Im Nebel der Zeiten - Angelica Kowalewski - E-Book

Im Nebel der Zeiten E-Book

Angelica Kowalewski

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Beschreibung

Robert, ein 25 Jähriger Geschichtsstudent, ist abends auf den Ritterspielen in Freienfels auf dem Weg zu einer Taverne, wo er sich mit Freunden treffen will. Als er im Morgengrauen allein auf einer Wiese erwacht, wird er Zeuge eines Raubüberfalles mit tödlichem Ausgang für einen Ritter. Er stellt fest, dass es sich dabei keineswegs um ein Teil der Show des mittelalterlichen Spektakulums handelt. Es geht um Leben und Tot und er greift ein. Er bemerkt, dass er sich aus unerklärlichen Gründen im Jahr 1295 befindet, der Zeit als König Adolf von Nassau Weilburg die Stadtrechte verliehen hat. Während sich Robert im mittelalterlichen Wylinaburch, einer fremden Welt von Intrigen, Gewalt, Freundschaft und Liebe durchschlägt, beginnt mit seinem Verschwinden in der Gegenwart für seine Familie die härteste Probe ihres Lebens. Als Roberts Bruder Diego, in einer Höhle die entscheidenden Hinweise für die Klärung von Roberts verschwinden findet, gerät er jedoch selbst in das Fadenkreuz von Polizei und Bundeskriminalamt.

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Seitenzahl: 300

Veröffentlichungsjahr: 2013

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www.tredition.de

Unseren Söhnen Alexander und Alan

Alle Dunkelheit der Welt, kann das Licht

einer einzelnen Kerze nicht auslöschen.

(Chinesisches Sprichwort)

Angelica & Luis Kowalewski

Im Nebel der Zeiten

Roman

www.tredition.de

© 2013 Angelica & Luis Kowalewski

Umschlaggestaltung, Illustration: Alan Kowalewski

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

ISBN: 978-3-8495-3838-5

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Das Ritterturnier

Robert zog trotz des milden Wetters das dick wattierte Wams an. Er streifte sich den zweifarbigen Waffenrock mit dem aufgestickten Wappen über, der laut seinem Großvater, seit mehr als 300 Jahren dem Adelsgeschlecht seiner Vorfahren gehörte. Er schlüpfte in seine Stiefel, band sich den breiten Gürtel um, an dem die Schwertscheide und ein Damaszener Dolch befestigt wurden.

Er vervollständigte die Gewandung fürs Turnier mit dem Lodenumhang, dem Langbogen aus Eschenholz und dem Pfeilköcher mit bunt befiederten Pfeilen.

Zu guter Letzt schulterte Robert noch sein Bündel für das Nachtlager.

Er freute sich darauf, seine Freunde auf dem Turnierplatz zu treffen.

Nach den Wettspielen würden sie, neben einem am Spieß gebackenen Spanferkel einige Becher Met genießen und ihre müden Glieder in dem großen hölzernen Badezuber vom Badehaus entspannen.

„Handy nicht vergessen“, dachte Robert und steckte sein Mobiltelefon in die Innentasche seines Umhangs.

Es war der erste sonnige Tag seit Wochen.

Die zarten Grüntöne der neu sprießenden Blätter im Wald und das Vogelgezwitscher der Meisen kündigten den Sieg des Frühlings über den kalten Winter an.

An diesem letzten Wochenende im April wurde die idyllische Ortschaft Freienfels, die einige Kilometer nördlich von Frankfurt am Main liegt, wie jedes Jahr für eine Woche ins Mittelalter versetzt.

Robert war sechs und sein Bruder Diego zehn Jahre alt gewesen, als seine Eltern hier ein Haus kauften. Sie hatten seit damals kein einziges Turnier verpasst.

»19 Jahre ist es schon her. Unglaublich! «, dachte er.

»Am Anfang waren es höchstens 20 Zelte und ungefähr 100 Akteure«, erinnerte er sich, während er die steile Straße hinunterlief und die Gugel über seine langen blonden Haare zog.

»Und jetzt«, überlegte er, während er den Blick über die fast sieben Hektar belegter Fläche streifen ließ, »ist es bereits die größte deutsche Mittelalterliche Veranstaltung, mit mehr als zweitausend aktiven Mitgliedern der Gilden aus ganz Europa. «

Das Klingeln seines Handys riss ihn aus seinen Gedanken.

Es war Sebastian, den er schon seit der Schulzeit kannte. Er wollte sich mit Robert und noch ein paar anderen Freunden um 21 Uhr, nach dem Nachtturnier treffen, um sich gemeinsam das große Feuerwerk »Burg in Flammen« anzuschauen.

Robert musste das Gespräch beenden, da er kein Wort mehr verstand, so laut spielten die Leiern und Trommeln der mittelalterlichen Musiker auf dem Marktplatz.

Er schaute kurz auf die Uhrzeit am Handy und stellte fest, dass er noch genug Zeit hatte um den bekannten Bogner aufzusuchen.

»Der Herr brauchen neue Pfeile? «, fragte der Handwerker auf Altdeutsch, wie es auf dem Markt üblich war.

»Ich sehe, Ihr habt noch einige, die Ihr voriges Jahr bei uns erworben habt. «

»Ja, aber ich würde diesmal gerne die Pfeile aus Carbonfaser kaufen. Die sind in Berlin nämlich teurer. «

»Diese hier sind sehr stabil und unempfindlich gegen Feuchtigkeit, anderseits sind sie etwas schwerer als die Holzpfeile, die Ihr habt«, beriet ihn der Bogner.

Robert überlegte kurz und antwortete:

»Es macht nichts, die halten aber länger. Als Student kann ich es mir nicht leisten, immer neue zu kaufen. «

Er nahm gleich 24 Stück und zwei Finger-Tabs aus Hirschleder mit. »Was schulde ich Euch? «

»Es sind 250 der Silberlinge, aber ich verlange nur 240 von Euch, da Ihr uns jedes Jahr beehrt«, sagte der Bogner.

