Im Lande Araga - Niklas J. Wingender - E-Book

Im Lande Araga E-Book

Niklas J. Wingender

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Beschreibung

Der Frieden in der Welt Araga bröckelt, doch was hielt ihn aufrecht? Ausgesandt vom höchsten Rat der Elfen, machen sich die Freunde Spex und Libitor auf den Weg zu den Zwergen. Überbringen sollen sie einen geheimnisvollen Reim, der vor einer Bedrohung aus dem Norden warnt. Doch nicht nur aus dem Eldor Gebirge könnte Unheil über Araga hereinbrechen. Tief in den Bergen treffen die beiden Elfen auf ein seherisches Wesen, doch können sie seinen Worten Glauben schenken? Sind sie wirklich Wächter ihres Volkes – und werden sie dieses dennoch teilen? Schnell erkennen Spex und Libitor, dass sie sich auf dieser Reise nicht bloß den Gefahren ihres Landes stellen müssen. Man will sie mit aller Macht aufhalten und zieht sie immer weiter hinab in den Strudel aus Lügen, Intrigen und Verrat. Bald ist Spex nicht mehr sicher, wem er noch vertrauen kann. Denn er erkennt, dass auch sein eigenes Volk ein großes Geheimnis birgt …

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Seitenzahl: 568

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Im Lande Araga
Über den Autor
Impressum
Der Rat der Weisen Sechs
Drei Zyklen zuvor
Sapien
Gesprochene Worte
Das Bergmonster
Ewige Trauer
Legenden und Geschichten
Der Sternen Tränen ist Perlengold
Schwertkunde
In der Schenke
Das Gewirr der Menschen
Die Vergangenheit holt auf
Die geheime Kammer
Suimors Tod und Zerstörung
Mörder
Gejagt
Joops Heimgang
Beim Clan der drei Monde
Gemeinsame Speisen
Der Tr‘aww‘alyng der sieben Völker
Der Ursprung einer Fehde
Der Freiheit beraubt
Die Weisheit der Riesen
Übungskämpfe
Der wahre Krieger
Das Fest der tanzenden Flammen
Kulturelle Unterschiede
Geheime Tunnel
Aurora
Gefangen
Silva Fort
Vor den Tafeln des Gesetzes
Der Leprak
Proteri Oxcasus
Sturmgang
Im Schatten des Gesäusels
Sintflut der Verfolger
Der Urbaum
Geschändetes Heim
Die Kraft der zwei Monde
An neuen Ufern
Der veränderte Freund
Verwundet bis ins Herz
Das Dorftribunal
Wie Draga und Nacht
Vom Rat verraten
Das Bündnis der freien Elfen
Epilog
Danksagung
Weitere Werke
Glossar
Die Eisermann Media GmbH

Niklas J. Wingender

Im Lande Araga

Das Geheimnis der Elfen

Band 1

Eisermann Verlag

Über den Autor

Niklas J. Wingender wuchs in Köln-Brück auf. Bereits als Kind entwickelte er mit viel Fantasie eigene Geschichten und Erzählungen. Mit zwölf Jahren beschloss er Autor zu werden und begann mit seinen Arbeiten an der Fantasyreihe »Im Lande Araga«. Nach 20 Jahren beendet er auch den dritten Band der Reihe und ist nun 32 Jahre (2024). Niklas J. Wingender hat mehrere Geschichten und Bücher publiziert und sein Fantasyepos »Im Lande Araga« wurde als erstes deutsches Fantasy Theater und Dinner in aufwendiger Produktion aufgeführt. Dabei übernahm der Autor auch eine Schauspielrolle. Mit seinem Abschluss als ausgebildeter Lehrer unterrichtet er die Fächer Sport, Deutsch, Mathematik, praktische Philosophie, Hauswirtschaft, Arbeitslehre und Naturwissenschaften an der Gesamtschule in Köln Holweide. Derzeit schreibt Niklas J. Wingender an weiteren Werken der Araga-Erzählungen sowie anderen Themenbereichen. Mehr Infos zum Autor und seinen Buchprojekten findet ihr auf seiner Autorenseite unter: www.NiklasWingender.de

Impressum

Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.d-nb.deabrufbar.

Print-ISBN: 978-3-96173-036-0

E-Book-ISBN: 978-3-96173-037-7

Copyright (2017) Eisermann Verlag

Lektorat: Bettina Dworatzek

Korrektorat: Alexandra Schwind

Buchsatz: Grit Richter, Eisermann Verlag

Umschlaggestaltung: Casandra Krammer • Buchdesign

Bilder und Grafiken von www.shutterstock.com

Hergestellt in Deutschland (EU)

Eisermann Verlag

ein IMPRINT der EISERMANN MEDIA GMBH

Alte Heerstraße 29 | 27330 Asendorf

Alle Personen und Namen innerhalb dieses Buches sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Prolog

Der Rat der Weisen Sechs

Getrieben von den furchtbaren Erlebnissen seiner langen Reise mit Libitor, betrat Spex eilig die heilige Halle der Elfen, um den Rat der Weisen Sechs zu warnen.

So wie das grüne Gestein matt an den Wänden schimmerte, gab es dem Raum etwas Magisches. In der Halle herrschte eine gedämpfte Stille, wie in einer staubigen Kammer voller Schriftrollen. Eine Ruhe, die von Geheimnissen kündete, die man nur ergründen konnte, wenn man lange lauschte und die selbst dann nicht jeder hörte.

Obwohl Spex keinen Laut von sich gab und er leichtfüßig über den dunklen Marmorboden glitt, bekam die geduldige Stille Risse. Sie löste sich nicht auf, doch wirkte sie unruhig, gehetzt, und die Luft stand nicht mehr still, in Bewegung geraten durch Spex‘ eilige Schritte. Die schlammbespritzte Kleidung in den Farben des Waldes trug er wie den Mantel eines Königs und der Geruch des Waldes eilte ihm voraus. Seine langen, dunkelblonden Haare hingen ihm verschwitzt um den Kopf und immer wieder fielen Strähnen in sein ebenmäßiges Gesicht, das von Kummer und Sorge gezeichnet war.

Seine grünen Augen blickten sich suchend um. Ohne seine Waffen, die er hatte abgeben müssen, fühlte er sich selbst an diesem heiligen Ort schutzlos.

Links und rechts ragten die Wände auf, in weiter Ferne und tiefer Dunkelheit verborgen. Weit reichte auch die Halle, die sich zum Ende verjüngte und deren Gestein, je weiter man schritt, immer heller wurde, sodass man sich des Gefühls nicht erwehren konnte, ins Licht zu treten. Und noch weiter war die gewaltige Rundbogendecke entfernt, aus einem einzigartigen Metall gefertigt. So weit, als würde sie sich als Himmel über den Raum spannen und so unerreichbar sein wie die Sterne. Dünne Säulen umschlangen einander grazil, wie Liebende im Tanz, und stützten die Decke.

Neben jeder Säule standen elfische Krieger in goldener Kleidung. Ihre Gesichter waren mit Tüchern verdeckt, auf die in elfischen Runen Todesversprechungen an ihre Feinde gezeichnet waren. Unbewegt und stumm ragten sie empor, als seien sie in einen tiefen Schlaf gefallen. Wie die Lautlosigkeit aus einem tiefen Traum haftete die Stille an ihnen. Die Krieger wachten neben anmutig geformten Tierwesen aus Onyx und wirkten keineswegs lebendiger. Unter ihrer Kleidung verbargen sie verschiedene Waffen, mit denen sie hervorragend umgehen konnten.

Mit Spex konnte es die stolze goldene Garde trotzdem nicht aufnehmen. Nicht mehr. Nachdem sein Körper erstarkt war und er neue Fähigkeiten erlernt hatte.Fähigkeiten, die ihn zu einem tödlichen Krieger machten.

Er dachte an die klugen Worte seiner ermordeten Liebe Leèi:

»Uns sollte ein besonnener Bauer in friedlichen Zeiten lieber sein als der beste Kämpfer im Krieg.«

Diesen Gedanken an vergangene Zeiten trug er wie einen Speer vor sich, und kam endlich bei der Droga an, der letzten Sicherheitsgarde vor den Weisen Sechs. Wer bis zu ihnen ungebeten vordrang, würde spätestens hier scheitern. Die Halle hatte sich so weit verjüngt, dass die achtzehn nebeneinanderstehenden Krieger den Raum in der Breite vollständig ausfüllten.

Sie waren in schlichte Kleidung gehüllt, die ihnen größte Bewegungsfreiheit gewährte, und umgriffen mit den Händen je ein langes dünnes Schwert. Die silbrig schimmernden Klingen wirkten fast zerbrechlich, waren aber hervorragende Waffen. Aus Mondstahl geschaffen, gehärtet mit Magie, hielt ein jeder der Leibgarde sie vor sein Gesicht, als handele es sich um die Geliebte. Diese Krieger versprachen ihren Waffen mit dunklen Ritualen, sich gegenseitig zu schützen und nie mehr zu verlassen. Frostige Todesstille ging von ihnen aus; kälter als Eis, wie Finger, die über Glas kratzen und einen leisen unangenehmen Ton verursachen. Gleichwohl baute Spex sich ohne Furcht vor ihnen auf. Mutig und entschlossen.

»Lasst ihn durch!«, ertönte eine laute Stimme und brach die angespannte Ruhe wie Donner in der Nacht.

Die Droga trat zurück, bildete eine Gasse, durch die man schreiten konnte, im Wissen, dass der Tod nun hinter einem lauerte.

