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Ein neuer Anfang im nordischen Sommer Eigentlich ist Juliane seit zwölf Jahren glücklich verheiratet. Doch seit einiger Zeit kriselt es: Ihr Mann Robert hat nur noch seine Karriere im Kopf. Juliane nimmt sich vor, ihre Ehe zu retten. Sie überredet Robert, mit ihr in die schwedischen Schären zu reisen, wo sie in ihren Flitterwochen so glücklich waren. Die hellen Nächte am blauen Meer, malerische Häuschen an verschwiegenen Buchten: Juliane hofft, dass hier die alten Gefühle wiederaufleben. Doch in Schweden lernt sie den charismatischen Maler Per Ekdal kennen. Er erinnert sie an längst vergessene Träume. Und Juliane muss herausfinden, was sie wirklich will …
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Seitenzahl: 357
Veröffentlichungsjahr: 2011
Isrun Lorenz
Im hellen Licht des Nordens
Roman
Unter ihr in der Senke liegt das rote Häuschen im Sonnenlicht, zwischen grauen Schärenbuckeln, die sich wie Walfischrücken zum silbern flirrenden Meer hinabsenken, inmitten von Strandgras, Heidekraut und Gesträuch, überragt von hohen wettergegerbten Kiefern, deren Duft sie förmlich riechen kann.
Sie atmet tief, springt die Treppe hinab, überquert den Steg und die Terrasse, bleibt einen Moment an der Brüstung stehen und schaut auf den blauen Spiegel des Fjords und die schmalen Inselchen, die wie hingetupft in der Ferne flimmern.
Gleich wird sie hineingehen, um den Tisch draußen an der warmen Holzwand zu decken, wird mit ihm essen und Wein trinken, am hellen Abendhimmel ein goldener Mond, der sich auf dem Wasser spiegelt.
Dann eng umschlungen ins Haus. Sein Atem in ihrem Gesicht, sein heißer Mund.
Juliane blinzelte und strich sich über die Augen. Wie oft war sie den Weg in ihren Tag- und Nachtträumen gegangen, immer wieder von der obersten Treppenstufe zum Häuschen hinunter. Allerdings war das Bild mit den Jahren undeutlicher geworden, besaß auch weniger Einzelheiten, aber das Seltsamste war, dass sie Robert inzwischen nicht mehr deutlich vor sich sah. Er war nur noch ein Schatten, ein Schemen ohne Konturen und Profil.
Seufzend löste sie den Blick vom Garten, drehte sich um und inspizierte das Tafelarrangement, rückte an Besteck, Servietten, den Blumen, ging in die Küche, kontrollierte die Hähnchenkasserolle im Ofen, überflog Vorspeisenplatte, Dessertteller und Espressomaschine.
Alles perfekt, wie es sich gehörte. Der Ablauf war oft genug geübt, es klappte immer wie am Schnürchen. Und gerade heute war das von höchster Bedeutung, an Roberts großem Tag, da er die engsten Freunde eingeladen hatte, um sie mit der Nachricht zu überraschen: ein Jahr USA. Der nächste Schritt seiner reibungslos verlaufenden Karriere.
Immer voran, dachte Juliane, immer weiter weg von den Anfängen. Als ob er die Zeit auslöschen wollte. Der Kontrast zu früher war inzwischen unüberwindbar, kein Weg führte zurück. Nur in der Phantasie durfte sie gelegentlich ihren Sehnsuchtsort aufsuchen, dort, wo sie so unvorstellbar glücklich gewesen war. Und er mit ihr. Bloß hatte er es anscheinend vergessen.
Und wenn sie sich weigerte, Robert nach Amerika zu begleiten? Ob er erschrak und plötzlich begriff, wie groß der Abstand zwischen ihnen geworden war? Dass er gar keine Ahnung hatte, ob sie ihm noch folgte oder auf der Strecke geblieben war? Vielleicht fing er an nachzudenken über das, was er plante und tat, auch über sie, über sie beide. Ein Einwand von ihr. Oder eine Frage: Denkst du manchmal an die Tage in Schweden?
Vielleicht war es noch nicht zu spät.
«Was heißt, du willst nicht mit nach Amerika?»
Roberts Kopf fuhr herum. Verblüfft ließ er die Haarbürste sinken und suchte über den Badezimmerspiegel ihren Blick, doch sie hatte sich schon gebückt und hangelte unter dem Bett nach den Sandalen.
«Schließlich wollen sie dich», sagte sie mit gepresster Stimme. «Auf mich legt bestimmt niemand Wert.»
«O doch, sie rechnen mit dir. Es wird gern gesehen, wenn man die Ehefrau mitbringt, schon aus gesellschaftlichen Gründen.»
Er kam mit schnellen Schritten auf sie zu. «Dies ist meine große Chance, Juliane! Amerika als Sprungbrett. Ein Jahr Gastdozent, dann hab ich den Lehrstuhl in Hamburg. Ich bin am Ziel!», rief er mit leuchtenden Augen, die Hände wie ein Erweckungsprediger erhoben. Wie mitreißend er sein konnte, dachte Juliane nicht zum ersten Mal. Wahrscheinlich waren alle Mädels an der Uni in ihn verliebt.
«Ja, du», sagte sie, stand auf, strich ihren Rock glatt und ging an ihm vorbei ins Badezimmer. «Deine große Chance!»
Sie nahm die Parfumflasche und drückte so heftig auf den Zerstäuber, dass ihr der Nebel in den Augen brannte.
Plötzlich stand er hinter ihr und packte sie an den Armen.
«Was ist los?»
Juliane sah in den Spiegel, ihre Stirn auf Höhe seiner Augen. Die ideale Größe, hatte er damals gesagt. Sie hätte auch kleiner sein dürfen, aber auf keinen Fall gleich groß. Maße und Proportionen mussten bei ihm stimmen, auf jedem Gebiet.
Robert schüttelte sie leicht. «Nun sag schon! Warum willst du auf einmal nicht mit?»
Juliane senkte die Lider. Es würde schwer werden. Robert war keinen Widerspruch gewohnt.
«Ein Jahr ist so lang», sagte sie tapfer, schluckte und setzte leise hinzu: «Falls sie in der Zeit jemanden in der Bibliothek brauchen, besetzen sie die Stelle, und ich habe keine Arbeit, wenn ich zurück bin.»
Er ließ sie so plötzlich los, dass sie gegen das Waschbecken schwankte.
«Was ist denn das für ein Argument?! Du stellst deinen Job gegen meinen Lehrauftrag? Und willst mich deswegen allein gehen lassen?»
Juliane rieb sich die Arme und zog die Schultern hoch.
«Ja», sagte sie unbehaglich.
«Ich fasse es nicht! Es war doch von Anfang klar, dass wir eines Tages hier weggehen.»
«Ich hatte immer gehofft, dass du es dir anders überlegst. Es ist doch schön hier, wir haben Freunde–»
«Meinst du, ich will auf ewig in diesem Provinznest versauern? Ich habe so viel in meine Karriere gesteckt, nun ist es endlich so weit.»
