Im Hotel der kleinen Bilder - Christine Pitzke - E-Book

Im Hotel der kleinen Bilder E-Book

Christine Pitzke

0,0

Beschreibung

"Ein Hotel in Südfrankreich und die Gewissheit, dass das Leben selbst bisweilen ein sehr angenehmes Hotel sein kann.Es ist die durchaus erträgliche Leichtigkeit des Seins: Ein Hotel im südfranzösischen La Ciotat, die Sonne, das Meer und ein paar Gäste, die die Tage wie im Traum zubringen. Christine Pitzkes neuer Roman "Im Hotel der kleinen Bilder" ist ihr bisher leichtester und atmosphärischster. Er fängt einen Sommer der Freuden ein, in dem das Leben ein einziges großes Kaleidoskop ist. Es besteht aus schönen Augenblicken, aus Erinnerungen, aus Liebe und Lust. Da ist Reymont, der etwas melancholische Geschäftsführer des Hotels, da sind die lebenstüchtige Silvie und der Mathematiker Paul. Und dann gibt es noch Madame Hoegner, den etwas rätselhaften Dauergast aus Deutschland. Im "Hotel der kleinen Bilder", an dessen Wänden nicht zufällig große, reich geschmückte Teppiche hängen, setzt sich das Leben neu zusammen - als Feier seiner selbst und als Fest der Literatur."

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 181

Veröffentlichungsjahr: 2013

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Dieses Werk wurde mit demLiteraturstipendiumdes Freistaates Bayern gefördert.

© 2013 Jung und Jung, Salzburg und WienUmschlaggestaltung unter Verwendung eines Bildes von Madi Ju & Patrick TsaiAlle Rechte vorbehaltenISBN E-Book: 978-3-99027-103-2ISBN print: 978-3-99027-035-6

CHRISTINE PITZKE

Im Hotel der kleinen Bilder

Roman

Inhalt

I. Wo?

II. Wer noch?

III. Und dennoch?

IV. Welche Fragen?

V. Welche Schwellen?

VI. Welche Kleider?

VII. Welches Fahrzeug?

VIII. Welche Schrift?

IX. Keine Rüschen, kein Schmuck?

X. Keine Zeitrechnung?

XI. Welche Baustoffe?

XII. Welche Musik?

XIII. Diese Aufnahmen?

XIV. Worin blättern?

XV. Ein milderndes Erlebnis?

XVI. Wohin?

XVII. Welche Zeilen?

XVIII. Welches Getränk?

XIX. Von welcher Art?

XX. Welche Ladefläche?

XXI. Ein vergleichbarer Tag?

XXII. Welches Instrument?

I. Wo?

Für einen Augenblick war es still im Foyer, dann drehte wieder die Eingangstür, vierzig Reisende kamen an, Reymont stand an der Rezeption, und die Stille des Foyers war mit Gästen und ihrem Gehen und Reden und Lachen besiedelt. An den Nachmittagen hatte Reymont meist ein paar Stunden frei, und auch an diesem Nachmittag war er draußen gewesen, der Regen hatte ihm die Wangen eingedrückt, auch das Laufen am Meer hatte ihm die Wangen eingedrückt, und so schaute er jetzt schmal und ruhig in die Gesichter und Farben, er verteilte die Schlüssel, er hatte eine Liste, er blickte nur kurz auf die Ausweiskarten. Die Reisenden standen noch ein wenig im Foyer, länger als eigentlich nötig war, länger als sie auf den Lift warten mussten, länger als es brauchte, um mit dem Reiseleiter zu klären, wann Essenszeit war, und länger als es brauchte, um auf der kleinen Tafel mit dem Finger den Grundriss der Stockwerke nachzuzeichnen, einen Grundriss, den sie jetzt noch kaum verstehen konnten, mit Rettungswegen, die sie jetzt nicht beachten wollten, sie wollten ihr Zimmer finden und für eine Nacht bleiben. Und nach diesem ersten Wirbel der Zimmerzuteilung war es still genug, so dass Reymont in das Gepäck der Menschen hineinhören konnte: Hatten sie etwas Morgiges dabei, hatten sie Worte ohne Hass dabei, für dieses Geheimnis: dass die Worte Menschen formen. Hatten sie etwas Morgiges dabei, und damit meinte er nicht saubere Wäsche oder frische gefaltete Taschentücher, er meinte das Unerkennbare, das Unbeirrte, Großzügige, auch Fehlerhafte, er hörte in die Koffer hinein: Wie hatten die Gäste ihr Leben instrumentiert?

