Im Garten der fernen Sterne - Alexander Baade - E-Book

Im Garten der fernen Sterne E-Book

Alexander Baade

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Beschreibung

Alexander Baade berichtet aus dem Innenleben einer Hamburger Sozialstation. Allzu Mitmenschliches der Altenpflege und zum Glück manchmal auch Tragikomisches wird subtil geschildert und vom Autor subjektiv verarbeitet.

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Seitenzahl: 137

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Über den Autor

Alexander Baade stammt aus Hamburg. Zehnjährige Tätigkeit als angelernter Altenpfleger in einer Sozialstation im Norden Hamburgs, zuerst im Rahmen eines Freiwilligen Sozialen Jahres, anschließend im Abend- und Wochenendeinsatz, in Ferienzeiten auch tagsüber. Weitere Nebenjobs als Komparse, Konsumgütertester und Wäschereimitarbeiter. Heute Lehrer an einer Brennpunktschule in Hamburgs Süden und Fortsetzung des sozialen Einsatzes auf andere Weise. „Im Garten der fernen Sterne“ ist seine zweite Veröffentlichung.

Inhalt

Vorwort

Die Sozialstation

1. Erlebnisse aus dem Altersheim

1. Herr Nasske

2. Polnisches Essen ist gutes Essen

3. Und dann so‘n schwatten Düvel!

4. Ein vielleicht letzter Ausbruch

5. Frau Schönberg und meine Tante

6. Besuch von der Brigitte

2. Erlebnisse aus den Haushalten

7. Frau Nietzschke und die Hölle

8. Herrn Murnicks Landsmann

9. Herr Meier nimmt Abschied

10. 1898 Jahre Frau Elvert

11. Das Rote Kreuz war da

12. Ein neuer Patient

13. Zweimal Mutter und Sohn

14. Der Kommissar geht nicht um

15. Herrn Dr. Zischlers Bilder

16. Quartalssaufen ist nicht unnormal

17. Ein Spaziergang

18. Heiliger Bimbam!

19. Was heißt hier schizophren?

20. Doch keine Tote auf der Couch

21. Immer kalter Tee

22. Kling, kling, kloing

23. Kriminaltango in der Mittagspause

24. Der Umzug der Sindy Graufort

3. Erlebnisse aus der Betreuung

25. Lekker werken in Nederland

26. Le Figaro lacht alles weg

27. Karola und Marcus im Duo

28. Max

Vorwort

Im Frühjahr des Jahres 1992 bewarb ich mich um ein Freiwilliges Soziales Jahr beim Diakonischen Werk meiner Heimatstadt. Die Bundeswehr wollte mich nicht haben und hatte mich im Winter zuvor untauglich für den Wehrdienst gestempelt. Zivildienst schied somit zwangsweise auch aus. Kurz vor Beendigung der Schule hatte ich nun leicht dilettantisch vor, für einige Zeit trotzdem irgendetwas Sinnvolles mit Menschen zu machen. Das war natürlich eine astreine Floskel zur Begründung meiner Planlosigkeit - welche normalen Jobs hatten damals nicht auch irgendwie mit Menschen zu tun? Kurz vor Beginn des Jahres war mir deshalb auch vollkommen unklar, was die Tätigkeit in einer Sozialstation nun genau bedeuten würde. Von Seiten der Diakonie hieß es lediglich, es würde sich um „leichtere Tätigkeiten im Bereich der ambulanten Kranken- und Altenpflege“ handeln. Ich hatte trotz der Erklärung eine nur vage Vorstellung und fragte auch nicht richtig nach. Bei den anderen Anbietern für Soziale Jahre klang alles noch schräger; ich wollte keine Bananen in Nicaragua pflücken und auch keine Straßen in Rumänien asphaltieren. Pflege klang generell irgendwie machbar und so ich sagte kurzerhand zu - was konnte schon so schwer daran sein, Pflaster zu kleben oder mal eben jemandem das Gesicht zu waschen? Etwas anderes würde es ja wohl nicht sein, also alles Pillepalle. Hätte ich vorab geahnt, was es heißen sollte, ziemlich unvorbereitet mit Leid, Krankheit und Tod konfrontiert zu werden, ich hätte es mir damals doch vielleicht anders überlegt. Eher hätte ich mich wohl für nichts mit Menschen entschieden. Viele Erlebnisse waren sehr schwer verkraftbar. Es dauerte auch recht lange, bis gewisse Schamgrenzen überwunden waren, vermutlich war dies auf beiden Seiten so. Niemand zeigt sich gerne hilflos fremden Blicken.

