Im Kreis der Schatten - Mark Aurel - E-Book

Im Kreis der Schatten E-Book

Mark Aurel

0,0
4,99 €

oder
-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Ein Mann im Dienst der Inquisition. Eine Welt, in der Glauben über Leben entscheidet. Darius Krug ist kein Held. Er ist ein Werkzeug. Geformt von Gewalt, getragen von fanatischer Gewissheit, vollstreckt er den Willen einer Kirche, die keine Zweifel duldet. Doch als ein Auftrag ihn in den Kreis verbotener Rituale, verstörender Visionen und unaussprechlicher Schuld führt, beginnt etwas in ihm zu zerbrechen. Zwischen religiösem Wahn, innerer Zerrissenheit und einer Wahrheit, die nicht existieren dürfte, muss Darius erkennen, dass nicht jede Finsternis von außen kommt – und dass der Preis des Gehorsams höher sein könnte als der der Rebellion. Im Kreis der Schatten ist ein düsterer historischer Fantasyroman über Macht, Glauben und die Frage, was von einem Menschen bleibt, wenn er zu lange im Namen des Richtigen getötet hat.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2026

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Im Kreis der Schatten

Die Chroniken des Darius Krug

Mark Aurel

Impressum

Im Kreis der Schatten

Copyright © 2026 Markus Grentschnig

Veröffentlicht unter dem Pseudonym Mark Aurel

Selfpublishing-Ausgabe über Tolino MediaErstveröffentlichung: 2026

Autor: Mark AurelWohnort: 1200 Wien, ÖsterreichKontakt: [email protected]

Alle Rechte vorbehalten.Dieses Buch, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Verbreitung, Übersetzungen, Mikroverfilmungen sowie die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Die Figuren und Ereignisse in diesem Buch sind frei erfunden. Jede Ähnlichkeit mit realen Personen, lebend oder verstorben, ist zufällig und nicht beabsichtigt.

Hinweis:Die Coverabbildung sowie redaktionelle Textüberarbeitungen wurden unter Einsatz der künstlichen Intelligenz ChatGPT unterstützt. Dabei wurden keine urheberrechtlich geschützten Werke Dritter verwendet, und es werden keine Nutzungs- oder Persönlichkeitsrechte verletzt

Satz & Gestaltung: Markus GrentschnigHerstellung & Vertrieb: Tolino Media

Prolog

Er träumte wieder.Nicht von Feuer. Nicht von Blut. Sondern von der Stille.Von einem Dorf ohne Stimmen, vom Atem eines Jungen, der keiner war,von einem Symbol, das sich in seine Netzhaut brannte,obwohl seine Lider fest geschlossen blieben.

Ein Auge. Drei Pupillen. Keine Gnade.

Als er erwachte, war der Raum kalt.Der Ofen war längst erloschen, nur die Kerze auf dem Fensterbrett hielt durch –flackernd wie eine letzte Erinnerung an Lichtin einer Welt, in der man für das Richtige töten musste – und dafür Beifall erhielt.

Darius richtete sich auf, die Brust eng, die Lunge brennend.Die Decke glitt zu Boden, während er zum Fenster trat.Der Regen war dünn, aber unaufhörlich –wie die Zweifel, die seit Wochen in ihm nagten.

Er griff nach dem Wasserkrug, goss sich einen Becher ein und trank.Dann wandte er sich um.Da lag sie.Der schwarze Aktendeckel – alt, abgegriffen, versiegelt.Doch das Siegel war gebrochen.

Sein Herz schlug schneller. Nicht aus Angst. Nicht aus Schock.Es war der Schlag des Wissens:Dies war kein Zufall. Etwas hatte begonnen.Es war Zeit.

Langsam ging er zum Tisch, legte die rechte Hand auf den Deckel,als müsste er den Inhalt zuerst erfühlen, bevor er ihn las.

Akte 45.Eschenholm

Ein Fall, der längst zu den Akten gelegt war.Ein Dorf, das wie ausgelöscht wirkte.Ein Junge, der ihn anstarrte, als könne er hindurchsehen –noch bevor Darius selbst wusste, wer er geworden war.

„Du hast mich vergessen, Darius.“

Die Stimme war noch da.Wie damals. Wie im Traum.

Er atmete tief ein – und begann zu lesen.

Einsatzbericht – Akte 45

Zugangsstufe: VETATVM / Codex A-45-ESCH / Versiegelt durch Römisches TribunalDatum: ██████Einsatzleitung: Inquisitor D. KrugBegleitung: ██████████ (mortuus)Zielort: Eschenholm (nord-occidens S. R. I.)

Berichtsbeginn:Am XIV. Abend nach dem letzten Neumond, in verbo Domini, erreichte die Einheit das Dorf Eschenholm.Die Ansiedlung zeigte deutliche Anzeichen von [UNREINHEIT].

Feststellungen:– Mehrere Hütten verlassen, mit Essensresten auf den Tischen.– An Türen und Pfosten eingeritzte Zeichen (siehe Anhang A).– Vollständige Stille trotz erkennbarer Spuren jüngster Bewohnung.

Besondere Auffälligkeiten:– Symbol in Hütte III: Auge mit drei Pupillen, nach innen geöffnet.– Im Erdreich nahe der Kapelle: Tierkadaver, kreisförmig angeordnet.

Erste Kontaktaufnahme:Ein Teil der Bevölkerung verweigerte Aussagen, andere verhielten sich apathisch.Mehrere Subjekte zeigten corruptio mentis – Symptome von Wahn, Besessenheit oder äußerem Einfluss.

