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"Was sollte sie nur tun? Was war es, das zählte, was war wirklich wichtig? Wie sollte, wie wollte sie in Zukunft leben? Hier war eine Gelegenheit, alles umzukrempeln - nichts würde mehr so sein, wie es lange Jahre für sie gewesen war." Bis an die Schwelle ihrer Lebensmitte hat sich Lisa erfolgreich aus Leistungsgesellschaft und Konkurrenzkampf herausgehalten und sich Ihre Entscheidungen am liebsten von Entwicklungen abnehmen lassen, die sich ohne ihr Zutun ergaben, hat sich mit einem wenig anspruchsvollen Teilzeitjob in einem bescheidenen, zurückgezogenen Leben eingerichtet, immer auf der Suche nach ihrer eigentlichen Berufung. Nun bleiben ihr gerade noch die unerbittlich verrinnenden Stunden eines heißen Sommertags, um "ja" oder "nein" zu sagen zu einer späten und wohl ihrer letzten Chance auf einen beruflichen Neustart in eine vielversprechende Karriere. Wird sie den Mut aufbringen, sich noch einmal ganz neu zu erfinden, ihr Leben völlig auf den Kopf zu stellen? - Auf jeden Fall wird daraus ein Anlass, ihren bisherigen Weg kritisch unter die Lupe zu nehmen, bedeutsame Momente ihrer Vergangenheit noch einmal zu durchleben und sich endlich klar zu werden, wer sie ist. Und aus Lisas Kampf um eine Entscheidung wird zugleich eine Schau unserer Endlichkeit inmitten der gloriosen Zyklen, die der Kosmos mit seinen natürlichen Abläufen beschreibt - auch eine heimliche Feier des Lebens.
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Seitenzahl: 132
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Julisonntag, fast genau Mittag.
Plötzlich die Stille
Harte und laute Geräusche haben sich gelegt
Die Familientöne von gegenüber sind gedämpft hinter Wänden, geschlossenen Türen, vermutlich sitzt man beim Essen
Hörbar die Ruhe, darin von Zeit zu Zeit ein Vogelzwitschern und Krähen-Kakeln
Durch den blassblauen Himmel segeln, taumeln, tauchen, flattern lautlos vereinzelte Schwalben, stürzt bisweilen eine schreckhaft nahe am offenen Dachfenster vorüber
Unterhalb, in der Dachrinne - vielleicht gibt es dort ein Restchen Wasser – tschilpt und plustert ein Spatz.
Der Blick, aufschauend zum weit geöffneten Fenster hinaus, überrascht von diesem stillen Sommerhimmel, fast erschrocken vor dem verstummten Moment, und dann doch:
tiefes Einatmen von Frieden und Einverständnis.
Bilder aus langvergangenen Kindertagen tauchen gemächlich, Luftblasen gleich, an die Oberfläche des inneren Blicks:
Sommertage, unendlich in der schwebend-hellen Wärme, nie-vergehend, innehaltend, die Zeit vertäut mit den weit ins Blaue ausgeworfenen, im Sonnenlicht glitzernden Spinnenfäden wie ein großer durchsichtiger Ballon
an den Zweigen des Baums, in dessen grünschattiger Krone das leise Schwatzen und Wispern von Vögeln und Wind
an weißgrauen Samendaunen des Löwenzahns - Pusteblumen -, einzeln auf der weichen Brise segelnd,
den feucht-warm-grünen Grasgeruch und den schläfrig-süßen Duft naher Blütenfülle,
an den irrlichternden Wellen des Baches, darüber blaues Libellenblitzen
und an den im Hitzedunst verschleierten halbfernen Hängen –
Augenblick und Ewigkeit in Eins verschmolzen,
darin sorg- und fraglos aufgehoben das Kind, im Gras auf dem Rücken liegend, die Arme hinterm Kopf verschränkt, einen Fuß auf das angewinkelte andere Knie gebettet,
die Gedanken wie in einer Hängematte schaukelnd zwischen zwei Bäumen, zwei Grashalmen, zwischen Wipfel und Wolke,
den traumverlorenen Blick durch den leise sich wiegenden Scherenschnitt der Baumkrone vage ins Licht des Himmels gerichtet,
dabei mit tiefen regelmäßigen Zügen den Duft nach sonnengewärmter Erde, zeitlos-glücklicher Gegenwärtigkeit und froher Lebensneugier einatmend
Plötzlich ein Geräusch – irgendwo ein Zuruf, eine Tür schlägt zu –, und der schwebende Moment zerspringt wie eine geborstene Kristallkugel, fällt in tausend Splittern in sich zusammen -
und es gibt wieder Bewegung, Alltag -
und Entscheidungen, die zu treffen sind.
