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»Was die Artefakte dort unten auch immer darstellen mögen, es handelt sich bei ihnen n i c h t um Gärten und um antike Bauwerke! Dies sind menschliche Begriffe, die wir auch deshalb nehmen, weil uns keine anderen zur Verfügung stehen. Eine gewisse Ähnlichkeit ist vorhanden, zweifellos, doch wir können nicht wissen, was das alles für sie zu bedeuten hat. Darum sollten wir uns hüten, aus unseren Hilfsbegriffen die vertrauten Schlußfolgerungen zu ziehen!« (Hubert Katzmarz, Im Garten der Ewigkeit) Science-Fiction und Fantastik stehen im Mittelpunkt der Geschichten von Hubert Katzmarz, der auch unter dem Pseudonym Bertram Kuzzath veröffentlichte. Die Erzählungen des 2003 verstorbenen Schriftstellers sind unheimlich, manchmal grausam oder kurios und spiegeln dessen fast surreale Welt wider, die den Leser schnell gefangen nimmt. 1987 gründete Katzmarz einen Verlag, in dem er Kriminalromane, Science-Fiction und Literatur aus dem Bereich der Fantastik veröffentlichte, u. a. in der Zeitschrift daedalos. »daedalos – der vhk Story Reader für Phantastik« etablierte sich rasch als angesehenes Magazin für die zeitgenössische fantastische Geschichte, hat heute Kultcharakter und ist 2022 mit der Nr. 13 und den Herausgebern Michael Siefener, Ellen Norten und Andreas Fieberg wieder aufgelebt. Hubert Katzmarz setzte als Schriftsteller und Kleinverleger, weit über seinen Tod hinaus, Zeichen und Maßstäbe. Als Autor ließ er sich schwer zuordnen, da seine Werke eine große Bandbreite zeigen. Als Verleger und Herausgeber widmete er sich schwerpunktmäßig der Fantastik und der Science-Fiction, letztere hatte ihn bereits als Kind und Jugendlichen stark fasziniert. Beim Schreiben, wie beim Veröffentlichen ging es ihm immer um die Sache. Gute Literatur sollte aus seiner Sicht unsterblich gemacht werden und nicht zuletzt damit auch den Autor vor dem Vergessen bewahren. Diese Werkausgabe, die zu seinem 70. Geburtstag erscheint, soll diesem Anliegen dienen.
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Seitenzahl: 525
Veröffentlichungsjahr: 2022
Außer der Reihe 75
IM GARTEN DER EWIGKEIT
Das Werk des Hubert Katzmarz: Texte und Fragmente
herausgegeben von Ellen Norten
Außer der Reihe 75
Die Texte in diesem Buch werden in der alten Rechtschreibung aus der Zeit vor 1996 veröffentlicht. Es wäre der Wunsch des Autors gewesen.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
© dieser Ausgabe: 3. November 2022
p.machinery Michael Haitel
Titelbild: Thomas Hofmann
Layout & Umschlaggestaltung: global:epropaganda
Lektorat & Korrektorat: Michael Haitel
Herstellung: global:epropaganda
Verlag: p.machinery Michael Haitel
Norderweg 31, 25887 Winnert
www.pmachinery.de
ISBN der Printausgabe: 978 3 95765 308 6
ISBN dieses E-Books: 978 3 95765 797 8
Hubert Katzmarz setzte als Schriftsteller und Kleinverleger weit über seinen Tod hinaus Zeichen und Maßstäbe. Dabei richtete er an seine Autoren die gleichen hohen Ansprüche wie an sich selbst. Als Schriftsteller ließ er sich schwer zuordnen, da seine Werke eine große Bandbreite zeigen.
Als Verleger und Herausgeber widmete er sich schwerpunktmäßig der Phantastik und der Science-Fiction, letztere hatte ihn bereits als Kind und Jugendlichen stark fasziniert.
Neben seinen eigenen phantastischen Erzählungen schuf er mit daedalos. Story-Reader für Phantastik ein richtungsweisendes Periodikum. Zusammen mit Michael Siefener, später auch mit Andreas Fieberg, brachte er bis 2002 dreizehn Ausgaben (inklusive einer Nullnummer) heraus. Zwanzig Jahre danach folgt nun daedalos Nr. 13, fortgesetzt von seinen beiden Mitstreitern und mir, seiner Ehefrau, die Konzept und Ideen hinter daedalos genauestens kannte. Und es werden weitere Ausgaben folgen, denn das Interesse an daedalos ist groß.
Hubert Katzmarz’ Vermächtnis lebt noch in einem weiteren Projekt weiter. »Willkommen in Bleiwenheim«, die Geschichte, an der er noch an seinem Todestag im Oktober 2003 arbeitete, ist heute Ausgangspunkt für eine gleichnamige Anthologie. Weggefährten, aber auch neue Phantasten, die Hubert nicht mehr persönlich kannten, haben dem Ort Bleiwenheim nachgespürt und ihn als Schauplatz für ihre Storys gewählt. Da die Anthologie gleichzeitig mit diesem Buch im selben Verlag ins Programm kommt, habe ich darauf verzichtet, dieses wichtige Fragment in den vorliegenden Band aufzunehmen. Und noch ein weiteres Werk hat einen eigenen Platz gefunden. Die Novelle »Ein Meisterwerk der Weltliteratur. Die Geschichte einer Geschichte« flankiert das gleichnamige Romanfragment, das – herausgegeben von Andreas Fieberg – ebenfalls in diesem Jahr in der p.machinery erscheint. Hier reihen sich also drei Bände aneinander, die in engem thematischem Zusammenhang stehen, aber auch einzeln gelesen werden können.
Was zeichnet nun diesen Werkband gegenüber dem zweibändigen Gesamtwerk aus, das 2012 von mir zusammengestellt wurde? Als ich zu Huberts 60. Geburtstag seine Manuskripte auswertete, stieß ich dabei auf einige sehr frühe Werke und eine Reihe von Fragmenten. Die Fragmente liefern, jedes in seiner Art, ihren eigenen Reiz, und so habe ich einige von ihnen in die damalige Gesamtausgabe aufgenommen. Andere beließ ich »in der Schublade«, denn mir schien, dass der Anteil der Fragmente in den beiden Bänden nicht zu raumgreifend sein sollte. So blieben zwei Manuskripte bis heute unveröffentlicht, »Im Garten der Ewigkeit« und »Hinter verschlossenen Türen«. Andere Texte waren von Hubert Katzmarz nicht oder nicht mehr für eine Veröffentlichung geplant. Das gilt für seine Gedichte, die in einer sehr frühen Schaffensperiode um 1970 entstanden und in Originalmanuskripten, zum Teil handschriftlich, aufbewahrt blieben. Die Gedichte, wie auch einige sehr frühe Werke, habe ich nicht in den vorliegenden Band übernommen. Mir war es wichtig, ein Buch zu schaffen, dass den hohen Anspruch und das künstlerische Schaffen von Hubert Katzmarz widerspiegelt. Einige seiner Texte schrieb er unter dem Pseudonym Bertram Kuzzath, ein weiteres Anagramm seines Namens ist Zamburt Zarthek, den er für sein Romanfragment verwendete.
Ich habe die Texte verschiedenen Themenfeldern zugeordnet. Da sind die reine Science-Fiction und die Phantastik, denen seine Leidenschaft gehörte. Dann Texte, die ich seinem Sarkasmus zugeschrieben habe. Hier spiegelt sich eine gewisse Absurdität und Frustration, aber auch sein Umgang mit den Alltäglichkeiten des (Verleger-) Seins wider, die er in Ironie und Polemik verpackte. Zielscheibe waren für ihn der Literaturbetrieb und dessen selbsternannte Kritiker, was sich u. a. in den humorösen Stücken »Radio«, »Diptychon« und nicht zuletzt in »Das größte anzunehmende Arschloch« Luft macht. Die Reflexionen sind seiner frühen Schaffensperiode zuzuordnen und wurden zum großen Teil bereits zu seinen Lebzeiten veröffentlicht. Zu den gesellschaftskritischen Texten, die einen starken politischen Bezug haben, gehört »Der Steckbrief«, der in den Siebzigerjahren unter dem Eindruck des RAF-Terrorismus geschrieben wurde und heute als Zeitdokument anzusehen ist. Einen klaren Zeitbezug hat auch »Eine kleine menschliche Geste«, die 1992 während der Diskussion um das Erlanger Baby entstand – eine Geschichte, die den Gedanken der toten Kindsmutter als Gebärmaschine ausreizt, dabei aber bis heute nichts an Aktualität verloren hat. Komplett verweigert hat sich Hubert Katzmarz der Rechtschreibreform von 1996. Ausdrücklich hat er verfügt, dass schon aus diesem Grund in seinen Werken nichts, auch kein Punkt oder Komma geändert werden dürfe. Daran habe ich mich stets gehalten.
Literatur und das Schreiben schlechthin war die Triebfeder in seinem Leben. So entstand seine erste Geschichte bereits im Alter von fünf Jahren, nachdem er bei seiner Schwester das Schreiben abgeguckt hatte. Zwar hat er diese Parabel später überarbeitet, doch zeigt »Die Geschichte vom fliegenden Fisch« schon in ihrer Erstfassung eine tieftraurige Note. Diese Düsternis war u. a. durch seine chronische Erkrankung bedingt.
Hubert Katzmarz litt seit seinem vierten Lebensjahr an Epilepsie. Grund war eine zu spät behandelte gefährliche Mittelohrentzündung. Die daraus resultierende Krankheit wurde von den Eltern dem Kind gegenüber verschwiegen. Die Diagnose erhielt Hubert Katzmarz erst 40 Jahre später im Krankenhaus, als der Epilepsieherd zu einer lebensbedrohenden Gehirnblutung führte. Mit »Im Wahnsinn« setzt Hubert Katzmarz 1973 einen schweren epileptischen Anfall literarisch um, ohne sich dessen bewusst zu sein. Doch auch wenn die Krankheit ihm schwer zu schaffen machte, seine Konzentration immer wieder blockierte, so eröffnete sie ihm auch spezielle Blickwinkel, die vom Alltag stark abweichen. Diese besondere Kreativität, hervorgerufen durch eine schwere Krankheit, ist auch von anderen Künstlern bekannt. Prominentes Beispiel ist der Maler Vincent van Gogh, der wohl an einer vergleichbaren Symptomatik litt. Seine Bilder der schwarzen Krähen auf den sommerlichen Kornfeldern bei Arles, die er wenige Tage vor seinem Tod malte, erzählen ein ähnliches Grauen, wie Hubert Katzmarz dies mit Worten in verschiedenen seiner Geschichten ausdrückt.
