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Clara und die große Liebe in Kagoshima 1872: Clara Winterfeld hat Hals über Kopf Berlin und ihre Familie verlassen, um sich und ihre Tochter Celia an Bord eines alten Teeklippers vor dem wütenden Ehemann Franz in Sicherheit zu bringen. Ihr fernes Ziel ist Japan, wo sie mit ihrer großen Liebe Akeno einen Teegarten bewirtschaften und endlich glücklich sein will. Als Akeno nicht wie verabredet im Hafen von Nagasaki auf sie wartet, macht Clara sich auf die Suche nach dem Geliebten – und findet ihn seltsam verändert und abweisend in seinem durch ein Feuer zerstörten Teegarten. Ein düsteres Geheimnis scheint ihn zu quälen, und Clara beschleicht das Gefühl, dass sie und ihre Tochter hier nicht sicher sind.
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Seitenzahl: 388
Veröffentlichungsjahr: 2023
Im Frühjahr 1872 geht Clara Winterfeld mit ihrer kleinen Tochter Celia in Nagasaki an Land. Hals über Kopf hat sie ihren kaltherzigen Mann Franz, ihre Familie und das Teehaus in Berlin zurückgelassen, um ihrer großen Liebe, dem Teehändler Akeno, nach Japan zu folgen. Doch es kommt alles anders als geplant: Akenos Teegarten ist verwüstet, er selbst verletzt, verstört und ein völlig anderer, als ihn Clara in Erinnerung hatte. Ein düsteres Geheimnis scheint ihn zu quälen. Clara kämpft verzweifelt um ihn und ihre Liebe. Doch sie ahnt, dass Celia und sie auf Dauer nicht sicher sind in dem fremden Land. Denn Franz wird mit allen Mitteln versuchen, sie nach Berlin zurückzuholen …
Von Rosalie Schmidt
ist bei dtv außerdem erschienen:
Der Duft der Kirschblüten
Rosalie Schmidt
Roman
Als die Morgendämmerung des 4. März im Jahr 1872 durchs Bullauge zu sickern begann, stand Clara auf. Sie deckte Celia, die sich freigestrampelt hatte, wieder zu, warf sich ihr großes Wolltuch um die Schultern, schlich aus der Kajüte und ging an Deck.
Die Luft war kühl, und es ging ein leichter Wind, der ihr von Land her einen ersten Hauch von Frühling zutrug. Am Horizont erkannte sie dunkle Hügelrücken im bläulichen Dunst. Heute war der Tag, an dem sie Akeno wiedersehen würde.
Clara blieb an der Reling stehen, bis es ein wenig heller wurde und die Hügel klarer hervortraten. Die Suez mit ihren drei Masten nutzte denschwachen Wind, so gut es ging, und kreuzte vor Japans Südküste. Sicher würde es noch Stunden dauern, bis sie in Nagasaki einliefen, Clara hatte also mehr als genug Zeit, ihre wenigen Habseligkeiten einzupacken und sich zu verabschieden. Fröstelnd zog sie das Tuch enger um die Schultern und kehrte in die Kajüte zurück.
Celia lag noch genauso da, wie Clara sie verlassen hatte, und für einen Moment betrachtete sie zärtlich ihre langen Wimpern. Sie war ein stilles Kind, das nur selten weinte und ebenso wenig lachte und plapperte. Nur wenn sie sich ganz und gar sicher und aufgehoben fühlte, zeigte sich ihre eigentliche Fröhlichkeit. Manchmal machte es Clara traurig, dass das erste Lebensjahr ihrer Tochter von Angst überschattet gewesen war.
Doch je weiter sie sich von Berlin und von Franz entfernt hatten, desto mehr zeigte sich das neugierige, fröhliche Kind. Während der Seereise hatte Celia sogar ihre ersten Schritte gemacht, und die Matrosen waren entzückt, wenn sie zwischen ihnen hin und her tappte, um sich von jedem ein Stück Zwieback abzuholen. Richtige Seemannsbeine würde sie noch bekommen, sagten sie.
Celia würde diese etwas rauen, aber herzlichen Männer sicher vermissen. Und Clara auch. Sie hatten sich gestern schon von ihnen verabschiedet, denn heute, wenn sie erst in Nagasaki eingelaufen waren, würden sie zu viel zu tun haben, um sich um eine Frau und ihr Kind zu kümmern.
Clara setzte sich auf die Bettkante und ließ den Blick zum Bullauge über dem Tisch schweifen. Dieser Raum war ihr für eine kleine Weile Heimat gewesen. Hier hatte Akeno ihr die erste Teezeremonie ihres Lebens geschenkt. Und hier hatte sie zum ersten Mal wirklich geliebt. Wenn Akeno heute seine Arme um sie schloss, würde sie diese Kajüte nicht mehr brauchen, um sich ihm nahe zu fühlen.
Clara gab ihrer Tochter einen Kuss und weckte sie sanft.
»Einen wunderschönen guten Morgen, die Damen!«, rief Kapitän Seeborg aufgeräumt.
Es war Clara zur Gewohnheit geworden, mit ihm in seiner Kabine zu frühstücken, denn er hatte einen Narren an Celia gefressen und sogar einen kleinen Hochstuhl für sie zimmern lassen.
Sie ließ sich zufrieden von Clara mit Haferbrei füttern, während Kapitän Seeborg Frühstückseier verspeiste und nachtschwarzen süßen Tee dazu trank.
Clara jedoch bekam heute keinen Bissen herunter. Heute würde sie zum ersten Mal den Fuß auf japanischen Boden setzen. Heute würde sie ihre neue Heimat betreten. Heute würde sie Akeno endlich wiedersehen! Würde er sie in aller Höflichkeit mit einer Verbeugung begrüßen? Oder würde sie ihn in die Arme schließen, gar ihre Lippen auf seine drücken dürfen?
Clara schüttelte die Gedanken ab. »Wissen Sie schon, wann Sie wieder zurückfahren, Kapitän?«
»Wieso fragen Sie das? Wollen Sie gleich wieder nach Hause?«
Clara lächelte. »Natürlich nicht. Ich dachte nur, vielleicht haben Sie Zeit für ein Wiedersehen mit Herrn Akeno? Ich meine, falls Sie das überhaupt interessiert.«
»An Zeit habe ich keinen Mangel, liebe Clara.« Der Kapitän zog sich die Serviette aus dem Kragen und warf sie auf seinen leeren Teller. »Die Suez wird in diesem Hafen abgewrackt. Und ich bleibe erst mal eine Weile in Dejima und lasse es mir gutgehen.« Er lächelte, doch es wirkte etwas gequält. Sicher musste es ihn schmerzen, sein Schiff zu verlieren.
»Dejima?«, fragte Clara. Sie ließ den Breilöffel sinken.
»Die Ausländersiedlung von Nagasaki.«
»Nun gut. Aber … weswegen sollte man die Suez denn abwracken wollen? Sie segelt doch ganz wunderbar.«
Der Kapitän zuckte die Achseln. »Das sind die modernen Zeiten. Man fährt jetzt lieber mit Dampf statt mit Segeln. Das geht schneller und ist vom Wetter unabhängig.«
»Das tut mir leid.«
Der Kapitän tätschelte Claras Arm. »Das muss es nicht, meine Liebe. Sehen Sie, ich bin nicht mehr der Jüngste und habe genug von der Welt gesehen. Und genug gespart, um mich zur Ruhe zu setzen.«
»Kehren Sie denn nicht nach Deutschland zurück?«
»Wer weiß. Ich könnte auch hier bleiben. Vielleicht übernehme ich die gute alte Suez und mache eine Rundreise. Ich könnte nach Osaka segeln, und dann nach Edo. Oder an jeden anderen Ort auf der Welt.«
Celia steckte genüsslich beide Händchen in den Haferbrei und lutschte ihn sich von den Fingern. Als Clara die Serviette nahm, um den Brei abzuwischen, fing sie an zu quengeln und gab erst wieder Ruhe, als Clara sie weiter fütterte.