«Es zählt wohl gar nicht, was ich davon halte, oder?»
«Ich verstehe dich wirklich nicht. Wenn du dich jetzt weigerst mitzukommen – wie sieht das denn aus?»
Er wirkte richtig böse. Robert verlor selten die Beherrschung, aber wenn, war es immer eine schmerzhafte Erfahrung. Seine Worte drangen tief ein, und die Schnitte heilten nie ganz.
«Also? Ich will das jetzt geklärt wissen. Die Gäste kommen gleich.»
Sein scharfer Ton verhieß nichts Gutes. Worauf wartete sie? Dass er einlenkte? Sagte, dass er allein ginge oder ihr zuliebe auf den Lehrstuhl in Hamburg verzichtete? Sie wusste doch zu gut, wie schwach ihre Position war und wie kompromisslos er sein konnte, wenn es sich für ihn um lebenswichtige Dinge handelte. Sie öffnete den Mund. Tut mir leid, wollte sie sagen, natürlich komme ich mit, doch als sie den Blick hob, blieb sie stumm. Wenn er so lächelte, hielt er einen letzten Pfeil parat.
«Allerdings, wenn es dir tatsächlich ernst ist», sagte er freundlich, «dann bleibst du eben hier. Vielleicht findet sich ja eine andere Begleitung.»
Juliane starrte ihn an, als die Klingel melodisch durchs Haus hallte. Der Besuch war da.
Robert runzelte die Stirn, warf einen Blick in den Spiegel, strich mit zwei Fingern einer Hand über die Schläfenhaare und drehte sich um.
«Wir sprechen uns später!», rief er über die Schulter, dann fiel die Schlafzimmertür hinter ihm ins Schloss.
Juliane gähnte verstohlen. Es war lange nach Mitternacht, aber sie wusste aus Erfahrung, dass niemand vor dem Morgengrauen aufbrechen würde. Wenn Robert einlud, wurde immer ausgiebig gefeiert, und heute gab es einen besonderen Anlass.
Sie sah zu ihm hinüber, wie er gerade Wein nachschenkte, eine Hand auf Klaus-Peters Schulter gelegt, die Flasche abstellte und noch im Stehen übergangslos ins Gespräch zurückkehrte, eine Behauptung, geschliffen formuliert, in die Runde warf, und im lachenden Protest, den er erntete, alle im Nu in sein Lieblingsspiel gezogen hatte.
Er war in seinem Element, ihr schöner, charmanter, sprühender Mann, der sich in dieses Wunderwesen verwandelte, sobald er von Publikum umgeben war. Juliane kam sich vor wie bei einem Tennisturnier, wenn die Sätze vorbeisprangen und Beifall jeden Treffer begrüßte. Beinahe war sie versucht, selber mitzumachen, das Wort aufzufangen und mit einer flinken Wendung weiterzugeben, doch sie ließ es lieber, da sie wusste, dass sie nur ein Stirnrunzeln von Robert ernten würde. Anders als früher, als er ihre Beiträge zu schätzen wusste.
In dunklen Momenten hegte Juliane den Verdacht, dass er sie damals nur geheiratet hatte, weil sie nützlich für ihn war. Sie sagte sich dann zwar sofort, dass sie übertrieb, dass sie durchaus noch eine Rolle für ihn spielte, doch an Abenden wie diesem war ihr auf ihrem Platz am Rande des Geschehens nur zu bewusst, dass sie in seinem Windschatten lebte. Jahrelang hatte sie ihm den Rücken freigehalten – bis sie nichts mehr sah als seinen Rücken.
Juliane richtete sich auf, prüfte mit einem Blick den Inhalt der Gebäckschalen, stellte fest, dass die Kerzen auf der Anrichte heruntergebrannt waren, erhob sich und ging unbemerkt hinüber.
Als ob ich nicht da wäre, dachte sie nicht zum ersten Mal. Die fabelhafte unsichtbare Gastgebergattin, die es den Gästen behaglich machte. Niemand würde ihr hinterherschauen, am wenigsten Robert, an dem sie gerade vorbeistreifte. Wie lange mochte es her sein, dass er ihr solch ein dunkles Lachen geschenkt hatte wie in diesem Moment Sibylle?
Wir sehen uns kaum noch an, dachte sie. Und wir reden kaum. Aber es gibt ja auch wenig zu sagen, wenn man so eingespielt ist wie wir zwei. Das ideale Paar, wie alle sagen.
Juliane bückte sich, zog eine Schublade an der Anrichte auf und tastete im Dunkeln nach der Kerzenschachtel.
«Schade, dass du nicht Golf spielst, Robert!», tönte Thorstens animierte Stimme. «Sie würden dich mit offenen Armen im Club empfangen.»
«Robert wird überall mit offenen Armen empfangen», sagte Juliane mit einem Hauch von Spott über die Schulter.
«Aber ja!», rief der Freund. «Das Vassar College kann sich glücklich preisen.»
«Wo liegt das eigentlich genau?», wollte Sibylle wissen.
«Im Staat New York, im Hudson Valley. Nach dem Prospekt zu urteilen, eine einmalig schöne Gegend.»
«Warum hast du uns nicht erzählt, dass du dich um eine Gastdozentur bewirbst?», fragte Klaus-Peter, ein unüberhörbarer Vorwurf in der Stimme.
«Ich wusste ja nicht, ob sie mich nehmen.»
«Dich nicht nehmen! Das glaubst du doch selber nicht.» Das klang jetzt eine Spur neidisch. «Was sagt denn Juliane dazu?»
Das Ploppen eines Korkens verriet, dass Robert eine neue Flasche öffnete.
«Sie ist begeistert, was sonst.»
Wein plätscherte in ein Glas.
Juliane löschte die flackernden Stummel und drückte die neuen Kerzen vorsichtig in das weiche Wachs.
«Und was ist mit ihrem Job? Werden sie ihr die Stelle freihalten?»
«Ach, das ist doch nicht wichtig. Der Job ist sowieso mehr ein kleines Hobby.»
Julianes Hand zitterte leicht, als sie die Dochte entzündete.
«Wieso Hobby?», fragte Marita. «Ich denke, das ist eine volle Stelle?»
«Das bisschen Information und Bücher einordnen? Ich bitte dich! Wer möchte noch einen Schluck? Das ist ein Bordeaux von hohen Gnaden, ich hab ihn für einen speziellen Anlass reserviert.»
Juliane drehte sich um, ging zu ihrem Sessel zurück, winkelte beim Hinsetzen die Beine an und zog den Rock bis zu den Füßen. Ihr war plötzlich kalt.
«Was willst du denn machen, falls sie dir in der Bibliothek kündigen?», fragte Marita.
«Ich weiß nicht.» Juliane zuckte die Schultern. «Ich könnte es in einer Buchhandlung versuchen, aber es wäre nicht dasselbe.»
«Im Haus gibt es genug zu tun», warf Robert herüber. «Und Bücher haben wir reichlich. Ich rede seit Jahren davon, dass sie sich mal hinsetzt und ein Inventarverzeichnis anlegt. Aber sie hat ja nie Zeit.»
