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Der milde Spätherbst zieht auf. Das alljährliche Treffen zweier Freunde am Meer: Aus der Stadt rausgeschmissen, sind sie nun auf der Suche. Ein klappriges Zelt, einfaches Essen und billiger Fusel – das Ganze hätte wahrhaft ein Herbst für Gammler werden können. Die wilde Dreistigkeit eines Hundes führt jedoch überraschend zum Aufbruch und bringt beide zurück auf die Straße. Aus dem anfänglichen Zögern wird die Fahrt ihres Lebens – unverzagt in Richtung Westen. Statt des üblichen Abhängens wird dieser Urlaub zum ungewollten Aufbruch und einer wilden Reise von einer Küste zur anderen – vorbei an der verhassten Stadt, den Weiten des Überlandes und nebeligen Bergschluchten. Jeder Blick in die vorbeirauschende Weite holt Erinnerungen hervor, jeder Halt schafft Begegnungen mit Fremden. Es mangelt nicht an spendierten Drinks und seltsamen Ratschlägen. Es gibt kein Abwägen mehr, kein Hadern; was zählt, ist, sich einlassen zu können. Ob das alles einen Sinn ergeben wird, weiß niemand: Die Welt scheint verrückt – aber der Hund hat offensichtlich einen Plan.
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Seitenzahl: 255
Veröffentlichungsjahr: 2022
Als ich das Altern irgendwann begriffen hatte, fühlte sich jeder vergangene Tag herrlich wertvoll und gleichzeitig unglaublich tragisch an.
Der milde Spätherbst zieht auf. Es ist die Sehnsucht nach unbeschwerten Zeiten, welche zwei Freunde jedes Jahr ans Meer fahren lässt – in ihren Köpfen die Erinnerungen an goldene Sommer und ein Leben frei von Gewohnheit und Überdruss. In all den Jahre haben sie es nie geschafft, wirklich erwachsen zu werden. Statt des üblichen Abhängens wird dieser Urlaub zum ungewollten Aufbruch und einer wilden Reise von einer Küste zur anderen – vorbei an der verhassten Stadt, den Weiten des Überlandes und nebeligen Bergschluchten. Es gibt kein Abwägen mehr, kein Hadern; was zählt, ist, sich einlassen zu können – selbst dann, wenn ein Hund das Sagen hat.
Hey Palsson
Im Eifer der Jahre
1. Auflage
© 2022 Hey Palsson
ISBN Softcover: 978-3-347-60449-0 ISBN E-Book: 978-3-347-60450-6
Lektorat: Moritz Siegel Umschlag-Illustration: Hey Palsson (Bildmaterial: KatarinaF/ Shutterstock.com, Banana Oil/Shutterstock.com, Nowik Sylwia/Shutterstock.com)
Druck und Distribution im Auftrag des Autors: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Deutschland
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist der Autor verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne seine Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag des Autors, zu erreichen unter: tredition GmbH, Abteilung »Impressumservice«, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Deutschland.
»Wann haben wir eigentlich das letzte Mal geduscht?«, fragte Yoel lachend und schob dabei das erste Glas Kirschlikör des Abends über den Tisch.
Obwohl mir ein ehrlicher Klarer lieber gewesen wäre, tat ich ihm den Gefallen und kippte es runter. Das Zeug schmeckte gar nicht so übel – vielleicht wäre daraus mit etwas Gin und ein paar Spritzern Orangenbitter sogar ein anständiger Sling geworden. Leider fehlte uns dafür gerade die Kohle. So blank, wie wir waren, tranken wir das, was man für wenig Geld bekam – und die letzten Tage war es eben dieser klebrige rote Teufel gewesen, der fast wie Sirup schmeckte. Im Gegensatz zu mir hatte Yoel eine Vorliebe für alles, was nach zehn Stück Würfelzucker schmeckte. Immerhin ging das Zeug schnell in den Kopf.
»Keine Ahnung«, antwortete ich grinsend auf seine Frage und steckte die Nase unter meine Achsel. »Wahrscheinlich vor einer Woche, aber das Gute ist, wir stinken beide genau gleich schlimm, da hebt es sich auf – so, wie Minus und Minus wieder Plus ergibt.«
Yoel klatschte. »Ha, stimmt! Obwohl du mit der ganzen Rechnerei nie etwas am Hut hattest, hast du dir das trotzdem gemerkt.«
»Ist irgendwie hängengeblieben. Oh Mann, wenn ich an diese verdammten Kurse zurückdenke. Zum Glück gab es immer einen, der mich abschreiben ließ!«, sagte ich und prostete Yoel – einem meiner ältesten Freunde – augenzwinkernd zu.