»Würde man Ihnen die Suez denn überlassen?«
Der Kapitän zuckte die Achseln. »Aber vermutlich ist es nur eine Schnapsidee. Ich bräuchte ja auch eine Mannschaft.« Wieder zeigte er dieses gequälte Lächeln. Dann fragte er: »Wohin soll ich Ihren Überseekoffer bringen lassen?«
Der Gedanke an den Kapitän ohne sein Schiff tat Clara im Herzen weh. Doch offenbar wollte er nicht weiter darüber reden. »Wohin bringt man denn die Koffer normalerweise, wenn man im Hafen abgeholt wird?«, fragte sie.
»Nun, es gibt einen überdachten Sammelpunkt beim Fischmarkt. Der ist jedoch mehr für die Einheimischen. In Dejima gibt es ein Hotel für Ausländer. Ich könnte Ihren Koffer gleich dorthin schaffen lassen.«
»Ist das weit weg vom Hafen?«
»Ach was, nur ein Katzensprung.«
Clara hatte sich noch gar keine Gedanken darüber gemacht, ob sie und Akeno wohl in Nagasaki bleiben oder gleich weiterreisen würden.
»Eigentlich können Sie heute sowieso nur dort übernachten. Woanders dürfen Sie gar nicht bleiben.«
Wenn Clara also nicht ins Hotel ging, würden sie gleich weiterreisen müssen. Nun, das war ihr gerade recht. Sie hatte lange genug auf einem Schiff gesessen, nichts getan und gewartet. Je früher sie sich auf den Weg machten, desto besser. »Ich glaube, ich nehme lieber den Sammelpunkt«, sagte Clara.
Sie wollte nicht in dem Land ankommen, dem so lange schon ihre Sehnsucht galt, und dann in einem Hotel ausdrücklich für Ausländer, in dem alles mehr oder weniger vertraut sein würde, absteigen. Vor allem wollte sie, wo auch immer, bei Akeno sein.
Kapitän Seeborg sah sie ein wenig skeptisch an.
»Gut. Wie Sie wünschen.«
Als die Hilfsmotoren das Schiff in Vibration versetzten, sprang Clara auf. »Sind wir etwa da?«
»Sieht ganz danach aus.« Der Kapitän stand ebenfalls auf und griff nach Claras Händen. »Dann heißt es jetzt wohl Abschied nehmen.«
Plötzlich hatte sie Angst. »Aber wir bleiben doch in Kontakt, oder? Versprechen Sie mir, dass Sie Celia und mich in Kagoshima besuchen, bevor Sie abreisen?« Sie forschte in seinem bärtigen, freundlichen Gesicht. Der Kapitän hatte sie und Celia väterlich unter seine Fittiche genommen, und sie verspürte Furcht, ihn vielleicht nie wiederzusehen.
»Wer könnte zwei solch reizenden Damen wohl widerstehen?«, sagte er und zwinkerte Clara zu. Dann hob er Celia aus ihrem Stuhl. »Kommen Sie«, sagte er. »Es wird Zeit.«
Clara schluckte die Tränen herunter, die ihr den Hals zuschnürten. »Ich hole nur noch meine Reisetasche aus der Kajüte.«
»Nun, dann nehme ich die kleine Dame hier mit, und wir treffen uns an Deck.«
Clara sah sich ein letztes Mal in der Kajüte um und versuchte, sich jedes Detail einzuprägen. Das dunkle Holz, die Bettstatt, die auffällig gemaserten Türen des Wandschranks. All das würde sie nicht mehr wiedersehen, und es fiel ihr schwer, sich nach dem Abschied von Berlin und ihrer Familie schon wieder verabschieden zu müssen.
Aber so war es nun einmal. Schließlich wartete hier ein neues Leben auf sie, für das sich all die Abschiede lohnen würden. Entschlossen griff Clara nach ihrer Segeltuchtasche und zog die Tür hinter sich zu. Nur das Nötigste für Celia und sie war darin sowie ihr gesamtes Geld und die Papiere.
Als sie an Deck trat, war aus dem frühen Dunst ein etwas windiger, aber sonniger Morgen geworden. Das Wasser im Hafen glitzerte, die vor Anker liegenden Schiffe schaukelten in der Brise, und hinter dem Hafen zogen sich Straßen mit Holzhäusern und kleine, terrassierte Felder die Hügel hinauf. Weiter oben bedeckten frühlingsgrüne Wälder die Kuppen, und es lag eine Süße in der Luft, die Clara das Gefühl gab, nach langer Abwesenheit endlich nach Hause zu kommen. Sie trat neben den Kapitän und hob eine Hand an die Stirn, um gegen das Licht besser sehen zu können.
»Schauen Sie, dort, etwas weiter links. Die Häuser mit den Dächern mit den vier gleichen Seiten«, sagte er.
»Die in Zeltform? Ja.«
»Das ist Dejima. Dort ist das Hotel, von dem ich sprach. Falls Sie es sich noch anders überlegen.«
Clara nickte, ließ ihren Blick weiterschweifen und erblickte auf der Kuppe eines Hügels eine große Pinie und unterhalb davon ein paar Häuser, die mit Säulen und Kapitellen geschmückt waren. »Was ist das dort?«, fragte sie.
»Das gehört wohl den Franzosen. Eine Mission, wenn ich nicht irre.«
Irgendwie missfiel Clara der Anblick dieser auffälligen Häuser mit ihren angeberisch wirkenden Säulen inmitten der anmutigen Schlichtheit der japanischen Gebäude. Sie wirkten im Vergleich geradezu grobschlächtig.
»Wo legen wir an?«, fragte sie und ließ den Blick weiterschweifen.
»Dort«, sagte der Kapitän und deutete auf ein breites, offenes Hafenbecken weiter rechts. Es war von flachen Schuppen und Verladekränen gesäumt. Menschen in weiten Hosen oder knielangen Röcken trugen Kisten und Säcke von Bord eines Schiffes und brachten sie in einen Schuppen.
An der Kaimauer stand eine Gruppe Menschen und erwartete offenbar schon die Ankunft der Suez. Auch Frauen in langen, schmalen Gewändern und mit hochgesteckten Haaren waren unter ihnen.
»Helfen die Frauen auch beim Abladen?«, fragte Clara verwundert.
Der Kapitän räusperte sich. »Nein, das wohl nicht«, sagte er dann, ohne eine weitere Erklärung abzuliefern.
Als Clara die rot geschminkten Wangen der Frauen bemerkte, begriff sie, welchem Gewerbe sie nachgingen, und fragte nicht weiter nach. Sie suchte die Menge nach Akeno ab, entdeckte ihn jedoch nicht.
Was, wenn sie ihn nach der langen Zeit gar nicht wiedererkannte? Kurz schloss sie die Augen und vergegenwärtigte sich sein Gesicht. Nein, sie würde ihn unter Tausenden erkennen.
