Im Moment die Ewigkeit - Uwe Christian Klein - E-Book

Im Moment die Ewigkeit E-Book

Uwe Christian Klein

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Beschreibung

Markus Nell, Zeitungsredakteur, hat einen Interviewtermin in einem Institut für Biochemie. Da ihn niemand empfängt, betritt er ahnungslos eines der Labors. Seitdem dehnt sich für ihn die Zeit, zieht sie sich zunehmend in die Länge, zunächst kaum merklich, aber bald scheint die Verlangsamung seiner Welt kein Ende zu nehmen. Sand im Getriebe der Zeit. Er schwebt zwischen Hoffen auf ein Ende eines Alptraumes und Bangen darum, welche Entwicklung der zeitliche Ablauf seiner Welt annehmen wird. Niemand glaubt ihm, auch nicht, dass er verfolgt wird. Sein Chef schickt ihn in Urlaub, seine Lebenspartnerin verlässt ihn. Er ist ratlos und versucht sich abzulenken, sich mit der Ungleichzeitigkeit zu arrangieren. Kein Mensch hat derartiges vorher erlebt ...

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Seitenzahl: 178

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Uwe Christian Klein

Im Moment die Ewigkeit

Ein Zeitroman

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Prolog

Erstes Kapitel

Zweites Kapitel

Drittes Kapitel

Viertes Kapitel

Fünftes Kapitel

Sechstes Kapitel

Siebentes Kapitel

Achtes Kapitel

Neuntes Kapitel

Zehntes Kapitel

Elftes Kapitel

Zwölftes Kapitel

Dreizehntes Kapitel

Vierzehntes Kapitel

Fünfzehntes Kapitel

Sechzehntes Kapitel

Siebzehntes Kapitel

Achtzehntes Kapitel

Erster Epilog

Zweiter Epilog

Impressum neobooks

Prolog

Die Blätter des Baumes bewegten sich nicht. Es war nahezu windstill in dem parkähnlichen Garten, der hinter dem Hauptgebäude des Wohnheims angelegt war. Der Baum, eine Weide, stand inmitten einer großzügig angelegten Rasenfläche, die von schmalen Blumenbeeten und geschnittenen Eiben gesäumt war. Die Wärme des spätsommerlichen Nachmittags wirkte angenehm auf Markus Nell, der in einem Rollstuhl reglos vor dem Baum saß. Eine Pflegerin legte eine Decke über seine Beine, was er, wäre er dazu in der Lage gewesen, gerne abgelehnt hätte. Doch Markus Nell konnte weder sprechen, noch sich irgendwie bewegen. Sein Gesicht zeigte keine Mimik, so dass es ihm nicht möglich war, sich in irgendeiner Weise zu äußern.

Vielleicht werde er sich eines Tages fühlen, als könne er ewig leben, hatte vor wenigen Tagen ein Neurologe zu ihm gesagt, als er diesen nach einigem Zögern aufsuchte, noch aufzusuchen fähig war. Dieser hatte ihm in seiner Verzweiflung Mut machen wollen. Wie Recht dieser doch behalten hatte, nur konnte er nichts Positives daran entdecken. Die Langeweile, die er fühlte, war fast unerträglich.

Hinter seinem Rücken spürte er die beiden Männer, die ihn verfolgten, dessen war er sich sicher, auch wenn ihn in den letzten Tagen einige Menschen, darunter sogar Freunde, wegen dieses Eindrucks für verrückt oder zumindest überreizt gehalten hatten. Sie waren sicher wieder da, sie waren in den letzten Tagen immer da. Er hatte nur selten die Möglichkeit sie zu sehen oder zu hören, zum Einen durch die wahrgenommene Langsamkeit von Allem, das ihn umgab, zum Anderen verbargen sich die beiden heimlichen Verfolger, wohl aus gutem Grund. Diesen Grund wusste er allerdings nicht, er ahnte ihn nur. Aber sie waren ganz sicher anwesend, irgendwo hinter ihm, als Teil dieser seiner Welt, in der bei den Bewegungen aller Dinge Sand ins Getriebe gekommen zu sein schien.