Auf erhöhten Sitzen aus weißem Marmor saßen die Weisen Sechs in einem solcherart angelegten Halbkreis, dass keiner der ihren wirklich in der Mitte oder wahrhaftig abseits saß. Mit durchgedrückten Rücken saßen alle Sechs da, glichen sich, ohne dass sie einander ähnlich sahen. Denn allen haftete die gleiche Autorität an und eine mächtige Aura umgab jeden einzelnen, umkleidete ihn, so wie ein reicher Mann sich selbstverständlich in kostbare Gewänder hüllt. Spex dachte an all die Geschichten, in denen die Sechs mit Göttern gesprochen oder allein mithilfe eines scharfen Verstandes Ungeheuer tödlich verwundet hatten. Unglaubliche Erzählungen – und er glaubte jede einzelne, als sie dort von Licht und Wärme durchstrahlt saßen.

Die Stühle besaßen an beiden Seiten Flügel aus einem anderen, ebenfalls weißen Material. Und vor den Sechs war eine wahre Flut von Kerzen, die niemand unerlaubt durchqueren sollte. Licht und Wärme brandeten Spex entgegen, so stark, dass die meisten Besucher wohlig schauderten. Hinter ihnen auf der Wand waren die drei heiligen Symbole der Elfen aufwendig gezeichnet, die in Eintracht zueinander stehen mussten. Die hiesige Welt, die Sonne und der Mond.

Eine brennende Flüssigkeit lief die goldene Wand herunter, hüllte alles in golden rotes Licht und spendete zusätzlich Wärme. Das Beherrschen verschiedener Elemente in einem sah beeindruckend aus. Dennoch misstraute Spex dem Rat seit den Morden an seiner Gefährtin Leèi und seinem Vater Feldôwin.

»Was ist auf eurer Reise geschehen?« Cunchid, der Mund des Rates, sprach immer als Erster. Jedes Wort rollte wie eine Woge über Spex hinweg und besaß unbändige Kraft. Wörter aus Cunchids Mund konnten Wogen glätten oder Steine zum Splittern bringen. Schulterlanges braunes Haar umfloss sein für einen Elf ungewöhnlich kantiges Gesicht, mit der krummen Nase und den dunklen Habichtaugen. Trotz aller Dringlichkeit schaute er scheinbar gleichgültig, doch seiner scharfen Beobachtung entging nichts. Sein Raubtierblick durchdrang Kleidung und Wände und reichte tief in den Wald der Welt.

Cunchid hatte scharfe Augen, doch der stets in schlichtes Grün gekleidete Delmar war derjenige, der bis auf den Grund schaute und die Wahrheit enthüllte. Wie eine unscheinbare Statue saß Delmar da, völlig bewegungslos. Nur durch seine flink huschenden Augen mit den goldenen Sprenkeln wusste Spex, dass er nicht ein in Stein gehauenes Abbild der personifizierten Weisheit war, mit ernstem Gesicht und weißem Haar. All das sah Spex, während sich die Stille wie ein Leichentuch wieder niederlegte, unheilschwanger.

Stiolids Ton war schneidend, eine spitze Falte bildete sich auf seiner Stirn, als hätten sich die Worte in sie hineingeschnitten. Sein schwarzes Haar fiel lang und weich über seine mit goldenen Fäden bestickte Kleidung. »Was ist schiefgegangen?«

Eine innere Leere verdrängte jedes andere Gefühl aus Spex‘ Seele und ließ nur eines zurück. Übermächtig und erdrückend: Trauer. Das Einzige, was ihn aufrechthielt, war sein Wille, die Elfen zu warnen. Anderen sein Schicksal zu ersparen.

Spex schaute auf. Er schluckte den schmerzhaften Kloß hinunter, der ihm die Luft abschnürte. Seine traurigen Augen erzählten eine lange Geschichte, aber seine Stimme war ruhig: »Dunkelheit greift nach unserem Volk.«

»Wovon sprichst du und wie wagst du hier aufzutreten?« Stiolid richtete seine Finger anklagend auf Spex‘ schmutzige Kleidung, doch mit seinen Worten meinte er nicht Spex‘ Äußeres.

Wenn der kluge Ynox mit den smaragdgrünen Augen das gesehen hätte, was Spex gesehen hatte, wie hätte er gehandelt, der klügste Elf unserer Zeit? Ein Elf, dessen Verstand schärfer als jede Klinge sein sollte. Ich muss sie überzeugen.

Sein Freund Libitor hätte bereits eine aufbrausende Antwort gegeben. Wenn er doch nur hier wäre.

Aber er war nicht hier, sondern weit fort und Spex hielt sich zurück.

»Es ist das eingetreten, was ich nun seit Längerem befürchte … Unser Volk, es bricht auseinander«, sprach Spex und seinen Worten klang ihr bitterer Beigeschmack nach.

Tradot beugte sich vor, die Hände mit den funkelnden Ringen um seine Lehne geklammert und mit undurchdringlichem Gesicht. Plötzlich schoss ein neuer Gedanke durch Spex‘ Kopf. Beunruhigender und gefährlicher als jeder andere.

Der Rat der Weisen Sechs bekommt viel mit im Wald der Welt. Warum das nicht, was ich ihm berichten muss?

Oder wusste der Rat Bescheid, aber beschloss nicht zu handeln?

Ein unbehagliches Schweigen breitete sich aus. Belastend und kalt und nicht einmal die Wärme der Kerzen und der brennenden Flüssigkeit konnte dieses Gefühl vertreiben. Zum ersten Mal in seinem Leben sah Spex Unsicherheit bei den großen Führern seines Volkes. Selbst Ynox mit dem moosgrünen Schimmer in den Haaren und Cunchid, der Mund des Rates, blieben stumm.

Wissen sie etwas? Libitor hat von einem Verräter gesprochen.

Tradot fing sich als Erster und seine blassen Augen erfassten Spex: »Sprich, erzähl uns alles. Lass nichts aus.«

Spex holte einmal tief Luft, ehe er ansetzte.

Drei Zyklen zuvor

Eine ganz eigene Melodie schwebte durch den Wald. Lisselen Ykar war ein Ort voller Rauschen und Wispern. Einer der großen Bäume schüttelte sich und Sonnenstrahlen fächerten durch sein Geäst. An seinem Stamm floss Harz träge hinab. Es sah aus, als würde der Baum weinen. Spex verlor sich in seinem Anblick. Deshalb entging ihm das Augenpaar, das ihn beobachtete. Spex war zum Nachdenken hergekommen.

Es gab düstere Haine im Herzen des Waldes Lisselen Ykar, in die kaum Licht drang und in denen selbst Elfen verloren gingen. Doch der größte Teil wurde geflutet von Sonne und Üppigkeit. Dort war seine Heimat, Heimat der Elfen. Hier roch die Luft stets frisch, wie nach einem Regenschauer an einem heißen Draga.

Eine schemenhafte Bewegung riss Spex aus seinen Gedanken. Er blickte auf, doch da war niemand. Sein Blick wanderte weiter und er entdeckte Leèi.

»Wie lange stehst du denn schon dort und beobachtest mich?« Spex lachte und sprang seiner Gefährtin entgegen.

»Ich mag es, wenn du, versunken in Gedanken, alles andere um dich herum vergisst.« Sie lächelte und begrüßte ihn mit einem Kuss. Als sie sich löste, glühten ihre Wangen. Für einen Moment strahlten ihre Augen heller als die Sonne, der traurige sehnsuchtsvolle Glanz in ihnen war verschwunden. »Spex, ich bin glücklich.« Leèi klang so überrascht über ihre eigenen Worte, dass sie beide lachen mussten.

»Das bin ich auch. Und jetzt lass uns loseilen, sonst wird mein Vater gar nicht glücklich sein.« Spex lachte wieder und sah nicht, dass bei seinen Worten für einen kurzen Moment die Traurigkeit über Leèis Augen huschte. Dann machten sie sich auf den Weg zu Feldôwin. Ein Augenpaar beobachtete sie und ein Schatten folgte ihnen verstohlen.

Sie schritten an den Behausungen der Elfen vorbei. Die Hütten trugen die Farben des Waldes. Häufig verbanden sich Teile der Behausungen mit den kräftigen Stämmen der Bäume und die Dächer bestanden nicht selten aus dicht wachsendem Efeu. Ebenso gab es viele Baumhäuser, in den Kronen von kräftigen Feldorbäumen. Ein Eingang führte sogar in einen gewaltigen Stamm eines Bärbaums, dessen Rinde von einer Art Fell bedeckt war. Für Besucher jenseits des Waldes Lisselen Ykar musste die Siedlung verwunschen und magisch wirken. Scheinbar aus dem Nichts ging Wald in Dorf über und das eine konnte ohne das andere nicht sein. Spex schenkte den Bäumen, die zu Hütten wuchsen, kaum Beachtung. Auch nicht den Hängebrücken, die sich zwischen den Bäumen spannten, Baumhäuser miteinander verbanden und wie normale Straßen begangen wurden.

Stattdessen fühlte er sich glücklich, mit seiner Gefährtin Leèi den Weg zu beschreiten. Sie strich ihre schwarzen Haare hinter die spitzen Ohren und ein Lächeln bildete Grübchen in ihren Wangen, wie bei ihrem allerersten Treffen.

Auf dem schillernden Fest der sprühenden Sterne hatte er Leèi das erste Mal gesehen.

Versonnen lauschte er der Musik und dem wunderschönen Gesang, der sich in alle Richtungen ausbreitete, wie der Duft einer Blume. Seine Gedanken und sein Blick schweiften umher, während er dem vorgetragenen Abenteuer Vom großen Gullivan lauschte. Die Blätter leuchteten, von bunten Laternen beschienen, und Elfen wiegten sich langsam im Takt der Musik. Es fielen gerade die ersten Sternschnuppen, als sein Blick auf Leèi fiel. Spex hatte sie noch nie vorher gesehen, aber etwas fesselte ihn vom ersten Augenblick an. Ihm gefielen die Bewegungen und sie strahlte eine Tiefe aus, unter deren Oberfläche Geheimnisse schlummerten. Mit einer beiläufigen Geste strich sie sich das schulterlange dunkle Haar hinter ihre spitz zulaufenden Ohren. Langsam neigte sie den Kopf und blicke ihm in die Augen, als hätte sie seinen Blick gespürt. Ein Sards verstrich, ehe ein kleines zaghaftes Lächeln auf ihrem Gesicht erschien. Dann wanderten ihre Augen weiter, ebenso langsam und ruhig, wie das offenbarte Lächeln zuvor.

