Im Bernstein - Brita Steinwendtner - E-Book

Im Bernstein E-Book

Brita Steinwendtner

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Beschreibung

Die Journalistin Isa Becker ist in die Landschaft ihrer Kindheit zurückgekehrt, hat eine Ideenagentur gegründet und eine neue Liebe gefunden: Greg. Für ein Feuilleton-Projekt fliegt sie nach St. Louis/Missouri, um über Mark Twain zu arbeiten. Als sie dessen Schriften gegen den Krieg entdeckt, löst dies eine intensive Beschäftigung mit den Briefen ihres Vaters aus, der Nationalsozialist war und im Osten gefallen ist. Begleitet von Selbstzweifeln, dringt sie immer tiefer in seine Geschichte ein, legt sie Schicht um Schicht seines kurzen Lebens frei und kommt dem Geheimnis näher, das ihre Mutter in einen frühen Tod trieb. Die Frage nach den Ursachen für seine Begeisterung, die Isa bis zu den Gräberfeldern Russlands führt, mündet in der Auseinandersetzung mit dem Irakkrieg. "Kein Krieg ist zu Ende. Er setzt sich fest und zeugt sich fort", heißt es im Buch. Die Autorin nähert sich diesem Phänomen in einem zwischen den Genres wechselnden Text und lässt authentische Dokumente und Fiktion, Zeit- und Liebesgeschichte ineinanderfließen. Der Roman führt an die Ufer des Mississippi, der Donau und der Wolga und lenkt den Blick abseits der historischen Ereignisse auf drei vielfach aufeinander bezogene Frauenschicksale. Brita Steinwendtner erzählt von Irrwegen und Hoffnungen im Rad der Geschichte.

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Brita Steinwendtner

IM BERNSTEIN

Roman

Meiner Mutter,für W. undP. A. J.Y.

© 2005HAYMON verlagInnsbruck-Wienwww.haymonverlag.at

Überarbeitete E-Book Ausgabe 2013

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (Druck, Fotokopie, Mikrofilm oder in einem anderen Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

ISBN 978-3-7099-7755-2

Cover: Benno Peterunter Verwendung eines Bildes von Alexander SteinwendtnerSatz: Haymon Verlag

Dieses Buch erhalten Sie auch in gedruckter Form mit hochwertiger Ausstattung in Ihrer Buchhandlung oder direkt unter www.haymonverlag.at.

Der Krieg ist der Vater aller Dinge. Ich habe mit meinem Vater nichts mehr zu tun.Ödön von Horváth

Die wichtigsten Fragen beantwortet man letztlich mit seinem ganzen Leben … Am Ende, am Ende von allem, beantwortet man mit den Tatsachen seines Lebens die Fragen, die einem die Welt so hartnäckig gestellt hat.Sándor Márai

Der Mensch täte unrecht, wegen einiger ungeheuerlicher geschichtlicher Niederlagen zu verzagen: Er hat noch die Freiheit, an seine Freiheit zu glauben. Er ist sein eigener Herr, den alten Zweifeln, die immer wieder aufkommen, und seinen blinden, taumelnden Kräften zum Trotz. Weiß er nicht um die kurze verborgene Schönheit und die erreichbare lange Schönheit, die zu verbergen ist?André Breton

Es war ein gewöhnlicher Tag.

Das Leben ließ mit sich reden.

Die Worte und die Weisungen standen im Einklang.

Der Große Wagen war noch nicht zu sehen.

Das Kreuz des Ostens gab es nicht.

Die Erinnerung war eine weiße Beuge.

Die Abenddämmerung legte weiches Licht über die Fassaden, auf der Piazza hallten die Schritte, in den Cafés zischten die Espressomaschinen, das Lachen der Menschen war das Immergewesene.

Da hing der Korb.

Angeschmiedet hoch oben am Turm.

Gitterstäbe aus Eisen, schiefe Holztür ins Mauerwerk.

Menschenkorb.

Für einen Schuldigen.

Vielleicht einen Unschuldigen.

Einer hat über den anderen gerichtet.

Irgendwann im Staub der Zeit.

Einer vergeht vor Scham.

Einer verdorrt am Mittag.

Einer erstarrt in der Nacht.

Einer verblutet.

Einer wird irr.

Einer schreit.

Einer verliert seinen Gott.

Einer kommt vielleicht frei.

Da steht einer und starrt.

Da zeigt einer mit dem Finger.

Da geht einer schneller vorbei.

Da schaut einer weg.

Da ist einer Schaden froh.

Ruft einer: Nur zu!

Flüstert einer: Erbarmen!

Sagt einer: Gut, daß es nicht ich bin.

Denkt einer: Könnte ich es sein?

Das Gitterwerk wirft einen Schatten.

Er fällt auf Isa.

MISSISSIPPI

Isa hieß eigentlich Isolde.

Auch wenn es heiß war, liebte sie lange Ärmel.

Sie ging durch ihr Leben und war noch nicht angekommen.

Augusthell wurde sie geboren, aber was für ein Tag ist heute.

Und einmal, als sie einen neuen Anfang suchte, wieder einmal einen Anfang, faßte sie einen Entschluß, den andere und sie selbst zwar als lächerlich und unsinnig empfanden, den sie aber schließlich als Konsequenz verteidigte, an den sie sich mit der Zeit gewöhnte und den sie gegen alle berechtigten Einwände als eine Art von Befreiung deutete: Sie nahm den Vornamen Isa an und verbot allen Freunden, sie Isolde zu nennen.

Isolde, klebriges Nolimetangere im Hirn, hingeschleuderter Samen im Sommer. Klette an den Knochen. Isa scheute sich jedoch auch jetzt noch, die Entscheidung ihrer Eltern gänzlich zu mißachten, das Glück der ersten Gewißheit, die Ungeduld des Erwartens und das zärtliche Fragespiel um Geschlecht und Namen. So hatte sie nach einem Wort gesucht, das dem ursprünglichen nahe war.

Isolde ist doch ein schöner Name, sagte Gunther, der Bruder. Sie war eine irische Königstochter, sie war sechzehn und trieb es mit Tristan, aber sie kann nichts dafür, daß ein Diktator sie mißbrauchte. Der Name ist doch unschuldig wie jeder andere.

Glaub ich nicht, Gunther. Der Mißbrauch dringt ins Mark der Worte.

Du machst alles so halb-halb, Soldi. Wenn du schon mußt, dann nenn dich gleich Adelheid oder Yvonne oder Beverly.