Robert bedankte sich und zahlte. Er zog wegen der starken Hitze noch die Gugel herunter und wollte schon weitergehen, als er eine helle Frauenstimme vernahm:

»Hi, Robert! Gut, dass du deine Kopfbedeckung abgenommen hast, sonst hätte ich dich gar nicht erkannt!«

Robert drehte sich um und sah seine Cousine Laura, die auch jedes Jahr das Spektakulum der Freienfelser Ritterspiele besuchte.

»Hallo Laura, wie geht es dir?

Gut siehst du aus, wie ein echtes Burgfräulein mit dem edlen Gewand, und trotzdem wehrhaft mit Pfeil und Bogen. Alle Achtung! Willst du heute mit uns zelten, unten im Lager? «

»Nein, diesmal nicht, ich muss morgen früh arbeiten. «

»Schade.«

»Ja, aber im kommenden Jahr campiere ich wieder mit euch!

Was hast du denn alles mit? Ziehst du in den Dreißigjährigen Krieg? «, fragte Laura lachend.

»Ja, sieht fast so aus. Da ich aber die nächsten drei Tage hier mit Freunden zelte, habe ich alles mitgebracht, was ein Mann im Mittelalter so braucht: ein Lammfell, einen handgeschmiedeten Feuerstahl, Feuerstein und Zunderwolle im Wildlederbeutel, Trinkhorn, eine Kalebasse mit Met, eine geschmiedete Lagerpfanne und einen Holzlöffel.

Aus der Moderne: mein Schweizer Messer, eine LED Taschenlampe und ein Gasfeuerzeug«, erzählte Robert verschmitzt.

Laura amüsierte sich und bekam einen Lachanfall, während Robert seine Sachen aufzählte.

»Gut vorbereitet! Dir kann ja wirklich nichts passieren«, sagte sie und lachte weiter.

»Ich wollte gerade zur Wahrsagerin, mir die Zukunft lesen lassen. Kommst du mit? «

»Die Zukunft?« Jetzt musste er lachen.

»Wer seine Zukunft im Voraus kennt, verändert seine Zukunft! «

» Aber ja, ich komme mit. Ein bisschen neugierig bin ich schon. «

Sie marschierten los und unterhielten sich weiter über Roberts Ausrüstung.

Als sie bei der Wahrsagerin eintrafen, hatten sie Glück. Sie kamen gleich als Nächste dran.

Laura setzte sich auf einen Hocker vor die Wahrsagerin in ihrem kleinen Zelt, während Robert stehend auf sie wartete.

Die Frau redete nicht viel, sie nahm gekonnt die Personenkarte mit einer weiblichen Abbildung aus dem Kartenstapel und legte sie offen auf den Tisch.

Sie schaute Laura kurz an und fragte:

»Möchten Sie das kleine oder das große Kartenbild? «

»Ich denke, das kleine reicht mir schon«, sagte Laura und lächelte verlegen.

Die Wahrsagerin mischte die restlichen »Lenormand«-Karten und bildete vier Stapel, aus denen Sie jeweils Karten zog, die sie um die Personenkarte legte.

»Ein erfülltes Leben steht Ihnen bevor! Und freuen Sie sich über Ihr Glück, denn heute noch werden Sie Ihre große Liebe kennenlernen!«, sagte sie.

Laura bedankte sich und zahlte die 10 Silberlinge.

Die Wahrsagerin schob die Karten zusammen, mischte sie erneut und schaute kurz zu Robert hinüber.

»Möchten auch Sie wissen, was Ihnen die Zukunft bringt, mein Herr? «

Robert, der mit dieser Frage nicht gerechnet hatte, antwortete verdutzt: »Nein. Nein danke, ich weiß so ziemlich genau, was mir meine Zukunft bringt. Und zwar lernen, lernen und nochmals lernen. Ich schreibe nämlich bald eine wichtige Prüfung in mittelalterlicher Geschichte. «

»Komm schon, Robert! «, sagte Laura

»Okay! Ist ja gut, mal sehen, was die Karten sagen. «

Die Wahrsagerin führte routiniert ihre Legetechnik aus, diesmal allerdings mit einer männlichen Abbildung auf der Personenkarte. Nachdem sie die weiteren Karten ausgelegt hatte, schüttelte sie irritiert den Kopf.

»Was ist denn, habe ich keine Zukunft? «, alberte Robert.

»Natürlich! Aber diese Wahrsagung ist sehr kompliziert zu deuten!«

»Sage ich doch, meine Prüfung wird sehr, sehr kompliziert! «, meinte Robert und lachte.

»Nein! Diese Deutung ist wirklich nicht einfach«, sagte die Alte.

»Ich muss noch ein paar Karten dazulegen. «

Das Gesicht der Frau wurde noch grimmiger, als es bereits war.

Sie begann von vorne, mischte, legte vier Stapel, zog erneut und legte noch einmal.

Dreimal führte Sie diese Prozedur aus.

Robert wurde langsam ungeduldig und wollte längst gehen. Er hatte noch etwas zu erledigen. Er wollte den Siegelring mit dem Familienwappen abholen, den er für seinen Vater hatte anfertigen lassen.

In diesem Moment liefen ein paar angeheiterte Jugendliche am Zelt vorbei und machten sich lustig.

»Na, du alte Hexe: Was sagen denn die Karten für mich? «

Die alte Frau schaute verstört und etwas zornig auf.

»Diese betrunkenen Kerle belästigen mich schon den ganzen Tag! « Sie kümmerte sich aber nicht weiter um sie und konzentrierte sich wieder auf Roberts Karten.

