Im Clinch mit diesem Rilke - Matthias Aretz - E-Book

Im Clinch mit diesem Rilke E-Book

Matthias Aretz

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Beschreibung

Der sportliche Maurer liebt die Krankenschwester Rosel. Er kommt aber dahinter dass sie einen anderen hat. Und sie ihn tatsächlich verlässt. Er startet mit seinen Methoden und Hilfe von Freunden die Rückeroberung....

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EPUB

Seitenzahl: 249

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Eine Geschichte muss durch Fiktion bis zur Unkenntlichkeit verwischt werden, damit nur die Protagonisten die Wahrheit verstehen.

Liebe

Liebe bricht Gesetze.

Liebe hat eigene Gesetze

Liebe bricht eigene Gesetze.

Liebe vernichtet Liebe.

Liebe beginnt neue Liebe.

Liebe ist an der Seite von Shiva.

Inhaltsangabe:

Der junge sportliche Maurer Joshua liebt die schöne Krankenschwester Rosel, mit der er zusammenwohnt.

Unterschiede in Beruf und Interessen wurden durch Liebe beseitigt.

Joshua ist ein guter Fußballer, spielt in der Landesliga, verdient damit Geld. Er hält nicht viel von Bücher lesen, im Gegensatz zu seiner Freundin. Man könnte ihn für etwas oberflächlich halten.

In der letzten Zeit läuft es nicht mehr so gut in der Beziehung. Joshua will das ändern und will deshalb Rosel Reizwäsche kaufen. Er weiß ihre Größe nicht. Da entdeckt er in ihrer Unterwäschenkommode ganz unten einen Liebesbrief: von einem anderen Mann oder einer Frau. Er weiß es nicht genau, weil unten eine Abkürzung steht und der Name Rainer Maria Rilke.

Sein Freund Rudi klärt ihn auf, wer Rainer Maria Rilke ist oder war.

INHALTSVERZEICHNIS:

Ihm auf die Schliche kommen

Neue Abenteuer

Neue Zweisamkeit

An Rosel denken

Neue Fußballsaison

Rilke mischt sich wieder ein

Wirklich ohne Rosel?

Baby

Ständig an sie denken

Liebesdiebstahl

Weghauen

Plan A

Vor Plan B

Aus

Neuer Plan

Schalung (Libesshalung)

Schablonen(Liebesschablonen)

Über ein Jahr schon

Besonderer Dichter

Tiger

Ihm auf die Schliche kommen

Anfang Mai in einem Jahr nach 2000.

Joshua Peters hielt den Brief in der Hand, außer sich vor Wut, immer wieder auf die Unterschrift starrend. Er war betrogen worden, das war klar, wie genau betrogen wusste er nicht, und er wusste nicht genau mit wem: einem Mann oder einer Frau. Am liebsten wäre er sofort in das Krankenhaus gefahren um Rosel zur Rede zu stellen. Aber das ging nun wirklich nicht. Er wusste auch, dass er sich dann lächerlich machen würde. Aber bis heute Abend warten, bis sie vom Dienst kommt, das schaffe ich nicht, sagte sich Joshua.

Er holte sich eine Flasche Bier (0,33) aus dem Kühlschrank, trank sie gierig aus, holte sich die nächste (musste automatisch daran denken, dass Rosel ihm in letzter Zeit oft die Meinung geblasen hatte, weil er ihrer Meinung nach zuviel Bier trank), die mit der ungefähren Gier der ersten Flasche ebenfalls ausgetrunken wurde und erst bei der dritten Flasche nahm er etwas das Tempo raus. Die Wut war nicht weg, nun aber gekühlt, und er hatte ein wenig das Gefühl, die Stunden bis zur Rückkehr von Rosel zu überleben.

Rudi. Ja klar. Rudi musste ihm helfen. Er sah Rudi regelmäßig, aber es war schon lange her, dass einer für den anderen so richtig da sein musste.

„Rudi du musst mir sofort helfen.“

Rudi war nicht dazu gekommen, seinen Namen am Telefon ganz auszusprechen.

„Dann komm!“ Rudi hatte sofort verstanden.