Warum La Ciotat? Es hätte zunächst auch anderswo sein können, Reymont hatte sich in Québec City und Montréal beworben, in Algier, in einem Schweizer Bergdorf, in Budapest und in Vorarlberg. Weil er nicht wusste wohin oder weil er die Welt sehen wollte, oder sowohl als auch? Manchmal sagte er zu sich oder laut genug, dass, wer wollte, es hören konnte: Ich sehne mich nach dem Ort, an dem ich bin. La Ciotat war Knäuel und Achse zugleich, außerdem nahe bei Marseille. Die Filme der Brüder Lumière und das alte Eden-Kino kannte er natürlich, obwohl er selten ins Kino ging. „Nicht gerade paradiesisch hier, aber schön“, hatte vor kurzem ein Gast auf die Postkarte geschrieben und Reymont um eine Briefmarke gebeten, und vermutlich hatte der Gast sogar recht.

„Uns findest du nie“, antwortete Reymont auf die Frage, wo genau das Hotel denn sei, und dass es dort stehe, wo die weiße und die gelbe Straße aufeinanderträfen. In Wirklichkeit war die Straße nicht weiß, nur auf den Landkarten als weiße Ader eingezeichnet, und auch die größere, Route recommandée, nur auf den Landkarten gelb, der Teer war ausgebleicht, die beiden Straßen standen im spitzen Winkel zueinander. „Seltsames Hotel seid ihr“, sagten Reymonts Freunde, „keiner Kategorie zuzuordnen, und wie viele Sterne habt ihr eigentlich?“ Sie hatten ein paar Dauergäste, sie hatten eine Luxusklasse, und jeden Abend kamen zwei oder drei Reisebusse, die vom Touristenoffice zugeteilt wurden. Sie alle saßen zusammen im Speisesaal, die Busreisenden blieben nur für eine Nacht. Es gab für alle das gleiche Essen, Unterschiede nur bei den Getränken, die jeder selbst bezahlen musste. Warum ein Hotel? Reymont mochte die gesellige Form des Alleinseins.

Speick-Seife gab es hier nicht, sie war sein erster Hotelgeruch gewesen. Das Meeresalgenbad gab es nicht, aber dafür gab es jetzt das Meer. Keine Zimmermädchen damals, sondern eine Zimmerfrau, die ihren Wagen durch die Stockwerke und durch die Vormittage schob, mit einem stets größer werdenden Wäschepacken, mit einem stets kleiner werdenden Stapel von gebügelter Wäsche. Es gab den Geruch der Wäschemangel, und Frauen im Bügelzimmer, an den Nachmittagen, hinter den gekippten Fenstern, sein Weg führte ihn oft hier vorbei, und er hörte das Radio durch die offenen Fenster und hörte etwas, das die Frauen nicht sagten: Geht alles in Ordnung, und er hätte es zu gern geglaubt, dass immerhin die Wäsche- und Handtuchsachen in Ordnung gingen. Es hatte damals eine Hotelbar gegeben, in die er nicht gehen durfte und deshalb oft an den Abenden durch den Seiteneingang hineinschlüpfte. Hier kamen die Paare zusammen. Vielleicht auch war ihm der Zugang nur offiziell verboten gewesen, und ein heimlicher Erzieher ließ ihn schlüpfen und schauen und lernen, was war denn so schlimm dabei, wenn ein Mann und eine Frau sich küssten. Reymont lernte viel hinter der Bar, in diesem Keller war nichts Kellerhaftes, im Gegenteil, und Reymont lernte viel, auch wie man mit einem Mädchen den Stehblues tanzt und wie man nach dem Stehblues weitermacht, und man könnte sagen, dass das seine zweite Schule war, die Schule der Paarbildung.