Ihr Herz schlug heftiger, eine Enge im Hals. Ja doch, eben: eine Entscheidung! die sie zuerst einmal endlich finden musste, und dann, unvermeidlich, der Anruf, der heute Nachmittag, pünktlich um sechs, mit ihrer Antwort, von ihr erwartet wurde!
Sie sah zur Uhr: Es blieb - Gott sei Dank! noch Zeit. Könnte sie sich doch ewig dehnen, diese Frist von ein paar Stunden, oder könnte sich dieser Zwang zum Entschluss auf wundersame Weise auflösen, als hätte es ihn nie gegeben... Sie stützte das Kinn in die Hände, ihr Blick sank wieder nach innen... Bilder aus einem Traum stiegen vor ihre Augen, den sie heute Morgen erst geträumt hatte, in aller Herrgottsfrühe, an den sie sich wahrscheinlich kaum mehr erinnern würde, hätte sie ihm nicht noch eine Weile nachgesonnen im Dämmergrau, bevor erste Rosatönungen die Zimmerwände kaum wahrnehmbar färbten und die frühen Vogelstimmen sie wieder in den Schlaf sangen:
Spätwinter war es, ein kalter und unwirtlich grauer Morgen, und sie, zu dünn bekleidet, hatte die seltsame Aufgabe, ein paar frühe Schneeglöckchen zu behüten, die dort zwischen schmutzigen Schneeresten standen; es hatte wieder zu schneien begonnen und schneite immer heftiger, und sie versuchte, indem sie ihre rotgefrorenen klammen Hände um die Blumen legte, sie vor dem andrängenden Schnee zu schützen. Während sie sich noch gegen das kalte, nasse Zeug stemmte, das sich immer höher gegen ihre Hände türmte, waren die Blumen unversehens zu einem ganz jungen Katzenbaby geworden, das noch kaum die Augen offen hatte und mit piepsigem Klagestimmchen und zitternden Bewegungen Schutz suchte. Sie wollte es in ihren Händen bergen und an ihrem Körper wärmen, doch schaffte sie das nicht, denn trotz seiner Winzigkeit hatte es ein solch überraschend großes Gewicht, dass sie damit einfach nicht zu Rande kommen konnte. Panische Furcht zu versagen überkam sie, denn wieder hatte sich eine traumtypische Wandlung vollzogen: statt des Katzenjungen lag nun ein menschlicher Säugling vor ihr, der auf ebenso unerklärte Weise wie die beiden anderen Lebewesen ihr Schutzbefohlener war. Wieder musste sie verzweifelnd gegen den sich höher türmenden Schnee kämpfen und das schwere Kind irgendwie vor der Kälte retten – was würde die Schwester sagen, wenn ihm etwas zustieße! Plötzlich war ihr klar, es war ja das Jüngste ihrer Schwester, und sie nahm alle Kraft zusammen; und nun war es ihr gelungen, da ist ein Zimmer, eine Wiege, und mit einem Mal ist sie es selbst, die warm zugedeckt im rosa-weiß bezogenen Kinderbett liegt und nach der eine wohlvertraute, wenn auch im Traum gesichtslose Gestalt liebend und behütend die Arme ausstreckt. Und schließlich bleibt, jenseits aller konkreter Bilder, nur noch ein lang entbehrtes allumfassendes Gefühl: sich fallen lassen zu können, geborgen in der Sicherheit, auch ohne selbst etwas für sich zu tun, könne ihr nichts geschehen.
Jetzt sehnte sie sich danach, diesem unmündigen Zustand, dieser Verantwortungslosigkeit sich ganz überlassen zu dürfen; und mit der Erinnerung an das warme, unangreifbare Gefühl vom Ende des Traumes und der Einsicht in die Unerreichbarkeit dieser Sehnsucht kam ein Schmerz sie an ähnlich dem, den sie als Kind fühlte, wenn nach fieberkranken Tagen die Mutter verkündet hatte, am nächsten Morgen könne sie wieder in die Schule gehen, und sie wusste, nun hieße es wieder früh aufstehen und sich dem Alltag mit den größer werdenden Zuständigkeiten und Anforderungen zu stellen, vorbei die Zeit der gehätschelten Sonderrolle. Oft hatten diese Momente in der noch ein wenig selbstmitleidigen Schwäche der Rekonvaleszenz sie ein paar heimliche Tränen unter der Bettdecke gekostet.