Zunächst hatte er anfangs nur eine gewisse Ungeduld verspürt. Doch der Tag, an dem diese seltsame Verlangsamung begann, das war ihm später aufgefallen, wurde ihm dann eindeutig bewusst. Das Problem war nur, dass selbst in seiner Erinnerung die Dinge langsamer abzulaufen schienen, was ihn verwunderte, ihm unlogisch vorkam. Immer wieder dachte er an diesen Tag, an diesen Moment, der ihm anfangs nicht so bedeutungstragend erschienen war, ihm nicht die Wertung zugeschrieben hatte, die diesem für die ganze Geschichte, die er durchlebt hatte, im Grunde genommen zuzuweisen notwendig gewesen wäre. Diese Dehnung der Zeit auch im gedanklichen Rückblick verlangte von ihm viel Geduld, und manchmal kam es vor, dass ihn dieser Umstand an den Rand des Wahnsinns trieb. Seit diesem Tag fühlte er sich verfolgt.

Wie gerne hätte er seine Geschichte erzählt, wäre neugierig darauf gewesen, wie Menschen, die ihm nahe waren, die ihm etwas bedeuteten, reagiert hätten, ja, ob sie ihm inzwischen glauben würden, oder ob sie noch immer der Ansicht gewesen wären, dass er eine psychische oder neurologische Krankheit habe, er gewissermaßen verrückt sei. Doch war er zum Sprechen nicht mehr in der Lage, hatte kaum noch einen bewusst steuerbaren Muskel unter Kontrolle. Kein Wort, keine Silbe

konnte er artikulieren, nichts mehr mitteilen, so dass diese Unfähigkeit zur Bewegung, die ihm als Beweis der Wahrheit dessen, was er zu erzählen hatte, hätte dienen können, das in den vergangenen Tagen Erlebte hätte nachvollziehbar belegen können, dass ausgerechnet dieser Umstand, der ihn befähigt hätte, anderen Menschen gegenüber seine Erfahrungen glaubhaft machen zu können, ihm eben dieses Erzählen unmöglich machte. So hatte er nur sich selbst als inneren Zuhörer seiner eigenen Gedanken, sich selbst als Anvertrauten eines unfreiwilligen Geheimnisses, das ihn zum Grübeln brachte, immer wieder die einzelnen Situationen der vergangenen Tage im Geist durchlebte, immer langsamer freilich, dass er zuweilen am liebsten von eigener Hand aus dem Leben geschieden wäre, doch selbst dazu war er nicht mehr in der Lage. Er war gefangen in einer bis zur Unendlichkeit gedehnten Zeit, von Sekunden, von Augenblicken in Fesseln gelegt, die zu öffnen ihm unmöglich war, und was noch schwerer wog, auch sonst niemand lösen konnte.

Dabei stellte sich ihm das Erlebte nur wenig kompliziert dar, es wäre recht einfach zu erzählen gewesen, zumindest überwiegend, so sinnierte er, und er sah keine Möglichkeit mehr, dass sich an diesem Zustand etwas ändern würde. So wusste niemand, was ihm tatsächlich geschehen war. Seine Erscheinung wirkte aus der Ferne, obwohl er Mitte dreißig war, wie ein alter pflegebedürftiger Mann, aus der Nähe wie ein schwer erkrankter jüngerer Mann oder jemand, der bei einem Unfall erlittene schwere Verletzungen überlebt hatte.

So erzählte er die Geschichte gewissermaßen nur sich selbst, in schier endlos erscheinender Dauer und Häufigkeit, denn dazu hatte er alle Zeit der Welt.

So saß er in seinem Rollstuhl vor dem Baum, den Blick starr auf diesen gerichtet, froh darüber, dass es ihm wenigstens irgendwie gelungen war, dass man ihn in diese Position gebracht hatte, und lebte den kurzen, jedoch gedehnten und schicksalhaften letzten Zeitraum dieses Teils seines Lebens, in dem er noch etwas hätte ändern, seinen nun eingetretenen Zustand hätte abwenden können. So glaubte er zumindest.

