Im Dezember der Wind - Marvel Moreno - E-Book

Im Dezember der Wind E-Book

Marvel Moreno

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Beschreibung

Jeder Sturm hat seine Gründe, jedes Schicksal seinen Ursprung. Wie eine gelassene, weil machtlose Göttin sitzt die Großmutter inmitten von Zikadengezeter in der trägen Luft der Mittagshitze, als sie es Lina erklärt: warum ihre Freundin Dora einen Mann heiraten wird, der sie schlägt – und welche generationenalte Schuld sie unabwendbar ins Unglück zu führen scheint. Viele Jahre später versucht Lina zu begreifen und zu erzählen: nicht nur von Dora, auch von Catalina, Beatriz und sich selbst. Alle sind sie jung, schön und reich, Teil der so konservativen wie frivolen Elite Barranquillas, einer Stadt an der kolumbianischen Karibikküste. Es sind Geschichten von Freiheitsträumen und Demütigungen, von weiblichem Begehren, von Sex und Unterwerfung, kolonialem Erbe und den Verbrechen der Erziehung – vor allem aber Geschichten von Frauen, die zum Skandal werden. Marvel Morenos Sprache ist ein Ereignis: bildgewaltig, mal sarkastisch-fies, mal sinnlich, immer unerbittlich tiefenscharf. Ein lebenssattes lateinamerikanisches Sittengemälde der fünfziger Jahre, ein allzu lange verborgener Schatz der Weltliteratur – endlich in herausragender deutscher Erstübersetzung.

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Seitenzahl: 745

Veröffentlichungsjahr: 2023

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In jedem Satz steckt eine ganze Welt. Marvel Morenos karibische Saga um vier Freundinnen: ein ausschweifender, heftiger, überlebensgroßer Roman – und die lange überfällige Entdeckung einer faszinierenden Erzählerin.

»Marvel Moreno ist eine Naturgewalt, die ihre Leser mitreißt. Hellsichtig und messerscharf, mit einer sintflutartigen Sprache, die selbst in die dunkelsten Abgründe der menschlichen Seele vordringt.«

Fernanda Melchor

Marvel Moreno

Im Dezember der Wind

Roman

Aus dem kolumbianischen Spanisch von Rike Bolte

Verlag Klaus Wagenbach Berlin

EINS

I

»Denn ich, der Herr, dein Gott, bin ein eifersüchtiger Gott: Bei denen, die mir feind sind, verfolge ich die Schuld der Väter an den Söhnen, an der dritten und vierten Generation.«

Denn die Bibel – dieses Buch, das nach Ansicht ihrer Großmutter alle Vorurteile enthielt, die darauf angelegt waren, den Menschen Scham empfinden zu lassen wegen seines Ursprungs, und nicht nur wegen seines Ursprungs, sondern auch wegen der seiner Natur innewohnenden Triebe, seiner Wünsche, Instinkte oder wie auch immer man es nennen mochte, sodass der Augenblick, den sein Leben währt, zu einer Hölle aus Schuldgefühlen und Gewissensbissen, Enttäuschung und Groll wird – enthielt auch die Weisheit jener Welt, die das Buch, von der Zeit seiner Niederschrift an, zu erschaffen geholfen hatte, weswegen man es mit großer Aufmerksamkeit lesen und über seine Behauptungen nachdenken musste, so willkürlich sie auch klingen mochten, bis man das Wie und Warum des eigenen und des fremden Elends durchdrungen hatte. Wenn also ein beliebiges Ereignis die trübe, wenngleich auf den ersten Blick einwandfreie äußere Erscheinung jener gleichförmigen Existenzen durcheinanderbrachte, die seit über hundertfünfzig Jahren die Elite der Stadt bildeten, erinnerte ihre in einem Korbschaukelstuhl inmitten von Zikadengezeter und der schwülen, um zwei Uhr mittags ganz trägen Luft sitzende Großmutter sie an die biblische Verdammnis und führte aus, dass der Vorfall oder vielmehr: sein Ursprung, ein Jahrhundert oder gar mehrere Jahrhunderte zurückreiche und dass sie, die Großmutter, ihn erwartet hatte, seit sie sich ihres Verstandes bedienen konnte und in der Lage war, einen Zusammenhang von Ursache und Wirkung herzustellen. Ebendieser Fatalismus rief in Lina eher Schrecken als Erstaunen hervor – bereits vierzehnjährig hatte sie über den von ihrer Großmutter und ihren Tanten zum Besten gegebenen Dingen die Fähigkeit zu staunen verloren –, wenn nicht gar ein finsteres Unbehagen, das sich als Kribbeln in den Händen Ausdruck verschaffte, unterdessen sie sich zum x-ten Mal fragte, zu welchem Unglück das Schicksal wohl sie selbst verdammt haben mochte. Wenn sie ihre Großmutter ansah, wie sie ihr so gegenübersaß, klein und zerbrechlich wie ein siebenjähriges Mädchen, die weißen Haare nach hinten gekämmt und im Nacken zu einem diskreten Dutt zusammengebunden, hatte sie den Eindruck, einer uralten Kassandra zu lauschen, keiner aufgebrachten oder hysterischen, ja, eigentlich nicht einmal einer richtigen Kassandra – denn weder klagte sie über ihr eigenes Schicksal noch über jenes der anderen –, sondern einer, deren Prophezeiungen unweigerlich in Erfüllung gehen mussten. Einer Kassandra, die die Vergangenheit in ihrem Gedächtnis verwahrte und aus derselben und ihrer Auslegung die Gegenwart und gleich auch noch die Zukunft mit unbestimmter Schwermut ableitete, wie eine gütige, der Schöpfung aber abgewandte Göttin, die unfähig war, Fehler und Leid der Menschen zu verhindern. Deswegen, ja, weil sie seit jeher davon überzeugt gewesen sei, dass alles bereits im Vorhinein beschlossen war, dass eine geheime Macht uns antreibe, diesen und nicht jenen anderen Schritt im Leben zu tun, sollte sie sich zurückhalten, als Lina sie darum bat, Dora vor der Heirat mit Benito Suárez zu bewahren, obwohl sie es theoretisch hätte tun können, schließlich achtete Doras Mutter niemanden so sehr wie Linas Großmutter.

Lina war der Meinung, dass ein einziger Telefonanruf, schon eine kurze Nachricht, Doña Eulalia del Valle aus ihrem Gefängnis hervorlocken und sie den Weg über die vier Querstraßen, die sie von dem Haus trennten, in dem Lina mit ihrer Großmutter wohnte, zu Fuß zurücklegen lassen würde; auch war sie der Überzeugung, dass sie, wenn Doña Eulalia ihrer Großmutter erst einmal ihre ausführliche Jeremiade vorgetragen hätte, in der sie ihren lebenslangen Leidensweg darlegte, das heißt, wenn sie glaubte, sie habe mit ihren Klagen Mitleid erregt, und zwar nicht das ihrer Tochter und ihrer Bediensteten, sondern das eines Menschen, den sie seiner Abstammung und seines vorbildlichen Lebenswandels wegen bewunderte – Begriffe, die sie stets anbrachte, wenn sie von Linas Großmutter sprach –, jeden Rat annehmen würde, selbst den, die Verheiratung Doras (Doras Läuterung, wie Doña Eulalia glaubte) mit einem Wahnsinnigen wie Benito Suárez abzulehnen. Doch ihre Großmutter hatte sich nicht zum Telefon begeben wollen und ihr, Lina, erklärt, wenn es nicht Benito Suárez werde, dann werde es eben ein anderer vom gleichen Schlag, denn deine Freundin Dora ist dazu bestimmt, sich von einem Mann erwählen zu lassen, der nicht nur fähig ist, ihr den Gürtel von der Hose zu reißen, sondern auch, sie damit auszupeitschen, wenn er das erste Mal mit ihr schläft.

Viele Jahre später, im Herbst ihres Lebens, nachdem sie hier und dort ähnliche Geschichten vernommen und gelernt hatte, widerstands- und anspruchslos zuzuhören, auch sich selbst, sollte Lina, während sie von der Terrasse des Café Bonaparte einer vorüberspazierenden Frau hinterherblickte und dabei an Dora denken musste, sich schmunzelnd fragen, ob ihre Großmutter nicht doch Recht gehabt hatte: damals, als sie behauptete, Dora könne nicht anders, als sich mit dem erstbesten Mann zu vereinigen, der sie auspeitschte, wenn sie miteinander schliefen, zuerst einmal, weil sie mit ihm schlief, und zweitens, weil sie es zuvor schon mit einem anderen getan hatte. Damals allerdings noch nicht. Damals war sie eben erst vierzehn Jahre alt geworden, und niemand, nicht einmal die Großmutter, hätte sie davon überzeugen können, dass Dora von einer finsteren Macht in die Arme jenes Mannes getrieben wurde, der zweifellos ihren Untergang bedeutete, und zwar auf eine so rätselhafte Weise wie eine Katze, die aus Instinkt ihr Leben im brüchigen Geäst eines Guavenbaums aufs Spiel setzt, nur weil ein Vogel im Laub flattert, obwohl sie weiß, dass sie ihn nicht zu fassen kriegen wird und obendrein eben erst die Reste des Mittagessens verschlungen hat.