Beobachtung – Kind:Ein einzelnes Kind wurde angetroffen.Es sprach selten – und wenn, dann in einer fremdartigen Sprache, die nicht identifiziert werden konnte.Die Augen zeigten keine Pupillen.Während der Befragung öffnete sich ein Fenster ohne ersichtliche Ursache.Ein grelles Licht durchzog den Raum, gefolgt von einem dumpfen, markerschütternden Laut,woraufhin kein Anwesender ein weiteres Wort äußerte.

Verbleibende Bevölkerung:Nicht auffindbar.

Zusammenfassung:Einsatz beendet. Keine weiteren Beobachtungen.Ursache: regional begrenzte Häresie.Bericht versiegelt – auf unbestimmte Zeit.

Confidentialis, Anmerkung D. Krug:„Wir sind zu spät gekommen – oder viel zu früh.Ich glaube, das Dorf war nicht leer.Ich glaube … es war wach.“

Darius’ Hand blieb reglos auf dem Papier liegen.Er las den letzten Satz erneut, hob den Blick –und in der Fensterscheibe spiegelte sich sein Gesicht.Nicht das Gesicht des Inquisitors.Nicht das des Gardisten.Sondern das eines Mannes, der wusste,dass das, was er gesehen hatte,niemals hätte niedergeschrieben werden dürfen.Und doch war es wieder da.

Er dachte an Finn.Nicht in Worten, sondern wie an einen Schmerz,der nie heilt, nur tiefer ins Fleisch sinkt.

Finn hatte anders geschaut.Immer ein wenig zu lang.Nie hart, nie voller Abscheu –sondern so, als wolle er sehen,was Darius selbst nicht zu sehen wagte.Ein Blick, der ihn hielt, wenn alles andere zerfiel.

Und manchmal hatte Finn etwas gesagt,das Darius damals nicht verstand –bis heute.

„Eines Tages werden wir nicht mehr fragen, was geschah –sondern wer wir dabei waren.“

Damals hatte Darius gelächelt.Jetzt brannte der Satz in ihm.

Ob Finn die Träume auch hatte, wusste er nicht.Vielleicht lebte er noch.Vielleicht lag auch auf seinem Tisch Akte 45.Oder er hatte sie längst ins Feuer geworfen.

Darius ließ die Augen zufallen.In der Dunkelheit erschien erneut das Zeichen:drei Pupillen.

Dann hörte er Finns Stimme, ein Flüstern:„Elian lebt.“

Langsam atmete er aus.Dann stand er auf,nahm den Aktendeckelund trat an das kleine Bücherregal neben dem Kamin.

Dort wartete ein abgewetzter, aber bequemer Sessel.Das Leder war brüchig, die Armlehnen vom Gewicht der Jahre zerfurcht.Er passte zu ihm – wie Schuld zur Reue.

Darius ließ sich sinken.Ein leises Knarzen.Der Regen trommelte unaufhörlich gegen die Scheiben.Die Kerze flackerte ein letztes Mal –und erlosch.

Zurückgelehnt zog er die Decke über die Knie.Dann schlug er die Akte erneut auf.Er schloss die Augen.Langsam. Schwer.

Die Geschichte begann –unter einem grauen Himmel über dem Norden.

Kapitel 1 – Ankunft in Eschenholm

Der Himmel spannte sich wie ein graues Tuch, schwer vom Regen, der noch nicht fiel. Eine unausgesprochene Drohung lag in der Luft. Darius und Finn ritten nach Eschenholm – hinein ins heutige Hessen. Die Straße schnitt als dunkler Strich durch Felder, deren Grün längst verloschen war.

Vorn ritt Darius.Hochgewachsen, breit in den Schultern – geformt von Jahren des Dienstes. Sein Mantel hing schwer vom Nebel, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen. Er wirkte wie jemand, den man nicht übersehen konnte. Unter dem blauen Stoff blitzte zuweilen der metallische Ansatz seines Brustpanzers auf, wenn sich das Pferd bewegte.

Hinter ihm, auf einem Wagen, den zwei Pferde zogen, saß Finn.Die Zügel hielt er locker, doch sein Blick glitt unablässig über die Umgebung – aufmerksam, wachsam, als wollte er jeden Schatten im Nebel zählen. Er war schmaler gebaut als Darius, aber nicht weniger zäh. Die Jahre hatten ihn nicht breiter, sondern härter gemacht – Muskeln wie gedrehtes Seil unter der Robe. Dunkelbraunes Haar klebte ihm an der Stirn, einzelne Strähnen lösten sich, wenn er den Kopf schüttelte. Graue Augen, rastlos, nie still. Eine feine Narbe zog sich vom rechten Ohr bis zum Kiefer – unscheinbar, doch deutlich genug, um zu zeigen, wie oft er dem Stahl schon begegnet war.

Der Wagen selbst war abgedeckt, das geölte Leinen dunkel vom Feuchtnebel. Niemand außer den beiden wusste, was darunter lag – und so sollte es bleiben. Die Räder knirschten im Schmutz der letzten Meilen, und jedes Mal, wenn sie eine tiefere Spur trafen, ächzte das Holz wie ein alter Mann mit müden Gelenken.

Die Straße senkte sich, und zwischen den letzten kahlen Bäumen tauchten die ersten Dächer auf.Eschenholm.Ein Ort, der wirkte, als hätte er schon zu viele Winter hinter sich. Die Häuser standen gedrängt, mit schmalen, dunklen Gassen dazwischen. Kein Rauch aus den Schornsteinen, kein Kind auf der Gasse. Der Nebel hing zwischen den Mauern wie ein Gast, der zu lange geblieben war.