Er lebte inzwischen seit drei Jahren hier, es war sein dritter Sommer in La Ciotat. Reymont trug den Anzug eines Vizechefs, es war diese Art von stützender Kleidung, so sehr stützend, dass er sogar ein wenig steif darin ging, jedenfalls morgens, eine Stunde lang, die Gäste sahen ihn noch nicht, und später, wenn die Gäste aus dem Frühstückssaal kamen, war der Anzug ihm schon wirklich auf den Leib gewachsen, und Reymont bewegte sich darin locker und grüßte locker und verneigte sich locker, Reymont hatte die Prokura, er hatte Verhandlungshoheit, er vereinbarte Preise und Termine, und was er sagte, galt. Mittags, wenn er frei hatte, schälte er sich rasch aus dem Anzug heraus. Mittags sprang er gern ins Meer, in einer Bucht, wo man nackt baden konnte, er fuhr bis weit in den Herbst noch mit seinem Auto dorthin. Nur im Winter oder bei starkem Wind ging er in das Hallenbad des Hotels, wo er um diese Zeit fast allein seine Bahnen schwimmen konnte. In den ruhigen Stunden am Vormittag oder frühen Abend, wenn Reymont allein an der Rezeption war, schaltete er sein Transistorradio ein, dann trug er den Weltempfänger am Gürtel und steckte sich die Fäden ins Ohr. Niemand merkte das, und wenn er ans Telefon ging, machte er natürlich das Radio aus. Aber er hoffte seinen Sohn zu hören, der Stationssprecher bei einem deutschen Rundfunksender war. So erfuhr Reymont viel vom Unglück in der Welt, nur weil er Eriks Stimme hören wollte. Ob es feste Zeiten gebe, hatte er seinen Sohn gefragt, aber feste Zeiten gab es nicht, die Dienstpläne würden von Woche zu Woche gemacht, und jeder müsse mit jedem arbeiten können.

Reymont sah die Menschen rennen und tun und manchmal die Scheinwerfer auf sie eingestellt, und manchmal machten sie Fotos voneinander, jeweils eine kurze Strecke beleuchtet und festgehalten, dann verlosch schlagartig das Licht und schrie an einer anderen Stelle auf wie eine reißende Bewegung, ein Hin und Her zwischen Ausleuchten und Verschwinden. Bilder entstanden auf diese Weise, dazwischen wieder der reißende Strom, dazwischen die Gebärden von Liebenden, dazwischen ein Paar ineinander verkeilt, wie sie einer Schwerkraft folgten, dann kippte der Boden, und sie bewegten sich in der Schwerkraft in eine andere Richtung. Und was war das für eine Bewegung, und wer hätte den Mut gehabt zu sagen, sie folgten dem Gesetz der Gnade? Stand die Gnade außerhalb der Gesetze, bildete sie deren Kern, oder beides zugleich? Reymont geriet zu oft ins Sinnen, das Konkrete erweiterte sich rasch, dann machte er eine wilde Armbewegung, als müsse er ein Ereignis beiseite schieben. Nur tun, was das Übliche war, ein paar halbschwere Sätze nehmen, und im Wissen um die Unmöglichkeit der Wege: weitergehen. Reymont war an seiner Stelle, hier an der Rezeption. Schön nannte er, was er für schön fand und was ihm gefiel, es war eine innere Eigenschaft.