Die Kräfte, von denen ihre Großmutter sprach – und auf deren genaue Bezeichnungen Lina stoßen würde, als sie, nicht ohne eine gewisse Skepsis, Freud las –, kamen ihr damals wie jene Feinde vor, die den Menschen einer Krankheit oder dem Wahnsinn gleich überfallen und gegen die man sich allein aus Würde zu wehren hat, das heißt, um dem eigenen Lebensende mit einem gewissen Anstand entgegenzugehen und die Leute so wenig wie möglich zu belästigen, so wie man eine Zeitung im Café wieder genauso zusammenfalten sollte, wie man sie vorher in die Hand gekriegt hat, vielleicht ein wenig abgegriffener als zuvor, doch keinesfalls in zerfleddertem Zustand oder mit angerissenen Blättern. Und das nicht so sehr aus Rücksicht auf jemand Bestimmten, war doch davon auszugehen, dass sie uns niemand ausgehändigt hatte und wir sie somit auch niemandem zurückgeben müssen, sondern eben deswegen, weil man achtsam sein und das gesamte Leben über gegen jedwede Nachlässigkeit kämpfen musste, auch wenn klar war, dass wir auf lange Sicht unweigerlich verlieren würden, da selbst die Zeitung letztlich im Papierkorb landete. In anderen Worten: Lina fand es schon damals, auf ihre ganz eigene Weise, unentschuldbar, Passivität gleich welcher Art zuzulassen, da konnte ihre Großmutter noch so sehr auf das Eingreifen geheimnisvoller Mächte verweisen, und das galt gerade dann, wenn die Schludrigkeit dazu führte, dass man einen Mann wie Benito Suárez ehelichte.

Lina kannte ihn nur zu gut. Sie hatte ihn an einem Karnevalssamstag unter eher ungewöhnlichen Umständen kennengelernt, wenngleich dieses Adjektiv – das von Lina sehr bewusst und mit dem Zweck verwendet wurde, nicht der Übertreibung bezichtigt zu werden, als sie ihrer Großmutter von dem Vorgefallenen erzählte – in keiner Weise der ungeheuerlichen Art gerecht wurde, mit der Benito Suárez ihr erschienen, in ihr Leben eingebrochen war und sich darin eingenistet hatte, denn von diesem Augenblick an, und nicht nur wegen ihrer Freundschaft zu Dora, zweifelte Lina nicht im Geringsten daran, dass ihr dieser Mann mehr als einmal über den Weg laufen und dabei immer wieder dieselbe Verwunderung und manchmal auch dieselbe eiskalte Wut auslösen würde wie damals, als sie sah, wie er seinen Studebaker an der Ecke abstellte, ausstieg und dann Dora hinterherrannte, die bereits den Wagen verlassen hatte und mit blutverschmiertem Gesicht blindlings auf die Eingangstür ihres Hauses zustürzte. Lina brauchte eine ganze Weile, bis sie das Ausmaß des Geschehnisses wirklich begriffen hatte, sprich, sie wusste nicht, dass die schlichte Tatsache, Zeugin dieser Szene geworden zu sein, sie verändert oder, genauer gesagt, jenen Mechanismus in ihr in Gang gesetzt hatte, der sie auf unwiderrufliche Weise verändern würde. Sie würde es erst später, im Laufe der Jahre, überhaupt ansatzweise begreifen, als sie feststellte, dass ihr Gedächtnis jedes Detail dieses Karnevalssamstags, an dem sie Benito Suárez zum ersten Mal begegnet war, gespeichert hatte: wie der blaue Studebaker scharf an der Straßenecke ihres Hauses bremste, wie sie fassungslos aus dem Fenster im Esszimmer starrte, wo sie an dem Mahagonitisch saß, der Platz für zwölf Menschen bot, darauf ihre Hefte und die Rolle mit dem Pergamentpapier, das sie gerade zugeschnitten hatte, um darauf eine Karte Kolumbiens mit Flüssen und Bergen zu zeichnen; daneben Radiergummi und Tuschefass, weiterhin das Häufchen Sand, das sie dort hinzukleben beabsichtigte, wo sich die Berggipfel zu Vulkankratern öffneten. Immer würde sie sich daran erinnern, wie ihr die Füllfeder aus der Hand fiel und die gewachste Tischplatte beschmutzte, dann Doras verzweifeltes Herumirren, wie Benito Suárez sie schließlich im Garten einholte und ihr eine weitere Ohrfeige verpasste, in dieses vom Blut schon unkenntlich gewordene Gesicht, und wie sie dann beide, Dora und sie selbst, zum Eingang rasten, Dora weiterhin durch den Garten und sie über die Veranda, um die Tür aufzureißen, und wie sie dann, schlagartig, mit einem Stuhl auf Benito Suárez eindrosch, nicht um ihm den Zugang zu versperren, denn er hatte die Eingangshalle bereits durchquert, und sein Gesicht zeigte eine solche Entschlossenheit, dass ihn zurückzudrängen unmöglich schien, sondern um sich ihm in den Weg zu stellen. Ja, es zeigte Verblüffung, als sein Blick auf dieses dreizehnjährige Mädchen traf, das soeben einen Louis-XVI.-Stuhl auf seiner Schulter zerschmettert hatte und zu ihm sagte: »Ich habe den Hund losgelassen, gleich ist er hier und wird Sie in Stücke reißen.« Die Verblüffung und auch der Schlag, womöglich gar der Schmerz, das war es, was ihn aufhielt. Die Sekunden, daran würde sich Lina erinnern, in denen sie nach Doras Hand greifen und sie die Veranda entlang bis zum Esszimmer fortzerren konnte, um sich dort mit ihr hinter dem Sideboard zu verstecken, wo sie sich als Kind immer verkrochen hatte, wenn ihre Großmutter mit dem verhassten Magnesiumpräparat hinter ihr her war. Die japsende, mit einem Mal schweißgebadete Dora, die das Gesicht gegen ihre Beine presste, das klebrige, ihre Bluejeans besudelnde Blut, und wie Lina zu ihr gesagt hatte: »Hör bloß auf zu heulen, sonst bringt er uns beide um.« Denn Benito Suárez wollte sie umbringen: Er verkündete es brüllend, während er das verwaiste Haus durchkämmte, gegen die Möbel trat und sie, Lina, als Missgeburt verfluchte. Sie hatte ihn brüllen hören, als er im Esszimmer aufgetaucht und mit einem Handstreich all ihre Hefte auf den Boden gefegt hatte; hatte seinen keuchenden Atem gehört, diese Stimme, die so fern alles Menschlichen klang und, wie ihr schien, dem Gestöhne eines Tieres glich, das wie wild geworden wortähnliche Laute auszustoßen versuchte. Womöglich war es dieser so wutentbrannt herausbrechende rohe Ton, der in Lina das Bild des Hundes aufsteigen ließ; nicht das der Setter, die trotzdem wie von der Tarantel gestochen im Patio losbellten: Der rassen- und namenlose Hund bellte nie: Doch in seinem Schweigen lag dieselbe Fähigkeit zum Hass, dieselbe Mordlust wie die des Mannes, der nun gegen das Sideboard trat, hinter dem sie Dora den Mund zuhielt, um sie am Schreien zu hindern. So dachte sie an den Hund, aber nicht mit der Bestürzung, die sie empfand, als sie mit dem Stuhl auf die Schulter von Benito Suárez eingedroschen hatte, sondern kühl, mit einer plötzlichen Geistesgegenwart, über die sie sich selbst später noch wundern würde; das heißt, als sie ihrer Großmutter erzählte, wie sie die Veranda entlanggehuscht war, weil das wirre Gestammel aus Flüchen gerade abebbte, und zu dem Baum hinüberlief, an dem der Hund angekettet war; wie sie diesen am Halsbandring hinter sich hergezogen und nach Benito Suárez Ausschau gehalten hatte, bis sie ihn auf dem Flur neben dem umgestürzten Stuhl antraf. Ebenso verwundert, nein, noch verwunderter aber war sie, als die Großmutter bemerkte: »Ich kann mir allerdings nur allzu gut vorstellen, wie du diesen verdammten Hund packst, um ihn Benito Suárez auf den Hals zu hetzen.«

Dabei hatte Lina schon lange vor diesem Ereignis, das sie als erstes Scharmützel bezeichnen sollte (es würde derer so viele geben, dass Lina sich schließlich daran gewöhnte, in diesem Mann einen natürlichen Feind zu sehen, der durch die Vorhersehbarkeit seiner Reaktionen beinahe harmlos wurde und den sie auf eine ihr selbst unerklärliche Weise mochte, ohne deswegen aufzuhören, ihn als Feind zu betrachten), ansatzweise zu verstehen versucht, was für ein Typ Benito Suárez war. Sie hatte jede einzelne seiner qualvollen Begegnungen mit Dora verfolgt, war sie doch seit dem Eintritt in die Schule von La Enseñanza deren Vertraute, als Dora beschlossen hatte, womöglich angetrieben von einem allzu frühen Mutterinstinkt, sie unter ihre Fittiche zu nehmen: Ein ganzes Jahr lang hatte sie sie wie eine Glucke verteidigt – ihr im Schulbus stets eifrig einen Platz neben dem Fenster freigehalten oder sie zu sich auf den Schoß genommen –, dann jedoch begannen die Dinge sich zu ändern, denn während sie selbst in die erste, zweite und dritte Grundschulklasse kam, musste Dora die vierte Klasse erneut wiederholen, und da trafen sie sich, sie acht- und Dora elfjährig, und ihre Beziehung kehrte sich allmählich um, als Lina begriff, dass sie, wenn sie Dora aus der Patsche helfen wollte, ihr bei den Prüfungen beispringen, ihre Aufsätze schreiben, ihr ein ums andere Mal das Dividieren erklären und sie anrufen musste, um zu kontrollieren, ob sie auch brav ihre Hausaufgaben gemacht hatte. Tatsächlich schaffte sie es unter Anwendung von Tricks und Strenge schließlich, sie bis in die zweite Oberstufenklasse mitzuschleifen, jenes Schuljahr, in dem all ihre Bemühungen zunichte gemacht wurden, denn Dora flog in La Enseñanza raus, weil sie ein von einem Jungen über die Schulmauer zu ihr herübergeworfenes Bonbon aufgehoben hatte.

