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Eigentlich hatte sich der weltberühmte Herzchirurg Nick Parker geschworen, nie mehr auf die Insel seiner Kindheit zurückzukehren. Doch als ihm sein Freund die Leitung der Herzchirurgie im alten Memorial Ausbildungskrankenhaus "House of Hope" anbot, sagte er ohne lange darüber nachzudenken zu. Schicksal? Obwohl er sich entschlossen gegen die alten Zaubereien seiner Tante und die Magie dieser Insel wehrt, fällt es ihm von Tag zu Tag schwerer die verhassten Bilder in seinem Kopf zu ignorieren. Nein, er würde nicht zulassen, dass sie ihn wieder beherrschten. Niemals! Das hatte er sich trotz seiner Rückkehr und der Sehnsucht nach seiner Heimat geschworen.
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Seitenzahl: 304
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Für Jonah und Silvanound unseren Kreis der Liebe
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Nico schaute seine große Schwester mit ängstlichen Augen an: „Wird er raufkommen?“ Nurya hob die Schultern. „Wird er uns wehtun?“ Nico vergrub seinen Kopf an ihrer Brust. Sie nahm ihn liebevoll in den Arm. „Er wird dir nichts tun, dafür sorge ich.“ Nico vertraute ihr.
Sie hatte ihn schon so viele Male vor ihrem Vater versteckt und beschützt. Seine große Schwester, sie war seine Heldin. Ja, sie würde auf ihn aufpassen, immer. Er konnte auf sie zählen, nur auf sie, denn Mama schaute immer nur weg. Nurya, sie war stark und würde ihn nie allein lassen. Vom Wohnzimmer her hörten sie ihren Vater herumbrüllen. Irgendwas knallte gegen die Wand. Mama? Ein Stuhl, der einmal mehr in die Brüche ging? Er war besoffen, wieder mal, kam schon so von der Arbeit nach Hause. Es war nicht immer so gewesen. Nico hatte sie nicht vergessen, die Zeiten, wo sie noch eine richtige Familie waren, am Abend zusammen am Tisch saßen, lachten, erzählten und er sogar manchmal auf seinem Papa Huckepack reiten durfte. Zeiten ohne Angst. Sie waren Vergangenheit. Warum nur? Was hatte er denn falsch gemacht? Machte er seinen Vater so böse? War es seine Schuld? Seit er in die Schule ging, bemühte er sich, zu Hause unsichtbar zu sein. Keine Fragen, keine Antworten, einfach nur unsichtbar. Das machte seinen Vater am wenigsten wütend. Manchmal wurde er es aber doch. Wenn Nico nicht antwortete, auf den Boden starrte, krampfhaft seine Zehenspitzen fixierte und sich einredete, er würde sich in Luft auflösen, dann war er sein verweichlichter Sohn, der zu überhaupt nichts taugte, genau wie seine Mutter, eine verschlampte, nichtsnutzige Heulsuse. „Was stehst du da in der Ecke, wie ein vertrottelter Idiot. Mein Sohn, ein verblödetes Weichei!“ Und es nütze nichts, wenn Nico sich wehrte.
Wenn er schrie und um sich schlug, trafen ihn die Schläge seines Vaters noch härter und wenn er weinte, wurde er von ihm verspottet.
Tränen hatte er deswegen schon lange keine mehr. Warum konnte er nicht so sein, wie sein Vater es sich wünschte? Unsichtbar. Irgendwann würde es klappen und er würde sich im Nichts auflösen.
Nurya, sie hielt seine Hand. Und da waren sie schon, die befürchteten Polterschritte auf der Treppe. Er kam hoch, laut, schnaufend, ungebremst. „Los, ab in den Schrank!“ Nico wusste was zu tun war. Eilig schloss seine Schwester die schwere Eichentür hinter ihm und er machte sich ganz klein, unsichtbar und kauerte mucksmäuschenstill in seinem dunklen, muffigen Versteck. Nurya wusste, wie sie ihren Vater besänftigen konnte. Nur sie wusste es, aber wenn Nico sie fragte, dann schüttelte sie den Kopf. Sie war großartig, eine Zauberin. Irgendwann würde sie es ihm verraten und dann müsste er nicht mehr unsichtbar sein, dann würde er seinen Vater auch zähmen und alles würde gut. Aber manchmal weinte sie, wenn Vater weg war und sie ihn aus seinem Schrankversteck befreite und dann durfte er sie trösten. Ihre Tränen waren warm und salzig und wenn er sie mit seinen Fingern an ihren Wangen auffing und auf seiner Zunge zergehen ließ, wünschte er sich, er möge auch noch welche haben.
Er hörte es draußen laut schnaufen und stöhnen. Nurya schrie. Warum nur? Warum zauberte sie nicht? Es polterte - einmal – zweimal und dann schlug etwas gegen seine Schranktür. „Neiiiiin -…“ Das war seine Schwester. Ihr Schrei erstickte. Gott sei Dank. Schwere Schritte stampften. Sein Vater fluchte. Nico wollte es nicht hören und hielt sich die Ohren zu. Unsichtbar, unsichtbar, unsichtbar... Rhythmisch bewegte er sich vorwärts und zurück. Er schwitzte und das Atmen fiel ihm schwer. Wie lange sass er schon in seinem Versteck? Warum machte Nurya ihm nicht auf. Ruhig bleiben, mucksmäuschenstill, er hatte es ihr versprochen. Unsichtbar, unsichtbar, unsichtbar..... Er würde sich auflösen, für immer weg sein und nie mehr in diesem muffigen Schrank sitzen. Und irgendwo würde er wieder auftauchen, mit Nurya, natürlich mit ihr, und sie würden gemeinsam laufen, so schnell sie nur konnten, an einem langen Sandstrand. Und die Luft wäre klar und er könnte ganz tief durchatmen.
