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Stell dir vor, das Leben gibt dir eine Geschichte. Eine wahrhaftige Geschichte: witzig, traurig, schmerzhaft, schräg, schockierend und bunt wie das Leben selbst. Dies ist eine solche Geschichte. Es geschieht an einem Donnerstag. Ein Donnerstag im Mai, als die kaputte Bandscheibe das Leben der jungen Frau aus den Fugen reißt. Tag eins eines Abenteuertrips durch norddeutsche Krankenhauszimmer. Auf der Suche nach Heilung findet die Autorin so manch skurrilen Zeitgenossen, fast vergessene Erinnerungen, die Bedeutung von Familie, ihre tote Mutter und vor allem sich selbst.
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Seitenzahl: 213
Veröffentlichungsjahr: 2022
Über das Buch
Kurz nach ihrem 33. Geburtstag liegt die Dreifach-Mutter erstmals auf einer Bettpfanne und hofft, dass nichts daneben geht. Immerhin: Im Zielpinkeln macht ihr jetzt keiner mehr was vor. Nur ein paar Zentimeter ist die kaputte Bandscheibe groß, die sie ans Krankenhausbett fesselt, und doch bringt sie alles aus den Fugen.
Dies ist die komische und tragische Geschichte einer jungen Frau, die durch einen Bandscheibenvorfall aus dem Leben gerissen wird und in norddeutschen Provinz-Krankenhäusern auf skurrile Zeitgenossen, Krankenhausgehirnblockaden und die Bedeutung von Familie trifft.
Über die Autorin
Anke Dankers, geboren 1989 in Mölln, ist Journalistin. Nach einem Multimedia-Volontariat machte sie sich selbstständig und erzählt seither begeistert Geschichten aus dem echten Leben. Als Mutter von drei kleinen Mädchen deckte sie zuletzt zwar keine großen Polit-Skandale auf, stellte sich aber anderen wichtigen Fragen des Lebens wie „Wer hat hier die Windel voll?“ oder „So eine Scheiße, wessen Socken sind das jetzt wieder?“
In ihrem Debütroman „Im Liegen ist der Himmel höher“ erzählt sie ihre ganz persönliche Geschichte vom Hinfallen und wieder Aufstehen.
Im Liegen ist
der Himmel
höher
Anke Dankers
© 2022 Anke Dankers
Umschlaggestaltung: Tim Aßmann, agentur-mojn.de
Illustration: Mayya Sultan, mayyaart.com
Foto: Dan Hannen, Danhannen.com
Korrektorat: Joana Dörfler, Redigieren.org
ISBN Softcover: 978-3-347-69985-4
ISBN Hardcover: 978-3-347-69986-1
ISBN E-Book: 978-3-347-69987-8
Druck und Distribution im Auftrag der Autorin:
tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Germany
Das Werk einschließlich seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist die Autorin verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne ihre Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag der Autorin, zu erreichen unter: tredition GmbH, Abteilung "Impressumservice", Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Deutschland.
Für Gertrud, die mir einen Rücken schenkte.
Für Janis, der ihn mir stärkte.
Für Anika, Margitta und Jürgen, die ihn mir freihielten.
Für alle, die so kräftig pusteten, dass ihr Wind mich antrieb.
Prolog
Mit geübtem Griff öffnet Nele ihre Bluse. Einen BH-Klickverschluss später flimmert ihr nackter Busen über den Bildschirm meines Laptops – mal wieder. „Bin gleich soweit, muss nur noch eben die Kleine…“, hört man sie sagen.
Ich muss schmunzeln. Schwangerschaftsrückbildungskurse sind eine wirklich seltsame Mischung aus Erotik, Fitnesskurs und Muttifrust – sowieso, immer schon! Doch per Videocall nehmen die Beckenbodenübungen, Stillpäuschen und „Gucci-Gucci-Gus“ eine lächerlich groteske Gestalt an – nicht zuletzt, weil man sich plötzlich selbst als Teil des Theaterstücks sehen muss. Gerade überlege ich, was einsame Spanner wohl für diese Bilder zu zahlen bereit wären, als Hebamme Silvia ins Mikrofon flötet: „Hallo! Wie schön, dass ihr alle da seid! Ich hoffe, es geht euch gut?!“ Knapp zehn frischgebackene Mütter recken entnervt ihren Daumen in Richtung Kamera. Ihre müden Augen erfüllen gepaart mit einem grenzdebilen Lächeln alle Anforderungen, um direkt in einem Zombiefilm à la „Dead Mommys Rising“ aufzutreten. „Super, dann legen wir gleich los“, trötet Silvia – für mein Empfinden ein bisschen zu euphorisch.