Wir kannten einander aus der Schule, wo er als Liebling der Lehrer Stunde um Stunde den Musterschüler raushängen ließ – im Gegensatz zu mir, dem die Dinge nicht einfach so zuflogen und für den das unsägliche Lernen eine ziemliche Quälerei war. Yoel machte damals kein großes Aufsehen um seine Schlauheit, blieb lässig und war – anders als die üblichen Streber, die in den Pausen nur über ihren Büchern hingen – für jeden Unsinn zu gebrauchen. Falls dieser aufflog, brauchte Yoel keinen Ärger zu fürchten: Wir deckten ihn, weil er uns jeden Morgen seine Hausaufgaben abschreiben ließ. Als ich ihn das erste Mal meiner Mutter vorstellte, strahlte sie wie eine Sonne. Wahrscheinlich hatte sie die stille Hoffnung, er würde einen besseren Einfluss auf mich haben als all die Taugenichtse, die ich sonst anschleppte. Nach einer Weile färbten wir tatsächlich aufeinander ab – zum Glück nur so viel, dass es uns beiden guttat: Er bekam mehr Schneid, ich bessere Noten.
Auch wenn die folgenden Jahre alles daransetzen, dass sich zwei gute Freunde aus den Augen verlören – bei uns bissen sie sich die Zähne aus! Wir schafften es, jeden September für eine Woche an die Küste zu fahren – am Anfang mit einem klapprigen Zelt und billigen Konserven, später kamen Pavillon, Gasheizer, gutes Essen und jede Menge Fusel dazu. Aber trotz der Annehmlichkeiten blieb die Leichtigkeit unseres allerersten Urlaubs erhalten.
Damals war es der unglaublich heiße Sommer, in dem wir die Schule für immer geschafft hatten. Es begann ein neues Leben, das Yoel und mich nicht mehr schlafen ließ und das mit endlosen Nächten und jeder Menge unentdecktem Zauber nur so um sich warf. Wir stürmten, hetzten und brannten, als gäbe es kein Morgen. Mit dem Älterwerden kam der Überdruss: Er verkleinerte die Welt und ließ einen die wilde Ausgelassenheit vergessen. Aber egal, wie müde wir auch wurden – ein paar Funken vom Rausch des jugendlichen Leichtsinns glühten nach mittlerweile zwei Jahrzehnten immer noch in uns.
Ich griff nach der Flasche und füllte die Gläser auf. »Mein Lieber, es ist ein echtes Glück, dass wir wieder hier sein können!«
»So ist es!«, antwortete Yoel. »Das ganze übrige Jahr habe ich die Kinder und tobenden Halbstarken um ihre Freiheit in den wunderbaren Flegeljahren beneidet, wo noch niemand von Lebenspflichten spricht. Manchmal frisst einen der Neid fast auf …«
»Gäbe es da nicht die Aussicht auf unseren Urlaub!«, unterbrach ich ihn.
»Gäbe es da nicht die Aussicht auf unseren Urlaub«, wiederholte er nickend.
»Und das Beste ist, dass er dieses Mal kein Ende haben wird!«, fügte ich hinzu.
Aufgeregt wie ein kleines Kind rutschte Yoel auf seinem Stuhl herum und rief: »Oh Mann, das stimmt! Glaubst du, dass unser Gespartes bis zum Winter reichen wird?«
»Wahrscheinlich nicht: Vorher ist die Gasflasche leer und wir sind erfroren. Lass uns morgen früh mal Hoke fragen – vielleicht kennt der jemanden, der uns für ein paar Kröten Arbeit gibt.« Ich machte mir keine Sorgen. Wir besaßen ein Zelt und einen großen geschlossenen Pavillon, darin konnte man Unwetterwochen und den schlimmsten Geldmangel mit einem Lächeln überstehen.
Yoel zündete den Heizer an. Obwohl das Teil schon völlig im Rost stand, war es ein echter Segen, wenn ab sechs die Kälte unter der Plane hindurchzog.
Ich streckte meine Beine aus und sah durch das Plastikfenster nach draußen. Die Sonne ließ gerade die Wiese des Zeltplatzes ein letztes Mal aufschimmern, bevor sie kurz darauf hinter dem angrenzenden Wald verschwand. Wir waren die Einzigen, die es zu dieser Jahreszeit noch unter freiem Himmel aushielten: Den verwöhnten Schnöseln, die der Küste während des Sommers mit ihren Geldbörsen und käsigen Ärschen zusetzten, waren die Nächte längst zu kühl geworden. Für das Meer begannen ab jetzt die besten Monate, denn die Strände gehörten wieder ihm allein. Endlich buddelten keine Kinder mehr im Sand herum, pissten ins Flachwasser oder jagten Möwen in die Brandung – alles wurde besser.