Beim Schreiben, wie beim Veröffentlichen ging es ihm immer um die Sache. Gute Literatur sollte aus seiner Sicht unsterblich gemacht werden und nicht zuletzt damit auch den Autor vor dem Vergessen bewahren – die Projekte, die zu seinem 70. Geburtstag erscheinen, sollen diesem Anliegen dienen.
Ellen Norten
im Sommer 2022
Ellen Norten
Der Disput zwischen dem Raumschiffkommandanten der Circe Isabella Bernstein (Hubert Katzmarz hat hier, obwohl es sich um eine Frau handelt, auf die männliche Formulierung Wert gelegt) und dem Bordpsychologen Prof. Richard Klug enthüllt in seiner Präzision und der brillanten Wortwahl derer beider Charaktere, in all ihrer Vielschichtigkeit. Aus der fast den gesamten Text umspannenden Auseinandersetzung wird der Plot der Geschichte, die ernsthafte Problematik, vor der nicht nur die beiden, sondern die gesamte Besatzung der Circe stehen, deutlich. Was oder wer befindet sich auf dem Planeten, für den Bernstein keine Landeerlaubnis erteilen will? Ein Planet eines Sonnensystems in ca. 8.000 Lichtjahren Entfernung zur Erde mit einer Durchschnittstemperatur von 23 Gard Celsius und einem Typ Sonne, der unserer Sonne entspricht, präsentiert paradiesische Zustände. Doch gerade die wundervolle Ebenmäßigkeit und Perfektion der Planetenoberfläche ist ohne Bewohner unbegreiflich.
Viele Denkmöglichkeiten sind für den Garten der Ewigkeit denkbar. Hubert Katzmarz hat uns die Lösung seines Szenarios nicht geliefert, doch stellt sich die Frage, ob er dies mit zunehmender Arbeit am Text noch wollte und ob wir überhaupt von einem Fragment sprechen müssen. Natürlich, Hubert Katzmarz hat den Text eindeutig als Roman konzipiert, das geht aus diversen Hinweisen hervor. So gibt es eine handschriftliche Verlaufsskizze, in der Nebenfiguren aus dem vorliegenden Manuskript mehr Handlungsspielraum zugestanden wird. Hier werden ausgedehnte Forschungsfahrten und eine Katastrophe angedeutet, außerdem ein Mausoleum sowie das Referat eines Kommunikationstheoretikers, das auf seinen Lehrer Prof. Gerold Ungeheuer hinweist.
Begonnen hatte Hubert Katzmarz das Werk um 1975, zu einer Zeit, in der er wichtige Begegnungen mit verschiedenen Sprachtheoretikern hatte, so auch mit Umberto Eco. Die letzte und vorliegende Version vom Garten der Ewigkeit stammt von der Jahreswende 1982/1983. Diesem Text ist die Widmung vorangestellt: »Dem Andenken meines Lehrers Prof. Gerold Ungeheuer (1930–1982)«. Der Kommunikationsforscher Gerold Ungeheuer hatte mit seinem besonderen Blickwinkel und seinen Theorien über das Funktionieren von Sprache bei seinem Studenten Hubert Katzmarz einen enormen Eindruck hinterlassen. Gängige Interpretationen wurden von dem Forscher in Frage gestellt, und diese Herangehensweise drückt sich auch in der vorliegenden Fragestellung aus. Desgleichen gilt für das Höhlengleichnis von Plato, das diesem Manuskript ebenfalls vorangesetzt ist (siehe S. 18).
Von entscheidender Bedeutung ist für mich folgende Passage, die er (zunächst) Kapitel 5 zuordnen wollte.
Was die Artefakte dort unten auch immer darstellen mögen, es handelt sich bei ihnen nicht um Gärten und um antike Bauwerke! Dies sind menschliche Begriffe, die wir auch deshalb nehmen, weil uns keine anderen zur Verfügung stehen. Eine gewisse Ähnlichkeit ist vorhanden, zweifellos, doch wir können nicht wissen, was das alles für sie zu bedeuten hat. Darum sollten wir uns hüten, aus unseren Hilfsbegriffen die vertrauten Schlußfolgerungen zu ziehen!
Dies halte ich für die Schlüsselaussage, die das Dilemma der Expedition der Circe zusammenfasst. Die Interpretation der Dinge, die es auf dem Planeten zu sehen gibt, übersteigt den Horizont der handelnden Personen und ist demzufolge auch für uns als Leser nicht gegeben. An dem Text dürfen sich Generationen von Schülern die Zähne ausbeißen, so hätte Hubert Katzmarz es vermutlich formuliert, und wir, die wir den Text nun vor uns haben, dürfen dies ebenfalls tun. Eine endgültige, abschließende Antwort auf die Phänomene gibt es nicht. Und diese Perspektive darf viel weiter gefasst werden, im Grunde können wir die Frage der Interpretation für alle Phänomene stellen, die uns umgeben. Wir sind es, die ihnen eine bestimmte Bedeutung zuerkennen. Dies verleiht dem Garten der Ewigkeit eine zusätzliche Bedeutungsebene, die den Boden der Science-Fiction verlässt.
Eine Textpassage, die der Autor lediglich unter römisch Eins abgespeichert hat, birgt für mich das Potenzial für eine abschließende Bemerkung und damit für ein abstraktes Textende.
Schweigendes Dunkel: der Blick verliert sich in gewaltiger Nacht, treibt ziellos durch den erhabenen Schlund und stürzt hinab. Erschrecktes Wimpernzucken; die Hand fährt über hellwache Augen, als wollte sie den finsteren Schleier beiseiteschieben. So kommt der Blick frei, stemmt sich nun kraftvoll gegen den mächtigen Strudel, drängt endlich einer Lichtoase zu und trifft auf kalt starrende Feuerpünktchen, die als gemächliche Prozession dem Schlund entsteigen und ihren gleißenden Staub in die Schwärze des Himmels ergießen. Berauscht von millionenfacher Pracht muß man die Augen wegwenden; sie finden neuen Halt an der bauchigen Kante zwischen Lichterglanz und tiefem Schatten, tasten sich längs des großen Bogens über die Himmelskugel, hin und her, kommen am Ende doch zur Ruhe, voll von Staunen und Verzauberung. – Plötzlich explodiert die blendende Lohe des Sonnenaufgangs über die Schattenkante und entflammt sie zu einer schmalen Sichel weißen Feuers, das die dunkle Himmelskugel in zwei Hälften schneidet.
Hubert Katzmarz
Roman
Dem Andenken meines Lehrers
Prof. Gerold Ungeheuer
(1930–1982)
»Stelle dir Menschen vor in einer unterirdischen Wohnstätte mit lang nach aufwärts gestrecktem Eingang, entsprechend der Ausdehnung der Höhle; von Kind auf sind sie in dieser Höhle festgebannt mit Fesseln an Schenkeln und Hals; sie bleiben also immer an der nämlichen Stelle und sehen nur geradeaus vor sich hin, durch die Fesseln gehindert, ihren Kopf herumzubewegen; … Wenn sie nun miteinander reden könnten, glaubst du nicht, daß sie der Meinung wären, die Benennungen, die sie dabei verwenden, kämen den Dingen zu, die sie unmittelbar vor sich sehen? … wenn einer von ihnen entfesselt und genötigt würde, plötzlich aufzustehen, den Hals umzuwenden, sich in Bewegung zu setzen und nach dem lichte emporzublicken, und alles dies nur unter Schmerzen verrichten könnte, und geblendet von dem Glanze nicht imstande wäre, jene Dinge zu erkennen, deren Schatten er vorher sah, was, glaubst du wohl, würde er sagen, wenn man ihm versichert, er hätte damals lauter Nichtigkeiten gesehen, jetzt aber, dem Seienden nähergerückt und auf Dinge hingewandt, denen ein stärkeres Sein zukäme, sehe er richtiger? Und wenn man zudem noch ihn auf jedes vorübergetragene Menschenwerke hinwiese und ihn nötigte, auf die vorgelegte Frage zu antworten, was es sei, meinst du da nicht, er werde weder aus noch ein wissen und glauben, das vordem Geschaute sei wirklicher als das, was man ihm jetzt zeige? … Und wenn man ihn zwänge, seinen Blick auf das Licht selbst zu richten, so würden ihm doch seine Augen schmerzen, und er würde sich abwenden und wieder jenen Dingen zustreben, deren Anblick ihm geläufig ist, und diese würde er doch für tatsächlich gewisser halten als die, die man ihm vorzeigte? Wenn man ihn nun aber von da gewaltsam durch den holprigen und steilen Aufgang aufwärts schleppte und nicht eher ruhte, als bis man ihn an das Licht der Sonne gebracht hätte, würde er diese Gewaltsamkeit nicht schmerzlich empfinden und sich dagegen sträuben, und wenn er an das Licht käme, würde er dann nicht, völlig geblendet von dem Glanze, von alledem, was ihm jetzt als das Wahre angegeben wird, nichts, aber auch gar nichts zu erkennen vermögen?«
(aus: PLATON, Das Höhlengleichnis)
Der Kommandant war eine in vieler Hinsicht außergewöhnliche Frau. Man kann zwar nicht sagen, daß die Leute mit ihr bedenkenlos durch Dick und Dünn gingen; dafür provozierten ihre oftmals recht eigenwilligen Entscheidungen zu sehr Empfindlichkeiten und Widerspruch. Doch im Nachhinein stellte sich ihre resolute Weitsicht stets als wohlüberlegt und schlüssig heraus. Wehe dem also, der es gewagt haben sollte, an seines Kommandanten weisem Ratschluß vorlaut Zweifel kundzutun! Der riskierte allemal, später erneut als begossener Pudel dazustehen, nachdem er während einer dieser obligaten Diskussionen bereits Isabella Bernsteins gewitzten Spott zu spüren bekommen hatte. Nun war der Kommandant weder rechthaberisch noch despotisch; solche profanen Attribute zielen schlicht am Charakter der Bernstein vorbei. Ihre liberale Einstellung und Aufgeschlossenheit beeindruckte selbst hartgesottene Skeptiker und Dogmatiker. Aber was konnte die Bernstein dafür, daß sie ihren Mitmenschen meist zwei oder auch drei Gedankenschritte voraus war, und die Entwicklung der Dinge ihr dann Recht gab? – Kritische Zeitgenossen, das heißt: hauptsächlich Damen und Herren, die auf einer interstellaren Weltraumfahrt die Gelegenheit zum näheren Kennenlernen ihres Kommandanten ausgiebig nutzten, ziehen es allerdings vor, den erwähnten Effekt der gewinnenden Art Isabella Bernsteins gutzuschreiben. Liebenswürdigkeit läßt aufkommenden Ärger schnell vergessen, und auch die Situation, in der er entstand; zum Beispiel: wer was bei welcher Gelegenheit wie gesagt hatte. Man hielt sich indes mit der öffentlichen Bekundung jener Erkenntnis tunlichst in Deckung, zumindest solange der Kommandant in Reichweite war, denn hinter der Liebenswürdigkeit lauerte Jähzorn, der sich des öfteren unversehens Bahn brach, um gegen die Dummheit im allgemeinen und gegen die Dummheit des erstbesten Nörglers im besonderen loszuschlagen. Trotzdem sollte man der Bernstein keinesfalls Ignoranz vorwerfen. Für intelligente Ratschläge hatte sie immer ein offenes Ohr, auch wenn sie sich das nicht anmerken ließ und den Erfolg, so er sich einstellte, gleichermaßen schamlos wie charmant dem eigenen Konto zuschusterte. Doch wer will schon kleinlich sein und mit der Erbsenzählerei beginnen, zumal da die Menschen nach einer überstandenen Krise erleichterte Dankbarkeit pflegen und sich wie Küken um die Glucke, sprich hier: den Kommandanten scharen? Da nun gerade während einer Expedition in die Tiefen des Alls jede Menge Krisen zu meistern sind, stehen potentielle Besserwisser natürlich von vornherein weit im Abseits, und wer das nicht begriffen hat, muß eben auf drastische Art und Weise seine Lektion lernen! – Kurzum: Isabella Bernstein wußte eine derartige Forschungsreise ausgezeichnet zu leiten; sie hatte ihre Leute voll im Griff, ließ ihnen, wann immer möglich, die lange Leine oder tat zumindest so, und gab ihnen doch das beruhigende Gefühl, eben an dieser Leine zu liegen. Alle auf der CIRCE liebten ihren Kommandanten mehr oder weniger voll inbrünstigen Hasses.