Da liege ich nun mit 32 Jahren auf dem kleinen beige-farbenen Teppich, den wir uns vor einem Jahr zulegt haben und strecke die Hüfte so weit wie nur möglich dem Himmel entgegen. Ich schaue auf den kleinen, zerkratzten Bildschirm neben mir, auf dem hier und dort ein gestreckter Fuß, ein Bein oder Arm erscheinen. Dann blicke ich zu meiner Jüngsten, Alva. Vier Monate ist sie alt und wippelt in ihrem Maxi Cosi auf und ab. Sie ist die kleinste unserer drei Kinder und wahnsinnig genügsam. Wenn sie während des Kurses nicht gerade schläft, mustert sie mich und meine Turnübungen mit ihren großen braunen Kulleraugen, die sie von ihrem Papa geerbt hat, und nuckelt genüsslich an ihrem Schnuller.
Ich schließe die Augen und spüre, wie das Glück durch meine Adern fließt. Ich glaube, ich habe viel richtig gemacht. Gut, vielleicht mag es etwas spießig klingen, mit Ehemann und drei Kindern in einem Eigenheim in der norddeutschen Flachebene zu leben. Aber es gefällt mir – ja, es erfüllt mich!
„Und nochmal das Ganze.“ Silvias Worte reißen mich aus meinen Gedanken. Bei der nächsten Übung sollen wir die Beine und Arme so weit wie möglich nach oben strecken und diagonal zueinander bewegen. Ich habe Schwierigkeiten, zu folgen – der Rücken ziept, die Beine auch.
Volkskrankheit Rücken – auch ich hatte schon immer Probleme mit diesem Teil meines Körpers. Als ich 1989 geboren wurde, brachte ich stolze 60 Zentimeter auf die Messlatte – ich war ein echtes Riesen-Baby. Und auch nachdem ich das Becken meiner Mutter passiert hatte, dachte ich nicht daran, mit dem Wachsen aufzuhören. Bis ins späte Jugendalter war ich immer die Größte unter den Mädchen: Ich hatte stets die längsten Beine und den größten Busen. Allein mein Selbstbewusstsein hätte mehr Umfang aufweisen können. Ich mochte es nicht, herauszustechen, ich wollte nicht die „lange Anke“ sein. Also tat mein junges Unterbewusstsein das, was es für richtig hielt: Es machte mich klein. Ich begann, mich wegzuducken, die Brust einzuziehen, den Kopf zu senken.
Die Quittung kam prompt: Mit fünf Jahren stellten die Ärzte eine Haltungsschwäche fest, einige Jahre später kam eine Skoliose (Verformung der Wirbelsäule) dazu. Meine Mutter reagierte sofort und schickte mich bereits als Vorschulkind – und über viele Jahre hinweg – zum Schwimmtraining. Vielleicht hätte ich weniger quatschen und mehr schwimmen sollen, denn am Ende halfen weder Sport noch Krankengymnastik wirklich weiter. Mit 15 hat man eben andere Interessen als die Rückengesundheit und – ganz ehrlich – die Beschwerden waren schlichtweg nie schlimm genug. Das bisschen Fehlhaltung hier, die ein oder andere Blockade da – irgendwie hat sich immer wieder alles… wie sagt man… „zurechtgeruckelt“.
„Das war es für heute, Mädels! Wir sehen uns nächste Woche. Tschühühühüs“, klingt es durch die Lautsprecher. Wieder eine Einheit geschafft – Check! Für diese Woche ist der Rückbildungskurs beendet, ich atme durch. Die Schmerzen sind noch da. Und zum ersten Mal ein komisches Gefühl, dass diesmal irgendetwas anders ist…
Tag Eins
Ich kann nicht mehr laufen.