Nein, sagte Isa, nicht ganz anders. Nur ein kleines Zeichen setzen. Ich bin noch nicht fertig.

Womit?

Mit den gebrochenen Flügeln.

Isa suchte also, wie so viele, einen Neubeginn.

Es war nicht ihr erster.

Der Vater war im Krieg gefallen. Die Mutter starb, als sie vierzehn war. So wuchsen Isa und Gunther bei den Großeltern auf. Nach der Hauptschule begann Isa zunächst eine Schneiderlehre – daß du dich durchbringen kannst, wenn wieder Krieg ist, hatte die Mutter gesagt –, wechselte schließlich in die Oberstufe eines Gymnasiums und studierte später in Wien Biologie. Sie wollte sich auf Insekten spezialisieren. Nach drei Semestern brach sie ab und begann ein Studium der Geschichte und Philosophie, das sie ebenfalls nicht beendete. Anschließend ging sie für ein Jahr als Au-pair-Mädchen nach Paris, dann nach Los Angeles.

Als sie mit fünfundzwanzig nach Wien zurückkehrte, nahm Isa eine Stelle bei einer Tageszeitung an. Sie machte, da sie flexibel und schreibbegabt war, schnell Karriere. Nach einigen Jahren schickte man sie als Korrespondentin nach Frankreich und ernannte sie, als sie zurückkehrte, zur stellvertretenden Leiterin der Kulturredaktion mit Schwerpunkt Ausland. Als sie dreiunddreißig war, heiratete sie den aufstrebenden Rechtsanwalt Laurenz Becker.

Nach acht Jahren wurden sie geschieden.

Dann kamen die Jahre der Libertinage. Dann kam der Überdruß.

Schließlich verließ sie Wien und kehrte nach Oberösterreich zurück, wo sie geboren und aufgewachsen war, und gründete in Linz ihr eigenes Büro.

So schnell ließe sich ein Leben erzählen.

So läßt es sich nicht erzählen. In einem Labyrinth entscheiden nicht die Schritte zwischen den Hecken, sondern die Besessenheit, den Ausgang zu finden. Und die Zeit trägt einmal die Farbe des Bernsteins und einmal Nachtschwarz.

„Idea-Agency Isa E. Becker“ stand auf dem Messingschild neben dem Eingang. Die Agentur lag im vierten Stock eines Linzer Bürgerhauses aus dem 17. Jahrhundert an der Ecke Hauptplatz–Klostergasse. Die Fenster gingen nach Sonnenaufgang und nach Süden, es war hell. Der Parkettboden trug die Schritte vieler Generationen. Die hohen Räume bargen den Atem derer, die hier gelebt und geliebt hatten.

Es war gut, selbständig zu sein. Kein täglicher Streit mehr um Silben, Zeilen und zunehmende Popularisierung. Keine Intrigen. Der Einfall zu diesem Büro für Ideen, die etwas abseits, aber dennoch in der Luft lagen, die das Augenmerk unterschiedlichster Magazine und ihres jeweiligen Publikums erregen konnten, war Isa aus naheliegenden Gründen gekommen. Schon als Journalistin war sie dafür bekannt, auch beneidet worden, daß sie in den Redaktionssitzungen die besten Ideen hatte und die interessantesten Themen vorschlug, die in der Folge aber häufig von Kollegen bearbeitet wurden, was sie erboste. Ihr Gespür für Aktualität wußte sie nun zu ihrer eigenen finanziellen Basis zu machen.

Im Lauf der Jahre hatte sich Isa einen Namen gemacht und arbeitete für internationale Zeitschriften und Hochglanzmagazine. Die rigorose Sparpolitik der Medienkonzerne – weniger Mitarbeiter, Auslandsreisen, Aufwandsentschädigungen – war ihre Chance: Sie machte die zeitraubenden, aufwendigen Recherchen im Vorfeld, erstellte Treatments, manchmal sogar handliche Booklets, und überließ den jeweiligen Redaktionen die kostensparende Ausführung. Die Idea Agency brachte ihr zwar keinen Reichtum, aber Isa konnte ganz gut davon leben. Und sie gab ihr die Freiheit und das Vergnügen, sich nur mit Themen zu beschäftigen, von denen sie glaubte, daß sie sie selbst weiterbringen würden.

Wohin, das wußte sie selbst nicht. Aber weiter in der Geschichte ihres Lebens, im Aufglimmen und Verlöschen ihrer Hoffnungen. Vielleicht auch in ihrer Geschichte mit Greg.

Isa bewohnte ein kleines Haus außerhalb von Linz, in einem Dorf, das fast schon zum Vorort der expandierenden Stadt geworden war. Das Hügelhaus, wie sie es nannte, lag über dem Rodltal, durch das der starke Pendlerverkehr morgens ab halb sechs Uhr Richtung Linz zog und spätnachmittags über den Saurüssel wieder zurück in das nordwestliche Mühlviertel strömte. Der Wind trug den Lärm bis zu ihr hinauf, aber, durch eine Reihe von Fichtenbäumen abgeschirmt, sah sie die Autokolonnen nicht, und sie gewöhnte sich so sehr an das Rauschen, daß sie es nicht mehr hörte. Nur das dreimalige Tuten der Lokalbahn riß sie mitunter aus dem Schlaf, wenn der Zug den Berg abwärts bremste und sein Signal ausstieß, bevor er die Landstraße kreuzte.

Rund um das Haus standen Obstbäume, uralt, gebrechlich manche, mit Misteln befallen oder mit großen Löchern in den Stämmen, in denen Wespen und Insekten wohnten. Im Herbst trugen die Äpfel schwarze Rinnspuren vom regennassen Moos und den Flechten der oberen Äste. Eine Malerin hatte dieses Haus in den ersten Nachkriegsjahren erbauen lassen. Auf den verworrenen Wegen des Lebens fiel es später an Isas Großmutter. Es war feucht im Keller und an der Nordseite, porös die Wände aus der schlechten Zeit, undicht die Fenster, aber von einem Zauber, der alles andere unwichtig machte. Da geht mir das Herz auf, hatte die Großmutter immer gesagt, wenn sie hier war. Ja, aufgehen wie eine böhmische Buchtel aus Germ-teig, dachte Isa, und sie war glücklich.