Dora hatte auf Lina einen allzu ruhigen Eindruck gemacht: Sie beteiligte sich weder an den Spielen im Pausenhof noch an den Streichen, die Catalina, sie und ihre Freundinnen akribisch vorbereiteten, um für Unruhe zu sorgen, die Nonnen auf die Palme und so ein wenig Abwechslung in die Eintönigkeit des Unterrichts zu bringen. Strenggenommen hatte Dora noch nie bei irgendetwas mitgemacht, das Tatkraft oder Bewegung verlangt hätte: Sie war ein stilles Mädchen gewesen, eine Art Pflanze, wirkte träge wie ein Organismus, immer versunken in etwas, das nur in ihm selbst vorgeht, in seinen eigenen Zellen pocht. Als Kind hatte man sie so viele Vitaminpräparate schlucken lassen, dass sie bereits mit neun Jahren ein Backfisch und mit vierzehn – als sie wegen der Geschichte mit dem Bonbon von der Schule flog – bereits herangereift war und diesen schlaffen Ausdruck und wiegenden Gang annahm, der die Jungs vom Colegio Biffi dazu drängte, die von einem wahren Gestrüpp aus Glasscherben gekrönte Mauer der Schule hinaufzuklettern, sich dabei die Haut ihrer Knie abzuschürfen und Angstschweiß zu vergießen, nur um sie während der Pause eine Minute lang betrachten zu können. Sie war nicht so schön wie Catalina und entbehrte der Feinheit von Beatriz. Man konnte bei ihrem Anblick weder von Anmut noch von Verführungskraft sprechen. Nein. Sie hatte etwas Ferneres, Tieferes; etwas, das dem ersten Molekül erlaubt haben musste, sich fortzupflanzen, oder dem ersten Organismus, sich fruchtbar zu machen; das, was am Meeresgrund vor sich hin gezuckt hatte, noch bevor sich auf der Erde überhaupt irgendeine Form von Leben zeigte, und zuckend geschlürft, gesaugt, andere Wesen gezeugt und ausgeworfen hatte; das Leben im Rohzustand und späterhin das Urweibchen; nicht unbedingt das Menschenweibchen, sondern jedwedes Weibchen, das in der Lage war, das widerborstige, polternde Männchen in seine Höhle zu locken und seine Aggressivität für eine Weile zu bezwingen, nicht nur, um jenen Akt zu vollziehen, der ganz augenscheinlich seine Existenz der Natur gegenüber rechtfertigte, sondern auch, um das Männchen daran zu erinnern, dass es eine stärkere, ja womöglich gar ältere Lust gab als den Wunsch, zu töten.

Dies schien Dora mitnichten zu ahnen, wenngleich sie es hätte vermuten können: Denn sie spürte, dass sie die Blicke der Männer auf sich zog, und hatte schon als Kind begriffen, dass sie sich unmöglich allein in den Garten ihres Hauses begeben konnte, ohne bei irgendeinem die Straße entlangkommenden Bettler oder Stadtstreicher den hemmungslosen Drang auszulösen, sich den Hosenschlitz aufzureißen und sich vor ihren Augen einen herunterzuholen. Lina ihrerseits sah sich versucht, zu denken, Dora trage seit dem Augenblick ihrer Geburt oder, wie ihre Großmutter sich immer wieder zu erklären bemühte, schon seit dem Moment, in dem sie zu existieren begann, dasselbe Mal, das auch das Wesen der Hündin Ofelia bestimmte oder, mehr noch, das Verhalten der Hunde, die so gierig um sie herumschlichen. Tatsächlich, sie schlichen um sie herum, sie stellten ihr nicht nach: Ofelia musste sich nicht vom Fleck bewegen, sich nicht im Geringsten rühren, damit sie in hechelnder Erwartungshaltung in ihrer Nähe blieben. Dabei war nichts Besonderes an ihr, jedenfalls unterschied sie sich in ihrem Aussehen nicht von den anderen bei ihr zu Hause geborenen und heranwachsenden Settern, die ebenfalls Namen von Shakespeare-Heldinnen trugen, deren Geschichten die Großmutter ihr so oft zum Einschlafen erzählt hatte; sie war schlicht ein verschlafenes Tier mit gewelltem zimtfarbenem Fell, das die Sonne verabscheute und den gesamten Tag über auf den kühlen Fliesen der Veranda herumdöste. Wenn sie aber läufig wurde, blitzte Gier in ihren Augen auf, und urplötzlich baute sie sich vor den geifernden, unter Gejaule um ihre Gunst buhlenden Brutussen und Macbeths auf, die die anderen läufigen Hündinnen – deren eigene Brunst fraglos von jener Ofelias angestachelt wurde – völlig vergaßen und darüber ihre ganze Distinguiertheit einbüßten, die den aus England eingeführten Settern mit all ihrem Pedigree, das man, wie ihre Großmutter nicht ohne Stolz erklärte, in dieser Form auch im Stammbaum eines Bourbonen finden konnte, doch eigentlich zu eigen war. Sah man sich jedoch die unverrückbare Treue an, mit der Ofelia immer wieder denselben Partner auswählte, so hätte man all die lauernde und sich anschließend in Gewinsel und Pirouetten verlierende Energie als schiere Verschwendung bezeichnen können, hätten sich die Setter nach der vollzogenen Wahl nicht ängstlich zu den anderen Hündinnen verdrückt, die alle, selbst jene, die sich kaum mehr auf den Beinen halten konnten, Gegenstand ihrer Aufmerksamkeit und ihrer Bemühungen wurden. Das heißt, Ofelia schien von Natur aus dazu bestimmt, in sich den Anreiz, den Antrieb oder den Köder zu vereinen, der die Lebewesen dazu bringt, sich fortzupflanzen, und zwar ganz unabhängig von Ofelias Willen und, selbstverständlich, auf völlig unbewusste Weise.

Wenn man Dora beobachtete, hätte man sich durchaus bestätigt darin sehen können, dass eine ähnliche Ignoranz sie daran hinderte, zu begreifen, wie wenig sie mit den meisten Frauen gemein hatte. Dora empfand es als überaus natürlich, sich begehrt zu fühlen, und wäre bestimmt aus dem Staunen nicht herausgekommen, hätte sich jemand die Zeit genommen, ihr zu erklären, dass die Jungs vom Biffi sich die Schulmauer hochzogen und riskierten, ihre Hände an der Glasscherbenbarriere einzubüßen, nur um einen Blick auf sie zu werfen. Für Dora gehörte dies, ebenso wie die Stadtstreicher, die ihren Hosenschlitz aufrissen, sobald sie sie erblickten, zum natürlichen Lauf der Dinge, ja, mehr noch, es schien aufs Genaueste mit dem übereinzustimmen, was ihre Mutter über die Natur des Mannes und sein verdorbenes Wesen sagte, das nichts anderes im Sinn hatte, als die Frauen in die Schande zu treiben. Bis zu ihrem vierzehnten Lebensjahr, solange sie sich ausschließlich zwischen ihrem Zuhause und der Schule bewegte, hatte sich keinerlei Gelegenheit geboten, auch nur eines dieser Individuen näher kennenzulernen, die sie ihrer Sittsamkeit berauben wollten, und ebenso wenig war Dora in der Lage, würde Lina sich später sagen, den Ursprung dieser inneren Unruhe zu erkennen, die sie über dem Pult vor sich hin dämmern ließ, während eine Nonne Zeichen auf eine Tafel schrieb und ihr das nervenaufreibende Gesumme der Bienen in die Ohren drang. Immer am selben Fenster sitzend, vertrieb sie sich die Zeit damit, in den Schulhof und auf die Bäume zu starren, die dort reglos vor einem Streifen metallenen Himmels standen, und ihr Blick schien zu verschleiern, abzuschweifen inmitten von Bildern, die womöglich nicht einmal Bilder waren, sondern nur etwas, das auf eine sehr vage Weise Erwartung war und gewissermaßen auch Verwirrung. Ihr Betragen allerdings ließ nichts zu wünschen übrig: Sie verhielt sich vorbildlich, schrieb sorgfältig die Zeichen ab, die die gerade diensthabende Nonne auf die Tafel kratzte, stand lautlos auf, wenn die Pausenglocke schlug und reihte sich ordnungsgemäß zwischen den anderen Schülerinnen ein. Ordnungsgemäß trat sie auch in den Speisesaal und nahm ihr Essen zu sich, und sie fand sich zum Gebet in der Kapelle ein: ordnungsgemäß und abwesend. Sie war nicht anwesend, und fast schien es angebracht, sich zu fragen, ob sie überhaupt jemals an einem bestimmten Ort anwesend gewesen war. Sie schien auf eine andere Weise zu existieren, in sich selbst hineinlauschend, nicht geleitet von einer Stimme – nur hier und da hatte man den Eindruck, dass sie überhaupt irgendein Ton erreichte –, sondern viel eher von einem der menschlichen Sprache vorgängigen Raunen, in dem jedes neue Geräusch die Verlängerung des vorherigen war und dem Vorüberziehen eines Flugzeugs am Himmel ein plötzlicher Windstoß in den Bäumen folgte, ein Regenschauer oder schlicht etwas weniger Vernehmbares, Undeutlicheres, wie das Krachen einer in der Hitze aufplatzenden Schote oder das Herabfallen eines von der Sonne zermalmten Blatts.