Darius zügelte sein Pferd, Finn brachte den Wagen neben ihm zum Stehen.„Still“, murmelte Finn.

Sie ritten weiter bis zu einem Unterstand am Dorfrand. Das Dach war schief, die Balken dunkel vor Feuchtigkeit, Moos hing in Fetzen von den Querträgern. Finn lenkte die Pferde hinein, stieg vom Kutschbock, zog das Tuch über die Ladefläche fester. Dann spannte er die Tiere aus, band sie mit Stricken an und schüttete Hafer und getrockneten Klee in die Futtertröge.

Darius stand am Rand des Unterstands, den Blick auf die reglose Hauptgasse gerichtet. Fenster und Türen waren geschlossen, als hätten die Bewohner den Atem angehalten.

Sie traten auf die matschige Gasse. Zwei Männer in tiefblauen Roben, darunter der schwache Schimmer von Brustpanzern – in einem abgeschiedenen Dorf wie diesem ein Anblick, der Türen verriegelte und Fensterläden zuschlagen ließ.

Langsam setzten sie einen Fuß vor den anderen. Der nasse Boden sog an den Stiefeln. Von irgendwoher kam das dumpfe Poltern eines Riegels, dann ein zweites. Ein Vorhang bewegte sich hastig und wurde dann wieder fest an die Scheibe gedrückt.

Etwa auf halber Strecke hielten sie an.Die Tür eines Hauses, alt und grau vom Wetter, trug ein Zeichen. Tief ins Holz geschnitten, groß und kantig, als hätte jemand das Messer mit Zorn geführt. Ein Auge. Drei Pupillen. Kein Lid.

Darius starrte darauf.Für einen Moment war da kein Regen, kein Dorf, kein Finn.Nur das Auge.Und dahinter – Flammen.Gesichter, zu nah am Feuer. Augen ohne Pupillen. Stimmen, so leise, dass sie lauter wirkten als jeder Schrei.

„Darius.“ Finns Stimme war ruhig, aber fest.„Schon wieder.“

Darius atmete kurz aus. „Gehen wir.“

Ein Stück weiter stand ein alter Mann in der Nässe.Er musterte sie, spuckte in den feuchten Schmutz. „Pfaffen. Als könntet ihr uns helfen.“

Darius blieb stehen. „Dein Name.“„Jakob Mertens.“„Gut. Rom schickt keine Krieger wegen des Regens. Sprich.“

Der Alte wich dem Blick aus. „Leute verschwinden. Erst die Tiere. Dann…“ Er bekreuzigte sich.„Dann?“

„Dann Kinder.“

Finn hob die Augenbrauen. „Kinder? Klingt wie ein Hexensabbat… aus den ganz alten Büchern.“

Jakob sah sich um, flüsterte: „Ich hab’s gesehen. Licht im Wald. Stimmen… und etwas, das sich bewegt hat, als wär’s kein Mensch.“

„Wer bist du?“

Eine helle Stimme ließ sie herumfahren. Ein Kind stand ein paar Schritte entfernt, barfuß auf dem nassen Boden. Es war vielleicht sechs oder sieben Jahre alt.„Mein Vater ist drinnen. Willst du mein Spielzeug sehen?“

Es hielt eine Puppe hoch – grob zusammengenäht, mit drei schwarzen Knopfaugen.

Die Tür des Hauses flog auf. Eine Frau stürzte heraus, griff das Kind am Arm. Ihr Blick fiel auf die beiden Männer – groß, in dunklen Roben, Kapuzen tief ins Gesicht gezogen.

Für einen Atemzug erstarrte sie.Das Kind stand zwischen ihnen, die Puppe in der Hand.In ihren Augen lag blanke Todesangst.Sie zog das Kind an sich, trat zurück ins Dunkel.Die Tür fiel ins Schloss, als hinge ihr Leben daran.

Der Regen schluckte jedes Geräusch.Darius und Finn standen reglos in der leeren Straße.

Kapitel 2 – Die Straße der Schatten

Der Regen fiel dichter, kalte Fäden krochen unter die Kapuzen.Wasser sammelte sich in den Ritzen der Pflastersteine, floss in schmutzigen Rinnsalen ab – als wollte es den Ort fortspülen.

Darius stand noch einen Moment reglos, das Bild der Frau mit dem Kind im Kopf.Er wusste, was in ihren Augen gelegen hatte – nicht bloß Angst vor dem Unbekannten, sondern vor dem Urteil.Diesen Blick hatte er schon zu oft gesehen.

Finn rückte den Mantel zurecht und warf einen kurzen Blick über die Schulter zum Wagen im Unterstand.„Wir sollten uns umsehen, bevor uns jemand zuvorkommt.“

Sie setzten sich in Bewegung, langsam, den Blick wachsam nach allen Seiten.Die Hauptstraße wirkte verlassen, doch aus dem Augenwinkel nahmen sie Bewegungen wahr – ein Vorhang, der sich schloss, eine Tür, die leise ins Schloss glitt.

Vor einem kleinen Schuppen saß ein Stallbursche auf einem Schemel.Er hatte ein Feuer in einer eisernen Pfanne entfacht und hielt die Hände dicht über die Flammen. Der Duft von feuchtem Holz mischte sich mit dem Rauch, der träge in den Regen aufstieg.