«Wäre das nicht was?», fragte Marita.
«Vielleicht.»
«Robert, wir werden dich vermissen!», rief Thorsten und hob sein Glas. «Vor allem deinen exquisiten Weinkeller. Auf dein Wohl!»
Alle lachten und prosteten ihm zu.
Dass Robert nicht viel von ihrer Arbeit hielt, wusste Juliane. Dabei verdankte er ihr viel. Außerdem hatten sie sich in der Universitätsbibliothek kennengelernt, aber beides schien ihm wohl inzwischen nicht mehr erinnernswert. Sie dagegen würde nie vergessen, wie am ersten Arbeitstag ihr erster Benutzer an die Informationstheke kam und einen Zettel vor sie hinlegte: «Sind Sie in Romantik bewandert? Ich suche etwas Bestimmtes.»
Mein Spezialgebiet, hätte sie beinahe gesagt, aber dann ließ sie es lieber, weil sie wusste, dass er eine literarische Epoche meinte, die mit dem Sehnsuchtsland der großen Gefühle, in das sie so gerne lesend entschwebte, nichts zu tun hatte.
Was genau ihn beschäftigte, erfuhr sie bald von ihm selbst. Dr.Meynen kam häufig vorbei, um nach einem Buch oder Artikel zu fragen, aber auch, um über seine Pläne und Probleme zu reden. Offenbar hatte er gehofft, die Habilitation in einem Rutsch zu erledigen, doch zu seinem Ärger kam ihm ständig der laufende Vorlesungsbetrieb in die Quere, von Prüfungen gar nicht zu reden.
Juliane sah eine Chance und bot ihre Hilfe an. Sie übernahm das Besorgen der Bücher, recherchierte für ihn, tippte seine Texte, korrigierte die Überarbeitungen und hörte ihm zu, wenn er Gedanken formulierte oder aus dem Manuskript vorlas, letzteres in seiner Wohnung, nach dem gemeinsamen Essen, das sie gekocht hatte.
Ohne sie hätte er es nicht in der Rekordzeit geschafft, versicherte der frisch habilitierte Robert am Abend des Prüfungstages, er würde ihr ewig dankbar sein. Im Überschwang des Augenblicks machte er ihr einen Heiratsantrag, den sie auf der Stelle annahm. Vielleicht wollte er sich nur ihre Mitarbeit für die kommenden Jahre sichern, hatte sie später einmal überlegt, aber damals war sie hingebungsvoll und kritiklos verliebt.
Sie lernte ja auch viel durch ihn, speziell über die deutschen Romantiker, deren Leben und Werk ständig am Rande von Chaos und Wahnsinn, zwischen dem Nichts und der Vernichtung taumelten. Wenn sie aber geglaubt hatte, dass sich Robert aus Neigung oder innerer Übereinstimmung mit dem Thema befasste, irrte sie.
Im Grunde lag ihm der romantische Geist überhaupt nicht. Diese versessene Pflege des Gefühls, die Betonung des Sinnlichen, die absolute Freiheit der Gedankenspekulation waren dem Vernunftmenschen Robert suspekt. Er selber habe nie am Abgrund gestanden und die Versuchung gespürt, in die verlockende Tiefe zu springen, gab er zu, als Juliane ihn danach fragte. Und wolle es auch nicht. Juliane schon, zumindest damals.
«Wo bleibt der Kaffee?»
Sie schreckte auf. Das war Robert mit ihrem Stichwort. Anscheinend waren die Gäste im Begriff zu gehen, und sie hatte nichts gemerkt.
Schnell erhob sie sich und ging in die Küche, schaltete die Espressomaschine an, stellte sechs Tässchen und Teller, Milch und Zucker auf das Tablett, füllte die Keksschale, öffnete das Fenster und lehnte sich hinaus.
Es nieselte und roch nach Gras.
Roberts Party war zu Ende. Er durfte zufrieden sein. Die Reaktion der Freunde auf die Nachricht war wie erhofft ausgefallen, und nebenbei hatte er klargestellt, was er von seiner Frau erwartete: Loyalität und uneingeschränkte Unterstützung. Denn es stimmte ja, er hatte nie Zweifel daran gelassen, dass eine Universitätskarriere oberste Priorität für ihn war. Mit der Heirat hatte sie sein Lebensprogramm mitunterschrieben. Und alles hatte bisher gut geklappt, sie hatte ihren Platz gefunden und war zufrieden. Wozu ihn also jetzt so enttäuschen? Wollte sie das wirklich? Und wenn er deshalb seine Drohung von vorhin wahrmachte?
Die Kaffeemaschine blubberte und verstummte mit einem Seufzer; der Espresso war fertig. Juliane füllte die Tassen und trat mit dem Tablett aus der Küche.
Im Flur scholl ihr Gelächter entgegen. Offenbar waren die Freunde bereits dabei, sich zu verabschieden. Robert, glänzend gelaunt, vom Wein und den Gesprächen angeregt, schüttelte Hände, küsste Wangen, half in Mäntel.
«Wo warst du denn? Jetzt doch nicht mehr!», zischte er Juliane zu, hielt sie mit einer Handbewegung zurück und öffnete die Haustür.
Die beiden Paare drehten sich auf dem Gehweg um, winkten, riefen: «Ciao! Vielen Dank fürs Essen, es war herrlich, wie immer!», und liefen zu ihren Autos.
«Wartet, es regnet, ich hole einen Schirm!», rief Robert, öffnete das Garderobenschränkchen, warf Handschuhe, Schals und Einkaufsbeutel auf den Boden, griff sich einen Schirm und stürzte hinaus.
Doch er kam zu spät. Von der Schwelle aus sah sie, dass ein Wagen bereits hupend davonfuhr, während der andere durchs Gartentor steuerte, verfolgt von Robert, der den Rücklichtern mit erhobenem Arm hinterherlief, als ob er den Freunden unbedingt noch etwas Wichtiges mitteilen müsste.
Er kann auch nie ein Ende finden, dachte sie und wandte sich ab, um hineinzugehen. Da hörte sie Robert rufen.
«Juliane! Komm mal her!»
Sie drehte sich um.
«Was ist? Komm lieber rein, du wirst ganz nass.»
Er stand vornübergebeugt auf dem Rahmen des Gartentors und rüttelte an der Klinke. Den Regenschirm hatte er auf den Boden geworfen.
«Hilf mir mal, das blöde Ding klemmt wieder.»
Robert mit den zwei linken Händen. Juliane musste lächeln und wollte sich bücken, um das Tablett abzustellen, als eine Windbö über die Ausfahrt fegte, das Tor aufriss und mitsamt Robert, der sich schwankend am Gitter festhielt, zur Seite schleuderte. Das Tor schlug an, wurde zurückgeworfen und fiel krachend ins Schloss, Robert verlor den Halt und stürzte rückwärts in voller Länge hinunter. Sein Kopf prallte mit einem dumpfen Geräusch aufs Pflaster, dann blieb er reglos liegen.
