Im Epizentrum des Lebens - Lukas Meschik - E-Book

Im Epizentrum des Lebens E-Book

Lukas Meschik

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Beschreibung

Beobachtungen in einer stillgestellten Welt Frühjahr 2020. Plötzlich verstummt die Welt. Lockdowns, leere Straßen, eine Realität, die sich anfühlt wie ein Fiebertraum. Lukas Meschik hält fest, was passiert, wenn das Leben auf Stand-by geschaltet wird – mit feiner Ironie, scharfem Blick und einem Sinn für die Details des Alltags im Ausnahmezustand.  »Hätten wir uns jemals träumen lassen, dass es zum subversiven Akt werden könnte, sich zu umarmen?« Zwischen Doughnut-Tagen und Maulkorbpflicht für Mensch und Hund, zwischen Nachrichtenflut und gedanklicher Abschweifung entsteht eine poetisch-ironische Reise durch die Pandemiezeit, dokumentiert in Form eines Notiz- und Tagebuchs. Zwischen Humor, Melancholie und philosophischer Betrachtung fängt Meschik die Essenz dieser Zeit ein und zeigt, wie der Mensch in Ausnahmesituationen immer wieder nach Sinn und Gemeinschaft sucht.  "Ich gehe in die Nacht wie an einen Ort.  Leere ist Stille. Vielleicht sollte ich meinen Rhythmus umstellen, nachtaktiv werden wie ein Nagetier. Werde ich jemandem begegnen? Dort lauert ein bisschen Gestalt. Etwas hustet näher. Ein Allerweltsmann mit Rucksack. Er hustet schlimm, dass man sich beinah einschalten möchte. […]  Jetzt verstehe ich es: Nachts sind die Huster unterwegs, die Räusperer und Rotzaufzieher und Schleimrassler. Das leuchtet sofort ein, denn tagsüber können sie sich unmöglich auf die Straßen trauen, würden sie doch bei der kleinsten Regung sofort den Argwohn der Passanten auf sich ziehen. Abgemacht: Die Nacht gehört den Hustern." Lukas Meschik

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Seitenzahl: 594

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Lukas Meschik

IM EPIZENTRUM DES LEBENS

Ein Notizbuch [17.03.2020 – 24.06.2020]

Ich bin ratlos – und hab aber doch (lange Pause) eine immerwährende Anwandlung, etwas festzuhalten, und deswegen frag ich mich auch sehr oft, ob nicht die Form eines Notizbuchs – nicht eines Tagebuchs, sondern eines über die Person hinausgehenden, nur aus Betrachtungen, Beobachtungen, bezeichnenden Träumen bestehenden Notizbuchs – die bessere, epische Entsprechung wäre als jede nur durch Kampf, Warten, Geduld und auch Hoffnungslosigkeit sich zusammenfügende Erzählung.

Peter Handke

Aber ich lebe nur von den Zwischenräumen – Ein Gespräch, geführt von Herbert Gamper

Die Erbärmlichkeit meiner Verfassung wird nicht geringer durch diese Worte, mit denen ich Satz um Satz das Zufallsbuch meines Nachsinnens gestalte. Nichtig bestehe ich fort auf dem Grund jedes Ausdrucks wie unlösliches Pulver auf dem Grund eines Glases, aus dem man nur Wasser getrunken hat. Ich schreibe meine Literatur wie ich Buch führe – sorgfältig und gleichgültig.

Fernando Pessoa

Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares

1 Dienstag, 17.03.2020

Es sind neue Zeiten angebrochen. Die seltsamen Zeiten. So war der Frühling nicht gedacht.

Zum ersten Mal ein abendliches Bier mit zwei Freunden über Videochat. Es funktioniert erstaunlich gut, gibt kaum Zeitverzögerung. Mein Arzt-Freund befindet sich in Quarantäne, da er am Vortag eine Patientin behandeln musste, die als Verdachtsfall eingestuft ist. Er wurde getestet (oder war sie es?), wartet jetzt zu Hause das Ergebnis ab. Seine Freundin arbeitet in einer Arztpraxis, wohnt deshalb sicherheitshalber vorübergehend woanders. Denn fällt er aus, dann fällt auch sie aus. Und sind irgendwann alle ausgefallen, ist niemand mehr da, der das Gesundheitswesen am Laufen hält.

Mitten in seiner Schilderung bekomme ich einen Lachanfall. Fällt uns denn überhaupt auf, wie absurd das alles ist? Vor vier Wochen, oder noch vor zwei, hätten wir uns nicht träumen lassen, jetzt so hier zu sitzen: virtuell verbunden in einer digital verschränkten Wohnzimmerwelt, seelenruhig plaudernd über Virustests und Quarantäne.

Der Anwalt-Freund macht Homeoffice und lebt sich darin zurecht. Er klinkt sich ein ins System der Kanzlei, wo er Zugriff auf alle nötigen Daten bekommt, dabei hält er sich streng an die Arbeitszeiten.

Wir malen uns die Zukunft aus. Mit zwei bis drei Monaten in diesem Zustand sollten wir durchaus rechnen – falls es weniger wird, können wir dann ja positiv überrascht sein. Besser als umgekehrt. Noch herrscht ein vergnüglicher Galgenhumor. Der Arzt gibt zu, er habe die Zeit genutzt, eine Patientenverfügung aufzusetzen, die er mit konkreten medizinischen Beispielen erweitert hat – nicht aus Sorge, dass sie bald zum Einsatz kommen werde, es habe sich einfach so ergeben und es sei ja gerade ein guter Anlass dafür. Sogleich erfinden wir eine Boulevard-Überschrift. Whistleblower-Arzt: Machen Sie Ihr Testament! Wäre ich ein zwielichtiger Zeitungsredakteur, würde ich seine Aussagen jedenfalls dazu verwursten. Wir lachen wie sonst auch. Noch ist es ein großes Abenteuer mit ungewissem Ausgang. Verstehen wir den Ernst der Lage? Wir trinken Bier und stoßen an, und für Momente ist alles beinah normal.

Digitale Vernetztheit zu nutzen, obwohl es unnötig wäre – zum Beispiel für ein Treffen über Bildschirm innerhalb derselben Stadt –, ist graue Dystopie; sie aber verwenden können als nützliches Instrument, um vorübergehend zu ersetzen, was anders nicht zu bewerkstelligen wäre, ist ein Segen. Ich bekreuzige mich vor dem Gott des Internets.

Die seltsamen Zeiten haben auch ihr Gutes: endlich keine alten Verwandten mehr im Pflegeheim besuchen müssen. Zahnarzttermine fallen aus. Man darf den anstrengenden Familienfeiern unentschuldigt fernbleiben.

Ich stelle mir einen Aufruf der Bundesregierung vor: Um die Ansteckungsgefahr der Mitmenschen zu verringern, bitte bei Schlägereien keine Ohrfeigen mehr austeilen, stattdessen hygienische Fußtritte geben.

Nichts verdienen, aber eh nichts ausgeben können – auch ein kosmologisches Gleichgewicht.

Am Telefon mit dem Schriftsteller (und Musiker) Alfred Goubran. Wir beide vermeintlich ganz cool. Für uns ändert sich ja derweil nicht so viel. (Mit Auftritten allerdings wird es mau.) Er hat nur etwas zu bekritteln: dass er in den letzten Tagen so wenig zum Arbeiten kommt, weil alle rundum viel zu aufgeregt sind. Statt wie sonst vier Seiten, hat er eher nur zwei übersetzt. Dann morgen halt sechs, sagt er.

Wir sind derzeit stark im Vorteil, denn wir können allein sein – wollen es, müssen es. Nicht ununterbrochen, doch wir kommen damit gut zurecht und suchen gezielt diesen Zustand.

Wir plaudern über Fernsehserien. Alfred gibt mir eine Empfehlung, fachsimpelt über den Unterschied zwischen amerikanischen und unseren Schauspielern, die auf eine Verständlichkeit der Sprache getrimmt sind, allerdings oft sehr wenig ausstrahlen. (Ausnahmen bestätigen die Regel.) Die Amerikaner wirken einfach. Er erzählt ausführlich seine Beobachtungen und Theorien, die Gedanken sind dabei so präzise formuliert, dass man sie beinah als Essay mitschreiben könnte. Entwirklichung – hat er dieses Wort so benutzt?

Es brodelt. Die seltsamen Zeiten sind eine Katastrophe, mindestens eine Herausforderung, jedenfalls ein Einschnitt. Geschäfte taumeln, Gastronomen verzweifeln, Betriebe fahren die Produktion herunter. Menschen verlieren ihre Stellen. (Bloß Supermärkte suchen händeringend nach Verstärkung.) Manche Branchen natürlich florieren: Lieferservice, digitale Lösungen, Online-Kurse. Den Selbstständigen und Freischaffenden und Kulturarbeitern in meinem Umfeld geht es schlecht: Konzerte gestrichen, Lesungen abgesagt. Unsicher, wie es weitergeht. Aber es brodelt, und hier liegt die Chance.

Jetzt schlägt die Stunde für Lieder, für Quarantäne-Kurzfilme, für Ein-Personen-Theaterstücke. Jetzt endlich den Monolog aufführen und mitschneiden und in die Welt hinausschicken (liegen nicht ein paar davon auch in meiner Schublade?). Die Kunstszene muss explodieren vor Ideen, und das wird sie auch. Herzklopfen, kein Schlaf.

Mein Vorhaben, mich in gleichmütiger innerer Einkehr zu üben, hat sich in Luft aufgelöst. Die Idee, endlich den Proust fertigzulesen, war schöngeistig überambitioniert. Es stellt sich keine Lese-Ruhe ein, schließlich will man sich permanent informiert halten. Doch es stellt sich eine Arbeitswut ein, der unbedingte Wille, mit den seltsamen Zeiten produktiv umzugehen. Ideen ausbrüten, sie in die Tat umsetzen. Jetzt.

Kontrollanrufe: Mutter, Bruder, Cousin, Tante, Freunde – alles in Ordnung? Besorgte Heiterkeit.

Es gibt das Wort Angstgemeinschaft.

Also – sage ich zu mir selbst –, also, wenn ich du wäre, würde ich mich schon jetzt wappnen für den kommenden Aufschwung!

2 Mittwoch, 18.03.2020

Praktisch ist ja: Ich bin ohnehin gewohnt, das Leben zu improvisieren, jetzt halt auch die seltsamen Zeiten.

