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Balla wird aufgrund seiner Vorliebe für groteske und absurde Alltagssituationen oft als der "slowakische Kafka" bezeichnet. "Im Namen des Vaters" ist der Rückblick eines namenlosen Erzählers auf sein Leben, seine gescheiterten Beziehungen zu seinen Eltern, den Söhnen, das notorische Fremdgehen, das Zerbrechen seiner Ehe und den Wahnsinn seiner Frau. Mit schwarzem Humor und Ironie versucht er, seiner tragikomischen Situation zu entkommen, doch vor dem Hintergrund des grauen, banalen Kleinstadtlebens schafft er es nicht, gegen "das Ding" anzukommen, das im Keller des von ihm und seinem Bruder erbauten Hauses wächst. Das Buch wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, unter anderem 2012 mit dem renommiertesten slowakischen Buchpreis "Anasoft Litera".
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Seitenzahl: 112
Veröffentlichungsjahr: 2019
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BALLA
Aus dem Slowakischen übersetztvonMarie-Theres Cermann
Die Veröffentlichung des Buches wurde unterstütztdurch SLOLIA, dem Centre for information on Literaturein Bratislava, sowie vom Slowakischen Institut.
Die Übersetzung aus dem Slowakischen wurde gefördertdurch den Deutschen Übersetzerfonds.
Originaltitel: V mene otca, 2011,Koloman Kertész Bagala & literarnyklub
A-9020 Klagenfurt/Celovec, 8.-Mai-Straße 12
Tel. + 43(0)463 370 36, Fax + 43(0)463 376 35
www.wieser-verlag.com
Copyright © dieser Ausgabe 2019 bei Wieser Verlag GmbH,
Klagenfurt/Celovec
Alle Rechte vorbehalten
Lektorat: Dr. Carsten Schmidt
ISBN 978-3-99029-367-6
eISBN 978-3-99047-105-0
»Das Gebäude ist als freistehendes Haus
zu errichten. Auf der zum Nachbarn hin
gelegenen Seite sind die Kellergeschoss-
und Badfenster als Lüftungsfenster aus
blickdichtem Glas auszuführen. Die
Ableitung des Schmutzwassers erfolgt
durch eine Klärgrube in 15 m Entfernung
vom Brunnen bzw. 30 m bei Versickerung.«
Baugenehmigung Nr. 263/66 vom 07.02.1967
für den Anbau oder Umbau eines
Einfamilienhauses.
Ich ging zum Kinderarzt, obwohl ich bereits 20 Jahre alt und gerade bei der Armee war. Die Krankenschwester betonte, der Doktor dürfe mich keinesfalls in Uniform sehen, denn es würde ihn wütend machen: »Er hasst Soldaten, Polizisten, Eisenbahner und Krankenschwestern. Darum trage ich auch keine Schwesternuniform«, plapperte sie. Warum war ich überhaupt dahin gegangen? Ich schließe nicht aus, dass ich das nur geträumt habe, irgendwann 1963 oder noch ein Jahr früher. Kurz gesagt, es ging mir schlecht. Ich trat zum Arzt ins Sprechzimmer und mein Blick fiel auf seine Hände. An der rechten fehlten ihm Zeige- und Mittelfinger.
»Also, was haben wir?«, fragte er.
Dann entschied er sich, meine Hoden zu untersuchen, begann sie abzutasten und sagte etwas, was sich später als wesentlich herausstellen sollte: »Keine Kinder zeugen, Genosse! Keine Kinder, denn Sie zeugen ein Monster.«
Ich wartete ab, was weiter passieren würde.
Der Doktor fuhr fort: »Wenn Sie aber eine Frau heiraten, die weichlich, schwach und kränklich ist, ihr schon mit dreißig die Zähne ausfallen und die Haare dünn werden, was bei jungen Frauen eher selten vorkommt, dann wird sich das auf das von Ihnen gezeugte Monster sehr auswirken. Ein feiger Mensch wird geboren. So einer, der in seinem Inneren ein Monster ist, das aber nach außen hin verborgen hält. Tu das niemandem an, Junge!«
Warnend hob er den Zeigefinger der rechten Hand.
Also fehlte ihm der Zeigefinger gar nicht.
Ich saß auf dem kalten Igelit, mit dem die weiße Liege im Sprechzimmer bezogen war, mein Schwanz hing herunter, meine Eier ruhten immer noch in der Hand des Arztes. Schätzend prüfte er ihr Gewicht.