Darius’ Schritte wurden langsamer.Der Rauch brennenden Holzes drang tiefer, als er wollte.Ein anderes Feuer.Andere Schreie.Gesichter im flackernden Licht, verzerrt vor Schmerz.Der dumpfe Knall, wenn nasses Holz im Scheiterhaufen platzte.Der Geruch von brennendem Fleisch würde ihn nie verlassen.

„Darius.“ Finns Stimme war leiser als zuvor, fast sorgsam.„Es wird schlimmer, oder?“

Darius blinzelte, zwang sich zurück ins Jetzt.Der Stallbursche sah sie nicht einmal an, zu sehr mit seinen Flammen beschäftigt.

„Wir gehen weiter“, sagte Darius knapp.

Am Ende der Hauptgasse standen die Häuser dichter beieinander, als würden sie sich gegenseitig stützen.Hier, an einer breiteren Stelle, lag die einzige Schenke des Ortes.Das Schild über der Tür hing schief, das Holz dunkel von Feuchtigkeit und Alter.

„Wo sollen wir uns einquartieren?“, murmelte Finn.„Hier“, sagte Darius und drückte die Tür auf.

Ein dumpfer Geruch aus Rauch, Bier und altem Holz schlug ihnen entgegen.Das Feuer im Kamin war klein, die Glut tiefrot.Das Stimmengewirr, das eben noch zwischen den Balken gehangen hatte, verstummte schlagartig – so still wie in einer Kirche bei einer Totenwache.

Alle Blicke lagen auf ihnen.Zwei Männer in tiefblauen Roben, unter denen Metall schimmerte.Kapuzen, vom Regen schwer. Gesichter, die man nicht einordnen wollte.

Darius ging direkt zum Tresen, Finn dicht hinter ihm.Ein schmaler Mann mit fleckiger Schürze stand dahinter, den Krug in der Hand, als wäre er unsicher, ob er ihn abstellen oder als Waffe benutzen sollte.

„Ein Zimmer. Zwei Betten“, sagte Darius.Der Mann blinzelte. „Ja … ja, sehr wohl. Aber es wird euren Ansprüchen kaum gerecht.“Darius’ Blick blieb fest. „Lass das unsere Sorge sein, Wirt. Bring Essen. Und wenn du was zu trinken hast, auch das. Vorher zeig uns unser Zimmer.“„Gewiss … gleich.“

Seine Hände zitterten, als er den Schlüssel vom Haken nahm.Er winkte ihnen, den schmalen Gang hinter dem Tresen entlangzugehen.Die Gäste drehten sich nicht um, folgten ihnen jedoch mit Blicken, die brannten wie kalte Nadeln im Rücken.

Der Wirt ging voran, der Schlüssel klimperte in seiner Hand.Der Gang roch nach kaltem Stein und altem Rauch, die Wände waren mit schief hängenden Bildern verziert – verblasste Landschaften, deren Farben schon vor Jahren gestorben waren.

Er schob den Schlüssel ins Schloss, drehte zweimal, und die Tür quietschte, als hätte sie das Öffnen verlernt.Das Zimmer war klein.Zwei schmale Betten mit groben Wolldecken, ein Tisch voller Kerben, ein einzelnes Fenster, das den Blick auf die verregnete Gasse freigab. In der Ecke stand ein Waschkrug mit Schüssel, das Wasser darin abgestanden.

„Wir kommen gleich wieder runter“, sagte Darius und trat ein.„Mach das Essen fertig. Und Bier. Frisch gezapft.“Der Wirt nickte hastig. „Jawohl … Bier haben wir. Aus dem Fass. Gebraut in Hohenfeld, zwei Tage nordwärts.“„Gut.“ Darius drehte sich zu Finn. „Dann lohnt sich die Reise wenigstens für etwas.“

Der Wirt lächelte gequält, zog die Tür hinter sich zu und ließ sie allein im Zimmer.

Darius zog die nasse Robe von den Schultern, hängte sie über einen wackeligen Haken an der Wand.Darunter kam der goldene Brustpanzer zum Vorschein – er löste die Riemen, legte das Metall vorsichtig auf das Bett.Finn tat es ihm gleich.Die Schwerter blieben ebenfalls im Zimmer, sauber an die Wand gelehnt.Nur ein Dolch blieb an Darius’ Seite – schlicht, mit graviertem Griff, Teil der Etikette, mehr Symbol als Waffe in einem Raum voller Zivilisten.

„So sehen wir weniger aus wie das jüngste Gericht“, murmelte Finn.Darius zog nur eine Braue hoch. „Wir werden trotzdem so behandelt.“

Sie verließen das Zimmer, gingen den schmalen Gang zurück.Der Duft von warmem Brot und geschmortem Fleisch kam ihnen entgegen.

In der Gaststube hatten sich die Stimmen wieder erhoben – gedämpft, aber spürbar misstrauisch.Als die beiden eintraten, verstummten einige Gespräche, andere wurden mit gesenkten Köpfen fortgeführt.

Darius und Finn nahmen in einer Ecke Platz, wo sie beide den Raum im Blick hatten.Der Tisch war aus schwerem Holz, die Kerze darauf flackerte träge im Zug der halb geöffneten Tür.Von hier aus konnten sie sehen, wie der Wirt am Fass stand und zwei Humpen füllte.