„Ich kann also sofort kommen?“

„Wie früher. Sofort“

„Ich bin schon unterwegs.“ Joshua legte auf. Er trank den Rest der dritten Flasche aus, registrierte, dass er wegen dem Alkohol mit dem Fahrrad fahren musste und dass er noch nicht geduscht war. Der Tag war noch immer heiß, es waren inzwischen sechs Uhr abends, die Hitze strahlte in diesem Tagen Anfang Mai deutlich bis in den späten Abend und wenn Joshua morgens aufstand, war es verdammt kalt. Joshua hatte das Gefühl, dass das Thermometer ungefähr bei Null wieder anfing und sich dann ziemlich schnell nach oben arbeitete. Er fing auf dem Bau in Pullover und Jacke an, dann im kurzärmeligem Hemd, gegen Mittag arbeitete er kurz mit freiem Oberkörper und dann zog er bis zum Feierabend wieder das Hemd an. Im Moment war er nahtlos braun, weil er im Herbst und Winter und bis in den frühen Frühling auf die Sonnenbank ging. Joshua fand, dass sein muskulöser Körper durch diese braune Oberschicht sehr gut zur Geltung kam, und fragte sich, was das für eine Visage sein musste, die seiner Rosel diesen Brief geschrieben hatte. Er ging ins Badezimmer, zog sich aus, sah an seinem Körper herab, sah seine athletische Figur, betrachtete sich im Spiegel und fragte sich wieder, was das für ein Prachthengst sein musste, wenn es Rosel nötig hatte, mehr als so einen tollen Typen wie ihn haben zu wollen. Mehr als W32, L34 mit auffallender Oberarmmuskulatur und Waschbrettbauch.

Geilenkirchen: ein kleines Städtchen, genug Discountläden, ein Hallenbad, kein Kino mehr, ein Bahnhof. Bis nach Aachen fünfundzwanzig und in die andere Richtung nach Mönchengladbach vierzig Kilometer. Und es gab die Fußballlandesligamannschaft, in der Joshua Mittelstürmer spielte. (Er verdiente etwas Geld mit Fußball.)

Joshua hatte die Gabe hier zufrieden zu leben. So zufrieden, dass er sich noch immer nicht richtig um eine Meisterstelle gekümmert hatte. In der Baufirma Jabeck, in der er arbeitete, fühlte er sich wohl; eine Meisterstelle war nicht neu zu besetzen.

Anfangs hatte gerade das Rosel gefallen: diese Zufriedenheit von so einem gutaussehenden Mann. Der keine Handy besaß und abends oft müde und zufrieden vor dem Fernseher saß. Der mit ihr Spaziergänge machte und dafür keine besondere Landschaft oder keine besondere Stadt brauchte.

„Wer zufrieden ist, kann auch später zufrieden sein. Wer immer Glück haben will, kann nicht immer Glück haben.“ Das hatte Joshua damals gesagt und das hatte Rosel beeindruckt. Sie hatte ihn gefragt, ob er nicht glücklich sei mit ihr und er hatte geantwortet, dass Liebe nicht genau das gleiche sei wie Glück Rosel hatte ein bisschen das Gefühl gehabt, dass Joshua ein Arbeiterphilosoph sei.

Ihre Meinung sollte sich noch ändern.

Er hatte eine braune dünne Jacke in die Packtasche, die hinten am Fahrrad befestigt war, gestopft und fuhr in einer dunkelblauen Cordhose und hellblauem Hemd los. Es war noch genug warm. Joshua wohnte in der Blumenstraße und bis zu Rudi, der In der Au wohnte, waren es höchstens zehn Minuten mit dem Fahrrad. Joshua bevorzugte den Weg außen, über Schloss Trips, weil er zuerst einen ungeteerten Feldweg fahren konnte und dann den Radweg an der Wurm (schmales Flüsschen) entlang. Die Strecke durch die Geilenkirchener Innenstadt war zwar metermäßig kürzer, aber doch mit mehr Verkehr und Abgase verbunden; und durch Alkohol und Fokussion der Gedanken auf ein Fremdgehen seiner Freundin war die Konzentration soweit beeinträchtigt, dass der ruhigere Weg favorisiert werden sollte. Seltsam war, dass er auf der Strecke über Schloss Trips das Krankenhaus in Sichtweite hatte. Aber er hatte sich entschlossen, erst Rudi um Rat zu fragen.

Rudi war sein bester und ältester Freund. Sie hatten gemeinsam die Grund- und Realschule in Geilenkirchen besucht, danach hatte Rudi Fachabitur gemacht und Sozialarbeit studiert, während Joshua direkt nach der zehnten Klasse eine Maurerlehre absolviert hatte. Joshua hatte ein Aussehen, was früher die Mädels und dann später die Frauen anzog; dagegen wirkte Rudi eher unauffällig. Unauffällig war untertrieben. Er sah etwas Besser als normal aus, hatte aber trotzdem was. Seine blauen Augen hatten etwas, dass die Aufmerksamkeit auf die Weiber lenkte. Und eine gewisse Sparte von Softi Frauen steht auf so belesene Lesertypen wie Rudi. Wahrscheinlich diese Kombination: blaue Augen und das Belesene weiter dahinter und darüber im Kopf, das war es bei ihm. Er war sehr belesen und hatte das Talent, einmal mit einer Frau ins Gespräch gekommen, sie so zu becircen, dass er landen konnte. Beide fanden oft auch ein Frauenduo, bei dem Joshua den besseren Teil fürs Auge erhielt und Rudi eine Frau fand, mit der man wunderbar philosophieren konnte, wobei auch seine Frauen ganz gut aussahen. Bis er Susanne kennen lernte. Susanne, die im Wohnstättenbund für psychisch Kranke anfing, in dem Rudi arbeitete. Eine rothaarige, schlanke Schönheit, mit einer Ausstrahlung, ein Interesse an Büchern, sodass Rudi entschlossen hatte, sich in sie bis ins Finale seines Lebens zu verlieben.