Stickig, heiß, die Luft ging ihm aus. Wie lange noch? Seine dunklen Locken klebten an seiner Stirn. Draußen war es ruhig. Sein Vater bestimmt weg, besänftigt, verzaubert von seiner Schwester, bis zum nächsten Mal.
Nurya, hatte sie ihn vergessen? Niemals, sie würde ihn nie vergessen. Er klopft leise. „Nurya...?“. Nichts. Seine Beine fühlten sich plump an. Der Rücken schmerzte vom langen Kauern.
Er wollte sich ausstrecken. „Lass mich raus!“ Sein Hals war trocken und seine Stimme kratzig. Er konnte nicht mehr. Verzweifelt trommelte er mit den Fäusten gegen die Schranktür. Der Schlüssel drehte sich, endlich - sie sprang auf. Luft. Vor ihm stand sein Vater. Sein Gesicht war verzerrt, sein Blick leer. Er sah durch ihn hindurch. Es hatte geklappt, tatsächlich funktioniert. Er war unsichtbar. Ungeschickt und steif kletterte er aus seinem Versteck. Sein Vater stand einfach nur da. Nicos Herz raste. Gleich würde er ihn packen, auf ihn einschlagen und Nurya beschimpfen, weil sie ihn versteckt hatte. Weichei, du verdammter Trottel von einem Sohn. Brutal, gemein, wütend. Nein, - nicht, sie kann nichts dafür, ich bin schuld! Nicos Ohren rauschten, aber nichts geschah, gar nichts. Sein Vater stand einfach nur da. Ich bin unsichtbar. Nico schaute an sich runter, dann zu seinem Vater. Er rührte sich nicht, sah ihn nicht. Aufgelöst, es musste so sein. Er hatte es geschafft. Nurya lag am Boden, verdreht. Sie schlief. Oder doch nicht? Ihre Augen waren offen, aber sie konnte ihn nicht sehen. Natürlich nicht, er war ja unsichtbar! Er kniete zu ihr nieder, streichelte ihr übers Haar.
Unsichtbar. Sein Vater glitt langsam, mit dem Rücken an der Wand zu Boden. Er reagierte nicht. Sah auch sie nicht. Nicos Aufregung wuchs. Er war auch ein Zauberer, wie seine Schwester. Kein vertrotteltes Weichei, ein richtiger Zauberer! Sie waren unsichtbar, frei und konnten endlich gehen, weg, an den Strand, so wie er es sich im Schrank gewünscht hatte.
„Nurya, wach auf, lass uns loslaufen, ich hab uns unsichtbar gemacht!“ Nico nahm ihre Hand. Sie fühlte sich seltsam an. Er zog an ihrem Arm, hob ihren Kopf an, schüttelte sie sanft: „Nurya...“ Er flüsterte ihr ins Ohr, er rief sie, schrie sie an, aber sie wollte einfach nicht erwachen. Sie war so müde. Sein Vater hatte sie so müde gemacht. Hasserfüllt schaute er zu ihm rüber: „Du hast sie so müde gemacht!“ Aber er würde sie mitnehmen, um jeden Preis.
Er fasste sie mit aller Kraft unter den Schultern und begann sie durchs Zimmer zu schleifen.
„Lass sie liegen!“ Sein Vater erhob sich, kam näher, Schritt um Schritt. Nico achtete nicht auf ihn. Er war unsichtbar, niemand konnte ihm etwas antun. „Lass sie verdammt nochmal liegen!“ Plötzlich ging alles blitzschnell. Zuerst der Schmerz in seinem Arm, als sein Vater ihn packte und durchs Zimmer schleuderte, der Stich in seinem Rücken, als er an der Bettkannte aufschlug und dann so unerwartet Mamas schrille Stimme: „Was hast du getan, du..., du..., du Bastard!“ Sie kniete sich zu Nurya runter, schrie, weinte, hielt sie im Arm. Blitzschnell war Nico wieder an Nuryas Seite. „Wir müssen sie wegbringen, sie muss sich ausruhen.“ Mutter hatte ihm nie geholfen, er musste es alleine schaffen. Doch da packte ihn abermals Vaters schweißige Hand am Hals. „Nein, du fasst ihn nicht an, nie mehr!“ Nicos Mutter hatte sich erhoben. Ihre Stimme klang seltsam ruhig und gefasst. Nico drehte sich langsam um und da stand sie, seine Mutter, die ihm nie geholfen hatte, die immer nur gewimmert und weggeschaut hatte und immer behauptet hatte, es müsse so sein. Da stand sie, mit einer Pistole in der Hand. „Lauf Nico, lauf zu Tante Mô, lauf so schnell du kannst!“
Hilflos schweifte Nicos Blick von seiner Mutter zu seiner Schwester und wieder zurück. Sie schüttelte langsam den Kopf.
Er würde ihn nie vergessen, diesen letzten Blick.
Dann rannte er los. Die Schüsse hinter ihm hallten in seinen Ohren, doch er rannte und rannte und rannte und er drehte sich nie mehr um.
„Ok, dann sind wir uns einig?“ Dr. Nathan McDorrel stand auf und kam mit ausgestreckter Hand hinter seinem schweren Chefarzt-Schreibtisch hervor. Ein weißhaariger, kleiner Mann mit gütigen Augen. Nick schlug ein und nickte. „Wir sehen uns also am nächsten Montag. Ich werde sie im Frührapport vorstellen.
Noch Fragen?“ Nick schob den unterschriebenen Arbeitsvertrag in seine Mappe und schüttelte den Kopf. Er war kein Mann großer Worte. Es würde sich schon alles so fügen wie es sein musste, so war es doch immer gewesen.