»Nun, so viel kann ich Ihnen jetzt sagen: Sie werden eine lange Reise machen, womöglich bald. NEIN ... heute noch! Es wird eine gefährliche Reise und Sie müssen sehr vorsichtig sein. Nehmen Sie sich in Acht. Trauen Sie niemandem! «

Robert, etwas angesäuert über die unrealistische Vorhersage, stand auf und wollte widerwillig die Frau für das Kartenlegen bezahlen.

Doch sie schaute Robert fast mitleidig an und nahm die Münzen nicht an.

»Nein ... nein, für diese Wahrsagung verlange ich von Ihnen kein Geld. «

Sie schaute ihn an, griff in ihre Tasche und meinte:

»Im Gegenteil, ich möchte Ihnen dieses Schutzamulett, dem magische Kräfte zugeschrieben werden, schenken.

Das Horus- oder Udjat-Auge ist eine ägyptische Hieroglyphe mit der Bedeutung: ›intakt, vollständig, gesund‹. Tragen Sie es immer bei sich! «, sagte die Wahrsagerin etwas zu laut.

»Danke! Aber ich kann das nicht annehmen. «

Die Wahrsagerin unterbrach ihn.

»Bitte nehmen Sie es an. Sie werden es brauchen, denn dieses Amulett weist Ihnen den Weg zurück. «

Robert und Laura liefen in Richtung Turnierplatz, während Robert sich das Amulett mit der stilisierten Form eines Auges umhängte.

Er schaute fragend zu Laura:

»Kannst du mir bitte sagen, was das eben sollte? «

»Ich habe keine Ahnung. «

»Diese Frau hat solch einen Quatsch erzählt. «

»Ja und ich bezweifle, dass ich meine große Liebe in ... «, sie schaute auf die Uhr.

»genau 20 Minuten finde. Danach muss ich nämlich los. Na gut, vielleicht hänge ich noch fünf Minuten dran ... Was macht man nicht alles für die große Liebe! «, sagte Laura.

Beide lachten.

»Ich bin auch gespannt, wo meine Reise heute noch hingehen soll, höchstens in einen Metrausch! «

»Vorher schieße ich ein Foto von dir, damit ich es meinen Freundinnen zeigen kann. Die werden neidisch sein, dass ich so einen coolen Cousin habe. «

»Ja, Laura, gute Idee ich mache auch eins von dir. «

Es herrschte bereits dichtes Gedränge auf dem mittelalterlichen Markt.

Der Duft schmackhafter Speisen strömte ihnen entgegen. Robert schaute mal wieder auf die Uhr.

»Ich muss noch einen Siegelring abholen und treffe mich später mit meinen Freunden in der Taverne. Ich würde gerne vorher noch etwas essen. Kommst du mit? «

»Also, bei Speis und Trank bin ich dabei. Wollen wir zum Hanfbäcker gehen? «, antwortete Laura voller Begeisterung.

»Gute Idee!«

Sie bahnten sich ein Weg durch Ritter, Bettler, Gaukler, Bauchtänzerinnen und zahlreiche Besucher.

Während sie vor der Hanfbäckerei Schlange standen, grüßte Robert Nachbarn aus dem Dorf, die ihn jedoch kaum erkannten. Er hatte sich in den letzten Jahren sehr verändert, und seit er am Institut für Geschichtswissenschaften in Berlin studierte, war er selten in Freienfels.

Obwohl er sich immer gewünscht hatte, in einer Großstadt zu leben, sehnte er sich jetzt nach der Ruhe der Natur und nach dem Leben auf dem Land, wo er aufgewachsen war.

Als sie endlich an der Reihe waren, bestellten beide Hanftaschen mit deftigem Fleisch, Soße und Kraut mit Hanfsamen bestreut. Dazu nahm Laura ein Wasser und Robert einen Met.

»So, mein lieber Robert, es hat sehr gut geschmeckt und es war schön mit dir, aber ich muss jetzt los. Ich rufe dich an, falls ich die Liebe meines Lebens doch noch in den nächsten paar Metern von hier« - sie zeigte auf ihren Standpunkt –

»bis zu meinem Auto finde! « Sie gab Robert einen Kuss.

»Ich habe ja auch nur noch Zeit bis Mitternacht, um zu verreisen! Tschüss, Laura«, sagte er lachend.

Robert musste sich jetzt beeilen, um den Goldschmied noch rechtzeitig aufzusuchen bevor er den Stand schloss.

Es dämmerte schon und die meisten Besucher hatten sich rund um den Turnierplatz eingefunden, um dem Nachtturnier beizuwohnen. Mit Pauken und Trompeten wurden dort die Ritter der verschiedenen Kompanien empfangen. Die Leute jubelten und klatschten.

Mit Einbruch der Dunkelheit erkannte man deutlich den warmen, goldenen Schimmer der brennenden Fackeln auf dem Turnierplatz. Der Marktplatz war überschaubar geworden. Es blieben fast nur noch die Darsteller, die den Abend so verbrachten, wie es im Mittelalter gewesen sein soll. Das Licht der Kerzen und Öllampen vermischte sich mit dem Rauch der offenen Kochstellen und verzauberte den Ort.

Die Klänge von Leier, Tamburin und Schellenstab, das Spektakel von Gauklern und Feuerspuckern und die zweideutigen Texte vergnügter Minnesänger ließen Robert für einen Augenblick träumen, er wäre tatsächlich im Mittelalter.

Robert hatte Glück, der Goldschmied war noch da. So konnte er den goldenen Siegelring mit dem handgravierten Familienwappen abholen.

Obwohl der Ring für seinen Vater bestimmt war, zog er ihn an, aus Angst, er könne sonst verloren gehen.

Robert sah sich das Wappen aufmerksam an. Die Figur, die mit Laser auf dem grauen Achat graviert war, zeigte das Schild mit den im Mittelalter für die Farben Rot und Blau festgelegten Schraffierungen. Darauf wies es eine Sichel und ein halbes Hufeisen auf, die beide mit einem russischen Doppelkreuz zusammengehalten wurden.