Bloß noch das eine Ziel: Elfriede Jelinek zu schlagen im Wettlauf ums Corona-Stück. Es wird kommen, wie das Amen im Gebet: Kaprun? Jelinek-Stück! Donald Trump? Jelinek-Stück! Finanzcrash? Jelinek-Stück! Flüchtlingspolitik? Jelinek-Stück! Ibiza-Affäre? Jelinek-Stück! (Premiere dann in acht Wochen aus dem Burgtheater per Stream.)

Alle hatten ihn für seinen Waschzwang belächelt. Doch nun schlug seine Stunde.

Die U-Bahn ist voller Corona-Frisuren: Vor lauter Ansteckungsangst sich unterwegs nicht mehr durchs Haar fahren – beziehungsweise bloß noch mit dem Handrücken, was jedoch selbst bei mehrmaliger Wiederholung kaum den gewünschten Effekt hat.

In Gedanken zu einem vorlauten Dreijährigen: Na, du kleine Bazillenschleuder, heute schon erfolgreich deine Tröpfcheninfektionen absolviert?

Nichts unheimlicher als stille Kinder.

Früher haben auch wir eine Zukunft gehabt.

Greta Thunberg ist während alldem verdächtig still – ob die Fridays-for-Future-Bewegung da nicht etwas gezüchtet hat im geheimen Kellerlabor? Schade, dass sie ihre Freude über die zahlreichen Flugstreichungen nicht offen zeigen kann.

Den Fernseher anwerfen als Überforderungsmaschine. Ab einem gewissen Zeitpunkt ist man heillos überinformiert.

Heimlicher Gedanke des einkasernierten Elternteils: Also, wenn ich gewusst hätte, dass ich mit ihnen Zeit verbringen muss, dann hätte ich sicher keine Kinder bekommen!

Wir gehen auf der Straße als vereinzelte Gespenster. Wann wurde neben dem Ausgang das Lachen beschränkt?

3 Donnerstag, 19.03.2020

Es gibt eigentlich nur zwei Möglichkeiten: Entweder bin ich verrückt geworden oder die Welt. (Offen bleibt, was mir lieber ist.)

Einmal, ein einziges Mal nur, möchte ich in einem Interview mit einem Experten die Aussage hören, eine Dunkelziffer sei niedrig.

Es heißt, die Tiere erobern sich jetzt die Städte zurück. Im klaren Wasser Venedigs dümpeln gelassen die Fische. (Es gab angeblich Delphin-Sichtungen.) Italienische Dörfer werden von Hunden und Katzen durchstreift. Ob aber die gemeine Wiener Schmutztaube das alles rechtzeitig mitbekommt und unbefangen in neue Zonen vordringt? (Später dann werden sich die Menschen ihre Städte wieder von den Tieren zurückerobern. So geht es launig hin und her, von einer Pandemie zur nächsten.)

Draußen knurrt ein Hund. Ob er es spürt?

Ich hätte mir am Montag einen Hamster kaufen sollen. (Der schmerzliche Kalauer vom Hamsterkauf.) Als die Geschäfte – und damit die Tierhandlungen – noch offen hatten, wäre Zeit gewesen, mir ein anderes Lebewesen zu besorgen, um es in meinem Unterschlupf einzuquartieren. Wie schön wäre es, jetzt ein Katzenstreichler zu sein, ein warmes Schnurren auf dem Schoß zu haben. Ob man zur Psychohygiene nicht ein paar Tierhandlungen öffnen sollte? Da könnten die Leute sich eindecken mit desinfizierten Kaninchen. Als Kind hatte ich einen Angora-Hamster namens Maxi, mit einsamen Augen und einem struppigen Rexfell, das so gern verfilzte.

Die Medien schaffen eine zweite Wirklichkeit. Denn die vielbeschworene Gefahr habe ich nicht mit eigenen Augen gesehen – weder einen ominösen Virus noch die Überlastung eines Gesundheitssystems noch die Menschen aus Fleisch und Blut hinter den abstrakten Tabellen mit Arbeitslosenzahlen. Doch all das gibt es. Nie können es mir die Medien recht machen. Behandeln Sie das Thema, denke ich: Fällt euch denn gar nichts anderes mehr ein! Sparen sie das Thema aus, denke ich: Vergesst ihr da gerade nicht etwas? Transportieren sie eine Erregtheit, denke ich: Das ist jetzt aber kontraproduktiv. Leiert die Kommentarstimme gewichtige Verlautbarungen allzu fad herunter, denke ich: Da fehlt mir jetzt aber eine gewisse Dringlichkeit! Die Medienmacher sind derzeit meine liebsten Prügelknaben. (Selbstermahnung: Dich aber nicht zu sehr ausklinken – bleib so gut informiert, dass du in die Lage versetzt bist, auch andere über den Stand der Dinge aufzuklären.)

Das Sirenengeheul meint es plötzlich ernst.

Ist es nicht bedauerlich – oder mindestens bedenklich –, dass ich von Anfang an über das Rüstzeug verfügte, mich in der Krise zurechtzufinden? Dass ich im ersten Moment ihres Herannahens umschaltete in den Krisenmodus und Bewältigungsstrategien erprobte, die mir weiterhalfen, den Ereignissen für mich eine Art von Sinn abzutrotzen. (Was bleibt einem denn auch anderes übrig, als heiter seine Niederlagen zu verwalten?)

Aufblühen an der Aufgabe – wie ein Pötzelsberger im Ibiza-Modus.

Die künstlerische oder kreative Sofortmaßnahme muss lauten, zu verdichten. (Und Verdichtung bedeutet nicht zwangsläufig Verkürzung.) Es braucht die klare, beruhigte, gemäßigte Form, die tageweise befüllt werden kann. Noch ist alles reine Geschwindigkeit, eine wachsende Masse, die Fahrt aufnimmt und einen überrollt – es ist möglich, sich mit aller Kraft dagegenzustemmen und dagegenzuhalten, und den Schneeball zu bremsen. Es gibt den langen Atem und die aus sich selbst schöpfende Kraft. Es gibt die Unbedingtheit, mit spielerischem Ernst gegen das noch nicht wahr gewordene Wirkliche anzuschreiben. So wird aus Geschwindigkeit ein Rhythmus – und wo Musik ist, da ist auch Tanz. Gut leben – schön stolpern.

Die Sinne sind frisch gespitzt wie ein sehr harter Bleistift – in alle Richtungen präzise bereit.

Wir fragen einander, ob wir schlecht schlafen, obwohl wir die Aufgewühltheit der anderen ganz genau kennen – es ist unsere eigene.

Zu Lebzeiten – das ist ja jetzt!

Erstaunlich, wie bereitwillig sich alle haben einchineseln lassen.

Die Hundezone entwickelt sich zur Oase der Geselligkeit. Überhaupt sind seltsam oft die Gassi-Geher miteinander unterwegs. Verständlich, denn da herrscht eine unausgesprochene Verwandtschaft. Man kauderwelscht ein bisschen übers Wetter, politisiert, beratschlagt das Problem der eingeschränkten Bewegungsfreiheit und des mangelnden Auslaufs, man vergleicht die Menge eingelagerten Dosenfutters und analysiert kenntnisreich den jeweiligen Stuhlgang – so jedenfalls stelle ich es mir vor. Es wird schon in Ordnung sein, dass die Hundehalter sich zusammenrotten, schließlich leben sie auf eine Art zusammen – innerhalb ihrer reichlich alltagsgebeutelten Gruppe.

Im Supermarkt herrscht gespenstische Stille. Man hält Abstand, kommt einander nicht zu nah. Wir bleiben höflich, lassen den Vortritt, zeigen unser Abbiegen als Fußgänger mit einer Neigung des Kopfes oder einer ruhigen Geste an. Eine Frau marschiert beherzt umher, eine Harke unter die Achsel geklemmt – die von der Frau wegsteht als unscheinbare Abstandswahrerin. (Frühlingsfroh sich an die Gartenarbeit machen!)

Die Stille dröhnt. Wo ist sie denn, die einlullende Plätschermusik, die einem sonst so auf die Nerven geht? – jetzt, wo man sie braucht zur Sorgenmilderung. Kluge Filialleiter legen ihr Seelenbalsam-Mixtape ein. Die Menschengeräusche stehen für sich. Ich pfeife vor mich hin wie das Kind beim furchtsamen Abstieg in den Kohlenkeller. Im Ton liegt ein Zweifel. Glaubst du dir das Pfeifen selbst?

Beim Kassaband ist kein Trennstab mehr nötig, zwischen den Kunden – und somit zwischen ihren Produkt-Clustern – ist mindestens ein Meter frei. Die Supermarktkassiere werden ab heute durch eine Plexiglasscheibe vor hustfreudigen Kontakten geschützt. Interessant, wie über Nacht plötzlich Dinge möglich werden. Man stelle sich vor, es hätte vonseiten der Arbeitnehmer (des Betriebsrats, der Gewerkschaft) die Forderung nach einer konkreten Maßnahme zur Verbesserung der Arbeitsabläufe gegeben: Durch wie viele lähmende Instanzen hätte das hindurchdiskutiert werden müssen, wie viele wohlformulierte (und wohlargumentierte) Absagen hätte es da gehagelt, wie viele trüblaunige Gremien hätte das beschäftigt, bis das Ansinnen schließlich still und heimlich im Nichts versandet wäre?

Mein Vordermann erkundigt sich nach der Sinnhaftigkeit der Sicherheitsmaßnahme. Bringt nix, sagt die Supermarktfrau, völlig sinnlos, weil beim Bezahlen steht dann sowieso jeder vor mir. Der Mann nickt. (Vielleicht erhöht es ja das vielbeschworene Sicherheitsgefühl.) Ich bin an der Reihe, zahle bar und habe großen Respekt vor ihren ernstschwarzen Latexhandschuhen. Nächstes Mal bitte lieber mit Karte, sagt sie. Ich sage: Ja, ich weiß eh.

Der Eurovision Songcontest wurde abgesagt – zwischendurch also auch gute Nachrichten, an denen man sich aufrichten kann.

Humor greift zu kurz. Irgendwann kommt der Moment, wo einem das Lachen vergeht. Und wer dann nichts hat, ist verloren. Da wäre es besser, auf einen gelassenen Ernst zurückgreifen zu können – wohlgemerkt, ohne zu verzagen.

Ich beneide die Politiker für ihre anhaltende Geselligkeit. Wie schön wäre es, ebenfalls hin und wieder im Sitzungssaal mit einem Krisenstab zu hocken und menschliche Nähe zu atmen. Oder ein Journalist im nach wie vor stattlich belegten Pressebereich im Verlautbarungsraum zu sein. Krawattenträger unter sich.