„Kommen Sie, ich begleite sie hinaus.“ McDorrel öffnete die Tür und sie traten hinaus in einen langen, düsteren Gang. Der Boden knarrte und sah alt und abgenutzt aus, doch er glänzte, als hätte man ihn stundenlang gescheuert. „Ein alter Kasten, unser gutes Memorial“, bemerkte McDorrel, der Nicks skeptischen Blick auffing.
„Ist seit vielen Generationen im Besitz unseres Clans.“ Er zwinkerte ihm zu und legte väterlich seine Hand auf Nicks Schulter. Es war ein wunderschönes Anwesen. Alt und knorrig, aber voll Charisma und einfach bezaubernd.
Als Nick vor zwei Stunden durch den Eingangstorbogen der Klinik gefahren war, kam es ihm vor, als würde er in eine seltsam, verwunschene Welt eintauchen. Memorial - House of Hope, allein der Name ließ seine Fantasie tanzen. Der Kies unter seinem schweren Jeep und dem langen Wohnwagenanhänger knirschte und ließ ihn nur im Schritttempo fahren. Sauber geschnittene Hecken säumten die Einfahrt und überall blühten Rosen, in unzähligen Farben. Als er schlussendlich vor dem imposanten Bau stand, spürte er, wie sein Herz vor Aufregung wild gegen seine Brust hämmerte. Nick war überwältigt, keine Frage. War das ein Schloss? Das Anwesen eines Lords? Wie ein Krankenhaus wirkte es zumindest nicht. War er hier wirklich richtig?
„Für einen Privathaushalt eindeutig zu groß und kostspielig und da die McDorrels plötzlich alle Ärzte wurden...“, der alte Arzt schmunzelte, „bauten sie es vor drei Generationen zu einem Krankenhaus um.“ Es hörte sich einfach und logisch an, aber Nick Parker konnte nur vermuten, wie viel Arbeit, Geld und Herzblut in diesem Haus steckten.
Die Augen des alten Mannes leuchteten stolz und doch wirkte er müde. Die vielen, rastlosen Jahre und sein lebenslanger, selbstloser Einsatz hatten ihre Spuren hinterlassen, seine Körperhaltung geformt. Er ging gebückt und schwerfällig. Nick musterte ihn verstohlen. Er wusste, dass Nathan McDorrel sein ganzes Leben hier auf Moorin-Island verbracht hatte. Er studierte zwar drüben, auf dem Festland, doch er blieb nur so lange weg, bis er bereit war, das Erbe seines Vaters und Großvaters zu übernehmen. Dann kehrte er zurück und verließ die Insel nie mehr. Nick mochte ihn auf Anhieb.
Er strahlte Verlässlichkeit aus und Nick bewunderte, was er hier erreicht hatte. Sein ganzes Leben hatte er dem House of Hope untergeordnet. Dieses Krankenhaus war sein Lebenswerk und Nick beneidete McDorrel dafür.
Natürlich hatte Nick auch viel in seinem Leben erreicht. Er wollte immer und überall der Beste sein und das war ihm eigentlich recht gut gelungen. Sich mit Herz und Seele für einen Traum eingesetzt, dass hatte er sich noch nie.
Er beneidete McDorrel und fragte sich, ob es wirklich richtig war, hier zu sein? War dies hier seine Bestimmung? Auf Moorin-Island, in diesem uralten Gemäuer einer Bande wissensbegieriger, zukünftiger Eliteärzte sein Wissen weiterzugeben? Er wusste, dass er nicht nur als Oberarzt und Herzchirurg eingestellt wurde. McDorrel plante, in absehbarer Zeit die Leitung seines Krankenhauses abzugeben und da er keine Nachkommen hatte, würde er sie in die Hände einer seiner sechs Oberärzte legen.
„Entweder Sie lieben das alles hier von Anfang an, mit allen närrischen Geistern, die hier rumschwirren und einem das Leben manchmal ganz schön schwer machen, oder......“ sein freier Arm malte eine Wolke in die Luft. Er ließ den Satz unbeendet und wandte sich Nick zu.
Sein durchdringender Blick hielt ihn fest und er fühlte sich schlagartig unbehaglich, irgendwie ertappt. Konnte der alte Arzt seine Gedanken lesen? Spürte er seine Unentschlossenheit? Und was hatte es mit den Geistern auf sich?
In der Eingangshalle blieben die beiden vor einem riesigen Gemälde stehen. „Das Haus war auch ihr Leben.“ Dr. Linda-May Kennedy stand in goldener Schrift darunter. Ihr Blick traf sie streng und autoritär. Eine schöne Frau, mit hellen Augen und graumeliertem Haar, das im Nacken zu einem Knoten zusammengebunden war. Schwer zu sagen, welche Haarfarbe sie früher einmal hatte. Nick erinnerte sich nicht.
Fasziniert blieb er an ihrem Gesichtsausdruck hängen. Der harte Zug um ihren Mund passte nicht zu den strahlenden, begeisterten Augen.
Er ertappte sich dabei, wie er sich vorstellte, ihren strengen Haarknoten zu lösen. „Sie kennen sie?“ Verlegen, weil sein viel älterer Kollege schon wieder seine abgeschweiften Gedanken unterbrach, nickte er. „Wer kennt sie nicht.“
Sie war die wohl weltweit genialste Herzchirurgin aller Zeiten. Wo sie aufgetaucht war und doziert hatte, füllte sie die Hörsäle. Alle ihre Tagungen waren immer restlos ausgebucht. Ihre Theorien, Techniken und ihr unglaubliches Wissen standen in allen Lehrbüchern der Welt. Nick bewunderte sie, hatte wenn möglich immer ihre Vorträge und Lehrgänge besucht und sich so sehr gewünscht, einer ihrer Schüler zu sein und mit ihr im OP zu stehen. Dr. Linda-May Kennedy, wer an ihrer Seite operieren durfte, hatte es geschafft.