Sie spürte einen sanften Ruck, als das Schiff an die Mole stieß. Celia streckte erschrocken ihre Ärmchen nach ihr aus, gab aber keinen Laut von sich.
Clara knotete ihr Schultertuch diagonal und setzte Celia hinein, sodass sie sie bequem auf ihrer Hüfte tragen konnte. Während der Seereise hatte sich das als sehr praktisch erwiesen. Celia schmiegte sich an ihre Seite, steckte den Daumen in den Mund und sah skeptisch auf das Treiben im Hafen.
Kapitän Seeborg klatschte in die Hände, als die Laufplanke ausgelegt wurde. »So!«, sagte er übertrieben laut. »Das war’s dann wohl! Alles Gute für Sie!« Er griff Claras Hand und schüttelte sie einmal kräftig, anschließend strich er flüchtig über Celias Kopf. Dann wandte er sich abrupt um und ging fort.
Clara hörte noch, wie er bellend einige Befehle erteilte, dann wurde seine Stimme vom Lärm des Hafens verschluckt. Na warte, dachte sie und strich sich eine Träne aus dem Augenwinkel, wir sehen uns schon noch wieder. So leicht kommst du mir nicht davon, Herr Kapitän.
Arbeiter in Holzschuhen und weiten Hosen polterten über die Laufplanke an Bord. Clara griff ihre Reisetasche und wartete eine Lücke ab. Die Laufplanke bebte unter ihren Füßen.
Unten vor dem Steg stand ein Mann, vermutlich der Vorarbeiter, und stieß unablässig kurze, abgehackte Rufe aus. Seine Stimme unterschied sich sehr von dem sanften Ton, den sie von Akeno kannte, und natürlich verstand sie kaum ein Wort, obwohl sie während der Seereise bereits fleißig gelernt hatte.
Der Wind frischte auf, und schwere graue Wolken zogen heran. Clara hätte sich gern Zeit genommen und den Moment, als sie zum ersten Mal japanischen Boden betrat, zelebriert. Doch kaum setzte sie einen Fuß von der Laufplanke, packte der Vorarbeiter sie grob am Arm und zog sie beiseite. Sie sollte Platz machen für die schwer arbeitenden Männer.
»Entschuldigung«, sagte Clara, »sumimasen.«
Da stand sie nun, im Hafen von Nagasaki, lediglich festgetretene Erde unter den Schuhen. Nach den Wochen an Bord fühlte sich der Boden unter ihren Füßen seltsam wackelig an. Wenn es zu regnen anfing, würde sich alles hier in Schlamm verwandeln.
Celia fing leise an zu weinen, und Clara zupfte den Vorarbeiter am Ärmel.
»Entschuldigen Sie bitte, wissen Sie, ob Herr Akeno …?« Sie hielt inne. Das hatte keinen Sinn, wenn sie es nicht auf Japanisch sagen konnte.
Der Mann ignorierte sie, schrie weiter und winkte in einem fort, als würde er Vieh von der Weide treiben.
Clara blickte sich um. Wo war nur Akeno?
Ob er in einem anderen Teil des Hafens auf sie wartete? Es gab hier so viele Buchten und Inseln. Sicher hatte eine Stadt wie Nagasaki mehr als eine Stelle, wo man mit einem Schiff anlanden konnte, oder nicht?
Nun gut. Er würde sich wohl informieren können, wo die Suez lag. Und dann würde er kommen. Das konnte ja nicht mehr lange dauern.
Clara packte ihre Tasche fester und sah sich nach dem Unterstand um, zu dem ihr Koffer gebracht werden sollte. Kurz glaubte sie, ihn auf dem Rücken eines Mannes durch die Menge schwanken zu sehen, doch im nächsten Moment war er schon wieder zwischen all den Leibern, Säcken und Kisten verschwunden.
Clara ließ sich mit dem Menschenstrom treiben, Celia und ihre Tasche fest an sich gedrückt. Von hinten wurde gedrängelt, sodass sie gar nicht anders konnte, als weiterzugehen. Es war ja in Berlin am Bahnhof schon schwer genug, einen Menschen zu finden. Aber wie um alles in der Welt sollte das hier möglich sein, in diesem Gedränge? Alle hatten es eilig, und als die ersten dicken Regentropfen fielen, hatten sie es noch eiliger.
Endlich erspähte Clara ein großes, mit Gras oder Stroh gedecktes Dach vor sich, darunter Stapel von Säcken, Kisten und Koffern. Dort musste sie hin!
Sie straffte die Schultern und setzte entschlossen einen Fuß vor den anderen.
Den schützenden Unterstand erreichte sie im selben Moment, als die Wolken sich öffneten und wahre Sturzbäche zur Erde schickten, und Clara war nicht die Einzige, die Schutz suchte unter dem Dach. Sie setzte sich auf eine freie Kiste und spähte in den Regen hinaus. Er war so dicht, dass man die Gebäude und Hügel auf der gegenüberliegenden Seite des Hafenbeckens nur schemenhaft erkennen konnte, und mit einem Mal war es so dunkel wie an einem Herbstnachmittag. Celia war im stetigen Rauschen des Regens wieder eingeschlafen, und auch Clara schloss für einen Moment die Augen. Vielleicht wäre sie besser bis nach dem Löschen der Ladung – und nach dem Regen – an Bord der Suez geblieben. Dort hätte Akeno sie mühelos gefunden.
Doch sie beruhigte sich selbst: Wenn er zum Schiff ging und Kapitän Seeborg nach ihr fragte, würde der ihn sicher hierherschicken. Bestimmt wartete er einfach noch den Regen ab, bevor er kam.
Clara wusste nicht, wie lange sie so gesessen hatte, aber gerade als das Rauschen des Regens endlich nachließ, zupfte jemand sie am Ärmel.
Sie riss die Augen auf. »Akeno?«
Aber es war nur ein alter Mann, der schüchtern und unter vielen Verbeugungen auf die Kiste deutete, auf der sie saß.
»Oh, ich bitte um Entschuldigung!«
Clara sprang auf, und der Alte schulterte die Kiste und ging auf krummen Beinen davon.
Es waren jetzt nur noch wenige Menschen unter dem Dach, auch das Gepäck war merklich weniger geworden. Celia war aufgewacht und wand sich ungeduldig an ihrer Seite. Sie wollte runter und sich bewegen.
»Schhh«, versuchte Clara, sie zu beruhigen. »Warte noch ein wenig, ja?«
Jetzt entdeckte sie auch den Überseekoffer, in dem sich ihre Kleidung und ihr gesamter, wenn auch sehr übersichtlicher Besitz befanden. Mehr hatte sie nicht mehr im Leben. Mehr war sie nicht.
Clara stellte sich neben den Koffer, der ihr fast bis zur Schulter reichte, und wiegte sich von einem Bein aufs andere, um Celia zu beruhigen. Sicher hatte sie Hunger, das Frühstück war schon eine Weile her. Wieso hatte Clara nicht daran gedacht, für sie beide etwas Proviant einzupacken?
Sie war einfach davon ausgegangen, dass alle Bedürfnisse erfüllt würden, alle Fragen beantwortet, alle Probleme gelöst – in dem Moment, da sie von Bord ging. Weil Akeno sich um alles kümmern würde. Sie hatte keine Sekunde daran gedacht, dass er sich vielleicht verspätete.