Ein neuer Austropopper im Messenger: Ich glaub dauernd, es ist morgen. (Meine überwachungsstaatliche Archivierung der Chatprotokolle.)

Am Telefon mit meinem Bruder. Die letzten Tage habe er damit verbracht, fernzusehen, nicht nur den heimischen, sondern verschiedene ausländische Kanäle. Etwas, das wir einander dringend ausreden sollten. Er sehe das alles ganz nüchtern, mit wenig Emotion, und so kenne ich ihn auch. Wir haben uns nun schon länger nicht mehr getroffen, jedenfalls drei bis vier Wochen, denn vor den seltsamen Zeiten herrschte die dichte Zeit, als wir alle noch jonglieren mussten mit unaufschiebbaren Terminen.

Ob es in Ordnung wäre, gemeinsam getrennt zu spazieren, also, mit dem gebotenen Sicherheitsabstand, in Rufweite? Wir sind uns einig: lieber nicht. Was sind wir nur für elende Beschränkungsstreber. Und an uns Verrückten soll alles gesunden? (Vielleicht parallel auf gegenüberliegenden Straßenseiten spazieren und sich aus der Ferne anschreien. Vielleicht sich zufällig im Supermarkt begegnen, sich also eine Zeit ausmachen, bei der man die nötigsten Besorgungen macht. Verstohlen Blicke wechseln wie zwei heimliche Verliebte, zischelnd den Niedergang Gileads organisieren wie Offred in The Handmaid’s Tale – überhaupt die bedrückende Sterilität der Serie, zu der einem schlagartig Beispiele in der Wirklichkeit einfallen. Alles huscht als Schattenmensch von Haus zu stillem Haus, dazwischen baumeln mahnend die Erhängten.)

Was man darf und was nicht: Darf man mit dem Fahrrad an den Stadtrand fahren? (Darf man das Fahrrad in der U-Bahn mitnehmen?) Darf man sich zum Zweitwohnsitz in ein anderes Bundesland begeben? Darf man den Onkel seiner Frau besuchen, die sich beide sehr oft sehen? Darf mir die Nichte meines Nachbarn den Mistkübel ausleeren? Darf ich zur Arbeit gehen, wenn ich nicht muss? Darf ich dem Lieferanten helfen, den Handkarren über die Schwelle zu hieven? Darf jemand seine langjährige Partnerin besuchen, obwohl sie nicht zusammenwohnen? Darf ich länger spazieren, als ich eigentlich müsste, damit mir nicht die Decke auf den Kopf fällt? Darf ich so weit und so lange spazieren, bis mir schwindlig wird vor heißer Scham und ich zerspringe vor schlechtem Gewissen, über das gebotene Maß hinausgegangen zu sein? (Ein Sicherheitsbeamter beim Auswerten meiner Standortdaten: Da schau her, hat da vielleicht jemand eine Ehrenrunde gedreht?)

All das nur das eigene Dürfen. Hinzu kommt das Dürfen der anderen: Darf der das überhaupt? Dürfen die eigentlich nebeneinander gehen? Darf die jetzt mit dem Auto dorthin?

Unbekümmert zetert eine Kleingruppe von Halbstarken vorbei. Ihr habt es lustig, denke ich, und werfe böse Blicke. Wie man aber auch sofort zum Blickewerfer wird, zum Besserwisser und Klugscheißer. Wie genüsslich man den Ober-Vernaderer in sich entdeckt.

Das Klatschkonzert um sechs – wer klatscht, hat recht.

Kindliche Freude über nächtlichen Spam. Im Original bereits formatiert wie ein Gedicht:

Nehmen Sie meine Spende von 7.200.000 USD

Hallo

Helfen Sie mir dringend, meine 7,2 Billionen Dollar an zu verteilen humanitär

Dies ist ein Akt der Spende und eine gute Wohltätigkeit, die ich gerne tun würde vor meinem Tod

Evangelium nach Johannes, Kapitel 15, 9-17

Ich schicke es meinem Arzt-Freund zur Aufmunterung. Er lapidar:

Amen. (Nach zwei Tagen in vorsorglicher Quarantäne nun wieder regulär im Einsatz. Seine Schicht ist zu Ende, doch hat er keine Lust zu plaudern: War heute auch schon wieder arbeiten. Und ich sage euch: Ich will wieder in Quarantäne. Dazu bitteres Lachen. Amen.

4 Freitag, 20.03.2020

Tritt man einen Schritt zurück und atmet kurz durch, verinnerlicht und vergegenwärtigt und versinnbildlicht man sich alles – dann wird es bloß noch unübersichtlicher.

Ich gehe in die Nacht wie an einen Ort.

Leere ist Stille. Vielleicht sollte ich meinen Rhythmus umstellen, nachtaktiv werden wie ein Nagetier, wie der Hamster, den ich gern hätte. Werde ich jemandem begegnen? Dort lauert ein bisschen Gestalt. Etwas hustet näher. Ein Allerweltsmann mit Rucksack. Er hustet schlimm, dass man beinah sich einschalten möchte. Er geht weiter, ist verschwunden.

Die Hauptstraße gehört nur sich. Ein Krankenwagen rauscht vorbei.

Später noch einer. Wieder später noch ein Krankenwagen. Das sind sie, die Zeichen. Drei hintereinander – bringt das Glück? Allerdings liegt zwischen den Vorbeifahrten eine beträchtliche Dauer, die alles wieder recht unverdächtig erscheinen lässt. (Ein confirmation bias hat uns fest im Griff.)

In der Nacht hat man seine Ruhe. (Aber wann hat die Nacht denn einmal ihre Ruhe vor uns?)

Fern ein Mann, der langsam in seine Richtung abbiegt. Auf eine Weise kennen wir einander, Nachtstreuner unter sich. Auch er hustet stark.

Jetzt verstehe ich es: Nachts sind die Huster unterwegs, die Räusperer und Rotzaufzieher und Schleimrassler. Das leuchtet sofort ein, denn tagsüber können sie sich unmöglich auf die Straßen trauen, würden sie doch bei der kleinsten Regung sofort den Argwohn der Passanten auf sich ziehen. Abgemacht: Die Nacht gehört den Hustern.

Die Hauptstraße war noch nie so leer, und so still keine Nacht. Mehrmals höre ich es plätschern aus dem Kanal. (Venedighaft gesundet die Lagune.)

Am Markt der Anlieferer für eine Bäckerei. Wir führen ein kurzes Gespräch in erlaubter Distanz. Es gehe ihm gut, jedoch habe er gerade recht wenig zu tun, die Filialen würden derzeit nur mit einem Drittel der normalen Warenmenge ausgestattet; er habe einen Sohn, bereits erwachsen; er wohne allein; tagsüber werde geschlafen, sagt er, und alles sei ein bisschen komisch. Ein Nachtschichtleben führen, denke ich. Wir wünschen einander alles Gute und verabschieden uns.

Ein Taxi fährt vorbei. (Es sind noch Taxis unterwegs, das ist mir gestern oder vorgestern schon aufgefallen.) Der nächtliche Tagtraum, einfach einzusteigen wie Fritz Muliar als Bürgermeister in der Filmgroteske Muttertag, einfach am Rücksitz Platz nehmen und dem seriös bekappten Chauffeur sagen: Foans nach Kuba. Und vom Plattenbau in Alterlaa einfach nach Kuba fahren, Direktverbindung ohne Pinkelpause, einfach weg. Und ward nicht mehr gesehen.

Taxis, Krankenwagen, Lieferanten: Wäre das denn in einer Normalnacht so anders? Wohlgemerkt unter der Woche.

Am Vorplatz zum Einkaufszentrum spaziert ein Entenpaar entschieden bei roter Ampel über den Zebrastreifen. (Hier beginnt sie also, eure heroische Stadteroberung – weiter so!)

Frau Ente und Herr Enterich auf Bezirksdurchwatschelung. Die zwei sind aus dem Stadtparktümpel ausgebüxt (Anmerkung von mir an mich als Korrekturleser: Ausgebüchst war falsch, aber ausgebüxt ist sowieso cooler.) Sie sind nicht scheu. Er bleibt auf Abstand, doch sie kommt näher. Die Erfahrung sagt ihr: Mensch bedeutet Brot. Sie senkt den Kopf, ihr Schnabel glänzt so feucht; allein vom Hinsehen schmatzt es satt. Als würde die Ente mich kennen. Ich strecke meine kalten Hände aus, erst die Bleistift-Hand, dann die Notizbuch-Hand. Doch gleich weiche ich zurück, denn womöglich bin ich ihr eine heimliche Gefahr. Ob ich die Ente wohl anstecken kann? Der Enterich hält sich zwar weiterhin im Hintergrund, wird allerdings langsam ungeduldig und möchte den Weg fortsetzen. Die Frau Gemahlin ist noch nicht so weit. Wir verweilen unschlüssig. Und da geht mir ein Licht auf. Vielleicht, denke ich, sollte ich Tiere neu sehen. Ich richte mich auf, wende mich ab.

Ich Nachteule vor den beiläufigen Nacht-Enten. Erbauliche Begegnung. Es ist der geruhsamste, der intimste Augenblick, den ich seit einer Woche mit einem anderen Lebewesen geteilt habe. (So geht es also aus, unser glorreiches Isolationsexperiment.)

Auf der Bank eines Wartehäuschens liegt ein verwahrloster Mensch unbestimmbaren Geschlechts. Unförmig hingefläzt im engen Querformat, über sich eine flatternde Jacke drapiert. Er/sie zieht an einer Zigarette, gierig und wie entgegen der eigenen Lust. Vorsichtige Annäherung.

Ich: Gibt es nicht irgendwo einen Schlafplatz?

Er/sie: Komm, hau ab, das interessiert mich nicht! (Drohgebärde mit der aus dem Mund gefuchtelten Zigarette.)

Ich lasse ihn/sie mit sich allein. Vielleicht, denke ich, sollte ich auch die Menschen neu sehen.