„Sie hätte mich nicht allein lassen dürfen.“
Nick wandte sich dem alten Mann zu. Er schaute traurig und wirkte jetzt erschöpft und sehr verletzlich. Es war Krebs gewesen. Nick wusste Bescheid. Es stand in allen Zeitungen. Vor knapp zwei Jahren. Sie hatte keine Chance.
Die Tür am Ende der Eingangshalle sprang auf und aus ihr traten, laut gestikulierend, farbige Gestalten. Ein junger Mann warf gerade voller Begeisterung seine geblümte OP Mütze in die Luft. „Hey Doc, ich hab gerade einen Blinddarm rausgeholt. Gaaaaanz alleine!“ Er kam auf sie zu und klapste dem Chefarzt übermütig an die Schulter. Seine OP Maske hing lose um seinen Hals. Er trug ein, traditionelles, grünes OP Hemd und dazu..., purpurrote Hosen. „Saubere Sache, O’Donnellan, und wie liefs?“ Er schaute an ihm vorbei und nickte zum Gruß, einer kleinen, leicht übergewichtigen Frau zu. Auch sie trug ihr grünes OP-Hemd, dazu aber knallgelbe Hosen. Sie stand breitbeinig mit verschränkten Armen da. „Ganz ok.“ Ungläubig drehte sich der junge Assistenzarzt zu ihr um.
„Ganz ok? Das ist doch wohl nicht Ihr Ernst? Spitzenklasse war das, einfach perfekt!“ Ein feiner Anflug eines Lächelns huschte über ihr Gesicht, doch dann herrschte sie ihn streng an: „In einer Stunde liegt Ihr OPs-Bericht auf meinem Schreibtisch!“ O’Donnellan salutierte theatralisch und steuerte mit den anderen ausgelassen dem Ausgang zu.
„Grace, darf ich Ihnen Nick Parker vorstellen?“ Ohne ihre verschränkten Arme zu lösen stampfte sie auf die beiden Ärzte zu. „Sie wissen schon, der neue Herzchirurg. Er fängt nächsten Montag bei uns an.“ Sie musterte Nick ernst: „Riordan, Grace Riordan, Notaufnahme“, und reichte ihm die Hand. Ein fester Händedruck. Ihrem Chef zugewandt meinte sie: „Wurde aber auch Zeit.“ Nick nickte, wie immer, wenn er nichts zu sagen hatte und sie drehte sich grußlos ab und marschierte davon.
McDorrel schien die ganze Situation zu amüsieren: „Lassen Sie sich von ihr nicht einschüchtern. Sie hat das Herz am rechten Fleck.
Sie betreut unsere 16 Assistenzärzte und wird von ihnen General genannt. Lassen Sie es sie aber um Himmels Willen nicht wissen!“ Jetzt lachten sie beide. McDorrels Piepser meldete sich. Mit einem kurzen Blick drauf, verabschiedete er sich bei Nick: „Ich muss los. Tut mir leid. Sie haben bestimmt Hunger.“ Die Zeit auf seiner Armbanduhr bestätigte seine Annahme. Es war längst nach Mittag. „Die Cafeteria ist gleich dort drüben oder nein,…“ ein spitzbübisches Lächeln spielte um seinen Mund, „ Fahren Sie runter, raus aus dem Tor und dann die zweite Abzweigung rechts. Dort finden Sie Toms Pub und werden sie alle antreffen, unsere Kids.“ Kids? Welche Kids? „Parker...? Wir sind hier eine große Familie.“ Und bereits zum zweiten Mal an diesem Tag legte er seine Hand auf Nicks Schulter. Dieser nickte einmal mehr und wandte sich zum Gehen. Nick war seltsam verwirrt und konnte sich diesen Zustand nicht erklären. Er war schon fast bei seinem Jeep, als er McDorrel rufen hörte: „Dr. Parker? Nick... darf ich Sie was fragen?“ Er blieb stehen, drehte sich um und sie gingen wieder aufeinander zu. „Warum wir? Sie könnten an den besten Häusern der Welt operieren.“ Nick scharrte mit dem Fuß im Kies. „Ich war an den besten Häusern der Welt...“
„Und…?“ McDorrel ließ nicht locker. „Sie kam doch auch.“ Nick wies mit dem Kinn zu Linda-May Kennedys Portrait in der Eingangshalle.
„Ja, aber sie hatte ein kleines Kind, wollte kürzer treten, sich von der Elite zurückziehen.“ Dass ihr dies nicht gelang, wussten sie beide.
Wo sie auftauchte, lebte der Erfolg. Sie hatte das Memorial vor 25 Jahren zu dem gemacht, was es jetzt war. Sie hatte sie alle hergeholt, die Koryphäen aus aller Welt. Sie war es gewesen, die aus einem ländlichen Durchschnittsspital, das beliebteste Ausbildungskrankenhaus weit und breit gemacht hatte. Ein Haus, in dem die unglaublichsten Wunder geschahen, das Unmögliche möglich wurde.
„Nein“, entgegnete Nick. McDorrel verstand nicht. „Nein, sie dürfen nicht fragen.“
Dr. Nathan McDorrel steckte nachdenklich die Hände in seinen Arztkittel. Er würde es herausfinden.
Als Nick vor Toms Pub anhielt, begann es gerade zu regnen. Ob er seinen Jeep und den langen Wohnwagenanhänger einfach am Straßenrand stehen lassen konnte? Die Scheibenwischer an seiner Frontscheibe gingen automatisch an. Rauf – runter – rauf - runter. Nick schaltete den Motor aus. Sie kamen noch immer unerwartet und heftig, diese sintflutartigen Regengüsse. Es hatte sich nichts geändert und er wusste nicht recht, ob er das als Erleichterung oder als Belastung empfinden sollte. Die Parkfrage hatte sich aber zumindest erledigt. Niemand würde hier versuchen, während diesen berüchtigten Inselplatzregen, mehr als zehn Meter zu Fuß zu gehen. Er schaute durch die beschlagene Autoscheibe.