Juliane ließ das Tablett fallen und rannte schreiend über den Plattenweg zu ihm.
Mit hängenden Armen stand Juliane in der Notfallambulanz und starrte auf die Schwingtür, hinter der das Krankenbett soeben verschwunden war, Robert leblos ausgestreckt unter dem weißen Laken, sein blasses Gesicht zur Seite geneigt, die Augen geschlossen, ein Blutfaden im Mundwinkel, Blut auf dem Kissen, über ihm die Infusionsflasche, von einem der Sanitäter gehalten. Dann verdeckte das hohe Bettende den Blick auf Robert, die Flügeltüren pendelten zu, die Stimmen und Schritte verhallten.
«Würden Sie das bitte ausfüllen?»
Juliane fuhr zusammen.
Der junge langhaarige Mann im weißen Kittel schob ihr ein Blatt Papier über den Anmeldetresen zu, rollte mit dem Stuhl beiseite und vertiefte sich wieder in einen Bericht auf dem Computerschirm.
Sie nahm den Fragebogen und einen Stift und versuchte zu lesen, doch die Worte verschwammen. Jetzt keine Tränen, ermahnte sie sich, blinzelte und begann mit unsicherer Hand zu schreiben. Name, Geburtsdaten, Anschrift. Krankheiten? Robert war kerngesund. Operationen? Eine Blinddarmnarbe hatte er schon, seit sie ihn kannte, dann musste das mindestens zwölf Jahre her sein. Raucher? Gelegentlich, das hieß weder ja noch nein.
«Was soll ich ankreuzen, wenn mein Mann nur ab und zu raucht?», fragte sie den jungen Mann. «Zigarillos, ohne Inhalieren.»
Er wiegte den Kopf.
«Ich würde sagen, ja. Aber wenn er wenig raucht, sieht das auf jeden Fall besser für ihn aus.»
Sie riss die Augen auf.
«Besser?»
«Sein Atemvolumen ist größer, das verringert die Gefahr einer Lungenentzündung. Wenn er lange liegen muss.»
«Aber bei einer Gehirnerschütterung muss man nicht lange liegen!» Ihre Stimme stieg schrill an. Sie schloss beschämt den Mund und fügte leise hinzu: «Das haben die Sanitäter gesagt. Dass es nach einer Gehirnerschütterung aussieht.»
«Dann ist ja gut», sagte er zu dem Bildschirm. «Sind Sie fertig? Unterschrieben?»
Juliane kritzelte ihren Namen. Wie eine Fälschung, dachte sie. An seiner Stelle würde sie ihren Pass zur Kontrolle verlangen. Doch er überflog die Angaben kommentarlos und rollte damit zum Computer.
«Wenn Sie da drinnen warten wollen. Sie können dann mit dem Arzt sprechen», sagte er und wies mit dem Daumen über den Gang.
Sie folgte der angegebenen Richtung zum Wartezimmer, sah, dass die Uhr über der offen stehenden Tür halb drei zeigte, und trat ein.
Dünne Radiomusik wehte aus dem Lautsprecher und betonte das Schweigen im Raum. Die Leute blickten kurz hoch, als sie grüßte, und murmelten eine Antwort. Juliane setzte sich in die leere Reihe neben dem Eingang und schaute sich abwesend um.
Der ältere Mann im dunklen Anzug schräg gegenüber blätterte in einem zerfledderten Magazin. Das Pärchen an der Längsseite saß eng umschlungen, das Mädchen in die Lederjacke ihres Begleiters geschmiegt. Ab und zu jammerte es leise bei dem Versuch, einen geschwollenen Fuß zu bewegen. Wohl beim Tanzen umgeknickt, dachte Juliane. Kein Wunder bei den Stilettoabsätzen. Dass man darin überhaupt gehen konnte! Sie sah auf ihre flachen Sandalen hinunter. So was würde sie nie riskieren.
Ein Name und die Nummer eines Zimmers wurden aufgerufen. Das Mädchen rappelte sich mit Hilfe ihres Begleiters hoch, er legte einen Arm um ihre Taille und stützte sie auf dem Weg zur Tür. Juliane blickte ihnen nach, wie sie langsam an der Fensterfront des Wartezimmers vorbeikamen, der große besorgte Bursche und das lockenköpfige Leichtgewicht neben ihm.
«Sind Sie Angehörige?», fragte der ältere Mann und legte das Magazin beiseite, als ob er auf diesen Moment gewartet hatte.
Juliane nickte.
«Unfall?»
«Hm.»
«Schlimm?»
«Ich weiß nicht.»
«Welcher Teil?»
«Teil?»
«Ich meine, was ist gebrochen? Arm, Bein, Schulter, Becken?»
«Sie kennen sich wohl aus.»
«Meine Frau hat Osteoporose», sagte er in respektvoller Betonung des vielsilbigen Worts. «Sie bricht sich immerzu was. Diesmal ein Handgelenk, aber das kann man ambulant richten.»
«Wie schön.»
«Wer ist es bei Ihnen, Ihr Mann?»
«Hm.»
«Dann war er das grade mit dem Rettungsdienst? Was hat er denn?»
«Gehirnerschütterung.»
«Oje. Der Kopf ist das Schlimmste, sag ich immer. Sehen Sie mich an. Vor drei Jahren ein Auffahrunfall, natürlich nicht selbst verschuldet, aber Halswirbeltrauma und doppelter Kieferbruch, zwölf Zähne verloren, danach Gebiss.»
Er fasste sich mit beiden Händen in den Mund, hielt demonstrativ zwei rosa Prothesen in die Luft und bleckte seine leere Vorderfront.
Juliane wurde leicht übel.
Zum Glück erschien eine füllige Dame im rosa Abendkleid in der Tür und wies fröhlich auf einen eingegipsten Arm. Schnell drückte er die Zahnreihen an ihren Platz zurück, sprang auf und lief ihr entgegen, dann entfernten sich die zwei eifrig tuschelnd im Gang. Draußen wurde es still.
Juliane umfasste fröstelnd ihre Arme. Solange Leute mit ihr im Wartezimmer gesessen hatten, war sie abgelenkt gewesen, geschützt vor den Gedanken und Bildern, die im Hintergrund lauerten und jetzt mitleidlos über sie herfielen.
Robert, wie er aufschlug und verkrümmt auf dem Pflaster liegen blieb. Warum war sie nicht in dem Moment, als er sie rief, hinausgestürzt, um ihm zu helfen? Das Unglück wäre nicht passiert.
Du hast Schuld, du hast Schuld, hämmerte es in ihr. Du hättest wissen müssen, dass er nicht ganz Herr der Lage war, denn er hatte viel zu viel getrunken, und warum? Weil er die Reaktion der Freunde genoss, ihren Beifall, Neid und Respekt, während du seinen Höhenflug boykottiert hast. Den Zorn darüber musste er hinunterspülen, damit er nicht explodierte.