Ein Haubenträger joggt vorbei, mit vor Eiseskälte gerötetem Gesicht. (Instinktiv weiche ich aus – wie lange wird es dauern, bis wir uns dieses Distanzhalten nach allem wieder abgewöhnt haben? Ich nicke dem Jogger aufmunternd zu; sage absichtlich keinen Gruß, auf den er höflichkeitshalber antworten müsste, um ihn nicht aus seinem Atemrhythmus, seinem Ein-aus-Ein, zu bringen. Nicken ist ja noch erlaubt, und Lächeln; überhaupt müsste man eine staatliche Initiative auf den Weg bringen, um die Lächelfreudigkeit in der Bevölkerung zu erhöhen, und das Winkbewusstsein. (Sollte es als Ausgleich zum Abstandhalten nicht einfach viel lauter sein? Sollten wir nicht singen und musizieren? Einige tun es. Durch Schall überträgt sich ja nichts.) Der Jogger nickt zurück. Wir grinsen uns regelrecht an – und einigen uns stumm darauf, wie absurd die Dinge eigentlich sind. Vielleicht sollte ich alles neu sehen – geduldiger, freier, zufriedener sein.

Geisterbusse fahren leer durch tote Straßen. Es ist kalt. Ich mache mich auf den Rückweg. Aus einem Fenster im dritten Stock hustet es. Ein trockenes, beharrliches, tief eingenistetes Hechelhusten. Ich bleibe unwillkürlich stehen, halte inne. Stimmen sind zu hören. Es wird Leute geben, die jetzt beginnen, jedes Husten zu denunzieren. Noch ein Jogger, im Hoodie. Wir grinsen uns an. Dialogschema: Absurd? – Absurd! Das auch genießen dürfen, denke ich, die Begegnungen mit Fremden, den unsichtbaren Zusammenhalt. Das stimmige Aufgehobensein in einer rastlosen Nachdenklichkeit. So gern hat man plötzlich die Menschen, dass man sich überschwänglich fernhält von ihnen.

Es ist still. Es bleibt kalt. Das war die Nacht.

Mein Spiegelbild zu mir: Ein bissl zerrupft schaust du aus. (Zur Strafe fladere ich ihm das Wort.) Oder, auch lustig: Du bist so müde, wie ich ausschau. Was haben wir gelacht.

Ich: Wenn alles vorbei ist, ruhe ich mich aus.

Auch ich: So lange würde ich aber nicht warten, wenn ich du wäre. Morgen? – Aber das war doch schon!

Die Normalität – als das Vorherige – wird nicht genau so wieder einkehren, doch es wird sich ein Normalzustand einpendeln. Früher als erwartet, später als erhofft. Viele Leute wissen noch gar nicht, dass sich danach manches verändert haben wird. Nur einmal angenommen, mit dem morgigen Tag wäre der Spuk vorbei – selbst dann würde es sich um ein historisches Ereignis globalen Ausmaßes handeln, würden die maßgeblichen journalistischen und kreativen Hervorbringungen relevante Zeitdokumente oder jedenfalls Wünschelroutentriebe zur Sichtbarmachung des einen Moments geworden sein. Der Spuk wird aber noch dauern.

Die Ereigniskurve hat einen natürlichen, organischen Verlauf, der nicht abrupt abbricht oder sich verflacht; Kurven haben einen Sinn für ihre Form, wollen zu Ende bringen, was sie als logischen Spannungsbogen begonnen haben. Kurven nehmen Schwung, springen ab, segeln dahin und landen schlüssig im toten Winkel des Koordinatensystems; mal steiler, mal flacher. Einzureitende Kurvenwesen, die sich aufbäumen unter zögernder Dressur, sich unwillig beringen und besänftigen lassen.

Luftsprungverdächtig: Die Büchereien Wien teilen mit, dass alle entliehenen Medien bis auf Weiteres automatisch verlängert werden. Die automatische Verlängerung bis in alle Ewigkeit: feuchter Traum des Buchjunkies.

Den Ereignissen ein paar Schritte – ein paar Tage – voraus sein. Andernfalls galoppieren sie einem davon. So ist man nicht Opfer der Umstände, sondern Herr der Lage.

Ich weiß schon jetzt den letzten Satz des Coronarrativ, und wann ungefähr ich ihn schreiben werde. Er lautet: –

5 Samstag, 21.03.2020

Pessima tempora plurimae leges. (In den schlechtesten Zeiten gibt es die meisten Gesetze.) Unbekannter Verfasser

Phrasen, die sich mittlerweile bei mir eingeschlichen haben: Munter bleiben. Sauber bleiben. Legal spazieren. Wird schon.

(Über Nacht entsteht ein eigenes Vokabular.)

Die Fernsehbeiträge des Österreichischen Rundfunks sind oft so langsam geschnitten und so altmodisch gestaltet, dass selbst die ärgsten Einschnitte und Verwerfungen mit einer unbehaglichen Beiläufigkeit transportiert werden. Die Kirche im Dorf lassen – notwendige Volksberuhigung. Im Gegensatz dazu die perplexe Aufgeregtheit und schrille Übersteuerung in den sozialen Medien. Es könnte ein Zwischenreich geben, in dem einer den Schlaf des Monsters streng bewacht.

Ein Allgemeinmediziner zur Lage in einem verunsicherten Bergtal: Derzeit herrsche stabiles Chaos.

Unverdrossen die menschenmöglichste Reflexion anstreben und dabei eine gewisse Rasanz beibehalten – um jeden Preis; koste es, was es wolle.

Mein Arzt-Freund erzählt, der Wiener Krankenanstaltsverbund arbeite an einem Verfahren, Einweg-Schutzmasken aufzubereiten, um sie wiederverwendbar zu machen. Eine gute Idee, da sind wir uns einig. Wir fachsimpeln ein bisschen. Einfach in den Geschirrspüler, sage ich. Mikrowelle, sagt er. Dazu fällt mir gleich wieder eine griffige Schlagzeile ein. Welt dankbar: Wiener Top-Mediziner entwickelt Verfahren zur Maskenreinigung! Mein Freund ist damit einverstanden. Bewirb dich als Clickbait-Schreiber, sagt er. Vielleicht sollte ich das tun.

Mittäglicher Handy-Spam: Hallo allerseits. Ich bin einer neuen Gruppe von Treffen für Erwachsene beigetreten. Es gibt viele Teenager, die Hypersex brauchen. Sie können hier teilnehmen, ohne Geld auszugeben. Können Sie Sex mit Ihrer Art von Mädchen haben, suchen Sie einen Partner? Sie sind daran interessiert, Ihre Zufriedenheit zu finden!!!! Klicken Sie hier.

Nein, denke ich, bin ich nicht.

Zettelwerkwuchern im Schubladenkopf. (Selbstermahnung – bei allem gebotenen Tempo bitte leserlich bleiben!) Kaffeegenährtes Muskelzucken in der Unterlippe.

Eine ferne Bekannte aus dem Off: Oida, crave soooo nach Kontakten.

Wir schreiben dagegen an

Wir lesen dagegen an

Wir singen dagegen an

Wir tanzen dagegen an

Wir musizieren dagegen an

Wir kochen dagegen an

Wir essen dagegen an

Wir trinken dagegen an

Wir reden dagegen an

Wir schweigen dagegen an

Wir lernen dagegen an

Wir schlafen dagegen an

Wir lachen dagegen an

Wir klatschen dagegen an

Wir warten dagegen an

Wir fragen dagegen an

Wir diskutieren dagegen an

Wir sitzen dagegen an

Wir stehen dagegen an

Wir gehen dagegen an

Wir putzen dagegen an

Wir fernsehen dagegen an

Wir duschen dagegen an

Wir baden dagegen an

Wir denken dagegen an

Wir spielen dagegen an

Wir lieben dagegen an

Wir leben dagegen an

Wir geben dagegen nicht auf

Für einen geplanten Fernsehbeitrag soll ich zu gewichtigen Fragen knappe Videostatements aufnehmen und verschicken, jeweils möglichst nicht länger als fünfundzwanzig Sekunden – was den selbsternannten Welterklärer in mir vor gewisse Schwierigkeiten stellt. Der Sendungsmacher kommuniziert ebenso launig wie akkurat. Ich nehme windschief Schnipsel auf, vermisse einen Selfie-Stick. Kommt das Herumgestammel allzu holprig daher, verwerfe ich das aufgenommene Material und setze neu an. Versprachlichtes Tappen im Dunkeln. Erfahrungsgemäß weiß ich, dass selbst komplett finalisierte und fristgerecht abgegebene Beiträge oft kurzfristig aus der Sendung fliegen, ohne jemals zur Ausstrahlung zu kommen. All das werde ich also womöglich nie gesagt haben:

Nach so einem kurzen Zeitraum würde ich mich nicht trauen einschätzen zu können was sich durch dieses ganze Ereignis verändert auch für für kreative Leute ich für mich persönlich glaube aber dass man es kaum überschätzen kann was da passiert zum Beispiel wird jeder Roman der in der Gegenwart spielt und die Corona-Pandemie nicht mitdenkt automatisch zu einem historischen Roman und das führt natürlich dazu dass es jetzt sehr schwerfällt an irgendwas zu arbeiten das abseits der Ereignisse spielt für mich persönlich jedenfalls.

Es gibt für mich natürlich auch gewisse Einbußen aber im Vergleich zu vielen anderen geht’s mir sehr sehr gut wir hatten jetzt nicht die Riesentour geplant die die komplett abgeblasen ist ähm wir wir werden sehen wie’s weitergeht aber ich bin’s ohnehin gewohnt ähm mich mich so durch Dinge durchzuimprovisieren und wir sollten jetzt dringend die Leute unterstützen die ganz massiv betroffen sind die ihre Arbeit verloren haben zum Beispiel ähm da müssen wir uns jetzt dahinterklemmen und das wird auch gemacht denk ich.

Ich muss gestehen ich hatte einen kleinen Durchhänger den wird’s auch immer wieder mal geben aber insgesamt hab ich eine grenzenlose Zuversicht dass ähm es einen unglaublichen Zusammenhalt gibt eine eine Bereitschaft aufeinander zu schauen und sich gegenseitig aufzumuntern und auf diese Weise kommt man da gut durch.

Unser größter Respekt muss in erster Linie mal denen gelten die alles am Laufen halten die Müllabfuhr die Supermarktangestellten oder alle sonstigen Firmen und Geschäfte die weitermachen die Politiker die mit wie ich finde sehr ruhiger Hand und kühlem Kopf uns da sehr gut durchmanövrieren aber all diese Leute freuen sich dann auch vielleicht am Abend mal entspannt Musik zu hören und und daraus Kraft ähm zu schöpfen und deshalb spielt Kunst natürlich genauso eine Rolle in diesem ganzen Gefüge wie alles andere auch und der Arzt der nach einer langen Schicht heimkommt braucht vielleicht einfach mal zum Abschalten ähm einen einen Komiker der ihn einfach mal zum Lachen bringt wir sind alle ein Teil des Ganzen und wir spielen alle unsere Rolle und jeder trägt bei was er eben beiträgt.