„Soll ich den Rettungswagen rufen?“, fragt Janis und blickt nervös auf die schwarz-pinken Puma-Schuhe mit extraweicher Sohle, die ich mir vor wenigen Tagen gekauft hatte. Ich kriege die Scheiß-Dinger einfach nicht an die Füße, ganz egal, was ich auch probiere! Ich sitze auf unserem grau-melierten Sofa im Wohnzimmer und versuche gerade das fünfte Mal, mein linkes Bein zu heben, um den Fuß irgendwie durch die viel zu enge Lasche des Schuhs zu quetschen, als wieder der Schmerz einschießt. Die Mädchen sitzen in ihren Schlafanzügen neben mir. Sie sind gefesselt von den bunten Bildern, die über den Fernseher flackern und kriegen nichts von dem Kampf mit, den ich kämpfe. Es ist das erste Mal, dass sie morgens um sieben Uhr fernsehen dürfen. Gerade versteckt sich Kikaninchen vor Elmo aus der Sesamstraße und Emika ist begeistert dabei, „Do iss ä“ gegen das Display zu petzen.
Etwa gegen fünf Uhr am Morgen war mir klar geworden, dass ich die Kinder an diesem Tag nicht in den Kindergarten werde bringen können. Dass der Bandscheibenvorfall, den die Ärzte in meiner Lendenwirbelsäule entdeckt hatten, nun ernst macht. Dass ich Hilfe brauchte.
Sechs Monate lang hatte ich alles versucht, um eine Operation zu vermeiden. Ich war bei Allgemeinmedizinern, Orthopäden, Neurochirurgen; habe MRT-Bilder anfertigen lassen, die manche als unbedenklich und andere als schwerwiegend einschätzten. Ich habe hunderte Euro für den Chiropraktiker bezahlt, hatte blaue Striemen an den Beinen und Akkupunkturnadeln im Arsch. Ich war drei Mal wöchentlich bei der Krankengymnastik, habe massiert, gedehnt, gewippt, gestreckt, autogenes Training probiert und reichlich Schmerzmittel eingeworfen. Als nächster Schritt war die Gabe von Kortison-Spritzen direkt in den betroffenen Nerv geplant – die Termine hatte ich gerade vereinbart. Und plötzlich ist er da, der Knall:
Der berühmte Schuss vor den Bug oder ins Rückenmark – wie auch immer… der Moment jedenfalls, in dem nichts mehr geht. Ich kann kaum aufstehen, nicht mehr laufen, nur mit Mühe sitzen. Es kribbelt, pocht, schmerzt – ich bin bewegungsunfähig und kriege nicht mal mehr meine neuen extraweichen Puma-Schuhe angezogen. Ich bin wütend, gefrustet, verzweifelt…
Janis blickt mich fragend an. „Ganz kurz noch“, murmele ich mehr zu mir selbst und kann nicht fassen, was hier gerade passiert.
Mein Vater war Polizist oder „Schutzmann“, wie er zu sagen pflegt – vermutlich, weil diese Bezeichnung irgendwie integrer klingt. Ich habe nie verstanden, warum er „Freund und Helfer“ sein wollte, denn eigentlich ging mein Vater seit jeher stets am liebsten seinen eigenen Weg. Menschenansammlungen, Small-Talk, Verpflichtungen – für ihn schienen solche Dinge mehr Last als Freude zu sein. Warten zum Beispiel gehörte nie zu seinen Vorlieben. Einmal sollte er mich von einer Schulfreundin abholen, nachdem ich den Nachmittag bei ihr verbracht hatte. Punkt 18 Uhr war ausgemacht, und – keine Frage: Mein Vater war pünktlich. Doch noch während ich die Schuhe anzog und die Jacke überstülpte, hörte ich, wie der Motor des grünen Mercedes startete und mein alter Herr davonfuhr. Ich hatte ihn zwei Minuten zu lange warten lassen – selbst schuld! Aber nicht nur Warteschlangen: Nein, fast alles, was seine persönliche Freiheit in irgendeiner Art und Weise einschränkt, verursacht bei meinem Vater Unbehagen. Das können feste Zeitabsprachen sein, an die er sich selten halten mag und weshalb er in unserer Familie nur noch „das Phantom“ genannt wird – oder eben aufdringliche Gespräche mit Menschen, die reden, ohne etwas zu sagen zu haben. Der Helfer in der Not jedenfalls erscheint mir bis heute nicht gerade die perfekte Berufswahl für ihn gewesen zu sein – wenngleich mein Vater sehr gut und ja, ich glaube auch recht zufrieden in seinem Beruf war.