In Sommernächten saß Isa oft spätabends noch auf der Hausbank, die nur ein abgegriffenes Lärchenbrett war. Die Wärme des Tages drang vom Mauerwerk her in ihren Rücken, die Wärme und ein Vertrauen, das sie eins werden ließ mit den funkelnden Sternen, den ortlosen Gräbern und mit dem Plan ihres Lebens, ganz einfach eins werden, auch wenn es das nicht gab und es trotzdem war.

In den Fugen der Wände lag Erinnerung.

Die Mutter hatte sich in den letzten Jahren ihres Lebens während der Sommermonate hierher zurückgezogen, und Isa, damals zehn, zwölf Jahre alt, war immer mit gewesen. Gunther war schon mit seinen Freunden unterwegs.

Sommer, Hitze, Badeschaffl aus Blech zum Kühlen der Haut, Heuduft, Bauernbrot, reifendes Obst. Dorfkinder, Schlehdornhecken und Waldversteck, erste Berührungen und wache, schwüle Nächte, in denen die Hitze vom Dach in die Räume niederstieg und sich die Vorhänge erst im leichten Morgenwind zu bewegen begannen. Schleier über den Erwartungen.

Isa liebte diese Sommer.

Zugleich waren sie, über das erste Erzittern von Haut und Lippen hinaus, noch auf andere Weise irritierend und doppelbödig. Allein mit ihrer Mutter, keimte in Isa etwas auf, das sie nicht benennen konnte, das sie aber in sich aufnahm wie die Luft über den verdorrenden Wiesen. Etwas, das wahrscheinlich immer schon in ihr gewesen war, ein dunkler Untergrund, der in das Neugeborene eingesunken sein mochte seit jenem Augenblick, als die Mutter die Todesnachricht aus Rußland erhielt, ihre Trauer jedoch weiter auszuholen schien, in etwas Unsagbares hinein.

Es war das Nicht-an-das-Leben-glauben-Können.

Es war der Verlust eines Vertrauens, das wir brauchen, um sagen zu können: ich und die Welt. Es war die Stille, in der die Mutter umging. Das sanfte, das leisere Lachen. Es war das Neigen ihres Kopfes, wenn ihr feines, blondes Haar über die Wangen fiel. Es war die in den leeren Raum noch weiter ausschwingende Bewegung nasser Hände nach dem Abstreifen an der Schürze; Bewegung, die im Unbestimmten, Nutzlosen verlief. Und es war die zärtliche Traurigkeit, die wie der Flügelschlag eines Insekts war, wenn die Mutter abends über Isas Stirne strich.

Nicht, daß die Mutter bedrückt gewesen wäre. Sie war eine fröhlich wirkende Frau, unternehmungslustig und beliebt. Es gab damals auch einen Stiefvater. Er kam nie ins Hügelhaus. Er war nur eine Episode. Die Mutter erzählte selten, aber mit Innigkeit vom Vater. Mitunter zündeten sie eine Kerze an und sprachen von Rschew, wo er in russischem Land lag, das sie nicht kannten. Aber in diesem innigen Beisammensein der heißen Sommer ahnte das heranwachsende Mädchen, was es bedeutet, ohne Liebe zu leben.

Isa begann zu begreifen, daß ein Krieg nicht vorbei ist, wenn er vorbei ist.

Im Haus auf dem Hügel stand auch das Köfferchen, in dem die Mutter die Briefe des Vaters, Fotos und andere Dokumente gesammelt und aufbewahrt hatte. Isa schenkte ihnen, als sie jung war, wenig Beachtung.

Es war das Kommende, das damals zählte. Die Verlockungen des Unbekannten, die Verführungen der eigenen Bilder und der eigenen Ziele.

Was war, soll gewesen sein.

Studienjahre und Welteroberung. Ein Stückchen Draußen.

Juliette-Gréco-Schwarz und Flower-Power, Menthe und Levis 501, Le Figaro und New York Times, Jean-Paul Sartre und John Wayne’s Western.

Par avion, Hüte tragen, Laufschuhe kaufen.

Keine Doppelpunkte setzen, keine Punkte, nur Beistriche und fort und fort.

Und dann eine schnell geschlossene Ehe.

Die ersten Jahre.

Über Glück läßt sich nichts sagen.

Sie waren erfolgreich, sie paßten in das Wirtschaftswunder. Zunächst die Karriere und die Partys, das MG-Coupé und der Urlaub im Club Méditerranée. Dann der Plan für Kinder. Aber da war es zu spät. Da war die Liebe fortgezogen und zerstäubt im Verdacht. Zerschlagen in der Lüge.

erst habe ich mich umgebracht

dann bin ich wieder aufgewacht

dann habe ich mich umgebracht

dann bin ich wieder aufgewacht

dann habe ich mich umgebracht

dann bin ich wieder aufgewacht

dann habe ich –

Was bleibt von einem Leben, fragte sich Isa manchmal, wenn das Holz in den Balken des Hügelhauses knackte und sie erschrak und sie sehr allein war. So vieles vergessen. Nein, nichts ist vergessen. Doch, das meiste ist versunken, gelöscht. Deleted. Nach unseren eigenen, ständig wechselnden Tastaturen. Wir sind Wilderer unseres Gedächtnisses, Pragmatiker unserer Wünsche, Designer der eigenen Biographie.

Und was wird bleiben von einem Morgen mit dir, Greg, es ist noch nicht lange her, draußen trillerten sich quer über den Garten hinweg zwei Meisen an, antworteten sich in unterschiedlichen Tonlagen, so fröhlich und bestimmt sangen sie in den anbrechenden Tag hinein, in das weiche Licht eines Morgens, der den Frühling ankündigte, warme, warmkalte und kalte Schwaden von Luft strichen durch die geöffneten Fenster über die Betten, lesen und deine Hand, den Absatz noch einmal lesen und deine Hand, die Zeilen springen und deine Hand und dann deine Wärme und das Weiche und Harte deines Körpers und draußen fallen jetzt die Amseln in den Gesang ein, und wo sind die Gedanken, bei dir, bei einer ungelösten Aufgabe, beim Klang des Wortes Wolga, bei dir, bei blauen Lavendelzeilen, beim Wegblasen einer Wimper, und schneller der Atem, versunkene Welt und nur unser Atem und das Hineingraben in die Dunkelheit deiner Schulter, in die Beuge zwischen Schulter und Hals, in der dein Herz pocht, alles Licht muß ausgesperrt sein, dein Atem in meinem Haar. Und irgendwann dann Helligkeit über unseren Gesichtern, das Moped des Zeitungsausträgers, das Schlagen einer Tür. Wohligkeit unter den Daunen, die Luft streicht durch das Zimmer, aus dem Bad das Rauschen des Wassers, es wiegt mich ein, treibt mich fort in den Dämmer des Halbschlafs, und später, irgendwann, weckt mich der Schrei der Krähen, die sich jagen.