Professor Richard Klug gehörte weder zu den Begriffsstutzigen noch zu den Besserwissern an Bord der CIRCE; das brachte allein schon sein Beruf und seine Stellung als Psychologe mit sich. Die üblichen Hakeleien und Intrigen und Denunziationen mied er wie der Teufel das Weihwasser, denn nur so konnte Klug eine Art noble Distanz wahren, die ihm Autorität von allen Seiten bescherte. Jetzt aber war er ganz und gar nicht einverstanden mit den Entscheidungen – oder besser gesagt: mit der Entschlußlosigkeit seines Kommandanten, und das aus maßgeblichen Erwägungen, die sein Fach angingen. Ernste Sorgen um das Schicksal der Expedition bereiteten dem Professor für Raumpsychologie schon seit einiger Zeit Kopfzerbrechen und veranlaßten ihn nunmehr, die Bernstein persönlich aufzusuchen, was angesichts der vielfältigen Kommunikationseinrichtungen des Schiffs ein durchaus absonderliches Benehmen darstellen mochte. Je mehr sich Klug also seinem Ziel näherte, desto länger schien die kurze Wallfahrt über den Hauptkorridor zum Allerheiligsten der CIRCE zu werden, wobei sich Klug an den Gang nach Canossa erinnert fühlte, nur daß es hier nichts zu beichten und zu bereuen gab.
»Treten Sie ein, Professor! Ich habe Sie bereits erwartet. Treten Sie ungeniert ein!« plärrte der kleine Lautsprecherkasten des Intercom über der Tür. Direkt daneben befand sich ein Videoauge, durch das die Bernstein des Psychologen Gebaren wahrscheinlich schon eine ganze Weile inspiziert hatte. Klug erstarrte gegen seinen Willen in der langsam schlurfenden Vorwärtsbewegung. Als sich die Tür sogleich geräuschlos öffnete, zuckte er schreckhaft zusammen. Doch dann straffte er seinen gedrungenen Körper, um das Allerheiligste demonstrativ entschlossenen Schritts zu betreten. Schließlich hatte er ein äußerst wichtiges Anliegen vorzubringen! Das Überraschungsmoment war zwar dahin, umso mehr galt es jetzt, das Beste aus der so nicht erwarteten Situation zu machen.
Commander Isabella Bernstein hockte unscheinbar und verloren hinter dem riesigen Schreibtisch, der die kleine Frau wie ein Schutzwall gegen den forsch heranstürmenden Besucher abschirmte und wohl eigens zu diesem oder einem ähnlichen Zweck quer in der Kabine aufgestellt worden war. Während die Bernstein den Psychologen wachsam musterte, hantierten ihre Finger mit einem Kugelschreiber herum. Der Kommandant lächelte aufreizend.
»Was verschafft mir die Ehre, Professor? – Sie sind ein seltener Gast in diesen Hallen.« Die nervösen Finger ließen den Kugelschreiber los und schoben ihn unwillig beiseite. Ohne ihre angespannte Haltung zu verändern, lächelte die Bernstein noch immer. Klug machte einen Schritt vor dem Schreibtisch halt, wußte nicht, ob die Pose des Kommandanten als taktisches Verwirrspiel oder als Ausdruck großer Bedrängnis zu werten sei. Man war sich bei der alten Hexe nämlich nie sicher! Wie dünnhäutig, leutselig, ratlos oder souverän diese Frau auch wirken mochte: manch einer hatte sich davon schon täuschen lassen und sich unter dem plötzlichen Feuerwerk ihrer intelligenten Scharfzüngigkeit wegducken müssen. Klug jedenfalls gedachte nicht, ins eventuell verborgene aber offene Messer zu laufen, um demzufolge unverrichteter Dinge und mit ein paar Blessuren mehr an seiner empfindlichen Seele wieder abzuziehen. Für das, was sich die Bernstein in letzter Zeit leistete, sollte sie gefälligst geradestehen! Der Psychologe trug allemal eine besondere Verantwortung gegenüber der Mannschaft, insbesondere dann, wenn der Kommandant sich langsam aber sicher aus dem Kreis der zivilisierten Menschen verabschiedete! So zwang Klug die in viele Richtungen losgaloppierenden Gedanken zurück auf das ihn ängstigende Thema und ließ deshalb jene Strategien an seinem geistigen Auge Revue passieren, die er während der letzten Stunde im Hinblick auf den unvermeidlichen Disput so mühevoll ausgeklügelt hatte. Indes zeigte sich keines der schlau ersonnenen Manöver imstande, seinem Urheber die angestrebte günstige Ausgangsbasis zu verschaffen: Mit der überraschenden Initiative konnte die Bernstein ihre bessere Position wahren und den Herausforderer fürs erste auf Distanz halten. Schweißperlen bildeten sich an den haarlosen Stellen seines Schädels und begannen lästig zu jucken. Den Impuls, sich entblößend zu kratzen, unterdrückte Klug allerdings schnell. Er öffnete den Mund, schloß ihn wieder, und indem er mit einer vagen Geste zur Tür deutete, drängte sich ihm die spontane Frage über die Lippen: »Warum haben Sie den Intercom auf Dauerbereitschaft gestellt?« Dabei ärgerte er sich selbst wegen des provokativ und beleidigt klingenden Tonfalls seiner Stimme. Um den Lapsus wieder wett zu machen, fügte er möglichst beiläufig hinzu: »Das ist doch nur bei Alarm üblich. Sie verletzen hiermit das legitime Bedürfnis der Leute nach einer gewissen Intimität!« Aber so war es auch nicht besser.
Isabella Bernstein schien das wenig zu stören, denn sie lehnte sich offenbar entspannter in ihrem Sessel zurück. »Nun«, erwiderte sie gedehnt, »ab und zu muß ich mir Klarheit darüber verschaffen, was auf dem Schiff gespielt wird. Und da der Intercom zweiseitig arbeitet, kann ja jeder prüfen, der eine Schweinerei plant, ob ich mich eingeschaltet habe oder nicht.« Die Bernstein grinste jetzt noch breiter.
»Big mother is watching you!« entfuhr es Klug.
»Wie bitte?«
»Ach nichts«, wehrte Klug ab. »Ich frage mich nur, ob Sie es gern hätten, ständig mit Lauschern an der Wand rechnen zu müssen.«
»Die technischen Möglichkeiten des Schiffs sind nun einmal so gegeben, und das mit voller Absicht. Im übrigen profitieren davon alle Besatzungsmitglieder in gleicher Weise: Jeder kann jeden bespitzeln, wenn er will. Da Sie selbst diese Konzeption theoretisch ausgearbeitet haben, sollten Sie sich auch mit deren praktischen Folgen abfinden! Schließlich war es Ihre Idee, daß eine Schiffsgesellschaft der reinste Tratschklüngel zu sein hat. – Aber es steht Ihnen natürlich frei, Ihre Theorien anhand der praktischen Erfahrungen, die Sie hier sammeln, zu revidieren. Technisch sehe ich keine Probleme, das Schiff wieder umzurüsten.«
»Darum geht es doch gar nicht!« empörte sich Klug. »Sie nutzen schamlos die Tatsache aus, daß Sie sich beliebig einschalten können, wohingegen man zu Ihnen nur durchdringt, wenn Sie es gestatten.«
»Das ist ein Privileg des Kommandanten.« Die Mundwinkel der Bernstein zogen sich spöttisch nach unten. »Professor Klug, glauben Sie wirklich, daß ich nichts anderes zu tun habe, als dreihundert Leuten ständig auf die Finger zu schauen?«
»Wenn man Sie hier so sitzen sieht und reden hört, drängt sich einem diese Vermutung allerdings auf.«
Isabella Bernsteins Gesicht wurde ernst. Sie beugte ihren Oberkörper nach vorn und stützte sich mit angewinkelten Armen auf der Schreibtischplatte ab. »Ihr Besuch war zu erwarten, Professor Klug«, sagte die Bernstein dann. »Sehen Sie: früher oder später mußten Sie kommen. Ein jeder auf dem Schiff meint zu wissen, daß irgendetwas – äh – Außerordentliches im Gange ist. Sie als Psychologe sind solchen Ereignissen gegenüber natürlich besonders hellhörig.« Sie räusperte sich, bevor sie weiterredete: »Ich mag es nicht, wenn jemand unangemeldet bei mir hereinplatzt. Die primitivsten Formen der Höflichkeit geraten während einer Sternenreise mehr und mehr in Vergessenheit, wie Sie mit Ihrem Sachverstand sicherlich auch schon bemerkt haben. Und da kann der Intercom eben sehr nützlich sein, sozusagen meine Intimsphäre wahren helfen, was mir ja wohl ebenso zusteht wie den anderen Besatzungsmitgliedern.« Sie endete, obschon ihre Mimik den Eindruck erweckte, als würde sie gleich fortfahren.