Aber das war natürlich kein Beinbruch. Die kurze Zeit ohne ihn würde sie sich schon noch durchschlagen können.
Der Regen war in einen feinen Niesel übergegangen. Die Luft roch nach Schlamm und nach Fisch, aber nicht modrig, sondern saftig und frisch. Clara hatte nun ebenfalls Hunger. Sie hatte heute noch gar nichts gegessen, ihr Magen knurrte laut, und sie begann ungeduldig auf und ab zu gehen.
Ein Mann warf ihr im Vorbeigehen einen Seitenblick zu und ließ mit einer lässigen Bewegung etwas zu Claras Füßen fallen.
Als sie sich danach bückte, erkannte sie, dass es eine Münze war. Clara schluckte die aufsteigenden Tränen herunter. Sah sie denn so elend aus, wie sie hier stand mit ihrem Kind auf der Hüfte? Waren ihre Kleider von der Reise so schmutzig und abgerissen, ihre Haare so zerzaust, dass man sie für eine Bettlerin halten musste?
Sie hob die Münze auf und betrachtete sie. Sie war kupferfarben, auf der einen Seite mit stilisierten Wellen und auf der anderen Seite mit fremdartigen Schriftzeichen geprägt, und sie hatte ein Loch in der Mitte. Sie hätte sich vergewissern sollten, wo man hier japanisches Geld bekam. Sicherlich hätte der Kapitän ihr dabei helfen können. Er konnte es immer noch. Sie konnte ihn schließlich jederzeit aufsuchen und um Hilfe bitten.
Aber so weit war sie noch nicht. Clara atmete tief durch. »Was meinst du, Celia?« Sie zeigte ihrer Tochter die Münze. »Reicht das hier für eine Kleinigkeit zu essen?«
Celia nickte mit kindlichem Ernst.
»Gut, dann schauen wir mal.«
Wenige Meter neben dem Unterstand führte eine Straße mit einer sanften Steigung vom Hafen weg Richtung Stadt. Die Häuser hatten Schiebetüren, und in den beiden Stockwerken darüber gab es Balkone, die sich über die ganze Häuserfront zogen. An der Straßenecke saß ein junger Mann in einem Gefährt mit zwei großen Rädern und zwei Stangen vorne. Er las in einer Zeitung und hatte die Beine lang vor sich ausgestreckt. Seine Hacken steckten im Straßenschlamm, der seine Beine bis zu den Knien hinauf bedeckte. Das musste eine jener kleinen Kutschen sein, die von Menschen statt von Pferden gezogen wurden. Sie hatte darüber gelesen.
In einem der Häuser auf der linken Straßenseite öffnete sich eine Schiebetür, zwei Frauen in bedruckten Gewändern und Holzsandalen kamen heraus und mit ihnen der Duft von Gebratenem. Sie wandten sich stadteinwärts und gingen schwatzend davon.
»Vielleicht ist das dort eine Garküche?«, fragte Clara an Celia gewandt.
Die Schiebetür blieb offen, und sie überlegte, ob sie ihren Koffer einfach so zurücklassen und hineingehen konnte. Wegnehmen konnte man ihn ja nicht so einfach. Dafür brauchte man zwei starke Leute. Oder eine Sackkarre, wie sie sie im Teehaus in Berlin für die großen Teekisten aus China und Indien verwendet hatten. Starke Männer und Sackkarren waren in einem Hafen sicher leicht zu finden. Dennoch, sie musste das Risiko eingehen. Sie brauchten etwas zu essen.
Clara ging zu der geöffneten Tür, trat die zwei Stufen zur Schwelle hinauf und warf einen prüfenden Blick zurück zu ihrem Koffer. Er war noch an seinem Platz, und niemand schien sich ihm mit bösen Absichten nähern zu wollen. Nur halb beruhigt wandte sie sich ab, klopfte höflich an den Türrahmen und streckte den Kopf hindurch.
Dahinter lag ein heller Raum mit einem Tisch in der Mitte. Eine junge Frau stand dort und filetierte Fische.
»Entschuldigen Sie bitte«, sagte Clara und räusperte sich. »Können Sie mir vielleicht helfen?«
Ein Kind in derselben Art Gewand, wie die Frauen es trugen, schaute vorsichtig hinter den Beinen der jungen Frau hervor. Es war ein Mädchen mit dunklem Haar und einem entzückenden Gesicht, vielleicht drei Jahre alt.
Celia begann erneut zu zappeln und sich zu winden, und Clara stellte sie auf den Boden neben sich und nahm sie an die Hand.
Die Frau bemerkte sie, wischte ihre Hände an einem Tuch ab und kam an die Tür. Ihre Stimme war freundlich, sodass Clara es wagte, ihr die Münze zu zeigen. Dazu machte sie Gesten, die zeigen sollten, dass sie Hunger hatten.
Die Frau beugte sich zu Celia hinab und schenkte ihr ein Lächeln, das Celia strahlend erwiderte. Kurz hob sie die Hände und machte auf dem Absatz kehrt.
Clara wusste nicht, ob sie hier warten oder mitgehen sollte. Aber sie würde es schon noch mitbekommen.
Hinter einer Zwischenwand verschwand die Frau, wo Clara sie eine Weile rumoren hörte.
Das kleine Mädchen hatte derweil Celia entdeckt und kam zielstrebig auf sie zu. Sie nahm Celia an der Hand, und dann hockten sie sich miteinander auf die Türschwelle, als seien sie alte Freundinnen, die viel zu besprechen hatten.
Endlich kam die Frau mit einer flachen Schale zurück, auf der mehrere weiße Kugeln und zwei schmale Holzstäbchen lagen. Sie hielt Clara die Schale hin.
»Onigiri«, sagte die Frau und hielt die Schale noch etwas näher.
Clara wusste, dass man in Japan mit Holzstäbchen aß, aber sie hatte keine Ahnung, wie sie das hätte anstellen sollen. Sie hoffte nur, es war nicht entsetzlich unanständig, das Essen mit den Fingern zu berühren. Vorsichtig nahm Clara eines der Bällchen.
War das Reis? Sie wollte nicht allzu offensichtlich daran riechen, aber sie hatte auch Hemmungen, einfach so hineinzubeißen.
Die Frau nahm die Stäbchen, fasste mit ihnen geschickt eine der Kugeln, biss hinein und zeigte ihr kauend und nickend die dunkle Füllung im Innern.
Clara seufzte innerlich. Nun gut, was konnte schon schiefgehen. Schlimmstenfalls schmeckte es ihr nicht, und das war ja nichts Gefährliches.
In ihrem Bällchen war eine andere Füllung, gelborange und süß. Sie wusste nicht, woraus sie bestand, aber sie war köstlich.
Sie ließ Celia ebenfalls probieren, und als ihre Tochter vor Vergnügen zu glucksen und mit den Armen zu wedeln begann, zog sich ein breites Lächeln über das Gesicht der Frau. Sie stellte die Schale zwischen die beiden Kinder auf die Türschwelle, nickte Clara auffordernd zu und ging wieder an ihre Arbeit.
Das japanische Mädchen fütterte Celia mit einer Hingabe, als sei sie ihre liebste Puppe, und als Celia satt war, aß Clara die verbliebenen Kugeln. Dabei behielt sie die ganze Zeit ihren Koffer im Auge. Viel mehr noch als der Gedanke an Diebe trieb sie dabei die Furcht um, sie könnte Akeno verpassen.