Isa war nicht mehr jung, aber noch jung genug, um nicht alt zu sein. Ihr blondes Haar, das sie zu einem Zopf, der ihr über den halben Rücken fiel, flechten konnte, hatte Glanz und Fülle. Die langen Röcke und die hochhackigen Schuhe, die sie gerne trug, betonten ihre zierliche Figur und ließen sie größer wirken, als sie war. Sie hatte genug Ideen. Sie hatte wieder Pläne. Nach elf verlorenen Jahren in Wien, nach einigen Affären, in die sie sich nach der Scheidung von Laurenz gestürzt hatte, nach gespielter Heiterkeit und prekären Hürden eines neugewonnenen Single-Lebens, war sie endlich nach Linz und in das Hügelhaus übersiedelt und hatte neu begonnen. Eines Tages eine neue Liebe gefunden. Greg. Wer weiß, was daraus wird. Das Leben verlief wieder in zielgerichteten Bahnen wie damals, als sie noch Schnittmuster für Skihosen und Anzüge gezeichnet hatte.

Auf Isas Schreibtisch lagen unterschiedliche Projekte: über das Leben der Künstler und der High Society auf der Insel Sylt, über augenlose Lurche und Salamander in den Höhlen der Alpen und schließlich eine Studie, der ihr derzeitiges Hauptinteresse galt: der Vormarsch der deutschen Truppen über Minsk und Smolensk auf Moskau zu und der anschließende Rückzug bis an die Ufer der oberen Wolga bei Rschew, wo die Angriffslinien beider Seiten zum Stillstand gekommen waren. Trotz der Fülle an Schriften und Filmen über Stalingrad, über die Wehrmachtsausstellung, über Hitlers Helfer, Frauen und Attentäter und die Suche nach der Schuld der Väter, glaubte sie an die Notwendigkeit solcher Recherche, für die sie auch persönliche Gründe hatte.

Für heute versperrte Isa ihr Büro. Sie schlenderte über den Linzer Hauptplatz, kaufte das erste Eis des Jahres, einen Bund weißer Tulpen und die New York Times und fuhr nach Hause.

Es wird Krieg geben, stand als Überschrift zu lesen.

Diesmal im Irak. Befürchtungen, Drohungen, Beschwichtigungen.

Sie ging vor das Haus, streifte die Schuhe von den Füßen und setzte sich auf das Lärchenbrett an der Hauswand. Schaute ins Rodltal, das ihr verhäuselt und verhüttelt zu Füßen lag. Siebenstätters zimmerten ein neues Dach, im Garten von Schierlingers drehte sich der Sprinkler langsam hin und her. Die Hochwasserkatastrophe des vergangenen Jahres – viele Häuser bis zum ersten Stock unter Wasser und Schlamm, das E-Werk kaputt, das einzige Lebensmittelgeschäft überflutet, Tausende Setzlinge der Baumschule weggeschwemmt, die Straßen aufgerissen – schien nach außen ohne Spuren vorübergegangen zu sein. Aber Isa wußte, daß Ehen fast zerbrochen waren, Ersparnisse eines Lebens weg waren und Kinder einen Schock für ihr Leben haben würden. Aber irgendwo lachten andere Kinder, die Vergißmeinnicht erinnerten nur an Blau, der Nußbaum setzte Knospen an, Bienen summten, Käfer paarten sich, nichts fror, alles lebte.

Greg.

Das war das Lachen. Er hieß eigentlich Gregor, aber zwei R waren ihr zuviel.

Greg, das war das Unerwartete. Der schwarz glänzende Stein, den man findet, wenn die Flut auf den Sand schlägt und für kurze Zeit das Strandgut des Zufalls anspült, bevor sie Zentimeter um Meter das Ufer erobert und nimmt, was ihr nicht gehört. Er war die Muschel, die man ans Ohr hält und in der man im vermeintlichen Rauschen des Meeres das Rauschen des eigenen Blutes hört, im großen Befremdlichen das kleine Vertraute.

Sie hatten sich vor fünf Jahren bei Freunden kennengelernt. Sonntags-Brunch in einer Dreizimmerwohnung an den Hängen des Pöstlingbergs, Smalltalk über Politik und Wetter, ein paar Verhältnisse und ein paar Scheidungen. Unter ihnen glitzerte die Donau, ein Frachter stromauf, einer stromab. Greg stand an das Geländer des Balkons gelehnt, ein Glas Prosecco in der Hand, auch ihr war langweilig, eine klassische Filmszene. Sie lachten, er hatte etwas entwaffnend Selbstverständliches und sagte: Verzeihen Sie, aber die großen Ohrringe stehen Ihnen nicht gut, ich glaube, Ihr schönes Gesicht ist schöner ohne.

Greg hatte irgend etwas mit Technik zu tun, Isa hatte nur zerstreut zugehört. Denn es war seine Stimme, die sie traf. Es war die Art, wie er sprach. Es lag eine distanzierte Ironie darin, die ihr wohltat. Keine verletzende, auch keine oberflächliche Ironie, sondern eine, die Zäune wegzuräumen imstande war. Und sie dachte: Dieser Mann reißt Pflöcke in mir nieder. Lindert meine Schreckensbilder.

3. Julmond 1942

Hier kam gestern Alarm. Das Gefecht begann um 4.00 Uhr. Wir schlugen zurück, und so sind in 3 Tagen ungefähr 300 russische Panzer vernichtet. Wir liegen einer russischen Elite- und Stoßtruppe gegenüber, die mir zerschlagen scheint, wenigstens ihre Panzer.

Heil dem Führer

Écoute, hatte schon damals in Paris eine Freundin zu Isa gesagt, du hast zu viel Tod erlebt. Der Vater gefallen, die Mutter an Kummer gestorben, die Großmutter, so wie du sie beschreibst, immer schon in den Fängen des Dieu Thanatos. Und dann dieses ominöse Köfferchen mit Briefen aus dem Krieg, vergiß es, wirf es ins Wasser!

Parce que, je t’assure: tu es toi, toi même! Du hast dein eigenes Leben, schau, daß du da rauskommst!