Nach einem Jahr in der Pflege war es dennoch keine Frage mehr, darin weiterzuarbeiten. Ich wollte es sogar unbedingt. Ein Großteil meiner persönlichen Einstellungen hatte sich verändert, gelegentliches Zaudern oder was auch immer es manchmal war - verflogen. Ich empfand es als Geschenk, anderen Menschen helfen zu können, es fühlte sich richtig und gut an. Eine große Portion Eigentherapie (Gutes tun tat gut und stärkte das Selbst) steckte auch dahinter, geschenkt. Somit ergaben sich schließlich neun weitere Jahre im Abend-, Wochenend- und Semesterferieneinsatz. Alle Erlebnisse dieser Zeit haben sich im Prinzip so zugetragen wie beschrieben, auch die Straßennamen der Betreuungsgebiete in Alsterdorf, Groß Borstel sowie Winterhude sind authentisch. Lediglich die Namen der Patienten sowie der Mitarbeiter der Sozialstation sind aus verständlichen Gründen derart verändert worden, dass eventuelle Übereinstimmungen mit noch oder nicht mehr lebenden Personen reine und unbeabsichtigte Zufälle wären. Dies betrifft auch alle sonstigen hier erwähnten Personen. Das Alten- und Pflegeheim in Groß Borstel in der Nähe des Flughafens Fuhlsbüttel existiert noch immer, die Sozialstation nicht mehr. Sie wurde vor einigen Jahren geschlossen. Nun befindet sich ein Kindergarten darin.

Diese Schilderung von persönlichen Erlebnissen aus der (Alten-)Pflege ist keine sozialkritische oder gar pflegepolitisch orientierte Anklageschrift. Ich habe ebenso darauf verzichtet, gemeinhin als unangenehm oder gar abstoßend geltende Körperdetails sowie Leidensmomente der Patienten expliziter zu schildern. Dass sich Altenpflege weitaus komplexer gestaltet als hier angerissen, ist jedem Leser klar - und natürlich sind sämtliche Schicksale wesentlich ergreifender als beschrieben werden kann. Gedacht sind diese kurzen Geschichten als mehr oder weniger sinnhafte Unterhaltung, Anregung zum Nachdenken, vielleicht auch Hoffnung machen.

Denen in diesem Buch erwähnten Menschen gilt mein Dank, ihnen ist es gewidmet.

Die Sozialstation

Die Sozialstation lag ganz idyllisch, zwar dicht an einer vielbefahrenen Allee, aber immerhin hübsch umrahmt von hohen Kastanien. Im Herbst ploppten die reifen Früchte auf die Autodächer; falls jemand vor dem Haus parkte, gab’s eine kleine Beule im Lack als Souvenir. Irgendwas war ja immer. Das Grundstück war groß, ein hübscher Garten gehörte noch dazu. Gegenüber des Haupteingangs lag eine evangelische Kirche, ein moderner Bau aus den Siebzigerjahren mit entsprechend viel grauen Betonelementen. Schön sah sie nicht unbedingt aus, aber dafür wurde uns der höhere Segen für die mitmenschliche Arbeit frei Haus geliefert. Kirche und Sozialstation waren über eine evangelische Stiftung miteinander verbunden. Die gleiche Stiftung war mehr oder weniger direkt am Betrieb der Alsterdorfer Anstalten beteiligt, diejenige Institution, deren Namen man unwillkürlich etwas gedämpfter aussprach. Genau verstanden hatte ich das Geflecht nicht, musste ich aber auch nicht. Irgendwie hing ohnehin alles mit allem zusammen.

Durch die quietschende Eingangstür betrat man den gefliesten Flur, irgendwann einmal weiß gewesen, war er jetzt grau. Man stand sofort im wuseligen Treiben. Stimmgewirr aus jeder Ecke des Raums nahm einen sofort in Beschlag. Zig verschiedene Telefone klingelten gleichzeitig und ergaben einen Klangteppich wie auf dem Winterhuder Wochenmarkt. In das Gebimmel mischten sich laute Stimmen der Mitarbeiter, immer bemüht, Antworten auf offene Fragen zu finden. Probleme wurden gelöst, Einsätze verteilt, Streitigkeiten geschlichtet, von allem reichlich und immer gleichzeitig. Kaffeeduft mischte sich mit Zigarettenqualm, Rauchen war damals noch überall erlaubt. Koffein und Nikotin war unser Benzin. Machte man nicht rechtzeitig Platz, wurde man schon mal über den Haufen gerannt, allerdings doch in einer eher sanften Art und Weise. Irgendein Zivildienstleistender war immer zu spät dran und musste sich sputen, Medikamente rechtzeitig auszuliefern oder jemanden pünktlich zum Arzt zu fahren. Vom Eingangsflur aus ging linkerhand die Küche ab, ein beliebter Treffpunkt aller Mitarbeiter. Der Raum sah tagsüber leider aus wie Sau, vermutlich weil jeder schon im Job auf größte Ordnung achten musste. Niemand machte sich noch extra die Mühe, volle Filtertüten zu entsorgen oder durchgesapschte Mülltüten rauszubringen.