»Aber vielleicht«, murmelte er, »vielleicht haben wir Glück und du bist am Ende unfruchtbar. Denn eines der Eier scheint nicht richtig entwickelt zu sein … irgendwie zurückgeblieben … ein schüchternes, winziges, süßes kleines Ei.« Er zerrte an meinen Eiern und gab mir eine Ohrfeige: »Wehe du fickst, verstanden?!«
In einem Reflex trat ich ihm ins Gesicht, es war eher ein Krampfen als eine aggressive Vergeltung. Hastig schlüpfte ich in meine Unterhose und flüchtete aus dem Sprechzimmer. Vom Linoleumfußboden aus, wo er nach dem Tritt liegen geblieben war, schrie er mir hinterher: »Ich weiß auch so, dass du Soldat bist! Als ob ich das nicht sowieso alles über dich in meinen Papieren habe?! Du hast einen Arzt angegriffen! Dafür sperren sie dich weg!«
Ich rannte davon und mit einem Mal fiel mir ein, dass ich eine solche Frau kannte.
Genau so eine, über die der Doktor gesprochen hatte.
Der Sohn meldete sich bei mir, er wolle sein Elternhaus verkaufen. Die Hälfte des Hauses gehörte noch immer mir. Eigentlich nicht, es war anders: Eine junge Frau rief an, die das Haus von meinem Sohn kaufen wollte. Mein Sohn habe sich bestimmt nicht bei mir gemeldet. Der würde mich nicht einmal grüßen. Ich rede von meinem jüngeren Sohn. Der ältere ist anders, aber der ist weggezogen und nicht mal seine Adresse hat er dagelassen.
Auch ich hatte einmal einen Vater. Ich glaube, er war Förster. Ihm waren vom Staat ein Karren und ein Pferd zugeteilt worden. Einmal hat er mich mitgenommen, bis heute höre ich das Zischen der Peitsche, ein kurzes, scharfes Geräusch. Der Uferdamm war holprig, wir wurden durchgeschüttelt, Vater machte schmatzende Laute, ab und zu spuckte er aus, dann zeigte er plötzlich auf den Wald beim Fluss und sagte: »Das habe ich alles allein gepflanzt.«
Der Karren bog vom Uferdamm ab und rumpelte zum Waldrand hinunter. Ich sprang ins Gras und blickte meinen Vater von unten an. Er war nicht alt. Ich habe mich immer sehr vor dem Altern gefürchtet. Und dabei konnte ich mir damals noch gar nicht vorstellen, wie es ihm im Alter ergehen würde: Nach und nach wurden ihm die Beine abgenommen, Zuckerkrankheit, Hinfälligkeit. Meine Mutter hatte ihn dann völlig in der Hand. Zwischen den Bäumen wuchsen Büsche, einige waren krank, mit verfaulten Ästen. Darunter schimmerten die Rücken von Amphibien. Glänzende Feuchtigkeit. Der Vater stieg langsam herunter und tätschelte dem Pferd das Hinterteil. Er mochte es mehr als mich, aber ich beschwere mich nicht, ich möchte diese Geschichte nicht allzu ernst nehmen.
»Idefigyelj«, hör zu, sagte meine Mutter zehn Jahre später auf Ungarisch zu meinem Vater, »beweg dich, du musst schon mitmachen«, wiederholte sie, als sie ihn auf seinem hohen Krankenbett auf die andere Seite drehte.
Wasser bis zu den Knien, Überschwemmungsgebiet. Riesige Mücken schlüpften dort und flogen in Schwärmen Richtung Stadt. Der Vater beruhigte das wiehernde Pferd. Wir gingen tiefer in den Wald.
»Adok én neked«, dir werde ich es zeigen, schnaufte die Mutter, wenn sie den Vater umdrehte.
»József«, sagte sie in vorwurfsvollem Ton.
»Idefigyelj, Ilonka«, begann sie später die Gespräche mit meiner Frau, meine Mutter bemühte sich um ihre Aufmerksamkeit, obwohl sie Frauen nicht mochte. Männer hatte sie lieber, da die ihr zuhörten, wenn sie redete, wenigstens sahen sie so aus, Frauen aber nicht, die sagten das nur so, während sie mit ihnen redete, dass sie zuhörten. »Ich höre, Marika«, sagten sie, aber dabei rupften sie weiter eine abgebrühte Gans oder erzogen ein Kind, »Idefigyelj«, sagte meine Mutter und zupfte ihre Schwiegertochter am Ärmel, die war keine aufmerksame Zuhörerin, »ich höre dir zu, Marika.«
Mutter drehte Vater wieder um.
Auch Menschen, die einander lieben, treiben sich nicht selten gegenseitig in den Wahnsinn.