Doch bevor er zurückkam, näherte sich eine andere Gestalt.Eine junge Frau, vielleicht Anfang zwanzig, trug zwei Humpen in den Händen.Ihr Haar war zu einem lockeren Knoten gebunden, ein paar Strähnen hatten sich gelöst.Sie bewegte sich sicher zwischen den Tischen, das Lächeln auf den Lippen wirkte nicht gezwungen – aber gezielt.

Sie stellte den ersten Humpen vor Darius ab, dann den zweiten vor Finn.Sie beugte sich tiefer, als nötig gewesen wäre.Der Ausschnitt ihrer Bluse öffnete sich, gerade so, dass der Blick hineinfiel.

Finns Mundwinkel zuckten, ein Grinsen blitzte auf.„Danke“, sagte er, mit diesem Ton, der kein weiteres Wort brauchte.

Darius nahm seinen Humpen, ohne den Blick zu erwidern, und trank.Die Frau richtete sich langsam wieder auf, drehte sich dann um, das Tablett am Arm, die Hüften leicht überbetont.

Finn lehnte sich zurück. „Manche Begegnungen machen auch diesen Ort erträglicher.“Darius stellte den Humpen ab. „Konzentrier dich lieber auf die, die uns nicht zulächeln.“

Sie saßen still, tranken in kleinen Zügen.Das Feuer im Kamin knackte leise, der Duft von gebratenem Fleisch drang aus der Küche.

Ohne es zu wollen, fing Darius Gesprächsfetzen auf:„… das dritte diese Woche …“„… besser nicht nach draußen nach Sonnenuntergang …“„Hast du das Zeichen gesehen? Beim alten Brunner?“„Pssst! Nicht so laut. Du weißt, wer hier ist.“

Ein anderer Tisch, weiter hinten:„… im Wald … Licht, als ob die Sterne gefallen wären …“„War kein Feuer. Feuer schreit anders.“

Finn lehnte sich leicht zu Darius. „Sie reden alle vom Gleichen.“„Ja“, murmelte Darius, „und keiner sagt es ganz.“

In der Küche schepperte Geschirr, der Wirt rief etwas Unverständliches.Der Duft des Essens wurde stärker.

Die junge Frau eilte nach hinten, kam kurz darauf mit einem Tablett zurück.Zwei Teller, dicke Scheiben Fleisch, grob geschnittenes Brot. Kräftig, nach Pfeffer und Rauch.

Sie stellte Finn den Teller hin, dann Darius.„Wie heißt du, Hübsche?“ fragte Finn, das Grinsen zurück auf den Lippen.„Marta“, antwortete sie und stellte das Brot in die Mitte.

„Marta“, wiederholte Finn, als koste er den Namen. „Wenn du Zeit hast, setz dich zu mir.“

Darius schnaubte leise, schnitt Fleisch und begann zu essen, ohne sie anzusehen.Marta hingegen lächelte strahlend – kein verschämtes Mädchenlächeln, sondern der Blick einer, die wusste, wie man Aufmerksamkeit in Münzen verwandelte.„Vielleicht“, sagte sie, „wenn der Wirt mich lässt.“

Sie warf Darius einen kurzen Blick zu, als wolle sie seine Reaktion messen, drehte sich dann und ging zurück zum Tresen.

Finn sah ihr nach. „Ich mag dieses Dorf jetzt schon“, murmelte er.

Kaum war Marta verschwunden, erhob sich ein älterer Mann von einem Tisch nahe der Wand.Breite Schultern unter einem schlichten Hemd, wettergegerbtes Gesicht – der Blick eines Mannes, der gewohnt war, anderen die Meinung zu sagen.Er kam polternd herüber, der schwere Schritt ließ den Boden vibrieren.

„Das ist meine Tochter, Fremder.“

Finn legte das Messer beiseite, sah zu ihm auf.„Kompliment. Ganze Arbeit.“

Der Mann blinzelte irritiert, blieb stehen. „Halt dich von ihr fern.“

Finn verschränkte die Arme.„Glaub mir, guter Mann – ich will sie weder heiraten noch ihr Erbe verschleudern. Ich wollte nur ihren Namen. Jetzt weiß ich ihn. Geheimnisse sind ungesund, besonders in Dörfern wie diesem.“

Hinter dem Tresen stand Marta, die Hand vor den Mund gelegt, damit niemand ihr Grinsen sah.

Der Mann schnaubte, schüttelte den Kopf, stapfte zurück an seinen Tisch.

Finn griff wieder nach dem Messer, sah zu Darius.„So … darf ich endlich essen?“

Darius hob nur eine Braue, schnitt ein weiteres Stück Fleisch ab.

Sie aßen schweigend.Der Lärm der Gaststube mischte sich mit dem Prasseln des Regens, das durch die Ritzen der Fenster drang.

Darius’ Blick wanderte irgendwann zum schmalen Glas neben ihrem Tisch.Auf dem Dorfplatz sah er eine Gestalt.Schmaler Körper, Kapuze tief im Gesicht.Sie huschte aus einer Seitengasse, beugte sich über den Brunnen und ließ etwas hineinfallen.Ein dumpfer Klang, als träfe Metall auf Wasser.

Die Gestalt verharrte – und starrte ihn an.

Darius legte das Messer ab.„Was ist?“ fragte Finn, noch mit einem Stück Brot in der Hand.„Wir sind nicht die Einzigen, die hier etwas wollen.“

Die Gestalt zog die Kapuze tiefer und verschwand lautlos zwischen den Häusern.

Kapitel 3 – Der Brunnen

Die Nacht war still, nur das leise Tropfen des Regens an den Fensterrahmen durchbrach die Stille.