Ich entdeckte einen Hasen, der quer über den Platz trottete und mit aufgestellten Ohren in unsere Richtung witterte. Wahrscheinlich wunderte auch er sich darüber, Ende September auf zwei Typen in einem windigen Zelt zu treffen. »Uns blieb keine Wahl!«, hätte ich ihm am liebsten zugerufen, »die Stadt wollte uns nicht mehr haben!«
Ich schnippte mit dem Finger und sah zu Yoel: »Wie gut, dass du immer noch deine Karre hast, sonst wären wir nie hier rauf gekommen.«
»Ach, der gute R4 … Den konnte ich mir leisten, als ich noch eine Arbeit hatte. Der ist unsere Versicherung, falls das Zelt schlapp macht oder wir völlig pleitegehen – im Laderaum des Kastenaufbaus schläft es sich erstklassig!«
»Auch bei deiner Größe?«, fragte ich erstaunt und stellte mir vor, wie sich der Zwei-Meter-Kerl auf die Pritsche zwängte.
»Für unsere Auszeit nehme ich gern ein paar angewinkelte Beine in Kauf – alles ist besser, als allein in der Stadt abzuhängen.«
»In der hatten wir echt keinen Platz mehr!«
»Nein – alle Guten sind abgehauen, und für sie … kamen leider nur Stümper nach!«
Viele unserer Freunde und Bekannten hatten sich von dieser gerade angesagten Unstetigkeit anstecken lassen in der Überzeugung, dass es überall auf der Welt besser sei als zuhause. In jedem Magazin las man darüber: Was plötzlich zählte, war der Aufbruch und schnelle Abgang – je liebloser, desto besser. Die Ziele trugen dann natürlich die blumigsten Namen, meistens lag ein Ozean zwischen ihnen und der Heimat. Mir fiel es schwer, in dieses blinde Fernweh einzusteigen. Ich führte ein recht angenehmes Leben – den Großteil davon machten Feiern, Fusel, Kunst und etwas Arbeit aus. Es ergab keinen Sinn, das alles aufzugeben – und am Ende ging es den Meisten dabei doch lediglich darum, sich darzustellen: auf Feten mit den bereisten Ländern, Kilometern und exotischen Liebschaften angeben zu können, als wären sie Trophäen. Die gepriesene Suche war Mittel zum Zweck – und sie ließ die Bleibenden als Übriggebliebene zurück.
»Dieses elende Reisefieber!«, sagte ich wütend. »Ich fühlte mich schon schlecht, weil ich mittlerweile vier Jahre in der gleichen Bude lebte und ganz gut klarkam.«
Yoel stimmte mir zu. »Genau: Sobald du zufrieden warst, warst du raus!« Ausladend rülpste er in die Luft.
»Am meisten nervten die Kurzbesuche, mit denen die Abgehauenen ihr schlechtes Gewissen beruhigen wollten«, schimpfte ich weiter, »das Almosen einer Kaffeelänge zwischen zwei Zügen! Auch wenn das Ganze recht aufopfernd rüberkam, am Abend ging ich den Weg vom Bahnhof zur Wohnung dann trotzdem wieder allein.«
Manchmal klangen wir wie zwei alte Griesgrame, die verbittert vor sich hin wetterten und ihre eigene Schwerfälligkeit auf die Welt abwälzten. Dabei wollten wir nichts weiter als ein einfaches Leben führen. Wenn man schon aufbrach, dann wenigstens für echte Ideale und aus Überzeugung – nicht, um einfach nur mitzuhalten! Mit dieser Einstellung waren wir immerhin am Meer gelandet.
Unser Aufbruch begann, als Yoel vor fünf Wochen ohne eine Ankündigung bei mir aufschlug – viel zu früh für den alljährlichen Trip. Er hatte sich die letzten Jahre an einem gewöhnlichen Leben versucht, aber außer einer Menge Arbeit, kümmerlichen Wochenenden und einem Hungerlohn gab es darin nicht viel für ihn. Als er mir das erste Mal davon erzählte, rief ich: »Dafür ist doch keiner von uns gemacht!« – Dabei hatte ich es noch nicht einmal versucht. In jedem Urlaub jammerte er dann über das frühe Aufstehen und die verlorenen Samstage, die er aus Erschöpfung einfach nur verschlief – und am Ende schmissen sie ihn trotzdem raus.
Seine Freunde waren weggezogen und die Wuchermiete des Nordens hatte zu allem Übel das wenige Gesparte aufgefressen. Abgebrannt wie er war, blieb ich der Letzte, den er am Anfang dieses Herbstes noch fand. Ich hatte etwas Geld beiseitegelegt – damit konnten wir abhauen und die Unsäglichkeiten der Stadt hinter uns lassen. Wir blieben noch ein paar Nächte in meiner Bude und zogen durch die Kneipen; dabei wuchs der Wunsch, zu gehen, nur noch mehr.
Was gab es Besseres, als in der Großartigkeit eines aufziehenden Oktobers ans Meer zu fahren? An der Küste ging es seit jeher um das Wesentliche: in den Himmel zu schauen und sich so lange die letzte Sonne reinzuziehen, bis einem von der Hitze ganz schwindlig wurde. Und es war egal, wann man aufstand oder zu Bett ging.
