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Sam Decker, ein richtig fieser Typ, gut aussehend und erfolgreich. Er glaubt alles kaufen zu können, einschließlich seiner Freunde, die er regelmäßig in einer Pokerrunde ausnimmt. Von seinem Firmenchef unter Druck geraten und von einer Sommergrippe geplagt sitzt er vor seinem Computer, als wie von Geisterhand auf dem Bildschirm Angelo Vialone erscheint. Angelo fordert Sam auf mit ihm ein Spiel zu spielen, nämlich Tarot. Als Sam einwilligt, bekommt er einen Herzinfarkt. Er findet sich in einer Zwischenwelt wieder und begegnet den zu Gestalt gewordenen Tarot Karten der Großen Arkana. Eine Suche nach Liebe, nach dem dornigen Sinn des Lebens beginnt. Keine esoterischen Tarot-Vorkenntnisse notwendig. Es gilt ein Schicksal zu verstehen.
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Seitenzahl: 215
Veröffentlichungsjahr: 2014
Inhalt
Impressum
Vorwort
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
Der Narr
Der Magier
Die Hohepriesterin
Die Herrscherin
Der Herrscher
Der Hierophant
Die Liebenden
Der Wagen
Gerechtigkeit
Der Eremit
Rad des Schicksals
Kraft
Der Gehängte
Der Tod
Mäßigkeit
Der Teufel
Der Turm
4. Kapitel
Der Stern
Der Mond
Die Sonne
Das Gericht
Die Welt
Oper TAROT
Manfred M. Hrubant
Impressum
Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.
Für den Inhalt und die Korrektur zeichnet der Autor verantwortlich.
© 2014 united p. c. Verlag
ISBN Printausgabe: 978-3-7103-0344-9
ISBN e-book: 978-3-7103-1125-3
Umschlagfoto: Christine Felkel
Umschlaggestaltung, Layout & Satz:united p. c. Verlag
www.united-pc.eu
Vorwort
Dieser Roman bietet ein praktisches Beispiel einer Anleitung zur Selbsterkenntnis. Der Kontakt mit der inneren Führung ermutigt Menschen auf der Suche nach ihrer Wahrheit, nach der Klärung ihrer Beziehungen als Bereich, der das Wohlbefinden stark beeinflusst. Vor uns liegt die Anweisung, die Theorie des Tarot in den Alltag zu übersetzen. Der Leser erfährt einen Weg, wie es gelingt, die Liebe ins eigene Leben einzulassen, wie wir mit dieser Errungenschaft in uns ruhen können und keine Ersatzgötter mehr benötigen. Wagen wir einen Schritt nach innen, eine Erforschung dessen, was hinter dem materialistischen Streben nach Geld und Ruhm liegt, so ermöglicht uns dies, nach dem mangelnden Bindeglied in uns zu suchen, das uns von Harmonie und Glück trennt. Je mehr wir an uns verleugnen, desto mehr verstricken wir uns in Ersatzhandlungen, die uns von unserer Wahrheit entfernen. Als Leser werden wir ermutigt, diejenigen Teile unseres Selbst hervorzukehren, die noch der Entwicklung bedürfen.
Solange wir nicht selbstkritisch denken, werden wir uns nicht öffnen und nicht zu uns selbst finden. Umgeben wir uns äußerlich mit dem Panzer der Selbstverherrlichung, so versagen wir uns die Chance auf geistige Entwicklung. Erkennen wir aber, welche Teile unserer Persönlichkeit der Veränderung bedürfen, so können wir bewusst an ihrem Aufbau arbeiten und Befriedigung und Erfüllung finden, wenn die Liebe uns bereichert. Die Kraft unseres Geistes allein bestimmt den Verlauf unseres Lebens. Nur unser Denken steuert, was uns geschieht. Unsere Ziele, unsere Träume, unsere Pläne, können allein wir selbst wahr machen, wenn wir all unsere Kraft dafür mobilisieren. Das dabei oft vernachlässigte Wie ist Gegenstand dieses Buches.
Es zeigt uns lebendig und in überaus flüssigem Schreibstil, wie wir hinfinden zu einer Handlungsweise, die Werte wie Vertrauen, Geduld, Besonnenheit, Rücksicht und Respekt voreinander zur Grundlage hat, die uns gegenseitige Bedürfnisse respektieren lässt. Die humorvoll gezeichnete lebensnahe Skepsis des Helden macht diese Erkenntnisschule obendrein zu einem fesselnden Leseabenteuer.