Die Großmutter legte Lina dar, wie lange Dora so hätte fortexistieren können, unerkannt, unentdeckt, in diesem Limbus von Eindrücken, die womöglich keines der ihr bekannten Worte je hätte fassen können, bis es Doña Eulalia gelungen wäre, sie zu verheiraten, das heißt, jene Zeremonie in die Wege zu leiten, mittels derer sie ihre Tochter – und ihre Ängste – einem Mann übergeben würde, so wie man eine entriegelte Handgranate erleichtert in die Hände eines anderen wirft: ja, wenn die Nonnen nur nicht so bescheuert gewesen wären und wenn nicht Doña Eulalia selbst, beunruhigt über diese so undurchsichtige und stille Kreatur, die zu still und undurchsichtig genug war, um davon auszugehen, dass ihre Keuschheit, aller Wachsamkeit zum Trotz, nicht allzu lange bewahrt werden könnte, nicht die Entscheidung getroffen hätte, sie in einem von einer Verwandten geleiteten Kindergarten arbeiten zu lassen, während sie sich selbst in ihrem konsternierten Zaudern einredete, dass letztlich die Trägheit die Mutter aller Sünden sei. Es war alles andere als komisch, dass sie das dachte, denn Doña Eulalia kam aus einer Familie, in der über fünfhundert Jahre lang niemand gearbeitet hatte, sofern man unter Arbeit verstand, die eigenen Hände bei Saat, Ernte oder dem Bedienen eines wie auch immer gearteten Werkzeugs einzusetzen, mit dem man eine Sache in eine andere verwandelte, um sich auf diese Weise den Lebensunterhalt zu verdienen. Sie und all ihre Vorfahren waren davon überzeugt, einer besonderen Kategorie von Menschen anzugehören, die kraft ihrer Geburtsrechte oder im Auftrag Gottes dazu auserkoren waren, Ordnung walten zu lassen, in Friedenszeiten durch ihre Vorbildlichkeit, durch Schwerter und Kanonen, wenn es zu Unruhen kam. Mehr als gegenwärtig war in der Familienerinnerung, dass sie aus Spanien hierhergekommen waren, und zwar nicht als Abenteurer, ja nicht einmal als Krieger: Schon zu Zeiten der Conquista hatten sie derart oft zu den Waffen gegriffen, dass sie bei Hofe längst einige Privilegien genossen und einfach daherkommen konnten, um die Verwaltung der chaotischen Provinzen in Übersee zu übernehmen, wenn sie dazu nicht gleich hochmütig ihre Zweitgeborenen und Bastarde aussandten. Ja, sie gingen in Gestalt von Inquisitoren und Oidoren der Königlichen Richtergremien in den wichtigsten Städten der karibischen Küste an Land, ihre Kinder erwarben oder wiesen sich von Sklaven bestelltes Land zu, und ihre Enkel mussten in den verheerenden Tagen der Unabhängigkeit nach Curaçao fliehen und dort ausharren, bis der Anbruch günstigerer Zeiten ihnen die Rückkehr erlaubte, um ihre verwüsteten Plantagen wieder zu besetzen, nachdem sie in weiser Voraussicht den Familiennamen gewechselt oder leicht abgewandelt hatten. Doch auch dann arbeiteten sie nicht. Nicht weil es ihnen an Kraft gemangelt hätte: Obwohl dürr und der Grübelei, ja, beinahe dem Mystizismus zugeneigt, hatten sie sich die Fähigkeit bewahrt, die anderen Männer zum Gehorsam zu zwingen, und hatten es geschafft, ihre Besitztümer über zwei oder drei Generationen unverändert zu bewahren. Das Problem war allein, dass die Welt sich wandelte und sie nicht in der Lage waren, sich an irgendetwas anzupassen, das Entwicklung oder Veränderung bedeutete, an nichts, was einen Wandel jener Werte mit sich brachte, die ihnen seit so langer Zeit als Anhaltspunkt dienten, als Spiegel, in dem sie ihre Identität erkannten oder wiederherstellten. Einer dieser Werte hielt sie auf instinktive Weise von der Arbeit fern, die zwar schon immer entwürdigend gewesen war, aber in diesen gottlosen, von Sonne, Sturzregen und Raubtieren geplagten Gebieten die Menschen so auszulaugen schien, bis jede Form von Intelligenz und Würde aus ihnen gewichen war. Und um ihre Prinzipien nicht zu verletzen, traten sie den Rückzug an: Ganz allmählich, vom Vater zum Sohn, bereiteten sie sich darauf vor, sich geschlagen zu geben, ohne je in die Schlacht gezogen zu sein. Als die wirtschaftlichen Veränderungen im Land sie zwangen, mit Händlern, Politikern und Schmugglern zu konkurrieren, verzichteten sie stillschweigend; stillschweigend und stolz, das heißt, offenbar ohne ihre zurückgelassenen Häuser oder Plantagen zu vermissen, die sie Parzelle um Parzelle verkauften. Es blieb ihnen die Erinnerung, nicht die Nostalgie, und die Erinnerung schien zu genügen, um sie hocherhobenen Hauptes herumspazieren zu lassen, während jene Welt, die nur sie kannten, im Staub versank, vor ihren Füßen zerfiel: Sie waren und blieben Herren. Das jedenfalls glaubte Doña Eulalia del Valle, und das hatte Lina sie wiederholt sagen hören. Und so war es ein Ding der Unmöglichkeit, sich vorzustellen, sie könne ihre Tochter in einem Kindergarten arbeiten lassen, um sich ein paar Pesos dazuzuverdienen, selbst wenn sie sich praktisch am Rande der Armut bewegten, denn für Doña Eulalia war, aus Prinzip und aus Tradition, Armut jeglicher Form der Arbeit vorzuziehen.

Ihre Entscheidung musste wohl an das Wesen Doras geknüpft sein, jener Tochter von zweifelhaftem Blut, das verseucht war durch Jahrhunderte der Zügellosigkeit und weit zurückliegender, auf Festen und Trommelgelagen zwischen scharfen Gerüchen ausgetobter Wollust, jener Tochter, die sich ihr entzog – ihrer blassen, asketischen, ungreifbaren Gestalt – und in der sie sich doch selbst gespiegelt gesehen hatte, kaum war Dora neun Jahre alt geworden und hatte begonnen, zu erblühen, aufzugehen wie eine Pflanze, die der Rauheit jeder Witterung widersteht, weil ihre Wurzeln in allertiefster Erde stecken. Erst hatte sie versucht, dieses unerhörte Etwas, das Dora aus jeder Pore ihrer Haut verströmte, zu ersticken, einzudämmen oder zu zerstören; als ihr das nicht gelang, weil sich die Brüste ihrer Tochter jedem Korsett und jeder Bandage zum Trotz aufrichteten und das wuchernde Haar die Zopfbänder und Pferdeschwänze sprengte, versuchte sie fasziniert, sie sich zu eigen zu machen: Wie eine Schlingpflanze legte sie sich um ihren Körper, wollte mit ihrer Lunge atmen, durch ihre Augen blicken, wollte, dass ihr Herz im Einklang mit ihrem Herzschlag pochte: Sie durchforstete ihr Hirn mit derselben grimmigen Hartnäckigkeit, mit der sie in den Schubfächern ihrer Kommode wühlte und in den Seiten ihrer Bücher und Schreibhefte herumschnüffelte. Sie zwang sie, laut zu denken, ihre Geheimnisse zu teilen, ihre Wünsche offenzulegen. Es gelang ihr, lange vor jedem Mann von ihr Besitz zu ergreifen und damit jedem Mann den Weg zu ihrer Eroberung zu ebnen.

Ja, der blaue Studebaker von Benito Suárez war noch lange nicht aufgetaucht, da hatte Lina in Doña Eulalia bereits den Wunsch erkannt, Dora in Beschlag zu nehmen, und zwar so sehr, dass ihr die Gesichtszüge beim geringsten Verdacht, sie könne getäuscht, ihr könne etwas verheimlicht werden, völlig entglitten: Also war es Dora verboten, außerhalb des Gartens zu spielen – der umgeben war von einer zwei Meter hohen, von scharfkantigen, stacheligen Blättern überwucherten Mauer –, und schon die bloße Anwesenheit von Linas Freunden und Cousins sorgte dafür, dass umgehend, wie der Geist aus Aladins Wunderlampe, eine hocherregte Doña Eulalia in Erscheinung trat, die Dora mit geweiteten Pupillen, ohne jede Rücksicht und unter Missachtung sämtlicher Regeln der Gastfreundschaft befahl, sofort ins Haus zu kommen und zur Strafe stundenlang auf einem Stuhl auszuharren. Lina wusste zwar von diesen Dingen, über die genauen Absichten Doña Eulalias machte sie sich aber erst dann Gedanken, als sie an einem 24. Dezember erfuhr, dass Dora ein Fahrrad geschenkt bekommen hatte, dieses jedoch nur unter der Bedingung benutzen durfte, damit nicht weiter als die fünfzig Meter des Bordsteinstreifens vor dem Haus entlangzufahren; sich auf diese fünfzig Meter beschränken zu müssen hieß, den Spaß am Fahrradfahren einzubüßen: Es war so weder möglich, bei Wettrennen um den ersten Platz zu kämpfen, noch die Abhänge mit voller Geschwindigkeit hinunterzujagen, noch täglich den Muskelkater zu besiegen und mit Schweiß, zerzausten Haaren und Wind im Gesicht belohnt zu werden. Das Geschenk und die damit einhergehenden Beschränkungen, es zu benutzen, symbolisierten, so erklärte die Großmutter eines Nachmittags Lina gegenüber, den Widerspruch, in den sich Doña Eulalia verstrickte, wenn sie sich einerseits darauf versteifte, aus Dora ein Mädchen wie jedes andere zu machen, andererseits – und unsinnigerweise – aber alles Erdenkliche dafür tat, um genau das zu verhindern. Denn selbst wenn man in dieser Gesellschaft von Irren davon ausging, dass keine Tochter aus gutem Hause so unachtsam wäre, das Häutchen zu verlieren, dessen Unversehrtheit ihr die Möglichkeit einer angemessenen Ehe garantierte, und selbst wenn es nachvollziehbar war, dass die elterliche Aufsicht sich besonders redlich um die Bewahrung dieses Häutchens bemühte, so hing doch wenigstens niemand der Vorstellung an, das Fahrradfahren auf den Straßen von El Prado könne eine Gefahr für die Jungfräulichkeit einer Tochter darstellen, denn wäre dies tatsächlich der Fall gewesen, so hätte doch niemand je die Dummheit begangen, der eigenen Tochter überhaupt ein Fahrrad zu schenken.