Die Frau kam zurück an die Tür und nahm die leere Schale entgegen. Clara wollte ihr ihre Münze geben, doch sie hob abwehrend eine Hand und schüttelte den Kopf.
Clara verbeugte sich, wie sie es von Akeno kannte, tief vor der Frau.
»Danke, von ganzem Herzen«, sagte sie. »Arigato.«
»Kon na chiisai tenshi«, sagte die Frau und strich Celia über die Wange.
Was immer das heißen mochte, Clara verstand das Wohlwollen und die Güte in der Stimme. Sie lächelte, nahm Celia vom Boden hoch und winkte, und Celia und das kleine Mädchen taten es ihr gleich.
Dann wandte sie sich ab und ging zurück zum Hafen. Die Münze steckte sie in die kleine Tasche hinter ihrem Rockbund. Sie würde sie nicht ausgeben. Sie sollte ihr Glücksbringer sein.
Als Clara wieder am Unterstand angekommen war – ihr Koffer war natürlich keinen Zentimeter bewegt worden –, sah sie sich erneut um. Nach wie vor kein Zeichen von Akeno. Wenn sie ihn nur nicht verpasst hatte.
Um sich die Zeit zu vertreiben, spielte sie um ihren Koffer herum mit Celia Verstecken. Später fanden sie ein paar Stückchen Holz, die vielleicht von einer zerbrochenen Kiste oder einem Fass stammen mochten, und warfen sie ins Hafenbecken, um zuzusehen, wie sie von der Dünung langsam davongetragen wurden.
Als Celia wieder müde wurde, beschloss Clara, den Koffer auf die Seite zu legen. Mit einiger Mühe gelang es ihr, ohne ihn einfach auf die feuchte Erde plumpsen zu lassen. Warum gab es Koffer, die ein Mensch allein nicht tragen konnte? Wegen des dummen Dings saß sie jetzt hier fest und konnte nicht mehr als ein paar Meter weit weggehen.
Sie setzte sich, nahm Celia in den Arm und summte sie leise in den Schlaf. Nach einer Weile begann sie zu frösteln. Ihre Kleidung fühlte sich klamm und schmutzig an in dem unaufhörlichen Nieselregen.
Sie dachte wieder an Akeno. Fast zwei Jahre war es her. Die Suez hatte damals im Hamburger Hafen gelegen, und Clara hatte ihn in seiner Kajüte besucht.
Er war hinter sie getreten, hatte schützend einen Arm um sie gelegt, und sie hatte sich an ihn gelehnt.
»Komm mit mir, Clara«, hatte er dicht an ihrem Ohr geflüstert. »Komm mit mir nach Hause.«
Ein ungekanntes Glücksgefühl war in ihr aufgestiegen, und beinahe hätte sie Ja gesagt und ihren Mann verlassen, um mit Akeno nach Japan zu gehen, für immer.
Doch dann war alles anders gekommen.
Sie hatte an jenem Tag nicht den Mut und die Entschlossenheit aufgebracht, wegen eines Moments der Leidenschaft ihr ganzes Leben aufzugeben. Sie hatte ihrem eigenen Gefühl nicht getraut.
Jetzt jedoch traute sie ihm, und sie wusste, sie hatte richtig entschieden, als sie vor Franz geflüchtet war, um bei Akeno zu sein.
Was aber, wenn Akeno seine Meinung geändert hatte? Sie hatte seit ihrer Abreise in Berlin nichts von ihm gehört. Seither hatte sie darauf hingebangt, ihn wiederzusehen, seine Heimat kennenzulernen und mit ihm zusammen ein neues Leben anzufangen. Dafür hatte sie unter grässlicher Seekrankheit gelitten und sich mehr als einmal nach frischem Wasser zum Waschen, dem guten Essen daheim und nach festem Boden unter den Füßen gesehnt.
Immerhin, den festen Boden hatte sie jetzt. Doch alles andere war fremd. Die Menschen, die Sprache, die Sitten, die Häuser.
Aber genau so hatte sie es doch gewollt. Sie war auf Abenteuer aus gewesen. Und nun hatte sie eines.
Also reiß dich zusammen, Clara, schimpfte sie mit sich selbst.
Der Nieselregen sammelte sich am Rand des Daches zu dicken Tropfen, die ihr vor die Füße klatschten. Die Wellen schlugen im Takt dazu gegen die Mole. Das Gejohle von betrunkenen Matrosen drang zu ihr herüber, und Clara starrte aufs Meer, als würde Akeno von dort mit einem prächtigen Schiff gesegelt kommen, um sie zu retten.
Als es dämmerig wurde, stand Clara auf. »Komm, Celia, wie besuchen den Kapitän«, sagte sie seufzend.
Als sie die Anlegestelle erreichte, war die Suez nirgends zu sehen. Hatte sie sich etwa verlaufen?
Clara lief am Kai entlang und suchte mit den Augen die Schiffe im Hafenbecken ab.
Endlich entdeckte sie, was sie suchte: Die Suez ankerte ein gutes Stück weit draußen auf dem Wasser und war somit unerreichbar für sie.
Clara spürte Angst in sich aufsteigen. Sie blinzelte die Tränen weg und drückte Celia fest an sich. Was sollte aus ihnen beiden jetzt werden? Wohin sollten sie gehen?
Die Nacht war hereingebrochen.
Und Akeno war nicht gekommen.
Eine gepflasterte Brücke nahe beim Hafen führte hinüber zu dem Bezirk, den Kapitän Seeborg als das »Ausländerviertel« bezeichnet hatte. Dejima.
Zum Glück hatte Clara sich das Wort gemerkt, denn so konnte sie trotz der späten Stunde noch einen jungen Mann mit einem Handkarren überreden, sie und ihren ausladenden Koffer dorthin zu bringen.
Vom Deck der Suez aus war für Clara nicht ersichtlich gewesen, dass Dejima eigentlich mehr eine kleine Enklave war als ein Stadtteil. Das Viertel lag auf einer halbmondartig gebogenen Insel, verbunden mit dem Festland nur durch diese Brücke; und an deren Ende ein geschlossenes Tor, das Clara ein flaues Gefühl im Magen bereitete. Was, wenn es um diese Zeit nicht mehr geöffnet wurde?
Celia saß in dem Tuch auf ihrer Hüfte und schaute sich, einen Daumen im Mund, neugierig und mit großen Augen um. Normalerweise schlief Celia um diese Zeit, aber vermutlich hielt Claras Nervosität sie wach. Aber wenn sie erst einen Platz zum Bleiben gefunden und etwas im Magen hatten, würden sie beide fest bis zum Morgen durchschlafen. Das hoffte Clara zumindest.
Als sie das Tor erreichten, machte der Mann mit dem Karren eine kleine Verbeugung und dann Anstalten, den Koffer vor verschlossener Türe einfach abzuladen.
»Oh nein, warten Sie bitte!«, flehte Clara. »Können Sie mich hineinbringen?«, fragte sie und wies auf die Tür.
Der Mann starrte sie einen Moment an, Clara glaubte Verärgerung in seinen Zügen zu sehen. Dann fiel sein Blick auf Celia, er stieß die angehaltene Luft aus, zuckte mit den Schultern, wendete sich um und bollerte gegen das hölzerne Tor.