Und Marie-Claire hatte ihr die Karten aufgeschlagen und ihr zwei große Liebesverhältnisse vorausgesagt. Und dann waren sie auf Profiteroles mit heißer Schokolade gegangen und ein Jacques-Brel-Imitator sang „Ne me quittes pas …“, und dann saßen sie unter den Laternen am letzten Spitz der Isle de la Cité, die Seine war nicht zum Ertränken und das Rauschen der Weiden über ihren Köpfen zum Auf- und Davonfliegen.

Erzähl mir mehr von dir, sagte Greg. Er hatte Isa von ihrer Idea Agency abgeholt.

Sie waren für das Wochenende unterwegs nach Waxenberg.

Ein leerer Erinnerungsraum.

Isa gefiel das. Vielleicht ein guter Anfang.

Der Abend war lau, als sie in Richtung böhmische Grenze fuhren, vierundzwanzig, fünfundzwanzig Grad, obwohl erst Mitte Mai. Zwischen Gramastetten und St. Veit führt die Straße über eine der vielen Mühlviertler Hochflächen. Die Wiesen im Giftgrün des Frühlings. Im Grün der ersten Stärke, des Übermuts. Nie wieder in diesem Jahr wird es so grün sein.

Und über dem Gras der Schleier. Ein Licht, das ein Schleier ist. Über den Wiesen, den Wäldern, Höfen, Scheunen, den Wegen vom einen zum andern. Entrückt alles. Die Luft zwischen Erde und Himmel: ein gelblicher Schleier. Hüllt den Horizont ein, hüllt die untergehende Sonne ein, die nur mehr eine diffuse Scheibe ist. Verborgene Wahrheit.

Keine Menschen sind zu sehen. Sie sind verzaubert, vielleicht in einen Stein, vielleicht in den Klang einer leisen Violine, in die Myriaden von Birken- und Fichten-Blütenstaub-Teilchen, die weich und ohne Naht und ohne Not in einer beiläufigen Geste des Alls Erde und Himmel einhüllen, verschmelzen im Gelb ihrer selbst. Flug der Sehnsucht an den Saum des Glücks.

Erzähl mir von dir.

Greg hat das Dach seines BMW geöffnet.

Es läßt sich gut erzählen in vorbeifliegender Landschaft.

Alles in Bewegung.

Alles nicht so wichtig.

Die Perspektiven wechseln, je nach Richtung, Seite, Geschwindigkeit, Lichteinfall, Wohlbefinden oder Übelkeit.

Das Leben ist so.

Erinnerung ist so.

Nichts, dem man trauen dürfte.

Isa erzählt.

Aber man kann ein Leben nicht erzählen.

Man kann Geschichten daraus machen.

Sie müssen nicht wahr sein.

Ich hol dich da raus, sagt Greg.

Woraus?

Aus deinen Erinnerungen, deinen Kriegen und deinen Toden.

Tod hat keine Mehrzahl.

Aber die Menschen, die er trifft.

Vielleicht brauch ich ihn.

Sicher nicht, Isa. Du brauchst die Liebe.

Sie lachen. Der Motor ist leise, die Automatik schaltet, seine Hand ist frei. Die Landschaft ist eine schöne Kulisse für ihr erstes, tastendes Versteckspiel. Sie fragen und antworten und suchen zu verbergen, daß da etwas entstehen könnte, an das sie beide nicht mehr glaubten.

Du brauchst mich nirgends herausholen, sagt Isa nach einer Weile.

Warum nicht?

Weil ich nicht drin bin.

Warum erzählst du mir dann davon?

Du hast mich gefragt, Greg.

Ja. Und ich weiß jetzt, daß dein Vater in Rschew gefallen ist und daß es ein Rätsel gibt, das mit ihm und deiner Mutter zusammenhängt und das du zu ergründen suchst.

Sie hat mir etwas verschwiegen. Vielleicht war es nur eine Kleinigkeit.

Das wirst du nicht mehr erfahren.

Ich möchte es aber.

Es war Krieg, Isa. Da ist viel geschehen.

Gerade darum geht es ja.

Vieles, was wir nicht verstehen.

Darum muß man fragen.

Greg drückt auf den Knopf des CD-Wechslers. Oldies, Sinatra, Bob Dylan, Leonard Cohens „There is a war between a man and a woman“ … Nein, das wird kein Krieg, denkt Isa. Gregs Stimme ist sanft. In dieser Stimme kann keine Gewalt sein. Wenn ich dabeigewesen wäre, wie der Heil-Schreier schrie, wäre ich über alle Berge gerannt, nur fort? Wäre ich gerannt?

Warum erzählst du zum Beispiel nicht von den Stränden des Pazifik, du warst doch dort? fragt Greg. Oder von deinen früheren Redaktionskollegen oder wie es war, als du entdecktest, daß dein Mann dich betrog, oder –

Greg!

Verzeih.

Kurven, Hügel, Täler, Wälder. Moos und Farn. Weit verstreut die Höfe, deren Mauern gemustert wirken durch den Wechsel von weißem Kalk und grauen Quadersteinen aus Granit. Heiteres Fassaden-Antlitz. Geschlossene Wehrhöfe mit schweren Toren. Es war oft Krieg hier durch die Jahrhunderte, Mord und Brandschatzung in einem umkämpften Grenzland.

Nach längerem Schweigen sagt Greg, leiser als vorhin:

Wissen wir, Isa, wie wir uns verhielten, wenn man uns fragte: ja oder nein? Wenn es auf Leben und Tod ginge? Oder einfach nur um Geld oder sonst etwas Lächerliches? Das einzige, was ich von mir weiß, ist, daß ich egoistisch bin, verführbar –

Ja?

– daß ich nicht arm sein möchte, daß ich nach dem Tod meiner Frau nicht mehr leben wollte und daß ich es jetzt wieder gerne tue. Ich weiß, daß ich Blau mag, aber manchmal auch Orange, daß ich mich in St. Petersburg wohl fühle und daß ich gut verhandeln kann und so weiter. Aber was sagt das alles aus? Jetzt, in diesem Augenblick, in dem wir hier über dieses Land fahren, in dem alles blüht, Kirschen, Birnen, Äpfel, Zwetschgen, alles zugleich, der ganze Wald blüht und wirft seinen Samenschleier über uns, jetzt, in diesem Augenblick, in dem wir ganz leicht aus einer dieser Haarnadelkurven fliegen könnten, weiß ich, daß ich anfangen könnte, dich zu lieben.

Viele Konjunktive, sagt Isa und küßt Greg auf die Wange.