Manche der Gäste, die ihn schon länger kannten, erkundigten sich nach seinem Sohn, und Reymont machte dann eine Handbewegung: Erik sei ihm schon über den Kopf gewachsen, er sei Sprecher beim Radio, und er studiere praktische Physik. Wie ging das zusammen? – Wie sollte es nicht zusammengehen? Aber an der Handbewegung bestand kein Zweifel, deshalb wiederholte Reymont, sein Sohn sei schon einen Kopf größer als er. Dann stellte er eine Gegenfrage und viele Gegenfragen oder ging ans Telefon und sprach mit der Küche, Erik rief viel zu selten an.

Seine Freunde in Marseille waren Berufsmusiker, Reymont fuhr manchmal mit der Métro zu ihnen, bis Périer, dann ging er durch die Avenue du Prado, am Stadion vorbei. Sie lebten hier weit entfernt von anderen französischen Städten und auch vom Rest der Welt, sagten sie. Sie lebten in der unebenen Landschaft, auch ein wenig unordentlich, sie schauten aufs Meer hinaus und gar nicht zu den anderen Städten. Sie nahmen Klänge, die eigentlich nicht dazugehörten, den Wellengang, Kieselsteine, Zikaden, Unterwassergemurmel und auch Geschrei, sie strichen mit dem Zeigefinger über den Rand von Wassergläsern, sie trugen Elektroden auf dem Leib und hörten zu, was die Elektroden sagten. Sie nahmen Geräusche, die eben doch dazugehörten: Würfel in einem Becher, die geschüttelt wurden, Würfel, die fielen, Würfel auf Glas, oder solche, die aus Glas gemacht waren, wie sie durch ein Raster fielen und einzeln aufschlugen. Klang der Zeit, sagten sie, den Zufall hörbar machen. Alle Geräusche in Bewegung, auch das Hin- und Herrennen einer Nadel auf der Schallplatte. „Wir hören das Gras wachsen“, sagten sie, denn es war klar, dass jemand spotten würde, also warum nicht sie selbst. Dass die Sonne tönt, hatte Goethe behauptet, also mussten sie es nicht auch noch sagen. Zwei der Musiker lebten mit ihm unter einem Dach, sie kamen nur zum Schlafen oder nicht einmal das. Ob er es sein Zuhause nennen sollte, das wusste er nicht. Er lebte jetzt wie als Student, vor langer Zeit, in einer Vielzahl von Fakultäten. Reymont hatte eines Nachts im Reihenhaus die Koffer gepackt, es gab keinen Streit mit seiner Frau und keinen Rivalen, er hatte auch keine abgründige Entdeckung gemacht, seine Frau war in die Politik gegangen, und darin wollte er keinen Platz. Zwei Koffer zunächst, dann schickte er einen kleinen LKW von der Spedition, jetzt telefonierten sie, oder sie sagten, wir telefonieren, und taten es dann doch erst eine Woche später.

II. Wer noch?

„Butter ist zwanzig Prozent teurer geworden“, sagte Silvie. Er hätte es nicht bemerkt, Butter war teurer geworden, und es gab auf Butter zwanzig Prozent Rabatt. Sie ließen die Blöcke im Kühlregal liegen, zunächst einmal, dann gingen sie vom Parkplatz zurück in den Laden und kauften trotz der Hitze Buttervorrat für ein paar Wochen und für alle. Silvie war entfernt mit Reymont verwandt, ihre Mutter und seine Mutter waren Cousinen gewesen. Alle, das waren bei ihm zu Hause jetzt acht Leute, befreundet oder verwandt, das Schalenkind, und zwei Gäste hatten sie auch. Manchmal wirbelten die Menschen im Haus durcheinander wie auf einem der wilden Gemälde, die sie an den Wänden hatten. Aber noch immer war es so: jeder konnte eine Tür zumachen, wenn er wollte, und es wehte jedem durch das Fenster ein eigener Wind herein. „Wir brauchen noch mehr Handtuchstangen“, sagte Silvie, und sie hatte recht. Silvie arbeitete in einem Labor, sie dachte praktisch und direkt, so wie man mit einer Pipette Tropfen in das Reagenzglas zählt und beinahe schon weiß, was passiert, nur noch festzustellen hat, in welchem Maß, und das genaue Ergebnis notiert. Sie hatte den Blick für das Praktische, und deshalb trugen sie bei sich in der Küche Silvies weiße Kittel aus abriebfestem Stoff, deshalb hatten sie eine Tücherbox, Arbeitsdrehstühle und Sicherheitsschränke, Uhrglasschalen und eine Instrumentenschatulle und Labortrichter in der Küche und ein paar Spatel, alles beim Laborausstatter gekauft.