Maria Seitz
1. Kapitel
»Was machst du bei meinem Auto, Fiesling! « schrie Sam Decker einen alten Herren an, der wohl das Pensionsalter schon erreicht hatte und gerade dabei war, auf Krücken humpelnd, seinen Wagen zu inspizieren.
»Sie stehen auf einem Behindertenparkplatz und ich sehe keine Plakette hinter der Windschutzscheibe«, entgegnete dieser ihm finster.
»Ich habe nur schnell Zigaretten besorgt. «
»Das ist keine Entschuldigung! «
»Jetzt geh’ mir aus dem Weg, Alter, ich habe es eilig. «
»Schmucker Wagen, den Sie da fahren. Ob sich viele Behinderte einen Porsche 911 Cabriolet leisten können? «
Sam wurde ungeduldig. Schön langsam ging ihm der alte Mann auf die Nerven.
»Jetzt verzieh dich, ich habe andere Dinge im Kopf, als mit dir hier zu diskutieren. «
»Warum so ungestüm, junger Mann? Sie denken doch nicht, dass ich die Angelegenheit so auf sich beruhen lasse? «
»Was willst du machen, Fiesling? Willst du mich etwa am Wegfahren hindern? «
Sam nahm dem alten Mann die Krücken weg und schmiss sie seitlich in das Gebüsch. Erschrocken stürzte der Pensionist zu Boden, als er instinktiv seinen Gehhilfen nacheilen wollte. Sam nutzte die Gelegenheit, sprang in seinen Porsche, startete und fuhr mit Vollgas davon, ohne Notiz davon zu nehmen, dass der Alte von alleine nicht mehr auf die Füße kam. Er hörte auch nicht mehr dessen fluchende Worte, sah auch nicht mehr das Entsetzen der Passanten, er streckte bloß den mittleren Finger der rechten Hand aus dem freien Verdeck des Cabriolets kerzengrade in die Höhe, danach zündete er sich eine Zigarette an.
Sam Decker war spät dran. Um neun Uhr würde die Redaktionssitzung beginnen, in der er von seiner Story berichten und sich das uneingeschränkte Okay von seinem Chefredakteur einholen wollte. Der Blick auf seine Rolex versetzte ihn in Panik. Es war fünf vor neun. Der Zwist mit dem Alten hat ihn sicher zwei Minuten gekostet, ärgerte er sich. „Was wollte der von mir? Ein Pensionist, der sowieso den ganzen Tag nichts zu tun hat, stiehlt mir meine kostbare Zeit und dafür soll ich ihm dankbar sein? Aber seine Rente möchte er pünktlich am Monatsbeginn haben, die Rente, die ich für ihn jetzt sauer verdienen muss. So ein Spinner“, fluchte Sam und stieg aufs Gas.
Er hatte noch ein paar Kilometer durch die Stadt St. Pölten zu fahren. Ein Stückchen noch auf der Mariazeller Straße bis zum Kreisverkehr am Europaplatz und dann noch zwei Kilometer auf der B1 Richtung Linz bis zur Redaktion. „Mein Gott, die Ampeln haben sich heute wieder gegen mich verschworen“, schimpfte Sam, als er bei Rot zu stehen kam. „Verfärb’ dich schon, du blödes Ding!“, schrie er verzweifelt, bevor er wieder losbrausen konnte. Rücksichtslos überholte er rechts, lenkte zurück auf die linke Spur, nutzte jede Lücke der beiden Fahrspuren, bis er endlich den Kreisverkehr passieren konnte. Danach beschleunigte er seinen Sechszylinder Porsche, spielte die 221 Kilowatt unter der Motorhaube voll aus, wollte gerade den dritten Gang einlegen, als er eine Kelle eines Polizisten erblickte. Mürrisch brachte er das Gefährt zum Stehen.
»Fahrzeugkontrolle. Bitte Ihren Führerschein und die Zulassungspapiere«, forderte der Polizist ihn auf. Sam kochte innerlich, versuchte jedoch, sich nichts anmerken zu lassen und übergab dem Polizisten die geforderten Dokumente.
»Einen schönen Schlitten haben Sie da. Was für eine Farbe ist das eigentlich? Metallic Grau? Von der anderen Seite sieht es blau aus? «
»Es ist Perlmutt, Herr Inspektor. «
»So, so, Perlmutt. Interessant. Ich habe noch nie so was gesehen. «
»Hören Sie, Herr Inspektor. Ich habe eine wichtige Sitzung, zu der ich fahre. Könnten Sie Ihre Amtshandlung ein bisschen beschleunigen? «, schlug Sam dem Beamten vor und öffnete seine Brieftasche. »Bedienen Sie sich. «
Der Beamte blieb gelassen.