Rudi hatte nach dem Eintreffen von Joshua zuerst eine Flasche Bier (ebenfalls 0,33) für Joshua und für sich ein Glas Sprudel auf den Tisch gestellt und erst dann angefangen, das Blatt, was ihm Joshua heftig in die Hand drückte, zu lesen.

Für MEINE ROSEL

Liebes-Lied

Wie soll ich meine Seele halten, daß sie nicht an deine rührt? Wie soll ich sie hinheben über dich zu andern Dingen?

Ach gerne möchte ich sie bei irgendwas Verlorenem im Dunkel unterbringen an einer fremden stillen Stelle, die nicht weiterschwingt, wenn deine Tiefen schwingen.

Doch alles, was uns anrührt, dich und mich, nimmt uns zusammen wie ein Bogenstrich, der aus zwei Saiten eine Stimme zieht. Auf welches Instrument sind wir gespannt?

Und welcher Spieler hat uns in der Hand?

O süßes Lied.

Rainer Maria Rilke

für dich - DBb

Rudi las das Gedicht ruhig durch, während Joshua eine Flasche Bier um seelischen Beistand fragte und zügig trank, und erst nachdem er (Rudi) fertig war, schaute er hoch und grinste. Er grinste zu herablassend und zu lange, so kam es Joshua vor.

„Also, ich kenne alle diese Ärzte von der Inneren Abteilung mit Namen. Von denen kann es keiner sein. Vielleicht einer aus der Verwaltung da. Die lungern doch auch immer wieder auf den Stationen rum und beschwäzeln die jungen Dinger. Und dieses geheimnisvolle, bescheuerte DBb sagt mir auch nichts. Aber das kriege ich raus, klar.“

Rudi grinste weiter.

„Nun hör auf so dreckig zu grinsen. Du sollst mir helfen. Überleg mal. Das muss ein Typ sein, der mich kennt – und dann muss ich den auch kennen. Der schreibt da was von >Und welcher Spieler hat uns in der Hand?<“ Joshua zeigte energisch mit dem linken Zeigefinger auf diese Stelle auf dem Blatt, so energisch, dass Rudi das Blatt zurückzog. „Der meint mich doch als Fußballspieler. Oder ein Fußballspieler, womöglich noch aus unserer Mannschaft, obwohl – wir haben keinen mit den Buchstaben. Oder ist es doch eine Frau? Maria? Mir fällt nur Maria, die extrem dicke Kollegin von ihr ein. Aber das kann doch nicht.“

„Glaube ich nicht“

„Wieso glaubst du das nicht? Weil die so dick ist?“

„Weil ich nicht glaube, dass Rosel bisexuell ist.“

„Warum?“

„Wenn Rosel tatsächliche eine bisexuelle Veranlagung hätte und nun bei einer Frau gelandet wäre, dann wäre sie vorher nicht mit dir zusammengekommen.“

„Wie kommst du auf so was?“

„Weil – nun versteh mich nicht falsch, ich glaube, dass solche Frauentypen nicht unbedingt auf so Typen wie dich fliegen.“

„Was willst du damit sagen?“

„Nichts Schlimmes. Du bist sicherlich extrem gutaussehend, da stehen die Frauen drauf, fast alle, aber ich glaube, dass Bi-Frauen mehr auf so mehr intellektuelle, nicht auf so Art oberflächliche Männer stehen.“

Joshuas Gesicht verzog sich. So eine Meinung konnte er nicht brauchen. Nicht im Moment.

„Vergiss das, was ich gerade gesagt habe. War reine Spekulation. Wissenschaftlich nicht abgesichert. War nicht gut von mir. Außerdem – wenn man die Schrift so sieht: Das ist eine Männerschrift.“

„Ist das auch Spekulation?“

„Da bin ich mir so gut wie sicher.“ Rudi schaute Joshua an. Und vermied den Blick auf das Blatt Papier. Um zu vermeiden, dass es dann so aussehen würde, dass er doch noch mal einen prüfenden Blick drauf werfen müsste.