Klug nahm die altmodische Nickelbrille ab und polierte sie mit einem blütenweißen Taschentuch sehr sorgfältig. Dabei wurde ihm erneut bewußt, wie pedantisch er doch das selbstgewählte Image eines Gelehrten im Stil des Neunzehnten Jahrhunderts pflegte. Er scheute sich nicht, ja wünschte sogar, daß seine Bewunderung für und seine innere Verbundenheit mit dem Geist jener Zeit zum Ausdruck käme, als die Wissenschaft anfing, sich in schwindelnde Höhen emporzuheben, und den Boden bereitete, auf dem etwa zweihundert Jahre später die interstellare Raumfahrt üppig gedeihen sollte. Nun, die Bernstein ließe sich wohl kaum mit solchem Pathos einwickeln, aber hinter der von vielen Zeitgenossen als schrullig empfundenen Gestik war hier und jetzt das Durcheinander in Klugs Kopf trefflich zu tarnen. Die Bilanz der ersten Runde zeigte ja auch ein miserables Ergebnis für den Herausforderer. Da hatte er sich so gut vorbereitet und war doch gleich zu Beginn wegen einer unerwarteten Kleinigkeit vollkommen aus dem Konzept geraten. – Die Probleme des Intercom … Wen brachte denn dieser Mist schon auf die Palme? Höchstens die zwei oder drei verklemmten Liebespärchen, die es auch bei interstellaren Fahrten immer wieder gibt, weil Verklemmtheit für das Gelingen einer derartigen Expedition ohne Belang ist und in den Eignungstests dementsprechend nicht überprüft wird. Er aber, ausgerechnet er: Richard Klug, Professor und Nestor der Raumpsychologie, hatte beim ersten tiefgründenden Zwist bezüglich seines Ressorts prompt auf dem glatten diplomatischen Parkett das Gleichgewicht verloren und diskutierte infolgedessen dieses lächerliche Thema mit seinem sich gnädig gebenden Kommandanten bereits seit einer geschlagenen Viertelstunde! Ebensogut hätte man das schöne Wetter draußen im All erörtern können; man kannte ja die Vorliebe der Bernstein für absurdes Theater, dem sie insbesondere dann mit großem Entzücken frönte, wenn einer ihrer vermeintlichen Widersacher die Hauptrolle spielte. – Und gerade deshalb stimmte da irgendetwas ganz gewiß nicht! In der Regel amüsierte sich die Bernstein nämlich auf eine laute und ordinäre Art und fand kaum ein Ende damit. Hier aber brachte sie bestenfalls ein gequältes Lächeln zustande, wobei sie ihre gefürchtete schroffe Ablehnung möglichen Kontrahenten gegenüber ohne Nachdruck praktizierte und sogar eine Kehrtwendung von 180° machte, als sie unaufgefordert mit einigen hingeworfenen Sätzen genau das antippte, dessentwillen Klug überhaupt gekommen war. Er fühlte sich verwirrt, zutiefst verwirrt. Behutsam würde er der Spur nachgehen müssen. Deshalb improvisierte er jetzt einen neuen Anfang, formulierte vorsichtig, gab seiner Stimme jene nüchterne aber eindringliche Klangfarbe, die den guten Psychotherapeuten ausmacht: »Commander! Sie sind redseliger als sonst. Dies läßt vermuten, daß Sie ebensosehr wie ich die Klärung gewisser … nun, gewisser Sachverhalte wünschen. Sie hätten zu mir kommen sollen! Ich stehe jedem Besatzungsmitglied zur Verfügung, – auch Ihnen, Commander.«
Die Bernstein schwieg eine Weile. Sie nahm den Kugelschreiber wieder in die Hände und drehte ihn zwischen ihren Fingern hin und her. »Ich nehme an, Sie haben irgendwelche Schwierigkeiten, Professor Klug«, sagte sie schließlich auf eine Art und Weise, wie geduldige Mütter mit ihren Kindern sprechen. »Ich hoffe, ich kann Ihnen behilflich sein.«
»Oh nein, Isabella!« Klug riß sich zusammen und blieb die Liebenswürdigkeit in Person. Er hatte die vertrauliche Anrede als Zeichen für seine Bereitschaft gewählt, die Probleme des Geprächspartners ernst zu nehmen. »Nicht ich bin in Schwierigkeiten. Vielmehr möchte ich Ihnen meine Hilfe anbieten.« Nun war Klug es, der gönnerhaft-freundlich lächelte. Mit Genugtuung beobachtete er, wie die rührigen Hände des Kommandanten abrupt innehielten.
»Was soll das heißen: Sie bieten mir Ihre Hilfe an?«
»Commander! Machen Sie sich doch nichts vor! Das Wasser steht Ihnen bis zum Hals. So schlimm dies für uns alle ist, so gibt mir Ihre Gleichgültigkeit demgegenüber viel mehr Anlaß zur Sorge. Sie müssen einfach zur Kenntnis nehmen, daß der Tanz jeden Augenblick losgehen kann!«
»Entschuldigen Sie bitte! Aber ich verstehe nicht, was Sie meinen.« Die Bernstein kam schwerfällig aus ihrem Sessel hoch, ging um den Schreibtisch herum und baute ihre schmächtige Gestalt vor dem erheblich größeren Mann auf. Mein Gott, dachte Klug, sie wirkt ja noch winziger als sonst! Und wie gebückt sie sich bewegt! »Professor Klug«, unterbrach die Bernstein seine Überlegungen, »wenn ich Ihre Hilfe brauchen sollte, dann bitte ich darum. Ich kann es aber nicht ertragen, daß sich andauernd jemand mit geschwätzigen Vorwänden in meine Angelegenheiten einmischt. Haben Sie mich verstanden, Professor Klug?« Die Stimme der kleinen Frau fuhr schneidend durch den Raum.
»Commander Bernstein, schreien Sie nicht so ‘rum!« sagte Klug ruhig. »Und stellen Sie vor allen Dingen den Intercom ab! Einige Leute könnten sich sonst köstlich über Ihren Auftritt amüsieren. Falls Sie es noch nicht mitgekriegt haben: Man wartet nur darauf, Sie endlich in delikater Pose zu erwischen.«
»Wofür halten Sie mich eigentlich?« zischelte die Bernstein. Doch Klug war voller teuflischer Freude der suchende Blick des Kommandanten nach dem Kontrollbord des Intercom nicht entgangen.
»Isabella, Sie sind unsicher. Das verraten mir Ihre Gesten, Ihre Bewegungen, ja in letzter Zeit auch einige Ihrer Befehle. Sie sind unkonzentriert und machen Fehler. Auch die Crew merkt das. Bisher hat man Sie lediglich zur Witzfigur gekürt, aber sie wissen selbst, wie schnell sowas in Ernst umschlagen kann. – Wollen Sie mir nicht endlich sagen, was Sie seit Wochen bedrückt?« Klug legte seine ganze theoretische Erfahrung über Therapiegespräche in diese Worte. Als die Bernstein sich abwendete ohne zu antworten, fügte er eindringlich hinzu: »Ich sorge mich sehr um das Schiff!«
Die Bernstein drehte sich wieder um und fixierte Klug mit ihren grauen Augen. Leise erwiderte sie: »So, so. Eine Witzfigur bin ich. Und Sie sorgen sich um das Schiff. Was glauben Sie eigentlich sei meine ureigenste Sorge, wenn nicht das Schiff?« Dann wurde ihre Stimme lauter und energischer: »Offen gestanden, Sie sprechen in Rätseln!«
»Lassen wir doch wenigstens für einen Moment das Katz-und-Maus-Spiel beiseite!« fuhr Klug auf. »Kommen wir zum Kern der Sache!«
»Und der wäre?«
»Nennen Sie mir den Grund für Ihr Zögern, Commander! – Oder geben Sie unverzüglich den Befehl zur Landung! Die Leute wollen ‘raus.«
Beide schwiegen. Sie musterten sich gegenseitig herausfordernd. Schließlich lächelte Isabella Bernstein erneut, ging langsam zu ihrem Sessel und ließ sich vorsichtig darin nieder. »Und hierfür brauchen Sie eine so lange Vorrede?« sagte sie dann. »Ich neige fast zu der Ansicht, daß Sie Hemmungen haben, Ihren Spruch loszuwerden. Das ist nicht gut, Professor Klug, ganz und gar nicht. Sie als Psychologe sollten sich in Ihrem Verhalten nicht von Hemmungen leiten lassen, das zumindest nicht offen zur Schau tragen! Sie geben damit der Moral der Mannschaft ein schlechtes Beispiel. Man achtet nämlich auf das, was Sie tun. Man beobachtet gerade den Psychologen sehr aufmerksam. Der Psychologe ist eine Art Übervater für die Leute, ein Magier und Tröster in allen Lebenslagen, – mehr, viel mehr als der Kommandant. Am Kommandanten kühlt man sein Mütchen, beim Psychologen weint man sich aus. Deshalb ist es für Sie besonders wichtig, Professor Klug, nicht zur Witzfigur zu avancieren. – Ich hatte bisher wirklich angenommen, daß diese elementaren Thesen der Raumpsychologie für Sie Handlungsmaximen darstellen. Aber das war offenbar ein Irrtum. – Nein, lassen Sie mich ausreden: Als Wissenschaftler, als Vertreter der reinen Lehre ist Ihnen die Praxis natürlich fremd. Seit Beginn unserer Reise frage ich mich schon, warum gerade Sie uns als Psychologe zugewiesen worden sind, – Ich weiß, ich weiß …«, und die Bernstein hob in einer beschwichtigenden Geste die Hände, »… Sie gehören zur Elite, zum führenden Kreis der Raumpsychologen, ja, Sie sind die Inkarnation der Raumpsychologie schlechthin, und es war nun fällig, daß auch Sie, der Sie so viele seelische Barrieren gegen die interstellare Raumfahrt beiseite geräumt haben, endlich auch einmal auf große Fahrt gehen durften. Die Zentrale trifft neuerdings ihre Entscheidungen leider auch unter solchen Gesichtspunkten. Sie berücksichtigt vor lauter Ehrfurcht den großen Namen gegenüber nicht mehr die Tatsache, daß es etwas anderes ist, mit Leib und Seele in die Tiefen des