Das Chaos schien aber auch egal zu sein – die Stimmung war immer klasse, es gab genügend Klatsch und Tratsch aus der Welt der Gebrechlichkeit zu berichten. Langweilig oder still war es in der Küche nie. Eine Tür führte auf die Terrasse hinaus, an sie schloss sich der Garten an. Hier fanden die feuchtfröhlichen Feiern der Sozialstation statt, kein Maulwurf traute sich dann mehr in unsere Nähe. Der Flur ging über in einen ersten Büroraum, besetzt von Medizindauerstudent Fred und Lehramtsunterbrecher Rudi. Fred brauchte Geld für seinen roten Alfa Romeo, mit dem er bei der einen oder anderen Krankenschwester punkten wollte. Rudi hatte gerade eine Familie gegründet und brauchte noch mehr Geld. Mit anständigem Studieren war also erst einmal bei beiden nichts. Dahinter schloss sich ein zweiter Büroraum an, hier saßen eng zusammen Frau Brandmann und Frau Langloff, die Einsatzleiterinnen. Frau Brandmann hatte gleich zwei Telefone auf ihrem Schreibtisch stehen und konnte tatsächlich mit beiden gleichzeitig telefonieren. Sie sprach dann gleichzeitig nach rechts und links, also im Prinzip geradeaus. Frau Langloff konnte dafür simultan rauchen, links und rechts ihres klapprigen Computers standen zwei Aschenbecher. Zwei Kippen brannten immer. Sie war mit einem Jugoslawen verheiratet, ihr Spitzname lautete deshalb Frau Rauchić.

Beide wurden in ihrer Arbeit durch Schwester Evita unterstützt oder vertreten (je nachdem, im Zweifelsfall beides). Ihr Schreibtisch lag etwas abseits im Raum, im hinteren Eck fast versteckt neben einer großen Topfpflanze. Schwester Evita hatte knallrotes Haar fast in Hüftlänge und glich nicht nur äußerlich der feurigen Sängerin Milva. Auch sie sprach in ähnlichem Timbre, in einem etwas angerauten Alt, vermutlich herrührend vom Dauerqualm, der in diesem Raum hing. Ihre Sitzposition war aber erfreulicherweise trotzdem sofort auszumachen. Die dunkle Stimme bot einen akustischen Orientierungspunkt wie ein Nebelhorn, ihre Haarpracht leuchtete weithin, in Kombination mit ihrer stattlichen Körpergröße wirkte Schwester Evita wie eine Art menschlicher Leuchtturm.

Von ihrem Raum führte eine kleine Treppe eine Etage höher zu Herrn Zitter, gleichsam auch in der Hierarchie aufwärtssteigend. Er war der Leiter der Sozialstation, ein knorriger Hüne mit stattlichem Bauch. Sein Gesicht war nur schwer zu erkennen, die eine Hälfte wurde von seinem Rauschebart versteckt, die andere Hälfte übernahm ein überdimensioniertes Brillengestell. Die eingesetzten Gläser hätten problemlos auch als Glasbausteine herhalten können. Dank seines lichten Hinterkopfes bestand zweifelsfrei ein guter Draht nach oben, nicht unwichtig für den christlichen Auftrag. Herr Zitter war Diakon ebenso wie Herr Happje, seinem Stellvertreter ein Zimmer weiter. In dessen Raum stand die legendäre Dienstselter, ein Kasten Selterswasser für brennenden Durst. Altenpfleger Stefan hatte in einem Anflug von Übermut einmal den Inhalt einer Flasche geleert und mit Schnaps aufgefüllt („falls man mal einen nippen muss“). Den Begriff brennender Durst hatte er quasi neu interpretiert. „Alkohol ist dein Retter in der Not“ oder so ähnlich sang es Herbert Grönemeyer passenderweise vor vielen Jahren, auch wenn er es sicherlich anders gemeint hatte.