Darüber folgten die Helmdecke und der Bügelhelm mit Königskrone.

Das Auffälligste am Wappen war die Helmzier: Es war ein vollständiges bestiefeltes Bein mitsamt der Rittersporen.

Sein Großvater hatte Ahnenforschung betrieben und herausgefunden, dass dieses Wappen das Bild seines Ahnens auf einem Ölbild in der Universität zu Königsberg schmückte. Seine Familie stammte von diesem Coelestinus Korff ab, ein Doktor der Philosophie im Königreich Preußen. Um das Jahr 1750 wurde er der erste Professor der juristischen Fakultät und dann um 1770 zum Rektor der Universität ernannt.

Gerade diese Geschichten hatten ihn bereits in frühen Jahren zum Träumen angeregt. Dies war auch einer der Gründe für ihn gewesen, Geschichte zu studieren.

Die Fanfaren kündigten das Ende des heutigen Turniers an. Robert eilte jetzt zur Taverne.

Er wollte den vereinbarten Treffpunkt noch vor dem Beginn des Feuerwerks erreichen.

Er hatte zwar ein schnelles Tempo eingelegt, bemerkte trotzdem aus dem Augenwinkel, dass die Wahrsagerin erneut von diesen Jugendlichen belästigt wurde.

Die gleiche Gruppe junger Männer, jetzt bereits stockbesoffen, war dabei, die Frau anzupöbeln.

Robert überlegte nicht lange und lief hin.

»Vielleicht braucht die arme Frau ja Hilfe«, dachte er.

Einer der Jugendlichen wurde besonders laut:

»Alte Hexe! Ich will, dass du mir meine Zukunft liest, und zwar jetzt! Du schreckliche Hexe! «, pöbelte er sie an.

»Haut ab, ihr besoffenes Pack, sonst rufe ich die Polizei! «

»Haha. Und wo willst du die Bullen herholen? Ich lache mich tot! «, sagte der andere und stieß dabei einen Ständer mit Amuletten um.

Die Wahrsagerin zog sich verärgert in ihr Zelt zurück und griff nach einem alten Zauberbuch. Sie wollte den Störenfrieden einzuschüchtern und schlug das schwere Zauberbuch auf.

»Seid endlich still, sonst schicke ich dich zur Hölle! «, sagte sie mit lauter, theatralischer Stimme.

»Habt ihr das gehört? «, kreischte der Jugendliche.

»Sie will mich zur Hölle schicken«, lachte er.

»Na dann mach doch, wenn du kannst! Ich bin gespannt, wie es dort aussieht. «

Der Randalierer wurde von seinen Freunden weggezerrt, als diese Robert bemerkten.

Die alte Frau war völlig außer sich.

In ihrer Rage hatte sie gar nicht bemerkt, dass Robert ihr zu Hilfe eilen wollte, sie schaute zu ihm hinüber und las jetzt laut aus dem Buch vor:

»Ich verbanne dich mit meiner Macht!

Ich verbanne dich mit der Macht der Sonne und des Mondes ... «

Gerade in diesem Augenblick begann das Feuerwerk.

»Nein! «, dachte Robert und schaute hinauf zum bunter werdenden Nachthimmel.

Wie es der Teufel will, läutete jetzt auch noch sein Smartphone.

Dann passierte es: Die Schnalle seines Stiefels verhedderte sich im Spannseil des Zeltes. Er stolperte und stürzte vor der in Rage gebrachten Wahrsagerin zu Boden, während diese mit schriller Stimme ihren Fluch zu Ende sprach:

»Ich verbanne dich mit den Mächten von Erde, Luft, Wasser und Feuer in die Vergangenheit! … «

Robert lag vor der Wahrsagerin, die erzürnt auf ihn zeigte, und hörte gerade noch ihre letzten geschrienen Worte: »In die verdammte Hölle des Mittelalters! «

Dann ..., war da nur noch Stille.

ALIENOSITER

Roberts seltsame Reise

Als Robert wach wurde, war es noch dunkle Nacht. Er hatte starke Kopfschmerzen und ihm war etwas schwindelig. Er massierte die Schläfen mit den Fingerkuppen, aber die Schmerzen gingen einfach nicht weg.

Er fragte sich, wo er gelandet war. Er konnte sich nicht daran erinnern, zu viel getrunken zu haben und doch lag er hier auf einem Feld mitten im Nichts.

Einer alten Gewohnheit folgend, schaltete er zuallererst sein Mobiltelefon ein.

Es sah, dass im Posteingang eine Nachricht war: eine SMS von Laura.

Er begann im Liegen zu lesen: »Das glaubst du mir NIE: Bin auf dem Weg zum Auto gestolpert und habe mir den Knöchel verstaucht.

Ein junger Ritter kam mir zu Hilfe und hat mich bis zum Sanitäter Zelt gestützt.

Er ist total nett und hat wunderschöne grüne Augen. Kann es sein, dass er die Liebe meines Lebens wird? Dann hätte die Wahrsagerin mit ihrer Weissagung ja Recht behalten ;-)

Wie steht‘s bei dir: Bist du schon verreist? LG, Laura!«

Robert lachte auf, klickte auf >Antworten< und tippte: »Du wirst lachen: Verreist nicht, aber ich bin mitten auf einem Acker gelandet. Ich rufe dich später an und erzähle dir, wie es weiterging« und drückte auf senden.

»So ein Mist, kein Netz! Gestern hatte ich doch einen guten Empfang hier. «

Er legte sein Mobiltelefon zurück in die Tasche und bettete seinen Kopf auf sein Schaffell.

Er war todmüde und die warme Luft ließ ihn gleich wieder einschlafen.

Noch im Morgengrauen des nächsten Tages wurde er durch sonderbare Geräusche geweckt.