Rudi hatte, so gut es ging, seine grinsende Mimik gegen eine Grimasse, die freundlichen Beistand signalisieren sollte, eingetauscht

„Dann sag endlich mal was Vernünftiges zu dem Ding!“ Joshua bohrte seinen rechten Zeigefinger von hinten in das Blatt Papier. „Du hast doch Ahnung von so geschwollenen Worten.“ Rudi hatte Abitur gemacht, das war schon einige Zeit her, aber wer Abitur gemacht hat, der kennt sich mit den verdrehten Sätzen aus. Das war auf jeden Fall Joshuas Meinung.

„Da könnte was Ernstes hinter stecken. Wer ein Liebesgedicht von Rainer Maria Rilke einsetzt, der hat was. Und ich könnte mir vorstellen, dass die Weiber schmelzen, wenn sie so was kriegen.“

„Herr Gott noch mal, die Weiber werden doch nicht von so ein bisschen getrockneter Tinte schmelzen. Und was meinst du mit von Rainer Maria Rilke einsetzt?“ Joshua schaute Rudi an, als ob er inzwischen nicht mehr wusste, was los war. Der drückte sich ja jetzt schon so aus, als ob da noch einer im Spiel sei.

„Rainer Maria Rilke war ein Schriftsteller. Ein sehr guter. Ein Mann, der halt einen weiblichen Vornamen dabei hatte. Der kann dir aber nicht mehr gefährlich werden. Der ist schon lange tot.“ Erst jetzt setzte er sein Glas an die Lippen und trank einen Schluck Wasser.

„Das heißt, dass ein anderer Typ so ein Sülzzeug eingesetzt hat, um Rosel rumzukriegen?“

Rudi nickte. „Du musst nicht unbedingt an Sex denken. Es könnte schlimmer sein. Bei solchen Gedichten könnte es Richtung Liebe...“, dann hörte er sofort auf zu sprechen, so als habe er schon zuviel oder das Falsche gesagt und als ob er nach harmloseren Worten suche für einen Menschen, dessen Freundin höchstwahrscheinlich fremd ging. „Es könnte nicht zu unterschätzen sein.“ Vielleicht könnte Joshua mit so einer Formulierung mehr anfangen. Das hört sich ungefähr so an, dass man einen Gegner beim Fußball nicht unterschätzen darf. Joshua hatte viel Ahnung von Fußball.

„Hast du noch eine Flasche Bier?“

„Die kannst du haben, aber ich bezweifle, ob du heute Abend was bei Rosel erreichen wirst. Aber wahrscheinlich liegst du nachher irgendwo halb narkotisiert rum.“

„Du weißt, dass ich einiges vertragen kann und jetzt sowieso, mit dieser Wut, ich brauche bestimmt ein ganzes Fass.“ Er schaute auf seine Armbanduhr. „Eine Flasche kannst du mir noch bringen. Dann muss ich sowieso fahren. Dann wird Rosel vom Dienst zurück sein und dann werde ich wissen, um was für eine Visage es sich handelt“

Rudi war schon aufgestanden und hörte die Sätze noch im Gehen mit. Er brachte ihm noch eine Flasche Bier. „Das ist dann aber die letzte. Ich bin der Ansicht, dass du Rosel nicht besoffen gegenübertreten solltest.“

„Trinkst du keinen Gerstensaft?“ Direkt nach dem Satz setzte Joshua die Flasche an und trank sie halbleer.

„Ich warte auf Susanne. Wir wollen noch zum Italiener. Und da will ich Wein trinken. Das würde mir zuviel werden.“

„Aha, das ist schon der Wink, dass ich abhauen soll. Hat Susanne auch Spätdienst?“

Sie ist zur Sonnenbank und so ein Zeug. Und so war das nicht gemeint. Ich habe Zeit Wir werden nun mal versuchen, deine Situation zu analysieren.“

„Danke. Ich hab das schon richtig verstanden. Das italienische Fraß ist dir im Moment wichtiger als unsere alte Freundschaft.“

„So war das wirklich nicht gemeint. Nun warte doch!“

Joshua stand auf, trank den Rest der Flasche aus, nahm sich den Schein mit dem Gedicht, faltete das Blatt zusammen und stopfte es in die Brusttasche seines Hemdes. Und verschwand Richtung Eingangstür, um die Wohnung zu verlassen. Diese ging wie von alleine auf, weil in diesem Moment Susanne mit ihrem Wohnungsschlüssel von draußen aufschloss.

„Guten Tag Joshua...“ Weiter kam sie nicht, denn Joshua lief an ihr vorbei, ohne sie zu grüßen, noch nicht mal richtig angesehen hatte er sie, direkt zu seinem Fahrrad, und war trotz seines alkoholisierten Zustandes schnell mit dem Muskelvehikel angefahren und verschwunden.