Isas Arbeit ging gut voran. Ihre Idea Agency war in den Zeitschriften-Redaktionen gefragt. Ihren jüngsten Erfolg erzielte sie mit einem Booklet über die verschiedenen World’s-End-Punkte des Globus von Schottland bis Sri Lanka. Eine auch für sie selbst aufschluß- und lehrreiche Story, die sie aber zum Großteil nur durch intensive Sekundär-Recherche in den Bereichen von Flora und Fauna, Landschafts- und Sozialstruktur und aus den Werken von Dichtern zusammengestellt hatte.

Ihre Treatments wirkten authentisch.

So verkaufte sie sie auch.

Fake, dachte sie immer öfter.

Eigentlich ist das nichts anderes als gekonnter Betrug.

Im Hügelhaus blieb Isa allein. Greg, der sich seit dem Tod seiner Frau nirgends mehr zu Hause fühlte und zudem fast ständig auf Reisen war, verkleinerte sein Wiener Büro auf ein Zimmer und eine Sekretärin und mietete in einer Pöstlingbergsiedlung eine komfortable Garçonniere. Sie war Wohn- und Arbeitsstätte zugleich und bot einen schönen Blick über Linz und auf die Donau.

Isa wollte kein zu enges Zusammenleben.

Greg kam und ging. Wenn er ging, hatte sie Sehnsucht.

Greg pendelte zwischen den baltischen Staaten, St. Petersburg, Moskau, Genf und mehreren Städten der USA, vor allem Chicago. Er arbeitete in der Exportabteilung einer weltweit tätigen Firma mit Hauptsitz in Moskau, die mit Hilfe spezieller Legierungen Sonderteile und Lager für Maschinen herstellte. Diese Teile mußten besonderen Ansprüchen genügen: großen Kräften, hoher Geschwindigkeit und Belastung und langer Laufzeit. Kugel-, Wälz- und Nadellager. Nadellager haben nur ein geringes Einbauvolumen, was von Vorteil ist. Die Legierung besteht aus Bleibronze, die auf Stahl aufgegossen wird – Bronze hat eine gute Gleitfähigkeit, Stahl eine hohe Belastbarkeit. Das Gießverfahren ist schwierig und erfordert viel Erfahrung und Wissen über Temperatur, Abkühlung, Vermeiden von Blasen etc. Isa hat sich das alles erklären lassen.

Aber warum ist die Zusammensetzung der Legierungen geheim? fragte sich Isa. Wegen der Konkurrenz, klar. Aber werden die Lager tatsächlich nur in Gußmaschinen für die Herstellung von Legos eingebaut, in Lokomotiven, Pressen, Turboladern, Schiffsdieselmotoren? Flugzeugen? Und warum weicht Greg meinen Fragen aus, wenn ich Genaueres wissen will? Weil ich nichts davon verstehe? Stimmt.

Gregs äußere Erscheinung wirkte jugendlich durch geschmeidige Bewegungen. Sein Schuhwerk war exquisit, manchmal trug er Armani-Anzüge. Jeans standen ihm am besten. In Gesellschaft wurde er schnell zum Mittelpunkt, er hatte diese anziehende Mischung aus Gewandtheit und Introvertiertheit, die in ihrer scheinbaren Unvereinbarkeit immer etwas Geheimnisvolles hat. Sobald er ein Gegenüber fixierte, kam sein Blick leicht von unten, konzentriert, lauernd, einen Anflug von Lächeln in den Augenwinkeln. Manche deuteten dies als Überlegenheit, manche als Arroganz. Er hatte mit einem Stipendium in Graz Technik studiert, bei Siemens in München seinen ersten Job bekommen und sich dann in verschiedenen Firmen hochgearbeitet, wie sein Vater sagte, der Lagerarbeiter bei den Österreichischen Bundesbahnen gewesen war und sehr stolz auf seinen Sohn.

Jet-set-Typ? Nein. Nur die Aura davon. Einzelgänger? Isa wurde nicht immer klug aus Greg. Wenn er nicht unterwegs war, mied er Menschen. Einladungen warf er weg. Er machte keine Segelturns, ging nicht Golfspielen und verabscheute Jagdgesellschaften. Das Mobiltelefon schaltete er meist aus, wenn er mit Isa beisammen war. Hier und da erhielt er Anrufe aus dem Ausland, die ihm offensichtlich unangenehm waren, er ging dann aus dem Zimmer und kam bald zurück. Was er am meisten liebte und, wie er sagte, als Ausgleich brauchte, waren die Berge. Sommer, Winter. Wandern, Skitouren. Isa ließ sich anstecken. Gipfel. Himmel, Stille des Raums. Jetzt und morgen und immer. Zuversicht. Warum? Isa wußte es nicht.

Bald nachdem sie sich kennengelernt hatten, nahm Greg Isa zu seiner Mutter mit, die im Altenheim von Wagrain untergebracht war. Eine kleine, liebenswerte Frau von großer Herzlichkeit und einer Bescheidenheit, die nicht devot wirkte, eher stolz und wie aus Einsicht in den Lauf des Lebens.

Paß gut auf meinen Gregor auf, sagte sie mit Tränen in den Augen, als sie in der milden Herbstsonne auf einer Bank an den Südhängen des Hubdörfels saßen. Er ist ein Zwilling, obwohl er im Steinbock geboren ist.

Die Wiesen lagen abgeerntet unter ihnen, großräumig eingefriedet für das letzte Abgrasen. Die Kühe standen weit verstreut, stumm, beugten sich über das Gras, schauten auf, schauten lange irgendwohin. Gingen langsam aufeinander zu, rieben sanft ihre Köpfe aneinander. Kein gieriges Fressen wie im Sommer, kein Drängen, ruheloses Herumziehen und Stoßen mit den Hörnern. In den Sumpfwiesen wiegte sich silbern schimmerndes Gras, an den Rändern blühten Herbstzeitlosen. Die Monotonie der Fichtenwälder war mit dem Gelb der Lärchen durchsetzt, und wenn die Sonne hinter Wolken verschwand, blieb oft nur ein kleiner beschienener Fleck, der aus den Hängen herausgehoben war wie ein Diadem auf dunkel schattiertem Samt.

Isa umarmte die zittrige Frau.

Paß mir gut auf meinen Gregor auf, Kind.

Sie strich ihm durch das schwarze Haar, viel Grau war schon darin.

Zukunft zulassen.

Hinter sich bringen.

Isa winkte Greg zum Abschied. Für drei Wochen wird er unterwegs sein.

