Im letzten Licht des Tages - Beate Schaefer - E-Book

Im letzten Licht des Tages E-Book

Beate Schaefer

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Beschreibung

Eine Liebesgeschichte in Rom vor dem Hintergrund der Terroranschläge vom 11. September 2001 Ausgerechnet am Abend, bevor sie aufbricht, um nach dem Tod ihrer Mutter in Rom ein neues Leben zu beginnen, landet die junge Übersetzerin Regine mit dem Mann ihrer besten Freundin im Bett. In Rom angekommen, versucht sie, Michael zu vergessen. Auf einer Party bei der Autorin Maggie Ruthven, deren historische Romkrimis sie übersetzt, lernt Regine den charismatischen, wenngleich zynischen Schriftsteller David Casper kennen, einen Australier mit englischen Wurzeln. Maggie lädt Regine ein, den Sommer mit ihr in ihrer Villa am Lago di Nemi zu verbringen. Dort trifft Regine David wieder. Eine leidenschaftliche Affäre beginnt. Doch dann, am 11. September 2001, steuern Terroristen zwei Flugzeuge ins New Yorker World Trade Center. Am nächsten Tag ist David spurlos verschwunden ...

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Seitenzahl: 408

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Inhalt

Palinuro

Michael

Der Turmspringer

Rom

David

Maggie

Fegefeuer

Clarissa

Egeria

Virbius

Was unter den Füßen ist

Fiori

Roman Holidays

Steine

Fang des Tages

Zweifel

Die Affäre

Kassiopeia

Terracina

Rückkehr

Alberto

Mütter

9/11

Drei Frauen

Palinuro II

Anja

L‘Adultera

Veränderungen

Entscheidungen

Palinuro

David Casper stand am Rand des Kliffs und sah in die Tiefe. Hundertfünfzig Meter unter ihm die ruhige grünblaue See. Nur nahe der Felsen ein wenig Brandung, verspielt, hübsch anzusehen. Auf den ersten Blick völlig ungefährlich. David wusste, dass dieser Eindruck falsch war. Capo Palinuro war tückisch, war es schon immer gewesen, schon damals, vor mehr als dreitausend Jahren, als der Steuermann des Äneas hier über Bord ging.

David stand ganz ruhig und wartete auf den Sog. Ihm war nicht schwindlig vom Hinunterschauen. Noch nicht. Vielleicht wäre es anders gewesen bei aufgewühltem Meer, beim Beobachten von Möwen, in deren erregtes Kreisen eine Böe fuhr und sie sekundenlang nach oben riss oder nach unten drückte, ohne ihnen tatsächlich etwas anhaben zu können.

Es war warm hier oben, eine leichte Brise strich über seine nackten Arme, die er jetzt ausbreitete wie ein Kunstspringer, bevor er sich strafft für den Flug, schräg nach unten, Kopf voraus, die Arme pfeilgenau, alle Finger gereckt, die Beine straff, die Füße zugespitzt. Wenn ich springe, dachte er, falle ich dann? Oder fällt etwa nicht, wer springt? Ist die bewusste Entscheidung für den Sprung die Absicherung gegen den unkontrollierten, hässlichen Fall meines Körpers? Eile ich springend der Schwerkraft davon, bin ich schneller, ist der Aufprall härter, der Tod rascher da? David spannte die übrigen Muskeln seines Körpers nicht an, er starrte in die Tiefe und hielt die Arme in der Schwebe, so lange, bis sie sich verkrampften und schließlich zu zittern begannen. Da ließ er sie sinken, unzufrieden, weil der Sog nicht kam, jenes Verlangen, zu fliegen wie Ikarus, und gleich darauf durch die Luft zu tauchen in rasender Geschwindigkeit, an den Möwen vorbei in die aufspringenden Wogen, um an scharfkantigen Felsen Schädel und Rückgrat zu brechen.

„Gerald“, flüsterte er. „Diesmal nicht. Es ist noch nicht so weit.“

Ein langer Blick in die Ferne aufs offene Meer, als müsse er seine Augen neu justieren, dann wandte er sich ab und ging den schmalen Weg, den er gekommen war, zurück, vorbei an der Wetterstation und den Olivenhainen, bis hinunter ins Dorf und dann weiter nach rechts zu der kleinen Bucht, an die er sich erinnerte. Ein altes, verrottetes Holzboot lag am Strand, es musste mal blau gewesen sein, doch die Farbe war schon stark abgeblättert. Niemand war zu sehen. Rechts und links ragten die Felsen hoch auf, doch die Bucht war relativ geschützt, das Wasser klar, so dass er vom Strand aus ein paar Meter weit bis auf den Grund sehen konnte. Brauner Sand mit spärlichen runden Kieseln, wenige Algen am Meeressaum. David schaute sich um. Wirklich, kein Mensch außer ihm war hier. Die Saison begann erst im Juli, und vor Ferragosto blieb es auch noch relativ ruhig, weil in Palinuro vor allem Italiener Ferien machten. Also konnte er es wagen. Er zog sich aus, hängte seine Kleider über den Bootsrand, stellte seine Schuhe ordentlich davor, rannte nackt über den Strand ins Wasser, warf sich hinein und drehte sich sofort auf den Rücken. Mit ausgebreiteten Armen und Beinen ließ er sich treiben und schaute in den Himmel. Möwen kreisten jetzt, glitten durch die Luft, stürzten senkrecht ins Meer und kamen wieder an die Oberfläche. Manche mit einem Fisch im Schnabel, manche nicht. David zog die Beine an und ließ sich auf den Grund sinken. Unten streckte er sich aus, öffnete die Augen und schwamm dicht über dem Boden entlang, bis ihm die Luft ausging. Dann tauchte er auf, nur, um es gleich noch einmal zu versuchen. Das Wasser war so durchsichtig, dass er die Steine gut erkennen konnte. Beim vierten Mal entdeckte er, wonach er gesucht hatte, griff zu und kam an die Wasseroberfläche. Schweratmend, den kleinen Stein in der Faust, schwamm er die kurze Entfernung zurück zum Strand und stapfte hastig an Land. Nacktheit war an italienischen Stränden keine lässliche Sünde und wurde empfindlich bestraft. Obwohl er noch nass war, zog er sich an und ignorierte das unangenehme Gefühl, das die trockene Kleidung auf der feuchten, salzigen Haut verursachte. Barfuß setzte er sich ins Boot auf die warme Ruderbank und betrachtete seinen Fund. Es war ein Stück dunkelroten Porphyrs, von der langen Zeit im Wasser glattgeschliffen wie ein Kiesel, aber David wusste, dass es sich nicht um einen hier vorkommenden Stein handelte. Vor Capo Palinuro waren im römischen Reich hunderte Schiffe gesunken mit teurer Fracht. Immer wieder holten Taucher kostbare Dinge aus dem Wasser. Amphoren, griechische und etruskische Keramik, Bronzefigürchen, Teile von Waffen, Marmorskulpturen.

Woher sein kleiner Porphyr wohl stammte? Hauptvorkommen in Ägypten. Importware im römischen Reich. Winziger Rest einer Säule? Einer Wandverkleidung? Einer Statuette? Es war verboten, Strandfunde mitzunehmen, aber David steckte den roten Stein in die Hosentasche, stieg aus dem alten Holzboot, zog Socken und Schuhe an, und ging zurück ins Dorf. Dort stellte sich auf der Piazza unter eine große Platane und wartete auf den Bus. Der schlanke, große Mann Anfang vierzig im hellen Leinenanzug, mit dichtem rotbraunem Haar, Brille und gepflegtem kurzem Bart, wirkte in dem verschlafenen Touristenort trotz seiner legeren Kleidung, als habe man den Gastredner eines wissenschaftlichen Vortrags in New York aus Versehen statt an JFK auf einem Provinzflughafen in Colorado abgesetzt.