Bunte Neonbuchstaben hingen über dem Eingang des Pubs. Selber glich der Laden aber eher einer Baracke und Nick befürchtete, dass sie einer wilden Horde übermütiger Sprayer zum Opfer gefallen war. Graffiti über Graffiti zierten die Wände. Nicks Blick blieb an einem ganz besonders kunstvollen Werk hängen: Die Liebe ist das Kind der Freiheit! Es stand in warmen Orange-, Rot- und Gelbtönen über einem schwarz gesprayten Felsbrocken. Der Schriftzug glich einem Sonnenuntergang. Um Nicks Mund spielte ein Lächeln. Er mochte sie, die Sonnenuntergänge hier im Westen der Insel. Leider lockten sie zwar im Sommer immer tausende von Touristen an, aber das konnte man ihnen nicht verübeln. Es gab fast nichts Schöneres, als an lauen Sommerabenden, barfuß über die moosbewachsenen Felsen zu schlendern und diesen einmaligen Sonnenuntergängen zuzuschauen. Schon als Teenager hatte er dort oft gelegen, abseits, wo ihn niemand sehen konnte, hinter diesem einen, geteilten Felsen, von dem man sich erzählte, dass der Teufel ihn mit seinem Dreizack entzweigeschlagen hatte, weil die Inselbewohner ihn erzürnt hatten. Er würde ihn suchen gehen, diesen magischen Ort seiner Kindheit, aber das musste vorerst noch warten, denn er hatte jetzt erst einmal Hunger. Nur wenige Schritte trennten ihn vom Eingang des Pubs. Würde er ihn ohne Regenjacke und Schirm halbwegs trocken erreichen? Er bezweifelte es, aber es blieb ihm nichts anderes übrig, als sich in den Wolkenbruch zu stürzen. Nach passenden Regensachen in seinem Wohnwagen zu suchen, erschien ihm zu mühsam.
Der Vorraum des Pubs war durch eine Western-Schwingtür abgetrennt. Weiße Arztkittel, Regenjacken und Schirme hingen an den seltsamsten Kreationen von Garderobenhaken.
Nick schüttelte die Regentropfen aus seinen dunklen Locken und überlegte sich kurz, ob er die braune Lederjacke über das Geweih eines mit Blumenornamenten verzierten, karierten Elchkopfes werfen sollte, entschied sich dann aber dagegen. Er stieß die Schwingtür auf und fand sich in einem Raum wieder, der eher einem heimeligen Wohnzimmer, als einem Pub glich. Hinten in der Ecke schichteten gerade zwei Männer Holz in einem Kamin und versuchten sich mit ihrem Wissen, was Feuer entfachen betraf, zu überbieten. Vor ihm, an einer langen Holztheke standen vierzehn unterschiedliche Barhocker. Jeder einzelne ein Unikat aus Fell, bunter Farbe, grünem Kunstgras, weichem Plüsch oder auch fantasievoll geschmiedetem Stahl. Außer einem zottigen, alten Mann, der schlürfend über einem dampfenden Suppenteller sass, war niemand an der langen Bar. Das kam Nick entgegen. Er mochte es, irgendwo unbeachtet zu sitzen und neue Bilder in sich aufzunehmen. Er wählte einen gelbgezackten Sonnenbarhocker, ganz am Rand und ließ seinen Blick neugierig durch das Pub wandern. In einem der vielen, etwas abgenutzten Sofas streckte sich der junge Assistenzarzt aus, den er vor einer halben Stunde in der Eingangshalle des Memorial House of Hope angetroffen hatte. Derjenige mit dem Blinddarm. Wie hieß er noch? O‘ Donnell? Nein, Donnellan. Seine Schuhe hatte er abgestreift und die Füße genüsslich auf dem niedrigen Clubtisch ausgestreckt. Ungeschickt kramte er eine verknitterte Packung Lucky Strikes aus seinen purpurroten Hosen, suchte umständlich nach einem Feuerzeug und steckte sich dann in aller Ruhe eine Zigarette an. Den Rauch blies er im Zeitlupentempo und mit amüsiertem Blick in den Raum. Einmal, zweimal, dreimal... „Conor!“ Neben Nick tauchte eine üppige, schwarze Frau mit einer fleckigen Kochschürze auf. „Wenn du diesen verdammten Glimmstängel nicht nullkommaplötzlich ausmachst, drücke ich ihn dir auf deinem süßen Arsch aus, klar?“ Sie stemmte ihre kräftigen Arme in die runden Hüften und stampfte drohend mit dem Fuß auf. „Ach komm schon, Mama Aurelia, draußen regnet es Katzen vom Himmel...“. Die jungen Frauen, die sich fast einem Harem gleich, um Conor O’Donnellan herum scharten, kicherten. Sie kannten scheinbar die Szene und wussten was folgen würde. Conor grinste. „Ich warne dich, junger Mann!“ Die Stimme der Frau aus der Küche klang tief, wie ein Tenor.