Sie war auf der Suche nach einem neuen Stoff. Sylt und die Salamander waren abgeschlossen, Rußland für den Augenblick zu umfangreich. Isa ließ sich Zeit. Das Jahr ging zu Ende. Es gab Tage, an denen sie nicht ins Büro fuhr und im Hügelhaus blieb, wo die Erinnerungen und die Fragen wieder über sie herfielen und sie das Köfferchen mit den Briefen aus den Kriegsjahren hervorholte. Greg hatte ja recht. Mach endlich Schluß, sagte er im Morgengrauen, als er in sein Coupé stieg, mach dich her über diesen Koffer und dann mach Schluß.

Mit zwanzig hätte sie es tun sollen, aber jetzt?

Es war mühsam für Isa, die Briefe und das Tagebuch des Vaters zu entziffern. Sie mußte sich immer von neuem in die hingeworfene Kurrentschrift einlesen und die Scham überwinden, die jeden erfaßt, der in die Intimität anderer eindringt.

Erdspuren und Wasserränder waren auf dem braunen Rehlederkoffer.

War er vergraben gewesen? Zugedeckt mit Erde, Laub, Zweigen? Regen, Schnee, Tauwetter?

Isa heizte den dänischen Kamin an, zog die Ärmel ihres dicken Pullovers lang, machte sich Tee, legte Ingwerscheiben auf ihr Apfelgeleebrot –

– Apfelgelee einkochen, welch eine Arbeit! Fallobst aufklauben, waschen, schälen, vierteln oder achteln, entkernen, aufkochen, Zimtstangen, Gewürznelken und Ingwerscheiben hinzufügen, auch Schale und Saft einer gut gewaschenen Zitrone und einen kleinen Schuß Rum. Dann einen Hocker umdrehen, ein sauberes Tuch an den vier Beinen festbinden, die gekochte Masse in den Bauch des Tuches schütten und langsam durchtropfen lassen in den darunter stehenden Weidling. Noch einmal aufkochen mit Gelierzucker. Isolde ist noch klein, sie steht neben der Mutter in der Küche des „Bergheims“, jenem Austraghaus eines Bauernhofes, das Rückzugsort in der Zeit des Krieges war.

Und da steigen noch ältere Bilder auf.

Es ist Ende Mai 1945, Isolde, Gunther und der Nachbarsbub Seppi aus der Keusche im Schattengraben spielen unter den blühenden Birnbäumen Räuber und Gendarm. Die Mutter strickt. Die Tochter des Bauern, Annerl, ist bei ihr, sie ist achtzehn, ein hübsches Mädchen, großgewachsen, Gretlfrisur, blaue Augen, Paradegermanin. Sie hätte im Buch für die Zucht der neuen deutschen Elite abgebildet sein können. Bis kurz vor dem Zusammenbruch ist sie BDM-Führerin für das ganze Bergtal gewesen und einer ihrer schneidigen Brüder bei der Waffen-SS. Die Hakenkreuzfahne in der Mitte des Hofes ist längst eingezogen. Die Fahnenstange steht noch.

Das Reden und Lachen wird leiser.

Die Mutter schaut immer wieder zum Waldrand hinauf, steht auf, setzt sich wieder an den Tisch, auf dem Apfelgeleebrote für die Kinder vorbereitet sind, für jeden ein Glas Milch dazu.

Auch Annerl wird unruhig.

Bewegt sich da oben etwas unter den Fichten mit den tiefhängenden Zweigen?

Die Frauen flüstern.

Die Mutter ruft die Kinder.

Annerl packt ihr Flickzeug ein.

Die Mutter wickelt die lose Wolle zurück auf den Knäuel und steckt die Nadeln durch.

Die Kinder sind auf dem Weg.

Drei Männer tauchen am Waldrand auf.

Stürmen die Wiese herunter, springen über den Zaun.

Haben Maschinengewehre im Anschlag.

Die Kinder starren, beginnen zu schreien.

Seppi rennt in einem Bogen um die Bienenhütte herum Richtung Schattengraben.

Annerl springt die Stufen hinunter ins Bauernhaus, die Tür fällt krachend ins Schloß.

Die Mutter packt Gunther und Isolde und drängt, stößt sie ins Haus, sagt mit zitternder Stimme: Bleibt’s ruhig, es passiert euch nichts.

Es waren amerikanische Soldaten.

Sie kamen, um Annerl zu verhaften.

Sie wurde zur Entnazifizierung in das Lager Glasenbach gebracht.

Die Mutter blieb verschont. Vielleicht schien sie nicht mehr in den Akten auf.

Hinter sich bringen.

Seit Isa wieder liebte, war sie auf der Spur nach dem stillen Verneinen und der unterschwelligen Traurigkeit ihrer Mutter, die andere Ursachen zu haben schienen als die Tatsache, daß der Mann gefallen und sie als junge Frau im Alter von fünfundzwanzig Jahren mit zwei kleinen Kindern als Witwe zurückgeblieben war.

Hinter mich bringen.

Aber wie, fragte sich Isa, wie denn, wenn sie nicht aussterben, diese gottverdammten, ewig recyclebaren Kriegshetzer, Kriegstreiber, Kriegsmacher! Ohnmächtig sind wir, sind wir das nicht? Und wissen doch, daß jeglicher Krieg weiterwirkt und wirkt in das einfache Leben der ungezählten, unbekannten einzelnen, die überlebt haben und die dennoch nur dieses eine einzige Leben haben, dessen Erfahrungen sie nur umdeuten, überdecken oder unterdrücken, niemals jedoch ungeschehen machen können!

Und wissen wir nicht, daß ein Krieg nicht zu Ende ist, wenn er zu Ende ist, und daß er weiterstrahlt und selbst die Tage und Nächte derjenigen verseucht, die in oder nach ihm geboren werden?

Wo liegt mein Vater, wo in den Birkenwäldern, im Schlamm des Ostens, an den Ufern der Wolga?

Wir stehen zwischen den Zeiten, schon am Ende des Alten und am Beginn des Neuen, das aber erst leben wird, wenn wir es mit unserem Leben berühren und durch unsere Faust, unser Hirn formen. Wir also sind das Schicksal selbst!