Ich bin kein Wahrsager und will mich nicht als einer aufspielen grundsätzlich geschieht jetzt mal ein Schock und auch auf eine gewisse Weise eine gemeinschaftliche Traumatisierung es kann aber auf lange Sicht natürlich ein heilsamer Schock sein der vieles infrage stellt und manches neu ordnet im positiven Sinne.

Jede Krise ist natürlich eine Chance aber eine Chance ist kein Geschenk sondern eine Einladung zur Anstrengung und das liegt dann an uns wie wir uns an diese Zeit erinnern und ich glaub es wird sein als eine Herausforderung aber auch als eine Geschichte des Zusammenhalts.

Bald fasst sie Fuß, die neue Unbekümmertheit.

6 Sonntag, 22.03.2020

Die Menschen sollten viel mehr spazierengehen – aber nur so weit, wie sie (inklusive Rückweg) nicht aufs Klo müssen.

Dass die Polizei neuerdings täglich um achtzehn Uhr über Lautsprecher die heimliche Landeshymne I am from Austria erschallen lässt, führt dazu, dass ich lachen muss, sobald ich einen Polizisten sehe – die Imagekampagne funktioniert!

Jemand erzählt mir, beim fahrlässigen Ärztekongress in Tirol – das waren eher so schwindlige Sportmediziner.

Bald werden sie alle jungen, gesunden Männer einziehen zum Dienst am Supermarktregal.

Die wahrgeglaubten Gewissheiten – entlarvt in ihrer Prozesshaftigkeit. (Wachstumsschmerzen der Welt.) Die Dinge sind lohnenswert anstrengend.

Für die innere Einkehr hat sich mein Bruder zwei Theatertexte gekauft (beide im Original):

Shakespeare – Romeo and Juliet

Molière – Le Malade Imaginaire

Es geschehen also noch Zeichen und Wunder!

Arzt-Freund: Winter is here.

Ich: Pfuh ich wünschte, ich könnt was Hilfreiches sagen aber weiß nix außer blöde Sprüche.

Arzt-Freund: Ich freue mich auch über blöde Sprüche.

Ich: Passt.

Arzt-Freund: Um vielleicht ein etwas weniger düsteres Bild zu zeichnen: Es hat zu schneien begonnen. Wettervorhersage ungewiss.

Ich: Whistleblower-Arzt: Stoppt die Corona-Panik!

Neuerer Kommentar von acbpanda am Problembär-Kanal zu Filou: Ich steige in den Sound des Songs. Sehr geil! Es macht mir traurig, dass ich in Oklahoma lebe. Es wird mir unmöglich sein um sie ins Fleisch zu sehen!

Digitaler Erheiterungsbrief in Ärztekreisen:

INFO – 100% KEINE FAKE NEWS

Jeder in Österreich kann jetzt auf Corona

getestet werden, ohne auf den Komfort

seines zuhauses verzichten zu müssen.

Kein Krankenhausbesuch notwendig!!!

Senden Sie einfach eine Stuhlprobe an:

Freiheitliche Partei Österreichs

Friedrich-Schmidt-Platz 4/3a

1080-Wien

Das Schwarze Brett im Hauseingang entwickelt sich zur Drehscheibe der nachbarschaftlichen – wenn auch gesichtslosen – Kommunikation.

Originalbeitrag: Wenn Sie Hilfe brauchen, gerne jederzeit melden (Es folgen Name, Haustür und Telefonnummer.) Alles Gute

Daneben in anderer Handschrift ein knappes: Auch (Und dabei ein weiterer Name samt Tür und Nummer.)

Darunter: Auch gerne an (Telefonnummer) oder Briefkasten (Türnummer). Beste Grüße, Unterschrift.

Im rechten unteren Eck steht:

DANKE für euer Angebot, Unterschrift.

*

Ein weiterer Zettel: Hilfe für alte, kranke und immunschwache Menschen. (Name, Adresse, Telefonnummer.) Bin gesund, fit und habe ein großes Auto. Erstaunlich daran ist, dass derjenige zwar in derselben Straße, allerdings in einem anderen Haus wohnt, er sich also die Mühe macht, hausfremden Menschen seine Unterstützung anzubieten. Dieser Begriff von Nachbarschaft reicht viel weiter als bei den meisten anderen. Auch gefallen mir die Gegensatzpaare, die er insgeheim mit seiner Nachricht behauptet, nämlich:

Krank / gesund

Alt / fit

Immunschwach / großes Auto

*

Ich rufe ihn an und bedanke mich für seine Aufmerksamkeit. Er klingt müde, seine Stimme ist älter als er. Ich schätze ihn auf Mitte vierzig. Er sagt, sein Hilfsangebot sei doch selbstverständlich. Er sei jetzt ohnehin daheim, weil er nicht arbeiten gehe. Ich frage ihn, wo er denn beschäftigt sei. Wenn ich mir die Frage erlauben darf, füge ich respektvoll hinzu. (Wie neugierig und aufdringlich ich geworden bin, plötzlich ist alles so schrecklich interessant.) Im Qualitätsmanagement, sagt er. Ich habe keine Ahnung, was das sein soll, hake aber nicht nach. Die Firma sei vorerst heruntergefahren. Ich frage ihn, ob er denn auch oft genug die Wohnung verlasse. Ja, sagt er, immer wieder, er fahre sogar mit dem Auto (natürlich, dem großen!) hinaus ins Grüne, nach Niederösterreich, in ein nahegelegenes Waldgebiet, dort verbringe er gern Zeit, sagt er, weil wenig Leute sind. Er könne mich gern einspeichern, sage ich, obwohl ich nicht weiß, was er für einen Grund haben würde, mich anzurufen. Wir wünschen einander alles Gute und legen auf.

*

Ein dritter Zettel hängt am Schwarzen Brett, wieder hausintern:

»CICERO sagte: DENN KEINE PFLICHT IST UNAUSWEICHLICHER ALS DIE, DANK ABZUSTATTEN«

Ich danke EUCH FREIWILLIGEN!

Soll noch einer sagen, die heutige Jugend …

Alles Liebe, GESUND bleiben, Unterschrift

Gebildete Leute wohnen hier, denke ich, mit Cicero und allem Drum und Dran. (Gibt es das – beschwingt vor Beistrichsetzung?)

So geht es jetzt in jedem Haus in jeder Straße in jedem Bezirk in jeder Stadt in jedem Bundesland. Die Polizei hat schon recht: I am from Austria.

Sternchen sind die Strichpunkte der Absätze.

Der Stadt erzählen, wer sie ist.

Wie sich die Menschen dann wieder um den Hals fallen werden?

Wie sich die Menschen dann wieder um den Hals fallen werden.

Wie sich die Menschen dann wieder um den Hals fallen werden!

7 Montag, 23.03.2020

Abends heulen wir vor Erschöpfung, und morgens erzählen wir einander bei einem gemütlichen Videochat-Kaffee, wie gut es tut, endlich wieder mehr Zeit für sich selbst zu haben.

Wir befinden uns am Anfang einer kollektiven Traumatisierung. Aus mehreren Richtungen gleichzeitig prasseln die Dinge auf uns ein, an mehreren Fronten müssen wir uns auseinandersetzen mit belastenden Ungewissheiten einerseits und unliebsamen Gewissheiten andererseits. Dem vielgestaltigen Input standzuhalten, erfordert ein Durchhaltevermögen nicht zuletzt der Psyche und kann nur durch eine – ebenfalls kollektive – Kraftanstrengung gelingen. Dann – und nur dann – werden wir gestärkt daraus hervorgehen, wird sich im Nachhinein alles als Vorleistung zur heilsamen Reinigung, zur Rückbesinnung auf das Wesentliche herausstellen. (Wer betreibt den psychosozialen Dienst für die Gesellschaft? – Wir alle!)

Bei der Wahl zwischen der Virus und das Virus habe ich mich diplomatisch für beides entschieden.

Der Arzt-Freund leitet nützliche Verhaltensregeln weiter: Vom Genuss von rohem Fleisch oder Blut von Wildtieren wie Schlangen, Fledermäusen etc. wird dringend abgeraten.

In Ungarn treibt man mit großen Schritten die Orbanisierung Europas voran.

Olli Schulz in Late Night Berlin: Meinst du, nur weil du länger scheißen kannst, bist du länger am Leben und glücklich, wenn du Klopapier hast? Das is so ne doofe Logik, ganz ehrlich. Und so viele Leute kommen nich raus, weil sie ein Holzbein haben oder grade sowieso schon krank sind und so.

Dass man sich aber auch wirklich jedes Mal aufs Neue in Lisa Gadenstätter verschauen muss. (Falsch verheiratete Fernsehmoderatorin.)

Jetzt ist sogar der Letzte draufgekommen, dass man My Sharona zu My Corona verballhornen kann.

Die Welt, schreibt Wittgenstein, ist alles, was der Fall ist. Was ist der Fall?

Es gibt einen Virus, der sich rasant durch die Population unseres Planeten frisst – wohlgemerkt kein hollywoodgemäßer Horrorvirus, der weite Teile der Bevölkerung auslöscht, allerdings einer, den man auf keinen Fall unterschätzen darf. Abgesehen von den Erkrankten selbst geht es auch um den Rattenschwanz an Konsequenzen sozialer, ökonomischer und politischer Natur, den er unmittelbar und längerfristig nach sich zieht. (Statistiken erzählen eine Geschichte, Tabellen als neu entdeckte literarische Gattung.)

Der Virus ist – so zynisch muss man sein – gerecht. Denn vornehmlich sind es die Alten, Kranken und Geschwächten, die er sich holt. In seiner Fairness bleibt er radikal. Corona filtert sozusagen darwinistisch aus. (Was das Grauen keinesfalls mindert, es jedoch auf makabre Weise begreifbarer und erträglicher macht.)

Noch habe ich von keinem Fall gehört, wo ein Baby oder Kleinkind oder Jugendlicher verzweifelt um sein Leben kämpft. Und so wird es – aller wissenschaftlich begründeten Voraussicht nach – auch bleiben. (Die himmelschreiend ungerechte Ausnahme erwischt uns bald am falschen Fuß.) In den notdürftig zusammengeschobenen Pestlagern, den mit Lazarettbetten bestückten Mehrzweckhallen und zweckentfremdeten Sportstadien wird keine Säuglingsstation vorgesehen sein. Es sind nicht zuletzt die alten, weißen Männer, die Vorsicht walten lassen, ihre Alltagswege und -begegnungen einschränken sollten. (In China ging es vornehmlich männlichen Kettenrauchern an den Kragen.)