Das traurige Lied über unerfüllte Liebe Der Sternen Tränen ist Perlengold wurde gesungen, von der lieblichsten Stimme, und gemeinsam fielen die Elfen mit in den Kehrreim ein. Die Musik erreichte ihren Höhepunkt, während es Sterne vom Himmel regnete. Ein Schauspiel, das jeden Betrachter verzückte und zum Sternenzelt aufschauen ließ. Nur Spex sah in eine andere Richtung. Leèi lauschte gebannt der vorgetragenen Erzählung der gefallenen Sterne, als würde sie selbst in die Geschichte hineingesogen. Aber dann drehte sich ihr Kopf wieder in seine Richtung und das Lächeln zauberte kleine Grübchen in ihre Wangen. Spex grinste und während Elfen um sie herum verzückte Laute ausstießen, gehörte dieser Augenblick ihnen.

Den ganzen Abend erfassten sie sich mit Schweifblicken und als die Musik zum Tanz forderte, verloren sie sich im aufkommenden Gedränge aus den Augen. In Angst, als sei er völlig aus der Welt gefallen, allein im dunklen Nichts, schaute er umher – und als er sich umdrehte, stand Leèi vor ihm, mit dem gleichen suchenden Gesichtsausdruck. Sie erkannten einander, standen voreinander, unfähig Worte zu finden, lächelten und blieben stumm. Wieder wurden sie voneinander fortgetrieben, doch das Schweigen hatte sie näher gebracht als jedes gesprochene Wort. In einem ruhigen Augenblick fanden sie wieder zueinander und schließlich fanden sich zaghafte Worte, die ersten Perlen, die sich auf eine lange Schnur reihen sollten. Leèi kam aus den Tiefen des Waldes Lisselen Ykar und war nicht nur für das Fest der sprühenden Sterne weit gewandert. Sie lauschten einander betört, erkannten die Nähe ihrer Seelen. Der Abend brachte etwas in Spex zum Klingen, das er vorher nicht gekannt hatte.

Nach mehreren Dragas und vielen Gesprächen schaute ihm Leèi mit fast ängstlichem Blick aus ihren dunkelgrünen Augen tief in die seinen, ehe sich langsam ihre Lippen fanden. Spex war verliebt und in Leèis Augen erkannte er den gleichen liebevollen Blick. Schließlich sang er für Leèi und sie teilten auf weichem Moos das erste Mal ihr Lager, während sich die Äste der Bäume schützend um sie legten.

Spex kam zurück in die Gegenwart und spürte den fragenden Blick von Leèi auf sich ruhen. »Ich dachte gerade an unsere erste Begegnung.«

Leèi lächelte sanft und berührte in leicht an der Schulter.

»Schau mal, wer dort kommt.« Spex staunte nicht schlecht, als sein bester Freund Libitor in Begleitung von Tradot zu ihnen trat, einem Vertreter vom Rat der Weisen Sechs. Leèi versteifte sich neben ihm. Libitor begrüßte seinen Freund und Leèi mit dem Sternengruß und auch Tradot senkte leicht den Kopf. Spex‘ Verwunderung wurde grenzenlos, als Ynox mit dem smaragdgrünen Schimmer in den Haaren zu ihnen stieß.

»Wie komme ich zu der Ehre, zwei Vertretern vom Rat der Weisen Sechs zu begegnen?«

Während Ynox den Kopf neigte, trat Leèi unruhig von einem Bein auf das andere. »Spex und Leèi, es freut mich euch zu sehen. Der Wald flüstert mir nur Gutes von euch.«

Woher kennt er denn unsere Namen?

Libitor zuckte mit einem Grinsen die Schultern, als er den Blick seines Freundes wahrnahm.

Neben ihm zuckte Leèi plötzlich zusammen und ihr Gesicht bekam etwas Panisches. Ynox wirbelte herum und blickte mit durchdringendem Blick in den Wald.

»Was hast du, Ynox?«, fragte ihn Tradot und blickte ebenfalls in den Wald.

»Ich glaubte, einen Schatten zu sehen.« Ynox schüttelte sich kurz, dann blickte er Spex freundlich an. »Falls du deinem Vater begegnest, richte ihm schöne Grüße von mir aus.«

Sie wechselten noch einige Worte, ehe sich Spex und Leèi wieder auf den Weg zu Feldôwin machten, während Libitor mit Tradot und Ynox von dannen schritt. »Wir sehen uns später!«, rief ihm Libitor noch zu.

Feldôwin wohnte abgeschieden in einer Hütte, die bis in den letzten Winkel vollgestopft mit Pergamenten in unterschiedlichen Schriften, Büchern und allerlei Seltsamem war. Er begrüßte seinen Sohn herzlich und zog die Stirn besorgt kraus, als er Leèi sah. Sie folgten ihm durch einen Raum und mussten Regalen ausweichen, sowie Truhen, die sich übereinanderstapelten. Der Geruch von zubereitetem Essen mischte sich mit getrockneten Gewürzen, außerdem lag ein Hauch von Schwefel und Phosphor in der Luft. Spex staunte einmal wieder über den Berg an Schriftrollen und Geheimnissen, die hier lagerten. Wenn jemand etwas über die entlegendsten Winkel des Waldes Lisselen Ykar wusste, dann sein Vater. Manch einer behauptete bereits, viele Elfen wendeten sich in Fragen öfter an Feldôwin als an den Rat der Weisen Sechs. Das hielt Spex jedoch für weit hergeholt, hielten die meisten Elfen Feldôwin doch für recht sonderbar. Nicht nur sein Aussehen unterschied sich von dem anderer Elfen. Gläser, die seine Sehkraft stärkten, bedeckten seine Augen und ein kleiner Ziegenbart zierte sein Kinn. Zudem stellten seine Marotten einen klaren Kontrast zum autoritären und königlichen Gebaren vom Rat der Weisen Sechs dar. Doch in den Geheimnissen des Waldes kannte sich sein Vater aus wie kein anderer. Nur eine Person konnte dem nahe kommen. Leèi, meine Gefährtin. Sie machte zwar kein Aufsehen um ihr Wissen und sprach häufig selbst dann nicht darüber, wenn sie gefragt wurde, doch sie wusste nicht weniger als Feldôwin. Dort, wo dieser offen forschte, barg Leèi ihre Geheimnisse. Die Tiefe hinter ihren Gedankengängen liebte Spex. Ihm hatte sie einige geheimnisvolle Orte im Wald gezeigt. Er dachte an den magischen türkisfarbenen See und fragte sich, ob nicht Leèi diese Orte erst magisch machte.

»Ihr scheint ja beide tief in Gedanken versunken«, sprach Feldôwin schelmisch und strich sein schulterlanges Haar zurück. Dann wurde er ernst: »Wie laufen die Vorbereitungen mit Libitor?«

Spex fing an zu erzählen. Von ihrem Training und den Überraschungen, die Libitor bereithielt. Wie sie in unwegsamem Gelände gefochten und gerungen hatten und Libitor allerlei Fallen von Spex ausweichen musste, um in seinen Schlägen und Widerschlägen geschwind zu werden. Wie sie die Worte von Feldôwin und Leèi berücksichtigten: »Besieg ihn mit seinen Stärken, denn dort wird er zu selbstsicher sein.«

Spex entging in seiner Aufregung die Unruhe von Leèi. Das Gefühl der Spannung im Raum nahm er durchaus wahr, schob es aber auf den anstehenden Kampf am nächsten Draga.

Feldôwin dagegen las Leèis gehetzten Blick und unterbrach Spex nach einem Blickkontakt mit seiner Gefährtin: »Spex, ich möchte dir etwas zeigen.«

Sein Sohn unterbrach seine Erzählungen, schien in Gedanken aber weiter im Training mit Libitor zu verweilen. »Natürlich, ich muss nur gleich los. Wir wollten noch ein letzten Mal üben vor dem Kampf.«

Feldôwin stieß scharf die Luft aus und dachte einen Moment nach. »Vielleicht ist morgen der geeignetere Zeitpunkt. Bäume sind geduldig.«

»Und manche Bäume haben Augen«, presste Leèi zwischen den Zähnen heraus.

Feldôwin zuckte zusammen, als hätte ihn jemand geschlagen. Verwirrt schaute Spex zwischen den beiden hin und her. »Was willst du mir den zeigen?«

Feldôwin starrte ins Nichts, dann schien er aus seinen Grübeleien zu erwachen und machte eine wegwerfende Handbewegung. In seinen Augen lag der Schimmer von Angst. »Libitor wartet sicher bereits. Geh schon mal vor …«

Zu jedem anderen Zeitpunkt wäre er geblieben, doch Spex war gespannt, was der Rat von Libitor gewollt hatte. Deshalb machte er sich auf den Weg.

Er bemerkte, dass er zu spät kommen würde und beeilte sich. Trotzdem holte ihn Leèi auf halbem Weg ein. Sie wirkte gelöst. Trotz der offensichtlichen Eile nahm sie Spex in den Arm und drückte ihn fest an sich. »Spex, ich liebe dich.« Sie holte ihr Sehalar heraus und küsste den Anhänger. »Unser Sehalar wird niemals brechen.«

Spex lächelte glücklich. Leèi setzte an und hörte auf. Dann sprach sie: »Die Sterne sind heute dunkel. Spex, wir müssen reden.« Verwirrt schaute er sie an. Er griff nach seinem Sehalar und drückte ihn fest.