Am Morgen streckte sich Finn, rieb sich den Nacken und meinte:„Natürlich hätte ich mit Marta besser geschlafen … aber es war erträglich.“

Darius zog den Gürtel seiner Hose fest und schnaubte.„Aber sicher nicht neben mir in diesem Zimmer.“

„Man kann ja wohl mal fragen.“ Finn grinste und zog die Stiefel an.

Kurz darauf gingen sie den schmalen Gang hinunter in den Schankraum.Der Kamin glimmte noch vom Vorabend, der Wirt stellte wortlos zwei dampfende Becher hin – schwarzer Kräutertee, kräftig und bitter. Kaffee gab es hier nicht.

Sie tranken schweigend, zogen die Kapuzen über und traten hinaus in den grauen Morgen.Der Regen hatte aufgehört, doch der Himmel hing schwer.

Darius bog auf den Dorfplatz ab. Der Brunnen stand in der Mitte, das Wasser darin dunkel und unbewegt.„Also“, begann Finn, Hände in den Manteltaschen, „was hast du gestern gesehen?“„Jemand hat etwas hineingeworfen.“Finns Augen verengten sich. „Was?“„Das will ich herausfinden.“„Willst du reinsteigen?“ Finn deutete zum Rand.„Nein“, erwiderte Darius trocken. „Aber du.“Finn blinzelte. „Wie bitte?“„Ich lass dich runter. Hoffentlich ist er nicht tief.“Finn verschränkte die Arme. „Du hoffst? Wenn er tief ist, lässt du mich absaufen oder was?“„Kommt drauf an, was du findest.“

Finn stieß einen spöttischen Laut aus, begann aber, die Riemen seines Brustpanzers zu lösen.Neugierige Dorfbewohner blieben am Platz stehen, Arme verschränkt, Schals vors Gesicht gezogen.

Finn legte die Robe ab. Unter dem Stoff kam ein sehniger, trainierter Körper zum Vorschein, gezeichnet von Arbeit und Kampf.Marta stand unter den Zuschauern. Ihre Wangen färbten sich rosig, als ihr Blick länger als nötig an Finn hängen blieb.Finn bemerkte es, lächelte breit und murmelte: „Die will mich.“„Wenn du im Brunnen ertrinkst, nicht mehr.“

Darius bereitete das Seil vor, band es straff um den Pfosten, prüfte den Knoten. Finn setzte einen Fuß auf den Rand, packte das Seil und begann, sich rückwärts hinunterzulassen.„Langsam“, murmelte Darius und ließ das Seil Stück für Stück gleiten.

Die ersten Meter blieben ruhig – dann rutschte das nasse Hanf plötzlich durch seine Hände.„Verdammt!“ Er packte fester, doch Finn schoss in die Tiefe, das Seil quietschte am Pfosten.Gerade noch bekam Darius Halt. Das Seil spannte sich hart, Finn schlug gegen die Brunnenwand.

Von unten hallte seine Stimme: „Wenn du mich loswerden willst, sag’s einfach! Ersäufen bringt nichts – ich such dich heim!“Einige Umstehende kicherten nervös, andere schauten starr zwischen den beiden Männern.

„Weniger reden, mehr suchen“, rief Darius hinab.Für Fremde klang es nach Zorn – doch wer sie kannte, wusste, dass dies ihre Sprache war.Knurren wie Straßenköter, kämpfen wie Brüder.

„Warte … hier ist was.“ Finns Stimme hallte dumpf.Darius hielt das Seil straff. „Was ist es?“„Ein Päckchen … fest …“ Schaben, dann ein Riss im Schlick. „… in Wachs versiegelt. Wasserfest.“

Er hob es ins Licht. Faustgroß, gelbliches Wachs, an einer Seite eine Prägung. Darius’ Augen verengten sich.„Komm hoch.“„Soll ich’s gleich hier aufmachen?“„Finn.“„Ja, ja.“

Diesmal zog Darius gleichmäßig, beide Hände fest. Die Zuschauer rückten näher, manche bekreuzigten sich.Als Finn über den Rand stieg, tropfte Wasser von seiner Kleidung. Tropfen liefen von seinen Fingern, als er das Päckchen hochhielt.„Und? Was jetzt?“Darius nahm es, wog es in der Hand. Kalt.„Jetzt finden wir raus, wer das hier versteckt hat.“

Sie kehrten wortlos zur Schenke zurück. Die Menge löste sich langsam, Blicke brannten in ihrem Rücken.

Oben im Zimmer legte Darius das Päckchen auf den Tisch. Finn strich sich das nasse Haar aus der Stirn.Mit dem Messer schnitt Darius vorsichtig ins Wachs. Ein dumpfes Knacken, Stücke fielen ab.Im Inneren: ein gerolltes Pergament, verschnürt mit Leder.Ein kleiner, metallener Anhänger fiel heraus.

Finn hob ihn auf. „Ein Auge … mit drei Pupillen.“Das Pergament war feucht, doch lesbar. Nur wenige Zeilen, Latein.Darius las leise:„Illum oculum non claude, nam vigilat in tenebris.“„Und das heißt?“ fragte Finn.„Schließe jenes Auge nicht … denn es wacht in der Dunkelheit.“

Sie sahen sich an. Kein Zufall. Eine Nachricht.

Darius trat wieder auf den Platz hinaus, Amulett in der Hand.„Alle herkommen!“ Seine Stimme schnitt durch die feuchte Luft.Fensterläden klappten, Türen öffneten sich. Bald bildete sich ein Kreis um den Brunnen.