Voller Sehnsucht wurden Yoel und ich so ebenfalls zu Reisenden – mit dem Unterschied, dass wir uns jetzt wirklich darauf einließen: Ein Zurück sollte es nicht geben! Das Abschließen meiner Wohnungstür fühlte sich tatsächlich wie eine Erlösung an. Mit nichts außer dem Schlafsack, einigen Klamotten und etwas Krimskrams stieg ich in Yoels Karre. Auch er hatte nur das Nötigste dabei – was zurückbleiben konnte, ließen wir zurück!
Schon die Fahrt auf der Überlandstraße machte die Köpfe frei: Jedes Zischen der vorbeirasenden Begrenzungspfeiler schien ein schlechter Gedanke zu sein, der davonflog. Fast hätte es einen traurig machen können, dass die Stadt für immer hinter uns bleiben sollte – doch ein atemberaubend blauer Himmel spendete genügend Trost und Zuversicht. Der Abschied wurde leicht, und je weiter wir fuhren, desto besser fühlte es sich an. Was zählte, war das flache Land, waren das Jetzt und das Hier.
Seit einer Woche hatten wir den besten Spätsommer unseres Lebens – glühende Tage, an denen die Sonne noch einmal alles gab. Man konnte die obersten Knöpfe des Hemds offen lassen und am Strand spazieren gehen. Die Küste meinte es gut mit uns, auch an diesem Abend. Ich zündete ein paar Kerzen an und versuchte, an Yoels klapprigem Kofferradio etwas Musik einzustellen. Obwohl die Batterien schon so schwach waren, dass die Anzeige nur noch flackerte, plärrte nach einigem Hin und Her ein ganz anständiger Folk aus dem kleinen Lautsprecher. »Scotch and Soda«, rief Yoel. »Oh Mann, der Song ist so lässig! Den spielen sie bestimmt, weil die Saison endlich vorbei ist und keiner mehr die Schnulzen hören kann.«
»Guter Name! Das wäre mein Drink!«, sagte ich und goss missmutig den letzten Rest Kirsch in die Gläser. »Wir müssen unbedingt eine Arbeit finden, damit endlich mal ein anständiger Schnaps drin ist!« Für heute blieben nur noch zwei Flaschen Bier übrig.
Von der Seite krabbelte eine Fliege über den Tisch und begann, an einem Tropfen Likör zu nuckeln, der mir gerade danebengefallen war. »Schau dir das an«, rief ich, »wenigstens einer lässt sich heute mal ordentlich volllaufen.«
Wie ein Elefant saugte sie alles in sich hinein, bis ihr Hinterleib nach einer Weile richtig aufgebläht war. Yoel lachte und stippte mit dem Finger dagegen. Widerwillig flog sie los, knallte kurz darauf an die Deckenplane und landete wieder auf dem Tisch.
»Vielleicht wirst du lieber mal nüchtern, bevor es zurück auf Tour geht«, sagte ich, trank aus und stülpte das leere Schnapsglas über sie. Es gab Momente, da hätte man genau das auch bei Yoel und mir machen sollen, denn den meisten Unsinn stellten wir im Suff an. »Erinnerst du dich, als wir das Straßenschild übermalt haben?«
»Du meinst ›Am Katzenloch‹?«
Ich grinste: »Genau das!« Wir brauchten nur die beiden ersten Buchstaben zu verändern, und schon war die »Katze« zu etwas ziemlich Geschmacklosem geworden. Als die Passanten das sahen, verloren sie wahrscheinlich den Glauben. »Ich weiß noch, wie meine Oma über diese ›Nichtsnutze‹ schimpfte, ohne zu wissen, dass ihr lieber Enkel, der gerade so brav neben ihr den Sonntagskuchen verdrückte, auch einer von denen war!«
Yoel machte die Biere auf. »Lass uns darauf anstoßen, bei dem ganzen Scheiß nie erwischt worden zu sein!«
Wir tranken und hatten bald darauf gut einen sitzen. Nun sollte der Grill – es war lediglich ein Abtropfsieb mit Bratrost – für das Abendessen angefeuert werden. Yoel nahm einen Armvoll Holzkohle und ging damit nach draußen. Im Suff stolperte er wohl über eine Zeltleine; ich bekam das Ganze von drinnen nur als ein großes Poltern mit. Als er wieder im Eingang stand, fiel ich vor Lachen fast vom Stuhl: »Ha, bist wohl komplett in den Kohlen gelandet? Man sieht nur noch strahlende Zähne, der Rest ist kohlrabenschwarz! Als wärst du ein Bergarbeiter!«
»So eine Scheiße, dieses elende Dreckszeug!«, fluchte er und torkelte zur Wasserstelle.
Breit grinsend sah ich ihm hinterher – und genau in diesem Moment spielte der Jockey Jimmy Liggins’ »I ain’t drunk«. Im Refrain tönte es immer wieder: »I don’t care, what the people are thinkin’, I ain’t drunk, I’m just drinkin’«. Mit genau diesen Worten würde jeder Trinker seinen Dusel abstreiten! Ich drehte die Lautstärke auf, dass es über den Platz hallte, und Yoel versuchte dazu, im schwachen Schein einer einzigen Laterne die Spur zu halten. Es sah herrlich komisch aus, wie der arme Saufkopf immer wieder zu den Seiten abtrieb.