Es folgte eine längere Diskussion mit einem Nachtwächter, und Clara fürchtete schon, dass sie abgewiesen würde. Doch endlich wurde zu ihrer Erleichterung doch noch ein Riegel zur Seite geschoben und das Tor geöffnet.
»Arigato«, sagte sie erst zu ihrem Führer und dann zu dem Nachtwächter und machte dazu jeweils eine Verbeugung, die jedoch nur mit knappem Nicken beantwortet wurde.
Clara folgte dem Karren eine breite Straße entlang, gesäumt von einstöckigen Gebäuden, und an einer Ecke dann nach rechts. Ein Stück voraus sah sie Lichter in der Dunkelheit – erleuchtete Fenster!
Das Haus, zu dem sie gehörten, war ein langgestrecktes, zweigeschossiges, europäisch anmutendes Steinhaus. Ein Schild neben der Tür wies es als ›Holländische Residenz‹ aus.
Mochte diese Residenz das von Kapitän Seeborg erwähnte Hotel sein oder auch nicht, hier würde sie jedenfalls Menschen treffen, mit denen sie sich einigermaßen verständigen konnte. Mit Annike Bakker, die sie damals im Zug von Amsterdam nach Berlin kennengelernt hatte, hatte sie sich ja auch unterhalten können.
Claras Gedanken drifteten in die Vergangenheit. Vor dieser Zugfahrt hatte sie mehr oder weniger unfreiwillig zwei Tage und Nächte an Bord der Suez verbracht. Akeno hatte ihr in dieser kurzen Zeitspanne von seiner Heimat erzählt und ihr ihre erste Teezeremonie und das Glück der Leidenschaft geschenkt.
Als er nach der Zeremonie die hölzerne Kiste mit seinen Teeutensilien geschlossen und sie blank und schweigend zwischen ihnen gestanden und Akeno mit gesenktem Kopf und den Händen auf den Knien vor ihr gesessen hatte wie einer, der ein Urteil erwartet, da hatte sie schließlich mit zitternder Stimme seinen Namen ausgesprochen. Akeno.
Eine übergroße Sehnsucht hatte in diesem Wort gelegen. Nach seinem Teegarten mit den gewundenen Pfaden, nach dem Bambuswald und den Kiefern, die im Wind rauschten. Nach seiner Heimat, die nun auch ihre werden sollte. Dann war geschehen, was verboten war, denn Clara war verheiratet. Und doch hatte sie es gewollt. Noch nie zuvor hatte sie so in Flammen gestanden, hatte sich noch nie so aufgelöst und so lebendig zugleich gefühlt. Fast konnte Clara die Schwere von Akenos Körper auf ihrem noch immer spüren.
Nach ihrer ersten leidenschaftlichen Begegnung hatten sie sich getrennt, fest entschlossen, sich niemals wiederzusehen. Clara hatte dieses Gefühl der Schwere mit von Bord der Suez genommen. Und dann hatte die Schwere sich manifestiert, sie war schwerer und schwerer geworden, und neun Monate lang hatte Clara nicht gewusst, ob sie von der Begegnung mit Akeno herrührte oder von den allnächtlichen Besuchen ihres Ehegatten in ihrem Schlafgemach.
Nach Celias Geburt war sie unendlich erleichtert darüber gewesen, dass ganz offensichtlich Franz der Vater dieses blonden, helläugigen Kindes war. Und zugleich war sie unendlich enttäuscht, dass ihre einzige Begegnung mit Akeno keine Frucht getragen hatte.
Claras Helfer lud den Koffer ab und wollte sich schon wieder von dannen machen, doch sie hielt ihn erneut am Ärmel fest. »Bitte, nur einen Moment noch, ja?« Sie lächelte so gewinnend wie möglich unter diesen Umständen, und der junge Mann ließ sich ein weiteres Mal erweichen.
Clara wandte sich der Tür zu und klopfte kräftig.
Als von einem etwas nachlässig livrierten älteren Pagen geöffnet wurde, strömten ihr Licht, der Duft nach deftigem Essen und lautes Gelächter entgegen. Celia regte sich an ihrer Seite. Sicher hatte auch sie Hunger.
Zwanzig Minuten später war ihr Helfer mit ein paar Münzen bezahlt worden und zufrieden gegangen, ihr Koffer war in einem Einzelzimmer verstaut, und sie und Celia saßen mit Kapitän Seeborg zusammen an einem ungewohnt flachen Tisch, der mit lauter kleinen Schalen voll unterschiedlichster Speisen beladen war. Celia war dem Kapitän völlig unbefangen auf den Schoß gekrabbelt, und er hatte es zugelassen und strich ihr nun gedankenverloren über das blonde Haar. Clara verspürte in diesem Moment eine Welle großer Zuneigung für den Kapitän.
Dankenswerterweise stellte er keinerlei Fragen, bis sie gegessen und sich ausreichend gesammelt hatte, um ihm das, was ihr jetzt wie eine beschämende Niederlage erschien, einzugestehen.
Akeno war nicht gekommen.
Am liebsten wäre Clara sofort nach dem Essen in ihr Bett gekrochen. Aber sie musste zumindest eine Idee davon haben, wie es jetzt weitergehen konnte. Sie musste wissen, wie sie den morgigen Tag angehen würde, bevor sie Ruhe finden konnte.
Sie legte ihre Gabel neben die hölzernen Stäbchen, die sie nicht angerührt hatte, und schob ihren Teller ein Stück von sich weg.
Dann erst blickte sie auf und begegnete dem ernsten, doch wohlwollenden Blick des Kapitäns.
»Wollen Sie mir erzählen, was passiert ist?«, fragte er freundlich.
Clara schluckte den Kloß in ihrem Hals herunter und räusperte sich. »Akeno …« Sie zögerte, konnte es noch immer nicht laut aussprechen. »Ich hoffe, dass ihm nichts zugestoßen ist.«
Der Kapitän wiegte den Kopf. »Ja, hoffentlich«, sagte er langsam. Offenbar ging ihm jedoch etwas anderes durch den Kopf. Er beugte sich zu Clara herüber und tätschelte ihre Hand, als plötzlich doch die Tränen zu laufen begannen.
»Na, na«, sagte er, »nicht doch.«
Sie entzog ihm die Hand, um nach einem Taschentuch zu suchen.
»Morgen zeige ich Ihnen erst einmal die Stadt. Auf Reisen kann einen alles Mögliche aufhalten, das wissen Sie doch«, sagte der Kapitän und reichte ihr ein frisches Tuch.
Sie nahm es, wischte sich die Tränen ab und putzte sich möglichst leise die Nase. »Ja, natürlich«, sagte sie. »Entschuldigen Sie, ich bin wohl nur etwas erschöpft.«
»Aber natürlich, meine Liebe, natürlich sind Sie das! Haben Sie denn den ganzen Tag einfach im Hafen herumgestanden und gewartet?«
Clara nickte, unfähig, einen Ton herauszubringen.
»Herrjemine!«, machte der Kapitän und blies die Backen auf. Sein Bart sträubte sich in alle Richtungen, und Celia lachte und griff mit beiden Händen in das wilde Gestrüpp.
»Autsch! Vorsicht, meine Dame.«
Sanft befreite er seinen Bart aus Celias Händen und reichte sie Clara, die nun ebenfalls lachen musste.