Sie wohnten nahe der großen Straße nach Marseille, ein Stück den Hang hinauf, sie wohnten in einer dicht bebauten Siedlung, eine schmale Straße führte auf das Haus zu, fast wie eine Diele. Die Außentür als Innentür, man stand sofort in der Küche, und wenn die Zufahrt trocken war, lag einer der Küchenteppiche draußen. Hier draußen wuschen sie auch das Obst am Wassertrog, hier war der Tisch gedeckt, und sie saßen unter der Wäscheleine. Es roch nach gedünsteten Paprika, es roch nach gegrilltem Fleisch, vom Nachbarhaus herüber roch es nach frisch gemahlenen Kaffeebohnen und frisch gebrühtem Kaffee. Apfelkuchen wurde hin und her gereicht, jemand hatte am Nachmittag Tarte aux Pommes gebacken, mit einer Schicht Aprikosengelee, jemand hatte Tarte Tatin gemacht, kopfüber gebacken und mit Karamell, das alles wurde hin und her gereicht, und Nachtisch nach dem Nachtisch gab es auch.

Und zwischen den Dielen und offenen Zimmern, zwischen den Stunden und Mahlzeiten roch es nach dem schier unendlichen Salz des Meeres, das so selbstverständlich war, dass kaum einer darüber sprach. Die Masten der Boote im Hafen zeigten nach dort und da und schwankten in das Schwanken der anderen Masten hinein, und doch war das Bild in dieser Bewegung für Sekunden beinahe stabil. Kaum erblickt, schon vorbei, zerbrechlich, endlos und schön. Hebungen und Senkungen, betonte und unbetonte Silben, daraus bestand die Erde? Jedenfalls hier, jedenfalls an diesem Abend. Olga, das Schalenkind, schlief schon um diese Zeit, sie war bei ihnen in Pflege, sie hatte als einzige einen Autounfall überlebt oder eigentlich verschlafen, in ihrem Schalensitz, sie wurde von den Sanitätern geweckt und unversehrt aus dem zertrümmerten Fahrzeug geholt. Mehrere Zeitungen hatten über die Unfallopfer berichtet, aber von Olgas Schalengeschichte kein Wort. Schon lange passte sie in keinen Schalensitz mehr, und doch schien unsichtbar eine Hülle mit ihr mitzuwachsen, etwas, das sie schützte, auch in der fremden Umgebung, auch in der Schule, auch in den Kleidern, die gar nicht Olgas Kleider waren, in keinem Geschäft für sie gekauft, sondern von der Verwandtschaft zusammengetragen. Olga war die Tochter einer Cousine von Silvie, und Olga war Vollwaise. Um eine Genehmigung zu bekommen, das Kind aufzunehmen, hatte Silvie bei den Ämtern Nachweise erbringen müssen: dass das Haus, in dem sie wohnten, ihr gehörte, ohne Hypothek, dass sie eine unbefristete Festanstellung und gesichertes Einkommen hatte. Einmal genügte nicht, sondern jedes Jahr musste sie die Belege liefern und den Steuerbescheid, und manchmal kam unangemeldet Besuch von der Behörde, um sich zu vergewissern, er machte eine Art Hausbesichtigung. Und bei jedem Telefongespräch in dieser Sache, wie sie sagten, in jedem Schreiben der Behörde, bei jedem Besuch wurde betont, dass sie eine Ausnahme machten, es gebe ansonsten keine Alternative zum Kinderheim, eigentlich sei solche Pflegschaft nur bei verheirateten Paaren erlaubt, und Silvie sagte: „Ja, ich weiß.“