Alls vorzustoßen, als im stillen Kämmerlein zu diesem Thema gelehrige Abhandlungen niederzuschreiben. – Bevor Sie jetzt theoretisch fundierte Einwände erheben: Ich habe sehr wohl Ihre beiden Grundlagenwerke ›Ätiologie der Raumangst‹ und ›Psychische Struktur und Kosmos‹ gelesen. Sehr brillante Gedankengänge, Professor Klug. Meine Hochachtung für Sie – als Wissenschaftler! – Sie sehen: ich bin in Ihrem Fach nicht so unbewandert, wie Sie vielleicht angenommen haben. Auch ein Kommandant muß etwas von Psychologie verstehen, wenn er ein Schiff erfolgreich führen will. – Im Raum braucht man Praktiker, keine Menschen, deren Erfüllung im Ausarbeiten von Theorien besteht. Man braucht hier Leute, die in der Lage sind, unbekannte und schwierigste Situationen zu meistern, ohne Hilfe von Zuhaus, ganz allein auf sich und ihre Findigkeit gestellt. Rückversicherungen gibt’s im Raum nicht. Leute also, die bei der erstbesten Abweichung von theoretischen Voraussagen Ohrensausen und bei der Witterung von Gefahr Knieschlottern bekommen, sind auf einem Forschungsschiff entschieden fehl am Platze. Trotz allem Respekt vor Ihren Verdiensten, Professor Klug: Sie gehören nicht in den Raum! Sie sind der typische Schreibtischgelehrte, der den Pionieren das grundlegende Wissen mit auf den Weg gibt, dem es jedoch während der Expedition an notwendiger Courage und Umsicht mangelt. Dieses Urteil haben Sie mir durch Ihren konfusen Auftritt von vorhin noch einmal deutlich bestätigt. Zu meinen Pflichten als Kommandant zählt auch, die Leute entsprechend ihren Fähigkeiten und Schwächen sinnvoll einzusetzen. Aussuchen kann ich mir die Crew dummerweise nicht. – Darum will ich Sie in den Führungsgremien nicht dabeihaben, selbst wenn Sie glauben, wegen Ihrer Position ein Anrecht hierauf zu besitzen. Mein Verantwortungsgefühl läßt es nicht zu, die Mission durch den unbeholfenen Eifer von Leuten wie Sie zu gefährden. – Geben Sie sich damit zufrieden, daß ich triftige Gründe habe, noch nicht zu landen!«
Klug blickte zur Seite. Er wischte sich mit einer fahrigen Handbewegung den Schweiß von der Stirn. Obwohl des Psychologen Sachverstand die unprovozierte Härte von Isabella Bernsteins verdächtig nüchtern vorgebrachtem Rundumschlag mit Erstaunen und der Frage nach einem Motiv registrierte, lehnte sich sein Inneres stöhnend gegen derartige gezielte Beleidigungen auf und forderte Genugtuung mittelst einer Retourkutsche. Er wollte schon etwas erwidern, von wegen der Arroganz der Macht und des neurotischen Drucks, dem sich ein Mensch in führender Position vor allem während einer Krise ausgesetzt sieht, wollte etwas bemerken zum Hochmut der Einsamkeit und zum Realitätsverlust in dessen Folge, aber die Bernstein war bereits fortgefahren, wobei ihre Hände wieder mit dem Kugelschreiber spielten: »Nehmen Sie es nicht so tragisch, Professor Klug!« Ihre Stimme klang fast warm. »Wir alle stoßen irgendwann einmal an die Grenzen unserer Fähigkeiten. – Ich neide Ihnen Ihren Nobelpreis nicht, neiden Sie uns nicht die Führung des Sternenschiffs! – Forschen Sie, beobachten Sie, erweitern Sie den Horizont der Raumpsychologie! Sie finden hier jede Menge Studienmaterial vor, um das Ihre Fachkollegen Sie beneiden werden. Aber halten Sie sich um Gottes Willen aus den Entscheidungen der Schiffsführung heraus!«
Ehrgeiz und Neid, Einsatz bis an die Grenzen der physischen Kraft für die gemeinsame Sache der bemannten Raumfahrt, – und dennoch Abseitsstehen, ›Heraushalten‹: das waren die Pole, zwischen denen sein Leben hin und her gerissen wurde, so gestand Klug sich bitter ein. – Natürlich kannte die Bernstein ihn von früheren Gelegenheiten der Zusammenarbeit, und natürlich hatte sie vor Antritt der Reise wie üblich die Akten der wichtigeren Besatzungsmitglieder genau studiert, also auch seine, dieses verfluchte Dokument von Niederlagen, aber daß der Kommandant beim erstbesten Konflikt so zielstrebig die Verwundbarkeiten aus den Daten entnahm und gegen den Kontrahenten kehrte, erschreckte ihn zutiefst, einerseits, weil sich hierin eine Aggressivität offenbarte, die schon an Panik grenzte, andererseits, weil die Bernstein ihn an seiner schwächsten Stelle getroffen hatte. Dabei besitzt doch jeder Mensch seine Schwächen, und oftmals ist es gerade die Auseinandersetzung mit diesen Schwächen, die zu überragenden Leistungen anstachelt. Das Scheitern eines Lebensplans kann sowohl die Zerstörung der Persönlichkeit zur Folge haben, als auch in die Höhen des Genies führen! – Oder beides, meldete sich der zynische Quälgeist in Klugs Kopf zu Wort.
Mit etwa zehn Jahren begann Klug wie jeder richtige Junge von einer Karriere als Raumfahrer zu träumen. Damals entwickelten gerade Winston und Dae Kwang den »überlichtschnellen Antrieb«, wie er im Volksmund hieß. Hierbei handelte es sich weniger um ein Antriebsgerät für Raumschiffe im üblichen Sinne, als vielmehr um die geschickte Ausnutzung der physikalischen Struktur des Universums. Das genaue Prinzip blieb für Klug und die meisten seiner Zeitgenossen allerdings ein Buch mit sieben Siegeln. Ähnlich vielen technischen Erfindungen zuvor war auch der überlichtschnelle Antrieb das Zufallsprodukt experimentierender Physiker, die irgendwelche mathematischen Theorien bezüglich der Dimensionalität des Kosmos und der Schwerkraft prüfen wollten. Klug war nicht der einzige, der seine Zweifel hatte, ob wirklich jemand von der Arbeitsweise eine konkrete Vorstellung besaß, die über das abstrakte Niveau mathematischer Formeln hinausging. Ja, manchmal kam Klug sogar der Gedanke, daß selbst die Astrophysiker und Ingenieure hinter dem imposanten Formelapparat lediglich ihr eigenes Unwissen verbargen. Wie dem auch sei: die Sache schien zu funktionieren, und die ersten Sternenschiffe nahmen auf dem Reißbrett Gestalt an, entzündeten die Phantasie beinahe der gesamten Menschheit. Exotische Welten, Abenteuer, Ruhm, Kameradschaft und die Freiheit des Weltraums lockten, ließen mit einem Male die Probleme und Konflikte der Erde nichtig erscheinen; es war, als läge die Galaxis den Menschen zu Füßen und warte nur darauf, im Sturm genommen zu werden. Unter allen Umständen wollte Klug dabei sein, wenn der Homo sapiens erste zaghafte Schritte aus seinem Laufstall über die Schwelle des heimatlichen Sonnensystems hinaus tat. Klug wurde mitgerissen von der begeisterten Aufbruchstimmung, zudem aber fühlte er eine Art göttliche Bestimmung, seinem Vater und seinem Großvater in ihren Verdiensten um die bemannte Raumfahrt nachzueifern, die an der Erforschung der äußeren Planeten bzw. an der ersten Landung auf dem Mars teilgenommen hatten. Direkt nach dem Abitur meldete sich Klug zur Raumakademie an und absolvierte zahlreiche Eignungstests mit dem niederschmetternden Ergebnis, daß er wegen psychischer und sozialer Labilität für die Astronautik ungeeignet sei. Eine Welt brach zusammen. Die Ablehnung selbst löste natürlich Schmerz und Verzweiflung aus, aber die unbewegte, arrogante Art des Testleiters, der ihm kalt lächelnd die Tür zum Paradies vor der Nase zugeschlagen und ihn damit für ewige Zeiten als Paria abgestempelt hatte, setzte sich wie eine schwärende Wunde in seinem Hirn fest.
Äußerste Wut auf Psychologie und Psychologen bestimmten von nun an das Leben des gedemütigten jungen Mannes. Aus anfänglichem Trotz entwickelte sich mehr und mehr eine rebellische Leidenschaft, die Schmach zu tilgen, die sich so unfehlbar gebärdenden Experten der Akademie mit ihren eigenen Waffen zu schlagen und Lügen zu strafen, sie öffentlich wegen ihres Versagens bloßzustellen. Und diese Leidenschaft lenkte ein wohl nur krankhaft zu nennendes Interesse auf das Fach, dem Klug seine nachhaltigste Lebensniederlage zu verdanken hatte: Er studierte Psychologie, betrieb sie mit derart sturem Eifer, daß er schnell der Beste seines Jahrgangs wurde. Während sich die Kameraden dem unbeschwerten Studentenleben genußvoll hingaben, hockte Klug verbittert hinter seinen Büchern oder irrte rastlos in diversen Forschungseinrichtungen herum, und je mehr er über die Seele lernte, desto mehr bestätigte ihm sein Verstand die weise Voraussicht des Ablehnungsbescheids. Aber dadurch wuchs sein Elend nur, zu wissen, daß er minderwertig war, daß er niemals dem verschworenen Stand der Raumfahrer würde angehören dürfen. Die Verachtung, die Klug für seine selbstzufriedenen Zunftgenossen empfand, brachte mehr Feindschaften als Trost ein. Klug wurde in seinem Herzen ein einsamer Mensch. Und doch war es die Psychologie, die sein Leben wieder in die Nähe des Geschehens um die Raumfahrt rückte.