»Stört es Sie, wenn ich rauche?«
»Natürlich nicht.«
Gemächlich zündete der Kapitän sich eine Zigarre an und paffte ein paarmal. »Ich werde Nachforschungen anstellen lassen und in der Hafenmeisterei Bescheid geben. Sicher wird Herr Akeno dort nach Ihnen fragen, sobald er eintrifft.«
Clara nickte. Nach dem Essen und den beruhigenden Worten des Kapitäns verspürte sie mit einem Mal eine bleierne Müdigkeit. »Danke«, sagte sie. »Ich wüsste gar nicht, was ich ohne Sie täte.« Clara unterdrückte ein Gähnen.
»Das wird schon«, sagte der Kapitän. »Und jetzt sollten Sie erst einmal schlafen.« Er winkte einem Bediensteten.
Clara stand auf und verabschiedete sich, und Celia winkte. Dann fiel ihr noch etwas ein.
»Ach, Kapitän? Haben Sie vielleicht eine Karte von Japan, die Sie mir borgen könnten?«
»Eine Landkarte?«
»Ja.«
»Darf ich fragen, wozu Sie sie brauchen?«
Clara wusste es selbst nicht so genau. »Ich … möchte wohl einfach mal schauen, wo ich hier gelandet bin.«
»Tja, bedauere. Eine Landkarte besitze ich nicht. Nur ein paar Seekarten. Aber es gibt nahe dem Hafen einen Fuhrunternehmer, der Waren von Nagasaki aus ins halbe Land transportiert. Ich bin mir sicher, er wird einiges an Karten besitzen.«
»Den würde ich liebend gern kennenlernen«, sagte Clara. »Und ich müsste wohl auch etwas Geld umtauschen, meinen Sie nicht?«
»Das Umtauschen überlassen Sie ruhig mir, meine Liebe«, sagte der Kapitän. »Und den Unternehmer können wir selbstredend auch besuchen.«
Ein Kellner kam und stellte ihm ein Glas mit einer dunkelgoldenen Flüssigkeit hin, vielleicht Whiskey, und legte eine europäische Zeitung daneben auf den Tisch.
»Mein Abendritual, wenn ich hier bin«, erklärte der Kapitän.
»Dann will ich Sie nicht länger stören«, sagte Clara. »Gute Nacht.«
»Die wünsche ich Ihnen auch.«
Der Arme, dachte Clara, als sie dem Bediensteten zu ihrem Zimmer folgte. Jetzt will er seinen wohlverdienten Ruhestand genießen, und nun hat er mich am Hals.
Das Zimmer war einfach und nach europäischer Art eingerichtet, wie Clara zugleich enttäuscht und erleichtert feststellte. Zu gern hätte sie wie die Japaner auf einer Matte am Boden geschlafen. Dennoch war es ungemein beruhigend, hier am anderen Ende der Welt in einem gewöhnlichen Bett mit einer dreiteiligen, quietschenden Federkernmatratze und etwas rauem Leinenbettzeug zu liegen.
Als sie den Kopf auf das üppig mit Federn gestopfte Kissen bettete, die Decke über sich und Celia breitete und ihre Tochter neben ihr ruhig zu atmen begann, fühlte sie sich warm und sicher. Akeno würde schon noch kommen. Er war nur aufgehalten worden.
***
Clara öffnete die Türe, Celia saß wie gewohnt in einem Tuch auf ihrer Hüfte. Die Ladenglocke läutete mit ihrem so vertrauten und schmerzlich vermissten Klang. Endlich zu Hause!
»Clara?« Adele Winterfeld stand hinter dem Ladentresen und bediente gerade einen distinguierten älteren Herrn, der sich mit hochgezogenen Brauen zu Clara umwandte.
Die Mundwinkel ihrer Mutter gingen nach unten, und sie musterte sie abschätzig. »Warum siehst du so abgerissen aus? Bist du unter die Bettler gegangen?«
»Mutter, ich …«, setzte Clara an.
Der Kunde sagte mit unverkennbarem Widerwillen in der Stimme: »Was ist denn das für ein Kind?«
»Aber das ist doch …«
»Also, wir haben hier kein Zimmer mehr frei«, sagte Claras Mutter. »Ich habe ja auch gar nicht damit gerechnet, dass du kommst.«
»Aber ich …«
Der Kunde wandte sich kopfschüttelnd wieder dem Tresen zu. »Geben Sie mir bitte noch hundert Gramm von dem neuen Chinatee, Frau Winterfeld.«
»Aber gern.« Jetzt wieder ganz verbindlich und lächelnd zog sie eine Blechdose aus dem Regal und schaufelte schwarzen, krausen Tee in eine Papiertüte, verschloss sie und reichte sie dem Kunden.
Der zahlte, steckte seinen Tee in die Jackentasche und wandte sich zur Tür.
»Ich darf dann wohl bitten«, forderte er Clara auf.
Adele warf ihr einen strengen Blick zu. »Du stehst ja immer noch da rum und hältst Maulaffen feil«, sagte sie kalt.
Der Kunde drängte Clara rückwärts die zwei Stufen hinunter zurück auf den Bürgersteig.
Eine Welle der Traurigkeit stieg in ihr auf, als sie sich nach rechts wandte und durch die Toreinfahrt zum Seiteneingang lief. Dort stieg sie die Treppen in den ersten Stock hinauf und pochte an die Seitentür des Teesalons. »Olga?«, rief sie. »Bist du da?«
Olga riss kurz die Tür auf, machte ein erschrockenes Gesicht und warf die Tür wortlos wieder zu.
Im zweiten Stock angekommen, suchte Clara in der Tasche hinter ihrem Rockbund nach dem Wohnungsschlüssel, fand stattdessen jedoch nur eine kleine, gelochte Münze.
Sie setzte Celia ab, die leise zu wimmern begann, um alle Taschen und Falten ihrer Kleidung durchsuchen zu können. Sie hatte den Schlüssel auf der langen Reise doch hoffentlich nicht verloren? Oder … besaß sie überhaupt noch einen Schlüssel?
Aus dem Augenwinkel sah sie, wie Celia auf ihren krummen Babybeinen auf die Treppe zusteuerte.
»Nicht, warte«, rief sie streng und suchte immer verzweifelter.
»Clara?«, sagte eine vertraute Stimme hinter ihr.
Clara fuhr herum.
Annike Bakker stand da, prall und rund und mit hochgestecktem blondem Haar. Sie hob Celia hoch und sagte tadelnd: »Du musst besser auf dein Kind aufpassen. Oder willst du etwa, dass Franz es holen kommt?«
»Ich weiß, aber ich finde meine Schlüssel nicht!« Sie mussten hier doch irgendwo sein!
»Was machst du überhaupt hier?«
Clara hielt inne, ließ Kopf und Schultern hängen. »Akeno hat mich nicht abgeholt«, sagte sie leise.
»Du bist also zurück?«, fragte Annike. Sie wirkte nicht gerade begeistert, war aber immerhin nicht ganz so abweisend wie Claras Mutter und Olga.
Clara schluckte die Tränen runter und nickte.
»Na los, dann schnell. Bevor Franz dich hier noch sieht!« Sie packte Clara am Arm und zog sie mit sich die Treppe hinunter.
»Sucht er immer noch nach uns?«
»Er sucht und sucht!«, rief Annike in heller Aufregung. »Niemals wird er damit aufhören! Hörst du? Nie!« Sie blickte vorsichtig nach allen Seiten und zu den Fenstern des Innenhofs hinauf, bevor sie Clara winkte, ihr ins Hinterhaus zu folgen.