Michael

Es war hell im Zimmer, denn die Vorhänge waren abgenommen und in einer Umzugskiste verstaut worden, und die kräftige Junisonne traf das Bett direkt. Teile eines abgebauten Kleiderschranks lehnten an der Wand. Von der Decke hing eine nackte Sechzigwattbirne, und ein großes, gerahmtes Bild, dessen Sujet man nicht erkennen konnte, weil das Gemälde in wattierte Plastikfolie verpackt war, stand auf dem Fußboden. Davor lag ein zusammengerollter Teppich. Ein großer blauer Trolley und ein Trecking-Rucksack parkten direkt neben dem Bett.

Regine saß am Bettrand, den schmerzenden Kopf in die Hände gestützt. Das war nicht geplant gewesen. Nicht so. Nein, überhaupt nicht.

Und um halb acht kamen die Möbelpacker.

„Wie spät ist es?“, fragte der Mann in ihrem Bett, der da nicht hingehörte und den sie am liebsten vergessen hätte.

„Zwanzig vor sieben“, murmelte sie in ihre Hände.

„Bist du sauer auf mich?“, fragte Michael.

Sie drehte den Kopf und sah ihn an. Er hatte rosige Wangen, seine blauen Augen waren ziemlich klar für zwei geleerte Flaschen Wein, eine halbe Stunde Sex und drei Stunden Schlaf, und er wirkte mit seinen blonden Locken wie ein Unschuldsengel, obwohl er in der Nacht seine Frau mit ihrer besten Freundin betrogen hatte.

Regine zögerte. „Nein“, erwiderte sie schließlich nur.

Michael rollte sich auf die Seite und schwieg. Nach einer Weile hörte Regine sein: „Warum nicht?“

„Weil es ... weil es nichts bedeutet“, sagte Regine.

„Willst du jetzt hören, dass es doch etwas bedeutet?“

„Quatsch.“ Sie stand auf. „Puh, zu viel Wein“, stöhnte sie und ging mit leicht unregelmäßigem Schritt zur offenen Schlafzimmertür. Dabei war sie sich nur zu bewusst, was für ein Bild sie nackt von hinten bot. Mager, mit schmalen Schultern, flachem Po, schmalen Hüften und sehnigen Beinen.

„Du hinkst ja“, rief Michael. „Tut dir was weh?“

Regine drehte sich um, langsam, ganz bewusst, damit er sie auch von vorne sehen konnte. Kleine, kaum vorhandene Brüste mit großen braunen Höfen und hervorstehenden Nippeln, dunkles, ungetrimmtes Schamhaar. Ihr Gesicht kannte er ja gut genug, obwohl es ihm sicher nicht besonders gefiel. „Mein rechtes Bein ist kürzer als das linke. Wusstest du das nicht?“

Er schüttelte nur stumm den Kopf.

„Ich trage Schuhe, die das ausgleichen“, erklärte Regine freundlich und ging ins Bad. Gleich darauf mischte sich das warme Wasser, das aus der Dusche über ihr Haar, ihr Gesicht, ihre Schultern, ihre Arme, ihren Körper strömte, mit ihren Tränen. Sie heulte hemmungslos, weil sie wusste, dass das Prasseln des Wasserstrahls laut und das Badezimmer weit genug weg vom Schlafzimmer war. Anja war im Internat der wichtigste Mensch für sie gewesen. Nie hatte sie verstanden, weshalb das schöne Mädchen sich ausgerechnet sie als Freundin ausgesucht hatte. Die schüchterne Regine, an der sonst niemand Interesse besaß. Männer spielten in Anjas Leben immer eine Rolle. In Regines Leben spielten Anjas Männer eine Rolle. Sie hörte sich an, wenn die Freundin von ihrem Neuen schwärmte, und sie war da, wenn es aus war mit Alex, mit Kalle, mit Moritz oder mit Massud. Verliebt hatte sie sich nie in einen von Anjas Lovern. Bis Michael an der Reihe war.

Sie hob den Kopf und spürte die feinen Wasserstrahlen aus der Düse wie Nadelstiche im Gesicht. Entschlossen schob sie ohne hinzuschauen den Regler nach rechts und keuchte, als das eiskalte Wasser ihre Haut traf. Mit geballten Fäusten hielt sie aus, eine Minute, zwei Minuten. Es half tatsächlich, denn als sie aus der Dusche kam, hatte sie sich wieder einigermaßen im Griff. Im Schlafzimmer stand Michael nackt am Fenster, hatte beide Hände auf die Fensterbank gestützt und ließ den Kopf hängen.

„Was ist los?“, wollte sie wissen.

„Ich fühle mich so beschissen“, antwortete er.

„Weil du dich mit Anja gestritten, zu viel getrunken und aus Frust mit mir geschlafen hast?“

„Nein!“, fuhr er auf. „Ja, doch, irgendwie“, gab er dann zu.

Regine zog sich an, dieselben Klamotten, die sie auch gestern Abend angehabt hatte. Helle Leinenhose, cremeweiße Bluse, ihr Standard. Sie achtete auf ihre Kleidung. Gute Schnitte, locker, klassisch, um die Defizite ihrer Figur zu kaschieren. Gute Stoffe, weiche Farben. Röcke waren tabu, damit man die unterschiedliche Absatzhöhe ihrer Gesundheitsschuhe nicht sah. Dass ihre Sachen, die auf dem Boden gelegen hatten, leicht zerknittert waren, störte sie, aber sie konnte es nicht ändern. Alle anderen Kleider waren eingepackt. Also mussten Hose und Bluse bis morgen früh durchhalten. Morgen früh. Morgen begann das neue Leben, von dem sie so lange geträumt hatte. Weit weg von Frankfurt, weit weg von Michael und Anja und deren Problemen. Nur, dass Regine auf einmal gar nicht mehr weg wollte.

Oder doch.

Wegrennen, so weit wie möglich.

„Los, raff dich auf“, sagte sie. „Ich mache uns Kaffee.“

„Bist du wirklich so cool, oder tust du nur so?“, fragte er.

„Keins von beiden“, gab sie zu. „Aber ich bin schon fast in Rom. Alles andere ist mir mehr oder weniger egal.“

„Ich werde es Anja sagen“, platzte er heraus.

„Bist du verrückt? Das wäre das Dümmste, was du machen könntest. Warum willst du ihr unnötig wehtun? Mit deinem schlechten Gewissen musst du schon allein fertig werden.“

„Und du?“

„Ich auch.“

Es stimmte. Sie hatte ein schlechtes Gewissen. Das, was gestern Nacht zwischen ihr und dem Mann ihrer besten Freundin passiert war, war eine Katastrophe. Zumindest für sie. Es war ja nicht das erste Mal gewesen, dass er nach einem Streit mit Anja bei Regine gestrandet war. Bloß geschlafen hatten sie bisher nicht miteinander. Jetzt war es passiert. Und es war außerdem ziemlich schön gewesen. Schöner als alles, was Regine in dieser Hinsicht bisher erlebt hatte.

Während der Kaffee durchlief – die Kaffeemaschine konnten die Möbelpacker nachher einfach so mitnehmen – und Michael duschte, ging Regine in das zweite Zimmer der kleinen Altbauwohnung im Frankfurter Nordend. Ein paar Kisten stapelten sich an der einen Wand, zerlegte Bücherregale, eine Tischplatte und zwei Tischböcke lehnten an der anderen. Das Zimmer lag nach Süden, und noch war das Licht hier angenehm gedämpft. Durch das gekippte Fenster drangen schwacher Autolärm und Vogelstimmen aus dem Hinterhof mit der Birke und der großen Kastanie.