Nach einer gefühlten Ewigkeit hatte er es endlich zum Hydranten geschafft und heulte dort ein paar Mal auf, weil das Wasser so kalt war. Aber auch wenn sich das Ganze so anhörte, als träfe ihn gleich der Schlag, blieb ich gelassen: Eher brächte die Hitze seines Kopfes das Wasser zum Kochen! Solch ein hagerer Körper verzeiht einiges. In sämtlichen Urlauben ging Yoel mindestens einmal im Meer schwimmen – ganz egal, wie eisig die Brühe auch war. Und jedes Mal beneidete ich ihn um seine drahtige Figur: Obwohl er mit Sport nichts am Hut hatte, sah er immer trainiert aus. In feinen Strängen zeichneten sich die Muskeln an Armen und Beinen ab – Yoel wäre locker als Kletterer durchgegangen.
Das gefiel auch den Mädchen, wenngleich er trotzdem nicht allzu oft zum Zug kam, weil sie ihn meistens jünger schätzten. Das Problem war, dass Yoel einfach kein richtiger Bart wachsen wollte. Lediglich am Kinn hielten sich ein paar Haare – aber die reichten natürlich nicht, um ihm ein verwegenes Aussehen zu verpassen: Egal, wie mütterlich die wenigen Stoppeln gehegt und gepflegt wurden, seinem Gesicht blieb immer etwas von der Reinheit des Musterschülers erhalten.
Wir verbrachten den Urlaub seit jeher auf diesem Zeltplatz. Hoke, der Besitzer, machte uns nach all den Jahren auch einen guten Preis. Trotzdem war er kein Spender, den Nachlass holte er sich über die Duschen zurück: Egal, ob kaltes oder warmes Wasser – gezahlt werden musste immer! Aus diesem Grund duschten wir nie öfter als einmal die Woche und stanken mit der Zeit zum Himmel! Bei unserem allgemeinen Aussehen war das allerdings nicht weiter schlimm: Die meisten wechselten ohnehin die Straßenseite, wenn sie uns begegneten. Eisenbahnerjacken, speckige Latzhosen, Kutten aus Öltuch und die ausgetretensten Stiefel der Welt machten nicht gerade den besten Eindruck. Im Sommer hätten uns die Bullen garantiert im Handumdrehen als Landstreicher weggesperrt, aber außerhalb der Saison waren sie entspannter. Da gingen wir locker als Fahrensmänner durch, auch ohne Südwester, und denen verzieh man, wenn sie nicht nach Rosen dufteten.
Yoel kam zurück zum Pavillon gestapft. »Hab dich bis hier rauf gehört!«, begrüßte ich ihn.
»Kein Wunder«, rief er und rieb sich dabei sein hochrotes Gesicht trocken, »das Wasser war scheißkalt!«
»Immerhin siehst du nicht mehr wie ein Stück Kohle aus.«
Ich steckte abwechselnd Zwiebeln und Bratkäse auf dünne Holzstäbe, Yoel brachte derweilen außerhalb den Grill auf Touren. Bald begann das Metall zu glühen – es sah aus, als hätte das Sieb rote Wangen bekommen. Ich legte die Spieße darauf und ging pinkeln.
Im Stockdunkel brauchten meine Augen eine Weile, um sich zu gewöhnen, aber dann strahlte das ganze herrliche Gefunkel des Universums auf mich herab. Nichts ist besser als sich mit einem im Tee in die Büsche zu verdrücken und den Kopf beim Pissen in den Nacken zu legen: Dann beginnt die Welt, sich zu drehen. Leider landeten dabei immer ein paar Tropfen auf meinen Schuhspitzen. Der Himmel hier draußen war umso vieles reicher. In der Stadt verschlang das Licht der Straßenlampen gierig jedes Funkeln, übrig blieben dort nur die größten Sterne. Jetzt entdeckte ich das violette Schimmern am Bauch von Orion sogar mit bloßem Auge, lediglich die Baumkronen von ein paar Kiefern verdeckten hier und da die Sicht.
Gleich hinter der Böschung rauschte das endlose gewaltige Meer, und davor stemmte sich ein kleines Wäldchen beharrlich gegen den Seewind. Selbst wenn die Brandung manchmal brüllend gegen den Strand rannte, kam davon auf dem Zeltplatz nur ein Hauch an. »Wasser ist immer auf Krawall gebürstet!«, murmelte ich betrunken.