»Herr Decker, sie wollen mich doch nicht bestechen, oder? «
»Entschuldigen Sie, Herr Inspektor, das war dumm von mir. Schreiben Sie das Strafmandat. Was kostet mich das? «
Gemächlich zückte der Polizist den Block und begann zu schreiben. Ganz nebenbei bemerkte er: „Hundert Euro wegen Schnellfahrens“.
*******
»Sam, wo waren Sie die ganze Zeit? Wir haben auf Sie gewartet«, fragte vorwurfsvoll Susanne, pflichtbewusste Sekretärin des Chefredakteurs Werner Braun. Sie war die Arbeitsbiene im Verlag, immer gut gelaunt, immer ansprechbar. Schade, dass sie sich so unvorteilhaft kleidete, dachte Sam. Er hatte noch nie ihre Beine gesehen, weil sie diese langen Röcke trug. Die weiße Spitzenbluse war immer bis zum letzten Knopf verschlossen und die dicke Brille passte nicht zu ihrem Gesicht.
»Ein paar Fieslinge haben mich aufgehalten«, antwortete er.
»Sie hätten Ihr Handy einschalten sollen. «
»Mein Gott, das habe ich glatt zuhause vergessen. Jetzt weiß ich, warum ich mich die ganze Zeit halbnackt fühle«, versuchte Sam, die Situation herunterzuspielen. Susanne lächelte mild.
Ist die Mannschaft schon versammelt? « erkundigte sich Sam.
»Sie sind alle im Besprechungszimmer. Soll ich Ihnen Kaffee bringen? «
»Das wäre nett. Und übrigens, Sie sehen bezaubernd aus. «
»Danke Sam, was man von Ihnen nicht behaupten kann. Geht es Ihnen nicht gut? «
»Ach, ich weiß auch nicht. Irgendein Grippevirus vielleicht.«
Sam betrat das Besprechungszimmer. Seit mittlerweile zwei Jahren, nach erst fünfjähriger Tätigkeit in der Firma, leitete er die Wirtschaftsredaktion des Sankt Pöltner Stadtblattes, das wöchentlich erschien. Mit seinen zweiunddreißig Jahren war er der Youngster im Team. Er setzte sich an den für ihn vorgesehenen Platz.
Werner Braun musterte ihn von oben bis unten.
»Was ist los mit Ihnen, Sam? «, fragte er besorgt.
»Entschuldigen Sie, Herr Braun. Ich weiß, ich bin spät dran«, versuchte Sam, sich rauszureden.
»Nein, nein, das meine ich nicht. Sie kommen mir so blass vor. «
»Eine leichte Sommergrippe, sonst nichts. Es geht schon wieder. «
Susanne brachte den Kaffee ins Konferenzzimmer. Sam schüttete drei Löffel Zucker und ein wenig Milch in die Tasse. Danach griff er automatisch zu seiner Zigarettenpackung und zündete sich einen Glimmstängel an.
»Vielleicht sollten Sie mit dem Rauchen aufhören«, meinte Braun.
»Danke für den Tipp, Herr Braun. Ich werde mir Ihre Empfehlung zu Herzen nehmen«, sprach Sam und sah sich in der Runde um.
Werner Braun führte wie immer den Vorsitz an der Kopfseite des langen Konferenztisches, an dem links und rechts je drei Stühle nebeneinander standen. Braun, ein korpulenter Endfünfziger mit schütterem Haar, hatte damit jeden seiner leitenden Redakteure automatisch im Blickfeld. Sam saß am mittleren Sessel von Brauns rechter Hand gesehen, vis-à-vis von ihm Elisabeth, die Lokalredakteurin, eine als Urgestein im Verlag gesehene adrette in den Fünfzigern stehende Dame, die durch ihre langjährige Tätigkeit all die Prominenz der Region kannte. Rechts von ihr war Mike, der Fotograph, ein langer schlaksiger Kerl, mindestens ebenso bekannt wie Elisabeth. Links von Elisabeth saß Tom, verantwortlich für Kultur und Sport, ein Feinspitz. Er rauchte am liebsten Virginias und genoss Pressekonferenzen mit anschließendem reichlichen Büfett. Deshalb glich seine Leibesmitte wohl eher einem geschluckten Fußball als einem menschlichen Bauch. Sam wurde flankiert von Bob, zuständig für Politik, ein durch seine Magenprobleme viel zu schlanker Mann mit einem harten Gesichtsausdruck, und von Wolfgang, Leiter der Anzeigenabteilung, einem gemütlichen, etwas rundlichen Mann mit Vollbart, den nichts aus der Ruhe zu bringen schien. Sam hatte wohl als Einziger eine sportliche Figur. Dreimal die Woche ging er ins Fitnessstudio, um seinen Körper zu stählen. Zusätzlich spielte er, so oft er einen geeigneten Partner fand, Tennis. So passte sein Gewicht von 79 Kilo zu seiner Körpergröße von 1 Meter 85. Seine blonden kurzgewellten Haare und seine strahlend blauen Augen ließen so manches Mädchenherz höher schlagen. Doch Sam liebte nur eine - seine Frau Nicole.