Aber nun musste sie sich zusammennehmen, es half ja alles nichts: der Vorschlag war nun einmal gemacht, das Angebot an sie herangetragen, eine Antwort musste sie finden. Ob Max sich wohl einen Begriff davon machte, in welche Entscheidungsnöte er sie gestürzt hatte? Du liebe Güte, wie überzeugt er selbst von seiner Idee gewesen war, und wie er sie gedrängt hatte, gleich einzuschlagen!
Wieder einmal wunderte sie sich darüber, wie verschieden sie doch waren; gab es ein solches Paar wohl noch ein zweites Mal – waren sie das überhaupt noch: ein "richtiges" Paar? Und wenn sie dieses Angebot jetzt ausschlüge – wie würde es dann mit ihnen werden? Würde er ihr das verzeihen? – Sie lächelte ein wenig. Immer schon hatte er dieses etwas Autoritäre, Bevormundende an sich gehabt – als wisse eigentlich er viel besser als sie selbst, was gut für sie wäre. Sicher hatte sie es ihm auch allzu leicht gemacht damit – ließ sie sich nicht ganz gerne ein bisschen gängeln, so lange keine dann doch zu gewichtigen Gründe dagegen sprachen?
Was hatten sie nicht für Pläne geschmiedet - Luftschlösser gebaut wohl eher - damals, in ihren gemeinsamen Anfangszeiten, noch während ihrer ersten Unijahre. Ganz anders wollten sie leben, „einen Unterschied“ wollten sie dereinst gemacht haben, als Zweiergespann etwas zu einer besseren Welt beitragen - Ehrensache! Sie erwärmten sich an der Idee, ihre Gegensätzlichkeiten zu einer unschlagbaren Einheit zu ergänzen. Sie fühlte sich mitgerissen von seiner mutigen, lachenden, raumgreifend-zupackenden Begeisterungsfähigkeit, ihn zog wohl der Kontrast ihrer eher introvertierten, stilleren Art an, hinter der sich aber eine nicht geringere Liebe zur Welt und zum Menschlichen verbarg. Er engagierte sich in verschiedenen politischen Studentengruppen, aktiv, extrovertiert, voller Energie, während sie sich bei näherem Hinsehen von der Komplexität, der Uferlosigkeit des Bildes, das die Welt ihr bot, in eine unbestimmte Expansivität und Vagheit abgeschreckt fühlte, nicht so ganz genau wusste, was und wie sie wollte - vielleicht schreiben, malen, Dinge schaffen, die auf ihre Art „irgendwie etwas bewirken“ sollten. Er hielt ihr Vorträge über die Ziele seiner Organisationen, nahm sie mit in Versammlungen, überredete sie, selbst auch einzutreten. Zwar überzeugten sie die Argumentationen und Analysen zum größten Teil durchaus, aber wirklich wohlfühlen konnte sie sich dort trotzdem nie. Das war nicht ihre Welt und nicht ihre Art, sie konnte das nicht: diskutieren, Reden halten und recht behalten wollen, Aktionen planen und bei alledem ständig vollkommen naiv davon überzeugt sein, die Welt besser verstanden zu haben als ihre Nachbarn.
Max nahm ihre Zurückhaltung kaum wahr, und ihm fiel auch nicht auf, dass, während sie sich auf Aktivitäten in den Organisationen nur halbherzig einließ, ebenso ihre eigenen Pläne - so vage die auch gewesen sein mochten - sang- und klanglos zu Boden sanken und versandeten. In der Reibung mit den selbstbewussten Aktivisten und Welterklärern war ihr jegliches Zutrauen in ihre möglichen eigenen Wege abhandengekommen, ja, etwas wie Scham hatte sie zu empfinden begonnen und die Unmöglichkeit, sich selbst ernst und wichtig genug zu nehmen für irgendwelche nach außen gerichteten Bemühungen. So hatte sie, was ihr ureigen war, in sich verschlossen und ihm damit keine Chance gelassen, über die Unbestimmtheit ihrer jungen Begeisterungen hinauszugelangen und in der Erprobung am Konkreten ihr Leben zu bestimmen.