In der Sozialstation arbeiteten examinierte und angelernte Altenpfleger(innen) aller Couleur, Krankenschwestern und Krankenpfleger, Ordensschwestern, Zivildienstleistende, ein paar Freiwillige aus dem Sozialen Jahr, Hauspflegerinnen, Sozialpädagoginnen, Diakone und sonstige kirchliche Mitarbeiter(innen). Wir waren eine bunte und lustige Mischung, wie eine Tüte Bonbons. Unsere Aufgabe bestand in der ambulanten Pflege von Alten, Kranken und sogenannten Behinderten, von Menschen, die es alleine nicht mehr so richtig durch den Alltag schafften. Einige wohnten in den Altersheimen unseres Bezirks, andere noch in den eigenen Wohnungen, alle hatten sie unterschiedliche Beschwerden und Bedürfnisse. Gemein war ihnen nur die Zuerkennung einer bestimmten Pflegestufe durch die jeweilige Krankenkasse. Und so sorgten wir je nach Verordnung für eingenommene Voll- oder Teilbäder, ein vernünftiges Ein- und Auskleiden, eine gute Liegeposition im Bett, eine gute Sitzposition im Sessel, eingecremte Haut, gekämmte Haare, regelmäßiges Duschen, Hilfe beim Essen und Trinken, einen erledigten Haushalt, geputzte und gelüftete Räume, gewaschene Kleidung, zubereitetes und genießbares Essen, portionierte und tatsächlich eingenommene Medikamente, gereinigte Gebisse, aufgetragene Salben, wir behandelten und verbanden Wunden, setzten Spritzen, trösteten und unterhielten, unterstützen, wickelten, maßen Blutdruck und Vitalwerte, säuberten Schläuche, Katheter, Sonden, tauschten diese aus, bewegten versteifte Gelenke, stimulierten verkümmerte Muskeln, führten Patientenbögen, sortierten Papiere, schrieben Anträge, setzten uns mit Ärzten, Krankenkassen, Ämtern und allen möglichen Institutionen auseinander, gingen in die Apotheke, den Supermarkt, die Reinigung, zum Bäcker und den Tante-Emma-Laden um die Ecke, den nächsten Kiosk, sprachen mit nahen und fernen Angehörigen und Nachbarn, lachten und weinten und sangen manchmal zusammen, verbrachten wertvolle Zeit miteinander, führten schließlich Sterbebegleitungen durch, kurz – taten das, was man Pflege nennt.

Ich kann rückblickend nur hoffen, dass uns alles das einigermaßen gut gelungen ist.

1. Erlebnisse aus dem Altersheim

1. Herr Nasske

Herr Nasske gehörte zu einer Gruppe außergewöhnlicher Patienten des Altersheims in Groß Borstel. Sie fielen einem schon vor dem ersten Kennenlernen auf - bei zufälligen Begegnungen irgendwo auf dem parkartigen Gelände gab es dazu ausreichend Anlässe. Entweder schauten sie jeden Besucher mit leeren Blicken starr an oder begannen, einem unvermittelt Belanglosigkeiten zuzurufen. Offensichtlich war im Oberstübchen inzwischen einiges leicht durcheinandergeraten. Wie sollte man darauf reagieren? Nichts sagen ging aus Respekt eigentlich nicht, aber Antworten führten auch zu nichts. Meist grinste ich kurz und winkte zurück, wollte bloß schnell weg. Manchmal wurde es aber auch ganz lustig. Die Zurufe erinnerten dann an die Beschimpfungen Käpt‘n Haddocks aus der Comicserie Tim und Struppi („Du Regenschirm!“, „Guck‘ nicht so, du alter Tintenfisch!“). Manchmal fuchtelten sie auch wild mit den Armen und zeigten auf Dinge, die nur sie selbst sehen konnten. Bei Herrn Nasske war es ähnlich, nur dass er weder durch Blicke oder Worte Aufmerksamkeit erregte. Er stand meist alleine an dem einzigen Zebrastreifen des Heims und schaute sich in alle Richtungen wirr um. Beim Überqueren der Fahrbahn drehte er sich dann mehrfach um sich selbst. Sein Gesicht schien dabei komplett angsterfüllt, die Mundwinkel zeigten verzerrt nach unten. Seine Haare standen ihm oft hoch zu Berge und man sah, dass er sie wohl selbst schnitt. Nichts an der Frisur passte zusammen. Er hielt sich immer an einem alten Gehstock fest und es wirkte so, als wolle er diesen um keinen Preis mehr hergeben. Vielleicht hatte er auch Angst, der Wind würde ihn davontragen. Herr Nasske brauchte Hilfe bei alltäglichen Aufgaben. Man musste ihn hierbei in allem Möglichen unterstützen, ihm das Essen zubereiten, darauf achten, dass er seine Medikamente nahm, dafür sorgen, dass sein Zimmer halbwegs ordentlich blieb und er heil durch den Tag kam. Blieb noch etwas Zeit übrig, so war es gewünscht und üblich, ihn noch ein wenig auf seinen Spaziergängen rund um das Heim zu begleiten.