Da es sich nicht um einen herkömmlichen Altersschwäche- oder Krankheitstod handelt und man erforderliche Sicherheitsmaßnahmen nur bedingt garantieren kann, ist es den Angehörigen mancherorts verboten, sich von ihren Liebsten am Sterbebett zu verabschieden; nur so wird ausgeschlossen, dass sie andere oder sich selbst infizieren und den Erreger in weitere Gruppen einschleppen. Der Virus ist sozusagen das Hauptgeschäft der Krise, doch bei Weitem nicht ihr einziges. Wird der Druck aufs Gesundheitswesen zu groß, müssen bei Ärzteschaft und Pflegepersonal zu viele Helfer freigestellt werden (wegen Ansteckung oder auf Verdacht), knickt es ein, kollabiert sogar in Teilen, und kann so die Versorgung aller nicht mehr gewährleisten. Es wird dann auch mich betreffen, sobald ich in ein Auto laufe und meine Notoperation nicht rechtzeitig durchgeführt werden kann. Es wird dann auch ein Kind sein, das zu lange auf eine dringend erforderliche Maßnahme wartet.

Mein Kopf versteht das alles, doch es übersteigt meinen Geist.

Was also tun? Auf Abstand gehen, sich abschotten auf unbestimmte Zeit. Die Wirtschaft zum Erliegen bringen, Löcher in Budgets reißen, Arbeitslose generieren; die Menschen unter Hausarrest stellen, was für Alleinstehende zum unaushaltbaren Vereinzelungsprojekt werden kann, für Beziehungen und Familien zur Belastungsprobe ungewissen Ausgangs. Demokratische Grundrechte einschränken, zum eigenen Schutz und zum Wohl der Gemeinschaft. (Vorübergehend heißt: Wir werden darauf pochen, dass die Versammlungsfreiheit bis auf den letzten Millimeter in ihren Urzustand versetzt wird.) All das leuchtet mir ein, doch kann ich mir nur in den seltenen Momenten absoluter Klarheit einen Reim darauf machen. Je nach Müdigkeit erzähle ich mir auch von all dem Schönen, das es gibt.

Worüber man nicht schweigen kann, darüber muss man sprechen.

8 Dienstag, 24.03.2020

Sind wir uns doch ehrlich: Keiner kann es mehr hören.

Aber: Keiner will etwas anderes hören.

Ganz zufällig begegne ich meinem Bruder. Wir wohnen nicht weit voneinander entfernt und hängen zufällig beide um halb elf am Vormittag vor demselben Geschäft herum. Zufällig begrüßen wir uns und machen zufällig einen Spaziergang, der zufällig in dieselbe Richtung führt. Zufällig bleibt aber stets ein Sicherheitsabstand von zwei bis drei Metern zwischen uns. Wir achten zufällig sehr darauf. Zufällig haben wir beide keine allzu feuchte Aussprache. Wir gehen also zufällig eine Runde, die zufällig recht ausgiebig ist, zufällig so ungefähr eineinhalb Stunden lang.

Wir reden über dies und das, halten uns auf dem Laufenden. Wir besprechen die Möglichkeit einer Arbeitslosenmeldung und prognostizieren eine fiese Hascherei unter den Klein- und Mittelbetrieben, aber auch zwischen den Einzelunternehmern, die jetzt vom Staat finanziell unterstützt werden sollen aus einem eilends eingerichteten Katastrophenfonds. Unbürokratisch, denken wir, heißt schnell und weniger sorgfältig geprüft als sonst. (Andererseits wird es auch Beispiele großer Integrität und pragmatischer Selbstwahrnehmung geben.)

Wir dozieren, dass sehr viele ihren Verdienstentgang geltend machen werden, obwohl ausreichende Rücklagen vorhanden sind. Ein berühmter Musiker zum Beispiel, dessen Tournee abgesagt oder verschoben wurde, dem ist zwar etwas entgangen, er braucht aber keinen sanften Fall ins Auffangnetz. Er kann es sich leisten, dass sein Geldhaufen nicht wächst – oder weniger schnell als geplant. Wünschenswert und notwendig wird sein, dass wirklich nur diejenigen ihre Hand aufhalten, die auch tatsächlich dringenden Bedarf haben. Nicht alles, was einem zusteht, muss man auch einfordern. Ob die zuständigen Beamten der Komplexität ihrer Aufgabe gewachsen sind und aus dem Stand einen gerechten Verteilungsschlüssel etablieren? (Wo wenig ist, wollen alle viel.) Ein bisschen genieren wir uns wohl, wie gut es uns geht im Vergleich zu vielen anderen.

Mein Bruder zeigt mir stolz den kürzlich erstandenen Shakespeare, im feierlichen Orange eines originalsprachlichen Reclam-Büchleins. Zwei Preispickerl – das ursprüngliche sowie das aktuelle fürs Mängelexemplar – kleben noch am Cover. Die Sonne scheint, doch nur der halbe Gehsteig ist im Licht. Nach einer Zeit tauschen wir Seite, sodass wir beide etwas davon haben. Es tut gut, meinen Bruder zu sehen, von Angesicht zu Angesicht. Wie schön, dass es Zufälle gibt. Dann ist mir zufällig kalt, außerdem muss ich zufällig aufs Klo und zufällig etwas einkaufen. Zufällig geht mein Bruder auf der Sonnenseite nach Hause.

Der Arzt-Freund relativiert seinen wohlmeinenden Hinweis bezüglich Einschränkung unserer Ernährungsgewohnheiten: »Gekochtes« Fledermausfleisch ist gemäß diesem Wording aber völlig kosher!

Nachts in der Rotenturmstraße herrscht eine menschenleere Totenstille. Bloß ein Essensausfahrer lungert herum vor einer Konditorei, von deren Auslage er mit dem Handy etwas fotografiert. Wahrscheinlich wartet er auf den nächsten Auftrag.

Ich: Schon kalt, oder?

Er: Naja, es geht. Man hat halt eine warme Jacke.

Ich: Und, viel los? Mehr als sonst?

Er: Kommt darauf an. Vor manchen Lokalen ist eine wie heißt das?

Ich: Schlange.

Er: Ja, eine Schlange. (Er spricht korrektes Deutsch mit starkem Akzent.)

Ich: Alles Gute!

Er: Dir auch.

In der Innenstadt glitzert es aus den Geschäften. Alle Lichter sind voll aufgedreht. Es ist ja nicht so, dass plötzlich Krieg ausgebrochen und alles zerbombt wäre. Es herrscht Ordnung und Struktur. All das, was wir gerade nicht kaufen können, wird uns umso dringlicher vor die Nase gehalten. Die Stadt ist in ihrem Wohlstand erstarrt.

Eine mittelalte Frau bei einem nächtlichen Schaufensterbummel. Sie steht lange vor einem Bestattungsinstitut und sieht sich die Abbildungen der unterschiedlichen Sarg-Modelle an. Wahrscheinlich vergleicht sie die Preise. Es ist nie zu früh. Wien halt.

Fast möchte man hingehen und sagen: Gnädige Frau, da hams aber sicher noch ein bisserl Zeit! Aber wer kann das schon wissen?

Der Österreichische Rundfunk stellt das täglich ausgestrahlte Kulturjournal ein. Stattdessen werde es ein Online-Kulturforum als Medien-Kulturraum und Plattform geben – was immer sich hinter diesem Wortgebilde verbergen mag –, auf der sich Kulturschaffende dankenswerterweise von Radioredakteuren kuratiert, selbst einbringen können. Ob das so eine gute Idee ist, genau jetzt die professionelle Kulturberichterstattung auf Minimalbetrieb herunterzufahren? Kuratiert lässt sich in diesem Fall treffend übersetzen mit: Macht ihr jetzt einfach derweil unsere Arbeit, schickt uns Dinge fertig zu, wir wählen dann aus, was gefällt. Gutes Gelingen!

Eine Redakteurssprecherin rechtfertigt eloquent diesen Schritt – bei dem es sich in keinster Weise um eine Sparmaßnahme handle. Das Kulturjournal sei eine Live-Sendung, bei deren Gestaltung man im Funkhaus sein müsse – eine Person für Moderation und eine für Regie. (Als hätten Moderatoren keine Hände.) Etwa die Hälfte des kleinen Mitarbeiterstabs habe akute Kinderbetreuungspflichten und könne nicht von zu Hause weg. (Erstaunlich, so geht es derzeit ja niemandem.) Zum Wohle der Gesamtbevölkerung wolle man die Anzahl der Funkhausbesuche möglichst gering halten. (Löblich.) Telefoninterviews im Homeoffice seien nur in behelfsmäßiger Qualität herzustellen. (Mit Nachsicht der Hörer ist zu rechnen.) Viele Interviewpartner würden nicht skypen. (Können oder wollen nicht, frage ich mich, und formuliere im Kopf den verwegenen Ratschlag, das Durchschnittsalter der Befragten um ein paar Jahrzehnte zu senken.) Übrigens wäre es das Beste, wenn eine zivile Öffentlichkeit weiter das Bemühen unterstütze, den Österreichischen Rundfunk nicht schleichend kaputtzusparen. (Da fühle ich mich ertappt – was tue ich?) Alles valide Punkte, denke ich, und lese darin doch eine gewisse Trägheit der Institution, die man an diesem Beispiel sehr schön erkennt. Einzelpersonen sind selten das Problem, oft aber die Struktur, in der sie sich bewegen; und ich empfinde zur unbekannten Redakteurssprecherin eine stürmische Verwandtschaft. Anrufung des Radiogottes: Angenommen, nur einmal angenommen, ihr würdet improvisieren – wie alle es gerade tun.