»Was ist dran an der Kremnitzky-Geschichte? « fragte Braun direkt ohne Umschweife Sam. Sam räusperte sich, sein Hals kratzte von Minute zu Minute mehr.
»Die Verdachtsmomente verdichten sich. Baumeister Kremnitzky baut sein Imperium immer weiter aus, obwohl er keine nennenswerten Aufträge hat. Er hat einen Industriegrund angekauft und will dort eine große Lagerhalle errichten. Außerdem will er weitere Mitarbeiter einstellen. Wenn man bedenkt, dass Kremnitzky bisher bloß Keller für Einfamilienhäuser ausgehoben und einige Brunnen gebohrt hat, ist die Finanzierung der benötigten Mittel mehr als fragwürdig. Ich sage Ihnen, Herr Braun, der Mann ist faul – ober faul. «
»Haben Sie Beweise? « erkundigte sich Braun.
»Noch nicht. Aber in der Bevölkerung munkelt man, dass Kremnitzky öfters größere Reisen unternimmt. Verdammt, woher hat er bloß das Geld, frage ich mich. «
»Ist das wieder eine Ihrer Geschichten, die Sie sich einbilden, oder so? « fragte Braun etwas mürrisch.
»Glauben Sie mir, das ist eine ganz dicke Geschichte. Der Kerl hat Dreck am Stecken. « konterte Sam.
»Das haben Sie beim letzten „Skandalfall“ auch gesagt. Der Prozess und die Entgegnungen haben das Stadtblatt 36.000 Euro gekostet. Ich möchte Fakten haben, verstehen sie, keine Gerüchte, Fakten! «
»Geben Sie mir noch eine Woche Zeit und ich bringe Ihnen die Fakten« entgegnete Sam. Braun sah ihn wutschnaubend an.
»48 Stunden und keine Minute länger, sonst ist der Fall gestorben. Noch was, Decker. Wenn Sie diesmal einen Flop bauen, wird es Konsequenzen geben«, drohte er.
Sam beugte sich der Anordnung. Mit einem gemurmelten kurzen „Fiesling“ reagierte er sich ab. Vor einem Jahr hatte Sam geglaubt, einem Kapitalverbrechen auf der Spur zu sein. Er vermutete, dass ein Vermögensberater seine Klienten kräftig übers Ohr gehauen hatte. Die Beschwerden der Anleger erwiesen sich aber als haltlos, denn die Abrechnungen und der Geldfluss zu den Investmentbanken waren einwandfrei. Für den Einbruch des weltweiten Aktienmarktes konnte man den Vermittler nicht haftbar machen. Übrig geblieben war eine Verurteilung der Zeitung wegen Geschäftsstörung und übler Nachrede. Jetzt wollte er sich keine weitere Blöße geben. Sobald die Sitzung vorbei war, begann er, sich hinter die Sache zu klemmen und ein Reisebüro nach dem anderen zu kontaktieren, in denen möglicherweise Kremnitzky eine dieser ominösen Auslandsreisen gebucht haben könnte. Als nach Stunden sein Aschenbecher überquoll und er seine Kaffeetasse mehrmals nachgefüllt hatte, zog Sam das traurige Resümee, dass er ohne Ergebnis dastand. Er steckte in der Sackgasse. Doch zu verlockend waren für ihn die äußeren Umstände, als dass er diesen Fall aufgeben würde. Das Indiziennetz war für Sam erdrückend. „Ich werde den Machenschaften dieses Fieslings schon dahinterkommen“, dachte er sich insgeheim und beschloss, seine Argumentationskette erneut durchzugehen. Es wurde ihm heiß und der Hustenreiz nahm zu. Schweißperlen bildeten sich auf seiner Stirn. Durchhalten, durchhalten... dachte er sich, angesichts des zeitlichen Limits, das Braun ihm gab. Seine Gedanken wurden durch das Läuten des Telefonapparates gestört. Instinktiv nahm er den Telefonhörer zur Hand und meldete sich. Nicole war am anderen Ende der Leitung.