Ein Resultat ihrer wenig überzeugten Zugehörigkeit zu Max‘ Gruppen war immerhin, dass sie über eine zunächst ehrenamtliche Mitarbeit im damals noch so genannten Dritte-Welt-Laden mit der Zeit eine bezahlte Teilzeitstelle dort gefunden hatte, die sie auf bescheidenem Niveau unabhängig machte, und von der sie auch heute noch den größten Teil ihres Unterhalts bestritt.
Max hingegen hatte da schon längst eine überraschende Kehrtwende vollzogen. Im sechsten oder siebten Semester wollte er ein Praktikum machen, um „mal rauszukommen aus dem Elfenbeinturm der Uni und in die Wirklichkeit der Arbeitswelt hineinzuschnuppern. Und man muss ja irgendwann auch schauen, wie man hinterher sein Geld verdienen könnte“, und er fand ein Volontariat bei einem schon damals sehr rührigen und erfolgreichen „Kulturmagazin“. Die ganzen langen Semesterferien über arbeitete er dort, half in den verschiedenen Abteilungen mit, und gegen das Ende der Zeit durfte er sogar eigene Artikel verfassen. Man zollte ihm Anerkennung, seine „Schreibe“ gefiel, und man bot ihm an, richtig bei ihnen einzusteigen. Das tat er zunächst als freier Mitarbeiter, während er sein Studium zum Abschluss brachte. Als er seine Magister-Urkunde in Germanistik, Politik und Geschichte in der Schublade hatte, bekam er sofort einen festen Vertrag. Er hatte sich in den paar Jahren seiner freien Mitarbeit so etabliert in dem Unternehmen, hatte die Chefs mit seiner Persönlichkeit und vielseitigen Talenten so überzeugt, dass es überhaupt keine Frage war, ob er würde bleiben können.
Mit den Jahren veränderte sich der Charakter der Firma: man beschränkte sich nicht mehr darauf, von Ereignissen aus Kultur und Unterhaltung zu berichten, sondern begann, solche auch selbst zu organisieren - und dann darüber zu berichten -, und wurde so allmählich zu einem komplexen Unternehmen mit verschiedenen Sparten und Tätigkeitsfeldern: die Herausgabe einer kleinen Bandbreite von Publikationen, die den unterschiedlichen Ansprüchen verschiedener Leserschichten entgegenkommen sollten, Kultur- und „Event“-Management, Künstlervermittlung, bis hin zu einer Werbeagentur - dies alles war nach und nach unter einem Dach entstanden und zusammengewachsen; kurz, man hatte die Hand möglichst überall dort im Spiel, wo es galt, Kultur im weitesten Sinne zu vermarkten.
Mit der Expansion der Firma wuchsen auch Max immer neue Aufgaben zu. Artikel schrieb er eigentlich kaum noch, sondern er war nach und nach viel mehr mit organisatorischen, mit Management- und Führungsaufgaben betraut. Er fand dies spannend, es machte ihm Spaß zu merken, dass er sich bewährte und immer neue Herausforderungen meisterte. Auch das Gefühl, in anderem Sinne zu reüssieren, gesellschaftlich dazuzugehören, machte ihn glücklich, und er freute sich wie ein Kind an seinem vollen Terminkalender, an den Empfängen, Einladungen, Vernissagen und was nicht sonst noch alles zu seinen Verpflichtungen gehörte. Natürlich verdiente er gut und nahm sich eine schöne große Wohnung, die er so geschmackvoll modern einrichtete, dass er mit seinesgleichen mithalten konnte.
Und vergessen waren Nicaragua, der Imperialismus und die gerechte Verteilung der Wirtschaftsgüter...
Sie beobachtete seine Karriere und die Veränderungen, die sie in ihm zeitigte, mit einer leicht ironischen Verschmitztheit, und ein sanfter Spott stand in ihren Augen, wenn sie Zeugin wurde, wie er sich mal wieder recht wichtig vorkam. Jedoch sah sie ihm seine Inkonsequenzen nach und seinen Abfall vom einst selbstgewählten Glauben um seiner jungenhaften Freude am Erfolg willen, die sie liebte und die sie ein wenig rührte. Trotz aller seiner Überlegenheiten und ihrer Schwächen kam er ihr in solchen Momenten heimlich viel weniger erwachsen vor als sie selbst.