»Später. Libitor wartet bereits.«

Leèi nickte und lächelte, dass sich kleine Grübchen in ihren Wangen bildeten. Sie berührte ihn leicht am Arm und machte dann eine fortscheuchende Bewegung. Es war die letzte Berührung und die letzten Worte, die sie miteinander austauschten.

***

Ein neuer Draga brach an. Die Sonne lachte und Spex war aufgeregt. Wie alle Elfen. Wer würde den Schwertkampf gewinnen? Sein Freund Libitor trat gegen den besten Schwertkämpfer der Elfen an.

Robus, eine Legende. Eigentlich räumte niemand Libitor große Aussicht ein zu gewinnen, doch Spex hoffte auf das Wunder.

Die letzten Yardas hatten sie sich nur auf diesen Kampf besonnen. Auf nichts anderes – und zu wenig auf Leèi. Doch sie hatte sich nicht beklagt. Sie hatte in seinen Armen den Ausführungen zu allen Kampfeslisten gelauscht und kluge Ratschläge gegeben. Wie so oft hatten erst ihre Worte den entscheidenden Gedanken geweckt. Er hatte sie am Abend noch sehen wollen, doch es war nicht mehr zu einem Treffen gekommen.

Der Kampf musste jeden Augenblick beginnen. Warum war Leèi noch nicht hier? Sie wollten sich, wie so oft, an ihrer Lichtung treffen und gemeinsam zu dem Kampf gehen. Es kam Spex seltsam vor.

Richtig unruhig wurde Spex, als der Kampf begann.

Wo bleibt Leèi? Da stimmt etwas nicht.

Am vergangenen Abend hatten sie sich nicht gesehen und jetzt kam sie nicht zum Kampf. Er war hin- und hergerissen in seinen Gefühlen. Heute war Libitors Draga. Da konnte er nicht verschwinden, um nach Leèi zu suchen. Es gab sicherlich einen einfachen Grund. Aber wo, bei Hordés, blieb sie?

Libitor setzte ihren Kampfesplan bestens um. Er griff früh an und machte genau das, womit Robus rechnete. Trotz sehenswerter Darbietung verlor er den ersten Durchgang. Man brauchte zwei Siege oder eine direkte Aufgabe. Im zweiten Durchgang ging Libitor auf Abstand. Es sah fast so aus, als hätte er sich mit seiner Niederlage abgefunden. Die beiden Gegner umkreisten einander und lauerten auf eine Möglichkeit. Plötzlich warf Libitor sein Schwert. Noch während Robus in letzter Not blockte, war Libitor bei ihm, entriss ihm das gegnerische Schwert. Robus reagierte wie erwartet. Er wollte nicht Gefahr laufen, ohne Waffe vor einem bewaffneten Libitor zu stehen. Die Waffen flogen in hohem Bogen aus dem Kreis, den keiner der Kämpfenden verlassen durfte, ohne zu verlieren. Anders als zuvor würde jetzt keine Schnittwunde über Sieg oder Niederlage entscheiden, sondern das Aufgeben eines der Konkurrenten oder das Verlassen des Kreises. Also würde die zweite Runde entscheiden, wer am Ende Sieger werden würde. Behielt Libitor die Nerven?

Sie standen sich nun als Ringer gegenüber, eine völlig neue Ausgangssituation, die Libitor vorbedacht hatte und für die sie lange geübt hatten. Es musste schnell gehen, ehe sich Robus fing, aber Libitor durfte auch nichts überstürzen. Sie umkreisten einander wie zwei Tiere, vorgebeugt für einen sicheren Stand und die Arme angewinkelt, um einander schnell zu begegnen.

Libitor näherte sich dem vielumjubelten Gegner mit Schwung, so als wolle er diesen mit ungestümer Kraft aus dem Ring stoßen. Robus setzte viel Gewicht auf seine Arme, um nicht fortgedrückt zu werden. Libitor drückte mit der Rechten den Innenschenkel von Robus und machte eine überraschende ziehende Bewegung. Robus‘ Bein knickte ein, er verlor die Festigkeit seines Stands und versuchte verzweifelt dagegenzuhalten. Ein Fehler. Wieder ein Richtungswechsel von Libitor. Jetzt war Robus völlig aus dem Tritt. Libitor schwang sich unter ihn und katapultierte ihn unaufhaltsam aus dem Kreis. Libitor hatte gewonnen. Alle jubelten, Libitor brüllte triumphierend und mit ihm Spex.

Spex‘ Herz pochte noch laut vor Freunde, als er aus den Augenwinkeln einen Elf sah, der sich zielstrebig zu ihm durcharbeitete. Der Gesichtsausdruck des Elfen war voller trauriger Anteilnahme.

Oh, Gott Hordés, was ist passiert?

»Spex, du musst mit mir kommen. Es ist etwas Schreckliches geschehen«, sprach der Elf.

»Was … was ist?« Doch Spex ahnte bereits, dass Leèi Leid widerfahren war.

Der Elf führte ihn fort. »Dein Vater und Leèi. Sie sind tot.«

Sein Kopf war leer. Nichts.

Wie kann das sein? Er wollte widersprechen. Nein, ich habe sie gestern noch gesehen, sie kann heute nicht tot sein.

Aber er wusste, wie falsch er damit lag.

»Wir müssen reden …«

»Später.«

Seine Welt brach plötzlich in sich zusammen. Nichts, was ihn hielt. Ein hoher, undefinierbarer Ton entwich seiner Kehle. Es gab nichts, was seiner Trauer Ausdruck verleihen konnte. Er fühlte sich mit einem Schlag wie ein unendlich alter Greis.

»Wie …?«

»Sie wurden ermordet.«

Da konnte er seine Tränen nicht mehr zurückhalten. Sie flossen aus ihm, als erbräche sich ein Gewitter über sommerliches Zauberland. Jede Kraft wich plötzlich aus seinen Beinen.

Warum nur? Warum ermordet?

Er konnte das nicht verstehen. Noch nie in seinem Leben hatte er solche Schmerzen gefühlt. Sie würden für immer bleiben. Ein Schmerz in ihm, der mit scharfen Klauen tiefe unheilbare Wunden schlug, sich noch weiter in ihm vergraben wollte.

Die beiden Leichen lagen nicht weit voneinander entfernt. Es hatte einen Kampf gegeben. Leèi hatte mehrere Schnitte am Unterarm und in den Handflächen, als hätte sie versucht ein Messer oder einen Dolch abzuwehren. Feldôwin dagegen war von hinten erstochen wurden. Vermutlich hatte er Leèi zu Hilfe eilen wollen und war von einem weiteren Angreifer überrascht worden.

Spex nahm den Kopf von Leèi in die Arme und brüllte einen Schrei des Grauens und der Trauer in den Wald.

Spex machte sich Vorwürfe. Dass er mit Libitor zusammen geübt, ihr nicht richtig zugehört hatte. Was hatten ihm Feldôwin und Leèi mitteilen wollen?

***

In den Zeiten gleich nach der schrecklichen Tat gab er sich der namenlosen Trauer hin und verlor sich beinahe darin. Aber eine Frage wanderte unablässig in seinem Kopf umher, wie undurchdringlicher Nebel, in dem sich Reisende verirrten.

Warum?

Er schob seine Selbstvorwürfe beiseite und lenkte den Hass nun ganz auf die unbekannten Mörder. Einen Hass von unglaublicher Kraft und Härte, einen Hass, der ihn aufrecht hielt, einen Hass, der aber auch habgierig und besitzergreifend war. Der nun viel Gutes in ihm zur Seite drängte und ihn ganz für sich allein wollte. Bis man hoffnungslos verloren war. Grenzen überschritt, die man achten sollte.

Zum Glück hatte Spex noch beizeiten erkannt, dass er kein Elf werden wollte, den nur die Rachsucht trieb, und er hatte nicht die Grenze überschritten, hinter der es kein Zurück mehr gab. Es war nicht zu spät gewesen. Delmar aus dem Rat der Weisen Sechs hatte ihm geholfen. Seinen klugen Worten konnte sich Spex nicht verschließen. Auch Libitor war für ihn da.

Als Leèis Leichnam in einem Schilfboot zu Wasser gelassen wurde, um durch den Strom des Lebens in das Reich Odiles zu gelangen, waren nicht nur die Binsen, die das kleine Boot zusammenhielten, feucht gewesen. Wie es bei den Elfen Sitte war, hatte Spex einen Morgenzweig mit frischen Knospen und Schwanenfedern am hohen Bug befestigt, ehe er Leèi losließ und nur noch zusehen konnte, wie die Strömung nach dem Gefährt griff und es in eine ungewisse Zukunft lenkte.

Über zwei Zyklen lang hatte Spex die Schriften und Truhen von Feldôwin durchforstet. Außer zahlreichen Geheimnissen des Waldes fand er keine Erklärung für die Morde. Es mussten mindestens zwei Täter gewesen sein, das war alles, was Spex wusste. Er wurde das Gefühl nicht los, dass der Rat in die Sache verstrickt war. Doch eines Abends, als er kurz davor war, verrückt zu werden, kam Delmar in der Dämmerung der Nacht und bat ihn im Namen des Rates um einen Auftrag. Eine Mission, die ihn zu den Zwergen führen sollte. »Unsere Welt ist in Gefahr. Große Dinge geschehen und die magischen Völker sind bedroht. Wir brauchen starke Bündnisse. Dunkle Kräfte treiben im Hintergrund ihr Werk.«

Spex hoffte, mehr über die Hintergründe des Rates herauszufinden, mehr über die dunklen Kräfte. Vielleicht würde er darüber die Mörder finden.

»Wann soll die Reise beginnen?«, fragte Spex und fasste einen Entschluss.