Schon stand sie vor ihm, einem schwarzen Racheengel gleich. „Aufstehen, - umdrehen!“ Wie ein kleiner, ertappter Junge gehorchte Conor, stand auf und überreichte der wütenden Frau den rauchenden Übeltäter. „Darfst dir auch einen Zug nehmen, Mamma“, dabei küsste er sie liebevoll auf ihre weiche, wabbelnde Wange. „Worauf du dich verlassen kannst, du unverbesserlicher Lümmel.“ Ihr Klapps an seinen Hinterkopf war mütterlich und als er sich laut seufzend wieder in sein Sofa zurückfallen ließ, wuschelte sie ihm fast zärtlich durch die blonden Strubel Haare. „Elender Lausbub“, brummte sie und marschierte, begleitet von fröhlichem Applaus, an Nick vorbei wieder zurück in die Küche. „Komme gleich“, rief sie Nick mit erhobener Zigarette zu. An ihrer Stelle trat jedoch ein großer, breitschultriger Mann an ihn heran. Er reichte Nick seine dunkle Hand: „Ich bin Tom und das war meine Frau, Aurelia“, er zwinkerte Nick belustigt zu. „ Was darf ich Ihnen bringen?“ Nicks Hand verschwand in Toms großen Pranken, die er wie eine Muschel um seine legte und plötzlich spürte er eine kribbelnde Wärme, die sich im ganzen Körper ausbreitete. Verwirrt entzog sich Nick dieser seltsamen Umklammerung. Toms Augen fixierten ihn. „Heute haben wir Linseneintopf in Brotschüssel oder unsere warmen Sandwiches.“ Ohne Nick aus den Augen zu lassen, wies er auf drei beschriebene Schiefertafeln, die hinter ihm über der Bar hingen. Nick musste sich vom Blick des schwarzen Mannes abwenden, denn er verursachte ihm ein flaues Gefühl in seiner Magengrube. Obwohl er demonstrativ wegschaute, spürte er, wie sein Gegenüber ihn weiterhin eindringlich musterte. Irgendwie schien sich alles um ihn herum zu vernebeln.
Nick starrte auf die schwarzen Schiefertafeln, ohne auch nur ein Wort lesen zu können und nickte unbeholfen.
Hinter ihm ging schwungvoll die Tür auf. Tom ließ seinen Blick noch einige Sekunden lang auf Nick gerichtet, wendete sich dann aber ab und stimmte in das schallende Gelächter seiner Gäste ein. Seine weißen Zähne blitzten.
Nick tauchte nur langsam aus seiner meeresähnlichen Tiefe auf. Er holte tief Luft und zuckte erschrocken zusammen, als unerwartet der Lärm über ihm zusammenschlug. Wo war er gewesen? Tom hielt Nick am Unterarm fest.
„Tut mir leid...“, und prustete dann amüsiert los. Seine Aufmerksamkeit galt irgendeinem Spektakel hinter seinem Rücken, denn er schaute über ihn hinweg. Nick drehte sich auf seinem Sonnenbarhocker um und sah sie. Eine Frau, nass bis auf die Haut. Die aufgeweichte Regenjacke und den dicken, triefenden Wollpullover hatte sie bereits achtlos und sichtlich wütend auf den Boden geworfen. Gerade war sie hektisch dabei, die Schnürsenkel ihrer schweren Bergschuhe aufzuknöpfen. Ihre grünen Augen blitzten zornig und von ihrem triefendnassen Haar tropfte es unaufhörlich auf den groben Holzboden und es bildete sich bereits eine unansehnliche Lache um sie herum.
„Verflucht...,“ schimpfte sie vor sich hin und schleuderte einen ihrer Schuhe direkt vom Fuß quer durchs Pub. „Euch wird das Lachen schon noch vergehen.“ Der fliegende Schuh hatte seine Wirkung nicht verfehlt und zog johlende Schreie nach sich. Die junge Frau schüttelte sich wie ein nasser Hund und doppelte mit einem gezielten Wurf des zweiten Wanderschuhs gleich nochmals nach. Ihr Shirt klebte nass und eng an ihrem Körper und betonte ihre zierliche Figur. Ob sie sich ihrer Ausstrahlung bewusst war? Nick bezweifelte es und gab sich gar keine Mühe, seine Faszination zu verbergen. Grinsend und seelenruhig, als würde sie der ganze Tumult den sie ausgelöst hatte, nichts mehr angehen, platschte sie in ihren durchnässten Ringelsocken auf die Bar zu und klopfte im Vorbeigehen dem alten Mann in seinen abgewetzten, übelriechenden Kleidern auf die Schulter: „Könnte eine nasse, kalte Nacht werden Pete. Vielleicht kommst du besser bei uns vorbei?“ Pete hatte eben noch neben seinem leeren Suppenteller gedöst und murmelte etwas Unverständliches. „Aber um ein feines, warmes Schaumbad kommst du nicht herum.“ Sie zog an seinen zottig verklebten Haaren und rümpfte die Nase. Petes zahnloser Mund verzog sich zu einem Lächeln und sein dreckiger Zeigefinger strich der jungen Frau über die Wange. Inzwischen stand Tom mit einem großen Handtuch bereit. „Komm her, mein Engel.“ Fürsorglich wickelte er sie darin ein und rubbelte ihr sanft über ihren Rücken. Ihr Kopf lag an seiner breiten Brust und er hauchte ihr vertraut einen Kuss auf den Scheitel. „Aber die Schweinerei“, er wies mit dem Kinn an Nick vorbei auf den nassen Boden, „die machst du selber weg!“ Der ausgelassene Lärm hatte auch Aurelia aus der Küche gelockt. Mit einem kritischen Blick in die Runde versuchte sie die Situation einzuschätzen.
Ihre übermütigen Gäste, die inzwischen ausgelassen auf den Sofas herum hopsten und irgendwelche Schuhe durch die Luft schleuderten, die Überschwemmung im Eingang und... „Ainoah, mein Kind, wie siehst du denn aus und wo hast du die letzten Tage gesteckt? Wir haben uns schon Sorgen gemacht!“ Ohne sich um das Chaos hinter ihrem Rücken zu kümmern, schob sie ihren nassen Schützling durch die Küchentür. „Komm, du holst dir ja den Tod, wir suchen was Trockenes zum Anziehen.