Acht Leute im Haus, und bei so vielen Bewohnern gab es selten Streit, nur Reibungen, mehr Sichtweisen als Streit, mehr Zeugen als Sichtweisen, und noch mehr Möglichkeiten, alles falsch zu machen und alles richtig gemacht zu haben, oder beinahe. Reibungswärme, Reibungsklima, und manchmal wurde ein Funken Wut ins Meer hinausgerufen, und dem Meer war diese Wut egal, es warf weiter Falten über Falten, und die Wut zischte nicht einmal. Oder es wurde ein Packen Zorn hinausgerufen, aber niemand wusste, ob das Meer zwischen Wut und Zorn unterscheiden konnte, das Meer legte Falten über Falten. Reymont war ein Eremit, und das fiel inmitten von so viel Trubel gar nicht auf. Manchmal saß er allein in seinem Zimmer und hörte Radio und schlief irgendwann um Mitternacht vor dem Radio ein.

Am nächsten Morgen an der Bushaltestelle aß er ein Stück Brot, und er fand, er machte ein viel zu lautes Geräusch beim Kauen, für ihn selbst zu laut, die meisten Wartenden lasen Zeitung. Den mit dem kleinen Obststand neben der Haltestelle nannten sie den König der Bäume, weil er inmitten seiner Fülle stand, als sei er aus den Bäumen verbannt, denn er konnte sich über sein Obst kaum freuen. Reymont kaufte bei ihm Trauben, er hatte Zeit, der Bus kam an diesem Tag zu spät. Und als sie dann einstiegen, gab der Fahrer mit Funk an die Buszentrale durch: „Plus fünf, cinq plus“, und das hieß: Fünf Minuten zu spät. Reymont streckte sich zur Halteschlaufe, die fast schon seine Halteschlaufe war, die meisten Leute kannte er vom Sehen, sie fuhren täglich diese Route, genau wie er. Sein Auto war beim Hotel geparkt, jedenfalls an den Arbeitstagen.

Dass Reymont ein Eremit war, fiel im Trubel des Hotelbetriebs kaum auf. Stilles Beteiligtsein, als Bewegung. Teppiche hatten sie, auf denen weder gelagert noch gegangen wurde, sondern Teppiche an der Wand. Sie gehörten Reymont, er hatte sie dem Hotel zur Verfügung gestellt. Weil er bei sich zu Hause zu wenig Platz hatte, das war der eine Grund. Weil sie hoch versichert werden mussten, das war ein zweiter. Von den vielen für die vielen, das war die offizielle Erklärung.

Wer will schon von sich behaupten, er kenne sich mit Teppichen aus, auch Reymont wollte das nicht behaupten. Sein Vater hatte damals ganz nach Gefühl gekauft, und die Händler hatten manchmal den Kopf geschüttelt oder die Augen verdreht oder große Augen gemacht, weil sie nicht glauben wollten oder konnten, dass einer nach Gefühl so kauft. Sie sprachen von einer Trouvaille, und ein Handelshaus wollte dem Vater eine Anstellung als Chauffeur geben, aber aus Gründen, die Reymont vergessen hatte, oder aus Selbstverständlichkeit blieb der Vater über vierzig Jahre am gleichen Arbeitsplatz. Es war auch gar nicht klar, wie seine Sammelstücke zu sortieren seien, ob nach dem Ursprungsland, der Region oder Provinz, nach den Handels- oder Stapelplätzen, nach Motiven, Art der Knüpfung oder nach dem Fundort. Die Fundstelle war jetzt hier. Hier konnte man sie gut gebrauchen, keine Hydrokultur im Foyer, kein Palmengrün, kein Zimmerspringbrunnen, der Baumteppich an der Wand erfüllte diese Aufgaben ganz allein. Bäume, die eine klare Wuchsrichtung hatten, entwurzelt oder auch nicht.