Dort stiegen sie die Treppe hinauf bis ganz nach oben, wo sich Annikes Zweiraumwohnung befand. Clara hatte sie der hilflosen und hungernden jungen Frau aus Amsterdam besorgt, nachdem diese sich mit ihrem Sohn Jeroen nach Berlin durchgeschlagen hatte.
»Schnell, schnell«, flüsterte Annike, schob sie durch den Wohnungsflur ins Schlafzimmer und dort in den großen Schrank, den sie beim Trödler erstanden hatten. Sie drückte ihr Celia in den Arm und sagte: »Keinen Mucks, sonst holt er sein Kind.«
Damit schloss sie die Tür von außen zu, und Clara hockte auf dem Boden des Schranks, Celia im Arm, die erst leise und dann immer lauter zu weinen begann.
»Schhh, sei doch still«, flüsterte sie. »Alles ist gut, ich bin ja bei dir. Schhh! Er darf uns doch nicht hören.«
Sie lauschte ängstlich auf schwere Männerschritte im Treppenhaus oder in der Wohnung, doch Celias Weinen wurde lauter und lauter. Immer gequälter klang es. »Mamaaa«, greinte sie. »Mamaaa!«
»Bitte, bitte, sei doch still. Sonst holt dich am Ende noch der Franz.«
»Mamaaa!«
Mit einem Ruck fuhr Clara aus dem Schlaf hoch. Wo war sie?
Celia lag nicht neben ihr in dem hohen Bett mit der harten, hügeligen, vermutlich mit Rosshaar gestopften Matratze.
»Celia?!«
Suchend sah sie sich um. Das war nicht ihre Kajüte. Sie waren in Japan!
»Mamaaa …«
Alarmiert sprang Clara aus dem Bett, suchte das Zimmer ab.
»Mamaaa!«
Das Weinen kam hinter dem Bett hervor. Clara kniete sich auf die Matratze, legte die Stirn an die kalte Wand und blickte nach unten.
Und tatsächlich, da steckte Celia und sah sie kläglich von unten her an. Sie war durch die Ritze zwischen Bett und Wand halb unter das Bett gerutscht.
»Ach, herrje. Warte, Mama holt dich raus. Ich hab dich gleich.«
Vorsichtig rückte sie das Bett ein bisschen von der Wand ab, sodass sie genug Platz hatte, Celia unter den Armen zu packen, sie herauszuziehen und tröstend an sich zu drücken.
Langsam beruhigten sich Celias Weinen und Claras Herzschlag. Tränen liefen auch Clara über die Wangen, und sie wusste nicht, ob sie wegen des Albtraums weinte oder weil Celia sie in ihrer Not zum ersten Mal ›Mama‹ genannt hatte.
Fest drückte sie ihre Tochter an sich und schluchzte. Sie hatte sich so verloren gefühlt, so ungewollt in ihrem Traum. Niemand wollte sie bei sich haben. Sie hatte einfach gar kein Zuhause mehr gehabt.
Und war es nicht auch in Wirklichkeit so? In Berlin war sie nicht mehr gebraucht worden. Im Gegenteil, ihre Anwesenheit dort war am Ende für alle eine Last gewesen, weil sie nicht mit Franz leben konnte und er anscheinend nicht ohne sie.
Sie dachte an all die Wochen der Reisevorbereitung, als sie sich ja wirklich bei Annike und Jeroen in der kleinen Wohnung versteckt gehalten hatten, damit Franz nicht kam und seine entzückend blond gelockte, blauäugige und überhaupt nicht japanisch aussehende Tochter mit sich nahm.
Celia hatte sich mittlerweile beruhigt und war in Claras Armen eingeschlafen. Vor dem Fenster begann der Morgen zu dämmern und gab den Blick frei auf die Bucht von Nagasaki mit den bewaldeten, im Frühnebel geheimnisvoll wirkenden Bergkuppen auf der gegenüberliegenden Seite.
Vorsichtig legte Clara ihre Tochter wieder ins Bett und deckte sie zu. Dann öffnete sie leise ihren überdimensionierten Schrankkoffer und zog das Schubfach heraus, in dem sie Taschentücher, ihre wenigen Schmuckstücke sowie Akenos Briefe verstaut hatte. Sie blätterte durch den kleinen Stapel, bis sie den letzten Brief fand. Bald ein Jahr war er jetzt schon alt, so lange hatte es gedauert, bis sie endlich eine Entscheidung getroffen hatte und auf große Reise gegangen war.
Sie setzte sich auf den Stuhl vor dem Fenster und las, weit zum Fenster und dem ersten Tageslicht hin vorgebeugt:
Liebste Clara,
es schmerzt mich, zu lesen, dass Du unglücklich bist, und ich kann es Dir nicht verdenken. Wie grausam, Dich mit dem Kind, das Du liebst, vor seinem eigenen Vater verstecken zu müssen.
Und wie schwer muss es sein, ein solch kleines Kind still zu halten, in der kleinen Wohnung mit einer weiteren Familie, damit der Vater es nicht hört und findet. Wie grausam, dass er Dir und Deiner Familie Tag um Tag das Leben schwer macht.
Und welche Größe wiederum zeigt Frau Annike Bakker, dass sie Mutter und Kind versteckt, welche Größe zeigt mein lieber Ziehbruder Ernst, dass er so standhaft Dein Heim gegen den Eindringling verteidigt!
Aber ich sehe es ganz wie Du, Geliebte: Deine Familie wird erst Frieden finden, wenn der Jäger die Beute in seiner Nähe nicht mehr wittern kann.
Clara, Du musst fort aus Berlin!
Du sagst, Du kannst zu Deiner Schwester und dem Schwager nach Hamburg gehen, und vielleicht mag das fürs Erste eine gute Lösung sein.
Aber fürchtest Du nicht, so wie ich, dass das geografisch am Ende doch noch viel zu nahe bei ihm ist, bedenkt man Deines Mannes Entschlossenheit? Würde er in Hamburg denn nicht als Erstes nach Euch beiden suchen? Und könntest Du es ihm verdenken?
Du ahnst nicht, wie oft ich wünsche, ich hätte damals, als wir uns das erste Mal im Hause Deiner Eltern sahen und Du Dich so sehr für meinen Tee eingesetzt hast, sofort verstanden, dass wir füreinander bestimmt sind.
Hätte ich damals nur sofort um Deine Gunst geworben, sodass dieser unerträgliche Mann Dich nicht in diese elende Ehe hätte drängen können!
Wäre ich wacher gewesen, schneller, eindringlicher, so wärst Du jetzt vielleicht hier bei mir, am Südende der südlichen Hauptinsel Japans.
Nur eine kleine Wanderung von unserem Teegarten entfernt, eine Stunde, wenn man gemächlich geht, könnten wir jetzt zusammen am Fuße des Ogawa-Wasserfalls an einem leuchtend blauen Wasserbecken sitzen und den zarten Shincha, den ersten Tee des neuen Jahres, trinken, und wer weiß, vielleicht würde unsere eigene Tochter jetzt dort im herrlichen Wasser planschen.
Es tut mir unendlich leid, dass ich Dich nicht überzeugen konnte, damals schon mit mir fortzugehen, fort in Dein neues Zuhause, wo Du immer geliebt und geachtet wärest.
Liebste Clara, willst Du denn jetzt nicht dem Leben, das Dich so quält, entfliehen? Ich frage Dich das in vollem