Erstes Kapitel

Die stählerne Uhr thronte auf einem eisernen Gerüst über dem Platz vor dem Bahnhof, mächtig und erhaben, als sei sie sich der Bedeutung der fließenden Nachricht, die sie verbreitete, bewusst. Menschen huschten vorüber, manche in ihrem Vorhaben verspätet, in geduckter Haltung, so, dass einjeder erkennen sollte, dass sie die wahre Uhrzeit, die ihre Verspätung belegt hätte, nicht sehen konnten. Andere schauten verstohlen an ihr empor, als dächten sie: „Ja, ich weiß schon, dass ich mich beeilen muss.“ Einige blieben kurz vor ihr stehen und schauten sie offen an, von Angesicht zu Angesicht, was entweder einen erhellenden oder aber einen erblassenden Gesichtsausdruck bei den Betrachtern verursachte. Passanten verglichen die angezeigte Uhrzeit mit der Zeitangabe auf ihrer Armbanduhr oder auf ihrem Handy, taten geschäftig oder waren wirklich in Eile. Wieder andere schlenderten gemütlich an ihr vorbei, ohne Notiz von ihr zu nehmen und gaben dem Beobachter ein Gefühl, wie man es von Urlaubsorten zu kennen glaubt: Zeit spielt hier und jetzt keine Rolle, ich muss mich nicht nach Stunden und Minuten orientieren.

Einer Gruppe von Männern in grauen und dunklen Anzügen, eine Krawatte sichtbar darunter, schien der Blick auf die Uhr die Schritte zu beschleunigen, ein Mann mit einem Rollkoffer machte den Eindruck, als traue er der Uhrzeit nicht, und schüttelte immer wieder den Kopf, so oft er an der Uhr hinauf schaute. Einigen Personen, so hätte es dem Betrachter erscheinen mögen, regelte der öffentliche Zeitmesser die Richtung ihres Ganges. So gingen sie nach einem Blick auf die Bahnhofsuhr entweder schnelleren Schrittes zum Eingang des Bahnhofsgebäudes oder drehten sich leicht gelangweilt oder mit beruhigt wirkender Mimik in Richtung eines der Cafés am Bahnhofsplatz, um dort ein offensichtliches Übermaß an Zeit zu verbringen. Eine Frau wartete erkennbar ungeduldig auf ihren Freund, den sie, als dieser sich ihr näherte, mit vor sich verschränkten Armen und vorwurfsvollem Blick erwartete. Der Freund tat achselzuckend überrascht und hob schließlich unschuldig die Arme, legte eine Hand auf ihre Schulter, um sie halb schiebend, halb ziehend zu einem der genannten Cafés zu begleiten und ihr aus Angst vor einer Szene ein Getränk zu spendieren. Eine Mutter wartete am links vor dem Bahnhofsgebäude gelegenen Busbahnhof auf die Ankunft des Busses, der wenig später ihre kleine Tochter zu ihr brachte und eine Reaktion bei der Mutter hervorrief, als habe sie die Kleine nicht erst seit dem frühen Morgen, sondern seit ihrer Entbindung nicht mehr gesehen. Nur wenige Meter entfernt hatten zwei Erzieherinnen viel Mühe mit etwa zwanzig Kindern, die ungeduldig auf ihre Linie warteten und all das gerne machten, was die Erzieherinnen ihnen verboten.

Viele Menschen, Männer und Frauen, Jung und Alt, verbrachten ihre freie Zeit bis zur Abfahrt des nächsten Zuges oder des nächsten Busses, teilweise wohl auch ihre mittägliche Pause, in den genannten Cafés. Die meisten Gäste saßen draußen in der spätsommerlichen Sonne.