Tom...?“ Er nickte gutmütig und die beiden Frauen verschwanden. „Der Boss hat gesprochen und überlässt mir wieder Mal die Schweinerei und die verrückte Meute!“ Er würde für Ruhe sorgen, keine Frage und der vergnügte Blick, den er Nick zuwarf verriet, dass er keineswegs wütend und sich offen sichtlich gewohnt war, die Anweisungen seiner Frau und Chefin zu befolgen. Tom trat hinter der Bar hervor, klatschte zweimal in die Hände und fing Ainoahs Schuhe auf, die ihm umgehend zugeworfen wurden. Im nu kehrte Ruhe ein. Zwei ältere Damen bestellten noch Kaffee.
„Danke Tom...“ Sie wirkten sichtlich erleichtert.
Etwas abseits versuchte sich ein Junge mit einer Hand voll Pfeilen an der Dart-Scheibe. Tom legte ihm den Arm um die Schulter: „Los Josh, ab in die Schule.“ Der Teenager nickte und legte Tom folgsam, aber alles andere als begeistert, die Pfeile in die Hand. „Ok Dad, bin schon weg.“ Mit coolen Fausthieben verabschiedete er sich von zwei Männern in blauen und hellgrünen Hosen. „Matt, Greg…, wir sehen uns und dann riechts nach Sieg, das schwör ich euch!“ Er war ein hübscher, dunkelhäutiger Bub, mit borstigen Haaren, die wie Antennen in alle Himmelsrichtungen abstanden. Ob er Toms Sohn war? Schien fast zu jung zu sein.
Vielleicht sein Enkel? Nick würde Tom später fragen. Er mochte die vielen, neuen Eindrücke und war neugierig, ja fast ungeduldig, mehr über diese Menschen und deren Leben hier zu erfahren. Ein Gefühl, dass er die letzten 20 Jahre nie verspürt und somit auch nicht vermisst hatte. Menschen und ihre Schicksale hatten ihn bis anhin nie sonderlich interessiert. Auf dem Weg zurück hinter die Theke, zog Tom einer zusammengerollten Person auf einem Patchwork überzogenen Poltronasessel, die runterrutschende Decke hoch. Sie oder er....? schlief tief und fest. „Hat fast dreißig Stunden durch gerackert.“ Tom zog die Stirn kraus. Sie verlangten oft viel, - zu viel - von den jungen Assistenzärzten, aber er verkneifte sich einen Kommentar. Ainoah kam aus der Küche. Ihr flammendrotes, langes Haar war getrocknet und kringelte sich widerspenstig in alle Richtungen. Sie trug einen blauen, überdimensional großen Pullover und schwarze Trainerhosen, die sie mit einer Kordel eng um ihre Taille geschnürt hatte. Eindeutig Männerklamotten, doch sah sie sogar darin zierlich und hinreissend aus. „Setz dich hin, Kind und iss erst mal was und dann erzähl.“ Schwungvoll schwang sie sich auf einen mit Kunstgras überzogenen Barhocker und legte ihren Kopf schwer in die aufgestützten Hände. Nick beobachtete sie verstohlen und hoffte, sie würde es nicht bemerken. Unsichtbar, schoss es ihm durch den Kopf, doch er konnte seinen längst vergessenen Kindheitswunsch nicht einmal richtig zu Ende denken, als sie ihn bereits, ohne den Kopf aus ihren Händen zu nehmen ansprach. „Ihr Wohnwagen da draußen?“ Nick nickte. „Auf der Durchreise?“ Weil er nicht recht wusste, was er sagen wollte, nickte er abermals. „Und, gefällt’s Ihnen hier?“ Als Nick zum dritten Mal nickte, hob die rote Schönheit ihren Kopf aus den Händen und drehte sich ihm ganz zu.
„Können Sie auch sprechen oder nur nicken?“ Nick war versucht, ihr ein weiteres Mal zuzunicken, konnte es sich aber im allerletzten Moment noch verkneifen. „Ähm ja…, Nick Parker.“ Er ärgerte sich über seine Unsicherheit.
Was war los mit ihm? Statt ihr die Hand zu reichen, nickte er abermals, merkte es aber sofort und beide mussten lachen. Fröhlich stand sie auf, reichte ihm die Hand und bestieg einen anderen, verrückten, bunten Stuhl direkt neben ihm: „Ainoah Kennedy.“ Nick konnte sie einfach nur anschauen. „Was?“ fragte sie ihn eindringlich. Er beobachtete ihr Piercing über der Augenbraue, dass wie ein Blitz in die Höhe schnellte, als sie ungeduldig ihre Stirn in Falten legte. Nick hob die Schultern. „Echt nicht?“ Sie schaute ihn ungläubig an. „Also normalerweise käme jetzt...“, sie kokettierte theatralisch und hob ihre Stimme an, „Ach, wie war das noch mal? Ainoah? Was für ein seltsamer Name! Können Sie das buchstabieren...? A-i-n-o-ah. Oh ja, sehr schön... Zufrieden?“ Ainoah verdrehte genervt ihre Augen. Nick schüttelte lachend den Kopf. Sie gefiel ihm. „Verwandt?“ Ainoah sah ihn überrascht an. Obwohl sie genau wusste, worauf er hinaus wollte, spielte sie die Ahnungslose. „Mit wem, mit dem Präsidenten?“ Sie meinte den Präsidenten der Vereinigten Staaten, merkte aber im selben Moment, dass sie ihn nicht täuschen konnte. „Mit ihr.“ Tom brachte zwei dampfenden Brotteigschüsseln mit Linseneintopf aus der Küche und stellte sie ihnen hin. Er schaute zwischen den beiden hin und her. Es herrschte betretenes Schweigen. Tom stellte Nick ein großes, dunkles Bier dazu. „Das geht aufs Haus.“ Nick strich mit dem Daumen und Zeigefinger dem beschlagenen Glas entlang nach unten. Es war halb zwei Uhr nachmittags.