»Wie geht es dir, Schatz? Du hast dein Handy zuhause vergessen. «
»Ich weiß, der Tag hat nicht sehr vielversprechend begonnen. «
»Wieso? Nur wegen des Handys?«
»Ach, dann folgten ganz andere Dinge, ich erzähl es dir später. «
»Da bin ich aber neugierig. Du hörst dich schlapp und sehr müde an. Ist alles in Ordnung mit dir? «
»Ich glaube, ich bekomme einen grippalen Infekt. Ich bin wohl ein bisschen überarbeitet. «
»Dann komme nach Hause. Ich mache dir einen guten Tee und lasse dir ein heißes Vollbad ein. «
»Das geht nicht, heute ist doch Montag. «
»Ach ja, deine „heilige“ Pokerrunde. Du bist und bleibst ein Spieler! «
»Ich möchte meine Freunde nicht im Stich lassen. «
»Dann wünsche ich dir viel Erfolg. Komm nicht zu spät, dass uns noch Zeit bleibt, ein wenig zu plaudern. «
»Ja gut. Also dann bis später.«
»Bis später.«
»Nicole! Noch was.«
»Ja, was denn?«
»Ich liebe dich! «
»Ich liebe dich auch, Sam! «
Sam legte den Hörer wieder auf. Zum Glück verstand Nicole seine Neigung zum Spielen. Am Anfang, als er sie kennen lernte, protestierte sie noch heftig. Mittlerweile waren sie sieben Jahre verheiratet und sie hat sich mit Sam’s Sucht abgefunden. Zumal Sam das Glück hatte erfolgreich zu „gamblen“. Er beschenkte Nicole nach jedem größeren Gewinn mit kostbarem Schmuck. Gleich in ihrem ersten Ehejahr erriet Sam eine Dreierwette beim Trabrennen in der Wiener Krieau, in der ein Außenseiter voran lag. Er hatte als einziger den Tipp abgegeben und kassierte dafür knapp über 7.000 Euro. Nicole bekam einen wunderschönen Diamant-Collier. Natürlich gab es auch Tiefpunkte. Bei mancher Casino Pokerrunde musste Sam tief in die Tasche greifen. Doch es gab ein Agreement zwischen ihm und Nicole. Sam durfte, sofern ein Verlust drohte, Nicole nicht als Bürge verwenden und das Eigenheim nicht belasten. Und daran hielt er sich. Im Gegenzug bekam er die Freiheit seinem Spieltrieb nachzugehen.
Ein Hustenanfall erschütterte Sam’s Körper. Die Nase begann zu triefen. Verzweifelt suchte er im Schreibtisch nach einem Taschentuch. Dann kam noch ein Hustenanfall und er flüchtete auf die Toilette.
*******
Mike, Bob und Tom von der Redaktion warteten schon mehr als dreißig Minuten auf das Eintreffen von Sam in Mikes Wohnung. Jeden Montag trafen sich die Vier zu einer gepflegten Pokerrunde. Mike war geschieden, seine beiden Kinder wohnten bei der Exfrau, so konnten sie ungestört Karten spielen. Gewöhnlich war der Grundeinsatz des 7-Cards Poker ein Euro. Eine selbsterlegte Regel besagte, dass egal wie der Spielstand war, ob einer viel gewonnen oder verloren hatte, um Punkt Mitternacht das Spiel abgebrochen wurde. Umso mehr maulten Mike, Bob und Tom wegen Sams Verspätung.
Endlich traf Sam ein.
»Mein Gott, wie siehst du denn aus? Du könntest ohne Licht nach Hause fahren, so leuchtet deine Nase. « begrüßte ihn Mike.
»Schwing keine großen Töne, gib mir einen Whisky. « antwortete Sam.
»Ich dachte, du bist mit dem Auto unterwegs? « fragte Bob.
»Scheiß drauf, ich brauch einen Whisky. « bestand Sam und schnäuzte sich nach einem erneuten Hustenanfall.
»Dich hat’s aber ordentlich erwischt. « stellte Tom fest.