Joshua war zum Krankenhaus gefahren, das nur wenige Fahrradminuten von Rudis und Susannes Wohnung entfernt war. Unterwegs hatte er überlegt, ob er direkt nach Hause fahren sollte. Er musste damit rechnen, dass Rosel mit Kolleginnen rauskam und es auch für ihn nicht so prickelnd wäre, als wartendes Alkohol-Wutknäuel entdeckt zu werden.

Aber er blieb bei seinem Vorhaben. Er musste damit rechnen, dass Rosel erst gar nicht in ihre gemeinsame Wohnung kommen würde, erst viel später, und dann mit seltsamen Ausreden auf ihrer Zunge. Bei dem Gedanken Zunge lief sein Wutmotor höher, von mittlerweile acht auf nun neun Zylinder. Er durfte es sich nicht zu stark vor Augen führen, dass die elegante Zunge, umgeben von makellosen Zähnen mit einem miesen Typen rumknutschte – oder mit einer Sie; so ganz geklärt war die Angelegenheit noch nicht. Wenn er es sich so überlegte, dann veranstaltete Rosel mit ihren Freundinnen bei Begrüßungs- und Abschiedsszenen Küsschen- und Betatsche Orgien, dass man schon auf die Idee kommen konnte, dass sie für ihr eigenes Geschlecht in Richtung Sex machen empfänglich wäre. Das war bei Männern oder bei ihm anders - außer vielleicht beim Fußballspiel, denn das gegenseitige Umarmen wie zum Beispiel nach einem gerade geschossenen Tor war doch etwas anderes. Er stellte sich vor, dass es möglicherweise noch die bessere Alternative wäre. Seine Freundin mit einer Frau teilen muss doch besser gehen als die Teilung mit einem anderen Platzhirsch. Aber rauskommen durfte so was auf keinen Fall. Was würden seine Fußballkameraden sagen? Die würden wahrscheinlich nichts sagen, sondern lächeln. Ihn auslächeln.

Rosel kam. Gott sei Dank. Es folgten zwar einige Personen, aber mit genug Abstand und nicht mit Rosel in irgendeiner Form im Gespräch.

„Wie stehst du denn drauf?“

War das eine Begrüßung. Joshua sagte nichts, wartete bis die folgenden Personen weiter vorbei gingen und sagte dann, mit genug Wut aber wie mit Schalldämpfer: „Ich muss dich dringend sprechen“, und hielt ihr dann das zusammengefaltete Blatt hin. Er kam sich blöd vor, dass er das sagte, denn wenn ein Pärchen zusammenwohnt, muss es blöd sein, irgendwo aufzutauchen und man seine Freundin dringend sprechen muss.

Sie blätterte es nur kurz auseinander und dann sofort wieder zusammen. Sie errötete und sah sich nervös um.

„Aber nicht hier.“ Sie standen vor der Haupteinfahrt des Krankenhauses und wie auf dem Präsentierteller. Rosel schwitzte. Vielleicht hatte sie eine anstrengende Schicht gehabt. Tatsache war, dass die Außentemperatur fiel und Rosels Innentemperatur dabei war anzusteigen.“

„Wer ist der Drecksack. Oder ist es eine Drecksäckin?“ Joshua hatte wieder wie mit Schalldämpfer gesprochen. Eigentlich hätte Rosel sofort weitergehen können, aber das hätte für einen Bekannten (zufällig aus dem Krankenhaus kommend) auffällig gewirkt. Rosel schien daran interessiert zu sein, die Aktion so gut wie unauffällig auf einen weiteren Nebenplatz lenken zu können.

„Schieb bitte dein Fahrrad neben mir her und lass uns runter zur Wurm gehen.” Sie setzte sich in Bewegung, so, als ob Bewegung in diese Richtung einstimmig geplant war. Joshua folgte.

„Wir könnten in unsere Wohnung gehen, dahin, wohin wir eigentlich gehören.“

„Ich weiß, ehrlich gesagt, im Moment nicht, ob ich da wirklich noch hingehöre.“

„Ich hatte bis eben noch eine Vorstellung, dass es in nächster Zeit möglich wäre, dass aus Rosel Kode Rosel Peters wird. Aber ich muss das Gefühl haben, dass da mit der Namensänderung was schief läuft.“ Er schaute sie ernst an, sie schaute ihn ernst an. „Wer ist es?“

„Lass uns bitte runter zur Wurm gehen, dann können wir reden.“

Vom Haupteingange des Geilenkirchener Krankenhauses bis runter zur Wurm, bis zur Stelle an der Realschule, sind es zu Fuß nur wenige Minuten. Sie gingen schweigend nebeneinander her, versucht, eine zwanglose, oberflächliche Mimik zu produzieren. Dort angekommen, wiederholte Joshua energisch seine Frage: „Was ist los? Wer ist es?“

Rosel zögerte, schien ihre Lippen zu einer Aussage zu bewegen, dann starrte sie ihn an, als ob sie sagen könnte, dass sie das Recht habe, die Aussage zu verweigern. „Thomas Stepp.“ Rosel schaute auf den Boden.