Vor einem solchen Café saß Markus Nell unter einem großen Sonnenschirm vor seinem Laptop und einer Tasse Kaffee an einem Tisch. Er fühlte sich angestrengt und bediente mit ernstem bis genervtem Blick die Tastatur und schaute dabei auf das Display. Er war Journalist, Redakteur des Feuilletons der regionalen Zeitung und bereitete sich auf einen Besuch in einem biochemischen Institut vor. Wenn die Arbeit es erlaubte, verrichtete er sie gerne in einer ungezwungenen Umgebung, wie eben vor jenem Café.

Das Institut, das Ort des vor ihm liegenden Termins war, lag nahe der Universität und war auch organisatorisch mit dieser eng verbunden.

Dabei musste er eine starke Abneigung gegen diesen Auftrag überwinden, als hätte er eine Vorahnung gehabt, welche Änderung in seinem Leben er diesem Termin später würde zuschreiben müssen. Er hatte noch nie ein Interview mit einem Chemiker oder überhaupt einem Naturwissenschaftler geführt, denn es war nicht sein Metier, und er ärgerte sich über seine Zusage gegenüber einem Redakteur und Kollegen, dessen Redaktion er selbst nicht angehörte. Er sah sich eher als Intellektueller, das entsprach auch seinem Image, das er sich angelegt hatte und das ein Jeder an seinem dunklen Sakko sowie einem schwarzen Hemd und ebensolcher Weste, erkennen sollte. Und er zählte sich zu jenen Intellektuellen, die einer vermuteten rationalen und berechnenden Haltung von Naturwissenschaftlern grundsätzlich ablehnend gegenüber standen. Auch empfand er eine gewisse Arroganz entsprechender Forscher, die ohne Diskurs und Disput einfach ihre Meinung über andere stellten und die zusammen mit Ökonomen die Welt regieren wollten. Seine Kleidung stand in farblichem Kontrast zu seinem hellblonden Haar, das er leicht zurück gekämmt trug.