Juliane seufzte bekümmert. So außer sich hatte sie Robert lange nicht erlebt wie nach ihrer Weigerung, mit nach Amerika zu gehen. Dabei war es nur der Versuch gewesen, ihn einmal anzuhalten auf seinem Geschwindmarsch, damit er stehen blieb und auf sie wartete. Damit sie beide einander ansehen und neu entdecken konnten, Gefühle wiederfanden, die sie verloren hatten.
Leider war das Vorhaben völlig danebengegangen. Was als eine Art Appell gemeint war, hatte sich gegen sie gewendet. Denn falls sie sich sträuben sollte, ihn zu begleiten – wäre sie ein Hemmschuh, den er ohne weiteres abschütteln würde? Und würde er ihren Platz wirklich neu besetzen?
Plötzlich fiel ihr das Atmen schwer. Sie stand auf, lief aus dem Wartezimmer, den Gang hinunter und blieb vor der Eingangstür stehen, eine Hand auf der Klinke, in der Bewegung erstarrt.
Undenkbar, Robert zu verlieren! Er war doch ihr Mittelpunkt, ihr Herzzentrum, von Anfang an und noch immer. Er hatte sich nur so weit von ihr entfernt, dass ihr das Wissen mit den Jahren abhandengekommen war. Aber vielleicht war der Unfall ein Zeichen, überlegte sie, ihre einzigartige, unwiederbringliche Chance. Ihr wurde ganz feierlich bei dem Gedanken. Sie drehte sich um, reckte die Schultern und versprach sich, alles zu tun, wenn das Schlimmste vorbei und Robert auf dem Weg der Besserung war, um gemeinsam das Gefühl von früher wiederzufinden: ihre umfassende Liebe.
«Frau Meynen?»
Die Stimme kam vom Flur. Juliane besann sich einen Moment und spähte den Gang hinauf. An der Anmeldung stand eine weißgekleidete Person, Arzt oder Ärztin. Nachrichten von Robert! Sie rannte los, vom Echo ihrer klappernden Sandalen begleitet, und blieb atemlos stehen.
«Was ist? Wie geht’s ihm?»
«Dr.Freiberg», sagte der blonde sommersprossige Mann mit ernster Miene. «Ich habe eine Röntgenaufnahme veranlasst; das Ergebnis deutet auf eine Schädelfraktur. Genaueres wird die Computertomografie zeigen.»
«Eine Fraktur? Im Kopf?»
«Ganz recht. Wahrscheinlich eine massive Stauchung der Wirbelsäule in den unteren Schädel. Auch die Blutungen aus dem Mund deuten darauf hin. Bei einem schweren Sturz ist die Gefahr einer Verlagerung von Knochenfragmenten ins Schädelinnere immer gegeben.»
«Was heißt das?», fragte Juliane alarmiert.
«Es können Teile ins Hirn eingedrungen sein. Eine OP scheint unumgänglich.»
«Eine Operation – am Kopf?», rief sie entsetzt. «Was machen Sie denn da?»
«Nun, ich nicht. Der Chirurg», sagte er gemessen. «Das, was getan werden muss: Entfernen der Splitter, Abdichten des Lochs–»
Es rauschte in ihren Ohren. Die weitere Aufzählung drang nur bruchstückhaft in ihr Bewusstsein.
«Wann?», brachte sie heraus, als er schwieg.
«So bald wie möglich.»
«Kann ich warten? Kann ich ihn sehen?»
«Besser nicht. Fahren Sie nach Hause, legen Sie sich schlafen. Sie können am Nachmittag die Intensivstation anrufen. Fragen Sie an der Rezeption nach der Nummer.»
Er sah müde aus. Bestimmt war er froh, ins Bett zu kommen. Aber wie sollte sie schlafen? Ein Wort, dachte sie und streckte bittend die Hand aus, ein einziges Wort, das mir Hoffnung gibt. Doch er hatte sich schon umgedreht, ging eilig auf die Schwingtür zu und war im nächsten Augenblick verschwunden.
Wie betäubt lief Juliane den Gang hinunter. Fahren Sie nach Hause. Aber wie? Sie wusste nicht einmal, wo der Parkplatz war, sie würde ihr Auto nie finden; es war dämmrig gewesen, als sie ankam.
Sie schaute durch die Drehtür ins Freie, und plötzlich stand das Bild in aller Schärfe vor ihren Augen, grell beleuchtet vom Neonlicht: Wie sie an der Notfallambulanz ausstieg, zwei Sanitäter, die das Krankenbett durch den Eingang rollten. Sie hatte Robert im Rettungswagen begleitet und seine Hand gehalten. Dann brauchte sie jetzt ein Taxi.
Juliane stieß die Tür auf, trat auf den Vorplatz hinaus und sog die frische Morgenluft ein.
Es war keine Gehirnerschütterung.
Der Kopf ist das Schlimmste.
Neben dem Treppenabsatz schimmerte hier und da etwas Weißes im Gras. Juliane blieb stehen und fragte sich, wer die Kieselsteine verstreut haben mochte, doch dann fiel ihr ein, dass es Scherben der zerbrochenen Tassen und Teller waren, die sie übersehen haben musste, als sie mit Müllschippe und Handfeger Ordnung schaffte. Bevor der Unfallwagen kam, nach dem Anruf beim Rettungsdienst. Ihn bloß nicht bewegen, hatte die Stimme am Telefon gesagt, vor allem nicht den Kopf anheben. Ein dunkler Blutfleck auf den grauen Pflastersteinen löste sich im Nieselregen auf. Sie hatte neben ihm am Boden unter dem Schirm gehockt und auf die Sirene der Ambulanz gewartet.
Juliane atmete tief, schloss die Haustür auf, ging durch den Vorraum in den Flur, legte ihre Tasche ab und horchte in das stille Haus.
Seltsam, in aller Herrgottsfrühe alleine heimzukommen, dachte sie verwundert; wahrscheinlich war es das erste Mal überhaupt. Nicht, solange sie bei den Eltern gelebt hatte, und selbst nachdem sie fortgezogen war und zur Miete wohnte, hätte sie es nicht gewagt, über Nacht wegzubleiben. Ein Anruf der grämlichen Tante Herta daheim, und sie hätten ihr die Hölle heißgemacht. Daran änderte auch die Verlobung mit Robert nichts. Gewisse Dinge waren in der Familie einfach undenkbar.
Juliane lächelte schwach. Sie hatte früh gelernt, vorhersehbare Katastrophen zu vermeiden. Das Leben war ohnehin schwierig genug.
Und seit der Heirat? War sie mit Robert zusammen oder zu Hause. Sie ging nie alleine weg, auch nicht gelegentlich mit ihrer besten Freundin ins Kino. Sie hatte keine, ihre Freunde waren gemeinsame, andere Ehepaare.
Roberts kleiner handverlesener Kreis. Ausnahmslos hervorragende Leute in besten Positionen. Ob sie Klaus-Peter und Thorsten vom Unfall berichten sollte? Oder zuerst im Dekanat Bescheid sagen wegen der notwendigen Vertretung? Sie schaute auf die Uhr. Viel zu früh für einen Anruf. Und war das Büro sonntags überhaupt besetzt?