„Was? Das meinst du doch nicht wirklich. Moment mal. Da stimmt was nicht. Thomas Stepp. T.D. Unter dem Schnulzengekritzel stand DBb.“

„Das ist eben so. Für mich unterschreibt er mit DBb. Das heißt Dein Braunbär.“

„Du hast wohl einen Knall. Du nimmst so einen lahmen alten Braunbär für einen schnellen Tiger. Das darf doch nicht wahr sein.“ Joshua steigerte sich in seiner Wut. „Das meinst du doch nicht im Ernst. Dieser komische Oberarzt. Was willst du denn von dem. Der ist viel zu alt, hat Bauchansatz und sieht nicht gut aus.“ Joshua verglich in schnellen Gedanken seinen Körper mit dem des Oberarztes, seine braunen Augen mit den nichtssagenden Augen des Kontrahenten, sein dichtes schwarzes Haar mit dem dünnen Haar vom Oberarzt, dass irgendwie so Farben hatte wie braun und grau (so hatte er ihn in Erinnerung). Der musste zehn oder fünfzehn Jahre älter sein als Rosel. Vielleicht lag er da noch zu tief. „Und habt ihr nicht mal über den gelästert, weil der keine abkriegt. Und dann soll es jetzt ausgerechnet meine Freundin sein.“

„Die meisten wissen gar nicht, wie er in Wirklichkeit ist.“

„Und wie lange geht das schon so. Wie lange weißt du schon, wie der in Wirklichkeit ist – und vögelt?“

„Typisch Joshua.“

„Vögeln ist für dich also so unwichtig, dass du mit ihm nur Händchen gehalten hast und dir von ihm sülztriefende Liebesgedichte nieder schmieren gelassen hast? Jetzt musst du dieses Wort nicht immer aus dem Zusammenhang reißen, nur weil ich mal versucht habe zu erklären, wie das bei Männern abläuft. Das kann man auch nicht ewig nachgetragen kriegen, meine Äußerungen, dass Männer oft anders denken. Außerdem war in letzter Zeit deinerseits kaum Bedarf– ,aber ich weiß ja jetzt, wieso.“

. „Ich bin überdreht, aber, wer wäre das nicht an meiner Stelle. Ich denke, wir gehen nach Hause und versuchen in aller Ruhe, darüber zu reden.“ Das Pärchen war mittlerweile vorbeigezogen.

„Ich bin davon überzeugt, dass ich mit dir nirgendwo hingehe“, flüsterte Rosel. „Auch wenn es nicht richtig von mir ist, dass du es so erfahren hast, aber wenn du es nun weißt, gehe ich zu Thomas.“

„Hab ich auch nur so zur Überbrückung gesagt.“ Dabei zeigte er in Richtung sich entfernendes Liebespärchen. „Die wollte ich nur vorbeiziehen lassen. Ich wollte dem Pärchen da nicht schon ihre Zukunft voraussagen: erst zu zweit und dann zu dritt, und damit meine ich nicht ein Baby. Lass uns bitte einige Meter hier hochgehen. Da kommen schon wieder Leute.“ Obwohl sie nicht richtig damit einverstanden schien, so schien ihr Gesichtsausdruck auszudrücken, folgte Rosel ihm einen schmalen Pfad, der durch eine breite Lücke einer Weißdomhecke führte und dann einen Knick machte, so dass man vom Wurmweg so gut wie nicht mehr gesehen werden konnte, links hoch, zwischen der Realschule, die links lag, und den Tennisplätzen rechts.

Die Sonne zeigte sich in einer großen Fläche Orange und verabschiedete sich langsam, so, wie ein Stundenzeiger sich bewegt Zum Gebäude der Realschule um dem davor liegenden Spielplatz gab es nur einzelne Ahornbäume und Flieder, die genug Sicht zuließen, aber da kein Unterricht oder Betrieb mehr in der Schule war, spielte das keine Rolle mehr. Nach etwa zwanzig Meter konnte man das Gefühl haben, eine gewisse Privatsphäre aufbauen zu können, um Beziehungsprobleme zu besprechen. Wenn man als Hilfsmittel der Natur einen ungefähr zehn Meter breiten Rasenstreifen, dahinter gelbe, fast verblühte Forsythien, die schon länger nicht mehr geschnitten worden waren und deshalb außergewöhnlich hoch waren, und danach einem schmalen Streifen, der als Durchgang dienen konnte (um Tennisbälle zu suchen?) und die Begrenzung der Tennisanlage durch Tannen nutzte. Wenn man leise sprach, vorsichtshalber, denn man hörte das Aufschlagen der Tennisbälle und Zurufe konnte man gut verstehen, wenn sie laut genug waren; dann konnte man eine gewisse Notprivatsphäre herstellen.