An den einen wahren Traumberuf hat er vermutlich eh nicht geglaubt. Als eines von sechs Kindern wuchs er in ärmlichen Verhältnissen in einem kleinen Ort in Schleswig-Holstein auf. Sein Vater – mein Großvater – verdingte sich hier und dort als Erntehelfer bei den ortsansässigen Bauern und in einer Streichholzfabrik im nächstgelegenen Ort. Acht Personen, ein Wohnraum, kaum etwas zu essen. Mein Vater schlief neben dem abgehängten Schinken, wenn es denn mal einen gab und freute sich an Silvester diebisch darüber, rote Streichhölzer im Schnee entzünden zu dürfen. Man kam gerade so über die Runden. Wer so aufwächst, sucht nicht nach dem beruflichen Glück, sondern nach einem Weg raus aus der Armut. Der Weg meines Vaters war jedoch – nun sagen wir mal – von vielen Kurven und Abzweigungen geprägt. So machte er zunächst eine Ausbildung zum Tankwart. Ja wirklich, Tankwart! Ich meine, es gibt unzählig viele Berufsbilder in unserer Gesellschaft, die man gerne in der Familie hat. Ärzte, Anwälte und Krankenschwestern machen sich besonders gut. Auch Handwerker aller Art. Sogar über Steuerberater und Friseure freut man sich. Aber Tankwart?! Bei allem gebotenen Respekt: Was kann ein Tankwart, was ich nicht kann? Auch meinen Vater überzeugte der Job wohl eher nicht, sodass er auch noch eine kaufmännische Ausbildung begann, bis – ja bis – die Polizei rief. Ein sicherer Beruf, ein gutes Gehalt, ein hohes Ansehen – ich kann mir vorstellen, dass ihn schlichtweg die Gelegenheit antrieb.
Unsere Eltern prägen uns – manchmal mehr, als es uns lieb ist und oft stärker, als wir selbst es bemerken würden. Da mein Vater also Schutzmann war, habe ich, seit ich denken kann, eine etwas zurückhaltende Einstellung gegenüber Rettungskräften. Nicht, dass das Thema jemals besprochen worden wäre, aber ich rufe Polizei, Rettungswagen und Feuerwehr nur im Notfall – ich meine im absoluten Notfall. Nun würden sicherlich viele Menschen sagen, Bewegungsunfähigkeit fällt mit relativ hoher Wahrscheinlichkeit in den Bereich eines Notfalls. Für mich stehen die Dinge anders: Herzinfarkt, Schlaganfall, Kopf ab – viel weniger darf es nicht sein für eine echte Notsituation.
Ich hadere noch immer mit mir; das bisschen Rücken… Ich kann das Krankenhaus von der Haustür aus sehen: ein paar hundert Meter, die plötzlich wie eine Weltumrundung anmuten. Der letzte Versuch: Mit aller Kraft presse ich in den linken Fuß in den viel zu kleinen Schuh – geschafft!
Luft holen, aufstehen, ein Bein nach vorne und schon… Der Schmerz lähmt meine Gliedmaßen genauso wie meinen Geist. Ich werfe mich zurück aufs Sofa – überwältigt von dem Frust über meine eigene Unfähigkeit, auch nur einen Schritt zu gehen.
„Ja“, sage ich endlich, „Rettungswagen, bitte!“.
Mein Schädel brummt, während Janis am Handy hängt und Dinge wie „kann nicht laufen“, „Bandscheibenvorfall“, „nein, keine Herzstiche“ durchgibt. Meine Finger krallen sich in einen kleinen Rucksack, in dem ich mein Portemonnaie und die wichtigsten Unterlagen verstaut habe. Unbekannte Situationen machen mir Angst – diese sowieso. „Sie machen sich auf den Weg“, sagt Janis und guckt bei den Worten unvermittelt aus dem Fenster, als müssten sie schon da sein.