Der Pavillon dampfte derweilen in der Dunkelheit wie eine glühende Festung vor sich hin. Yoel hatte die Spieße fertig gebraten und auf Teller verteilt – herrlich gebräunt glänzten sie vom Fett. »Hau rein«, rief er, »das kann dein Magen gut brauchen!«
Ich zog mit den Lippen ein Stück Käse herunter. Im Mund vermischte sich die knusprige Kruste mit dem saftigen Inneren und ergab einen wunderbar sahnig-würzigen Geschmack. Vergolden konnte man das Ganze noch mit einem Stück gedünsteter Zwiebel. Ein einziges Schmatzen und Raunen schwirrte durch das Zelt, begleitet vom weichen Säuseln des Radios – mittlerweile spielten sie Jazz.
Als die Teller leer gegessen waren, leckte jeder seine Finger ausgiebig ab – man wollte nichts verkommen lassen. Allmählich begannen die Mägen, den Traum zu verdauen; müde und schwerfällig, wie alte nasse Bärenfelle hingen wir in den Klappstühlen. Solch ein Abendessen hinterlässt seine Spuren! Mehr als ein kurzes Stöhnen oder Nicken bekam keiner mehr heraus. Meine Augen wurden immer schmaler und Yoels Kopf lag schon auf der Seite. Sein linker Mundwinkel hing schlaff herunter wie ein Stück labbriger Kuchenteig. »Er schläft den Schlaf der Gerechten!«, dachte ich und ließ mich ebenfalls vom warmen Rauschen des Gasheizers einlullen. Unter der aufsteigenden Hitze konnte man in größter Geborgenheit grübeln oder einfach nur dämmern.
Es dauerte nicht lange, und die Welt verschmolz mit dem Halbschlaf. In dieser Stimmung bekam mein Geist eine einzigartige Klarheit, die – anders als am Tag – völlig frei und ohne Zweck war. So flogen die Gedanken ins Endlose. Ich dachte an früher: Jeden Freitagabend fuhren wir in Dals Auto auf den Parkplatz des großen Warenhauses, kauften Snacks am Autoschalter und hupten aufgehübschten Mädchen für ein Lächeln hinterher. Danach ging es ziellos und begleitet von hitziger Musik auf die Straßen – meistens bis weit nach Mitternacht. Es waren unscheinbare, aber glückliche Momente – und wir drei bescheiden genug, um genau das zu erkennen. »Goldene Zeiten!«, schwärmte Yoel jedes Mal wehmütig, wenn er davon erzählte.
Eines Abends rasten wir am Stadtrand über verschneite Waldwege. Ich weiß nicht, wer diesen Einfall hatte, aber es war eine Höllenfahrt. In Dunkelheit und blendendem Schnee versteckt, zeigten sich die Kurven erst kurz vor der Biegung. Wir machten es wie bei einer Rallye: Ich gab Dal kurze Kommandos und er lenkte blind. Von hinten brüllte der besoffene Yoel immer dazwischen und fummelte am Radio herum. Das ging so lange gut, bis auch ich mich von der hetzenden Musik anstecken ließ und auf die Fensterreling krabbelte. Im Fahrtwind war die Nacht herrlich – der Schnee brannte allerdings schlimmer als Glasscherben in meinen Augen. Und dann kam, was kommen musste: Ich verlor die Sicht, Dal verlor den Weg – im nächsten Augenblick donnerte die Karre mit Vollgas auf eine Wiese und blieb dort stecken. Obwohl wir uns keinen Meter mehr bewegten, trat Dal weiterhin wie ein Irrer aufs Pedal. Aus lauter Verzweiflung rutschte er dabei auf seinem Sitz hin und her – Yoel und ich krümmten uns vor Lachen. Erst als man die Kupplung roch, stellte Dal den Motor ab. Wir stiegen aus, um anzuschieben.
»Verdammt, das ist gar keine Wiese!«, brüllte ich, während meine Schuhe voll Wasser liefen. »Dal hat die Kiste in ein Scheißmoor gesteuert!«
Je hastiger wir nun versuchten, uns gegen das Heck zu stemmen, desto mehr versanken die Füße im Schlamm. Es dauerte eine ganze Weile, bis die Räder nach ewigem Durchdrehen wieder Griff bekamen. Dal gab sofort Vollgas und fuhr bis zum Weg – man erkannte die Rücklichter nur noch als winzige rote Punkte. Einen Moment lang bezweifelte ich, dass Yoel und ich es jemals bis dahin schaffen würden. Rings um uns herum war es stockdunkel, nur das fahle Stadtleuchten hing wie eine Wolke am Himmel. Irgendwann griff Yoel meine Hand und wir zogen uns gegenseitig vorwärts; gemeinsam wurde fast ein Sprint daraus. Dal wartete auf festem Boden – mit einem Satz sprangen wir zurück ins Auto.