»Halts Maul, Fiesling, misch lieber die Karten. « befahl Sam.
»Bist wahrscheinlich mit offenem Cabrio gefahren«, meinte Mike und drückte ihm ein Glas Whisky in die Hand.
»Geht dich einen Scheißdreck an. Außerdem haben wir Sommer«, antwortete Sam und nahm am Spieltisch Platz. Die anderen drei gesellten sich dazu. Tom begann, die Karten zu mischen.
»Der Alte hat dich heute Vormittag ganz schön unter Druck gesetzt. « stellte Bob fest.
»Mir doch egal. Wenn er die Fakten übermorgen haben möchte, dann kriegt er sie auch. Außerdem ist das nicht dein Bier! «, fuhr Sam ihn an.
»He, wenn du schlechte Laune hast, dann lass sie nicht an uns aus. Wir wollen einen ruhigen Pokerabend verbringen«, maßregelte ihn Mike. Aber Bob stichelte weiter.
»Ich denke, dass du bei dem Fall Kremnitzky auf dem Holzweg bist«, sagte er.
»Lass das Denken lieber den Pferden über, die haben einen größeren Kopf«, konterte Sam. Tom mischte sich in das Gespräch.
»He, Leute. Schluss damit.«
Danach teilte er die Karten aus. Sam bekam wieder einen Nies- und Hustenanfall.
»Was soll das, willst du uns mit deinen Bazillen anstecken. Wir müssen morgen wieder zur Arbeit«, beschwerte sich Tom. Sam versuchte die Situation abzuschwächen und das Thema zu wechseln.
»Ist ja gut. Vorher muss ich euch Fieslingen noch ein paar Euro abknöpfen. Was ist Bob, du hast die niedrigste Karte. Setzt du oder passt du? «
»Ich setze. Aber vorher muss Mike noch mit einem Desinfektionsspray
sprühen. «
»Mann, seid ihr heute alle empfindlich«, meckerte er, stand auf und ging in die Küche.
»Nimm mir noch einen Whisky mit«, schrie Sam ihm nach und zündete sich eine Zigarette an.
»Sam, der Abend dauert noch lange. Ich würde vorsichtig mit dem Whisky sein. « sorgte sich Tom.
»Was ist das schon wieder? Bist du mein Vater? Bist du mein Vormund? « schrie Sam ihn an.
»Nein, natürlich nicht! War nur ein gut gemeinter Ratschlag. «
Mike kehrte zurück und sprühte mit einer Aerosoldose wie wild in der Gegend herum.
»So, jetzt besser? « bemerkte er trotzig und setzte sich wieder an den Spieltisch. Tom stand auf und öffnete das Fenster.
»Den Gestank hält ja keiner aus«, kommentierte er seinen Schritt. Sam stellte die Frage in den Raum: »Was ist jetzt, spielen wir Poker oder was? «
Tom setzte sich wieder und Bob eröffnete das Spiel.
»Einen Euro zum Mitgehen«, sagte er und schmiss eine Münze in den Pott.
Die drei anderen legten nach und jeder bekam eine neue Karte. Sam brachte seine Erkältung nicht unter Kontrolle.
»Das ist ja nicht zum Aushalten mit dir heute, Sam, « rüffelte ihn Mike.
»Sicher hat er letzte Nacht wieder ohne dicke Socken geschlafen, « scherzte Tom.
»Sei nicht so blöd. Wer schläft schon mit Socken«, ärgerte sich Sam.
»Ich dachte, deine Schwiegermutter hätte dir welche gestrickt«, legte Bob nach.
»He Jungs, wacht auf. Wir haben Sommer! « Sam versuchte wieder von der Schaufel zu kommen.
»Hast du keine Abwehrkräfte in dir? Wie kann man zu dieser Zeit eine Grippe haben? «, entrüstete sich Tom.
»Wahrscheinlich hat ihn Nicole völlig leergesaugt. Ich würde an deiner Stelle den Sex ein bisschen ruhen lassen«, scherzte Bob.
Sam hatte das Gelächter an seiner Seite.
»Hört mal, ihr drei Fieslinge. Lasst Nicole aus dem Spiel. Wann und wie ich es mit ihr treibe, geht euch einen feuchten Dreck an! «, versuchte Sam sich zu wehren.
»Oh, jetzt ist er sauer. Nur kein Wort über s e i n e Nicole! Ist sie wirklich so gut im Bett oder machst du es dir hin und wieder selber? «, bemerkte Bob höhnisch unter allgemeinem Gelächter. Sam stieg auf die Barrikaden.