Laut Murphys Gesetz muss der Sanitäter am Hauseingang vorbeifahren. Alles andere wäre zu leicht – und überhaupt: Ein bisschen zusätzlicher Thrill muss schon sein! Vielleicht konnte er sich aber auch schlichtweg nicht vorstellen, dass jemand für hundert Meter extra den Krankenwagen ruft. Mir ist diese Sache ziemlich unangenehm. „Naja, ich wäre ja am liebsten gelaufen, aber ähm… irgendwie…. geht das nicht“, stammele ich dem großen Glatzkopf und seiner jungen Kollegin entgegen, die Minuten später, nachdem sie die Straße einmal auf und wieder ab gefahren waren, in meinem Wohnzimmer stehen. Ihre Blicke wandern erst zu mir, dann zu den Kindern, die die Gäste in neonorange kaum bemerkt haben, dann zum Fernseher. Es braucht nur diese drei Blicke, bis die Sanitäter die Lage sondiert haben. Und dann passiert etwas, wofür ich ihnen unendlich dankbar bin: Sie bringen Ruhe in die aufgeheizte Situation. Holperig werfe ich mit den üblichen Vokabeln um mich, die seit einigen Tagen immer wieder durch meinen Kopf schwirren: „Bandscheibenvorfall“, „Schmerzen beim Stehen und Gehen“, „in Behandlung“, „Arzt im Krankenhaus eine halbe Stunde entfernt“.
Gemeinsam überlegen wir, wie vorzugehen ist. Der Plan steht wenig später: Erstmal ins nächstgelegene Krankenhaus, die Schmerzen kontrollieren und in der Nähe der Familie bleiben. Ich bin einverstanden. In völliger Ruhe geht es los: kein Blaulicht, kein Martinshorn, keine Panik. Gestützt und unter gutem Zureden schaffe ich die paar Schritte in den Rettungswagen. Das Adrenalin in meinem Körper lässt nun sogar zu, dass ich sitzen kann. Hauptsache, mir wird geholfen, denke ich und bin froh, dass die Kinder von all dem fast nichts mitbekommen haben.
„Wie stark ist Ihr Schmerz auf einer Skala von 1 bis 10?“, fragt mich die Sanitäterin auf dem Krankenhausparkplatz. Wir haben nicht mal drei Minuten zur Notaufnahme gebraucht. Ihr Kollege ist direkt losgestürmt, um einen Rollstuhl zu besorgen, und ich bin fast ein bisschen gerührt davon, so umsorgt zu werden. „Hm, 8 bis 9 vielleicht“, rätsele ich – nicht sicher, ob ich gerade etwas gesagt oder gefragt habe. Es tut mir gut, mit der jungen Frau zu sprechen. Auch wenn ich Fragen wie die nach der Schmerzskala hasse, weil es nie eine wirklich eindeutige Antwort gibt, fühle ich mich in diesem Moment verstanden.
Das war nicht immer so – in all den Monaten zuvor. Eine der größten Schwierigkeiten eines Bandscheibenvorfalls ist wohl, dass jeder etwas dazu zu sagen hat. Jeder – und ich meine wirklich jeder Mensch in diesem Land – hatte entweder schon mal „was mit den Bandscheiben“, kennt jemanden mit ähnlichen Problemen oder hat irgendwann irgendwo schon mal gehört, wie man damit umzugehen hat. Die Ratschläge sind genauso vielfältig wie die Menschen selbst und reichen von „Du musst nur mal ein bisschen Sport machen!“ über „Entspannung ist das Wichtigste“ bis hin zu „Lass dich so schnell wie möglich operieren“. Auf meine Adresssammlung von Reiki-Meistern, Pilates-Trainern, Akupunkteuren und Masseuren will ich an dieser Stelle erst gar nicht eingehen.
Fleißig tippt die junge Frau auf ihrem Tablet herum und notiert jede meiner Antworten auf ihre mal mehr, mal weniger konkreten Fragen, als ihr Kollege den Rollstuhl vorfährt. Es ist ein mint-grünes
Modell – zweifelsohne ein Relikt aus längst vergangenen Zeiten, das mich hämisch angrinst. Nützt ja nichts, denke ich und klettere so gut es geht aus dem Rettungswagen heraus und in das Rollgerät hinein. Die Nackenstütze ist offenbar für kleinwüchsige Menschen eingestellt und bohrt sich unvermittelt in meinen oberen Rücken. Wäre ich nicht mit Schmerzen gekommen, hätte ich spätestens jetzt welche, denke ich und überlege, welche weiteren perfiden Methoden man hier nutzt, um an die Patienten zu kommen.