Es hätte ein gutes Gefühl sein sollen, hier zu stehen und zu wissen, dass dies hier das Alte war und morgen etwas Neues begann. Stattdessen hätte Regine am liebsten alles wieder ausgepackt, die Bilder wieder aufgehängt, ihre Bücher, die sie für viel zu wenig Geld einem Antiquar verkauft hatte, wieder abgeholt, und ab sofort jeden Tag auf einen Anruf von Michael, auf ein Treffen, eine gestohlene Stunde gewartet. Doch gleich würden die Mitarbeiter vom Roten Kreuz kommen und ihre Möbel und den wenigen Hausrat, der noch aus Studententagen stammte, für den Second-Hand-Laden der Organisation abholen. Der Rest kam in den Müll. Was Regine noch besaß, passte in den Rollkoffer, den Trecking-Rucksack und ihre Laptoptasche.

Suchend, weil ihr etwas einfiel, schaute sie sich im Zimmer um, und ging dann hinüber zur Fensterbank, wo umgedreht wie vergessen eine gerahmte Fotografie lag. Sie brauchte das Foto nicht zu betrachten, denn sie kannte jede Einzelheit auswendig. Es war das Hochzeitsporträt ihrer Eltern, und soeben hatte sie beschlossen, es mitzunehmen. Warum, das wusste sie selbst nicht. Ihren Vater hatte sie vor einem halben Jahr auf der Beerdigung ihrer Mutter das erste Mal nach fast einer Dekade wiedergesehen. Die Begegnung war kühl gewesen, distanziert, und während der Zeremonie hatte er mehrmals auf seine Armbanduhr geschaut.

Michael kam aus dem Bad und verschwand im Schlafzimmer.

„Der Kaffee müsste durch sein“, rief sie hinüber.

„Danke, ich komme gleich“, murmelte er.

Wenig später saßen sie sich zwischen Kisten mit Hausrat am kleinen Ikea-Tisch auf Klappstühlen gegenüber, hielten sich an ihren Kaffeepötten fest und nippten ab und zu.

„Und wenn ich es ihr doch sage?“, nuschelte er irgendwann, den Blick auf die Tasse geheftet.

„Ich kann dich nicht daran hindern. Aber ich rate dir davon ab.“

„Ich habe Anja noch nie betrogen.“ Jetzt klang er fast verzweifelt.

Sie antwortete nicht.

„Es ist komisch“, fuhr er fort. „Seit wir uns kennen, streiten wir uns. Ich dachte, wenn wir heiraten, geht das weg. Aber es ist schlimmer geworden.“

„Vielleicht sollte sie ihre Therapeutin wechseln“, meinte Regine.

„Das habe ich auch schon vorgeschlagen. Und dann haben wir uns darüber gestritten. Nichts, was ich sage, kann sie akzeptieren, obwohl die Idee eigentlich ja von ihr selbst stammte.“

Als das Telefon klingelte, sprang Michael auf. „Anja!“, rief er sofort.

„Können auch die Möbelpacker sein, die sich verspäten“, erwiderte Regine und ging dem Klingeln nach ins Arbeitszimmer. „Hallo“, meldete sie sich.

„Ist Michael bei dir?“, kam es vom anderen Ende der Leitung. Anjas Stimme wirkte, als habe sie geweint.

„Klar, wo denn sonst?“, antwortete Regine. „Alles gut.“

„Gib ihn mir.“

Regine reichte das schnurlose Telefon weiter.

„Anja“, sagte Michael liebevoll. „Anja, mein Kleines … Nein, mir tut es leid. … Du Ärmste … Nimm ein Aspirin … Nein, ich fahre gleich in die Schule, aber ich bin ja um drei zu Hause. … Ganz bestimmt. … Nein, ich bin dir nicht böse.“ Er hörte eine Weile zu, dann rief er: „Das ist ja wunderbar! Ich freue mich riesig. Bis später, mein Schatz … Ja, ich liebe dich auch.“ Er legte auf, aber gleich danach klingelte es erneut, und er nahm das Gespräch sofort an. „Ja?“ Dann gab er den Apparat an Regine weiter. „Sie will dich sprechen.“

„Hallo, Anja.“ Regine unterdrückte das Gefühl, ein gemeines, betrügerisches Miststück zu sein.

„Danke, dass du dich um Michael gekümmert hast“, sagte ihre Freundin. Sie klang schon wieder heiterer. „Wir haben uns mal wieder furchtbar gefetzt. Aber weißt du was? Ich habe mir vorgenommen, das Referendariat doch fertigzumachen. Wie findest du das?“

„Gut“, erwiderte Regine. „Ziemlich gut.“ Sie kannte viele Arten, sich miserabel zu fühlen, aber so sehr geschämt hatte sie sich noch nie. Um so erleichterter war sie, als es an der Tür klingelte. „Du, ich muss Schluss machen. Die Möbelpacker kommen.“

„Vergiss nicht, mir jeden Tag zu mailen“, rief Anja so laut, als müsse sie irgendeinen Lärm übertönen. „Vielleicht kommen wir dich in den Herbstferien ja besuchen.“

„Das … das wäre schön.“

„Duhu?“

„Ja.“

„Ich werde dich vermissen.“

Regine wurde rot und drehte sich weg, damit Michael, der sie die ganze Zeit beobachtete, es nicht sehen konnte. „Ich dich auch. Pass gut auf dich auf.“

„Ich kann es immer noch nicht glauben, dass du weggehst.“ Anja hatte schon wieder Tränen in der Stimme.

„Rom ist doch um die Ecke“, beschwichtigte Regine.

„Und wo soll Michael denn jetzt hin, wenn wir uns streiten?“

In diesem Moment wurde Regine klar, dass Anja nie auch nur im Entferntesten auf die Idee gekommen wäre, dass ihr Mann mit Regine im Bett landen könnte. „Vielleicht sollte er einfach mal bei dir bleiben, statt wegzulaufen. Ich muss jetzt den Leuten vom Roten Kreuz die Tür aufmachen, Anja. Alles Gute und bis bald, okay?“

Es klopfte. Regine riss die Tür auf. Im Flur standen vier Männer unterschiedlichen Alters. Der Jüngste war vielleicht sechzehn, der Älteste über fünfzig. Nur er trug einen Blaumann. Regine füllte einen Zettel aus, dann begannen die Möbelpacker, das Arbeitszimmer auszuräumen. Michael stand in der Küche und hielt sich an seiner Kaffeetasse fest. Anscheinend hatte er noch nicht vor zu gehen.

„Wann fährt dein Zug?“, wollte er wissen, als Regine kam, um sich Kaffee nachzugießen.

„Heute Mittag um zwei. Ich fahre bis Basel und abends mit dem Nachtzug weiter. Die Schlafwagen der Schweizer Bundesbahn sind bequemer und fahren durch bis Rom. Morgen um halb neun bin ich da.“

„Und was machst du bis zwei?“

„Wohnung putzen, noch ein paar Telefonate erledigen, ehe sie mir die Leitung abstellen, auf die Bank gehen, Briefe einwerfen.“

„Was hat Anja gesagt?“

„Dass sie ihr Referendariat nun doch fertigmachen will. Aber das weißt du vermutlich schon. Und dass Ihr mich vielleicht in den Herbstferien besuchen kommt.“

Er schaute sie überrascht an. „Das ist wirklich eine gute Idee.“

Eine Scheiß-Idee, dachte sie, überrascht von der Wucht, mit der plötzlich Hoffnung durch ihren Körper strömte.

Michael räusperte sich und drehte sich zu ihr um. „Ich wollte sagen, dass es mir leid tut.“

Oh, nein, nicht auch noch das! Wahrscheinlich dachte er einfach, dass man so etwas in einer Situation wie dieser sagen musste. „Mir nicht“, erwiderte sie. „Ich fand es schön. Es wird sich nicht wiederholen. So what?“

„Danke“, sagte er und kam auf sie zu. „Danke für alles.“

Sie wich einer Umarmung aus, ließ ihm nur kurz ihre Hand und erklärte schnell: „Ich schaue mal, wie weit die da drüben sind.“

Die da drüben waren mit dem Arbeitszimmer fertig und hatten angefangen, das Schlafzimmer auszuräumen.