Als die ersten Sternenschiffe von ihrer Reise heimkehrten, löste große Ernüchterung den Enthusiasmus ab. Die Schiffe hatten zwar bewiesen, daß die physikalische Struktur des Kosmos durchschaut und für menschliche Zwecke genutzt werden konnte, aber die unendliche leere des Alls fiel wie ein gieriges Raubtier über die Gemüter der wagemutigen Pioniere her und machte aus vielen der einstmals strahlenden Helden, die ausgezogen waren, das Universum zu erobern, verschreckt lallende Idioten. Die Durchführung des interstellaren Raumfahrtprogramms wurde zunächst bis auf weiteres gestoppt.
Infolge des Fehlschlags richtete die renommierte Luna-Universität einen neuen Lehrstuhl für Raumpsychologie ein, und Professor Klug erhielt wie selbstverständlich den Ruf, denn mit dem konkurrenzlosen Thema seiner Dissertation und auch seiner Habilitation hatte er sich als der Experte auf dem plötzlich so wichtigen Gebiet ausgewiesen. Voller Verbissenheit stürzte sich Klug in die Arbeit, das Phänomen der Raumangst genauer zu untersuchen und adäquate Eignungstests und Trainingsprogramme zu entwickeln, bedeutete doch die Tatsache, daß man ausgerechnet ihn, den Versager, als Retter in der Not anbettelte, einen ersten Triumph über die gehaßten Raumfahrer. Außerdem erregten der erlesene Stab von Fachleuten und die Klug zur Verfügung gestellten Gelder in schier unbegrenzter Höhe den ergötzlichen Neid vieler seiner Kollegen.
In kurzer Zeit nur führte Klug die Theorie der Raumangst zur Vollendung, leitete aus ihr das Modell einer idealen Kleingesellschaft für Schiffsbesatzungen ab, das dem Bedürfnis der Menschen nach Orientierungspunkten und Geborgenheit in der bis dahin nicht bekannten Einsamkeit des interstellaren Raumes Rechnung trug. Klug entwarf ganz neue Ausleseverfahren, deren besondere Ironie darin lag, daß er sie selbst nicht würde bestehen können. Mit jeweils einer den Bedingungen besser angepaßten Crew starteten die Schiffe aufs neue, kehrten erfolgreich heim. Zwar gab es auch jetzt wieder einzelne Fälle von psychischen Zusammenbrüchen, doch das Gespenst Raumangst, dem man sich zuvor hilflos ausgeliefert sah, hatte einen erheblichen Teil seines Schreckens verloren. Es war bitter mitanzusehen, wie die arroganten Raumfahrer die Früchte des Ruhms ernteten, die Klug herangezüchtet und gepflegt hatte; da half es nur wenig, daß nach dem Kommandanten die von Klug geschulten Bordpsychologen als feste Institution an die wichtigste Stelle der Raumschiffbesatzungen rückten.
Regelmäßige Anträge Klugs, er müsse im Interesse weiterer Forschungen selbst in den interstellaren Raum, wurden ebenso regelmäßig mit bürokratischer Sturheit abgelehnt. Die Begründungen waren vielfältig; mal hieß es: Klug sei unabkömmlich, oder das Risiko sei zu hoch für eine derart richtungweisende Persönlichkeit; dann wieder: er könne sich ja auf das empirische Material seiner Bordpsychologen stützen, deshalb sei ein Aufenthalt im Raum für Klug nicht erforderlich, etc., etc. Die kaum verhohlenen Ausflüchte, die sich in solchen schnoddrigen Argumenten widerspiegelten, machten ihn rasend, denn mit ihnen oder ähnlichen ließen sich ebensogut neunzig Prozent des Führungsstabs und das gesamte Wissenschaftlerteam eines Sternenschiffs zurückweisen! Jeder dieser Bescheide war daher ein neuer Stachel in Klugs Fleisch, war ein weiteres Zeigen mit dem Finger auf sein Handicap, erinnerte ihn fortwährend an die schimpfliche Tatsache, daß er trotz seiner zentralen Stellung nicht richtig zum interstellaren Raumfahrtprogramm gehörte, daß er im Grunde ein Außenstehender blieb, ein lediglich beobachtender Forscher, dem tagtäglich die verletzte Eitelkeit unter die Nase gerieben wurde, Man hatte ihn dankbar vorgeschickt, als es hieß, der menschlichen Seele ein Tor zu den Sternen aufzustoßen, nur um ihn dann rücksichtslos beiseite zu drängen und ihm das Mitkommen zu verwehren. Klug suchte Ablenkung in seiner Aufgabe, schonte weder sich noch seine Mitarbeiter, nahm dafür noch mehr Feindschaften in Kauf und isolierte sich weiter von seiner sozialen Umwelt. Reden mochte er mit niemandem über die seelischen Narben, die hinter einer allseits fröhlich-vertrottelten Clownsmaske zu verbergen er bereits als Jugendlicher gelernt hatte, denn ein Mann wie er sollte keine Schwächen zeigen, dachte Klug. So wurde er zum Heuchler; so ließ es sich tief in ihm am besten still und grimmig leiden.
Seine Karriere erreichte mit der Verleihung des Medizin-Nobelpreises ihren konsequenten Höhepunkt. »Für außerordentliche Verdienste um die Raumpsychologie« hieß es in der Laudatio. Wie sehr sich Klug auch über diese und andere Ehrungen emporgehoben fühlte, so empfand er sie in einem nicht ganz abschließbaren Winkel seines Herzens letztendlich doch als Hohn, als zynischen Trost für die Wunden, die man ihm immer wieder schlug. Aber mit Hilfe des nun offiziell bestätigten Ansehens ließen sich die Karten unverhofft neu mischen. Und Klug nahm seine Chance wahr, spielte va banque – und gewann.
Zu jener Zeit gab es nämlich innerhalb der Raumfahrtbehörde und auch in der UNO als deren Träger durchsetzungsstarke Kräfte, die forderten, daß alle mit der Astronautik direkt befaßten Forschungseinrichtungen unter einem – dem eigenen – Dach zu vereinigen seien. Im Rahmen dieser Initiative trat man ebenfalls an Professor Klug heran, um ihn von der Luna-Universität für das neu zu gründende psychologische Institut des Raumcorps abzuwerben. Mit geschultem Blick erkannte Klug schnell die Motivationszusammenhänge: wie sehr die Behörde nicht nur eine effektivere Forschungsorganisation wünschte, sondern auch scharf war auf das Gepränge glanzvoller Titel, die so manchem ihrer zukünftigen Mitarbeiter anhafteten. Klug nannte eiskalt seine einzige Bedingung, sehr wohl berechnend, daß die Würde des Nobelpreisträgers unantastbar ist. Und in der Tat sah sich die Verwaltung nunmehr außerstande, das schlaue Argument einfach vom Tisch zu fegen, nach dem es für den Nestor der Raumpsychologie nur recht und billig sei, endlich in eigener Anschauung das Bedingungsgeflecht und die Entstehungsgeschichte der Raumangst zu studieren.
Also wurde Klug Bordpsychologe der CIRCE. Sie war das erste Schiff, das nach seinem Vorbereitungstraining auf große Fahrt gehen sollte, mit der Weisung, einen fünftausendzweihundert Lichtjahre entfernten Sektor im Sternbild des Schwan zu vermessen und zu erforschen. Die CIRCE stand unter dem Kommando von Isabella Bernstein, jener ehrgeizigen Frau, die Klug schon früh während seiner Zeit als Astronautenausbilder flüchtig kennen und in stiller, distanzierter Sympathie schätzen gelernt hatte. Am meisten imponierte ihm die überragende Intelligenz und die sachlich-nüchterne Gelassenheit der Bernstein. Diese vorzüglichen Charaktereigenschaften traten in den Ergebnissen der Eignungstests unzweideutig zutage und gaben Klug das beglückende Gefühl einer innigen Seelenverwandschaft. Die Bernstein hatte in Klugs Augen allerdings einen Fehler: Sie erwiderte nicht den Respekt, den er ihr zollte. Nicht, daß sie ihn mit Verachtung strafte wie so viele ihrer Raumfahrerkollegen, – oder ihn gar ignorierte; wo es die Sache erforderte, verhielt sie sich kooperativ, aber sie nahm seine beflissene Allgegenwart mit sichtlichem Widerwillen wohl als höhere Fügung hin und zeigte im übrigen keinerlei festzustellendes Interesse an einer Vertiefung des nur natürlich erscheinenden Zweierbündnisses. Einige Male wollte sich Klug der Bernstein offenbaren, doch dann verließ ihn immer der Mut, vielleicht weil er fürchtete, mit einer solchen grobschlächtigen und profanen Erklärung das einseitige zarte Band unwiederbringlich zu zerreißen. Später trennten sich ihre Wege zwangsläufig, denn die Bernstein war fürderhin mehr im Weltraum beschäftigt als auf der Erde oder dem Mond oder einem der sonstigen kolonisierten Himmelskörper des Sonnensystems. Und nun hatte eine ahnungslose Verwaltung per Dekret Schicksal gespielt und ihrer beider Lebenslinien für eine gewisse Etappe auf der Forschungsfahrt der CIRCE erneut verknüpft.
Die Bernstein soll Gift und Galle gespuckt haben, als man ihr mitteilte, wer ihr nächster Bordpsychologe sei. Sie soll sogar mit Rücktritt gedroht haben, wegen der verantwortungslosen und mutwilligen Gefährdung ihrer Expedition. Wie könne man ihr nur einen theoretischen Wissenschaftler als Mitglied des Führungsstabs aufhalsen, und dann auch noch diesen Choleriker Klug, der ja nur deshalb Psychologe geworden sei, weil er mit sich selbst nicht zurande kam! Erst als ihr der UNO-Beauftragte für die bemannte Raumfahrt, Hochkommissar Van Kerkeling, persönlich das Entlassungsformular unter die Nase rieb und ihr knapp erklärte, man sei bereit, sie ziehen zu lassen, sie bräuchte nur noch zu unterschreiben, habe sich die Bernstein schlagartig wieder beruhigt und unter beredtem Hinweis auf ihre weitreichenden Kompetenzen während einer Expeditionsfahrt die Kröte geschluckt.