Vater hatte hohe Gummistiefel, aber mir zog er ein Stück vom Karren entfernt die Schuhe aus, damit ich sie nicht ruinierte, barfuß ging ich durch Schlamm und Wasser. Meine Hose war durchnässt, aber das störte den Vater nicht. Auch als mir irgendetwas Spitzes in die Ferse schnitt, sagte ich keinen Mucks, hielt nur kurz an. »Komm schon, komm schon«, maulte er, doch seine Stiefel sanken immer tiefer ein. Der Junge muss härter werden, sagte er immer zu meiner Mutter, seiner Frau. Er wartete auf eine Überschwemmung, aber dazu kam es in Mitteleuropa erst um einiges später und unsere Gegend ließen die Überschwemmungen ganz aus. Als ich seine Stiefel bemerkte, die bis zum obersten Rand im Schlamm steckten, schien es mir plötzlich, als ob wir gar nicht in einem überfluteten Wald wären, sondern in dem Becken voller Fäkalien, das neben der neuen Kläranlage gebaut worden war, genau dort, wo der Wald auf die Randgebiete der Stadt traf. Ich stellte mir vor, wie mein Vater in der Scheiße unser aller Nachbarn versank. In der Scheiße der gesamten Straße und aller benachbarten Straßen. Ich wünschte mir, er würde in der stinkenden Jauche ertrinken. War das hart genug? Ich denke, er hätte es zu schätzen gewusst.
Jahre später ist mir bewusst geworden, dass diese Erinnerung nicht echt ist: Die Kläranlage am Ende der Lovecká ulica wurde erst gebaut, als mein Vater sich schon nicht mehr bewegen konnte.
Wir wateten zu einer Anhöhe tief im Wald, einer Insel im Reich des Morasts. »Wozu haben wir uns bloß hierher gequält?«, fragte ich schlecht gelaunt auf einem Baumstumpf sitzend. Beide Hände hatte ich um den schmerzenden Fuß gelegt. »Mir gefällt es hier«, gab er zurück, zündete sich eine selbstgedrehte Zigarette an und kurz darauf blies er auch schon Rauch aus, der mir in den Augen brannte.
Die Faulheit meines Vaters war allseits bekannt.
Er hatte keinerlei Ambitionen.
Er war der einzige von allen mir damals bekannten erwachsenen Menschen, der sich abschalten konnte, einfach dasitzen und nur so vor sich hinpaffen. Ich bin sogar davon überzeugt, dass er beim Dasitzen nicht einmal nachdachte. Er saß einfach nur da und die Leere verschlang ihn. Von Buddhismus hatte er keinen Schimmer. Seine Eltern kamen aus der Puszta, sie hatten dort einen Gutshof. Einmal besuchten wir sie, aber nur einmal, wir hatten kein Geld für Reisen oder Mama zerstritt sich mit diesen Leuten, Vorhang zu, Schluss. In der Puszta jagten Pferde umher und schwarze Schweine wälzten sich im Schlamm. Vaters Eltern züchteten graue Rinder, ich erinnere mich noch an die weit auseinanderstehenden langen Hörner. Und an den Geruch der uralten Möbel in dem langen niedrigen Häuschen. Seine Bewohner sahen aus wie verbitterte bankrotte Angehörige der Mittelschicht, die durch wiederholte Schicksalsschläge aus ihren großbürgerlichen Residenzen in Budapest verjagt worden waren. Zimmer, vollgestopft mit muffigen Möbeln … kleine Vitrinen mit Heiligenbildchen, das unnatürlich kalt wirkende Wachsgesicht der Gottesmutter, Miniaturkreuze mit filigranen Ornamenten, Unmengen an Gläsern, Bechern, Schalen, Tassen, Teeservices, Porzellanfigürchen, Kerzenständer, tausenderlei Krimskrams. Auf dem dicken, verstaubten Teppich alte Sessel, die weinrot, dunkelgrau, dunkelbraun, manche auch violett bespannt waren. Diese seltsamen Ottomanen, wie für Leute mit mehreren Köpfen, zu vielen Beinen, zahlreichen Armen, Ottomanen, die an den Wänden mal nach rechts, mal nach links abbogen. Und nur schwarze Bücher, ausschließlich schwarze Bücher, mit grünlichen Seiten, in langen Reihen auf den Regalen. Niedrige Decken, Mottenkugelgeruch. Schwaden süßer Liköre … und Stille, Stille, Stille, nur ab und zu das Knarzen des Fußbodens … stämmige Frauen in Röcken, schwächliche, sehnige Männer in Pelzwesten, keine Kinder, keine Gleichaltrigen, nur alte Leute.