„Das geht aber flott“, meinte sie zu dem Typen im Blaumann.

„Muss ja. Wir haben noch drei weitere Termine heute. Einen in Rödelheim, einen in Fechenheim, und einen in Höchst. Weiter auseinander kann‘s nicht liegen.“

„Stimmt.“ Regine nickte.

„Was sollen wir mit dem Bettzeug machen?“, fragte der Sechzehnjährige und hielt das Kopfkissen hoch.

Darüber hatte sich Regine noch überhaupt keine Gedanken gemacht.

„Das nehme ich mit“, verkündete Michael, der hinter ihr aufgetaucht war. „Als Andenken“, flüsterte er Regine ins Ohr.

„Nein!“, rief sie und bekam Herzklopfen.

Er lachte nur. „Ich habe das Auto dabei, da packe ich das Zeug rein. Falls du mal zu Besuch kommst, kriegst du bei uns deine eigene Bettwäsche.“

Was die Sache nicht besser machte.

„Musst du nicht längst in der Schule sein?“, fragte sie.

„Erst zur Dritten. Hast du Hunger? Soll ich Croissants besorgen?“

Sie schüttelte den Kopf. „Du gehst jetzt besser, glaube ich.“

„Hm, verstehe.“ Er wirkte plötzlich betreten. „Du bist ja doch sauer auf mich, oder?“

„Nein, Michael. Ich habe nur drei Stunden geschlafen, bin gerade am Auflösen meiner Wohnung und fange morgen ein neues Leben an. Ich will einfach nur noch eine Weile allein hier sein.“

„Klar, dumm von mir. Tut mir leid, ich bin schon weg.“ Er strahlte sie an und streckte die Arme nach ihr aus. „Also dann, alles Gute.“

Regine blieb ganz steif, als er sie umarmte. Sie dachte, er wolle sie auf die Wange küssen, begriff zu spät, dass er ihren Mund im Visier hatte, drehte sich zur Seite, und der Kuss ging ins Leere. Hastig zog sie sich zurück.

Auf einmal schien er es sehr eilig zu haben, packte sich das Bettzeug auf, und ging rückwärts aus der Tür. „Soll ich Anja noch was ausrichten?“, fragte er.

„Ich schicke ihr morgen oder übermorgen eine Mail“, sagte Regine und mied seinen Blick.

„Tja, dann … Wiedersehen, Regine.“

Sie brachte es nicht fertig, darauf etwas zu erwidern, sondern ließ ihn einfach stehen. Während sie in die Küche ging, hörte sie seine Schritte auf der Treppe und konnte nicht verhindern, dass ihre Augen brannten. Resolut nahm sie die beiden Weinflaschen, den Eimer für den Plastikmüll sowie den Beutel für den Restmüll und brachte beides hinunter in den Hof zum ökologisch korrekten Entsorgen.

Der Turmspringer

Die jungen Männer trugen Kränze aus dem Laub von Olivenbäumen und tranken aus schwarzen Schalen. Sie machten Musik, sangen. Nur ein Mädchen war dabei. Irgendwann vor zweitausendvierhunderachtzig Jahren.

David wartete, bis die Lehrerin ihrer Klasse erklärt hatte, was auf den großen, rechteckigen Kalksteinplatten zu sehen war, die hinter Panzerglas an der Wand aufgereiht waren. Die Kinder mochten zwischen zehn und zwölf Jahren alt sein, sie kicherten und deuteten auf den nackten, braunen Mann, der von einer Art Turm mit dem Kopf voran ins Wasser sprang. „Pisellino, Pisellino“, riefen die verwegensten Jungs und machten mit den Hüften und den angewinkelten Armen obszöne Bewegungen, wie sie sie im Fernsehen oder bei ihren großen Brüdern gesehen haben mochten.

Das Geschlecht des Turmspringers hing anatomisch richtig nach unten, während seine Beine hoch in die Luft ragten und er die Arme bis zu den Fingerspitzen durchstreckte. Noch hatte er den Kopf stilvoll erhoben, doch gleich würde er ihn senken, zwischen die Arme klemmen, um geschmeidig in die Fluten gleiten zu können.

Lärmend zog die Schülergruppe endlich weiter, und bis die nächste kam, war David einen Moment allein. Er trat vor die Glasscheibe und sah es sofort. Sie hatten den Tuffatore restauriert. Zwar war der Riss, der mitten durch die Grabplatte ging, noch deutlich sichtbar, aber der rechte Rand des Steins war ausgebessert und geglättet worden, man hatte die rechte untere Palmette nachgemalt, den Hintergrund gereinigt – und es schien etwas zu fehlen.

Zuerst war er nicht sicher, daher holte er seine Kladde aus der abgetragenen ledernen Umhängetasche, schlug sie auf und nahm eine alte Postkarte heraus. Es stimmte. Der Strich, den er auf der restaurierten Platte vermisste, existierte nicht nur in seiner Einbildung. Er war da gewesen, und jetzt war er weg.

Die nächste Schulklasse drängte heran, und David verließ das Museum, ging über den Vorplatz und betrat das Tempelgelände. Auch hier draußen wimmelte es von Schülern aller Altersgruppen und ihren Lehrern. David setzte seine Sonnenbrille auf und flüchtete vor dem ohrenbetäubenden Lärm Richtung Athenatempel, abseits gelegen und wenig beachtet. Zwischen den Tempeln war das Gras ausgetreten und wurde bereits braun in der Junihitze. Trotz der dunklen Gläser blendete ihn die Sonne, und es schmerzte fast, den hellen Stein der Säulen und Giebel anzuschauen. Irgendwo westlich, nicht weit von hier, ging die grüne Ebene ins Meer über. Die Berge im Hintergrund lagen im mittäglichen Dunst. Vögel zwitscherten, ab und zu kreischte eine Möwe. Pinien, Feigenkakteen, ein paar Zypressen standen malerisch auf dem Gelände herum.

David widerstand dem Impuls, sofort wieder wegzugehen. Er unterdrückte seine Beklemmung, setzte sich auf eine Säulenbasis, holte einen Stift und eine schwarze Kladde aus der Tasche, schlug das Notizbuch auf und schrieb hastig: Paestum, 22. Juni 2001. Sie wollen uns weismachen, dass der Turm kein Sprungturm sei, sondern die Säulen, die den Eingang zur Unterwelt markieren. Dabei kann jeder sofort sehen, dass diese im Vergleich zum übrigen Bild laienhaft gestrichelte Konstruktion eine spätere Hinzufügung ist. Ein Witz, den sich ein paar Grabräuber erlaubt haben, nachdem sie die Kammer geöffnet und das Fresko entdeckt hatten. Die ursprüngliche Komposition war ja schließlich dazu gedacht, den im Grab Liegenden zu erfreuen, und da es kein Gewölbe war, musste der Maler an dem einen Tag, der ihm zur Verfügung stand, versuchen, wenigstens den Eindruck einer sphärischen Harmonie zu erzeugen. Dazu dienten die nach innen ragenden Palmetten in den vier Ecken und die aus zwei Seiten ins Zentrum wachsenden Bäume. Das Meer hat er konvex gemalt, als wolle er eine Kugelform andeuten, so dass der Tuffatore von irgendwo aus der irdischen Sphäre in die Sphäre der Ewigkeit springt. Diejenigen Idioten, die den Turm dazu gekritzelt haben, verstanden das nicht und behandelten das Bild so, als sollte es an die Wand gehängt werden. Außerdem wurden sie in ihrem Treiben gestört, denn oben am Turm gibt es eine Linie, die im Nirgendwo endet. Das heißt, diese Linie gab es, denn irgendein noch größerer Idiot hat sie bei der Restaurierung entfernt. Hätten sie doch bloß gleich den ganzen Turm wegretuschiert. Ich möchte mich in die Steinkiste legen, die die Platte einst bedeckte, und das Bild sehen wie der, für den es gemalt worden ist. Ich möchte mit den jungen Männern auf den Fresken der Seitenwände am Gelage teilnehmen, mit ihnen singen und auf das Mädchen warten. Ich möchte bei dir sein und dir sagen: Keine Frau ist es wert. Ich möchte dir sagen: Trink nicht zu viel, es gibt ein Morgen. Ich möchte mich vor dich stellen und sagen: Spring nicht, der Sprung des Tuffatore ist der eines Toten, nicht der eines Lebenden.