Von dem ganzen Theaterdonner um seine Person hatte Klug bis vor wenigen Stunden nichts geahnt, paßte ein solcher kindischer Ausbruch doch ganz und gar nicht zu dem professionellen Bild des hochverehrten Kommandanten, das der Psychologe stets im Herzen trug. Die Beziehung der beiden zueinander war nie innig gewesen, doch korrekt. Allerdings hatte sich bisher nicht die Notwendigkeit gestellt, den Kommandanten mit einem ihm peinlichen Thema zu reizen. So wollte Klug die genußvollen Darlegungen dieses Schnösels von Kommunikationstheoretiker auch lediglich als Beleidigungen, als Ausgeburt irgendeiner niederträchtigen Profilierungssucht gewertet wissen, und fand nun, da er in ehrlicher Sorge das Gespräch mit seinem Expeditionsleiter suchte, jenes Gerede des Kommunikationstheoretikers auf freche Art und Weise bestätigt.
Die nüchterne Menschenkenntnis Klugs gewann den Widerstreit seiner Gefühle und seines Verstandes: Jetzt nur nichts verpatzen, nicht einfach lospoltern, nicht direkt zurückschlagen, auch wenn die ruppigen Hiebe noch so schmerzten! Er hatte eine Aufgabe zu erfüllen, die schwerer wog als persönliche Animositäten. Seine Karten standen zudem gar nicht einmal schlecht, weil der Kommandant sich ohne Not bereits sehr weit vorgewagt hatte; das machte die Bernstein verwundbar! Jetzt war geduldiges Abwarten Trumpf, bis sie sich endgültig im Gestrüpp ihrer amokartigen Angriffslust verhedderte. Dann käme Klugs großer Auftritt, und die Rache würde umso süßer sein! – Ohne etwas zu erwidern, blickte er die schmächtige Gestalt hinterm Schreibtisch sezierend an.
Isabella Bernstein schien die Provokation als solche nicht zu durchschauen und das Zögern ihres Gegenübers als Anzeichen der Unterwerfung zu deuten, denn sie gab ihre lauernde Haltung auf und redete leutselig weiter: »Seitdem wir unsere gute alte Erde verlassen haben, gehen wir uns aus dem Weg. Ich glaube, wir beide ahnten instinktiv, daß dies auch besser so war, weil wir … , nun, weil wir miteinander nichts Rechtes anzufangen wissen. Sie haben dann einiges mißverstanden und sind deswegen in Sorge. Ihr Pflichteifer ehrt Sie, auch wenn er arg ins Kraut schießt! Heute sagten wir uns aus diesem Anlaß die Meinung, was unser Verhältnis klärt und hoffentlich dazu beiträgt, in Zukunft weitere – äh – Mißstimmungen zu vermeiden. – Wenn Sie einen gut gemeinten Rat Ihres Kommandanten annehmen wollen, Professor Klug: dann suchen Sie nachher die Bar auf und gießen sich zur Abwechslung mal kräftig einen hinter die Binde! Das gehört auch zum Menschsein. Das läßt einen die Grübeleien wenigstens für eine Weile vergessen. Wir stehen alle im Streß und reagieren deshalb auf jede Kleinigkeit gereizt. Die eintausendsechshundert parsec, die uns von Zuhaus trennen, lasten schwer auf unseren Nerven. – Aber wem sage ich das? – Eine asketische Lebensweise macht alles nur noch schwerer. Denken Sie nicht immerzu an das Schiff und an die unbekannten Gefahren rings um uns, dann werden Sie vieles klarer sehen!«
Die neuerliche Wende in des Kommandanten Stimmung entfachte Klugs Mißtrauen stärker denn je und lenkte seine Gedanken von der Empörung über die dreiste Tatsachenverkehrung ab. Doch eine Stellungnahme schien ihm jetzt notwendig zu sein. »Isabella«, sagte er bedächtig, die innere Erregung sorgsam abschließend. »Sie reden die ganze Zeit von mir und meinen angeblichen Schwächen. Ich will mich dem gar nicht entziehen und diesen Sachverhalt bei einer anderen Gelegenheit gern mit Ihnen erörtern. Im Augenblick ist allerdings etwas anderes vordringlich: Es geht nicht um mich, es geht auch nicht um Sie oder um die gegenseitige Bespiegelung unserer Eitelkeiten. Es geht einzig und allein um das Gelingen der Expedition! Und zu diesem Thema habe ich als Psychologe beim gegenwärtigen Stand der Dinge einiges anzumerken!«
»Professor Klug, Sie haben immer noch nichts verstanden!« erwiderte die Bernstein übertrieben scharf.
»Sie mögen damit recht haben, daß ich vieles von dem, was hier und jetzt geschieht, nicht richtig einzuordnen weiß«, gab Klug sarkastisch zu. »Aber wie soll ich die Situation eigentlich bewerten können, wenn mir andauernd die entscheidenden Informationen vorenthalten werden? – Isabella, meine Aufgabe beschränkt sich nicht aufs Forschen! Was ich zu tun habe, welche Kompetenzen sich aus meiner Stellung ergeben: all das ist nicht Ihrer Willkür überlassen, sondern es geht exakt aus den UND-Richtlinien für die Interstellare Raumfahrt hervor!« Jetzt kam Klug langsam in Fahrt; jetzt hatte er endlich den Faden wiedergefunden, den er als Aufhänger für seine Argumentation so dringend gesucht hatte. »Bevor Sie also mit Ihren Belehrungen fortfahren, sollten Sie lieber einen Blick ins Handbuch werfen, Commander! Was dort steht, ist für alle an Bord verbindlich! Dort heißt es unter anderem: ›In Fragen der Mannschaftsführung wird der Kommandant vom Arzt und vom Psychologen beraten. Der Kommandant ist verpflichtet, bei allen die Mannschaft betreffenden Entscheidungen den Arzt und den Psychologen zu konsultieren und ggf. ins Vertrauen zu ziehen.‹ Und weiter: ›Dem Psychologen obliegt die Verantwortung für die seelische Gesundheit und Stabilität der Mannschaft. Potentielle Krisen sollen durch regelmäßige Beobachtungen frühzeitig erkannt und vorbeugend entschärft werden. Der Kommandant hat dem Psychologen jede mögliche Hilfe bei der Bewältigung dieser Aufgabe zu gewähren.‹ Und jetzt passen Sie ganz genau auf, Commander! ›Der Kommandant ist dem UNO-Hochkommissariat verantwortlich, im Raum vertreten durch den Führungsstab, bestehend aus den wissenschaftlichen Leitern der Fachabteilungen, dem Chefingenieur, dem Bordarzt, dem Bordpsychologen‹ …«
»Ja, ja, ist schon gut! Ich glaub’s Ihnen ja, daß Sie Ihren eigenen Text auswendig können!«
»Commander, gemessen an diesen unbestreitbar eindeutigen Formulierungen regieren Sie das Schiff wie ein selbstherrlicher Potentat und behandeln Ihre Leute wie Hofnarren!«
»Wer sich wie ein Narr benimmt, verdient nicht anders behandelt zu werden.«
»Oh ja, natürlich!« Klug hatte sich allen Vorsätzen zum Trotz in Rage geredet. »Sie allein entscheiden von Gottes Gnaden über Narretei und Vernunft! Und während Sie hier Ihre Selbstbeweihräucherung zelebrieren, brodelt es nur so in der Besatzung, was Sie aber nicht mitkriegen, weil Ihr würdevolles Haupt ständig von schwülstigem Dunst umwallt wird! Isabella, verdammt noch mal: hören Sie doch endlich auf, sich hinter Ihrer eingebildeten unfehlbaren Autorität zu verschanzen! Nehmen Sie doch endlich zur Kenntnis, daß wir kurz vor einer Meuterei stehen!«
Eisiges Schweigen schob sich zwischen die beiden Menschen. Da war es heraus, das schlimme Wort, das Klug so nicht hatte vorbringen wollen, obwohl es ihn seit Tagen bedrückte. »Sind Sie endlich fertig mit Ihrer Suada?« fauchte die Bernstein. Ihr Gesicht war aschgrau geworden und wirkte eingefallen, die dunklen Ränder unter ihren Augen traten jetzt überdeutlich hervor.