Es war ein Rupfen und Schnaufen, das er zwar nicht einordnen konnte, jedoch alles andere als ungefährlich klang.

Er öffnete die Augen und sah zu seinem Erstaunen, dass er sein Nachtlager offensichtlich mitten auf der Hochwiese über dem Turnierplatz aufgeschlagen hatte.

Drei völlig aufgezäumte Pferde umzingelten ihn, um dort friedlich zu grasen. Er musste über seine Furcht jetzt laut lachen.

»Es sind bestimmt die Pferde der Ritter vom Turnier«, dachte er.

»Ich sollte mich jetzt auf den Weg zu Sebastians Zelt machen. Dann kann ich noch eine Weile schlafen, bevor Kaffee und Frühstück gemacht werden. «

Er stand auf und schüttelte den Schlaf aus seinen steifen Gliedern. Er atmete tief ein, gähnte noch einmal und schaute sich um.

»Etwas stimmt hier nicht! «, stellte Robert erstaunt fest.

»Das Dorf ist nicht in Sicht. Und wo ist eigentlich unser Haus? Da stehen ja nur noch Bäume. «

Burg Freienfels stand zwar auf dem gewohnten Platz, sah aber mit ihren Zinnen und den schiefergedeckten Dächern eher wie eine trutzige Burg und nicht wie die ihm bekannte Burgruine aus.

Auch der Parkplatz auf der Höhe, der gestern noch voller Autos stand, war nicht zu sehen.

Er drehte sich in Richtung Turnierwiese um und sah zu seinem Erstaunen, dass der große, mit Verkaufsständen, Zelten und Tribünen gesäumte Turnierplatz völlig verschwunden war.

»Wow, was für ein Albtraum. Was hab ich denn gestern getrunken oder gegessen? Ich verspreche: Ich esse nie wieder Hanftaschen. Waren die denn aus echtem Marihuana? «

Robert war belustigt und rieb sich die Augen, um endlich wirklich wach zu werden.

Dann schlich sich Panik ein: Er merkte, dass er tatsächlich hellwach war, aber außer der Burg kein einziges Haus, überall nur noch Wald und Wiesen in Sicht waren. Er hatte keinen blassen Schimmer, wo er gelandet war und vor allem wie er dorthin gekommen war. Trotz seiner 25 Jahre bekam er jetzt große Angst.

Er fühlte einen Kloß im Hals und bekam vor lauter Verzweiflung keine Luft.

Er musste es schaffen, sich zu beruhigen. »Jetzt muss ich mal nüchtern nachdenken«, sagte Robert zu sich selbst und holte noch einmal sein Mobiltelefon heraus.

Er versuchte zu telefonieren, ins Internet zu gelangen, das GPS oder den Kompass zu starten, aber nichts funktionierte.

Der Akku war noch geladen und die Fotos, die er gestern aufgenommen hatte, konnte er auch problemlos sehen.

Verärgert schaltete er das Telefon aus, verstaute es in seiner Tasche und entschied sich, den Berg hinauf durch den Wald in Richtung Burg hochzulaufen.

»Dort muss doch jemand sein, der mir helfen kann! «, hoffte er.

Plötzlich blieb Robert stehen. Er erinnerte sich an die letzten Worte der Wahrsagerin und ein ketzerischer Gedanke, der jeder Logik widersprach, drängte sich auf: »Kann es denn sein, dass das Unmögliche passiert ist; dass mich die Hexe tatsächlich ins Mittelalter verbannt hat? «

Seine Gedanken wurden durch den Galopp von Pferden unterbrochen. Es war genau unterhalb seines Standorts. Als er genauer hinschaute, sah er, dass zwei Ritter gerade noch rechtzeitig die Pferde angehalten hatten, bevor mit lautem Bersten und Knacken ein Baum auf den Weg krachte.

Dann geschah alles sehr schnell. Drei Männer sprangen aus dem Dickicht des Waldes auf die Lichtung und schrien die Ritter an.

»Das sieht ja krass aus. Als wäre es ein echter Angriff«, dachte Robert und ging langsam in die Richtung des Geschehens, um die Szene besser beobachten zu können.

Der Anführer der Angreifer, ein bulliger Kerl mit der Figur eines Türstehers, schrie:

»Gebt mir den Brief oder Ihr seid des Todes! «

Der ältere Ritter antwortete:

»Das dürft Ihr nicht tun. Mein Herr ist ein Bote von König Adolf von Nassau und reitet in seinem Auftrag. Ihr dürft uns nicht aufhalten! «

Als Antwort rammte einer der Angreifer dem Ritter das Schwert in die Brust. Dieser schrie kurz auf, dann schoss schäumendes Blut aus seinem Mund, bevor er röchelnd vom Sattel glitt.

Sein rechter Fuß hatte sich in einem unnatürlichen Winkel im Steigbügel verfangen und das Pferd schleifte den leblosen Körper vom Weg in Richtung Waldrand mit und blieb dort stehen.

»Hier ist etwas faul. Was hier geschieht, ist nicht gespielt. Es ist echt! «, dachte Robert. Und er schrie jetzt lauthals:

»Halt, was geht hier vor? «

Alles schien aus den Fugen zu geraten. Der Anführer der Angreifer brüllte sofort, während er in seine Richtung zeigte:

»Tötet ihn auch. Der Graf will keine Zeugen! «

Schon liefen zwei der Gefolgsmänner mit erhobenen Schwertern den Hang zu Robert hinauf.

Er merkte instinktiv, dass es jetzt sowohl für den Ritter als auch für ihn tödlich enden würde.

Als hätte er nie etwas anderes gemacht, zog er einen Pfeil aus seinem Köcher, legte an und schoss einen der Gegner in die Brust.

Als der Zweite sah, dass sein Kumpan getroffen zu Boden fiel, machte er kehrt und suchte das Weite.