In Gedanken öffnete sie die Wohnzimmertür und prallte zurück. Schaler Kneipengeruch schlug ihr entgegen, dass sie angewidert das Gesicht verzog, schnell durchs Zimmer lief und die Terrassentür aufriss.
Weinreste in Gläsern, halbleere Flaschen und volle Aschenbecher auf einem krümelübersäten Tisch waren ein durchaus vertrauter Anblick nach einer Einladung, nur nicht am nächsten Morgen. Sie räumte immer sofort auf, wenn die Gäste gegangen waren, brachte das Geschirr in die Küche, wischte ab, schob die Sessel zurecht und klopfte die Kissen, während frische Luft hereinzog. Zum Schluss, wenn sie fertig war, die Spülmaschine brummte und Robert längst schlief, stand sie am Fenster und trank ein letztes Glas Wein, ihr Ritual seit ein paar Jahren, mit dem sie den Abend zu den andern legte. Einer von vielen, der sie nicht weiter berührte, weil sie nur eine Nebenrolle darin spielte. Und dann träumte sie sich fort in eine helle Nacht im südlichen Schweden.
Auch dieser Abend hätte in die Reihe gehört, doch auf einmal war es ohne Belang, was sie jemals gedacht oder empfunden hatte, denn es zählte nicht mehr. Nicht nach dem schrecklichen Ende.
Wieder sah sie Roberts wachsbleiches Gesicht auf dem Kissen, und die Angst überschwemmte sie, dass sie sich am Türrahmen festhalten musste, um nicht zu fallen. Ihr Herz klopfte hart bis in den Hals hinauf.
Es können Teile ins Hirn eingedrungen sein. Eine OP scheint unumgänglich.
Sie stöhnte, drehte sich um und rannte in die Küche, holte ein großes Tablett, stellte Gläser, Schalen und Aschenbecher zusammen, trug es zurück, kratzte Essensreste von Tellern, aus Töpfen und Schüsseln, wusch das Geschirr vor, füllte die Spülmaschine bis zum Rand und ließ sie laufen, fegte und wischte den Boden, saugte im Wohnzimmer Staub, stand plötzlich verloren im Raum, sackte erschöpft aufs Sofa, legte die Beine hoch und schlief auf der Stelle ein.
Ihr Kissen war nass, als sie am frühen Nachmittag erwachte. Sie rief im Krankenhaus an, man verband sie mit der Intensivstation. Ein Arzt oder Pfleger sagte, es sei momentan etwas hektisch wegen der Neuzugänge, aber sie könne ihren Mann besuchen, wenn sie unbedingt wolle. Er liege im Koma.
Eine Front aus Milchglasscheiben und eine blaue Doppeltür mit dem Hinweis «Besucher bitte über die Sprechanlage melden» versperrte den Weg. Juliane betätigte den Knopf und nannte ihren Namen.
«Wer, bitte?», hörte sie eine undeutliche weibliche Stimme.
«Ich möchte zu meinem Mann, Dr.Robert Meynen.»
«Warten Sie. Ich seh mal nach.»
Aber man hat mir gesagt, ich darf zu ihm, dachte Juliane mit aufsteigender Panik. Ging es ihm schlechter seit dem Anruf?
«Kommen Sie rein.»
Es summte, Juliane drückte gegen die Tür und folgte dem Gang, an dessen Ende ein hell erleuchteter Bereich lag. Der Eingang stand offen. Sie spähte um die Ecke, ging zögernd ein paar Schritte und blieb verwundert stehen.
Eine Intensivstation hatte sie sich anders vorgestellt, vor allem geräuschlos: gedämpfte Stimmen und Schritte, unsichtbare Instrumente und Apparaturen, die unhörbar arbeiteten. Doch es war laut und geschäftig wie in einer Fabrik. Schwestern liefen hastig vorbei und riefen einander Anweisungen zu, der Flur war erfüllt vom Piepen, Ticken und Tröten der Geräte, ein Telefon schrillte, jemand antwortete kurz und entschieden.
Plötzlich erstarrte sie.
Durch eine der Fensterwände, die den großen Raum in einzelne Abteilungen trennte, sah sie einen reglosen dunkelhaarigen Patienten wie aufgebahrt in einem hochgestellten Bett auf Brusthöhe zweier Ärzte, die sich besorgt über ihn beugten, sein Gesicht unkenntlich hinter einer durchsichtigen Sauerstoffmaske.
Robert? Juliane brach der Schweiß aus. Sie zog ihre Strickjacke fester um sich, lehnte sich mit dem Rücken an die Wand und atmete mit Mühe.
«Ist es heute so warm oder kommt es mir nur so vor?», sagte eine Schwester neben ihr und wischte sich mit dem Unterarm über die gerötete Stirn, ihr brauner Zopf in leichter Auflösung.
«Es ist warm», sagte Juliane mit schwacher Stimme. «Das muss wohl so sein wegen der Patienten?»
«Klar», sagte die Schwester. «Damit sich keiner erkältet. Wen suchen Sie?»
«Robert Meynen. Ist er das?»
Sie zeigte mit zitterndem Finger zu dem Bett gegenüber.
«Nein, der ist in Nummer sieben. Ich bin Elke, falls Sie was brauchen.»
Schon eilte sie weiter.
Erleichtert ging Juliane nach rechts hinüber und trat behutsam durch den offenen Vorhang in Roberts Zimmer. Bei seinem Anblick stockte ihr der Atem.
Schräg auf dem Kissen lag sein bandagierter Kopf und sah ihr blicklos aus dunkel umrandeten Augenhöhlen entgegen, die metallene Klemme eines Schlauchs zwischen den Zähnen, der ein rhythmisches Zischen von sich gab. Das Geräusch schwoll in ihren Ohren an, der Fußboden begann zu schwanken.
Juliane umklammerte das Gestell und zwang sich, Robert anzuschauen, näher zu gehen, seine Wange und Stirn zu berühren. Natürlich lebte er! Seine Pupillen waren starr, aber seine Brust hob und senkte sich, die regelmäßigen Töne der Messgeräte, die Linien und Kurven auf den Monitoren über ihm bewiesen, dass seine Funktionen intakt waren. Oder nicht?
Sie schob einen Stuhl ans Bett und sank auf den kalten Sitz. Ihr war schlecht.
«Brillenhämatom», sagte jemand hinter ihr.
Juliane fuhr zusammen und sprang auf die Füße.
Ein Pfleger stand am Eingang, eine volle Infusionsflasche in der Hand.
«Die Blutergüsse um die Lider herum. Typisch bei bestimmten Schädelfrakturen. Aber bleiben Sie sitzen, ich muss das nur auswechseln.»
Mit geschickten Fingern brachte er die Flasche an, dann kontrollierte er die Anzeigen, bückte sich, prüfte die Kanülen an Roberts Hand und in der Nase, die Klemme an der Spitze seines Zeigefingers, den Sitz des Schlauchs im Mund.