So kam es, dass Lina Doña Eulalia del Valle von jenen Weihnachtstagen an neugierig zu beobachten begann und dabei einen noch recht unklaren Zusammenhang zwischen deren Anwesenheit unter dem Portikus des Hauses – von dem aus sie mit verängstigtem Blick die fünfzig Meter Bordstein überwachen konnte – und der Art und Weise herstellte, mit der sich die Mutter in Doras Kopf einnistete und unablässig ihre Intimsphäre verletzte. Mit Erstaunen hatte Lina die in ihrem Beisein stattfindenden Dialoge verfolgt, in deren Verlauf Doña Eulalia Dora nicht nur entlockte, was diese erlebt, sondern auch, was sie dabei gedacht oder gefühlt hatte. Ihre Haltung hatte etwas Inquisitorisches, und in ihren hartnäckigen Befragungen, die stets auf denselben Punkt zurückkamen und mit denen sie ihre Kreise um Dora zog wie ein Raubvogel die seinen am Himmel, lag etwas Schamloses, Gieriges. Konfrontiert mit der Art, wie ihre Mutter in sie drang, wandte Dora dieselbe Taktik an, mit der sie in der Schule der Herrschaft der Nonnen zu entkommen pflegte: Sie stellte nichts infrage, setzte sich gegen nichts zur Wehr; ihr Widerstand, so würde Lina später begreifen, bestand in der skandalösen Lautlosigkeit ihrer Unterwerfung. Als hätte sie gewusst, als hätte sie geahnt, dass es unmöglich war, ihre Tochter vollkommen zu beherrschen, da es immer einen biologischen Teil Doras geben würde, der sich ihr entzog – nicht einmal, wenn sie sie in den vier Wänden ihres Hauses festhielt, nicht einmal, wenn sie ihr keinen einzigen wirklich eigenen Gedanken oder Wunsch zugestand –, versuchte Doña Eulalia es mit dem Teufel aufzunehmen, der sich in der Unterwerfung verbarg, indem sie das einzige ihr zur Verfügung stehende Mittel einsetzte: das Wort. Ein Vorgehen, das Lina später als obsessive, schwachsinnige Gehirnwäsche bezeichnen würde und das sie sprachlos machte, obgleich sie wusste, dass es dieses Vorgehen gab und dass es zu den schlimmsten Übeln der Menschheit gehörte, wie ihr die Großmutter, kaum hatte sie begonnen, die Schule zu besuchen, unter die Nase rieb. Die Großmutter hatte sie gewarnt, dass die Nonnen allerhand Geschichten erzählen würden, und ihr geraten, diesen Delirien so viel Aufmerksamkeit zu schenken wie dem nächtlichen Eulengeheul: Da werde es Tote und Wiederauferstandene geben, Hölle und Vorhölle, Wehklagen und das Gerassel der Ketten, die die im Fegefeuer geschundenen Seelen hinter sich herschleiften. Doch an nichts davon dürfe Lina jemals glauben. Weil sich so etwas Indoktrinierung nenne und in jeder Doktrin mehr Lüge als Wahrheit stecke.

Was Lina also aus der Fassung brachte, als sie dem Gerede von Doña Eulalia del Valle lauschte, war nicht so sehr der Stil dieses Sermons, sondern das Ziel der Predigt als solcher. Denn irgendetwas musste Doña Eulalia ja bezwecken, wenn sie Dora jeden Tag anwies, sich vor sie hinzusetzen, und anfing, sich mit anstößigen Begriffen über die Männer auszulassen, ihr Sperma mit Exkrementen und ihr Geschlechtsteil mit dem ungeheuerlichen Phallus der Esel verglich, die man damals noch auf den Straßen von El Prado sah; ganz abgesehen von dem lasziven Gesabber, dem elenden Mundgeruch, den sogenannten Flatulenzen der sexuellen Zügellosigkeit. Es lag etwas derart Widerliches in dem, was sie sagte, und auch etwas derart Perverses in dem, was sie verschwieg oder nur andeutete, dass Lina tatsächlich niemals mehr Verkommenheit als diese begegnen sollte, nicht einmal Jahre darauf beim Blick in die Schaufenster um die Plaçe Pigalle, nicht einmal bei ihren Besuchen von Pornokinos. Dabei kam ihr irgendwann sogar in den Sinn, dass die unsäglichen schwedischen und holländischen Regisseure, wollten sie wirklich die noch nicht erklommenen Gipfel der Obszönität erreichen, besser daran getan hätten, sich auf die Wahnvorstellungen der tugendhaftesten lateinamerikanischen Frauen zu berufen. Aber das dachte sie erst viel später.

Als Lina zum ersten Mal den unglaublichen Monolog Doña Eulalias zu hören bekam, mochte sie höchstens zehn Jahre alt gewesen sein; schon oft hatte sie Doña Eulalia gelauscht, wie diese auf ihre Tochter einredete, doch jedes Mal war sie verstummt, sobald Lina das Haus betrat; an diesem Nachmittag aber gesellte sich zu ihrer Neugierde das Glück, die Dienstbotentür offen vorzufinden, sodass sie, ohne dass jemand ihre Anwesenheit bemerkt hätte, in den Patio vordringen und auf Zehenspitzen ans andere Ende der Terrasse huschen konnte, wo Doña Eulalia Dora in die Mangel zu nehmen pflegte: Dort ließ sie sich mit einer Art wütendem Jubel über die Kniffe aus, die rechtschaffene Frauen anwandten, um sich vor der Versuchung zu retten, zum Beispiel jenen Trick, sich den Mann, den sie anhimmelten, beim Verrichten seines Geschäfts auf der Toilette vorzustellen, bis hin zur Kampferkugel, die sie sich in die Schamgegend klemmten. Da Lina den Sinn vieler Worte, die sie da aufschnappte, nicht begriff, sah sie sich gezwungen, sie in ihr Notizheft zu schreiben, doch nicht einmal, wenn sie, wieder zu Hause, ein Wörterbuch zu Hilfe nahm, war sie imstande, zu ergründen, warum Dora derartiges Gerede über sich ergehen lassen musste. Die Großmutter erklärte ihr, Doña Eulalia verfolge beharrlich dasselbe Ziel, das Lina selbst schon unwissentlich verfolgt habe, als sie wutentbrannt gegen die Hähne im Patio vorgegangen war, die auf die Hennen sprangen, weil sie geglaubt hatte, dass die Hähne aus purer Aggressivität in den Hals der Hennen hackten, bis eines Tages die Köchin Berenice sie anschrie, sie solle mit dem Blödsinn aufhören, schließlich mache die Hennen nichts glücklicher als genau das. Beschämt von diesem Vergleich, erinnerte sich Lina daran, dass die Hähne trotz ihrer Dummheit nichts an ihrem Verhalten geändert hatten, und bemerkte daher nichts weiter als: »Jedenfalls hat das noch nie was gebracht«, worauf die Großmutter lächelnd erwiderte: »Und ich bin der Meinung, dass auch das, was dir heute zu Ohren gekommen ist, nichts bringen wird.«

So kam es, dass Lina, allerdings ohne die gesamte Tragweite der Angelegenheit zu begreifen, schon bald den Verdacht hegte, es schwebe eine Bedrohung über dem, was sich zufällig in Dora verdichtet hatte und ihr so zum Nachteil gereichte, obwohl es, im Prinzip und gemäß der verborgenen Logik in den Erläuterungen der Großmutter, durchaus etwas Gutes, ja, das Zentrum ihres Gleichgewichts hätte sein und zu ihrem Glück – und nebenbei auch zu dem des Mannes oder der Männer, denen sie im Leben begegnen würde – hätte beitragen können, wenn sie nur in einer anderen Zeit und an einem anderen Ort geboren worden wäre, und vor allen Dingen wenn sie eine andere Mutter als Doña Eulalia del Valle gehabt hätte. Und doch konnte nicht einmal Doña Eulalia del Valle sich als Alleinverantwortliche dafür betrachten, dass Dora ihre Sexualität für einen verabscheuenswerten Makel hielt, der jene Gürtelschläge gerechtfertigt, ja, verdient erschienen ließ, die ihr Benito Suárez an jenem Tag verpasste, als sie das erste Mal mit ihm auf der Rückbank seines blauen Studebakers schlief, gegenüber des Grundstücks, auf dem wenig später die riesige Herz-Jesu-Statue errichtet werden sollte, um vom höchstgelegenen Punkt des einzigen Hügels aus über die Stadt zu wachen.