Deshalb sprach nun Rosel verhalten leise und Joshua wütend gedämpft, so als ob er einen Schalldämpfer für eine Wörterpistole auf seinem Mundwerk hätte, um notfalls, sollte er zu gekränkt werden, von seiner Zunge aus scharfe Munition verschießen könnte.

„Dann muss ich dir sagen, dass ab jetzt das nicht mehr exakt formuliert ist. Wir sind nicht mehr zu zweit; ich bin zu zweit, und ich gebe zu, dass ich einen Fehler gemacht habe, nicht von vorneherein klaren Tisch zu machen. Ab jetzt nicht mehr mit Joshua Peters sondern Thomas Stepp. Ich hätte es dir sowieso in den nächsten Tagen gesagt.“

„Das glaube ich dir nicht. Und du hast mir noch immer nicht gesagt, wieso? Was ist gewesen?“

„Nichts!“

„Wie nichts? Dann weiß ich nicht, wieso du das nötig hast.“

„Das ist es eben. Es war nichts mehr zwischen uns. Du hast dich überhaupt nicht mehr richtig um mich gekümmert. Mich überhaupt nicht richtig wahrgenommen.“

„Ich hatte nicht das Gefühl, dass zwischen uns nichts mehr läuft Im Gegenteil. Ich hatte sogar gedacht, dass ein zweiunddreißigjähriger Mann daran denken kann, seine zwei Jahre jüngere Freundin so langsam mal in den Hafen der Ehe zu führen, weil wir schon fünf Jahre zusammen sind.“

„Du sagst das so, als ob es eine Notwendigkeit wäre. Als wenn man ab fünf Jahre zusammen eine logische Konsequenz ist, heiraten zu gehen. Da gehört mehr zu. Absolute Liebe, absolute Romantik.“

„Du laberst wie die Frauen in den schnulzigen Filmen, von denen du dir zu viele reinziehst. Du darfst nicht vergessen, dass meine Zeit mit Arbeit, Fußball und lernen für die Meisterprüfung tüchtig ausgefüllt war. Da kann es auch mal vorkommen, dass da ein Tag war, an dem ich mich nicht um dich gekümmert habe.“

„Da habe ich Verständnis für gehabt. Aber deine Meisterprüfung liegt ungefähr zwei Jahre zurück, aber du bist nicht mehr zurück gekehrt, zu deinen alten Methoden, mich zu hofieren, wertzuschätzen, mich zu lieben.“

„Sind das deine Worte oder hast du die dir von diesem schlauen Bakterienbekämpfer in den Mund legen lassen?“

Rosel fand es peinlich, praktisch mehr oder weniger im offenen Gelände in diese Situation geraten und hinter der Realschule gelandet zu sein, wo sich sonst jugendliche Liebespärchen und große Kinder für Zigaretten trafen. Von denen war nichts zu sehen, es waren inzwischen auch schon einundzwanzig Uhr.

„Natürlich meine Worte. Aber er schätzt mich. Er hat gesehen, dass mit mir was nicht stimmt. Er ist der einfühlsamste Mensch, den ich kenne. Und er ist sehr intelligent und intellektuell.“

„Das wundert mich nicht, das haben so Typen doch drauf. Sehen nicht gut aus und angeln sich die verletzten Rehchen, das ist eine Masche. Und so bin ich nicht. Das habe ich nicht nötig. Kann ich schon verstehen, klar, eine Zeitlang war so ein muskulöser Typ ganz gut, aber jetzt kommt der Sülzer, der auch noch schlau ist – und als höherer Arzt dir noch mehr bieten kann. Alles klar. Dann haben wir es. Alles klar. Er ist intelligent Kein Wunder. Irgendwann musstest du ja an etwas Besseres im langen weißen Kittel auskommen.“ Joshua tobte zwar, war aber enorm bemüht, seine Fassung zu halten. Früher hatte er zu hören bekommen, dass man Maurer für nicht besonders intelligent hält.