»Morgen früh. Wir haben für euch bereits alles gepackt.«

»Euch?«

»Libitor, ihr brecht zu zweit auf. Er hat bereits zugesagt.«

Am Morgen trafen sie sich noch vor der Dämmerung. Nebelschleier waberten durch den Wald. Alle sechs Vertreter des Weisen Rates standen, in dunkelgrüne Gewänder gekleidet, um Libitor und Spex versammelt. Sie überreichten ihnen eine Landkarte, gaben ihnen Ratschläge und Ausrüstung und geheime Schriften, die sie dem Zwergenkönig überreichen sollten. Dann holte Ynox Luft:

»Vierzehn folgen der Verheißung

licht im Lichte leuchten sie,

Sieben Völker voller Zweifel

auf in Norden Schwertes ziehn.

Hoch in Nordberg – kalt geboren

Droht dem ganzen Lande Nacht

doch die Vierzehn werden schreiten,

unbezwingbar Nordschwert gleiten

durch das Dunkel einsam Wacht.

Nun erschaffen durch die Völker

Lichte klaren Blutes Lohn,

wird sich Stahlblutdurstbezwinger

aufsetzen die Eisendornkron.«

Dann brachen sie verborgen im Nebel des Morgens zu ihrer geheimen Mission auf.

Sapien

Zerklüftete schwarze Berge blickten kalt auf die beiden Reisenden herab. Die Dämmerung legte sich bereits dunkel auf die Welt. Das Gebirge, das von allen »das Gesäusel« genannt wurde, erinnerte den Elfen Spex an einen von Riesen hingeworfenen Gesteinsbrocken, der mit einem Hammer kurz und klein geschlagen und anschließend mit einem übergroßen Kamm bearbeitet worden war. Es war ein gefährliches Land, arm an Gütern, reich an Entbehrungen, in dem ein eigenbrötlerisches Bergvolk lebte.

Spex fühlte sich in dieser kargen Gegend einsam und verloren. Ablehnend und hasserfüllt erschienen ihm die Felsen. Als würden sie Groll gegen jeden Besucher oder ihr irdenes Eigenleben selbst hegen.

Das Gefühl hatte sich verstärkt, seitdem die beiden Gefährten den engen, sich dahinwindenden Pfad verlassen hatten. Der schwarze Führer wurde er genannt, ein Weg, ungangbar und gefährlich.

In dieser Gegend brauchte es keine Habichtaugen, um sie zu entdecken, denn die Elfen trugen die Farben des Waldes und anders als in den Wäldern hob sich die grüne Farbe von der düsteren Umgebung ab und machte sie zu leichten Zielen.

Dennoch erklomm Spex geschmeidig, schlank und stark das unwegsame Gelände, während seine Haare beim Klettern wie flüssiges Wasser um sein elfenebenes Gesicht liefen.

Libitor war mehr als eine Körperlänge voraus und reckte sein leicht vorstehendes Kinn empor. Seine grauen, wissbegierigen Augen schauten wach und scharf, als wolle er mit seinem Blick einen Weg durchs schwarze Gestein schmelzen. Zorneslinien durchbrachen auf der Anhöhe sein feines Gesicht. Seine Hände zuckten kurz zu dem dünnen langen Schwert auf seinem Rücken, das selbst im Zwielicht silbrig schimmerte. Eine seltene Klinge aus wertvollem Mondstahl.

Spex holte seinen Freund ein, der sich mit einem lockeren Knoten sein helles Haar im Nacken zusammenband. Neben ihm angekommen stellte Spex den holzgerahmten Rucksack auf den Boden, in dem sich viele Kräuter von Heilkraft, ihre Verpflegung und wertvolle Karten befanden. Mit grünen, gütigen Augen, in denen ein trauriger Glanz lag, blickte Spex auf das Gestein, erfassten jede Einzelheit, so wenig Gestalt es seinem Blick auch bot.

»Seit Dragas nur schwarzes, unendlich dunkles Gestein«, sprach Libitor mit wohlklingender Elfenstimme, jenem Klang, um den ihn jeder menschliche Barde beneiden würde.

»Ich weiß keinen Rat mehr, außer auf Hordés zu vertrauen. Unsere Wanderung ist seit mehreren Dragas so erfolgreich wie die eines Baumes, der sich nicht vom Fleck bewegt.« Auch Spex‘ Stimme würde jeden menschlichen Zuhörer verzücken, ihr ewig lauschen wollen und Raum und Zeit vergessen lassen.

Doch auch ihre schönen Stimmen brachten sie kein Stück weiter. Seit Spex und Libitor den Gelbawald verlassen hatten und in das östlich liegende Gebirge vorgedrungen waren, lief ihre Reise nicht mehr nach dem ursprünglichen Plan.

Spex machte dafür dieses grässlich finstre Gestein verantwortlich, das überall gleich aussah und sie falsch leitete. Schwarze Steine, die jedes Geräusch schluckten und eine Stille schufen, so dick und greifbar, als wollte sie den Wanderer umhüllen und ersticken.

Zunächst waren sie dreißig Umläufe auf dem schwarzen Führer gewandelt. Eine merkwürdig gebeugte Gestalt war ihnen gefolgt. Verborgene Blicke im Nacken bedeuteten nichts Gutes, erst recht nicht in dieser Gegend. Deshalb waren sie vom Weg abgewichen, um nicht in einen möglichen Hinterhalt zu geraten und um den geheimnisvollen Beobachter abzuhängen.

Das Ziel ihrer Mission wirkte nebulös, aber der Rat der Weisen hatte mehrfach betont, dass der Frieden in Araga davon abhing. Es ging nicht nur um den schwelenden Konflikt zwischen den Zwergen und Elfen, sondern um eine größere Gefahr. Etwas lag in der Luft. Auch sie konnten es schmecken, wie die aufgeladene Stimmung vor dem Hereinbrechen eines Gewitters. Eine Bedrohung aus dem Norden sollte nach einem uralten Reim über Araga hereinbrechen. Nur eine Waffe, geschaffen von sieben Völkern, den Feind besiegen. Der Rat der Weisen Sechs hatte ihnen den Reim vorgetragen. Zur Erschaffung des Nordschwertes hielt es Spex für einen guten Anfang, dem brodelnden Hass zwischen dem Volk der Elfen und dem Volk der Zwerge ein Ende zu bereiten. Außerdem hoffte er, auf dieser Reise mehr über den Mord an seiner Gefährtin Leèi und seinem Vater Feldôwin herauszufinden.

Libitor dagegen war aus völlig anderen Beweggründen mitgekommen. Vielleicht würde es ihn näher an sein Ziel bringen, der beste Schwertkämpfer der Elfen zu werden.

Spex schaute wieder auf die tödliche Landschaft. Dieser Ort erinnerte ihn an die furchtbaren Morde, den Tod seiner Liebe sowie den gemeuchelten Vater. Ein trostloser Fleck in seinem Inneren, der von Erinnerungen genährt wurde.

Lebe nicht in der Vergangenheit, ermahnte er sich. Er griff unter seine dunkelgrüne Jagdkleidung und trank einen Schluck aus dem Wasserbeutel. Sie hatten sich hoffnungslos verirrt.

»Vielleicht hätten wir den Fremden in unserem Nacken nach dem Weg fragen sollen, er ist sicher einer aus dem Bergvolk gewesen und hätte uns den Weg verraten«, sprach Spex mit einem Anflug von Galgenhumor.

»Diese Leute sollen genauso sein wie ihr Land.

Umgibt uns spitzer schwarzer Stein,

hilft uns nur des Mondes Schein,

kein Empfang, der uns gebührt,

Starrsinn der nicht weiterführt.«

Libitor lächelte über seinen Reim und fügte hinzu: »Ja, wir haben uns verirrt, aber das haben wir doch schon des Öfteren. Weißt du noch, als wir zusammen das erste Mal auf die Jagd gegangen sind?«

Sie hatten einen gefährlichen Abrog erlegt und sich in den Wäldern verlaufen. Erst nach Yardas hatten andere Elfen sie gefunden, wie sie in einer behaglichen Höhle die letzten Reste des Raubtieres aßen.

Eine Geschichte, die man sich später erzählte. Ja, die sich unter dem Elfenvolk großer Beliebtheit erfreute und zu einem Lied geführt hatte. Dieses Abenteuer war längst nicht ihr letztes gewesen.

Sorglos und unbekümmert sind wir gewesen, wurde Spex wieder klar. Ehe sich alles verändert hatte.

»Wenn ich mit Magie die Vergangenheit ungeschehen machen könnte«, sprach Spex und Libitor war sogleich klar, worauf sich die Worte seines Freundes bezogen.

»Siehst du auf dem nächsten Berg die Höhle? Wir sollten über Nacht dort bleiben.«

***

Als sie ankamen, war es bereits tiefschwarze Nacht.

Die Sterne blieben dunkel. Sie leuchteten über dem Gesäusel nicht, kein einsames Schiff, kein goldener Pflug am Himmelszelt. Hätten die beiden Elfen nicht Übung darin, im Dunkeln zu wandern, wären sie mehr als einmal in eine der tückischen Spalten gestürzt, für die das Gesäusel so bekannt war. Ein Mensch, sogar ein Zwerg hätte in dieser Dunkelheit nicht mehr die Hand vor den Augen erkennen können, aber die scharfen Elfenaugen durchschnitten die Finsternis so mühelos wie eine scharfe Klinge den Brotlaib.

Obwohl die beiden Elfen todmüde waren, legten sie sich nicht sogleich hin, sondern durchsuchten die Höhle erst auf mögliche Gefahren. Doch fanden sie keine.