Robert war noch voll im Adrenalinrausch und legte noch einen Pfeil an, um auch diesen Angreifer unschädlich zu machen.

Mitten in der Bewegung hörte er, dass der Anführer den Ritter anschrie:

»Jetzt werdet auch Ihr sterben! « Und er drehte sich in seine Richtung um.

Der Ritter zerrte die Zügel nach links und gab seinem Pferd die Sporen. Dieses machte einen kurzen Satz, war jedoch nicht schnell genug, um dem Angriff zu entkommen.

Der tödliche Schwerthieb, der ihn mitten in die Brust treffen sollte, wurde durch die Bewegung des Pferdes abgefälscht und traf ihn am linken Unterarm.

Benommen vom Schmerz ließ der junge Ritter die Zügel los und stürzte am Arm blutend vom Pferd.

Als Robert dann zu dem Angreifer zurückblickte, der ihn selbst zur Strecke bringen sollte, war dieser bereits geflüchtet und befand sich außer Reichweite.

Er schaute zurück. Inzwischen lag der Ritter vor dem weiteren Angreifer auf dem Boden und sprach ihn mit unsicherer, vom Schmerz gezeichneter Stimme an:

»Ich ergebe mich. Verschont mein Leben! «, flehte der junge Ritter.

Als Antwort lachte der Angreifer nur.

Er stellte sich breitbeinig über ihn und nahm den Griff des nach unten gerichteten Schwerts in beide Fäuste, um ihm von oben den tödlichen Stoß zu verpassen.

Robert überlegte keinen Atemzug. Er legte an. Zielte auf den Anführer und schoss. Der Pfeil traf sein Ziel und bohrte sich unter der Achselhöhle bis zu den Federn in den Oberkörper des Angreifers.

Dieser schien für eine Sekunde in der Luft zu erstarren und fiel dann wie ein Baum, genau neben den Ritter, um dort reglos liegen zu bleiben.

Robert zog noch einen Pfeil aus seinem Köcher und legte an.

Er wollte jetzt keine Überraschung erleben, denn diese konnte tödlich sein.

Er drehte sich mit angespanntem Bogen im Kreis und lauschte nach Gefahr bringenden Lauten.

Nichts.

Nur die Geräusche des Waldes, das Gezwitscher aufgebrachter Vögel, das Klirren vom Geschirr der Pferde und ein schmerzerfülltes Stöhnen.

Es war die unruhige, schnelle und flache Atmung des verletzten Ritters.

Jetzt, wo keine Gefahr mehr in Sicht war, lief Robert zu dem Verwundeten.

Er war jung, höchstens 19 oder 20 Jahre alt, blickte verstört auf seinen stark blutenden linken Arm, den er mit seiner rechten Hand festhielt, und stand offensichtlich unter Schock.

Robert zog ihn vorsichtig an den Schultern hoch, sodass er sich etwas aufrichten konnte, und lehnte ihn an einen Baum.

Der junge Ritter schaute verwundert auf das Wappen von Roberts Waffenrock, aber seine Schmerzen waren so stark, dass er ihn nicht darauf ansprach.

Er hatte ihm geholfen und das gab ihm das Gefühl, dass er diesem Unbekannten trauen konnte.

Mit großer Mühe zog er mit der rechten Hand einen Umschlag aus Pergament aus der Kuriertasche, die er noch umhängt hatte, und gab ihn Robert.

»Hier. Sollte ich sterben, so müsst Ihr diesen Brief heute noch nach Wylinaburch bringen. « Stöhnend ergänzte er:

»Es ist der Freibrief mit den Stadtrechten, die König Adolf den Bürgern erteilt«, sagte der junge Ritter.

»Ihr dürft den Brief auf keinen Fall jemand anderem als der Königin persönlich übergeben.

Ich ... « Er versuchte noch etwas zu sagen, aber seine Kräfte ließen nach und er fiel in Ohnmacht.

»Mein Gott! Es scheint wahr zu sein. Ich bin tatsächlich im Mittelalter, um das Jahr 1295 gelandet und halte den berühmten Weilburger Freiheitsbrief mit den Stadtrechten in den Händen! Ich kann es nicht glauben! «, dachte Robert.

Er war als Geschichtsstudent brennend daran interessiert, wie der Brief, dessen Original verloren gegangen war, ausgesehen haben könnte.

Er zog den Dolch aus der Scheide und setzte ihn an, um das königliche Siegel zu brechen.

In letzter Sekunde zweifelte er an seinem Entschluss. Es war falsch. Er konnte nicht das in ihn gesetzte Vertrauen missbrauchen.

Auch fiel ihm wieder ein, dass einem solchen Frevel im Mittelalter die Todesstrafe gegolten hatte.

Schweren Herzens nahm er den Brief und verstaute ihn ungeöffnet in der Tasche seines Umhangs.

Jetzt, da der Angriff vorbei war, wurde sich Robert der letzten Minuten bewusst.

Er schaute sich um und sah die Körper der zwei Angreifer und des toten Ritters am Boden liegen.

Der erste lag bäuchlings in einer großen Blutlache zu Füßen des verletzten Ritters. Er hatte beide Arme über dem Kopf ausgestreckt und den Schwertknauf fest mit den geschlossenen toten Fäusten umschlungen.

Der tödliche Pfeil war in der Achselhöhle, genau oberhalb vom Wams, in seinen Oberkörper eingedrungen.

Erst jetzt begriff Robert, dass er in den letzten Minuten miterlebt hatte, wie ein Ritter kaltblütig ermordet wurde und wie er selbst zwei Männer getötet hatte.

Es dauerte einige Zeit, bis er sich fasste und klar denken konnte.

»Ich muss unbedingt diese verräterischen Carbonpfeile einsammeln, sonst wird jeder wissen, dass ich an dem Gemetzel beteiligt war«, überlegte Robert jetzt und zog die Pfeile mit großer Überwindung aus den Körpern der Angreifer.