Markus Nell schrieb als Redakteur zwar für das Feuilleton seiner Zeitung, aber er war bereit, heute einen Kollegen der Wissenschaftsredaktion zu vertreten, weil sich dieser kurzfristig hatte krank melden müssen. Erst vor zwei Stunden hatte er den Auftrag übernommen, zu unüberlegt und gutmütig, dachte er im Nachhinein. Normalerweise ließ er sich immer ausreichend Zeit, wenn er sich auf solche Termine vorbereitete. Unter Zeitdruck konnte und wollte er nicht arbeiten, sah sich als gemütlichen Menschen. Er hatte keine Idee, was er diese Person, einen Herrn Professor Denk, mit ihrem Labor fragen sollte, und im Grunde hatte er keine Lust, sich mit dieser Frage auch nur zu beschäftigen, obwohl der Forscher wohl berühmt war und bereits eine Reihe von internationalen Forschungspreisen erhalten hatte. Er las auf der Internetseite des Instituts, um sich ein ungefähres Bild machen zu können, was dort geforscht und veröffentlicht worden war. Er hatte von Chemie kaum eine Ahnung, erinnerte sich nur ungern an seinen Chemieunterricht, den er in der Schulzeit genossen hatte, unfreiwillig hatte genießen müssen, und hatte den Eindruck, dass er mit dieser Abneigung nicht alleine dastand, einer Schulzeit, die obendrein oder auch zum Glück schon zwanzig Jahre zurück lag, und er stimmte sich selbst zu, dass der Chemielehrer Kolbe unfähig gewesen war, irgendetwas sinnvoll zu erklären. Er wunderte sich daher, warum ausgerechnet er von seinem Kollegen gefragt wurde, diese Aufgabe zu übernehmen, denn er konnte sich beim besten Willen nicht erinnern, sich bei seiner Arbeit mit naturwissenschaftlichem Wissen hervorgetan zu haben. Noch mehr wunderte er sich über sich selbst, dass er sich zu diesem Gefallen hatte überreden lassen, ja, er fühlte sich dazu überredet, denn er hatte schlecht einfach ablehnen können. Welchen Eindruck hätte das auf die Kollegen gemacht? Und wären Kollegen, wenn er der Bitte nicht zugesagt hätte, später einmal ihm in einer entsprechenden Situation entgegen gekommen? Um ihm den Auftrag schmackhaft zu machen, wies ihn sein Chefredakteur darauf hin, der Interviewpartner forsche in einem Bereich, in dem es um ein Grenzgebiet zwischen Chemie und Psychologie, insbesondere um Bewusstseinsforschung gehe. Das fand er zunächst recht interessant, denn psychologische Themen gehörten zumindest zum Teil auch zu den Inhalten des Feuilletons. Er schaute sich den Internetauftritt des Instituts an, las einige Seiten und verstand kaum etwas. Er hätte die Bitte zurückweisen sollen, dachte er abermals. Sicher kannte der Wissenschaftler den inzwischen wohl pensionierten Chemielehrer Kolbe nicht, auch wenn letzterer den ungewollten Eindruck vermittelt hatte, als sei er mit allen großen Chemikern dieser Welt persönlich bekannt gewesen. Die Zeit verging Markus Nell sehr schnell, schneller als er es bei einem Blick auf seine Uhr wahrhaben wollte, und so räumte er sein Notebook und seinen Schreibblock mitsamt Kugelschreiber zusammen und bezahlte. Er fühlte sich wie vor einer Chemiearbeit in der Schulzeit, eine Erinnerung, die er nicht gerade mit dem Wort Nostalgie in Verbindung gebracht hätte. Er hoffte, dass er als erfahrener Redakteur die Sache professionell hinter sich bekomme und freute sich schon jetzt, später wieder vor dem Café sitzen zu können, eine Empfindung, die sich bereits bei der entlastenden Abgabe einer solchen Chemiearbeit in seiner Jugend unabhängig von dem zu erwartenden Ergebnis einstellte. Die Freude darüber, das von nervöser Hand gefertigte Gekritzel endlich abgeben und die Aussicht darauf, die Zeit bis zur schmerzlichen Rückgabe der von roter Farbe übersäten Blätter genießen zu können, überwogen.

Zweites Kapitel

Missmutig ging Markus Nell über das Universitätsgelände, da auf der gegenüberliegenden Seite des von ihm betretenen Eingangs das Institut für Biochemie lag. Inzwischen hatten Wolken den Himmel verdunkelt und kündigten einen Spätsommerregen an. Das passte zu seiner inneren Stimmung. Er hatte Probleme, den richtigen Weg zu finden, obwohl er selbst auf diesem Campus einst studiert hatte. Auch wenn diese Zeit einige Jahre zurücklag, so wunderte er sich doch, wie viel sich seither verändert hatte. Neue Gebäude bauten sich vor ihm auf, während andere Bauten, an die er sich noch erinnern konnte, nicht mehr vorhanden waren, und den neuen wohl hatten Platz machen müssen. Neue Straßen und Gehsteige wiesen ihm einen unbekannten Weg, selbst Gassen, die er noch kannte, hatten ihr Aussehen verändert, teilweise gab es ihm unbekannte Straßenkurven, Biegungen und Verzweigungen, umgaben ihn universitäre Institute, von deren Existenz er bisher nichts wusste. Junge noch relativ kleine Birken und Weiden säumten den Weg, wo früher ehrwürdige alte Bäume mit mächtigen Stämmen standen. Bald erreichte er die andere Seite des Geländes, Bäume und Rasenflächen waren verschwunden, romantisch anmutende Pfade, die er während des Studiums, teilweise zu später Stunde mit Freunden gegangen war, Kieswege, die eher provisorisch zwischen Sträuchern und Teichen mäanderten, waren zu Plätzen und geteerten Fußwegen mutiert, alles sah sehr aufgeräumt aus, irgendwie sauber und langweilig. Er hatte unterwegs den Drang, sich auf eine der metallenen Bänke zu setzen, sich an seine Studienzeit zu erinnern und sich an das neue Bild der ihm früher so bekannten Umgebung zu gewöhnen. Aber das bevorstehende Interview nahm ihm die Muse, das zu tun, obwohl er noch etwas Zeit gehabt hätte. Nachdem er das Universitätsgelände in Gedanken versunken überquert hatte, erreichte er einen Gebäudekomplex mit einem großen Schild davor und der Aufschrift, die ihn darüber informierte, dass er vor dem Institut für Biochemie stand. Die begehbaren Kästen, in denen sich Glas und Beton zu einer unschönen Freundschaft die Hand gaben, sahen aus, als stünden sie noch nicht lange an dieser Stelle. Hier war er, so glaubte er, ohnehin noch nie gewesen. Er mochte diese moderne Bauweise nicht, empfand sie als kalt und leblos. Er hatte den Eindruck, dass der Nutzen des Bauwerks darin läge, Studierende möglichst schnell durch das Studium zu schleusen, da er sich nicht recht vorstellen konnte oder wollte, dass jemand darin längere Zeit zu verweilen hätte Gefallen finden können.

