetzte. Wieso bin ich in seiner Gegenwart immer so angespannt?, ärgerte sie sich, Hängt es damit zusammen, dass er unter den Mondpilgern ein gewisses Ansehen genießt?

Sie befanden sich auf einer kleinen Anhöhe, auf der sie bäuchlings hinter einem Strauch lagen und warteten. Vor ihnen befand sich ein flach abfallendes Gelände. Alles war ruhig und wirkte friedlich. Esther beobachtete, wie ein Eichhörnchen über den Waldboden hüpfte. Sie war wirklich froh, dass es unter dem Schild warm war.

»Esther«, Ferdi brach die lange Zeit seines Schweigens, »was weißt du schon über die Schatten?«

Jetzt muss ich zeigen, was ich kann. »Dass sie aus der Substanz bestehen, aus der Lügen gemacht sind. Die Art von Lügen, die zum Beispiel aus Prahlerei oder Feigheit gewählt werden. Sie sind flüchtig, aber jedes Mal wenn sie sich von einem Menschen losreißen, nehmen sie einen Teil seiner Seelenkraft mit und nähren sich davon, bis sie ihren Weg in die Tier und Pflanzenwelt gefunden haben.«

»Richtig. Und was genau treiben sie dort?«