«Alles okay, nur seine Temperatur ist noch zu niedrig. Vorerst muss er künstlich beatmet werden. Sieht schlimmer aus, als es ist.»
Er lächelte kurz und verschwand.
Ich hätte ihn was fragen sollen, dachte Juliane, während sie ihm wie betäubt hinterhersah. Wann Robert voraussichtlich aufwachen würde, was der Arzt sagte. Und was das eigentlich hieß: im Koma liegen. Ob sein Hirn verletzt war?
Lass das, ermahnte sie sich, rückte dichter an Robert heran, schob vorsichtig eine Hand unter seine Finger und bedeckte sie mit der andern Hand. Seine Haut fühlte sich kühl an.
«Bitte, wach auf», sagte sie leise. «Hörst du mich?»
Tränen rollten ihr über die Wangen, das Kinn hinab und tropften aufs Laken.
«Frau Meynen?»
Juliane wischte hastig über die Augen, drehte den Kopf und erhob sich zögernd.
Ein großer, schlanker, weißhaariger Arzt mit erstaunlich jungem Gesicht kam näher, gab ihr die Hand und begann einen Kurzvortrag, von dem sie wenig verstand. Das Wort Brillenhämatom fiel wieder, außerdem Schädel-Hirn-Trauma, Verlagerung von Knochenfragmenten, chirurgische Abdichtung und mögliche neurologische Ausfälle.
Als er schwieg, wiederholte sie langsam und fragend, als ob sie ihren Ohren nicht traute: «Ausfälle?»
«Nun, Lähmungen.»
«Ah.»
«Man kann heute viel machen», sagte der Arzt, der laut Namensschild am Kittelrevers Hartung hieß. «Wir haben eine ausgezeichnete neurologische Abteilung im Haus. Aber zunächst muss Ihr Mann natürlich das Bewusstsein wiedererlangen.»
Mit scharfen Augen überflog er die Ausschläge auf den Monitoren, blickte kurz zu Robert, grüßte und war fort.
Juliane ließ sich in den Stuhl fallen. Sie fühlte sich matt und erschöpft, Rücken und Glieder taten weh, und die Füße brannten. Sie hatte die Slipper weiten lassen, aber es war kein Erfolg, die Dinger drückten noch immer, was ein Jammer war, denn die Farbe passte genau zu der blauen Strickjacke, die sie heute zum ersten Mal zusammen mit den Schuhen trug. Dabei konnte Robert sie gar nicht sehen. Aber sie hatte bei ihrem ersten Besuch perfekt aussehen wollen.
Und jetzt saß sie schlaff, verschwitzt und verheult an seinem Bett. Wenn Robert wüsste, was für einen Eindruck sie bei dem Arzt und Pflegepersonal machte. Haltung, Juliane!
Sie seufzte, streifte die Schuhe ab und spürte aufatmend den kühlen Boden unter der Haut. Und dieses hier wäre der Gipfel für ihn, musste sie beim Anblick ihrer geschwollenen Zehen plötzlich denken: wie sie seine Maßstäbe mit nackten Füßen trat.
Aber er sah sie ja zum Glück nicht.
Allmählich wurde Juliane müde. Sie schaute nicht mehr ständig zwischen Roberts Gesicht und den Überwachungsanzeigen hin und her, als ob sie persönlich verantwortlich war, denn es geschah nichts, keine entscheidende Veränderung, die sie augenblicklich melden müsste.
Anfangs war ihr jedes Mal fast das Herz stehen geblieben, wenn ein rotes Lämpchen unter lautem Piepen hektisch blinkte, und sie war hinaus gelaufen, um Hilfe zu holen, weil sie das Schlimmste befürchtete, doch inzwischen wusste sie, dass nur wieder eine Infusionsflasche oder Kartusche ausgewechselt werden musste.
Nach Stunden im Besucherstuhl war sie an die Abläufe gewöhnt. Die dauernde Wiederholung derselben Vorgänge und Töne hatte sogar etwas Beruhigendes. Das Kommen und Gehen der Schwestern und Pfleger, die turnusmäßig Roberts Werte und Funktionen kontrollierten, das Zischen des Beatmungsgeräts, die rhythmischen Signale auf den Monitoren, alles zusammen bewirkte, dass sich ihre Angst und Anspannung nach und nach legten.
Tatsächlich spürte sie eine Art Sicherheit, denn sie sah, dass sich Robert in kompetenten Händen befand. Und wenn draußen auf dem Flur ein Bett vorbei gerollt wurde, sagte sie sich, dass es ein Neuzugang war, der bestens versorgt werden würde, kein Sterbefall.
Ab und zu schaute sie zur Uhr hinüber, nur um festzustellen, dass sich die Zeiger kaum bewegt hatten. Als ob dieses Zimmer außerhalb der Zeit lag, dachte sie, mit Robert auf seinem Bett in ewiger Bewusstlosigkeit.
Als die Nachtschwester hereinkam, sagte sich Juliane, dass sie allmählich gehen sollte. Sie zwängte sich in die Slipper, nahm Jacke und Tasche, küsste Robert auf die Stirn, strich ihm über Arme und Schultern, ohne dabei die Schläuche zu berühren, flüsterte «Auf Wiedersehen» und ging widerstrebend hinaus.
«Machen Sie’s gut!», rief ein Pfleger vom Ende des Flurs.
«Bis morgen!», rief sie mit heller Stimme zurück, doch schon im Fahrstuhl rang sie um Fassung.
Auf dem Parkplatz weinte sie, weinend stieg sie ein und fuhr blind vor Tränen wie durch eine Regenlandschaft heim. Autos, Fahrräder, Fußgänger nahm sie nur schemenhaft wahr. Plötzlich glühten die Rücklichter des Lasters vor ihr rot auf, sie trat hart in die Bremse, wurde nach vorn geschleudert und fiel in den Sitz zurück.
Glück gehabt, dachte sie erschrocken, das Steuer noch immer fest umklammert. Was, wenn sie unter die riesigen Räder geraten wäre? Nicht auszudenken. Sehr wach und aufmerksam fuhr sie weiter. Sie durfte sich nicht gehen lassen. Es kam jetzt auf sie an.
Zu Hause kochte sie einen Tee, setzte sich ins Wohnzimmer und versuchte, ihre Gedanken zu ordnen.
Dinge mussten getan, Leute angerufen werden. Roberts Krankmeldung, vier Wochen vor Semesterschluss; sie würden fragen, für wie lange. Aber er lag noch im Koma! Man wusste es nicht. Keiner konnte sagen, wie lange oder wann, ob überhaupt.
Es musste gedacht werden. Es war jederzeit möglich, in dieser Sekunde, in der Nacht, am nächsten Morgen. Dass er starb.
Julianes Herz begann zu rasen. Nein, sie wollte es nicht denken, sie wollte nichts wissen, nichts hören, nur Schritt für Schritt gehen, von Tag zu Tag. Eins nach dem andern, bis Robert zurückkam.
Sie stand auf, ging im Zimmer hin und her, dann nahm sie den Telefonhörer, tippte Klaus-Peters Nummer, und als er sich meldete, berichtete sie ihm in knappen Sätzen von Roberts Sturz und Befinden.