Ich rette mich in beleidigten Spott. So sprechen satte Menschen mit üppigen Gehältern, welche verlässlich ausgezahlt werden, denke ich, und vermisse hier jene Unbedingtheit und Unermüdlichkeit, die ich bei anderen sehe; bei Kreativen, Geschäftsleuten, Beamten und nicht zuletzt bei meinungsfreudigen Medienmachern, die ihren Arbeitsstandort nach Hause verlagern, waghalsig mit Schnittprogrammen hantieren, daneben Kinder im schulpflichtigen Alter bespaßen, bekochen und besänftigen. (Unermüdlichkeit bis an die Grenzen des Stemmbaren ist doch wohl das Mindeste, das man von Journalisten und Protagonisten an Kulturinstitutionen jetzt erwarten können muss.) Es gibt Informations- und (nicht weniger wichtige) Zerstreuungslieferanten, die vollen Einsatz zeigen und in Eigenverantwortung gewisse Opfer bringen. An ihnen wird es liegen, zu tun, was getan werden muss.

Es sind Schleusen geöffnet, in jeder Hinsicht, dies verlangt ein konzentriertes Handeln in Echtzeit und nicht zeitversetztes Hinterherfabulieren (ein solches muss und wird es dann ebenfalls geben, in anderem Rahmen mit anderer Form). Jene Journalistenpflicht, mit wachem Ernst die Dinge einzuordnen, besteht auch darin, einen Wandel in der Kultur abzubilden und kritisch zu begleiten – während er geschieht. Manche tun es, und vor ihnen ziehe ich den Hut. Es sind die Unermüdlichen.

(Nachtrag: So schnell kann es gehen – gestern noch sich wortreich echauffiert, heute lenkt der Radiogott nach vehementem Protest ein und rudert versöhnlich zurück: Das Kulturjournal gehe in veränderter, etwas abgespeckter Form weiter. Oft hechelt man mit dem Ausformulieren seiner Meinung den Geschehnissen um ein paar Eilmeldungen hinterher. Vielleicht sollte man sich viel öfter berechtigt echauffieren.)

Als Trost bleibt immer noch ungesunde Ernährung.

Munter weiter mit der Gschaftlhuberei!

9 Mittwoch, 25.03.2020

Corona – in einem Jahr wird es kein Wort geben, das ich öfter gehört, gelesen, geschrieben und gesagt habe; die häufigsten Bei- und Bindewörter inbegriffen.

Zu einem krisenerschöpften Politiker: Bist deppert, der schaut auch schon fertig aus!

Beim Einschalten des Vorzimmerlichts explodiert eine Glühbirne.

Sie explodiert. Diese Aussage ist nicht übertrieben. Die am Durchgang zur Küche angebrachte Fassung zeigt waagrecht in den Raum.

Beim Betätigen des Schalters gibt es einen lauten Knall, und die Glühbirne wird im Zerspringen mehrere Meter weit herauskatapultiert, prallt schließlich gegen den Vorzimmerkasten. Der Boden ist voller Scherben. Es riecht verbrannt.

Die Sicherung ist gegangen, ich öffne den Sicherungskasten und lege den Schalter um. Die anderen zwei Glühbirnen innerhalb desselben Stromkreises sind intakt und leuchten unschuldig (unbehelligt) weiter. Kurz der Gedanke, dass mich die explodierte Glühbirne im Gesicht hätte treffen können. Ich wusste nicht, dass es so etwas gibt. Neue Wirklichkeit, in der Glühbirnen mit lautem Knall zerbersten. (Anzeichen für eine Überlastung des Stromnetzes?)

Ich mache mich daran, die Scherben aufzukehren – das Gröbste mit einem Stück Küchenrolle behelfsmäßig aufzuklauben –, und reiße das Küchenfenster auf, um den Brandgeruch hinauszulüften. In nächster Zeit werde ich Glühbirnen meiden – oder jedenfalls mit anderen Augen sehen. Die gefährliche Fassung bleibt vorerst leer. (Lieber seltener barfuß.)

Vielleicht war es nur meine Wohnung, die mich ermahnen wollte, endlich wieder staubzusaugen. Und sie hat ja recht – die Haushaltsführung habe ich in letzter Zeit stark vernachlässigt. Ich nehme den Staubsauger aus dem Kasten und ziehe die Splitter vom Teppich. Die wunderliche Glühbirnenexplosion ist das Ereignis des Tages. (Heimsuchung des Vorbesitzergeists?)

Die Fernsehmacher lernen Internet.

Guten Tag!

Hier spricht Prof. Christian Drosten mit dem täglichen Coronavirus-Update. Ich befinde mich derzeit auf Forschungsreise in Österreich, um gemeinsam mit meinen Kollegen vom Wiener AKH zu untersuchen, inwiefern die flächendeckende, von Polizeistreifen umgesetzte Beschallung mit dem Welthit I am from Austria zur Immunisierung der Bevölkerung beiträgt – bisher offene Ergebnislage.

Dennoch bitte ich Sie, uns von der Berliner Charité auch weiterhin bei diesem bahnbrechenden Experiment zu unterstützen. Wir erhoffen uns aufmerksame Selbstbeobachtung Ihrerseits sowie eine akkurate Beschreibung und kompakte Zusammenfassung derselben. Alles im Dienste der Wissenschaft, versteht sich. Herzlichen Dank für Ihre Mithilfe! Bleiben Sie keimfrei, bleiben Sie gesund. Ihr Prof. Christian Drosten

Termine ausmachen, um zu telefonieren.

Jetzt verstehe ich das patriotische Thank you for your service der Amerikaner, ihr zelebriertes Verbundenheitsgefühl mit den Streitkräften. Sag es zur Krankenschwester, sag es zum Arzt, sag es zum Regaleinschlichter, sag es zum Mistkübler, sag es zum Straßenbahnfahrer, sag es zur Reinigungskraft, sag es zur Richteramtsanwärterin, sag es zum Streifenpolizisten, sag es zum Pressesprecher, sag es zum Übersetzer, sag es zur Journalistin, sag es zur Apothekerin, sag es zum Lastwagenchauffeur, sag es zum Simulationsforscher, sag es zum Lehrer und sag es zum Experten, sag es zum Lagerarbeiter und sag es zur Erntehelferin, sag es zur Frau und sag es zum Mann, sag es gern und sag es oft und sag es laut: Thank you for your service.

Die Superreichen ziehen sich klammheimlich auf ihre Privatinseln zurück – soll noch einer sagen, es war ein peinlicher Affektkauf.

Spätnachmittags ließ sich der sonst eher risikoscheue Hilfsbuchhalter und Gelegenheitsdetektiv Lukas M. nahe Wien Mitte zu einem waghalsigen Überholmanöver hinreißen, bei dem der staatlich verordnete Sicherheitsabstand zum gegnerischen Fußgänger nur haarscharf nicht unterschritten wurde. Und nun zum Wetter.

Donald G. McNeil Jr., Wissenschafts- und Gesundheitsreporter der New York Times, im Daily-Podcast auf die Frage, weshalb die Amerikaner im Kampf gegen die Ausbreitung des Virus denn vermehrt auf einen Lockdown oder Shutdown setzen würden und nicht das südkoreanische Modell zur Eindämmung wählten, das darin besteht, so viele Menschen wie möglich zu testen und Kontaktketten zu identifizieren: Well, we could do that here if we had a time machine and we could travel back in time to about January 20th. Because January 15th is where we know one of the first cases arrived in the United States and started spreading.

(If we had a time machine – ein Satz, den man gerade eher nicht so gern hört.)

Die Welt ist ins Burnout geschlittert und verbringt jetzt ein paar Jahre im Sanatorium Zur fröhlichen Entschleunigung.

Wir legen Listen an, was wir später nachholen werden, danach, wenn das alles vorbei ist. Wo und was wir essen gehen wollen, mit wem wir uns treffen, wen wir berühren wollen. Wir erweitern diese Listen stetig – mal zurückhaltender, mal übereifrig – und empfinden eine Vorfreude ins Ungewisse.

Klickt man auf der Seite des Österreichischen Rundfunks auf den Link für Reisehinweise des Außenministeriums nach Ländern geordnet, so erscheint folgende Fehlermeldung:

404 Seite nicht gefunden

Leider gibt es die von Ihnen aufgerufene Seite nicht.

Die Internetseiten des Bundesministeriums für europäische und internationale Angelegenheiten werden überarbeitet. Gegebenenfalls sind die Verweise von Suchmaschinen noch nicht aktualisiert. Möglicherweise wurde die Datei, nach der Sie suchen, umbenannt oder verschoben. Es könnte auch sein, dass ein externer Link Sie auf eine nicht mehr aktuelle Seite führt.

Mein Anwalt-Freund im Homeoffice arbeitet derweil an einem Gutachten über Flugasche. Ich denke sofort an eine etwas verunglückte Meerbestattung, die zur unwürdigen Windbestattung wird, zur unfreiwilligen Kostprobe, wie bei The Big Lebowski – Flugasche eben!

Doch es geht um etwas anderes, nämlich um den Rückstand von Verbrennungen in Wärmekraftwerken. Das Hauptaugenmerk des kompetenten Gutachters liegt dabei auf der Nicht-Abfall-Bescheinigung. (Kandidat fürs Wort der Woche.) Jeder beschäftigt sich eben gerade mit etwas anderem.

Sehr zugute kommt meinem Anwalt-Freund in den seltsamen Zeiten, dass er leidenschaftlich und hervorragend kocht; Nutznießer dieser schon beinah ins Professionelle schielenden Kochkunst dürfen sich glücklich schätzen. Beim virtuellen Feierabendbier haben wir diesmal nicht den Arzt-Freund dabei, sondern einen norddeutschen Technomusiker, der schläfrig seine Vaterfreuden teilt.

Die Unerbittlichkeit der Begriffe:

Ansteckungsgefahr

Antikörper

Atemschutzmaske

Atemwegserkrankung

Ausfallgarantie

Ausgangsbeschränkung

Daheimbleib-Blues

Desinfektionsmittel

Durchseuchung

Einweghandschuhe

Epizentrum

Expertenkommission

Gesundheitscheck

Grenzübergang

Handyüberwachung

Heimflugplattform

Heimquarantäne

Helikoptergeld

Herdenimmunität

Homeoffice

Hustetikette

Impfstoffhoffnung

Infektionskette

Inkubationszeit

Konjunkturpaket

Kontaktsperre

Kontamination

Krisensitzung

Kurvenabflachung

Kurzarbeit

Letalitätsrate

Medikamententest

Mortalitätsrate

Nachbarschaftstelefon

Neuinfektion

Personenfreizügigkeit

Pflegefrage

Pneumonie

Reisewarnung

Risikogruppe

Rückholaktion

Sauerstoffsättigung

Selbstisolation

Standortdaten

Steuerstundung

Supermarktprämie

Tröpfcheninfektion

Überbrückungskredit

Versammlungsgesetz

Videokonferenz

Vorerkrankung

(Unvollständige Aufzählung)

Eines Tages werde ich nichts verstanden haben.