Durch unsere Faust, unser Hirn, Heil, wir sind das Schicksal selbst, wo hat das hingeführt? In die Haft als Illegaler, nein, nicht als Widerstandskämpfer. Zum Teufel, warum ging sein Idealismus nicht in die entgegengesetzte Richtung? Ist ein früher Nazi-Fanatiker gewesen. Kein Austrofaschist, aber warum hat er dann den anderen Faschismus gewählt, den ungleich tödlicheren? Warum nur war sein Glaube an ein Freies Leben so elend verseucht? Ja, ich weiß, wir tun uns leicht, jetzt, siebzig Jahre danach, wir wissen, was daraus wurde.

1915 geboren. Vielvölkerstaat ade. Besiegt, gedemütigt. Rumpfnation. Da kann man später schon heimwollen ins Deutsche, ein Volk, ein Reich. In einen Krieg hineingeboren, in einen Nachkrieg hineingewachsen und in einen neuen Krieg hineingelaufen. Hinein, hinein, warum nicht einmal hinaus?

Isa fror, während sie in den Briefen blätterte und las und ihren Gedanken nachhing, und sie fragte sich, ob Vergangenheit sich wie einzelne Akte eines Dramas aneinanderfügte, aber ohne Schluß, ohne daß am Ende ein eiserner Vorhang fiele. Und sie blätterte weiter.

Am 44. Tag seiner Haft, im September 1936, schrieb der Vater:

Ich empfinde diesen Zwangsurlaub als Glück. Die Mauern, die Stäbe, was hindern die? Ich bin bei euch und bin bei mir und rüste. Alles, aber auch alles lebt, erstrahlt in einem nie gekannten Glanz: das Freie Leben.

Und Glück hat, wer dieses Schicksal freudig auf sich nimmt, es tapfer durchficht. Wenn wir es meistern, dann ist dies unsere Freiheit, die Freiheit zum Kämpfen durch unseren Willen.

Was ich am deutlichsten entbehre: das Gefühl, daß ich nicht meine Bergblumen pflücken kann. Im Rot des Almrausch, da liegt die ganze entbehrte andere Welt des Schönen und lacht aus den roten Blüten.

So sehn ich, bescheid mich und bin stark in allem, das kommt. Aber nimmer, trotz aller Ruhe, beug ich mich – die Kräfte verlierend – ergeben in das Los. Alles muß getan werden, sich zu wehren gegen das stumpfe Gefühl „Nimm es hin, es wird schon werden!“, sonst erstickt diese Ergebenheit den sprühenden Lebensfunken.

Nur nicht die kleinen Geister, die Zweifler und Verzweifler in unsere Gemeinschaft einbrechen lassen, alle Tat, auch die hier, ist ein Gebet um Kraft – nie um Gnade! Mein heutiger Tag erwachte um halb fünf mit dem „Hyperion“. Ein herrliches Wort sprang so heut in den frühen stillen Morgen und ergriff mein Herz: So beherrscht es meinen Tag, denn was ist aus uns geworden, wenn nicht Söhne der Sonne?

„Von ihren Taten nähren die Söhne der Sonne sich.

Sie leben vom Sieg,

mit eigenem Geist ermuntern sie sich,

und ihre Kraft ist ihre Freude!“

Euch allen nun und dir zuerst, Mutter: Behalte den Glauben an gläubige Menschen – was wären wir elend in dieser harten Zeit – ja, müßten vergehen –, wenn nicht der Glaube in der Seele flammte und brennte! Und drum: Wir müssen frei werden, frei in allem Sein und Sinn!

Schrieb es dir, Großmutter, seiner Kameradin durch dick und dünn, und du bist am Rand der Wanne in dem hohen, mittelalterlichen Badezimmer mit der sperrigen Oberlichte und dem Kohleofen für das heiße Wasser gesessen und hast ihm den Rücken geschrubbt.

Wie ich das als Kind haßte, wenn du dieses Ritual an mir wiederholen wolltest.

Diese Hilflosigkeit. Diese jämmerliche Wiederholung.

Bist also da gesessen, wenn er von einem HJ-Lager heimkam, und hast dir erzählen lassen von den Aufstiegen in luft’ge Höhen, von den steilen Abfahrten, Erster sein, Führer sein, Spur prägen und hinterlassen, und abends die Hitze um den Hüttenherd, der Gestank der trocknenden Socken, die herrliche Debattiererei, die in die Aufgabe mündete, in die Sendung, in das Auserwähltsein und in die Zukunft des Volkes, ja, er wird sie mitgestalten, dieser Junge, dachtest du, und du bist am Rand der Badewanne gesessen und hast ihm lächelnd zugesehen, wie er erwachsen wurde.

Isa legte noch einmal Birkenscheiter in den Kamin, machte sich eine heiße Zitronenlimonade. Sie war müde. Erregt und leer zugleich. Ein paar Briefe noch. Gerichtet an seine Elfried, sein Blondl, wie er Isas Mutter zärtlich nannte.

75. Tag der Haft, 12. August 1937

Wahrhaftig, jetzt ist meine Welt mit Brettern verschlagen. Vier Schritte hin und vier Schritte zurück. Fläche 10 m2, Licht, und wenn das Wetter gnädig ist, blauen Himmel im Winkel von 45 Grad nach oben.

Persönlichkeit, verkriech dich rasch in ein Mauseloch, denn wehe, wenn du dich rührst; alles ist eingerichtet, dich zu entselbsten und zur Nummer zu machen, die mit sich schupfen läßt – oder „verdammt, der wehrt sich ja“. Für mich war das so eine Art Höllenfahrt, denn bis jetzt ist mein Aufenthalt mit dem vor einem Jahr nicht vergleichbar.

Die Sonne und der Mond scheinen doch zu mir! Ja, die Sonne! So richtig weiß ich erst um sie, seit ich von meiner Lichtzelle aus, frühmorgens von meinem Strohsack aufschnellend, ihren Lauf über den halben Himmel verfolgen und vom selben Ort aus, Tag für Tag, schauen kann, wie sich ihre Strahlen durch die Eschen und Akazien zu mir tasten.

Du, Mädl, und die herrliche Weltensonne warten mir am Ende dieser Tage, auf euch leb ich zu, bis sich die Mauern auftun und ich in euren Tag stürme. Es gibt nichts, was uns umbringt. Kinn vorgeschoben, Zähne zusammengebissen und den Blick über alle Gemeinheit des Alltags weg zur Sonne, zum Leben und der Zukunft gewendet, und die Kraft fließt aus unerschöpflichen Quellen des Blutes gesunder Vergangenheit bis zum Sieg.

Ich bin wieder einmal der „Gefährlichste“ – na, es wäre ja nicht das erste Mal.