Der Glatzkopf schiebt mich ins Krankenhausgebäude, das ich bereits sehr gut von den vielen Krankengymnastikterminen kenne. Vorbei an den Fahrstühlen, an wartenden Menschen, die meine Theorie mit dem Patientenfang unbrauchbar machen und hinein in irgendein Behandlungszimmer. „Ich habe dem Chirurgen schon Bescheid gesagt, er kommt gleich“, sagt der Sanitäter in beruhigendem Tonfall. Dann setzt er sich zu mir und noch ehe ich verstehe, was passiert, beginnt er, zu erzählen: „Ich hatte auch schon mal einen Bandscheibenvorfall. Ich war damals auch bei Dr. Aziz und war mit ihm sehr zufrieden.“ Ach was! Ich weiß nicht, was ich mit dieser Information anfangen soll. Dr. Aziz ist mein behandelnder Neurochirurg – genau der Mann, der im Zweifel in meinem Rückenmark operieren wird. Einerseits beruhigt es mich, zu hören, dass jemand meine Situation scheinbar versteht, andererseits nervt es mich, dass jemand glaubt, er könne meine Situation verstehen.
Noch ehe ich länger darüber nachdenken kann, tritt ein kleiner Mann im weißen Kittel ins Zimmer – der Chirurg. Schnell wirft der Sanitäter die üblichen Vokabeln in den Raum – mal wieder „Bandscheibenvorfall“, „Schmerzen“, „in Behandlung“, „kann nicht laufen“. Dann höre ich ein „Alles Gute“ und er ist weg.
Komisch, bis eben habe ich mich noch gut aufgehoben gefühlt. Jetzt fühle ich mich plötzlich allein. Der Arzt beachtet mich gar nicht – er hantiert mit irgendwelchen Unterlagen. Hat er mir schon „Hallo“ gesagt? Drei Mal steckt eine junge Frau den Kopf durch die Tür und redet mit dem Weißkittel. Ich weiß nicht, worüber – jedenfalls nicht über mich. Dann geht er mit dem Verweis, gleich zurück zu sein, und ich nutze die unbeobachtete Minute, um die Nackenstütze aus meinem Rücken zu operieren. Kurzerhand zerlege ich den Rollstuhl in seine Einzelteile. Puh, zumindest dieser Schmerz lässt nach.
Wenig später kommt der Arzt zurück, dessen Name ich nicht verstanden habe. Er bittet mich auf die Liege. Ich soll die Füße strecken und anziehen – ich kenne diesen Test bereits –, ein Klassiker, wenn es darum geht, festzustellen, ob ich noch ausreichend Kraft in den Beinen habe. Ich bestehe. Der Mann untersucht auch noch meinen Bauch, meinen Herzschlag, meine Lunge. „Sie haben einen Nabelbruch“, sagt er unvermittelt. Mein Gehirn rattert und versucht, diese Information irgendwo einzuordnen. Ich beschließe, sie unter dem Titel „Hinten und vorne kaputt“ abzuspeichern und nicht weiter darauf einzugehen.