»Schaut euch mal an, wie der Schlamm meine Schuhe in Stampfstiefel verwandelt hat!«, rief Yoel und hielt seinen dreimal so dicken Fuß nach vorn. »Ich bin ein Golem!«
Ohne zu begreifen, was für ein Glück uns gerade gerettet hatte, rasten wir kurz darauf unbekümmert jubelnd weiter, als wäre nichts geschehen. Das ist sie, die wunderbare Sorglosigkeit der Jugend! Man ist über das Leben erhaben und geht mit einem Gefühl von Unverwundbarkeit durch den Tag, wie es vielleicht nur Kämpfer können. Erst mit den Jahren wird aus dieser Leichtigkeit der Zweifel – und im Handumdrehen erhebt sich das Leben über einen.
Ich dachte an meinen ersten Kaffee zurück, den ich tatsächlich sogar mit Yoel getrunken hatte. Wir bekamen ihn in einer Eckkneipe für kleines Geld – pechschwarzes Pulver, aufgegossen mit heißem Wasser; die Krümel blieben in den Zähnen hängen, dass es aussah, als hätte man Mohnbrötchen gegessen. Nichtsdestotrotz brachte einen das Zeug durch die Nacht – anders hätten wir sie niemals kennengelernt. Ich konnte gar nicht glauben, wie leuchtend die nächtlichen Stunden sein konnten. Ähnlich großartig fühlte sich auch der Rausch des ersten Biers an, auch wenn es noch fürchterlich schmeckte. Ich vermisste diese unglaublichen Gefühle, wenn man etwas zum ersten Mal im Leben tut. Das meiste davon verkommt über die Jahre zu Gewohnheiten; jeder Tag löst Geheimnisse und Rätsel, schmälert das Unbekannte und lässt den Zauber verblassen. Die wilden Bauchentscheidungen werden seltener, und auch wenn mein Leben bis zu unserem Aufbruch recht passabel verlaufen war, glaubte ich, irgendwann die ganze Welt erklären zu können, als hätte man eine verdammte Landkarte gefressen. Ich sehnte mich insgeheim nach neuen Wegen, wollte es mir aber nie eingestehen.
In diesem Moment wurde ich wach – Yoel schnarchte wie ein Schleifstein. Es war wer weiß wie spät, das Bier hatte mir einen ziemlichen Schädel und bräsige Augen beschert. »Hey!«, rief ich.
Wie von kleinen Blitzen getroffen zuckte Yoel ein paar Mal zusammen, bevor sein Kopf langsam nach oben wanderte. Stöhnend raffte er sich zurecht. »Mann, da hat es mir mal ordentlich die Beine weggezogen!«, meinte er.
Wir machten den Pavillon für die Nacht fertig und krochen ins Zelt. »Ich lass meine Zähne heute gammeln!«, sagte ich und spülte meinen Mund nur mit einem Schluck Bier aus. Yoel bekam das schon gar nicht mehr mit – wie ein gestrandeter Wal lag er angezogen auf seinem Feldbett und schlief. Ich schob meine Klamotten ins Fußende des Schlafsacks, denn so blieben sie bis zum nächsten Morgen warm und trocken. Ein leichter Wind strich über die Baumwollplane, in der Ferne rauschte die Brandung. Falls das Wetter doch noch vorhatte, aufzubrausen, würde ich es tief im Schlafsack verkrochen nicht mitbekommen.
Es gab nur eine Sache, die wirklich ungemütlich werden konnte: Yoels Schnarchen! In manchen Nächten verzog ich mich sogar in den Pavillon, so laut war es. Man konnte ihn in die Seite stoßen, ihm die Nase zuhalten oder das Kissen auf sein Gesicht legen – drei Minuten später ging alles wieder von vorn los. Schlau wie ich war, hatte ich mir aus Holzmehl und Kiefernharz ein paar Ohrenstöpsel geknetet. Man konnte sie in der Sonne trocknen, dann behielten sie sogar ihre Form. Heute steckte ich mir die Dinger gleich in die Ohren – mit solch einem Suff würde mich Yoel ansonsten auf jeden Fall um den Schlaf bringen.
Von jetzt auf gleich herrschte eine fantastische Ruhe. Ich freute mich auf die Nacht: In der klaren Kälte schlief es sich so viel besser als im Dampf der Stadt. Überdies blieb einem der scheppernde Morgenverkehr erspart. Hier weckte uns nur das Krächzen der Raben am späten Vormittag – sie wussten anscheinend um unseren Wunsch, auszuschlafen, und gaben vor neun keinen Ton von sich.
Die Nacht wurde ruhig und am nächsten Morgen wachte ich von allein auf – aber kaum hatte ich die Stöpsel herausgezogen, erklang über uns schon das Glucksen und Schnattern der Vogelbande: Jeder wollte die heißesten Neuigkeiten loswerden. Auf der dunkelgrünen Zeltplane tanzten Sonnenflecken und kündigten einen herrlichen Herbsttag an. Ich stellte mir vor, ich wäre unter Wasser und würde von da aus zur Oberfläche schauen. Das Zeltinnere war der Teich und wir beide waren zwei müde alte Fische – kein Angler hatte uns bis jetzt mit Würmern oder Brot verarschen können. Beim Gedanken daran, dass unsere Gesichter denen von Karpfen oder Welsen ähnelten, bekam ich einen Lachanfall – und Yoel wurde munter.