Die vermutlich durch Wind und Wetter aus dem Fels gekerbte Höhle verjüngte sich nach hinten und war etwa elf Klafter lang. In die Höhle drang kein Laut, als wäre man mit dem Kopf unter Wasser getaucht. Es glich dem Schweigen, das man sonst nur kannte, wenn sich zwei Wesen gegenüberstanden, die sich nichts mehr zu sagen hatten. Oder als würden sie sich belauern und auf einen Fehler warten.

Trotzdem legten sich beide zum Schlafen nieder. Klangsteine am Eingang sollten sie rechtzeitig vor Eindringlingen warnen. Es handelte sich um seltene Steine, die bei der leichtesten Berührung einen kreischenden Ton von sich gaben. Der Rat hatte ihnen mehrere anvertraut.

Spex konnte nicht einschlafen, gehindert von Gedanken an längst verlorene Zeiten. Nach den Morden war ihm klar geworden, dass er niemals mehr ein geruhsames Leben führen würde. Geborgen, aber auch voller Unwissenheit darüber, was jenseits seines einst behüteten Heimes tatsächlich geschah. Ihre Welt wurde immer gefährlicher. Seit die sichernde Macht im Hintergrund verschwand, trieben sich immer mehr zwielichtige Gestalten herum und mehr als einmal kam es vor, dass man unvorsichtige Händler mit aufgeschlitzten Kehlen am Wegrand fand. Zwar herrschte noch Wohlstand im Land, doch die Zeiten wurden gefährlicher. Davor waren selbst Jäger wie Libitor und Spex nicht sicher.

Doch wer hat den Frieden gesichert? Wer war die weise Macht?

Seine Gedanken wanderten wie unruhige Beine noch eine Weile umher. Irgendwann schlief er jedoch ein.

***

Als Spex aufwachte, erschauderte er. Es war ungewöhnlich warm. Nebel hing in der Höhle, von grünem Licht durchwirkt. Libitor schreckte ebenfalls aus dem Schlaf hoch.

Was geht hier vor?

Eine Gestalt kam durch den Nebel. Spex griff nach seinem Dolch, Libitor war noch schneller.

»Bleibt ruhig!« Eine unsichtbare Macht drücke die beiden wieder auf ihr Lager. Die nächsten Worte erschreckten sie in der Ohnmacht ihrer Lage: »Libitor und Spex. Elfen, auf geheimer Mission unterwegs zu den Zwergen.«

Der Klang war zeitlos, weder die Stimme einer Frau noch die Stimme eines Mannes.

Woher weiß …

»Ich bin Wissen, sehe einiges im Nebel der Zeit, doch nur selten mische ich mich in die Geschicke der Welt ein. Ich bin ein Sapien!«

Spex hatte die Sapien für den Aberglauben alter Männer gehalten. Doch dass das Wesen die Wahrheit sprach, wusste er instinktiv.

»Hört mir genau zu!«

Trotz der Ankündigung blieb das magische Wesen zunächst stumm. Spex bekam das Gefühl, der Sapien schaue ihm bis auf den Grund seiner Seele. Sards verstrichen oder waren es Pras? Zeit wurde bedeutungslos und nicht greifbar. Eine harmonische Ruhe breitete sich aus, als wäre die Umgebung in weiche warme Wolle gepackt.

Aus der Tiefe erreichten sie nun die Worte: »Mit eurer Reise habt ihr den Stein ins Rollen gebracht. Mächte werden sich finden, denn Unheil droht und der Stern wird fallen. Der Bund der sieben Völker wird ins Leben gerufen und das Nordschwert erschaffen, um durchs Dunkel zu schneiden.«

Die Stimme wurde wehmütig, als sei sie es leid, Unheil anzukündigen: »Euer Weg wird gepflastert mit Tod und Verrat. Die ihr geliebt habt wurden gemeuchelt von denen, die ihr lieben werdet. Ihr werdet Vernichter und Retter eures Volkes. Ihr werdet euer Volk teilen. Verhindert den Hader, sonst wird sich ein Schatten über den Mond legen und euer Volk von der Oberfläche verschwinden. Schützt eure Familie und seid gegenüber Einflüsterungen taub. Versucht das Beste, nur das ist in diesen Zeiten genug. Nehmt dies von mir.«

Die Gestalt kam aus dem Nebel geschwebt und stellte zwei Phiolen vor sie hin, gefüllt mit einer goldenen Substanz.

Obwohl die Gestalt direkt vor ihm stand, erkannte Spex nur Umrisse, Konturen eines weißen Gewandes, um das warmes Licht fiel, welches nicht böse blendete, aber doch ein genaueres Hinschauen unmöglich machte.

»Diese Flüssigkeit wird Leben retten, magische Tore öffnen. Wenn die Zeit kommt, zögert nicht, denn Tote kann sie nicht lebendig machen. Mehr als euer Leben hängt davon ab. Ihr seid die Auserwählten, die Wächter eures Volkes. Der Stein ist gefallen und rollt.«

Der Sapien wandte sich schon halb ab.

»Auf dem Weg zu den Zwergen folgt dem schmalen Pfad. Bei den Zwergen hütet euch vor geheimen Gängen.«

Ohne Vorwarnung wurde Spex von fremder Hand an der Schläfe berührt und ein greller Blitz zuckte durch seinen Verstand. Was passiert …

Ihm wurde schwarz vor Augen. Er wollte noch etwas fragen, aber da verlor er sich bereits in die fremde Welt der Träume und wurde von Dunkelheit umfangen.

»Wach auf.« Ungestüm rüttelte Libitor seinen Freund.

»Wo ist es?« Spex richtete sich auf und rieb sich stöhnend über die Stirn. Er hatte Kopfschmerzen, als hätte ein Zwerg seinen Kopf mit dem Hammer bearbeitet.

»Es ist weg. Ich bin gerade aufgewacht.«

Spex schlug die Augen auf, seine Kopfschmerzen verflogen so schnell, wie sie gekommen waren. »Libitor, mich beunruhigt das Auftauchen des Sapien.« Er würde die Worte niemals mehr vergessen. »In all den Erzählungen, in denen ein Sapien aufgetaucht ist, gab es anschließend immer Krieg. Dreimal wurde die Welt danach mit Zerstörung und Tod überzogen. Weißt du noch, was die Alten gesagt haben? Dass die Welt nach dem Auftauchen der Sapien eine andere war und selten besser.« Nachdenklich schaute Spex an die Wand der Höhle. »›Wenn dir ein Sapien begegnet, höre genau hin, doch hüte dich. Die Worte sind eine Waffe gleich einem Schwert ohne Griff und man muss mit der bloßen Hand in die Klinge greifen, im sicheren Wissen, dass sie einen genau wie den Gegner verletzen wird‹, so sprachen die Alten.«

»Und dass die Sapien gleichermaßen geachtet und gefürchtet sind«, ergänzte Libitor die Worte seines Freundes. »Sie greifen nur in die Geschichte ein, wenn sie das Schlimmste vermeiden wollen. Gleichwohl gehen mit ihrem Erscheinen immer Krieg und furchtbare Gewalt einher. Vielleicht, weil sie mit ihrem Wissen das Schicksal herausfordern. Manchmal waren sich die weisen Alten unsicher, ob es den Sapien wirklich ein Anliegen ist, den Frieden aufrechtzuerhalten.« Libitors Augen funkelten. Er wirkte weniger bekümmert als fasziniert von der Möglichkeit, in einer Welt zu leben, in der das Recht des Stärkeren galt, mit der Hand an der Klinge eines mehrschneidigen Schwertes. Doch im nächsten Moment verschwand das Funkeln aus Libitors Augen.

Spex schüttelte den Kopf. Er hatte sich bestimmt geirrt. Er dachte kurz nach: Nein, es gibt nichts Erfreuliches am Auftauchen eines Sapien. Selbst wenn sie zu etwas Besonderem auserkoren wurden. Ruhm und Ehre sind ein trügerisches Gut, das Neid und Streit verursacht.

Er hätte liebend gern auf den Besuch verzichtet, aber ignorieren sollten sie die Worte nicht.

»Vielleicht hilft das Wissen, einen Krieg zu verhindern.« Spex stand auf. »Lass uns von hier verschwinden, unsere Waffen schärfen und noch achtsamer sein. Ich habe das Gefühl, dass wir keine Zeit verlieren dürfen.«

Gesprochene Worte

Bevor sie sich am nächsten Morgen, nach unruhiger Nacht, aufmachten, bereitete Spex eine Mahlzeit vor.

Er gab Wasser in einen Topf, bis dieser zu zwei Dritteln gefüllt war. Zuerst öffnete er eine gut verschlossene gläserne Schatulle, die ein wertvolles und seltenes Pulver enthielt. Einen halben Fingerbreit streute er ins Wasser, das sofort zu kochen begann. Feines Mondsteinpulver war äußerst praktisch, wenn man in kalten Zeiten nicht in der Lage war, ein Feuer zu machen oder weil die Vorsicht gebot, verräterischen Rauch und eine Feuerstätte zu vermeiden. So konnte man eine warme Mahlzeit genießen, solange nur Wasser vorhanden war, mit dem das Pulver sofort reagierte.

Nachdem das Wasser kochte, gab Spex einen kleinen Würfel mit gepressten und getrockneten Kräutern in den Topf. Der Würfel löste sich sofort auf und gab sein Aroma an das Wasser ab. Durch den Suddampf breitete sich ein angenehmer Geruch in der Höhle aus. Spex gab harten Teig hinzu, der im Wasser aufquoll und sehr sättigend, selbst aber frei von Geschmack war. Als letztes reichte Libitor ihm mehrere Streifen Trockenfleisch, die ebenfalls im Topf landeten. Nun mussten die Zutaten nur noch ziehen. Einfach, aber sättigend.