Darius hob das Amulett. „Wer hat das in den Brunnen geworfen? Wer glaubt, sich vor Rom zu verstecken, irrt.“Gemurmel. Dann trat ein schmaler Mann vor, blass, zitternd.„Ich war’s. Es sollte weg aus meinem Haus. Ich … wollte es nur loswerden.“

Darius’ Blick bohrte sich in seine Augen. „Und was hat es mit dem Satz auf sich? Wie heißt du?“„Lorenz … Lorenz Bauer.“„Rede, Lorenz.“Finn trat näher, Schultern breit, Stimme hart: „Oder soll ich den Wagen holen?“

Raunen, Frauen bekreuzigten sich. Jeder wusste, was im Wagen lag.„Noch nicht“, sagte Darius.

Lorenz schluckte. „Ich habe Latein gelernt, in Fulda, bei einem Kirchenschreiber. Der Satz stand in einem Pergament meines Onkels. Das Amulett lag dabei.“„Dein Onkel?“„Er war kein guter Mann.“„Kein guter Mann – oder schlimmer?“ Finns Stimme schnitt.

Schweigen. Dann Darius: „Du zeigst uns alles, was er hinterlassen hat.“

Lorenz ging voran, Kopf gesenkt, Finn links, Darius rechts.Ein Bild, das keinen Zweifel ließ.

Am Rand des Dorfes stand das Haus. Graues Fachwerk, Balken schwarz vom Wetter.Lorenz öffnete. Ruß, verwittertes Holz, Metall schlugen ihnen entgegen.

Darius trat ein – und erstarrte.Auf dem Tisch: Daumenschrauben, blank poliert. Daneben Nadeln, eingerollt in Tuch. An der Wand: der Malleus Maleficarum, mit Notizen in akkuratem Latein.

Die Luft war so schwer, dass jeder Atemzug nach Schuld schmeckte.Darius wurde bleich. „Grundgütiger …“Finns Stimme trocken: „Nicht gerade das Inventar eines freundlichen Dorfschreibers.“

Doch Darius sah nicht Metall – er sah Feuer.Das Licht des Raumes wich Rot-Orange. Stimmen dröhnten.Männer mit Kreuzen um den Hals, der Malleus wie eine Predigt.Hinter ihnen knackte der Scheiterhaufen.Eine Frau kniete gefesselt, das Gesicht schwarz vom Rauch.Ein dünnes Lächeln eines Hexenjägers, dann das Zischen der Fackel.Ein Auflodern. Ein Schrei.

Finns Stimme riss ihn zurück. „Warum starrst du so?“„Weil ich diesen Mann kenne.“„Den, der das schrieb?“„Nein. Den, der daraus las. Hier. Vor Jahren.“

Darius wandte sich Lorenz zu. „Dein Onkel war ein Hexenjäger. Ich habe ihn am Scheiterhaufen gesehen.“Lorenz sackte zusammen. „Er war mein Blut. Aber ich habe nie getan, was er tat.“„Dann fang nicht jetzt damit an.“

Darius durchsuchte das Haus wie ein Sturm. Finn suchte methodisch, leiser.Schubladen, Bretter, Schränke. Dann: ein hohles Brett, dahinter ein Bündel in schwarzem Leinen.

Sie legten es auf den Tisch. Das Tuch fiel.– Längere Nadeln, in Öl getränkt.– Eine Glasflasche mit dunkler Flüssigkeit.– Ein Holzrelief: das Auge mit drei Pupillen, eingerieben mit geronnenem Blut.

Finn pfiff leise. „Er war nicht nur ein Hexenjäger …“„… sondern etwas anderes.“

Lorenz wich zurück. „Das habe ich nie gesehen.“„Aber er hat es besessen.“

Darius wickelte das Relief in Leinen. „Beschlagnahmt.“Finn packte die Stücke in den Ledersack.„Im Bericht bekommt es ein eigenes Kapitel.“ Darius’ Stimme war hart. „Alles wird dokumentiert.“

Sie kehrten wortlos zur Schenke zurück. Der Himmel war dunkler, Wind trieb feuchte Luft durch die Gassen.

Im Zimmer legten sie die Beweise auf den Tisch.„Hol die Schreibkiste“, sagte Darius.Finn grinste schief. „Und wenn einer denkt, ich hole was anderes?“„Dann beeil dich.“

Finn verschwand. Darius blieb allein.Die Daumenschrauben glänzten im Dämmerlicht, wie Spuren alter Schreie.Finn kam zurück, stellte die Kiste auf. Der Duft von Tinte und Leder erfüllte den Raum.

Darius schrieb:

Einsatzbericht – Eschenhain

Beschlagnahmte Gegenstände – Fall Bauer

Heute wurde im Besitz des verstorbenen Johann Bauer, ehemals Hexenjäger in kirchlichen Diensten, ein in Wachs versiegeltes Amulett mit dem Symbol eines Auges mit drei Pupillen gefunden.Fund nach Geständnis seines Neffen Lorenz Bauer, welcher das Amulett im Dorfbrunnen deponierte.

Fundstücke:– Amulett, wasserfest, Symbol: Auge mit drei Pupillen.– Holzrelief gleichen Symbols, Ränder mit organischer Substanz (vermutlich Blut).– Buch Malleus Maleficarum, stark gebraucht, mit Randnotizen in Latein.– Daumenschrauben, poliert, einsatzbereit.– Nadeln zur Feststellung angeblicher Hexenmale, in Öl getränkt.– Kleine Glasflasche mit dunkler Flüssigkeit.