Schnell ist klar: Man kann mir hier nur bedingt weiterhelfen. Bandscheiben-Operationen werden in diesem Krankenhaus nicht durchgeführt. „Ich kann Sie nur hierbehalten und Ihnen erstmal Schmerzmittel geben“, erklärt mir der Arzt. Er spricht gebrochen Deutsch und es fällt mir schwer, seine Worte zu verstehen. „Gut“, sage ich, denn sein Plan deckt sich mit meinem. Vor meinem inneren Auge habe ich die Situation längst durchgespielt: Ich liege in der Notaufnahme auf irgendeiner Pritsche und bekomme intravenös die besten Schmerzmittel des Landes: Opioide, Morphin – den ganzen guten Scheiß. Ein oder zwei Stunden vielleicht, dann werde ich beschwingt wie ein junges Reh aus dem Krankenhaus laufen können, einen schönen Nachmittag mit meinen Kindern verbringen und bald zur weiteren Behandlung zu Dr. Aziz gehen können. Genau so hatte ich mir das vorgestellt. Allein das Wörtchen „hierbehalten“ macht mich stutzig. Aber klar, die Mittel müssen ja auch erst einmal wirken…
Als Schwester Nancy zur Tür hereinkommt, grinse ich in mich hinein. Ich habe sie sofort erkannt. Zwei Tage zuvor hatte ich, wartend auf meinen Physio-Termin, die Werbebroschüre des Krankenhauses rauf und runter gelesen. Dabei war mir ein Foto des Teams aufgefallen – darauf zwei blonde, äußerst attraktive Krankenhausmitarbeiterinnen. „Bei Fragen wenden Sie sich an Imke Bülow und Nancy Reichert“, stand darunter. Ich wusste sofort, wer Nancy und wer Imke waren. Noch nie zuvor hatte ich jemanden gesehen, der so sehr nach einer Nancy aussah, wie die junge Frau auf dem Bild: ein bisschen zu blond, ein bisschen zu viel Make-Up, etwas zu gestylte Augenbrauen, etwas zu wenig Natürlichkeit – sie war eine Nancy durch und durch. (Sorry an alle Nancys da draußen.) Ich amüsiere mich heimlich darüber, wie perfekt ein Name manchmal zu Äußerlichkeiten passen kann. Und als der namenlose Arzt all meine Vermutungen mit einem „Hallo Nancy“ bestätigt, muss ich fast grinsen – wären da nicht noch immer diese höllischen Schmerzen.
Nancy hat allerlei Papierkram für mich, fragt mich nach meiner Krankenkassenkarte und anderen Formalien. Brav unterzeichne ich ein Schriftstück nach dem anderen, ohne die Buchstaben darauf zu lesen und hoffe inständig, dass sie mir weder einen Waschmaschinenkaufvertrag noch eine Forschungsstudie oder irgendwelche Bofrost-Abonnements unter die Nase hält.
Der Arzt hat sich mittlerweile an einen Computer gesetzt und hackt Worte und Zahlen in die Tastatur. „Welche Schmerzmittel nehmen Sie?“, fragt er, und ich antworte wahrheitsgemäß: „Zwei Ibuprofen 600, eine Metamizol am Tag.“ Als hätte er mich gerade zum ersten Mal wahrgenommen, blickte er auf. „Das glaube ich Ihnen nicht“, sagte er bestimmt. Ähm, Moment mal. Hat er mich gerade als Lügnerin abgestempelt? Verwirrt schaue ich den fremden Mann an. „Mit Schmerzen müssen Sie mindestens drei Mal Ibuprofen 800 nehmen und jeweils zwei Metamizol“, rügte er mich wie eine Schülerin, die das Einmaleins nicht beherrscht. Aha, denke ich und will gerade sagen: „Also bis vor zwei Tagen bin ich damit gut zurechtgekommen“. Vielleicht habe ich es auch gesagt, jedenfalls wendet er sich jetzt wieder seinem Computer zu und ist still.
Der Zugang muss gelegt werden, damit der gute Stoff auch ungehindert in meine Adern fließen kann. Ich habe kein großes Problem mit Nadeln, Spritzen und Co. – zusehen muss ich aber auch nicht. Bereitwillig strecke ich Arzt Namenlos meinen Arm entgegen und schaue demonstrativ in die andere Richtung. „Hm“, sagt er grübelnd und prüft die feinen Adern in meinen Händen. „Es pikst“, höre ich noch, als er den kleinen Stich setzt. Wenig später klopft er auf meinen Blutbahnen herum und versucht merklich nervös, den roten Saft in Bewegung zu bringen. „Ich muss Sie leider nochmal piksen.“ Na toll! Also dasselbe Spiel nochmal, doch diesmal sitzt die Braunüle. Juna, meine 5-Jährige, wäre begeisterst von so vielen großen Pflastern!