Am liebsten hätte Spex gesungen. Zwiebelsud für Adelheit oder Fastenzeit ist längst vorbei.Lieder, die jedes Kleinkind kannte, aber seine Stimme hätte weit gereicht und an diesem Ort wollte er nicht die falschen Wesen wecken. Deshalb rührte er schweigend das Essen. Währenddessen saß Libitor in einer Ecke der Höhle und schliff geistesabwesend seine Waffe. Das kratzende, nervtötende Geräusch durchschnitt die Stille, als wäre der Klinge selbst ihre Schärfe unbehaglich.

»Schärfer kann die Klinge nicht mehr werden«, brach Spex das Schweigen. »Ich denke über die Worte des Sapien nach.«

Libitor beugte sich über seine Waffe, als wäre sie sein Kind und lauschte Spex.

»Was könnte so gefährlich sein, dass wir von der Oberfläche verschwinden werden und warum werden wir unser Volk teilen? Wusste es, wer die Mörder von Leèi und Feldôwin waren? Das Sapien hat viele Fragen aufgeworfen und keine beantwortet. Das Nordschwert scheint wichtiger und die drohende Gefahr größer, als ich dachte.«

»Wie es der Reim vorhersagte. Das alte Volk selbst hat ihn niedergeschrieben. Seine Prophezeiungen haben sich stets erfüllt.

»Vierzehn folgen der Verheißung

licht im Lichte leuchten sie,

Sieben Völker voller Zweifel

auf in Norden Schwertes ziehn.

Hoch in Nordberg – kalt geboren

Droht dem ganzen Lande Nacht

doch die Vierzehn werden schreiten,

unbezwingbar Nordschwert gleiten

durch das Dunkel einsam Wacht.

Nun erschaffen durch die Völker

Lichte klaren Blutes Lohn,

wird sich Stahlblutdurstbezwinger

aufsetzen die Eisendornkron.«

»Was droht uns aus den Bergen?«, sprach Spex und runzelte die Stirn. »Und wer weiß schon, was sich hinter dem hohen Gebirge Eldor befindet und über uns hereinbrechen könnte.«

»Ein Unheil droht uns«, sprach Libitor, »und Hader unter den Elfen. Das kann ich mir nicht vorstellen.«

Wieder musste Spex schlagartig an seine Vergangenheit denken. »Die Sterne sind heute dunkel. Spex, wir müssen reden.« Spex griff nach seinem Sehalar und dachte an seine Worte. »Später.«Und dann war es zu spät…

Was hatte sie ihm sagen wollen? Leèi hatte etwas geahnt vor ihrem Tod. Aber da er nicht wusste, wer die Mörder waren, konnte er weder einen Elfen ausschließen, noch vorschnell verurteilen.

»Die ihr geliebt habt wurden gemeuchelt von denen, die ihr lieben werdet.«

»Ich weiß nur, dass es bei uns nicht nur Frieden gibt«, sprach Spex langsam.

»Natürlich sind wir uns manchmal uneinig, aber dann kann jeder bei unserem Rat vorsprechen. Es gab noch nie einen Krieg unter den Elfen«, widersprach Libitor.

Die Worte klangen in Spex‘ Ohren hohl. Und naiv. Der Rat konnte nicht überall sein. Manchmal machte ihn die Gedankenlosigkeit von Libitor wütend. Sein Blick verschleierte sich und er schaute in seine Vergangenheit. Er stieß die Worte heftiger aus als beabsichtigt: »Denk an das Schicksal meines Vaters, denk an Feldôwin und Leèi. Hast du das etwa vergessen? Bis heute haben wir nicht herausgefunden, warum es geschehen ist und vielleicht werden wir es nie erfahren.«

Spex‘ Blick voller Schmerz offenbarte kurz und klar wie Blitze in der Nacht, dass er die beiden Morde niemals überwinden würde. Ein Schimmer der Anklage lag in seinen Augen.

Ich bin ungerecht. Libitor trifft keine Schuld.

Sanfter sprach er weiter: »Die Geschichten, die mein Vater erzählte, sie waren auch einigen Elfen ein Dorn im Auge.«

Er wischte sich mit der Hand über die Stirn, als würde die Geste die Gedanken vertreiben. Ein betretenes Schweigen breitete sich in der Höhle aus. Spex sah Libitor an, dass er sich über seine eigene Bemerkung ärgerte und sich entschuldigen wollte. Libitor öffnete den Mund, aber Spex kam ihm zuvor: »Du hast allerdings recht, wenn du von der Legende der Nachtelfen absiehst.«

Froh über ein neues Thema antwortete Libitor schnell: »Was damals tatsächlich passierte, weiß niemand mehr genau. Vielleicht ist alles nur ein Mythos.«

»Die alte Mär, dass eine kleine Gruppe der Elfen ihren eigenen Körper veränderte, bis ihr Verstand daran zerbrach?« Er reichte Libitor eine Schüssel dampfender Suppe. Sein Freund fing gleich an zu essen, doch Spex hielt kurz inne. »Libitor, wir sollten die Worte des Sapien niemals vergessen. Unsere Reise scheint noch bedeutugsvoller, als wir zunächst dachten. Vielleicht wusste der Rat der Weisen mehr, als sie sagten. Mit unseren Karten wissen wir, wo die geheimen Stollen sind, die zu den verborgenen Zwergenreichen führen. Aber wir sollten wachsam sein.«

»Das Sapien hat uns vor geheimen Gängen gewarnt. Bei den Zwergen werde ich dir das Reden überlassen.« Libitor grinste und löffelte kurz von der Suppe, er schmatzte: »Dann bist du schuld, wenn wir völlig versagen.«

Er summte kurz den Refrain von Zwiebelsud für Adelheit, dann wurde er schlagartig wieder ernst. »Was, meinst du, ist in den Phiolen? Sollten wir sie jetzt schon trinken?«

»Wir sollten sie nicht leichtfertig gebrauchen, wenn sie tatsächlich Leben retten können. Außerdem wissen wir nicht, was der Trank bewirkt. Ich werde sie niemals anrühren, falls es einen anderen Weg zu überleben gibt.«

Warum hatte das Sapien ihm die Substanz nicht vor drei Zyklen geben können?

Vielleicht hätte ich sie retten können.

Aber sie war bereits tot gewesen, als er kam.

Das erste Mal in seinem Leben sah Spex Angst bei Libitor. »Spex, was ist, wenn meiner Frau und meiner Tochter etwas zustößt? Das könnte ich mir niemals verzeihen! Das Sapien hat etwas angedeutet. Ich habe eine dunkle Vorahnung.«

»Ihnen wird nichts passieren«, beruhigte ihn Spex mit einer Sicherheit, die er nicht wirklich verspürte.

Dir darf nicht dasselbe wie mir geschehen.

»Mit den Phiolen haben wir Macht über Leben und Tod«, scherzte Libitor wieder, aber er konnte über seine eigenen Worte nicht lachen. Nach kurzer Pause fügte er hinzu: »Falls mir etwas passieren sollte, kümmere dich um meine Familie.«

»Was soll dir schon passieren, ich bin doch bei dir.«

»Versprich es mir.«

Spex versprach es.

Schweigend aßen sie, jeder in Gedanken bei seinen Ängsten und Befürchtungen.

***

Sie packten ihre Sachen, tief in Gedanken versunken. Die Giftnadeln wurden in den Ärmeln in Position gebracht, verschiedene Wurfmesser und ein Dolch steckten sicher in den Gürteln, ehe sich Spex sein Schwert auf den Rücken schnallte.

Libitor zögerte. »Wir sollten noch wachsamer sein.«

Spex nahm seine Bogensehne aus seiner Kapuze, wo sie vor Nässe geschützt war und spannte seinen langen Bogen.

Der Bogen war aus dem einzigartigen Holz der Manoienbäume gefertigt, die man nur im Wald Lisselen Ykar fand. Das Manoienholz war wie geschaffen für stabile Bögen mit großer Reichweite. Spex hatte den seinen mit viel Mühe geschnitzt. Es war nicht einfach gewesen, aber das Ergebnis konnte man vorzeigen.

Bereit, sich jeder Gefahr zu stellen, verließen Spex und Libitor die Höhle.

Draußen angekommen sahen die beiden tatsächlich den vom Sapien angekündigten kleinen Pfad, der quer durch die zerklüfteten Felsen führte.

Wieder schaute Spex ehrfürchtig auf die Berge, die bis in den Himmel zu ragen schienen. Er hatte, bevor sie das Gesäusel betreten hatten, noch nie solch gewaltige Berge gesehen. Nur die wenigen kleinen Berge, die es in seinen Wäldern gab, Hügel im Vergleich mit diesem Gestein, und ein paar Gebirgsspitzen in weiter Ferne. Aber er wusste, dass es in Araga noch größere Gebirgsketten gab.

Steinerne Giganten.

»Halte die Augen offen. Libitor, wir vertrauen den Worten des Sapien, aber keineswegs blind«, sagte Spex, bevor er seinen Rucksack schulterte.

Libitor und Spex folgten dem schmalen Pfad durch die Berge, die sich göttergleich zur ihren Köpfen erhoben.

Das Bergmonster

Seit dem Auftauchen des Sapien waren bereits mehrere Male die Gestirne über das Land gewandert. Nach dem zweiten Sonnenaufgang waren die beiden Elfen wie durch ein Wunder auf eine Quelle gestoßen, die klar und frisch aus dem Felsen quoll und deren dünnes Rinnsal ihren Pfad nun begleitete. Das Plätschern klang in Spex‘ Ohren wie eine wundervolle Melodie. Selbst die Luft schmeckte nun kühler, frischer und klarer. Das erste Mal seit langer Zeit fühlte er sich nicht mehr ganz so verloren. Bald summte er sogar leise Der große Gullivan vor sich hin. Libitor stimmte mit ein und so schmolzen die Meilen unter ihren Füßen rasch dahin. Es war ein ruhiger, friedlicher Augenblick.