So stand er vor dem Gebilde, dessen Sauberkeit und Einfachheit ihm in seiner Vorstellung die Phantasielosigkeit und Oberflächlichkeit der Naturwissenschaften zu spiegeln schien, und suchte nach dem Eingang, den er auf den ersten Blick nicht, auf den zweiten nur schwierig gefunden zu haben glaubte und beim dritten Blick feststellen musste, dass er durch die Tür zu einem verglasten Durchgang zwischen dem gesuchten Institut und einem dahinter liegenden Nachbargebäude hindurch zu gehen im Begriff war. Dieses dritte Gebäude war über Schläuche, Röhren und dicke Kabel mit dem Institut für Biochemie in einer Art und Weise verbunden, die Markus Nell an einen Patienten im Krankenhaus erinnerte, der an Apparaten und Geräten angeschlossen ist, oder um ein Starthilfekabel, wie sie bei Autos genutzt werden. Vielleicht hätten sie sich derart besser mit einem Bau des philosophischen Fachbereichs verbinden sollen, so hätten sie die Luft atmen können, die einem den Sinn des Lebens näher bringt, so dachte Markus Nell.

In das Gebäude eingetreten, eröffnete sich ihm der Blick auf eine großzügig angelegte Wendeltreppe aus Metall, die drei Ebenen miteinander verband. Rechts daneben befand sich ein offen einsehbarer Aufzug aus Glas und Stahl.

Der Boden hatte, so weit er sehen konnte, Noppen, die ihn an Baukästen aus seiner Kindheit erinnerten. Von hier unten war es möglich, mehrere Flure und Türen zu erkennen, die auf den verschiedenen Stockwerken von der Vorhalle in die weiteren Teile des Instituts führten. Die Logik des Pragmatischen und der Machbarkeit umgab ihn, wohin er auch schaute, hier hätte er noch nicht einmal sterben wollen, kam es ihm in den Sinn.

Er wandte sich zu einer Pförtnerkabine links neben ihm. Hinter einer Fensterfront saß ein älterer Mann mit einer randlosen Brille. Einige Strähnen trug er seitlich in die Stirne gekämmt, die fast den Nacken zu erreichen drohte. Da landen die Diplom-Chemiker, die keine adäquate Stelle finden, urteilte Markus Nell hämisch.

Er fragte den Pförtner, wo er Professor Ding finden könne, mit dem er einen Interviewtermin habe und zeigte seinen Presseausweis. Dieser tippte etwas in die Computertastatur, schaute mit einem Gesichtsausdruck der Gewissenhaftigkeit auf

den Bildschirm, sah sich den Presseausweis an und dann Markus Nell, während dieser darauf hinwies, dass das Foto schon einige Jahre alt sei.