Der gurgelnde Laut, den der Pfeil machte, als er ihn herauszog, und der süßliche Blutgeruch gaben ihm der Rest. Sein Magen zog sich krampfhaft zusammen und er musste sich mit lautem Würgen übergeben.

Er konnte das Geschehen immer noch nicht begreifen, wusste dennoch, dass er sich jetzt dem verletzten Ritter widmen sollte, um die Blutungen des jungen Mannes schnell zu stillen.

Kurz entschlossen drehte er sich zu einem der toten Männer um und schnitt mit seinem Messer mehrere längere Stoffstreifen von dem Waffenrock ab.

Er brach noch einen Ast von dem gefällten Baum ab und eilte zu dem jungen Ritter.

Robert kniete neben dem Verletzten, schob vorsichtig den blutgetränkten Ärmel hoch und legte einen provisorischen Druckverband am Oberarm an.

Jetzt konnte er eine gründlichere Untersuchung der Wunde vornehmen.

Er sah, dass es eine ernsthafte Verwundung war, die stark blutete.

Der Schwerthieb hatte auf der Außenseite des Unterarms eine lange Fleischwunde vom Handgelenk bis zum Ellenbogen verursacht. Robert nutzte die Ohnmacht des Mannes, um die Wunde mit Met aus seiner Kalebasse abzuwaschen, und legte dann den teils abgetrennten Hautlappen so gut wie möglich auf die offene Wunde zurück.

Er legte einen Ast unter den Druckverband, um diesen anzuziehen und den Blutfluss zu stoppen, bevor er mit dem Verbinden der Wunde begann.

In diesem Moment kam der junge Mann mit lautem Stöhnen zu sich und schaute mit schmerzverzerrtem Gesicht und glasigen Augen zu Robert auf.

»Könnt Ihr diesen Zweig festhalten? «, fragte Robert.

»Ich muss noch einen Leinenstreifen holen, um die Wunde jetzt zu verbinden«, ergänzte er.

Der Junge war noch etwas benommen, nickte aber und hielt mit der rechten Hand den Ast vom Druckverband, während Robert einen weiteren Fetzen Stoff von dem Waffenrock des Angreifers abschnitt.

Er verband notdürftig die Wunde und fertigte noch eine Armschlinge, um den Arm vor Bewegungen zu schützen.

»Ihr könnt jetzt loslassen«, sagte Robert und entfernte den Ast.

Der junge Mann seufzte und sagte dann:

»Habt Dank für die beherzte Hilfe. Ich bin Adalbert, einer der Söhne von Adolf von Nassau, unserem König Adolf dem Ersten … na ja, einer seiner Bastarde. « und fragte dann:

»Wie ist Euer Name? «

»Ich bin Robert Korff.

Was ist denn hier passiert? Wie kam es zu diesem Angriff? «

»Diese räuberische Bande wollte diesen wichtigen Brief vom König stehlen. Als mein Diener dieses verhindern wollte, haben sie ihn kaltblütig ermordet. Ohne euer Eingreifen, wäre ich der nächste gewesen.

Unser König hält zurzeit die Königspfalz in Frankfurt ab.

Königin Imagina und ihr Hof haben aber für ein paar Monate Wylinaburch als Sommerquartier vorgezogen.

Mein Vater gab mir den Auftrag, den Freibrief und einige wichtige Briefe für die Königin und ihren Hof nach Wylinaburch zu bringen. Ich ritt mit meinem Diener vor zwei Tagen von Frankfurt los und übernachtete in einem Gasthaus in Wilmunstre.

Wir sind heute im Morgengrauen aufgebrochen, um noch am Vormittag in Wylinaburch einzutreffen. Dann wurden wir von einem mir unbekannten Ritter und einigen Männern am Wegesrand unter der Burg zu Fryenfels erwartet. Mir wurde nahegelegt, dort zu rasten und zu übernachten. «

» Wilmunstre ist sicher das heutige Weilmünster und Wylinaburch Weilburg an der Lahn «, dachte Robert.

»Ich habe mich geweigert und ihm erklärt, dass ich noch heute nach Wylinaburch reisen musste. Er war sichtlich verärgert und ließ mich widerwillig ziehen.

Er hat aber mit hoher Wahrscheinlichkeit dann diesen Hinterhalt vorbereiten lassen, um mich zu töten; wohl um den Freibrief und die Stadtrechte von Wylinaburch verschwinden zu lassen und so dem König zu schaden. «, sagte Adalbert.

»Der König liegt zurzeit im Zwist mit den Erzbischöfen von Mainz und Trier«, sagte Adalbert.

»Diese scheinen manche befreundete Grafen auf den Plan gerufen zu haben, die Erteilung der Marktrechte von Weilburg zu verhindern «.

Robert wurde nervös. Offensichtlich war er in einen Konflikt zwischen mächtigen Gegnern geraten.

»Wir dürfen jetzt keine Zeit verlieren. Ihr braucht einen Wundarzt und wir müssen uns so schnell wie möglich von hier entfernen«, sagte Robert, nicht unhöflich, aber sehr entschlossen.

»Einer der Angreifer konnte entkommen und ich befürchte, er wird Verstärkung holen, um Euch an der Weiterreise zu hindern. « ergänzte er.

»Wir müssen sofort nach Wylinaburch aufbrechen. Dort sind wir in Sicherheit«, sagte Adalbert.

Die Vermisstenanzeige

Am nächsten Tag, gegen Mittag, ging Roberts Mutter Martha an das klingelnde Telefon.

»Hallo Frau Korff, hier spricht Sebastian. Ist Robert zu Hause? «

»Nein. Er ist doch unten im Zeltlager. Soviel ich weiß, wird er die nächsten drei Tage dort verbringen. Ich dachte, du bist auch dabei. Oder liege ich da falsch? «

»Das ist es gerade. Wir hatten vereinbart, dass er sich noch vor dem Feuerwerk mit uns in der Taverne trifft. Bekannte haben ihn gestern in Begleitung einer blonden Frau auf dem Markt gesehen, danach ist er aber nicht zu uns gekommen. Na ja, er wird wohl woanders gelandet sein«, meinte Sebastian dann beschwichtigend.