Im Laufe der Zeit lernten wir uns durch zahlreiche Einsätze besser kennen und so konnten wir vieles miteinander bereden. Es fühlte sich für mich manchmal so an, als würde sich ein entfernter Onkel mit mir unterhalten. Herr Nasske erzählte vom Leben im Heim oder von den Dingen, die ihn ansonsten beschäftigten. Er war ein versierter Kenner der Fußballbundesliga und blühte auf beim Erzählen von Anekdoten aus einer Zeit, in der ich den Kindergarten besuchte oder noch nicht einmal das. Wer schoss das erste Tor der neugegründeten Bundesliga? Timo Konietzka, Borussia Dortmund. Wie hoch gewann Borussia Möchengladbach gegen Real Madrid im Jahre 1976 im Europapokal der Landesmeister? Leider gar nicht. In welcher Minute schoss Felix Magath 1983 das entscheidende Tor im legendären Spiel des HSV gegen Juventus Turin? In der neunten, Linksschuss. Welche Zigarettenmarke rauchte Ernst Happel? Austria Imperial ohne Filter. Ich revanchierte mich mit eher belanglosen Geschichten aus der Station und ein wenig von dem, was mich damals sonst so beschäftigte (gleichzeitig alles und nichts - was dachte man schon Vernünftiges mit Anfang zwanzig?). Wir waren uns sympathisch und es entwickelte sich bald eine solide Vertrauensbasis. Irgendwann traute ich mich, ihn nach dem Grund seines Aufenthaltes zu fragen. Auch er fasste sich ein Herz und schilderte mir, wie es dazu kam.

Aufgrund des Versagens eines unachtsamen Autofahrers war seine Frau vor einigen Jahren bei einem Verkehrsunfall gestorben, sie war beim Überqueren einer Straße überfahren worden. Ihm war es bald kaum mehr möglich gewesen, den eigenen Haushalt zu führen und infolge seiner eigenen Unaufmerksamkeit hatte er eines Tages vergessen, den Elektroherd in seiner Küche auszuschalten. Dadurch war ein Kabelbrand entstanden und sein Haus letztlich komplett abgebrannt. Den eigenen kleinen Einzelhandel in Groß Borstel hatte er nicht mehr weiterführen können und damit auch seine Lebensgrundlage verloren. Schließlich war er selbst auf einem Zebrastreifen von einem Auto angefahren worden. Die erlittenen schweren Kopfverletzungen hatten ihm ein selbstständiges Leben unmöglich gemacht. All dies war innerhalb nur eines einzigen Jahres passiert. Seine Marotte, sich vor dem Überqueren einer Straße mehrfach um sich selbst zu drehen, rührte her vom Trauma zweier unmittelbar erlebter schwerer Unfälle.

Herrn Nasskes Geschichte wirkte wie ein Hammerschlag, sie ließ mich nicht mehr los. Bei meinem nächsten Einsatz, einem ruhigen Sonntag, fragte ich ihn vor meiner Mittagspause, wann er das letzte Mal einen Spaziergang außerhalb von Groß Borstel unternommen hatte. Er wusste es nicht mehr genau, es könnten viele Jahre gewesen sein. Ich lud ihn kurzerhand ein, in meinem Auto – dem geliehenen, altehrwürdigen Audi 80 meines Vaters – einen Ausflug an die Außenalster zu unternehmen. Es war natürlich streng verboten, Patienten privat zu befördern, doch nach dem Hören seiner Geschichte war mir das egal. Wir setzten uns in den Wagen und fuhren etwa eine halbe Stunde bis zum Fähranleger „Rabenstraße“. Während der Fahrt durch die Stadtviertel Hamburgs sagte Herr Nasske kaum ein