Nachdem sie den unerbittlichen Fatalismus ihrer Großmutter akzeptiert hatte, war es nur folgerichtig gewesen, ebenfalls anzuerkennen, dass der Ursprung von Doras Unterwerfung unter den Gürtel, der auf ihren Rücken niederging, als sie, immer noch nackt, das saure Sperma von Benito Suárez zwischen ihren Beinen spürte, nicht allein auf den Einfluss von Doña Eulalia del Valle zurückzuführen war, denn das wäre als Erklärung so ungenügend gewesen wie zu behaupten, dass es regnet, weil der Himmel bewölkt ist. Vielmehr musste man sich der biblischen Verdammnis entsinnen und noch weiter zurückgehen: zum größten aller Unglückstage, als derjenige, der später Doña Eulalias Vater werden sollte – ein ungesellig wirkender Mensch aus Santa Marta, mit dem finsteren Blick eines Mannes, der, wenn er sich schon nicht in einem Kloster eingeschlossen hatte, zumindest wie dafür gemacht war, in einem zu enden –, in der Stadt auftauchte und sich, den Sand der Straßen unter den Hufen seines Pferdes aufwirbelnd, dem Anwesen der Familie Álvarez de la Vega näherte, wo sein Blick, als er abstieg, zuallererst auf ein blondes Mädchen fiel, das im Patio mit einer Puppe spielte. Denn dieses Zusammentreffen zwischen dem Mann, der vor lauter Selbstkasteiung und Fasten bereits mit dreißig Jahren alle Kraft seiner Lenden eingebüßt hatte, und dem gerade zur Reife gelangten, doch noch im Dunst der Kindergeschichten verfangenen Mädchen war zwar nicht die primäre Ursache – lag diese doch in jener Zeit, als die Männer begriffen, dass die Ausbeutung einer Frau der erste notwendige Schritt war, damit Menschen sich gegenseitig ausbeuten konnten –, aber doch die am nächsten liegende Ursache, von deren Existenz ihre Großmutter Zeugnis ablegen konnte: dieses zwölfjährige Mädchen, das jenem Mann überlassen wurde, der noch am selben Nachmittag, an dem sie einander begegneten, um ihre Hand anhielt; jenes Mädchen, das sich, voller Staunen und als sei dies eine Fortsetzung ihrer kindlichen Spiele, sechs Monate später ganz in Weiß gekleidet aus der Kirche San Nicolás hinausschreiten sah, am Arm eines Unbekannten, mit dem sie sich zweifellos noch kein einziges Mal unterhalten hatte. Ein Mann, dessen Onkel Großinquisitor von Cartagena gewesen war, mütterlicherseits von einem spanischen Granden abstammte und Erbe eines nicht allzu klangvollen Titels, aber immerhin eines Titels war, und der noch in derselben Nacht die unter Seinesgleichen stillschweigend geltende Vereinbarung missachten sollte, der zufolge er drei Jahre auszuharren hatte, bevor er dem Mädchen gegenüber seine ehelichen Rechte einklagen konnte. Und dies nur, weil er überwältigt wurde von jenem unergründlichen, teuflischen Verlangen, das zum ersten und letzten Mal die Schlaffheit seiner Glieder in Härte verwandelte, und er das Geschlecht des Mädchens derart malträtierte, dass dieses eine Blutung erlitt und sich den Diensten des erstbesten Heilers ausgesetzt sah, den die Hausangestellte zu dieser nächtlichen Stunde ausfindig machen konnte, einem erbärmlichen Tierarzt, der die Wunde ungeschlacht versorgte, während die Verwunderung des Mädchens sich in heillosen Schrecken und Schreie verkehrte, die bis in die umstehenden Häuser hinein zu hören waren und deren Echo von den fünfzehn Familien, welche damals die Aristokratie der karibischen Küste stellten, als eine solche Beleidigung aufgefasst wurde, dass sie auf ewig den Ruf dieses Mannes zerstörten und somit auch seinen Niedergang gerechtfertigt erschienen ließen.

Nicht unmittelbar natürlich, sondern erst einiges später. Die von den Álvarez de la Vega überreichte Mitgift und sein eigenes Vermögen erlaubten ihm, sich mehrere, genauer gesagt: fünfzehn Jahre lang über Wasser zu halten; genau die Zeit, die er benötigte, um sein Erbe durchzubringen, während er den ganzen Tag im Patio saß, seiner Umgebung eine Grabesstille aufzwang und selbst nur die Orangenbäume anstarrte, bis er, vor lauter Betrachtung des Reglosen, auch diese wahrzunehmen aufhörte: In seinen Pupillen verschwammen die Stämme, auf seiner Netzhaut verschwanden die Äste, im Dunst lösten sich die Blätter auf, bis er eines Morgens endlich begriff, dass er erblindet war.

Weil er nicht sehen wollte, erklärte die Großmutter Lina. Dabei ging es nicht so sehr um seine Schmach: Für diese glaubte er mit den Jahren seines Rückzugs bezahlt zu haben, in denen er sein Vermögen aufgebraucht hatte, ohne einen Finger zu rühren, wobei er, Vermögen hin oder her, so oder so keinen Finger zu dessen Bewahrung gerührt hätte. Doch da war noch diese Tochter, die in einer Nacht gezeugt worden war, als er die Grundsätze, in deren Namen er sich von seiner Jugend an gegeißelt hatte, mit Füßen getreten, missachtet und zum Teufel gejagt hatte, und zwar ohne irgendeine Erklärung oder Rechtfertigung sich selbst gegenüber. Denn zwischen dem Augenblick an, in dem er das Mädchen mit seiner Puppe beobachtet hatte, und dem Morgen, als er sie an seinem Arm aus der Kirche schaffte, hatte er geglaubt, sein einziges Interesse bestehe darin, die Erbin der Álvarez de la Vega zu ehelichen und sich ihre Jungfräulichkeit zu sichern, bis er sie nach Ablauf der drei Jahre ganz nach Brauch und in der sicheren Annahme schwängern würde, dass das Kind seines wäre. Die Erklärung für seine Blindheit musste also woanders gesucht werden, und sie hatte womöglich zu tun mit dieser neuen Gestalt mit den goldenen Haaren, die sich mit einem Mal zwischen den Orangenbäumen bewegte und den beunruhigenden Duft fünfzehnjähriger Mädchen verströmte. Indem er zuließ, dass seine Augen sich verschleierten, so folgerte die Großmutter, schlug er zwei Fliegen mit einer Klappe: Er vermied erstens den Anblick seiner Tochter – mutmaßlicher Quell der Versuchung und unvermeidbares Mahnmal seiner Schande – und begegnete zweitens dem Schmerz, den er verspürte, wenn er seine Tochter quasi einem Naturgesetz folgend auf die Abgründe zusteuern sah, vor denen er sich selbst durch die Selbstgeißelung hatte bewahren wollen, und er glaubte, so den unabwendbaren Gang der Dinge aufzuhalten, denn auf diese Weise wäre seine Tochter Doña Eulalia del Valle gezwungen, ihm als Blindenführerin zu dienen.

Ein ziemlicher Unsinn war das, den Linas Großmutter darauf zurückführte, dass er fünfzehn Jahre lang damit zugebracht hatte, die Orangenbäume in seinem Patio anzustarren: Nur ein Mann, den die Angst vor dem eigenen Körper krank machte, konnte sich einbilden, dass Doña Eulalia zu irgendeiner Form von Lüsternheit vorherbestimmt war, ja nicht einmal zu der, die rein theoretisch zwischen den Laken eines Ehebetts aufkommen konnte. Doña Eulalia war von ihrer Mutter erzogen worden, jenem Mädchen, das – in der Hochzeitsnacht von ihrem Mann vergewaltigt und von einem Tierarzt zusammengeflickt – neun Monate lang ein Kind im Bauch trug, das, als es sich aus ihrem Unterleib schob, Gebärmutter und Eierstöcke mit sich riss und aus dem Mädchen eine Frau machte, die übergangslos aus der Kindheit in einen Zustand des körperlichen Verfalls hinübergeschlittert war. In den drei Jahren, in denen sie zwischen Hitzewallungen und Wahnkrämpfen hin- und hergerissen und von einer Krankheit in die nächste hinübergleitend das Bett hütete, lernte Doña Eulalias Mutter, die Männer zu hassen. Eiskalt. Glasklar. Und mit ebendieser Klarheit und Kälte gab sie den Hass an ihre Tochter weiter.

II

Wenn Darwin sich nicht getäuscht hatte und es tatsächlich einen Prozess der natürlichen Selektion gab, lag es nahe, zu glauben, dass die jetzt lebenden Männer Abkömmlinge jener waren, deren – heute als Schwäche, gestern noch als Tugend geltende – Gewalttätigkeit oder Grausamkeit es ihnen erlaubt hatte, einen Nutzen aus dem Niedermetzeln ihrer Gegner zu ziehen, und auf diese Weise an ihre Söhne ein genetisches Erbe weitergegeben hatten, das dazu angetan war, in den Frauen eine gesundes Misstrauen hervorzurufen: Dass sie Vögel mit Steinen bewarfen, Fliegen die Flügel ausrissen oder Eidechsen vierteilten, hing demnach mit Neigungen zusammen, die in der Vergangenheit von der Selektion befördert worden waren und die die Gesellschaft der Gegenwart zu unterbinden nicht in der Lage gewesen war, schließlich tolerierte sie weiterhin das Recht des Stärkeren und nahm hin, dass Willkür und Ungerechtigkeit völlig alltäglich waren. Dennoch konnte man die Männer zähmen, das heißt, man konnte ihnen unter Zuhilfenahme irgendeiner Religion oder Ideologie oder sogar mithilfe einer schlichten Erläuterung – was die Großmutter, wenngleich das utopisch war, vorzog – beibringen, weniger aggressiv zu sein, weil Solidarität schon allein deshalb gerechtfertigt war, da wir alle denselben Ursprung hatten und demselben Ende entgegengeschleudert wurden, ja, zumindest aus einigen von ihnen konnte man auf die Art harmlose Träumer machen, die sich verlieben, Bücher schreiben, Musik komponieren oder Penicillin entdecken. Aber hassen sollte man sie nicht. Sie zu hassen hatte keinen Sinn. Den Puma, der die Kuh reißt, oder die Katze, die über die Maus herfällt, verabscheut man nicht. Man versucht sie zu verstehen, sich in die Haut des Pumas oder der Katze hineinzuversetzen und, so weit es geht, Lebensraum und -zeit mit ihnen zu teilen: Man vernichtet sie nur, wenn sie versuchen, uns zu vernichten.