»Das ist aber seltsam. Hast du es auf seinem Handy versucht? «, fragte Martha.

»Ja klar. Aber ich erhalte seit gestern Nacht die Meldung: Der Teilnehmer ist vorübergehend nicht erreichbar. «

»Ach Sebastian, ich mache mir jetzt ein wenig Sorgen. Er ist doch so ein Handy-Fanatiker, er hat sein Telefon immer eingeschaltet, sogar nachts beantwortet er Nachrichten! «

»Wird schon alles gut sein. Vielleicht ist er in einem anderen Zelt gelandet und schläft ganz brav seinen Metrausch aus. Also: Ich rufe Sie an, falls er sich bis Mittag nicht gemeldet hat. «

»Danke Sebastian, das ist nett von dir. «

Es war der 1. Mai. Die Fanfaren hatten bereits zum ersten Turnier des Nachmittages aufgerufen. Die Stimme des Herolds klang laut und deutlich durch alle Lautsprecher.

»Spätestens jetzt ist jeder in Freienfels wach, mit oder ohne Kater«, dachte Sebastian und schmunzelte.

»Bald wird Robert auf dem Turnierplatz erscheinen oder mindestens meine SMS beantworten. Ich stelle mich mal vorne auf die Tribüne, so werde ich ihn sehen, wenn er vorbeiläuft. «

Am Abend hatte Robert sich immer noch bei niemandem gemeldet. Martha Korff lief unruhig in der Wohnung auf und ab. Jede Minute, die verging, wuchsen ihre Sorgen.

Sie schaute zum Telefon und konnte nicht anders, als Sebastian jetzt anzurufen.

»Hallo Sebastian, hier spricht Martha, die Mutter von Robert, hast du schon etwas von ihm gehört? «

»Nein, leider nicht. Wir haben überall gesucht und keiner weiß was, es sei denn ... «

»Ja? Was denn, Sebastian?«

»Nun, er wurde ja mit dieser jungen blonden Frau gesehen. Hat Robert auf einmal eine Freundin? «

»Nicht dass ich wüsste. War es womöglich eine Bekannte? Du kennst doch alle seine Freunde. «

»Ich habe die Frau nicht gesehen. Von daher weiß ich nicht, wer es sein könnte. Unsere gemeinsamen Freunde habe ich auch schon angerufen und niemand weiß etwas. Man hat mir lediglich erzählt, dass diese Frau lange blonde Haare hat, mit einem blauen Umhang gewandet war und Pfeil und Bogen trug. «

Martha dachte einen Augenblick nach.

»Hmm … Nach dieser Beschreibung könnte es vielleicht seine Cousine Laura sein. Sie kommt ja auch jedes Jahr her.

Ich rufe sie jetzt mal an und melde mich später wieder. Tschüss, Sebastian. «

»Viel Glück, Martha«, erwiderte Sebastian.

Martha Korff rief ihre Nichte Laura an, leider ging sie nicht ans Telefon. Auch am Handy war nur die Mailbox zu hören.

Sie schrieb ihr eine SMS und ärgerte sich dabei wie immer, auf so einem kleinen Display tippen zu müssen. Es ging eben nicht so schnell, wie sie wollte.

»Hallo, Laura, ich hoffe es geht dir gut, du wunderst dich sicher, dass ich dir eine Nachricht schreibe, aber wir machen uns Sorgen um Robert.

Er ist seit gestern verschwunden und meldet sich nicht. Ein paar Freunde haben ihn mit einer jungen, blonden Frau gesehen. Warst du gestern zufällig mit ihm bei den Ritterspielen? Ich warte ungeduldig auf deine Nachricht. Martha. «

Sie leitete jetzt das normale Telefon auf ihr Handy um und machte sich auf den Weg zum Turnierplatz.

Sie musste etwas tun, aktiv mitsuchen. Die Warterei zu Hause wurde mit jeder Minute unerträglicher.

Als 24 Stunden seit Roberts verschwinden vergangen waren, eilten Herbert und Diego zur Polizei. Sie wussten, dass die Beamten erst jetzt ermitteln würden.

Herbert und Diego schilderten sehr aufgebracht dem Beamten im Eingangsbereich des Polizeireviers, dass es um eine Vermisstenanzeige ging.

»Bitte beruhigen sie sich, Herr Korf. Ich begleite Sie jetzt zu einer Kollegin. Bitte nehmen Sie hier Platz. «

»Darf ich Ihnen ein Glas Wasser anbieten? «, fragte die Beamtin, die als Polizeihauptmeisterin Schulze vorgestellt wurde, einfühlsam.

Nachdem alle Fragen zur Identität und die Aussage zum Verschwinden von Robert aufgenommen worden waren, kam der Leiter der Dienststelle, Hauptkommissar Dirk Neuhof dazu.

Er las das Protokoll aufmerksam durch.

»Wir brechen sofort auf. Herr Korff, wir brauchen ein Foto und ein Kleidungsstück von Ihrem Sohn, am besten etwas, das er vor kurzem getragen hat, für die Spürhunde, denn die Spuren müssten noch frisch sein«.

»Ich habe leider nichts mitgebracht, aber sie können uns nach Hause begleiten. Es ist im selben Ort. «, sagte Herbert Korff.

Eine Polizeipatrouille mit Hunden machte sich auf den Weg nach Freienfels.

Nachdem sie die nötigen Gegenstände für die Suche bei Familie Korff abgeholt hatten, wurde die Fahndung nach Robert auf dem Turnier- und Marktplatz sofort eingeleitet.