„Do you speak English?“

David sah auf. Um ihn herum standen mehrere italienische Jungs, grinsten und wollten offensichtlich ihr Englisch ausprobieren.

„Yes“, antwortete er, blieb aber sitzen.

„Where you come?“, fragte einer der größeren, der schon einen dunklen Oberlippenflaum hatte.

Der Junge neben ihm boxte ihn. „Where do you come from“, korrigierte er und drängte sich vor.

„I‘m Australian“, sagte David, klappte das Notizbuch zu, verstaute es in der Tasche und stand auf.

„What‘s your name?“, kam die nächste Frage.

„David.“

„How old are you?“, ging es weiter.

„I‘m fortytwo.“

„Are you married?“

„Yes.“

Alle lachten.

„Have children?“, traute sich der bereits Pubertierende.

David schwieg kurz. „How old are you?“, fragte er dann zurück.

Als der Junge verwirrt zu Boden blickte, stieß sein Klassenkamerad ihn erneut an. „How old are you?“, wiederholte er mit italienischem Akzent.

„I‘m … ho dodici anni“, stotterte der Junge verlegen.

„My son Gerald was thirteen“, sagte David. „He is dead.“ Damit ließ er die Kinder stehen, ging den ausgetretenen Pfad zurück zum Museum, kaufte zwei Postkarten mit dem Bild des restaurierten Tuffatore und rannte dann los, als er sah, dass ein graugelber Bus mit laufendem Motor an der staubigen, verlassenen Straße stand.

„Stazione?“, rief er dem Busfahrer zu, der nickte. David sprang erleichtert die Stufen hoch, und die Tür klappte hinter ihm zu. Während David noch nach seinem Ticket kramte, das er vorhin vorsorglich am Tabacchi gekauft hatte, legte der Fahrer bereits den Gang ein und raste los. Um nicht herumgeschleudert zu werden, ließ David sich auf die nächstgelegene hölzerne Sitzbank fallen. Er war der einzige Passagier.

Rom

Schon oft war sie während der vergangenen Jahre hier gewesen, aber diesmal, als sie aus dem Zugfenster schaute und die Porta Maggiore kurz vor der Einfahrt in den Bahnhof erblickte, hatte Termini eine wörtliche Bedeutung bekommen. Sie würde nie wieder weggehen aus Rom; die Mäander ihres Lebens würden sich nach und nach den Straßen der Stadt anpassen; das Wegnetz würde sich ihrem Dasein eingravieren, bis das, was sie war, sich nicht mehr vom Plan der Stadt unterschied und nur noch Teil hatte an den winzigen Veränderungen, die sich täglich oder über Monate, Jahre hinweg an diesem Plan ergaben durch Grabungen, Restaurierungen, konservatorische Maßnahmen. Denn diese Stadt sah in ihrem Kern niemals Neues, nichts wuchs, nichts wurde gerodet, zerstört, erbaut, es gab nur Erhalt und Bewahrung, Verschönerung und – manchmal – Entdeckung. Der Plan, der sich ihres Lebens bemächtigen sollte, war mehr als zweitausend Jahre alt, aber er hatte sich nur etwa sechzehnhundert Jahre lang entwickelt. Seit vierhundert Jahren blieb der innere Plan konstant, während Rom an den Rändern dieselben grotesken Veränderungen erfuhr wie alle Städte dieses Planeten. In ihrer Mitte hatte aber selbst die Eruption des faschistischen Bauwahns nur Spuren hinterlassen, die ihrerseits auf diese zweitausend Jahre verwiesen, ohne ihnen etwas grundlegend Neues hinzuzufügen.

Regine ging ohne Eile über den Bahnhofsvorplatz zum Bus, auf dem Rücken den großen Treckingrucksack, über der Schulter die Laptoptasche, den blauen Trolley hinter sich herziehend. Sie hatten die Bushaltestelle verlegt, seit sie vor zwei Jahren das letzte Mal hier gewesen war. Nun gab es einen erhöhten Steig, eine Ampel und große, neue Schilder, auf denen die Nummern der Busse, die von den jeweiligen Steigen fuhren, ihre Routen sowie die Uhrzeit für die erste und die letzte Fahrt vermerkt waren. Vermutlich eine Maßnahme zum Heiligen Jahr 2000, für das die Stadt eine Unmenge Geld ausgegeben hatte.

Ihre Busfahrkarten zu 750 Lire das Stück waren nicht mehr gültig, also schob sie einen Tausendlireschein in den Schlitz eines grünen Automaten – ebenfalls eine Neuerung – und erhielt tatsächlich ein Ticket, das sie im Bus in ein gelbes Lesegerät stecken musste. Es piepte hektisch, dann kam das Billett gestempelt wieder raus.

Ihr Bus war leer um diese Uhrzeit, denn er fuhr stadtauswärts, und Regine hatte Platz für ihren Koffer und den Rucksack. Der Fahrer, der mit ein paar Kollegen draußen stand und rauchte, wäre berechtigt gewesen, beim Umfang ihres Gepäcks einen zweiten Fahrschein zu verlangen, aber er warf nicht einmal einen Blick darauf, stieg ein, ließ den Motor an und fuhr schwungvoll los.

Regine war diesen Weg schon so oft gefahren, dass sie die Augen schließen und trotzdem alles hätte sehen können. Vorbei an den Diokletiansthermen, der Englischen Botschaft an der Aurelianischen Mauer, dann durch die Porta Pia in die Via Nomentana mit ihren großen alten Platanen. Kurz vor der Kreuzung mit der Viale Regina Margherita stieg Regine aus und hievte ihr Gepäck auf das unebene Pflaster des Trottoirs. An der Ampel zog eine Straßenbahn rumpelnd an ihr vorbei. Mehrspuriger Autoverkehr in alle vier Himmelsrichtungen. Sie hob den Blick. Gegenüber stand das Haus, in dem sie als Au-Pair gewohnt hatte und von nun an dauerhaft wohnen würde. Regine Brandt, Einwohnerin der Stadt Rom, Adresse Via Nomentana 44, Interno 14. Ein imposantes, braun getünchtes Mehrfamilienhaus aus dem neunzehnten Jahrhundert, sechs Stockwerke hoch, mit Atlanten, die Balkone trugen und Greifen am oberen Gesims. Im Erdgeschoss auf der Seite der Viale Regina Margherita befanden sich eine Bankfiliale, ein Reisebüro und ein chinesischer Schnellimbiss. Um die Ecke, an der Via Nomentana, war der Eingang zu den Wohnungen. Die hohe Flügeltür stand offen, Domenico, der Portiere, kehrte drinnen die Marmorfliesen. Auf den Klingelschildern standen vor den meisten Namen Titel. Dottore, Professore … Univiertel, Diplomatenviertel. Gepflegt, adrett, wohlhabend, nicht reich. Die Familie Bagnotti, deren Zwillinge sie einst betreut hatte, gehörte zu den ältesten Eigentümern; sie hatten die halbe fünfte Etage vor dreißig Jahren noch preiswert gekauft.

„Ciao, Domenico“, sagte sie lächelnd.

Er stoppte den Besen und drehte sich um. „Gina!“, rief er. „Come stai?“

Sie umarmten sich kurz, dann verschwand er in seinem Büro und kam mit dem Schlüssel und einem Briefumschlag wieder. „Du hast bereits Post“, sagte er.