Da ihrer Großmutter zufolge der Hass die Einfühlung ausschloss, die Einfühlung aber die conditio sine qua non dafür war, ein Gleichgewicht herstellen zu können, war es einfach, sich den Mangel an Verstand zu erklären, der das Verhalten von Doña Eulalia del Valle schon immer geprägt hatte; schließlich hatte sie sich von Kindesbeinen an gezwungen gesehen, den Männern voller Zorn entgegenzutreten – jedenfalls seit sie begriffen hatte, dass es sie überhaupt gab, denn mit Ausnahme ihres Vaters, der den ganzen lieben langen Tag über auf die Orangenbäume im Patio starrte, war Doña Eulalia in ihrer Kindheit keinem einzigen Mann begegnet. Vielleicht als sie recht spät ihre Erstkommunion empfing und begann, ihre Mutter zur Frühmesse um fünf Uhr morgens zu begleiten, hatte sie bemerkt, dass die Männer – wenn sie durchaus anders gekleidet waren – auf den Straßen unterwegs waren, Säcke herumschleppten und Karren schoben anstatt sich in einem Hof mit Orangenbäumen abzuschotten. Und es war ebenfalls damals, als ihre Mutter anfing, sie zur Wachsamkeit aufzurufen, das heißt, mit Worten, mit Beschwörungen und Anekdoten auf die hasserfüllte Atmosphäre einzuwirken begann, unter der Doña Eulalia mehr als gelitten haben musste, zu Hause, wo ihre Erzeuger weder miteinander sprachen noch in einem Zimmer schliefen noch Besuch empfingen, ja in dem es nichts gab, was auch nur im Entferntesten an das männliche Prinzip erinnerte. Denn als die Mutter von Doña Eulalia del Valle zum ersten Mal das Bett verlassen hatte, in dem sie drei Jahre lang zwischen Hitzewallungen und Kälteschauern gedarbt hatte, wahlweise am ganzen Körper mit Schweiß bedeckt oder zitternd und schlotternd, war sie mit bleichem, käsigen Gesicht und diesem Ausdruck des verdatterten zwölfjährigen Mädchens, den sie bis zu ihrem Tod beibehalten würde, am Arm einer Angestellten zaghaft durch die Zimmer ihres Hauses gelaufen und hatte wortlos auf die Bilder gezeigt, die augenblicklich zu entfernen waren: jene Ölgemälde, auf denen sich neun Generationen der Vorfahren ihres Mannes vor den finsteren Kulissen des Spanisches Hofs in Pose warfen. Allesamt Männer, allesamt hoffärtig und seit Jahrhunderten in ihren Zügen von dem Entschluss geprägt, sich ins Leichentuch der Enthaltsamkeit zu hüllen. Diese Gemälde, auf Eselsrücken zu den Verwandten von Doña Eulalias Vater getragen und manche von ihnen durch die Signatur großer Meister geadelt, hatten über mehrere Jahre in verlassenen Kolonialbauten Staub gefangen, bis sie in Kirchen geschafft wurden, in denen ein barmherziger Pinsel den hochmütigen Antlitzen einen traurigen Anstrich gab und ihre düster gewordene Kleidung in Mönchskutten verwandelte sowie Hüte und Dolche durch Heiligenscheine und Skapuliere ersetzte, um die Herren so jene europäischen Heiligen verkörpern zu lassen, an deren Existenz das Volk an der karibischen Küste – die Costeños – eigentlich kaum glaubte. Noch lange nicht zufrieden damit, sich nun der Last einer Vergangenheit entledigt zu haben, die das infame Verhalten ihres Mannes beeinflusst, wenn nicht sogar bestimmt hatte, fuhr die Mutter von Doña Eulalia del Valle an besagtem Tag fort: Wie ein rachsüchtiges Gespenst verbannte sie Bücher, Skulpturen und Porzellan, bis sie auf dem Höhepunkt ihres stillen Wütens die fünf Treppenstufen in den Patio hinabschritt, den Gärtner rief und diesem eine Stunde, bevor sie ihn entließ, befahl, alle dort lebenden männlichen Tiere zu enthaupten, und nicht einmal die prächtigen Papageien oder die scheuen Kanarienvögel blieben von diesem Massaker verschont. Kein Mann sollte mehr über die Schwelle ihres Hauses treten: Ihr Vater war bereits tot, und Brüder hatte sie keine. Sie widmete sich von nun an ganz der Überwachung ihrer Angestellten, nähte wie besessen Blusen und Röcke für die Waisen von El Buen Pastor und schärfte ihrer Tochter ein, der heiligen Jungfrau mit Ehrfurcht zu begegnen, und zwar auf eine derartige Weise, dass der heilige Josef kaum erwähnt und Jesus Christus zu einer Nebenfigur wurde. Vom Rosenkranz, den sie mit ihren Angestellten um sechs Uhr abends vor einer Statue der Unbefleckten betete, war das Vaterunser ausgeschlossen – was mit Schrecken der alte Priester bemerkte, der Doña Eulalia im Katechismus unterweisen sollte, als ihre Mutter beschloss, die Erziehung ihrer Tochter – bis dahin ausschließlich in den Händen ehrbarer lediger Frauen, deren Lebensweise ihr als vorbildhaft präsentiert wurde und denen sie sehr wahrscheinlich nachzueifern trachtete – zu erweitern.

Trotzdem musste hier irgendwann etwas ins Wanken geraten sein, hatte ein unheilvoller Schatten die Mauer rissig werden lassen, die so eifrig errichtet worden war, mithilfe vaterunserloser Rosenkränze und zu strengster Keuschheit verpflichteter Papageiendamen, Katzenweibchen und Hühner, die allesamt ihr Dasein in einem Patio fristeten, in dem der einzige Mann des Hauses sich der schläfrigen Betrachtung von Orangenbäumen verschrieben hatte, denn lange Zeit später sollte Lina auf die riesigen Bestände der von Doña Eulalia seit ihrem zwanzigsten Lebensjahr gesammelten und (womöglich heimlich) eingeschlagenen Romanzeitschriften aus Argentinien stoßen und verdutzt feststellen, dass sich diese Bände wie von selbst öffneten, als würde eine unsichtbare Hand den Leser zu bestimmten Seiten führen, die abgegriffener als die anderen waren und bisweilen Spuren von offensichtlich schokoladenbeschmierten Händen aufwiesen, und zwar ausgerechnet an den Stellen, in denen die Romane den Höhepunkt der damals erlaubten Erotik erreichten, Handküsse und geheimnisumwitterte Blicke, nach denen sich die Heldin und gewiss auch Doña Eulalia del Valle in ihren Mußestunden nur so verzehrten. Es waren Nachmittage, an denen sie über viele Stunden vor Hitze verging und die mit einer kurzen orangefarbenen Explosion endeten; Nachmittage voll kopfloser Träume und unseligem Verlangen nach einem Scheich, einem russischen Prinzen im Exil oder einem Admiral der englischen Flotte, der nach Barranquilla kommen würde, um sie zu entführen oder um ihre Hand anzuhalten, ihre Füße in einer Winternacht mit Küssen zu überhäufen, mit ihr in den Schacht einer verlassenen Mine zu stürzen und sie dort, zwischen Dunkelheit und Hunger, seiner Charakterstärke sowie seiner unbändigen (und doch gezügelten) Leidenschaft wegen zu unterwerfen, damit sie auf ihre Unabhängigkeit als moderne Frau verzichtete und sich in einem erhabenen Akt der Hingabe dem Willen des Mannes beugte, zum Traualter führen ließ und ihm unzählige Kinder schenkte.

Selbst Doña Eulalia konnte sich nicht vorstellen, dass so etwas geschehen würde, selbst ihr musste doch klar sein, dass solche Hirngespinste dazu da waren, erträumt, aber nicht erlebt zu werden. Das Schlechte an der Sache war vielmehr, dass der, mit dem sie sich dann zufriedengab oder, besser gesagt, zufriedengeben musste, als die Armut, in die ihre Mutter und sie sich verbannt sahen, endgültig zu Hungersnot wurde, nicht nur in nichts den Figuren Elinor Glyns ähnelte, niemals den Turban eines Scheichs getragen oder die eisigen Nächte der russischen Steppe durchritten hatte, sondern nicht einmal genug Vornehmheit besaß, um ihn stolz der Familie vorzuführen: dieser unzureichend hellhäutige Arzt mit seinem eher lockigen Haar, der von sonst woher stammte, sich jedoch die Gunst der Menschen des Viertels El Prado erworben hatte, weil er der erste vertrauenswürdige Kinderarzt war, der sich in der Stadt niedergelassen hatte. Er hörte auf den nichtssagenden Namen Juan Palos Pérez und hatte, was allerdings niemand wusste, eine äußerst zupackende Mutter, die, obwohl sie niemals aus dem Hinterland um Usiacurí herausgekommen war, ja in ihrem Leben nicht einmal Schuhe getragen hatte, fest entschlossen war, aus ihrem Sohn etwas Besseres zu machen, und ihn deshalb zum Studium nach Bogotá geschickt hatte, Jahr für Jahr eine unüberschaubare Menge ihres Kuhbestands verkaufte, bis er seine Ausbildung zum Mediziner abgeschlossen und seine eigene Praxis eröffnet hatte. Zuvor aber hatte er seinen Facharzt in der piekfeinen Klinik der Gringos gemacht, deren Motto – und fortan auch das seine – lautete: alles abkochen – Windeln, Fläschchen, Wasser, Milch, Fleisch, Gemüse; alles, einfach alles musste abgekocht werden, bevor es in den Mund des Kindes gelangte. So büßte es zwar seinen Nährwert ein, aber dafür gab es ja die bunten Vitaminpillen, die Doktor Juan Palos Pérez neben der strikten Keimfreiheit so gerne verordnete – Barfußlaufen war nicht mehr drin, genauso wenig, wie es gestattet war, in den kleinen Bächen nach dem Sturzregen herumzuplanschen –, und bald sahen die Kinder der Bourgeoisie von Barranquilla genauso adrett und propper aus wie die nordamerikanischen Babys.