Aber warum spreche ich über den Vater?
In der Beziehung, in der ich der Sohn und mein Vater der Vater war, aber es ist nicht wichtig, ob gerade er, kurz gesagt, in der Beziehung, in der ich der Sohn und jemand anders der Vater war, hatte ich kein schlechtes Gefühl. Trotz allem Möglichen. Trotz allem. Ich kam mir ganz gut vor in dieser Beziehung. In der Rolle des Sohnes war ich zu Hause. Diese Aufgabe beherrschte ich. Aber in der Beziehung zu meinen Söhnen fühle ich mich schlecht. Im Allgemeinen kann ich nur so viel sagen, dass mir die Aufgabe der Vaterschaft zu früh aufgeladen wurde. Oder sind meine Söhne keine geeigneten Söhne? Sind sie keine richtigen Söhne?
Es ist so: Meine Söhne sind unfähig, Söhne zu sein.
Ich wollte Kinder haben.
Oder nicht?
In dieser Hinsicht unterschied ich mich vielleicht von meinen Altersgenossen. Wir wuchsen heran und gingen nach und nach aus unserem Viertel weg, aber nicht weit weg, damals konnte man nicht weit weggehen. Wir flogen aus dem elterlichen Nest und landeten gleich auf dem Nachbarast. Selbst für diesen kurzen Flug war ein gewichtiger Vorwand nötig: Die Ehe. Die meisten von uns interessierten sich eher für Fußball, Tischlern oder Klempnerarbeiten, der nervöse Barnabáš träumte davon, Automechaniker zu werden, aber es stimmt, wir wollten auch Sex haben, obwohl uns die natürlichen Folgen davon nicht geschmeckt hätten. Oder nur mir nicht? Ich hatte das Gefühl, dass Eltern durch ihre Sorge und Liebe – insofern sie zu so etwas in der Lage sind – das ganze Leben nur das Leiden linderten, das sie ihren Kindern dadurch zufügt hatten, sie in die Welt gesetzt zu haben. Meine Freunde sehnten sich, glaube ich, auch danach, durch Stammespflege die Familie zu erhalten, ich möchte das nicht bezweifeln. Aber was waren das für Familien? Arbeiter- und Bauernklans von Alkoholikern und Schwachköpfen. Wir sprechen hier nicht von Königsgeschlechtern oder einer Turteltaubennation. Die Menschen in dieser Stadt hatten nichts gemein mit irgendeinem Volk. Die Nationen waren in grenzüberschreitenden Kopulationen verschwunden und die Grenzen hatten sich allmählich in Kriegen und Nachkriegszeiten aufgelöst, wurden übermalt durch immer neue Vagabunden, die ihre Linien böswillig oder blind zogen, sie schwenkten Flaggen und grölten patriotische Lieder. Sie machten es genau wie ihre Vorfahren und die Vorfahren ihrer Vorfahren: Aus Gewohnheit.
Das Haus in der Lovecká ulica hat mein Bruder gebaut. Ich habe nur geholfen.
Wir haben ein Labyrinth gebaut, ein Gewirr aus Korridoren, kleinen Zimmern, im Nichts endenden Fluren und blinden Abzweigungen. Der wesentliche Teil des Gebäudes lag unter der Erde, um die Nachbarn nicht neidisch zu machen. Von außen wirkte das Haus eher bescheiden, war sogar das kleinste in der Straße.
Am Anfang kündigte mein Bruder mir an: »Wirklich wichtig ist der Wechsel von Licht und Schatten. Die Schatten werden vorherrschend sein. Und weiche, dunkle Ecken. Rundungen im Halbdunkel. Gebrochene Bögen. Nichts Pompöses, eher bescheiden und proletarisch. Und zum Beispiel solche Sachen wie ein Kreuzrippengewölbe in der Speisekammer. Verzierungen sind ein untrügliches Zeichen für Kitsch, genau damit werden wir alle in die Irre führen. Die Bedeutung wird sorgfältig verborgen sein.«
Über die Einfälle des Bruders dachte ich mir meinen Teil.
Schweigend wunderte ich mich, als ich sah, dass der Flur, der von der Terrasse, der Eingangstür und dem Vorraum weiter zum Wohnzimmer führte, leicht abfiel und auch nicht direkt auf die Wohnzimmertür zulief, sondern um die Kurve bog, dann plötzlich weiter geradeaus ging und erst in einem großzügigen Bogen zum Ziel gelangte. In der Mitte des Flurs ragte schief eine massive Wölbung vertikal von der Decke, deren Zweck sich nicht erschloss