„Wirklich?“ Überrascht besah sie sich die Rückseite des Umschlags. Kein Absender.

„Oben ist niemand“, informierte er sie und gab ihr den Wohnungsschlüssel. „Die Jungs sind in der Schule, Vittorio macht seinen Rundgang, und die Signora arbeitet.“

Graziella Bagnotti leitete das Familienhotel in der Nähe der Stazione Termini, in dem auch noch zwei Verwandte mitarbeiteten. Sabrina, ihre älteste Tochter, war verheiratet. Als Regine vor zwei Jahren das letzte Mal hier gewesen war, hatte Sabrina sich gerade entschieden, aus dem Hotelbusiness auszusteigen und sich in einer Bürokarriere zu versuchen. Was Sandro, ihr jüngerer Bruder, gerade machte, wusste Regine nicht. Graziella hatte mal geschrieben, dass er durchs Abi gefallen war und wiederholte. Vittorio, das Familienoberhaupt, ein gutes Stück älter als seine Frau, der längst alle Verantwortung abgegeben hatte, arbeitete als Nachtportier. Morgens, statt ins Bett zu gehen, machte er immer seine „Runde“, trank hier einen Kaffee in einer Bar, rauchte dort eine Zigarette mit einem Bekannten. Gegen elf haute er sich dann meistens aufs Ohr und schlief, bis nachmittags die Zwillinge aus der Schule kamen. Um fünf tauchte er meist schon wieder im Hotel auf, um mit Giuseppe, seinem Cousin, der die Nachmittagsschicht hatte, zu quatschen.

Als Domenico ihren Trolley nehmen wollte, wehrte Regine ab. „Nein, lass. Das schaffe ich schon allein.“

Er trug ihn trotzdem die kurze Marmortreppe hoch bis zum Absatz, wo der altmodische gusseiserne Fahrstuhl wartete. Dann öffnete er die Gittertür und hielt ihr die hölzerne Klapptür auf.

„Grazie“, sagte sie. „Ci vediamo.“ Ihr Gepäck passte kaum in die enge Kabine. Die Türen klickten, und sie fuhr nach oben.

Nichts war neu an diesen Vorgängen, und doch war alles anders, als sie diesmal das winzige, dafür fünf Meter hohe Apartment betrat, das sie damals als Au-Pair bewohnt hatte. Seitdem war es renoviert worden. Vierzehn Quadratmeter Rom, glänzendes Parkett, Marmorbad, Miniküche. Ab jetzt war es ihr Zuhause. Sie würde nie wieder weggehen. In Frankfurt besaß sie nur noch eine Adresse bei einer Cousine, wegen der Krankenversicherung und der Steuer. Glück packte sie für einen langen Augenblick, schüttelte sie fast. Gänse-haut trotz fünfundzwanzig Grad.

Regine schloss die Wohnungstür hinter sich, ging zum Fenster, dessen zwei Flügel bis zum Boden reichten, und machte es weit auf. Sofort erfüllte brüllender Straßenlärm den kleinen Raum, denn unten trafen zwei sechsspurige Straßen aufeinander, fuhren Autos, Motorini, Straßenbahnen und Busse um die Wette. Für Regine war es der schönste Lärm der Welt, und sie atmete das Gemisch aus Abgasen, Staub, Platanenblättern und warmer Luft, die von den Tiburtinischen Bergen herüberkam, tief ein. Wenn sie sich weit aus dem Fenster beugte, das durch eine Eisenbalustrade und eine Stange gesichert war, konnte sie ganz weit hinten im Osten die Berge sehen. Mauersegler durchpfeilten die Luft und stießen ihre hohen Schreie aus. Gegenüber an der Straßenecke gab es immer noch den Gemüsekiosk, auf der anderen Seite den Blumenstand. Caffè Negresco stand über der Bar auf der anderen Straßenseite. Das Viertel war lebendig, voller Geschäfte, in denen man alles, aber auch alles bekam, was man brauchte. Zwei Straßen weiter, an der Piazza Alessandria, befand sich in einer historischen Halle aus Glas und Eisen der Wochenmarkt, täglich außer Sonntags von sechs bis eins. Besser ging es nicht.

Glücklich schloss Regine die Augen. Als sie sie wieder öffnete, war alles noch da. Ganz vertraut und trotzdem aufregender als alles, was sie bisher erlebt hatte.

Nachdem sie ausgepackt hatte, stellte sie zum Schluss das Hochzeitsbild ihrer Eltern ins Regal, vermied es jedoch, einen Blick auf das schöne junge Paar zu werfen. Danach ging sie einkaufen und füllte den kleinen Kühlschrank. Später duschte sie, zog sich um, und erst da fiel ihr der Umschlag ohne Absender wieder ein. Wo hatte sie ihn bloß hingelegt? Viele Möglichkeiten gab es nicht, nur einen kleinen antiken Tisch mit Glasplatte und das Einbauregal. Schreibtisch besorgen, notierte sie im Kopf. Irgendwo musste sie ja schließlich ihren Laptop aufbauen. Den Brief entdeckte sie schließlich auf einer der Wendeltreppenstufen, die um die zentral ins Apartment eingebaute Dusche aus Glasbausteinen nach oben auf den geräumigen Schlafboden führten, wo sich auch ihr Bett befand.

Einen Moment lang hielt sie den weißen Umschlag einfach nur in der Hand und studierte die Schrift, mit der ihr Name und ihre Adresse geschrieben waren. Meine erste Post, dachte sie. Aber von wem? Es klebte keine Briefmarke auf dem Kuvert, und die Handschrift verriet nicht, ob ein Mann oder eine Frau der Absender war. Als Regine den Brief endlich aufriss, fand sie darin eine beschriebene weiße Karte. Die Handschrift war dieselbe wie auf dem Umschlag, und der Text war in Englisch geschrieben. Er lautete:

Liebe Regine, ich würde mich freuen, wenn Sie Zeit hätten, kommenden Samstagabend mein Gast zu sein. Es ist nur eine kleine, informelle Party. Beginn: 21 Uhr. Schicken Sie mir eine E-Mail, ob ich mit Ihnen rechnen darf.

Maggie Ruthven.

„Yes!“ Regine warf die Arme in die Luft und tanzte durchs Zimmer. Maggie Ruthven, Autorin der historischen Rom-Krimis um den Meisterspion Lucius Cambo. Als sie ihrem Lektor erzählt hatte, dass sie nach Rom auswandern würde, hatte er ihr versprochen, den Kontakt zu Ms. Ruthven herzustellen. Die Engländerin lebte angeblich seit mehreren Jahren in Rom, aber es gab weder Fotos von ihr, noch ließ sich aus den kargen Sätzen ihrer kurzen Vita viel mehr entnehmen, als dass sie in Cambridge studiert, für den British Council zuerst in Indien und später in Rom gearbeitet und 1996 mit ihrem ersten Roman „Lucius Cambo – What Gods Desire“ den Grundstein für eine erfolgreiche Schriftsteller-Karriere gelegt hatte. Zwei Jahre später hatte Regine diesen Roman ins Deutsche übersetzt. Seitdem waren in schneller Folge vier weitere erschienen. Alle spielten zur Zeit Trajans, als das römische Kaiserreich seine größte Ausdehnung besaß. Lucius Cambo, der Spion im Dienste des Kaisers, stammte aus Camboricum, heute Cambridge, und hatte sich vom Sklaven zum unentbehrlichen Vertrauten des Kaisers hochgedient. Wenn in Konflikten weder Geheimdienste noch Militär mehr etwas ausrichten konnten, trat Lucius Cambo auf den Plan; er verhinderte in letzter Minute Attentate auf den Kaiser, befreite dessen Gattin aus den Fängen einer Sekte, die das Reich in seinen Grundfesten bedrohte, oder brachte Provinzfürsten, die sich selbstständig zu machen drohten, wieder zur Vernunft. Dabei erlebte er Abenteuer, die eines James Bond würdig gewesen wären, nutzte die modernste Technik, die römische Erfinder zu bieten hatten, war Anhänger des zu dieser Zeit äußerst populären Mithraskultes, und verstrickte sich immer wieder in Liebesabenteuer, die ihn kurzzeitig vergessen ließen, dass in Rom die schöne Clarissa treu ergeben auf ihn wartete. Die Romane waren gut komponiert und spannend von der ersten Zeile bis zum Schluss, sprachlich von durchschnittlichem Anspruch, gut recherchiert, so dass auch pingelige Leser, die sich in der Antike auskannten, nur selten Beschwerdebriefe an den Verlag sandten, und Regine war mittlerweile in der Welt um hundert nach Christi Geburt recht gut zu Hause.