Er war sehr betroffen. Ein guter Bekannter habe drei Wochen im Koma gelegen, danach sei sein Sehvermögen gravierend beeinträchtigt gewesen und das Hören so weit reduziert, dass er auf Theater- und Kinobesuche ganz verzichten musste; als Konsequenz habe er sogar den Führerschein abgegeben. Aber immerhin sei er wieder aufgewacht.
Julianes Magen zog sich zusammen.
«Der Arzt ist sehr zuversichtlich, was die Behandlungsmöglichkeiten angeht», hielt sie ihm tapfer entgegen.
«Na prima», sagte Klaus-Peter. «Hast du schon im Dekanat Bescheid gesagt? Es ist immer ärgerlich, wenn jemand mitten im Semester ausfällt.»
«Das mache ich gleich. Ich wollte dich nur als ersten benachrichtigen.»
«Nett von dir. Tut mir leid mit dem Unfall. Grüß schön beim nächsten Besuch, auch von Sibylle. Und halt uns auf dem Laufenden.»
Er hatte aufgelegt. Wahrscheinlich sahen die beiden fern. Es war Sonntagabend, und sie war mitten in ihren geliebten «Tatort» geplatzt.
Juliane stand ein wenig verloren im Zimmer, den Hörer in der Hand. Wenn ich könnte, würde ich jetzt Roberts Eltern anrufen, dachte sie mit leisem Bedauern. Obwohl sie sich selten sahen und eigentlich nie telefonierten, mochte sie die beiden sehr, besonders ihre Stimmen, die norddeutsche Färbung und einfache Art zu reden. Nach dem ersten sprachlosen Schrecken das atemlose «Och, Kind!» seiner Mutter, ihre Angst um Robert, aber auch Mitgefühl für Juliane.
Nein, ein Krankenbesuch sei nicht nötig, würde sie sagen, so schlecht ginge es ihm nicht. Macht euch keine Sorgen, er ist bald über den Berg.
Es würde ihr gut tun, aber sie wusste, dass sie damit eine Grenzverletzung beginge.
Schon lange hatte Robert die alten Meynens aus seinem Lebenskreis entfernt und dafür gesorgt, dass sie unsichtbar blieben. Wenn man ein Ziel vor Augen hat, muss man sich selbst neu erschaffen, war ein gern zitiertes Credo von ihm. Und dazu gehöre es, falls nötig, seine Herkunft wie lästigen Ballast abzuwerfen.
Juliane hörte aber mit der Zeit aus dem Wenigen, das er von früher erzählte, seine wahren Motive heraus.
Robert hatte sich nicht gegen Fesseln und Bevormundung zu wehren wie sie, sondern gegen zuviel Liebe, Bewunderung und Stolz. Tatsache war, dass er sich seiner Eltern schämte. Er verzieh ihnen nicht, dass sein Zuhause ein Gemischtwarenladen auf dem Land war, in dem er als Kind spielte und als Heranwachsender während der Schulferien aushelfen musste. Man stelle sich vor: Er, der sich an Gedichten von Hermann Hesse und Lord Byron berauschte, war gezwungen, Kartoffelsäcke und Obstkisten zu schleppen! Wenn es möglich gewesen wäre, hätte er sich schon damals von ihnen scheiden lassen, aber das holte er später gründlich nach.
Als das Bewusstsein eine unangenehme Note bekam, ihrem Fleiß und dem Ertrag des Ladens die Kosten für Schülerwohnheim, Studium und Promotionszeit zu verdanken, redete er mit ihnen und setzte die Grenzen fest. Sie fügten sich, vernünftig und einsichtsvoll. Was sollten sie auch tun? Sie liebten ihn, und wenig von ihm zu haben war besser als nichts, das lernte später auch Juliane. Auf jeden Fall musste man anerkennen, wie zielstrebig er auf Höhenkurs ging, den Sternen entgegen.
Und nun diese Bruchlandung! Vielleicht war der Unfall wirklich ein Zeichen. Vielleicht würde alles anders, wenn er zurückkam.
Plötzlich hatte Juliane Hunger. Im Kühlschrank waren Reste von den Vorspeisen und der Hähnchenkasserolle. Schnell ging sie in die Küche, nahm die abgedeckten Platten heraus, setzte sich an den Tisch und aß.
Nach einer Zeit ließ sie das Besteck sinken. Sie war satt, aber es hatte nach nichts geschmeckt, wie Grießbrei mit Stroheinlage. Dabei hatte sie nach Einladungen immer besonders gern gegessen.
Früher, in den ersten Jahren mit Robert, waren das richtige Gelage gewesen. Ihr schmeckte es am nächsten Tag ohne den Stress von Vorbereitung und pünktlichem Servieren sowieso viel besser, und Robert genoss es, Nachlese zu halten und die Gäste des Abends mit boshaften Kommentaren vorbeidefilieren zu lassen.
Sie tranken auch reichlich dabei, zunächst, was von Sekt und Wein übrig war, dann holte Robert eine besonders edle Flasche, und irgendwann fielen sie sehr beschwipst ins Bett und übereinander her.
Juliane seufzte, stützte einen Ellbogen auf den Tisch und legte das Kinn in die Hand. Wann war das gewesen? Vor zehn, zwölf Jahren? Unglaublich, wie viel Lust und Leben damals in ihnen gesteckt hatte! Und jetzt?
Sie hatte sich angewöhnt, abends fernzusehen, wenn Robert in der Uni oder in seinem Zimmer war, weil sie die knackende Stille im Haus nicht mehr ertrug.
Wenn sie wenigstens eine Katze oder einen Hund gehabt hätte, aber Robert war absolut dagegen. Tiere würden alles auf den Kopf stellen, hatte er Juliane erklärt; mit ihrer Ruhe wäre es vorbei. Das seien die reinsten Egoisten und Störenfriede, die ständig Aufmerksamkeit forderten, vom Lesen und Arbeiten abhielten und nichts als Lärm und Schmutz machten.
Das Gleiche galt bei ihm auch für Kinder.
Ach ja, und sie kosteten Geld, erst recht, wenn sie groß waren, Tiere wie Kinder.
Im ersten Moment dachte Juliane, Robert sei bei Bewusstsein, da das Beatmungsgerät entfernt worden war und sein verbundener Kopf entspannt auf der Seite lag. Gleich würde er sie ansehen und begrüßen, wenn sie sich über ihn beugte, doch dann merkte sie, dass der Eindruck täuschte. Sein Zustand war unverändert. Die Augen starrten blicklos wie bisher aus den blau umrandeten Höhlen ins Leere.
Juliane schob den Besucherstuhl ans Bett, setzte sich und nahm seine Hand. Unter dem Gelenk hatte sich ein großer gelblicher Fleck auf dem Laken ausgebreitet; wahrscheinlich war Flüssigkeit aus dem Katheter gelaufen. Vielleicht hatte er sich nachts heftig bewegt. Ein Hinweis, dass er zu sich kam?