Manchmal tastete jemand mit den Fingerspitzen auf den Zeichnungen und Achsen herum oder fuhr ein paar Linien entlang, es gab hier eine Geometrie der Bäume, und einige der Hotelgäste lasen die Inschrift auf der Rückseite und ließen erschrocken den Stoff gleich wieder gegen die Wand sinken, wie es die Schwerkraft will, und niemand machte eine Bemerkung, so als ob sie gleich vergessen oder erst gar nicht verstanden hätten: Außer deiner Schwelle bin ich in der Welt hier ohne Zuflucht, meinem Haupt ist außer dieser Pforte auch kein Anvertrauungsort. Verfertigt vom Knecht der Schwelle … In vier Sprachen. Und Reymont, wenn er zufällig einen Gast beobachtet hatte, hob dann nur leicht die Schultern, es stand nun einmal da, er konnte ja nichts dafür, er hatte es nicht dort hingeschrieben. Niemand sagte etwas, aber viele wollten dort in den Sesseln und auf dem Sofa sitzen, auch wenn es keinen Grund zum Sitzen oder Warten gab, auch wenn sie keine Zeitung hatten und kein Buch, auch wenn es kein Handytelefonat als Anlass gab und keine Wichtigkeit, auf dem Computer herumzutippen, sie saßen einfach da. Und weil der Teppich gegenüber der Rezeption an der Wand gleich neben den hohen Fenstern festgemacht war, sah Reymont ihn an seinen Arbeitstagen viele Stunden lang. Er hatte es gern, wenn auf dem Sofa viele Leute saßen, sieben, acht oder sogar neun fanden darauf Platz, und man konnte sehen, wie sie sich allmählich formierten, auch bei denen, die am nächsten Tag gleich weiterfahren würden, konnte er das sehen, bei ihnen vielleicht besonders deutlich, denn sie hatten viel Zeit und wenig Zeit zugleich.

In der Bar seiner Jugend streckten sich die Besucher nach einem Abenteuer, einer Überraschung, nach einem dunklen Trieb oder zur Liebe ihres Lebens. Hier im Foyer streckten sich die Gäste nach einem Wellenband aus blauer Seide oder einer Alligatorborte oder zu einem Stundenglas. Jagdmotive gab es auch, die waren im Speisesaal untergebracht. Dort hatten sie die großen Wärmepfannen, man konnte um das Buffet herumgehen und nachfassen, Jagdtiere, Weidetiere, Meerestiere, Krustentiere. Manche Gäste wollten kein Fleisch, einige wollten es roh auf weißen Tellern, und manchmal versuchte jemand eine Mango zu schlachten, gab sie dann aber dem Küchenpersonal und ließ die Mango in der Küche filetieren.

Selten kam es vor, dass Reymont an der Rezeption auf den Baumteppich angesprochen wurde, tastend, so wie an dem Muster und Gewebe herumgetastet wurde, und er antwortete rasch: Es seien vor dem Kauf eines Orientteppichs einige grundsätzliche Überlegungen dringend zu empfehlen. Dann holte er tief Luft, und die Fragenden wandten sich ab. Sein Vater hatte nie irgendwelche grundsätzlichen Überlegungen angestellt, ob das Muster etwa die Horizontale oder die Diagonale betonte, ob es den Raum strecken, unterteilen oder verkürzen würde, ob mehrere Teppiche sich gegenseitig erschlagen würden, sie erschlugen sich bei ihm nie. Und man konnte auch nicht behaupten, er habe ein Vermögen ausgegeben dafür, nur sein Einkommen als Gerichtsarchivar, das aber beinahe vollständig. Die Mutter hatte dazuverdient, Reymont hatte jede Woche Nachhilfestunden gegeben, seine Schwester in einer Mustang- und Levisband als Frontfrau gesungen und Gagen bekommen, niemand musste hungern oder verzichten, im Gegenteil, und Reymont fand, es war ein reiches Leben.