Sie las die Adresse, die fein geprägt auf der Karte stand: Via del Colosseo 12, 00184 Roma. Eine Telefonnummer, eine Faxnummer, und die Mail: [email protected].

Eine Party bei Maggie Ruthven, der berühmten Autorin. Samstag. Das war übermorgen. Sie musste etwas mitbringen. Ein Geschenk. Aber was? Sie wusste nicht einmal, wie alt Ms. Ruthven war. Blumen. Blumen gingen immer. Aber was für welche? Brachte man in Italien überhaupt Blumen mit, wenn man eingeladen war? Als Au-Pair hatten sich ihr damals solche Probleme nicht gestellt.

Ich muss Graziella fragen, dachte sie. Die kann mir helfen.

Um ihr Outfit machte sich Regine weniger Gedanken. Sie trug keine Röcke und Kleider, also kam nur einer ihrer zwei eleganteren Hosenanzüge infrage. Einer war cremefarben, der andere schwarz. Dazu Top oder Bluse, Haare hochstecken, Ohrringe, Wimperntusche, fertig.

Unten in der Via Nomentana hupten einige Autos wie verrückt. Regine trat ans Fenster. Die Kreuzung war völlig zu. Auf den Schienen lag ein umgekippter Motorroller, daneben stand ein blauer Fiat, die Autotür geöffnet. Eine junge Frau, offensichtlich die, die das Motorino gefahren hatte, nahm gerade ihren Helm ab. Ihr war nichts passiert. Die Fahrerin des Fiat redete auf sie ein. Zwei Straßenbahnen warteten. Busse warteten in ihren reservierten Spuren. In den übrigen Fahrspuren stockte der PKW-Verkehr. Ab und zu ebbte das Hupkonzert ab, bis erneut einer anfing und alle ihm folgten. Es gab ja auch sonst nichts zu tun, bis die Polizei kam. Das konnte dauern.

Regine lächelte, warf noch einen Blick auf die schönen Fassaden der Häuser gegenüber, und schloss das Fenster. Viel leiser wurde das Gehupe dadurch nicht.

Ich brauche einen Klapptisch, dachte sie. In der Via Alessandria war ein kleines Möbelgeschäft. Dort fand sich bestimmt was Brauchbares. Und sie musste ein Internetcafé finden. Soweit sie sich erinnerte, gab es davon einige in der Via Cavour. Mit dem Bus zehn Minuten. Eine E-Mail schreiben. Und eine Flasche Prosecco für heute Abend kaufen. Zum Feiern. Ganz für sich allein. Sie war in Rom. Für immer. Sie hatte Geld, das lange reichen würde, wenn sie klug damit wirtschaftete. Und sie hatte eine Einladung für eine Party bei Maggie Ruthven! Besser konnte das Leben nicht sein.

Es klingelte zuerst, dann klopfte es an der Tür. „Gina?“, rief von draußen eine Frauenstimme. „Gina, bist du da?“

Regine öffnete. Vor der Tür standen Graziella und Sabrina und grinsten. Mutter und Tochter sahen sich unglaublich ähnlich, und beide waren auch ungeschminkt bildschön.

„Komm rüber“, forderte Graziella sie auf, nachdem die Begrüßung vorbei war. „Ich mache uns einen Caffè. Sabrina hat Törtchen mitgebracht.“

Süßes sizilianisches Gebäck auf dem Küchentisch. Espresso brodelte in der Aluminiumkanne auf dem Gasherd. Quickes italienisches Geplapper, Crescendo, Decrescendo. Regine brauchte eine Weile, bis ihr Italienisch den Rhythmus wiederfand, ab und zu suchte sie nach Worten. Alles wurde durchgenommen. Die Krankheit ihrer Mutter, die Monate der Pflege, der Tod, die Beerdigung, das Verhalten von Regines Vater. Es schien ihr völlig selbstverständlich, mit den beiden Frauen darüber zu sprechen. In Deutschland redete man nicht gern über solche Themen. Hier, wo Krankenhäuser einen Patienten nur aufnahmen, wenn sich Familienmitglieder bereit erklärten, Wache zu schieben und Pflegedienste zu leisten, gab es kein Tabu.

Die Törtchen schmeckten köstlich, der Kaffee, schaumlos, heiß und mit viel Zucker, schmeckte wie Heimat. Das hier ist meine Familie, dachte Regine und merkte plötzlich, dass ihr Tränen übers Gesicht liefen.

Graziella nahm sie in die Arme. „Poverina“, sagte sie mitfühlend. „Es ist furchtbar, wenn die Mamma stirbt.“

Sie konnte nicht wissen, dass Regine nicht um ihre Mutter weinte, sondern vor Glück.

Später kamen die Zwillinge, hübsche Jungs, die zu ihrem ehemaligen Au-Pair höflich „Ciao, come stai“ sagten und sich sofort verdrückten. Noch später kam Sandro, der schlechte Laune hatte, zum Kühlschrank ging, eine Tiefkühlpizza herausholte, sie in den Ofen schob, und sich dann im Wohnzimmer vor den Fernseher fläzte.

„Jungs sind schwierig“, bemerkte Graziella, stand auf und stellte den Küchenwecker auf zwölf Minuten. “Aber was soll man machen? Wenn ich ihm die Pizza nicht bringe, verkohlt sie im Ofen und die Feuerwehr kommt.“

Sabrina und Regine lachten.

„Ist alles in Ordnung im Appartamentino?“, fragte Graziella. „Brauchst du noch etwas?“

„Ich wollte in der Via Alessandria nach einem Klapptisch schauen, den ich als Schreibtisch verwenden kann“, erwiderte Regine. „Der kleine Tisch mit der Glasplatte ist zu hoch zum Arbeiten.“

„Unsinn“, meinte Sabrina. „Papá hat sicher irgendwas im Keller, das du benutzen kannst. Wenn er nachher aufsteht, bringt er dir einen Tisch. Übersetzt du noch diese Romane?“

Regine nickte. „Die Autorin hat mich für Samstagabend eingeladen“, erzählte sie. „Sind Blumen okay?“

„Keine Rosen, keine Nelken, keine Lilien, alles andere funktioniert“, erwiderte Sabrina.

Graziella sah Regines fragenden Blick. „Rosen schenkt ein Mann einer Frau, Nelken verkörpern Gesù und die Auferstehung, weiße Lilien gehören der Beata Vergine, farbige Lilien symbolisieren die Sünde.“

„Verstehe. Vielleicht sollte ich es lieber mit Mandelgebäck versuchen. Oder einer Flasche Wein“, meinte Regine lachend.

Der Küchenwecker schrillte. Graziella holte die Pizza aus dem Ofen, legte sie auf einen großen Teller, zerteilte sie mit einem Profimesser, und trug sie hinüber ins Wohnzimmer zu ihrem Sohn. Sie sagte etwas zu ihm, das Regine nicht verstehen konnte, weil der Fernseher zu laut war. Als sie zurück-kam, verabschiedete sich Regine, um endlich ihre E-Mail abzusetzen. Beide Frauen brachten sie zur Tür und warteten, bis Regine die Nachbartür aufgeschlossen hatte. Dann lachten sie. „Wie früher“, sagte Sabrina.