Doch irgendwann erreichten sie eine Stelle, an der das Wasser in die Tiefe stürzte. Ihre Stimmen verstummten und sie mussten den Weg ohne den Klang des Wassers und seine schützende Kraft fortsetzen und darauf vertrauen, dass ihre Schutzgeister über sie wachten.

Aber Spex und Libitor verließen sich nicht nur auf das Wohlwollen ihrer Götter, sondern hatten ihre Waffen jederzeit zur Hand. Hordés konnte seine Augen nicht überall haben.

Die Sonne stand am Firmament und sandte heiße Strahlen auf das Land unter sich. Die Felsen waren heiß und die trockene Luft brannte in der Kehle. Ein leichtes Flirren hing in der Luft, wie man es sonst nur von Sonnenbalg kannte, der heißesten Zyklenzeit. Es schien, als versuche die Sonne auch noch den letzten Tropfen aus der Umgebung herauszubrennen. Die Luft wirkte bleiern und träge, legte sich schwer und müde auf die beiden Reisenden.

Sie erklommen den Pfad, der steil nach oben führte. Eine schweißtreibende Arbeit, die ihr ganzes Geschick erforderte. Einmal mehr verwünschte Libitor mit einem gemurmelten Fluch das Gestein, als urplötzlich ein dunkler Schatten über sie fiel.

Schnell wie eine Schlange ließ sich Libitor fallen und riss gleichzeitig sein Schwert empor. Er purzelte einige Schritt abwärts. Ein gewaltiger Stab sauste nieder und Libitor blockte in größter Not. Seine Hände zitterten. Unerbittlich und stetig kamen Schläge und Stöße von allen Seiten, deren Kraft Libitors Körper vibrieren ließ. Libitor erkannte in dem Angreifer den Fremden, der sie beobachtet hatte. Das Gesicht des Elfen verzerrte sich zu einer Fratze, seine Arme zitterten und seine Muskeln rebellierten bereits gegen die ungestüme Kraft des Bergbewohners.

Spex warf sich mit seinem Dolch auf den Angreifer. Doch der wirbelte schneller herum, als es einem Menschen oder Elf möglich war. Der Stab traf. Es knackte trocken, als würden Äste zerbrechen. Ein schmerzhafter Druck durchdrang Spex‘ Brustkorb und er wurde vom Schwung an den Rand des Gebirgspfads gestoßen. Verzweiflung keimte auf. Er rutschte den Pfad hinunter, unaufhaltsam. Seine Hände krallten sich in das heiße Gestein, aber an diesem von den Göttern verdammten Ort wurde ihm keine Hilfe zuteil. Er schlitterte immer weiter auf den Abgrund zu, fand nirgendwo Halt. Todesangst bemächtigte sich seines Verstands. die Arme ruderten wild umher. Dann verschwand er aus Libitors Sichtfeld. Entsetzt starrte dieser auf die Stelle, wo Spex verschwunden war. Er konnte es nicht fassen. Ist er wirklich abgestürzt?

Im letzten Augenblick nahm Libitor ein Pfeifen wahr und rollte sich zur Seite. Knapp neben seinem Kopf schlug das Ende des Stabs mit einem lauten Krachen ein. Libitor lag auf dem Rücken und schaute auf seinen Gegner, der den Stab wieder mit übernatürlicher Schnelligkeit herumwirbelte, als wöge diese mehr als zwei Schritt große Waffe gar nichts. Eine unglaubliche Wut durchdrang Libitor. Dieses Scheusal hatte seinen Freund verletzt, vielleicht sogar getötet. Dafür würde es furchtbare Schmerzen leiden.

Libitor wollte nach seinem Schwert greifen, um seine Gedanken in die Tat umzusetzen, konnte sich aber nicht bewegen. Er hatte sich in seinem Umhang verheddert. Sollte das seinen Tod bedeuten? Ein verschrobener Bergbewohner, der ihn unrühmlich erschlug? Libitor sah nun alles langsamer. Gestochen scharf erkannte er die kleinsten Konturen.

Er sah die kleinen gedrungenen Umrisse seines Widersachers. Das graue Fell, das den kräftigen Körper bedeckte. Die entblößten Arme, die einen knorrigen Stab führten, doppelt so groß wie das Wesen selbst – am oberen Ende wie eine Keule verdickt und jetzt über den Kopf des Widersachers erhoben.

Libitor sah die Formen eines grobschlächtigen Gesichtes, das unter einer Kapuze verborgen lag. Wie das Mordinstrument niederfuhr, um ihm seinen Schädel zu zerschmettern … und wie es im letzten Augenblick herumgerissen wurde.

Die Waffe änderte die Richtung und schlug einen Pfeil aus der Bahn. Ein zweiter Pfeil wurde ebenfalls abgelenkt, fuhr dem Angreifer aber dennoch in die Seite. Dieser warf seinen Kopf in den Nacken und die Kapuze fiel zurück. Lange, wirre Haare fielen ihm ins Gesicht. Das Wesen wollte auf Spex zustürmen, konnte gerade noch einen weiteren Pfeil ablenken. Es blieb stehen. Kehlige, knurrende Laute entwichen ihm. Libitor strampelte sich aus dem Umhang, die Hand am Schwert.

Der Angreifer überlegte kurz, schüttelte unschlüssig den Kopf, dann machte er kehrt und sprang die Schlucht hinunter.

Mit unglaublichem Geschick fanden die Hände des Bergwesens im Gestein Halt und führten es sicher am Felsen entlang.

Spex legte wieder einen Pfeil an, aber plötzlich verschmolz der Angreifer mit einem dunklen Spalt im Felsen und war kurz darauf verschwunden.

Der Pfeil folgte dem Angreifer zwar ins Dunkel, aber Spex wusste nicht, ob er getroffen hatte.

Im letzten Augenblick hatte Spex doch noch Halt auf einem Felsvorsprung gefunden; den Bogen direkt neben sich liegend. Zum Glück, sonst wäre Libitor tot. Oder war es mehr als nur Glück? Vielleicht hatte Hordés die Augen auf sie gerichtet.

Die Luft flirrte, als wäre etwas Übernatürliches am Werk gewesen.

»Was, bei den Flammen der Verdammten, war das?«, keuchte Libitor und befreite sich endgültig aus seinem Umhang.

Seine Beine konnten Libitor kaum halten, sein ganzer Körper hatte sich darauf gerichtet, seine Kraft in die Arme zu legen, als diese den Stab parierten. In seinen Armen kribbelte es, als würden tausend Ameisen auf ihm krabbeln. Es schien, als sei die Kraft aus ihm herausgeflossen, wie Wasser, das aus tausend Löchern eines undichten Trinkschlauchs tropfte.

»Das war die berühmte Gastfreundschaft der hier Lebenden«, sprach Spex, stöhnte unterdrückt auf und hielt sich seine Seite, die furchtbar schmerzte.

Er wischte sich unwirsch eine blutige Haarsträhne aus dem Gesicht. Quer über seine Stirn verlief ein kleiner Schnitt, aus dem unablässig Blut hervortrat und der sich bereits blau verfärbte. Das war verdammt knapp. Was war das für ein Wesen?

Schlimme Schmerzen brandeten durch Spex hindurch, in Wogen wie Wellen, die an den Strand angespült wurden.

Besorgt schaute ihn Libitor an. »Was hast du?«

Seine Beine gaben unter Spex nach, er ließ sich auf einen Felsen fallen, der ihn unsanft empfing. Eine neue Schmerzwelle raste durch seinen Körper.

Libitor eilte zu ihm.

Stück für Stück schälte Spex sich aus seiner Kleidung und kam sich dabei vor wie eine Schlange, die ihre alte Haut abwarf. Doch unter der Kleidung kam keine rosige frische Haut zum Vorschein. Seine ganze Seite war ein einziger Bluterguss, der sich bereits in ein ungesundes Violett verfärbte. Er konnte nur hoffen, dass seine Lunge nicht verletzt war.

»Er hat mir wohl mindestens drei Rippen gebrochen«, keuchte Spex, doch mehr noch trieb ihn um: »Wo kam das Wesen plötzlich her?«

Libitor wusste es nicht, doch eines war ihm klar: »Wir sollten so bald wie möglich von hier wegkommen, bevor dieses Bergmonster beschließt, uns doch noch den Garaus zu machen. Schaffst du es? Kannst du gehen?«

Spex betrachtete die Stelle eilig, an der ihn der Stab getroffen hatte, und tastete vorsichtig, aber schnell und ohne die nötige Sorgfalt seine Hüfte und dann seinen Brustkorb ab.

Ihm wurde bewusst, welch großes Glück er noch gehabt hatte. Die größte Wucht des Schlages hatte sein Rucksack abgefangen. Gleichwohl war er sich nicht sicher, ob die Wirbelsäule nicht doch etwas abbekommen hatte. Sein Nacken brannte fürchterlich und seinen ganzen Körper durchfluteten Reize, sodass er gar nicht richtig einordnen konnte, woher der Schmerz letztlich kam. Hätte der Fremde seinen Brustkorb getroffen, würde Spex nun Blut spucken und sein Leben ins Gestein hauchen.

Obwohl die Gefahr groß war, fertigte Libitor mit schnellen, sicheren Griffen einen Verband an und schmierte eine Salbe aus Wundbei auf die Stelle.

Mühsam richtete sich Spex auf, stöhnend und keuchend. Er wusste, dass einen Menschen dieselbe Verletzung völlig außer Gefecht gesetzt hätte. Die Knochen der Elfen waren fester und biegsamer zugleich, ihre Verletzungen heilten schneller. Dennoch brauchte er Ruhe. Die Rippen brannten, als stünden sie in Flammen. Die Verletzung konnte ihn umbringen, sollte das Mark seiner Knochen auslaufen und sich die Wunde entzünden.