Ich darf erneut den Premiumplatz im demontierten Rollstuhl einnehmen. „Ich habe den aus Versehen zerlegt“, erkläre ich unsicher, doch niemand hört mir zu. Rumms, da sitzen Kopfteil und Nackenstütze wieder, wo sie sollen – diesmal drückt nichts. Der Arzt schiebt los: Notaufnahme, Fahrstuhl, Station 1, Zimmer 112.
„Hallo“, sagen Inge und ich gleichzeitig, als ich das Zimmer erreiche und mich kraftlos auf das Stationsbett fallen lasse.
Tag Zwei
Als ich die Augen aufschlage, erdrückt mich das grau-fahle Licht beinahe. Mein Herz tritt heftig gegen den Brustkorb und schießt mit aller Kraft mehr Blut ins Gehirn, um es zur Arbeit zu drängen. Wo bin ich? Was mache ich hier? Orientierungslos werfe ich den Kopf umher und suche nach bekannten Bildern. Über mir baumelt der Bettgalgen – wie passend. Ein Nachttisch, ein Wolkenbild, der Tropf, Inge im Bett neben mir. Mein Herz beruhigt sich etwas. Ich atme tief ein – es riecht nach Desinfektionsmitteln.
Als ich diesen Geruch das erste Mal bewusst wahrnahm, war ich 15 Jahre alt. Es war der Dezember 2004, kurz nach Weihnachten. Ist es nicht verblüffend, wie tief sich Gerüche in unserem Unterbewusstsein verankern können?
Einmal öffnete ich auf dem Dachboden einen alten Schrank, der voll mit Geschirr und allerlei Krimskrams gestellt war. In dem Moment, als sich die Tür öffnete und mich der Geruch all des alten Zeugs umnebelte, saß ich plötzlich in der „guten Stube“ meiner Großeltern, in der Hand eine rote Lego-Kiste. Ich konnte den Teppich riechen, die bunten Lego-Steine fühlen und die Sonnenstrahlen auf meiner Haut spüren, die sich einen Weg durch das verstaubte Fenster gesucht hatten. Die Erinnerung war echt, aber über Jahre verschollen gewesen. Allein der Geruch des Großeltern-Krams hat sie wieder hervorgezaubert – fast so echt wie das Original.
Als der Krankenhausgeruch in jenem Dezember ein Teil meiner Kernerinnerung wurde, waren mein Vater und ich auf dem Weg in die Uni-Klinik zu Lübeck. Wir wollten Weihnachten feiern mit meiner Mutter. Nur wenige Tage zuvor hatte sie die Diagnose bekommen, die ihre und unsere Welt veränderte: Darmkrebs. Ich erinnere mich noch an den Tag, als der Befund kam in vielen Bruchstücken. Ich weiß noch, wie mein Bruder und ich, wie so oft, mit der „geborgten“ Raiffeisen-Tankkarte meines Vaters heimlich Benzin zapften – und wie wir beide dabei weinten. Ich erinnere mich daran, wie ich zum Geburtstag einer Schulfreundin fuhr, ohne in Partystimmung zu sein, und wie schließlich meine beste Freundin Rike zum Geburtstag kam und mit zwei Astra-Bieren in der Tasche, meinen Abend und noch viel mehr rettete.
Auch an dieses Weihnachtsfest im Krankenhaus einige Tage später erinnere ich mich gut. Meine Mutter war erschöpft nach der Operation aber wollte sich davon nichts anmerken lassen. Wir haben ihr Weihnachtsessen mitgebracht: Schweinefilet mit Bratkartoffeln und Brokkoli an Sauce Hollandaise – in Tupperdosen. Und es gab Geschenke: eine Eintrittskarte zum Musical König der Löwen. Eigentlich war es ein schönes Fest, gemessen an den Umständen. Und trotzdem: Die Geruchserinnerung Krankenhaus brannte sich als „ziemlich scheiße“ ins Gehirn.
Es muss gegen vier Uhr am Morgen sein. Ich bin wach und erinnere mich. An den gestrigen Tag, meine Ankunft im Krankenhaus. Inge hatte „Soko Kitzbühl“ im Fernseher angestellt und ich war froh um die Ablenkung. Während Ermittlerin Nina Pokorny den Mord mit erstaunlicher Souveränität aufklärte, rannen mir die Tränen übers Gesicht – wieder und wieder.