„Wir sind älter geworden“, warf Graziella ein.

„Enrico ist fast fertig mit seiner Doktorarbeit!“, rief Sabrina. „Dann bekomme ich ein Baby!“

Regines Stimmung kippte von einem Moment zum anderen, weil sie an Michael dachte. Seit ihrer Ankunft in Rom, ja schon während der Zugfahrt, war ihr das, was geschehen war, immer unwirklicher vorgekommen. Ihre Gefühle, die doch vor Kurzem noch so heftig gewesen waren, hatten, so schien es ihr, glücklicherweise nur eine geringe Halbwertzeit. Frankfurt, Michael – alles war weit weg.

Zu früh gefreut.

Sie hatte es plötzlich eilig, allein zu sein, sagte etwas Passendes, lächelte, winkte, ging in ihr Apartment und machte die Tür hinter sich zu. Das Glücksgefühl von vorhin war einem kratzenden Unbehagen gewichen. Es ärgerte sie, und eine Weile stand sie deshalb einfach nur mitten in dem kleinen Zimmer, schaute sich um und nahm jedes Detail in sich auf. Das ist jetzt mein Zuhause, dachte sie. Hier beginnt mein neues Leben. Ich bilde mir ja gar nicht ein, dass es einfach sein wird. Oder dass ich nicht einsam sein werde. Aber es ist das, was ich wollte. An einem Ort leben, der mir etwas bedeutet. In der schönsten Stadt der Welt. Sie brauchte bloß aus dem Fenster zu schauen, um zu wissen, dass dieser Gemeinplatz der Wahrheit entsprach. Alles in Rom war Farbe, Licht, Form, Ausdruck. Als Regine wenig später im Bus Richtung Innenstadt saß, vorbeifuhr an vertrauten Gebäuden und Monumenten, schien das Abendlicht die Steine zu streicheln wie eine junge Hand eine uralte, zart und selbstlos. Das war das Glück, und deshalb war sie hierher gekommen.

Regine fand ein Internetcafé, schrieb eine Mail an Ms. Ruthven, in der sie die Einladung dankend annahm, und dann, nach kurzem Zögern, noch eine an ihre Freundin.

Hallo, Anja,

damit Du nicht maulst, hier die versprochene erste Mail aus bella Roma. Fühle mich schon ganz wie zu Hause – viel verändert sich in der „Ewigen Stadt“ ja sowieso nie. Für‘s Heilige Jahr hatten sie sie allerdings ziemlich rausgeputzt; jetzt sind die Feiern rum, und alles kann wieder friedlich verrotten.

Ich bin am Samstag bei Maggie Ruthven eingeladen, yippie!! Ich freue mich unglaublich. Sie wohnt in der Via del Colosseo! Wahnsinn. Hoffentlich ist sie nett. Man weiß ja überhaupt nichts über sie. Kein Foto, keine Interviews. Wahrscheinlich ist sie um die sechzig, gemütlich rund, mit kleinen, humorvollen Äuglein, rosigen Bäckchen und rosa geschminkten Lippen, und ich bin sicher, sie trägt ein Blümchenkleid und eine Strickjacke. Wir werden sehen.

Mehr demnächst. Baci, Deine Regine

Sie überlegte, ob sie Grüße an Michael hinzufügen sollte und unterließ es dann. Mit dem Bus fuhr sie zurück, kaufte in der Weinhandlung in der Viale Regina Margherita eine mäßig teure Flasche Prosecco, und ging nach Hause. Das große Tor war zu – Domenico hatte längst Feierabend. Oben in ihrer winzigen Wohnung fand sie einen schlichten hölzernen Klapptisch vor, den Vittorio hierher geschleppt haben musste. Der Tisch war nicht besonders ansehnlich, aber er erfüllte seinen Zweck perfekt. Wenig später öffnete Regine ihren Laptop, fuhr ihn hoch und doppelklickte dann auf die Datei der neuen Übersetzung. Neben ihr lag das Manuskript des aktuellen Romans. Er hieß: „Lucius Cambo – Sons and Sinners“ und spielte diesmal größtenteils in der Geburtsstadt des Helden, Camboricum, dem heutigen Cambridge. Das Buch würde im September in den angelsächsischen Ländern erscheinen, im Januar dann auch auf Deutsch. Maggies Fangemeinde in Deutschland wuchs von Jahr zu Jahr, und der Druck auf ihre Übersetzerin Regine ebenfalls, denn die Autorin war äußerst produktiv und lieferte in immer kürzeren Abständen.

Sie las Kapitel fünf durch – das letzte, das sie noch in Deutschland übersetzt hatte –, machte ein paar Korrekturen, entschied, dass es Zeit war, den Prosecco aus dem Eisfach zu holen, entkorkte ihn, füllte ein Wasserglas damit, denn Sektgläser gab es nicht in dem schmalen Küchenschrank, der in der Kochnische über dem zweiflammigen Gasherd und der Minispüle klemmte, schaltete den Computer aus, öffnete das Fenster, und während sie auf dem Sofa saß und trank, schaute sie auf die große Kreuzung, sah sie die Autos, die Menschen, die Wipfel der Platanen, die Mauersegler am Abendhimmel, deren Schreie den Lärm der Stadt übertönten, sie sah die Lichter in den Wohnungen aufflammen, Menschen auf die Balkone treten, sie spürte die Wärme, roch die römische Luft. Das Gefühl der Fremdheit war nicht verflogen, aber es erschreckte sie nicht mehr so sehr.

Samstag, dachte sie. Samstag, Via del Colosseo 12.

David

Er schrieb in sein Notizbuch: Palinuro, die Zweite. Als ich vor fünf Jahren dort stand, hätte ich springen sollen. Da war der Sog, die Gewissheit, ich werde fliegen, einen winzigen Moment lang, in jener Sekunde meines Daseins, auf die es ankommt. Der Augenblick, in dem ich mich lebendig fühlen werde, Teil der Natur, zwischen Himmel und Hades. Lichtdurchlässig, federleicht, willenlos. Nicht mehr getrieben von dem grauen Zellklumpen in meinem Kopf, der mir befiehlt: Geh dorthin, mach das, mach jenes, schreib das auf, weil es irgendwann einmal wichtig sein wird, liebe diese Frau, zeug ein Kind mit ihr, bleib, geh weg, bleib, geh weg. Damals wäre alles gut geworden. Ein Augenblick der Freiheit. Dann keine Trauer mehr, keine Angst, nicht mehr denken, nicht mehr fühlen. Kein Abschied, aber die Gewissheit, dass mich jemand vermisst. Gerald. Jetzt bist du gegangen, sinnlos, noch nicht einmal von dir selbst gewollt. Du hättest mich vermissen sollen, nicht ich Dich. Ich vermisse Dich so sehr, dass ich nicht springen kann, weil ich mich in dieser Trauer so stark spüre wie nie zuvor. Ich fühle mich lebendig, weil Du tot bist, und dafür hasse ich mich.

Ehe er die schwarze Kladde zuklappte, betrachtete David Casper den Text, den er geschrieben hatte, noch einmal. Er mochte das Bild, das die schwarzen Buchstaben auf dem weißen Blankopapier ergaben. Noch in der Schule hatte er sich angewöhnt, ausschließlich in Versalien zu schreiben und daraus eine winzige Handschrift entwickelt, deren Buchstaben nicht alle getrennt, sondern teils durch aufspringende oder absteigende Linien verbunden waren. Dazu kam, dass einige Buchstaben wie F, P, T oder Y Unterlängen besaßen. Selbst David fand, dass eine Seite in seinen Notizbüchern eher einem antiken Pergament mit längst vergessenen Schriftzeichen glich, und er erfreute sich daran, dass jeder