»Jetzt reicht’s. Ein Wort noch über Nicole und ich gehe! «
»Mach dich doch nicht lächerlich. Du kommst schon früh genug zu ihr. Vielleicht rechnet sie gar nicht vor zwölf mit dir und hat einen Lover zu Gast? Einen Dauerständer, der ohne Viagra ihre Muschi an einem Abend so oft befriedigt, wie du in einem Monat.«
Diese letzte Bemerkung von Mike traf Sam mitten ins Herz. Späße über sich konnte er ertragen, doch Späße über Nicole partout nicht. Nicole war Sam heilig. Beleidigt stand er auf und ging grußlos zur Tür hinaus. Noch auf dem Parkplatz hörte er das Gelächter seiner drei Arbeitskollegen. Wütend startete er seinen Porsche und fuhr nach Hause.
*******
Nicole war auf das vorzeitige Eintreffen ihres Mannes nicht vorbereitet. Sie hatte soeben geduscht, salbte ihre langen, wohlproportionierten Beine. Die langen schwarzen Haare hingen ihr nass ins Gesicht und verdeckten ihre sanften olivgrünen Augen. Sie saß da im Negligee, das ihre Weiblichkeit noch verstärkte und studierte einige ihrer Zeichnungen, die sie einem Kunden in den nächsten Tagen vorschlagen wollte. Sie verglich nochmals die Pläne mit dem Fotokatalog des Tischlers, mit dem sie zusammenarbeitete und suchte die bestmögliche Lösung für ihren Kunden heraus, als sie plötzlich das Öffnen der Garage vernahm. Kurze Zeit später trat Sam hustend und stark verkühlt in das Haus ein. Nicole begrüßte ihn in der Diele.
»Bist du allein? «, schnauzte er sie gleich an.
»Sicher, wer sollte hier sein. Wieso fragst du? «
»In dem Aufzug, indem du herum rennst, könnte man glauben...«
Nicole unterbrach Sam wirsch.
»Sprich es nicht aus! Denke nicht einmal daran! Was ist bloß in dich
gefahren? «
Sam legte die Autoschlüssel wie gewohnt auf die Kommode. Danach tauschte er die Straßenschuhe gegen bequemere Hausschuhe. Nicole beobachtete ihn mit einem prüfenden Blick.
»Du gehörst ins Bett, so wie du aussiehst. Du bist krank«, stellte sie fest.
»Geht nicht, ich muss die Kremnitzky-Akte noch bearbeiten«, antwortete Sam, ging ins Wohnzimmer und startete seinen Computer. Nicole folgte ihm.
»Sam, dir muss es ordentlich dreckig gehen, wenn du die Pokerrunde früher verlässt«, bemerkte Nicole.
»Das hat eher was mit meinen Freunden zu tun als mit meinem Gesundheitszustand. «
»Habt ihr euch gestritten? «, bohrte Nicole nach.
»Ja, nein, nicht wirklich«, wich Sam ihr aus.
»Also was jetzt. Worum ist es gegangen? «, fragte sie neugierig.
Sam fühlte sich nicht wohl in seiner Haut. Er wollte Nicole nichts von den Ereignissen in Mikes Wohnung erzählen. Doch Nicole prüfte ihn mit einem intensiven Blick und einer endlos langen Gesprächspause.
»Um dich«, sagte er kleinlaut. Nicole stieß ein lautes „Waaas?“ aus.
»Wieso gerade um mich?«
»Sie deuteten an, dass du fremd gehen könntest«, erzählte Sam.
»Und du in deiner Verfassung bist den drei Schlitzohren sofort reingefallen«, entrüstete sie sich.
»Ja, mag sein«, meinte Sam geistesabwesend und wendete sich der Hausbar zu.
»Was suchst du da? «, erkundigte sich Nicole.
»Den Whisky.«
»Den würde ich heute stehen lassen. Du weißt, wie sehr ich den übermäßigen Konsum von Alkohol hasse. Trink lieber einen Tee mit viel Zitrone. Ich bereite dir einen zu«, schlug sie vor.
»Nur das nicht. Mach mir lieber einen Kaffee, mit Zucker, aber ohne Milch. Ich hab noch zu arbeiten. « Sam bestand darauf.