»Nun habe auch ich Ihnen gesagt, was ich zu sagen hatte«, fügte Klug wieder ruhiger hinzu. »Meine weiteren Schritte werden sich nach Ihrem Verhalten richten. Sie kennen ja die einschlägigen Paragraphen für den Fall, daß Frau Dr. Arbatowa und ich übereinstimmend eine ernsthafte Erkrankung bei Ihnen diagnostizieren.«
Isabella Bernsteins Haltung versteifte sich zusehends. Die Hände tasteten irgendetwas suchend auf der Schreibtischplatte herum, und der Stimme war das Ringen um Beherrschtheit anzuhören: »Eine Meuterei, sagen Sie? Eine Meuterei? – Nur weil die Leute verständlicherweise ein wenig nervös sind, und der eine oder andere den Mund zu weit aufmacht, wittern Sie gleich eine Meuterei?«
»Sie sind ja so verbohrt, daß Sie die Schrift an der Wand nicht mehr sehen!«
»Sie machen sich lächerlich, Professor Klug! Spielen Sie hier bloß nicht den selbsternannten Propheten und Erlöser von allem Übel! Diese Rolle ist ein paar Nummern zu groß für Sie.«
»Commander Bernstein!« fuhr Klug dazwischen. »Sie haben sich, seitdem wir in die Umlaufbahn eingetreten sind, vollkommen zurückgezogen und nehmen am Leben des Schiffs bestenfalls aus zweiter Hand durch den Intercom teil. Die Feier gestern zählt kaum als Gegenbeispiel: Sie waren so schnell wieder verschwunden, daß Sie mit Ihrem kurzen Auftritt nur Öl ins Feuer der Rebellen gossen und selbst die Dickfelligsten Ihrer Getreuen vor den Kopf stießen. Weiß der Himmel, warum Sie so handeln. Aber Sie weigern sich ja, mit mir darüber zu sprechen. Ich muß eine solche plötzliche Verhaltensänderung sehr besorgt zur Kenntnis nehmen. In Ihrem Wolkenkuckucksheim ist Ihnen offenbar jedes Gespür dafür abhanden gekommen, was die Leute bewegt. Die wollen ‘raus, – nicht feiern! Nach sechs Monaten Eingesperrtsein wollen die ‘raus, wollen frische Luft atmen, die Sonne auf der Haut spüren, wollen sich den Wind um die Nase wehen und den Blick bis zum Horizont schweifen lassen! Und direkt unter uns, greifbar nahe, allen deutlich sichtbar lockt eine geradezu paradiesische Welt wie eigens für uns geschaffen! Als Psychologe ist es für mich sehr aufschlußreich, mit welchen Namen der Planet von den Leuten bezeichnet wird. Glauben Sie mir: ›Eden‹ steht ganz oben auf der Hitparade, wie abgeschmackt das auch sein mag! Die komischen Katalognummern Ihrer Astronomen werden nicht einmal von denen selbst gebraucht! – Sie aber geben nicht den Landungsbefehl und hüllen sich bezüglich Ihrer Motive in rätselhaftes Schweigen! – Nein, Isabella, so geht’s nicht weiter! Wenn Sie die Leute noch bei der Stange halten wollen, dann legen Sie die Karten offen auf den Tisch, oder besser: dann befehlen Sie unverzüglich die Landung! – Mit Ihrer nonchalanten Taktik des Hinhaltens erreichen Sie nichts mehr, außer daß die Aggressivität immer weiter um sich greift. Man redet bereits von bewußter Schikane. Ich hoffe, Commander, daß Ihnen zumindest hierbei klar ist, was das zu bedeuten hat! – Heute Morgen noch konnte ich nur mit Mühe bei einer Messerstecherei das Schlimmste verhindern. Ob es mir ein zweites Mal gelingt, muß dahingestellt bleiben. – Während andere sich hier abrackern, die langsam aber sicher auseinanderfallende Schiffsgesellschaft wenigstens notdürftig über Wasser zu halten, hocken Sie als Verantwortliche nur entrückt und geheimnisvoll tuend in Ihrer Kabine herum wie ein Oberguru, der sich aus pikanten Gründen von seinen Jüngern nicht in die Karten schauen läßt. – Was ist nur in Sie gefahren, Commander? Die Leute sind doch nicht blöd!«
»Professor Klug, Sie reden konfus! Sie müssen sich schon für eins entscheiden: Entweder haben wir hartgesottene und clevere Forschungspioniere an Bord oder ein hysterisches Tanzkränzchen! Daß beides nach Ihrer geschätzten Meinung zuträfe, werden Sie mir doch wohl nicht einreden wollen, – oder?«
»Sie sind polemisch, Commander! Dabei geht es hier um eine sehr ernste Angelegenheit.«
»Ach so, ja richtig: Es geht um die Messerstecherei. Aber da kann ich Sie beruhigen, da machen Sie sich mal nicht so viele Gedanken drüber! Ich weiß, daß Ihr Blick von Berufs wegen für solche – äh – Vorkommnisse geschärft ist, und Sie die überdeutlich wahrnehmen. Auf ein rechtes Maß gestutzt, verlieren sie indes einen erheblichen Teil ihrer Dramatik. – Selbstverständlich bin ich informiert, und ich habe die Beteiligten sogleich unter Arrest gestellt und einen entsprechenden Vermerk ins Logbuch eingetragen.«
»Als wenn es sich bei den Streithähnen um charakterschwache Leute handelt! Die sind Symptom, Isabella, Symptom!«
»Symptom, Symptom!« äffte die Bernstein den Psychologen nach. »Undiszipliniertes Pack ist das!«
»Wo haben Sie nur plötzlich diese Sprüche her? Früher redeten Sie ganz anders.«
»Also von Ihnen nicht, Professor. Von Ihnen lernt man, einfache Dinge kompliziert anzupacken.«
»Sie machen mir Angst, Commander.«
»Ich? Ihnen? – Ausgerechnet ich ausgerechnet Ihnen? – Immerhin habe ich Sie bei der Logbucheintragung für Ihre Verdienste um Recht und Ordnung an Bord lobend erwähnt. Hochkommissar Van Kerkeling wird sich von Ihrem resoluten Eingreifen sehr angetan zeigen, da bin ich mir ziemlich sicher.« Die Bernstein war aufgestanden und ordnete wie unschlüssig ein paar Utensilien auf dem Schreibtisch neu. »Professor Klug«, fuhr sie dann fort, »ich versuchte es vorhin schon anzudeuten: Sie machen den Fehler, die Ergebnisse Ihrer speziellen Arbeit zu generalisieren. Hier sehen wir uns plötzlich mit einer völlig neuen Sachlage konfrontiert, für die es keinerlei bewährte Verhaltensmaßregeln gibt. Wir müssen improvisieren, und da sollten Sie uns schon einige Mißtöne verzeihen! Ich denke …, nun, äh, das ist alles.«
»Warum setzen Sie sich eigentlich selbst unter einen so großen Rechtfertigungsdruck, Commander?«
»Professor Klug! Sie geheimnissen zu viel in Dinge hinein, die Sie nicht begreifen. – Hinter den getroffenen Entscheidungen steht übrigens der gesamte Führungsstab.«
Klug schüttelte heftig den Kopf. »Nicht der gesamte Führungsstab!« brach es zornig aus ihm hervor. »Sie haben mich dabei vergessen!«
»Sooo?« Die Bernstein dehnte offenbar genüßlich den Laut. »Sie fühlen sich also nicht für voll genommen? Ein wenig Bescheidenheit stünde Ihnen besser zu Gesicht, mein Lieber!«
Da war es wieder: das innere Aufbegehren, der Schmerz von einem Tiefschlag, und da war die Wut, die nach Befreiung drängte, dies umso mehr, als das wild gewordene Weib wohl kaum mit emotionalen Attacken aus der Fassung zu bringen war. Klug riß sich zusammen, erwiderte betont langsam, das verräterische Zittern in seiner Stimme ignorierend: »Ihre Rhetorik in Ehren, Commander. Aber sie bringt uns jetzt nicht weiter. Während wir uns gegenseitig Frechheiten um die Ohren schlagen, brütet die Mannschaft fleißig einen Coup gegen Sie aus. Wollen wir retten, was noch zu retten ist, dann müssen wir rasch handeln. Ich sage Ihnen hiermit meine uneingeschränkte Hilfe zu. Ohne hinreichende Informationen über die gesamte Lage weiß ich allerdings nicht, wie die Leute trotz dieser … dieser außergewöhnlichen Bedingungen bei Laune zu halten sind. Da müßten Sie mir schon entgegenkommen!« Und indem er von seinen eigenen Worten neue Sicherheit bezog, wagte er nun sogar ein Quäntchen Ironie, gleichsam als Hinweis auf sein Waffenarsenal, das er nur im Interesse der Sache noch nicht gefechtsklar gemacht hatte: »Ihr kastrierter Führungsstab ähnelt, offen gestanden, in letzter Zeit eher einem Femegericht als einer wissenschaftlichen Expeditionsleitung. Und glauben Sie bloß nicht, daß ein solcher Vergleich von mir stammt! Ich zitiere lediglich, was man heutzutage des öfteren auf den Gängen und in den Gemeinschafträumen zu hören bekommt.«
Die Bernstein zuckte die Achseln. »Lieber Professor Klug«, dozierte sie herablassend. »Sie haben von extraterrestrischer Forschung recht verwegene Ansichten. Das ist auch nicht weiter erstaunlich, wenn man bedenkt, daß Sie, wie ich schon sagte, den typischen Schreibtischgelehrten verkörpern, der Zeit seines Lebens von der großen Aufregung, vom großen Abenteuer träumt, und dessen Traum nun unverhofft in Erfüllung gegangen ist. Da aber Traum und Wirklichkeit in der Regel nichts miteinander gemein haben, gebe ich mir ausnahmsweise einmal die Mühe, Ihnen eine Privatvorlesung in astronautischer Praxis zu halten …«
»Ihre weitschweifigen Ausflüchte können Sie sich sparen! Ich erwarte eine präzise Stellungnahme zu einem präzise formulierten Problem!«
»Professor, Sie müssen noch lernen, auch einmal zuzuhören! Wenn Sie das begreifen, was ich Ihnen jetzt sage, dann erledigt sich Ihr präzises Problem von selbst: Wir sind bisher nicht gelandet, weil wir zum ersten Mal in der Geschichte der interstellaren Raumfahrt einen extrem erdähnlichen Planeten mit einem hoch komplexen Ökosystem gefunden haben. Dieses zu erforschen braucht viel Zeit und Geduld. Unsere Physiker, Chemiker, Geologen, Metereologen und wie sie alle da sind, nicht zu vergessen: die Biologen, sie alle tun ihr Bestes und arbeiten rund um die Uhr, damit wir ein möglichst komplettes Bild dieses Planeten erstellen können, bevor wir dann gut gerüstet und gegen eventuelle Fährnisse gewappnet landen werden. Bedenken Sie, Professor Klug, daß die Menschheit immerhin mehr als fünftausend Jahre Kulturgeschichte hinter sich bringen mußte, bis sie die Erde, ihre eigene Heimat, wenigstens annähernd begriff! – Und da werden Sie, keine sieben Wochen nach unserem Eintritt in die Umlaufbahn, schon ungeduldig und sprechen von schikanöser Verzögerung!«
»Nicht ich. Die Mannschaft!«
Isabella Bernstein überhörte den Einwand, indem sie ungerührt fortfuhr: »Auch Sie als theoretischer Sozialwissenschaftler sollten Einsicht in die Notwendigkeiten naturwissenschaftlicher Praxis zeigen! Legen Sie die Scheuklappen ab, treten Sie aus dem Getto Ihres angestammten Fachs heraus! – Wenn Sie ein echter Raumfahrer sein wollen, dann müssen Sie sich universell bilden und die eingefahrenen Gleise des Denkens verlassen! Die Abenteuer finden meist hier statt.« Dabei tippte sie sich mit dem Finger an die Stirn.
»Commander Bernstein! Es ist erschreckend, wie tief Ihr Haß gegen mich sitzt.«
Die Bernstein blickte irritiert auf. »Haß? – Wieso denn Haß? Professor Klug, offenbar sind Sie nicht in der Lage, die Welt nach anderen Kriterien als die Ihres Fachs zu beurteilen. Und die grenzen Sie dann auch noch entsprechend Ihrer masochistischen Animositäten ein. Lassen Sie sich das von einem psychologischen Laien sagen, der aber seinen gesunden Menschenverstand bewahrt hat!«
»Ich … ich … Sie …«