Am Rande hatte auch sie ein wenig Anteil an seinem Lebensstandard. Da war natürlich die Wohnung, in der sie sich viel öfter zu zweit aufhielten als in ihrer kleinen Altbaudachwohnung, in die sie noch gegen Ende ihres Studiums gezogen war, und die sie um kaum etwas in der Welt aufgegeben hätte. Auch begleitete sie ihn, sooft er sie dazu überreden konnte, zu seinen gesellschaftlichen Anlässen - fühlte sich dabei wie „die Kröte aus dem anderen Brunnen“, langweilte sich schrecklich, hoffte, dass niemand das merken würde, und bemühte sich nach Kräften, bei Smalltalk und Fachgesimpel nicht allzu auffällig zu versagen; bewunderte Max für seine souveräne Art, sich in diesem Milieu zu bewegen, und war aber heilfroh, wenn sie das alles hinter sich lassen und zusammen nachhause gehen durften. Und, wenn sie es sich selbst ganz ehrlich eingestand, war sie manchmal erst dann richtig erleichtert, wenn sie wieder allein zurück in ihrer Wohnung war und ein wenig Erholung von Max und seiner Welt bekam.
Sie ihrerseits fristete ihr Dasein nach wie vor aus ihrer Arbeit im Weltladen. Ergänzt wurde ihr bescheidenes Gehalt aus einer Quelle, zu der sie damals einigermaßen unverhofft und zu ihrer nach wie vor anhaltenden eigenen Verwunderung gekommen war: Während ihres Studiums der Literaturwissenschaft und Kunstgeschichte hatte sie nebenher praktische Kurse in Zeichnen und Malen besucht. Schon als Kind war das eine ihrer Lieblingsbeschäftigungen gewesen, und sie hatte sich dabei nicht ganz ungeschickt angestellt. Nun wollte sie dieses kleine Talent ein wenig kultivieren und Einblicke gewinnen in die Tricks und Kniffe der Kunst. Irgendwann einmal sprach eine Freundin sie an: die hatte eine Idee zu einem Kinderbuch und wollte, dass sie die Illustrationen dazu machte! Zunächst traute sie sich so etwas überhaupt nicht zu - „ich stümpere doch nur so ein bisschen herum!“ Das solle sie ruhig mal ihre Sorge sein lassen, meinte Sabine, die sie schließlich dazu überreden konnte, es wenigstens zu versuchen, und am Ende entpuppte sich die Geschichte zu einem richtigen Glückstreffer: Nicht nur, dass es einen Heidenspaß machte, das Buch mit der Freundin zusammen zu konzipieren, ihre Phantasie und ihr Geschick auf ein Ziel gerichtet einzusetzen und schließlich ein rundes Ganzes als Ergebnis in der Hand zu halten; Sabine schaffte es auch, das Buch bei einem guten Verlag zu platzieren und erwies sich auch noch als geschickt im Aushandeln der Konditionen für sie beide. Das kleine Werk kam gut an, und sie machten noch eine Fortsetzung dazu, die sich ebenfalls gut verkaufte. Diese Aktion lag nun schon Jahre zurück. Die Freundinnen hatten sich inzwischen längst so ziemlich aus den Augen verloren, Sabine war zunächst in eine andere Stadt, dann ins Ausland gezogen, hin und wieder ging einmal ein Lebenszeichen in die eine oder andere Richtung, oder sie hörte durch gemeinsame Bekannte von ihr. Was aber blieb, war eine halbjährlich eintreffende Abrechnung des Verlags und eine hochwillkommene Einzahlung auf ihr Konto.
Sie selbst war eigentlich immer zufrieden damit gewesen, wie sich ihre materiellen Umstände gefügt hatten. Sie hatte ihr Auskommen, ihre geliebte kleine Zwei-Zimmer-Wohnung in dem Altbauviertel mit Gärten und schönem altem Baumbestand, mit Glück erwischt in einer Zeit, in der die Mieten noch nicht in die Höhe geschossen waren; sie brauchte sich selten einen ihrer bescheidenen Wünsche zu versagen. Und vor allem: Sie hatte Zeit, ein Gut, das ihr kostbarer war als jedes schicke Kleid oder teure Paar Schuhe, das sie sich mit ihrem Einkommen nicht hätte leisten können.