Wenn er diesen Halbliterkrug austrinken würde.... Er wusste nicht, was dann geschehen würde. Zumindest würde er kaum noch zuverlässig seinen Jeep fahren können und er musste doch noch einen geeigneten Platz finden, um ihn abzustellen und zu übernachten. „Sie war meine Mutter.“ Es kam leise und ernst. Er nickte und wünschte, er hätte nicht gefragt.
Wie auf Kommando gingen plötzlich diverse Piepser im Raum los und hob die seltsam gedrückte Stimmung zwischen ihnen im nu auf.
Wo gerade noch gemütliche Geselligkeit im Pub geherrscht hatte, machte sich plötzlich angespannte Stille breit. Alle standen auf, kramten in ihren Hosentaschen und Kitteln nach ihren Piepsern und begannen sich anzukleiden. Zwölf Augenpaare richteten sich fragend auf eine große, dunkelhaarige Frau am Telefon. Sie musste wohl eine leitende Ärztin sein. Ihr ernster Blick und die wenigen, gezielten Fragen ließen nichts Gutes vermuten.
„Gasunfall in einer der Fabriken drüben. Da brennen scheinbar diverse Hallen lichterloh.
Die schicken bestimmt vier, fünf Krankenwagen mit Verbrennungsopfern. Wer wurde an gepiepst?“ Sie wartete gar keine Antwort ab.
„Egal, wir brauchen jede Hilfe, die wir bekommen können. Leute, das wird ein langer Tag und vermutlich eine noch längere Nacht.“ Sie eilte dem Ausgang entgegen, drehte sich nochmals um und trieb alle an: „Die sind in spätestens einer Stunde da. Also, rafft euch auf! Waschen, vorbereiten und Tom...“, ihr Blick traf sich mit seinem, „Schreib alles an, ja?“ Tom hob den Arm zum Gruß. „Und Sie junge Lady...“, Sie richtete sich an Ainoah, die bislang noch keine Anstalten für irgendeinen Aufbruch gemacht hatte, „Schön Sie auch wieder einmal zu sehen! Das war’s dann aber wohl mit Ihren Extra-Freitagen.“ Ainoah nickte ernst und begann ihre nassen Schuhe zu schnüren.
Ihre Miene war ausdruckslos und lies nicht zu, dass man irgendeine Gefühlsregung hätte erraten können. Nick wurde bewusst, dass auch er aufgeschossen war. Er bemühte sich, seine Aufregung wieder zu zügeln. Also setzte er sich wieder auf seinen Sonnenbarhocker und beobachtete, wie Ainoah den Arm um Pete, den Clochard legte und leise auf ihn einsprach. Dieser nickte, tätschelte ihr Gesicht und winkte ihr mit glasigem Blick nach, als sie anschließend, als allerletzte aus dem Pub stürmte.
Dann war es still. Nur die zwei älteren Damen saßen noch bei ihrem Kaffee und am Feuer las noch ein weiterer Gast neben einem großen, dampfenden Glas und einem Stück Kuchen, in einem Buch. Pete an der Bar war wieder eingedöst und Tom begann Geschirr und Gläser von den kleinen Bistro-Tischen auf ein Tablett zu stellen und auf einem Block Notizen zu machen. Aurelia hatte die Schürze abgenommen und ein buntes Tuch um ihre Zöpfchen-Frisur gebunden. „Ja, ja, so schnell geht es… Schwupp und weg sind sie. Wird bestimmt ein ruhiger Abend.“ Tom trug das überfüllte Tablett in die Küche. Als er wieder rauskam, erkundigte er sich bei Nick, ob er ihm noch etwas bringen könne. „Kaffee vielleicht?“ Nick nickte, wie üblich und versuchte sich zu entspannen. Als Tom den Kaffee brachte, erkundigte er sich bei ihm nach dem schwarzen Jungen. „Ach Josh, tja, das ist unser jüngster Sohn.“ Er kratzte sich hinterm Ohr. „Wer hätte gedacht, dass ich mit fünfzig nochmals Vater werde. War nicht wirklich so geplant, aber er ist ein guter Junge und ich danke Gott, dass er bei uns ist.“ Er zeigte mit seinem Finger auf ein Bild, dass über dem Kamin hing: „ Wir haben fünf Kinder, alle erwachsen und ausgeflogen, bis auf Josh natürlich, der ist erst zwölf.“ Aurelia, die damit beschäftigt war, die Tische sauber zu wischen, schlurfte zum Kamin und hängte das Bild ab.
Sie brachte es Nick: „ Whitney, Paddy, Andy und Annie-May mit ihrem Mann Gregory. Er ist ein waschechter Insulaner von hier. Das sind unsere Enkel Fynn und Niamh. Und der da ist Josh, da war er wie alt, Tom?“ Sie bekam keine Antwort. Nick zeigte auf Ainoah, die ebenfalls auf dem Familienbild abgebildet war. Aurelia schmunzelte: „Mein weißer Engel. Sie gehört gewissermaßen zur Familie.“ Stolz und voller Liebe fuhr sie über jedes einzelne Kind auf dem Foto und hängte es dann zurück an seinen Platz. Nick hätte gerne mehr über die junge, temperamentvolle Tochter von Dr. Linda-May Kennedy erfahren, aber er wollte nicht neugierig erscheinen. Außerdem war es Zeit zu gehen. Er hatte sich für die letzten vier freien Tage, bevor er die Oberarztstelle als Herzchirurg im Memorial antrat, noch eine Menge vorgenommen. Nick trat hinter Tom, der damit beschäftigt war, diverse Zettelchen mit Geldbeträgen drauf unter die vielen, aufgeführten Namen auf einer großen Pinnwand zu stecken.