Entschuldigung! So war das auf keinen Fall gemeint.“

„So war das auf keinen Fall gemeint! Dann stell doch mal deinen neuen Oberarzt an eine gerade angefangene Wand und lass ihn mal weitermauern, genau Wasserwaage, dann wird der sehen, dass es auch andere Formen von Intelligenz gibt, praktische Intelligenz, und lass ihn mal nach Bauplänen bauen. Das ist mindestens genau so intelligent, wie bei alten Omas Darmspiegelungen machen.“

Die Resthelligkeit der untergehenden Sonne fiel unter fünfzig Prozent auf der Waage, das Gewicht der Dämmerung übernahm die Führung. Rosel ging, zurück in Richtung Wurmweg, Joshua folgte ihr fast wie hinterhergezogen, sein Fahrrad schiebend. Die Laternen an der Realschule, da, wo der Weg auf die nächste Straße traf, schalteten sich gerade ein und warfen aus der Entfernung ein schwaches Licht, da wo es durch die schmalen Stellen zwischen den Pflanzen dringen konnte.

„Ich sage es noch ein Mal: Es war nicht richtig, dass du es so erfahren musstest, aber ich gehe jetzt zu Thomas. Bevor wir hier fest hängen und es richtig dunkel wird.“ Rosel befand sich wieder auf dem Weg an der Wurm in Richtung Krankenhaus und damit Richtung Innenstadt. Joshua schaute nach links und nach rechts, nur von links nahte, so schätzte er aus angemessener Entfernung, ein älteres Paar, so stramm wie Rosel ging, würde sich der Abstand ohnehin vergrößern; er legte kurz einen Zahn zu und ging dann rechts neben Rosel, da er sein Fahrrad stets links führte, war es also zwischen ihnen.

Joshua redete auf Rosel ein: „Du hast mir noch immer nicht gesagt, wie lange das schon geht. Also, nun sag schon.“ Rosel ging schnell weiter, den Kopf krampfhaft nur geradeaus haltend und antwortete nicht. „Da habe ich wohl ein Recht drauf, wenigstens zu wissen, wie lange ich schon verarscht werde.“

Rosel sagte nichts.

„Ach so, du hast es noch nicht mal nötig nach fünf Jahren, solche Fragen zu beantworten. Und ich habe dich geliebt...“

Rosel blieb stehen und unterbrach ihn: „So hast du das richtig formuliert: habe dich geliebt. Das ist eine Vergangenheitsform. Um es genau zu sagen: Perfekt. Und jetzt lass mich! Ich gehe zu Thomas. Das ist erst seit kurzem – erst seit drei Wochen.“

„Seit drei Wochen, dass er dich fickt oder seit drei Wochen das Schnulzzeug schreibt?“

Rosel gab keine Antwort mehr; sie ging, den Blick nach vorne gerichtet, geradeaus.

Sie waren am Ende des Weges angekommen, hier musste man die Straße überqueren um dann am anderen Ufer des Flüsschens weiterzugehen um in wenigen Minuten in der City zu landen.

„Und nun hör auf mit deinen Vorwürfen und lass mich! Lass mich einfach mal! Lass mich, lass mich, lass mich!“ Sie ging weiter, und er blieb stehen. Er hätte sie am liebsten festgehalten, aber merkte, dass im Moment nichts mehr ging.

Joshua wirkte fast steif, nur so passive Funktionen, die dafür sorgten, ihr hinterher zu sehen, wurden aufrecht erhalten. Es musste ewig her sein, dass er von einer Frau stehen gelassen worden war, so lange, dass er sich nicht mehr daran erinnern konnte; aber darum ging es ihm nicht mehr. Mit Rosel vor fünf Jahren hatte für ihn eine neue Zeitrechnung begonnen. Schon nach drei Monaten waren sie zusammengezogen. Er glaubte, die Richtige erwischt zu haben. So könnte er es nennen: erwischt zu haben. So viele wie er vorher gehabt hatte, musste irgendwann die Richtige dabei sein. Er hatte hübschere gehabt, genug mit mehr Sexappeal und welche, die sich im Bett als Raketen erwiesen.

Rosel war hübsch. W29, L32. Ihre Hüften und ihr Po wurden minimal betont. Sie hatte zu wenig Busen, aber das macht ihm nichts aus. Ihre Haut hatte einen dauerhaften leichten natürlichen Braunton. Schwarze Haarfarbe, schulterlanges Haar, das sie oft zu Zöpfen gebunden hatte, so wirkte sie mädchenhaft, aber ihre braunen Augen hatten etwas Rassiges und Südländisches und wirkten mit makellos weißen Zähnen wie ein harmonischer Kontrast. Obwohl sie grundsätzlich vom Temperament zurückhaltend war. Sie hatte ein natürlich schönes Gesicht, das nur durch ein minimal fliehendes Kinn minimal in seiner Schönheit gemindert wurde. Und er fand gut, dass sie etwas Kleiner als er war.