Völlig verpennt schielte er zu mir herüber und sah mit dem vom Schlaf aufgedunsenen Gesicht wirklich wie ein Fisch aus. »Was ist denn mit dir los?«, fragte er mürrisch.
»Na Mensch, mit deiner teigigen Fresse gehst du tatsächlich als Karpfen durch.«
Yoel drehte sich um, ließ einen fahren und rief: »Fische furzen lautlos! Das sollte beweisen, dass ich kein Fisch bin!«
Im nächsten Moment zog der widerlichste Gestank durch das Zelt, den man sich nur vorstellen kann. Es roch, als hätte man das Tor zur Hölle aufgesperrt.
»Verdammt!«, rief ich und stürzte hinaus. »Was hast du bloß gegessen?«
Drinnen kicherte Yoel schadenfroh – aber immerhin warf er mir meine Klamotten und Schuhe nach. Hastig zog ich sie über, denn der Morgen war viel zu kühl, um nur in einer Unterhose herumzustehen.
Im Pavillon hing noch der Bratengeruch von gestern. Als Erstes sah ich nach der betrunkenen Fliege. Anscheinend hatte sie ihren Rausch gut ausgeschlafen, denn auf der Suche nach einem Ausgang krabbelte sie schon fahrig an der Glaswand herum. Wir sahen einander gleich verkatert an. So eine sichere Nachtbleibe bekommen Fliegen wahrscheinlich eher selten angeboten – und wenn doch, dann finden sie meistens nicht wieder hinaus. Ich ließ sie frei und fläzte mich in den Klappstuhl.
Hier drin hielt sich die Kälte in Grenzen, die Fensterfolie war milchig beschlagen. »So vergeht der Sommer«, schrieb ich darauf. Vor dem Eingang lagen noch die Reste der verschütteten Holzkohle. Draußen huschte etwas Wind über die Wiese, trieb ein Bündel alter Blätter vor sich her und raschelte aufgeweckt in den zur Seite gebundenen Türplanen. An ihm konnte man sich ein Beispiel nehmen – frisch und salzig flog er vom Meer in den Tag. Ich verschränkte die Arme hinter dem Kopf und fühlte mich im Angesicht des fabelhaften Morgens großartig. Mehr und mehr kam die Sonne durch, draußen sprangen die löchrigen Schatten der Baumkronen wie Frösche am Boden herum. Allerlei Insekten und glitzernde Spinnenfäden schwirrten im Gegenlicht durch die Luft – solch ein Treiben war für den verschlafenen Kopf genau richtig und brachte die Nerven in Gang. Mit einem Ruck rutschte ich nach vorn, um meine ausgekühlten Füße in die Sonne zu stellen, und bald darauf kroch eine wunderbare Hitze die Beine herauf – nur eine heiße Dusche wäre noch besser gewesen.
Der Pavillon hatte sich als ein echter Segen erwiesen. Er beschützte uns wie eine Höhle vor allen Widrigkeiten und war während des ganzen Urlaubs mein liebster Platz. Oft setzte ich mich bei bestem Wetter am Nachmittag hinein, ließ den Geist davontreiben und schrieb. Zusammen mit einer Tasse Kaffee entstanden dabei einige ganz passable Texte – es galt, jeglichen Gedanken über den Spätsommer in meiner Kladde festzuhalten. Die Schreibe war am Ende vielleicht gut genug, um sich damit die Wartezeit bis zum nächsten Urlaub versüßen zu können.
Der Geruch des Pavillons erinnerte mich an früher: Warmer Sand, verbranntes Brot und eine scheinbar siedende Plastikplane – so hatte es auch im Gartenhaus meiner Eltern gerochen. Das Grundstück lag abgeschieden und in einem kleinen Wald, Yoel und ich verbrachten einige Sommerferien da draußen. Die Stimmung war immer völlig aufgedreht, weil wir uns nichts anderes als Kekse, Limonade und Musik reinzogen. Dazu kam der wunderbare Umstand, die verdammte Schule für eine Weile los zu sein. »Eigentlich genau wie jetzt«, dachte ich, »außer dass es kein neues Schuljahr gibt, das den Traum beendet, und das der Kopf heute nach Fusel verlangt, statt nach Brause.«
Beim Gedanken an den Kirschlikör von gestern wurde mir etwas flau. Ich beschloss, ein ordentliches Frühstück zu machen, um diesen auf Glanz polierten Tag angemessen zu würdigen. Während der Radiojockey zwischen Guthrie und Dylan herumsprang, füllte sich der Tisch allmählich mit den leckersten Sachen: Es gab knusprig gebratenes Weißbrot, frischen Knoblauch und Zwiebeln, brühheißen Kaffee und eine Dose Thunfisch für Yoel. Den meisten hätte sich bei diesem Frühstück vermutlich der Magen umgedreht – für uns war es perfekt!