„Sie sind vorgemerkt. Professor Ding erwartet sie bereits. Ebene zwei, Flur vier, Raum fünfzehn. Bitte sehr.“ Mit diesen Worten gab er dem Besucher den Ausweis zurück.

Der Fahrstuhl interessieren ihn. Voller Neugier betrat er das metallene Gebilde, auch wenn er nur zwei Treppen hätte zu gehen brauchen. Trotz der kurzen Strecke fuhr dieser so schnell, dass Markus Nell sich beinahe der Magen hob. Es kam ihm der Wunsch auf, dass mit diesem Gefährt niemals gefährliche oder gar explosive Chemikalien transportiert würden, weniger wegen des Gebäudes, um das es ihm nicht schade gewesen wäre, sondern allein wegen der Menschen darin. Auf der zweiten Ebene fand er bald Flur vier. Das Gebäude erschien ihm innen viel größer, als es von draußen auf ihn gewirkt hatte. Jetzt erst erkannte er die sechseckige Form des Bauwerks, und er hätte es wohl imposant gefunden, wenn es aus anderem Material erbaut worden wäre. Die Flure führten in Sternform von der Haupthalle in die anderen Bereiche. Bald stand er vor Raum fünfzehn und klopfte an, wartete und da niemand auf seine wiederholte akustische Bitte um Einlass öffnete, begann er nervös umher zu blicken, doch kein Mensch war zu sehen. Er war sich unsicher, ob er einfach öffnen und eintreten sollte, zumindest jedoch prüfen könnte, ob die Tür sich überhaupt öffnen ließ. Er entschied sich, erst an die anderen Türen auf dem gleichen Gang zu pochen, doch nirgends wurde ihm auf getan, niemand schien sich in den Räumen dieses Flures zu befinden. So schlurfte er wieder zu Raum fünfzehn zurück und ärgerte sich. Er dachte zunächst daran, einfach wieder zum Pförtner zu gehen, den Professor, wenn dies möglich war, ausrufen zu lassen, oder überhaupt unverrichteter Dinge zur Redaktion zurückzukehren, denn der Termin begann eine Wut in ihm aufzubauen, und er fragte sich, warum er in naturwissenschaftlichen Dingen immer schlechte Erfahrungen machte. Das begann mit dem ihm als unangenehm empfundenen Anbringen von Lampen in seiner Wohnung und endete nun mit dem Besuch eines naturwissenschaftlichen Instituts. Aber zum Einen wäre das äußerst nachlässig gewesen und hätte bestimmt keinen guten Eindruck hinterlassen, wenn er als Redakteur einfach wieder gegangen wäre, und zum Anderen war es nicht seine Art, eine einmal angenommene und begonnene Aufgabe fallen zu lassen.

Je länger er untätig dastand, desto unsicherer wurde Markus Nell. Es war obendrein kein Stuhl da, sodass er langsam müde wurde. Außerdem wuchs seine Neugier zu erfahren, was sich in Raum fünfzehn befinden würde. Vielleicht war dem Wissenschaftler etwas passiert. Nach drei Minuten des Wartens drückte er vorsichtig die Klinke herunter. Die stählerne Tür ließ sich zwar öffnen, doch war sie sehr schwer, und er benötigte einige Kraft, um sie zu bewegen.

Ihm konnte in diesem Augenblick nicht bewusst sein, welche Folgen diese wenig bedeutsame Entscheidung, einen unbekannten Raum zu betreten, für ihn haben sollte, oder zumindest in seiner späteren Vermutung für ihn haben würde. Nicht einfach nur, dass es von schlechtem Benehmen zeugen könnte, ungebeten einen Raum zu betreten, oder dass es vielleicht verboten wäre, in einem solchen Institut sich selbst auf diese Art Einlass zu verschaffen. Das, was Markus Nell durch diese Entscheidung, die Tür ohne eine Antwort auf sein Klopfen zu öffnen, erwartete, was sein Leben seiner späteren Überzeugung entsprechend, ändern würde – hätte er das alles in diesem Moment gewusst, er hätte sich wohl anders entschieden.