Herkunft:Alle Gegenstände im Haus des verstorbenen Johann Bauer.

Einschätzung:Symbol weist auf Zusammenhang zu weiteren Sichtungen in Eschenhain hin. Zustand der Gegenstände deutet auf aktive Nutzung.

Empfehlung:Weitere Ermittlungen zur Herkunft des Symbols. Vernehmung verbliebener Angehöriger. Sicherstellung in Verwahrung des Tribunals.

Anmerkung des leitenden Inquisitors:„Der Fund zeigt nicht nur, was Bauer tat. Er zeigt, dass mehr dahintersteht. Das Auge wacht – und jemand will, dass wir es sehen.“

Unterzeichnet:Inquisitor Darius KrugDie decima mensis Octobris, Anno Domini MDXCVIII

Darius legte die Feder ab.„Genug, um den nächsten Schritt zu gehen.“„Wusste ich.“ Finn trank einen Schluck.

Draußen begann es wieder zu regnen.Es klang, als wolle das Wasser die Straßen reinigen – doch nichts wusch Eschenhain rein.

Kapitel 4 – Die Nachtwache

Der Tag war ausgewaschen; mit Einbruch der Nacht wurde der Regen zu feinem Niesel – ein Nebelregen, der in den Stoff sickerte, ohne je zu Tropfen zu werden. Über Eschenholm lag eine Stille, die nicht von Ruhe kam, sondern vom angehaltenen Atem.

Darius zog die Kapuze tiefer. Neben ihm ging Finn, Schritte gedämpft auf feuchtem Grund. Kein Ziel – nur eine Route: Gassen, Dorfplatz, die Ränder zum Wald. Sie wussten nicht, was sie erwartete – vielleicht das Gefährlichste von allem.

An einer Hausecke blieb Darius stehen. Hinter einem Ladenfenster flackerte matter Schein: Kerzenlicht, unregelmäßig, als hielte es jemand mit der Hand. Er hob die Hand; Finn hielt sofort an. Sie lauschten. Kein Wort. Nur das leise Knarzen alten Gebälks im Wind.„Licht löschen?“ flüsterte Finn.„Noch nicht.“

Weiter. An der nächsten Kreuzung hing der Niesel wie dünner Dampf um die Pfosten. Im dichtesten Nebel glaubte Darius eine Bewegung zu sehen – schmal, schnell, nur einen Atemzug lang.„Links“, murmelte er. Sie bogen ab.

Die Gasse war leer. Aber der Geruch – feuchte Erde, darunter metallisch. Darius ging in die Hocke, fuhr mit den Fingerspitzen über den Boden. Schlamm. Ein Abdruck: keine Sohle, nackte Zehen, schmal, symmetrisch. Kälte lief ihm den Rücken hinab.

Schwarze Wüste. Gardistenakademie.Der Wind dort war staubtrocken, der Himmel ohne Blau. Sand in den Zähnen, Blut im Mund. Man schickte ihn dorthin, weil nur die Besten zurückkehrten – und viele nicht. Dort lernte er, wie lange ein Mensch ohne Wasser lebt, wie man mit zwei Händen fünf Gegner hält – und dort begegnete er Finn. Zuerst Zeichen, dann eine Sprache, die niemand verstand. Und eines Nachts sahen sie diesen Abdruck – identisch bis in die feinste Linie. Frisch im Sand, ohne Mensch weit und breit. Selbst die Magier flüsterten.

Darius zwang sich zurück. Der Abdruck vor ihm war fast derselbe.„Finn“, sagte er leise, „wir sind ihm schon begegnet.“„In der Wüste.“„Ja.“

Sie gingen tiefer ins Dorf. An einer schiefen Bretterwand stand in Kreide ein frisches Zeichen: das Auge mit drei Pupillen. Der Regen hatte es noch nicht verwischt.„Jemand will, dass wir es sehen“, sagte Finn.„Oder prüfen, wie nah wir sind.“

Vom Dorfrand herüber wehte ein Laut – erst kaum hörbar, dann klarer: ein tiefes Grollen. Kein Gesang, kein Gebet; eher das Brummen eines unterirdischen Stroms.

Ein Blick genügte. Keine Worte mehr. Sie folgten dem Ton aus den letzten Häusern hinaus, bis der Boden weicher wurde.

Der Wald stand schwarz und reglos. Der Klang vibrierte in den Knochen.„Das sind keine Tiere“, murmelte Finn.„Nein.“ Darius zog den Dolch – nicht aus Hoffnung, sondern weil er sich ohne ihn nackt fühlte. „Und es verstummt nicht, wenn wir näherkommen.“

Die erste Astspitze knackte, als sie die Baumgrenze überschritten.Der Wald nahm sie auf wie ein Maul, das bereit war zu schlucken.

Kein Mond, kein Stern: nur das Gewicht der Dunkelheit. Jeder Schritt war tasten – feuchter Grund, ein fernes Zweigknacken, leise wie ein Fingerbruch. Kein Licht. Kein Feuer, das sie verraten oder den Blick ruinieren konnte. Nur der Ton, tief und konstant, als läge eine unsichtbare Saite im Boden.

Finn ging halblinks hinter Darius, sein Atem knapp hörbar. „Wenn wir uns hier drin verlaufen …“„Tun wir nicht.“„… dann war es deine Idee.“

---ENDE DER LESEPROBE---