»Sam, ich würde die Arbeit heute Arbeit sein lassen. Du siehst müde und erschöpft aus. Von mir aus trink noch einen Whisky und dann geh schlafen, ruh dich einmal aus. «
»Geh mir nicht auf den Wecker. Braun hat mich unter Druck gesetzt. Ich habe für die Story keine zwei Tage mehr. Wenn sie in die Hosen geht, gibt es Konsequenzen, hat er mir gedroht. «
»Willst du vielleicht wegen einer Story vor die Hunde gehen? «, fragte Nicole besorgt.
»So schnell passiert schon nichts. Ich werde ein Aspirin nehmen, das hilft mir schon drüber hinweg«, sprach Sam und musste sich wieder einem Nies- und Hustenanfall hingeben. Entrüstet entgegnete Nicole.
„Medikamente und Alkohol, das kommt gar nicht in Frage! Gib mir das Whiskyglas wieder!“
Sam konnte sich der tiefen drohenden Stimme nicht entziehen. Er stellte das Glas ab, welches Nicole wutschnaubend an sich nahm, ging in die Küche und leerte den Inhalt aus. Danach bereitete sie Kaffee zu und suchte nach einem Aspirin.
»Wir haben keines zuhause! «
»Was haben wir nicht zuhause? «
»Aspirin!«
»Dann besorg mir bitte eine Packung. Und wenn du schon in der Apotheke bist, dann nimm einen starken Hustensaft gleich dazu«, forderte Sam seine Frau auf.
„Es wäre besser, wenn du gleich zu Bett gehen würdest anstatt mich fortzuschicken.“
„Nicole, mir geht es wirklich nicht gut. Bitte...“
Nicole murrte zwar ein bisschen, zog sich jedoch an und machte sich auf den Weg, um die von ihrem Mann gewünschten Medikamente zu beschaffen.
Sam setzte sich zu seinem Computer und sah vom Wohnzimmerfenster die Rücklichter des davonbrausenden Autos seiner Frau.
»Weiber! «, murmelte er vor sich hin, schenkte einen guten Schluck Whisky in seinen Kaffee ein und trank davon.
»Was für ein Tag«, resümierte Sam und war froh, für kurze Zeit allein zu sein, um seine Gedanken neu ordnen zu können. Schließlich kam er zu dem Entschluss, dass er von lauter „Fieslingen“ umgeben war. Er studierte den Akt Kremnitzky bei einem Spezialkaffee und etlichen Zigaretten bis ins letzte Detail, doch die zündende Idee, wie er dem Baumeister an den Kragen konnte, blieb aus. Seine Gedanken wurden unterbrochen von dem Erlebnis mit dem Alten auf Krücken von heute Morgen, wie ihm später der Polizist den Zaster abnahm, danach Brauns Drohung, die ihm schwer im Magen lag. Den Streit mit seinen sogenannten Freunden, die er nur aus einem einzigen Grund regelmäßig montags traf, nämlich, um sie um ein paar Hunderter zu erleichtern. Die Runde war ein Fixposten in seinem Budget. Zum Schluss noch die „guten“ Ratschläge seiner Frau, die er nicht akzeptieren wollte.
»Habt ihr euch denn alle gegen mich verschworen! «, schrie er laut in das menschenleere Wohnzimmer.
»Wieso muss heute alles schief gehen? «, tobte er und erlitt einen Schwächeanfall, verbunden mit Husten und Nasentriefen. Wütend nahm er ein Taschentuch zur Hand, schnäuzte sich und nach einer kleinen Erleichterung zündete er sich sofort wieder eine Zigarette an. Dem Kaffee war längst die Flasche Whisky gewichen. Betrunken bediente er seinen Computer, suchte im Internet nach Indizien zu Baumeister Kremnitzky, fand jedoch keine.
»Wo versteckt sich der Bursche bloß«, argwöhnte Sam und ließ seinem Frust vollen Lauf.
»Hilft mir denn keiner! «, haderte er mit dem Schicksal, bevor er kraftlos in seinen Ledersessel versank.
Stille kehrte im Hause Decker ein. Sam saß mit halbgeschlossenen Augen vor dem Computer, der Aschenbecher am Schreibtisch war voll und die Whiskyflasche fast leer. Im Papierkorb befanden sich Dutzende gebrauchte Taschentücher. Plötzlich meldete sich der Computer akustisch. Ein klangvolles Ding – Dinge Linge – Ding, als würde jemand bei einer Haustüre um Einlass begehren, erregte seine Aufmerksamkeit. Mühsam öffnete er die Augen, um neugierig auf den Bildschirm zu sehen.