10 Donnerstag, 26.03.2020

Ob sich eine gewisse Biermarke bald umbenennen wird?

Man kann sich eigentlich nur gewissenhaft wundern.

Eine Bekannte sagt: Ich entdecke das Quarantier in mir. (Dabei trägt sie einen kompliziert gemusterten Bademantel aus den Neunzigerjahren.) Außerdem sei ihr Handy schon ganz verappt von der Vielzahl an Programmen zur reibungslosen Abwicklung der Kommunikation in alle Richtungen.

Schnelligkeitsverschreiber einer deutschen Regisseurin: Daheimbleib-Kusntprohejet.

Anhaltende Heiserkeit. Trifft man sich – selten, aber doch – von Angesicht zu Angesicht, hält man stets den gebotenen Abstand ein, muss also die Stimme erheben; manchmal geht man schräg versetzt, und der Wind schnappt einem frech ein paar Satzfetzen weg.

Bei Videochats neigt man ebenfalls zu sehr lautem Sprechen, weil man die Empfindlichkeit des eingebauten Mikrophons unterschätzt; brüllt den Laptop an wie einen Schwerhörigen (wie jene Altersheimbewohner, die man derzeit zu ihrem Schutz nicht besuchen darf). Außerdem muss – und will! – man ständig mit irgendwem normal telefonieren, von so vielen will man hören, wie es so geht und was sich so tut, dass man kaum mehr hinterherkommt und höchstens abends einmal eine halbe Stunde Ruhe findet, einen müden Schöpfer Zeit, den man zum Ausgleich mit sich selbst verbringt, eine abgezwackte, hart erkaufte halbe Stunde, in der man sich einen Brocken Hühnerfleisch in die Pfanne haut und den übertakteten Kopf durchlüften darf. (Unterbrochen nur vom mütterlichen Vorwurf: Vorgestern haben wir uns dreißig Sekunden gehört. Und es stimmt. Entspannte Aussöhnung beim nächsten Morgenkaffee.)

Für Videochats – gerade in Gruppen – braucht es eine gewisse Gesprächsdisziplin. Einer muss den anderen streng ausreden lassen. Wer ins Wort fällt, stört den Segen der Begegnung.

(Hustetikette, Gesprächsdisziplin – was sind wir nur für normierte Gesellen! Wie schön wird es sein, einander dann wieder vorlaut ins Gesicht zu rotzen so wie früher.)

Das Leben ist in den virtuellen Raum abgewandert. Kehrt es jemals zurück?

Eigentlich wollte ich doch nur in Ruhe den Pile of Shame auf Steam abarbeiten – abspielen. Nämlich:

Aviary Attorney

Burley Men at Sea

A Case of Distrust

Crossing Souls

Dead Synchronicity: Tomorrow Comes Today

DeadCore

Deus Ex: Mankind Divided (Digital Deluxe Edition)

Dust: An Elysian Tail (sic)

Kathy Rain

Kentucky Route Zero (Act V)

Mad Father

Missing Translation

Shardlight

(Und was ist mit GOG.com und Epic Games Store? Gusch!)

Stille Feiung – Immunantwort des Körpers bei asymptomatischem oder stummem Verlauf; sprich: man ist infiziert, ohne es zu bemerken, und man entwickelt ganz im Geheimen eine Immunität. (Ein diskreter Vorgang, in dem auch ich mich derzeit befinden könnte, nachdem ich so fleißig den Handlauf der Rolltreppen abgeschleckt habe.)

Zurückschlagen heißt: Aus China kommt jetzt eine Großlieferung Masken. Nimm das, du depperter Virus! (Heute scheint sie im feinfühligen Schöngeist wieder durch – die derbe Ader.)

Gedanken haben keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

Mein Bruder weist mich amüsiert darauf hin, dass am Ende von E-Mails manchmal der Hinweis steht: Garantiert virenfrei. (Machen wir das ab jetzt auch handschriftlich auf Briefen?)

Der Tag ist schön; man sieht es ihm nicht an.

Wie befremdlich es sein wird, jemanden dann wieder in echt zu sehen.

Und trotzdem die Selbstverpflichtung: Wir werden das Beste daraus gemacht haben.

Bequem dich in die Hoffnung.

Der Regierungschef lässt sich von einem Assistenten noch rasch ein Hustenzuckerl aus dem Papier schälen und unauffällig zustecken. Eine Minute vor der Live-Schaltung lutscht er panisch daran herum. Denn er weiß: Jetzt husten – und es purzeln die Kurse. (Vielleicht war es aber gerade die hektische Übergabe des Zuckerls, die in wenigen Tagen zum positiven Testergebnis führt.)

Das laszive Räkelbild des eindeutigen Fake-Profils. (Werauchimmer Soundso hat dir eine Freundschaftsanfrage gesendet.)

Der Paketzusteller lächelt eilig zurück.

Draußen ein Hupkonzert – ist dafür denn überhaupt noch genug Verkehr?

Ein Kulturkoch empfiehlt mir nach meiner gestrigen Glühbirnenexplosion, auf LED-Lampen umzusteigen – garantiert explosionsfrei. Den globalen Finanzjongleuren empfiehlt er ein vorübergehendes Aussetzen des Aktienhandels, um die Märkte abzukühlen und nicht parallel zum Lösen der Probleme gleich wieder neue in Gang zu setzen. Dazwischen nippt er am irischen Whiskey – der nicht gut schmecken muss, um gut zu sein.

(Das Glitzern am Vorzimmerteppich entpuppt sich als hartnäckiger Glühbirnensplitter.)

Ich bin jetzt der verschrobene Einzelgänger, der auf der Straße alle begrüßt und ein Gespräch anfängt – und keiner findet es sonderlich schrullig. Meine Neugier auf die Perspektive der anderen ist grenzenlos, ich frage sie aus mit aller gebotenen Unverschämtheit:

Wie geht es, wie vergehen die Tage, wie ist das Arbeitsleben organisiert, wie gelingt die Kinderbetreuung, wie beengt sind die Wohnverhältnisse, wie beurteilt man das Weltgeschehen, welche Serie ist gerade gut, welche Spiele zockt der Nachwuchs, wie fähig sind aus der Ferne die Lehrer, wie machen sich die Politiker, wie schnell kommt das vielversprechende Medikament auf den Markt, wie bald dürfen wir mit einer Aufhebung oder wenigstens Lockerung der Beschränkungen rechnen, wie sehr sollten wir autoritätshörige Asiaten sein, was kann man der Lage abgewinnen, wie begeistert ist man vom Zusammenrücken der Mitmenschen und der überbordenden Kreativität der Geschäftsleute, haben sich auch aus der eigenen Familie welche freiwillig gemeldet, um wen sorgt man sich, wann werden die Grenzen geöffnet, wie sieht die Welt in ein, zwei, fünfzehn Jahren aus, und ist man denn überhaupt schon dazu gekommen, die Fenster zu putzen und am Kamin ein gutes Buch zu lesen?

Diese Fragen schuften sich bei uns allen mähdrescherartig durch den Kopf, doch ich traue mich begegnungsweise jeweils nur ein paar davon zu stellen.

(Zur Abklärung des Mähdrescherbilds – zwischen Vorstellung und Wirklichkeit klafft gern eine Lücke – konsultiere ich das Drohnenvideo einer epochalen Getreideernte, bei der ein halbes Dutzend kraftstrotzender Maschinen ans Werk geht. Es ist mit smoothem Dubstep-Teppich unterlegt, auf dem das überlegene Dröhnen meiner ins Herz geschlossenen Neuzeitmammuts wunderbar zur Geltung kommt. Bei nächster Gelegenheit möchte ich zur Weltleitmesse in Hannover jetten, um diese Wunderwerke der Technik in all ihrer majestätischen Pracht ergriffen zu betatschen. Es war Liebe auf den ersten Klick.)

Lektorin Merle ist der robusteste Mensch Tirols. (Verständlich, dass ich nach der überbordenden Mähdrescherpassage an die berechtigte Streichfreude dieser Berufsgruppe denken muss.)

Lektorin Merle hält arbeitsam die Stellung. Eine Nachbarin mit Hund habe beobachtet, wie die Polizei in ihrer Gegend jeden auf dem Gehsteig kontrolliere – wo man wohne und was man hier mache und wohin man wolle und warum. (Polizeistaat ist nicht nur ein Wort.)

Also nein, sagt Merle, kein Ausflug mit den Kindern. Aber sie würden jetzt mit dem Müll runtergehen (darf man) und zweimal um den Block rennen (darf man auch). Vielleicht nehme sie erstmal nur den Kompost mit und laufe für Papier und Plastik noch zweimal rauf – ihr fehle echt die Bewegung.

(Mein aufgekratzter Schaffensdrang weicht einer beunruhigten Nachdenklichkeit. Weitere Beispiele für Willkür sind dokumentiert. Angst machen sollten uns jene Polizisten, denen das alles gerade irgendwie taugt. Es gibt sie, und wir werden sie zur Rechenschaft ziehen.)

Die Vernunft der Politiker hat sich über die Mündigkeit der Menschen hinweggesetzt.

Wie seltsam einverstanden ich mit allem bin.

Weiter Pläne schmieden – nur eben mit offenem Zeithorizont.

11 Freitag, 27.03.2020

Beim nächsten sogenannten Zukunftsforscher, der im Ton herablassender Selbstaufgeilung die banalsten Offensichtlichkeiten absondert, schmeiß ich mich durch den Bildschirm und spring ihm an die Gurgel. (Der deutsche Obertrottel schickt jetzt auch seinen Klon-Sohn auf den Medienstrich; fürs österreichische Fernsehen ist sich der Schmied natürlich wieder zu blöd und setzt den Schmiedl hin.) Ich tausche alles, was die zwei Trendgurus im Laufe ihres ertragreichen Arbeitslebens noch von sich geben werden, gegen einen einzigen Satz meines Postlers – da lerne ich mehr.

Ich ekle mich vor Geld, vor den Münzen mehr als vor den Scheinen. Dieser Geldekel, denke ich, muss in gewisser Weise auch ein Selbstekel sein, denn wir sind es, die es ständig mit uns herumtragen und einander in die ungewaschenen Hände legen. Das auf dem Geld, vor dem ich mich ekle, das bin eigentlich ich und das sind die anderen mit ihrer übertragbaren Verschwitztheit. Geldekel ist Menschenekel.