Das brachte ihm allgemeine Sympathie ein. Als die Gringos ihre Klinik verkauften und wieder verschwanden, war er der einzige anerkannte Kinderarzt. In seiner im Viertel 20 de Julio gelegenen Praxis gingen täglich die Damen ein und aus, die es gewohnt waren, ihr Geld in Scheinen anstatt in Münzen zu zählen, und alle mehr oder weniger in ihn verliebt waren, in seinen weißen Kittel, in sein einnehmendes Lächeln, in seinen nagelneuen Ford – seine Mutter hingegen lebte weiter in Usiacurí und weigerte sich, Schuhe zu tragen, weil sie darauf bestand, zu sein, wer sie eben war, und Äußerlichkeiten sie keinen Deut interessierten. Tagsüber empfing er die Damen mit ihren Kindern, nachts traf er sich mit den Ehemännern in den Bordellen, um über Politik zu reden, ja, tatsächlich nur um zu reden, denn der Keimfreiheitswahn der Gringos hatte ihm eine Heidenangst vor Huren eingejagt, eine Tugend, die Doña Eulalia del Valle gegenüber hervorgehoben wurde, als sie immer wieder Pralinenschachteln überbracht bekam, begleitet von Karten, auf der die Bezeichnung »Kinderarzt« prangte, was ihr ein Haus im Viertel El Prado, einen Ford und drei Mahlzeiten am Tag in Aussicht stellte, das verwirrende Gefühl von Misstrauen und gleichzeitiger Anziehung einmal beiseitegelassen, den die sonntägliche Begegnung mit diesem Mann in der Elf-Uhr-Messe bei ihr auslöste, an der sie teilnahm, seit jemand, wahrscheinlich eine Verwandte, den verstaubten Vorstellungen ihrer Mutter etwas entgegengesetzt und sie davon überzeugt hatte, dass eine Ehe dem Leben in einer Wohltätigkeitseinrichtung vorzuziehen war. Jedenfalls hatte sich Doña Eulalia, angestiftet von der Verwandten oder auch aus anderem Grund, mit dreißig Jahren ihre erste Dauerwelle legen lassen und den ersten Lippenstift ihres Lebens gekauft und ging von nun an zur Sonntagsmesse, die der gesellschaftlichen Musterung diente, während sie selbst womöglich eher darauf hoffte, plötzlich eine Troika auf den Hauptaltar zufahren zu sehen oder zwischen den Gesichtern der sich in ihren Blazern und Krawatten zu Tode schwitzenden Männer und gramgebeugten Frauen unter Hüten und in Seidenstrümpfen den tollen Turban, den kecken Blick, das lüsterne Grinsen zu entdecken, mit dem er sich über ihren Willen hinwegsetzen und sie zur Sklavin machen würde. Auf keinen Fall jedoch hatte sie sich diesen Arzt mit seiner vorgetäuschten Lässigkeit und dem eher gewöhnlichen, wenn nicht sogar vulgären Äußeren erträumt, der allerdings die Kinder der Reichen von Barranquilla zu seiner Kundschaft zählte und einen auf sie wartenden Ford vor der Tür stehen hatte.

In der Zeit, als Doña Eulalia del Valle ihre Depression erlitt und Dora, von Benito Suárez mit Fußtritten aus dem Haus gejagt, verängstigt um das Sorgerecht für ihren Sohn kämpfte, hörte Lina sie erzählen, wie sie sich auf diese Beziehung, auf die Pralinenschachteln und die von ihrer Mutter überwachten Verabredungen eingelassen hatte, ohne auch nur irgendetwas von ihrem zukünftigen Gatten oder der Frau zu wissen, die ihn in Usiacurí zur Welt gebracht hatte und so entlarvend schlecht auf Schuhe zu sprechen war. Vor allem aber war Doña Eulalia unfähig gewesen, hinter der scheinbaren Höflichkeit den ungehobelten Typen auszumachen, der sie am Tag ihrer Hochzeit, weil er das Trinken nicht gewohnt war, völlig besoffen mit dem Ford in das von einem Freund zur Verfügung gestellte Ferienhaus nach Puerto Colombia fahren würde, wo er sich aufs Bett warf, während sie sich im Bad zitternd in ihrem Morgenrock aus weißer Seide und mit rosa Schleifchen zurecht machte, bis sie endlich nach langem Zögern hinaustrat, um sich der stürmischen Leidenschaft ihres traumhaften Scheichs zu erwehren, aber nur eine selig vor sich hin schnarchende Schnapsleiche vorfand.

Von diesem Moment an hasste sie ihn, das heißt, sie kannte erstmals einen Grund für den Hass, auf den ihre Mutter sie vorbereitet hatte und der schon wenige Stunden später seinen unvermeidlichen und endgültigen Höhepunkt erreichen würde, als Doktor Juan Palos Pérez aufstand, um sich erst zu übergeben und dann, ohne sich den Mund auszuspülen, ins Bett zurückkehrte, sich auf sie legte und sie mit der Behändigkeit eines Hahns vögelte. In Wirklichkeit – und das war es, was Doña Eulalia am meisten wehtat – war ihr Gatte ein heimtückischer Liebhaber, der Gefallen daran hatte, Frauen in Erregung zu versetzen, der genau wusste, wie man sie zu berühren und zu streicheln hatte, um ihre Lust zu wecken – allerdings offenbar nur unter der Bedingung, dass sie zum Dienstpersonal gehörten. Den Beweis hierfür erhielt Doña Eulalia vierzig Tage nach Doras Geburt, als sie nach einer höllischen Schwangerschaft und einer Niederkunft voller Schmerzen, mit denen sie für alles Getane und alles, was ihr noch bevorstand, bezahlte, sich von ihrem Lager erhob, duschte, sich ein Kleid mit Schulterpolstern anzog und einen Zierkamm ins Haar steckte und darauf wartete, bis das Motorengeräusch in der Garage die Heimkehr ihres Mannes ankündigte, um dann auf Zehenspitzen den Flur entlang zu huschen und ihn damit zu überraschen, dass sie auf den Beinen war. Wahrscheinlich aber galt die Behutsamkeit, mit der sie sich durch den Flur bewegte, doch etwas anderem, denn unter Linas beharrlichen Nachfragen musste Doña Eulalia zugeben, dass sie sich während ihrer Quarantäne stets über die halbe Stunde gewundert hatte, die zwischen dem Moment verging, in dem das Motorengeräusch zu hören war, und jenem, in dem ihr Mann ins Zimmer trat, um sie zu begrüßen. Doch sie wäre im Leben nicht darauf gekommen – und Lina fand das mehr als glaubwürdig –, sich das Schauspiel auszumalen, das sich ihr darbot, als sie sich schließlich der Tür näherte, die vom Hausinnern in die Garage führte: Doktor Juan Palos Pérez, dieser Ehemann, der sie ohne Umschweife, in null Komma nichts geschwängert und sie dann mit der Begründung, das Kind zu schützen, neun Monate lang nicht mehr angerührt hatte, machte sich gerade auf dem Boden neben dem Ford über das Dienstmädchen her und – oh Schande, Schimpf und Schmach – liebkoste das Mädchen in diesem heimtückischen Rhythmus, mit dieser perversen Beharrlichkeit und unwiderstehlichen Hartnäckigkeit, zu der die Hand eines Mannes fähig ist, wenn er sich vorgenommen hat, den letzten Schleier weiblicher Scham beiseitezuschieben – auch wenn Scham Doña Eulalias Meinung nach für dieses Dienstmädchen eher ein Fremdwort war. Auf und nieder, vor und zurück, immer wieder, ja, er besorgte es ihr so richtig, während Doña Eulalia die Szene gebannt und mit verkrampften Eingeweiden verfolgte, ohne sich von der Stelle zu rühren, im Bewusstsein, dass ihr hier, wie sie Lina später unter Tränen erzählen sollte, die Sünde in ihrer Urform und Vollendung zum ersten Mal begegnete, wobei sie den Blick starr auf den Boden gerichtet hatte, bis sie sich beim letzten Lustkrampf des Dienstmädchens daran erinnerte, dass sie nicht umsonst Eulalia del Valle Álvarez de la Vega hieß. Sie schlich zurück auf ihr Zimmer, wo sie heulend zusammenbrach und sich schwor, abzuhauen (aber wohin?), selber zu arbeiten (aber wie?) und sich ein eigenes Leben aufzubauen (aber welches?), eine Szene, die in tangohaftem Wehklagen ihr Ende fand, als sie die Angst vor der Aussicht packte, ihre Mutter könne erneut Gefahr laufen, in einem Armenhaus zu landen. Und so sank Doña Eulalia vor der Wiege ihrer Tochter auf die Knie und schwor dem Kind, sich für es aufzuopfern.

Lina ahnte nichts von den Umständen dieses Opfergangs, aber dass ein Opfer im Spiel gewesen war, das wusste sie, schließlich bediente sich Doña Eulalia dieses Worts immer, wenn sie von den Ehejahren mit Doktor Juan Palos Pérez sprach. Lina hatte den Doktor, ihren Kinderarzt, als einen sympathischen Mann in Erinnerung, der ihr, bevor er ihr eine Spritze gab, den Arm vorsichtig taub schlug, ihr als Belohnung ein Bonbon zusteckte und sie darauf hinwies, sie möge sich nach dessen Verzehr die Zähne putzen. In den Augen ihrer Großmutter, die wie alle Welt von den etwas unorthodoxen Beziehungen wusste, die Doktor Juan Palos Pérez mit den Frauen aus dem niederen Volk unterhielt, hatte er den natürlichen Pfad eines Mannes eingeschlagen, der entschlossen war, mithilfe von Studium und persönlichen Mühen gesellschaftlich