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Darek redete jahrelang auf uns ein, endlich mit ihm nach Kuba zu fliegen. Er nannte in dieser Zeit einige wirklich gute Gründe,zumindest ein einziges Mal die lange Reise auf uns zu nehmen. Im Herbst 2009 luden wir ihn und seinen Lebensgefährten zum jährlichen Truthahnessen ein, und als wir satt und faul nach dem Essen im Wohnzimmer lümmelten, Cuba Libre tranken und stöhnten, weil wir so voll waren, brachte erein neues Argument, nach Kuba zu fliegen, und diesmal hatte er uns. Er sagte sinngemäß: "Wenn Du nach Kuba fliegst, kommst Du vollgepackt mit Geschichten zurück. Kubas Erdreich besteht aus Blut, Gelächter und Literatur. Das ist echt guter Boden!" Wir schoben noch halbherzig einige Für & Wider hin & her, und im Januar 2010 buchten wir unseren Sommerurlaub auf Kuba. Am Abend des dritten Tages in Tag in Havanna lernte ich Chino kennen, der als Assistent der Personalabteilung in der Universitätsklinik arbeitete. Zwei Tage später erzählte er mir die Geschichte über ein Haus in Cojimar, das vor kurzem renoviert wurde, und von dem Notizbuch, das die Arbeiter unter einer losen Bodendiele im Arbeitszimmer gefunden hatten. Wir rauchten Zigarren, tranken Rum und über uns schien der volle Mond golden auf Havanna. Drei Tage, nachdem mir Chino die Geschichte zusammengefasst erzählt hatte, fuhr ich nach Cojimar; eine Strecke, für die man ungefähr zwanzig Minuten braucht. Ich hatte den Fotoapparat mit, um ein paar Stimmungsfotos zu schießen, und ich hatte Zeit. Es war heiß, windstill und außer mir waren nur müde Hunde auf den Straßen und Gassen unterwegs. Im Park neben der Hemingway-Büste saßen ein paar alte Frauen und tratschten, unten in der Bucht saßen ein paar Kinder und angelten. Ich ging an der Mole entlang nach Westen, bis ich einen Platz fand, der mir gefiel. Ich setzte mich auf einen der großen Ufersteine, kletterte dann noch tiefer, holte eine eiskalte Dose Bier aus dem Rucksack und knackte sie. Schön, dachte ich, ich bin also hier, und schaue aufs Meer wie Hemingway. Ich trank und dachte an die Geschichte des Jungen, der vom Leben und vom Schicksal verwirrt und geprügelt, seine Briefe in das Notizbuch geschrieben hatte. Ich rieb mit den Handflächen über die raue Oberfläche der Steine, bis ich ein Muster entdeckte. An diesem Nachmittag fand ich die in Stein gekratzte Inschrift aus der Vergangenheit. Ein Zeitloch von 49 Jahren. In diesem Moment wurde Gerardos Schicksal zu meiner Geschichte, und sie bot nicht die Option, sie zu erzählen, oder auch nicht, sondern sie wurde zu meiner ureigenen Geschichte, die ich erzählen musste, weil sie mich dazu verpflichtete. Als ich die in den Uferstein geritzte Inschrift las, war es, als ob die fast fünfzig Jahre lang vergessene Tragödie um mich herum mit dem lautlosen Knall eines plötzlich aufsteigenden Vogelschwarms explodierte. Inzwischen war ich weitere vier Mal auf Kuba, und jedes mal besuchte ich zumindest für einen halben Tag Cojimar. Ich gehe am Hemingway-Monument vorbei, durch den Schatten des Torreon, am hüfthohen Gemäuer entlang bis zu den Ufersteinen im Westen Cojimars. Ich berühre die auf den Stein geritzte Inschrift und fühle jedesmal aufs Neue diese jahrzehntealte Tragödie, wie den unwiderstehlichen Drang zu leben und davon zu berichten. In den Stunden, die ich auf den Ufersteinen von Cojimar verbringe, träume ich oft davon, durch das Loch in der Zeit rufen zu können, oder gar hindurch zu gehen um etwas zu ändern. Manchmal ist diese Sehnsucht so stark, dass ich meine Hände nicht von der geritzten Inschrift auf dem Felsen nehmen kann. Es kostet mich jedesmal viel Kraft, mich zu lösen und zu gehen, und es kostet mich Kraft zu erkennen, dass mir nicht mehr zu tun blieb, als die Geschichte zu erzählen.
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Seitenzahl: 243
Veröffentlichungsjahr: 2012
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„Alles besser“, Gedichte. Männerschwarm, 1999
„Mark singt“, Roman. Himmelstürmer Verlag, Herbst 2004
„Die Legende vom heiligen Dimitrij“, Roman, Himmelstürmer Verlag, Frühjahr 2005
„Dunkle Flüsse“, Roman, Himmelstürmer Verlag, Herbst 2005
„Es gibt keine Ufos über Montana“ Himmelstürmer Verlag, Frühjahr 2006
„Patrick’s Landing“ Himmelstürmer Verlag, Herbst 2006
„Geheime Elemente“ ISBN978-3-940818-02-7
Kurzgeschichten in GAY UNIVERSUM 1 und 2, Himmelstürmer Verlag
Dazwischen gab und gibt es mehrere Veröffentlichungen von Kurzgeschichten in diversen Anthologien, Literaturzeitschriften und Auswahlbänden
Alle Bücher auch als E-books erhältlich.
20099 Hamburg, Kirchenweg 12
www.himmelstuermer.de
E-mail:[email protected] Originalausgabe, August 2012
Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit Genehmigung des Verlages
Rechtschreibung nach Duden, 24. Auflage
Coverfoto:Joelou de Velasco, Chile
Umschlaggestaltung: Olaf Welling, Grafik-Designer AGD,
Hamburg.www.olafwelling.de
Printed in Denmark
ISNB Print 978-3-86361-157-6
ISBN ePub 978-3-86361-158-3
Im Palast des schönsten Schmetterlings
Ich möchte mich an dieser Stelle bei zwei Menschen bedanken, ohne die dieses Buch nicht möglich gewesen wäre.
Alejandro „Chino“ Trujilo Sanchezfür die Übersetzung von Gerardos Briefen ins Englische
Gerardo Mariano Ruiz(16.10.1949 - 07.10.1964) für seine Briefe, die, obwohl sie nie verschickt wurden, endlich gelesen werden.
… und beiJoelou de Velasco
1) Der Bericht der historischen Kommission
2) Die Reisen des Yoanis Mariano Ruiz
3) Ein Leben in Cojimar
Zwischenspiel: Chinos Begleitschreiben
Auf zwei vom Mond geblendeten Brücken
werden wir die alten Namen entziffern
(Sigfredo Ariel)
„Von Zeit zu Zeit“, sagte unser Freund Alejandro, der von uns Chino gerufen wurde, weil er ein Mulatte mit chinesischen Vorfahren war, „geschehen auch auf Kuba noch Zeichen und Wunder.“
Wir tranken weißen Rum aus der Flasche (diesmal den Cubay Anejo Blanco, um mal auf einen anderen Geschmack zu kommen) und rauchten Zigarren der Marke Montechristo No. 4, saßen auf der hüfthohen Steinmauer des Malecon von Havanna am Ende der Rampa, und genossen den milden Wind der Dunkelheit. Es roch nach Meer, das hinter uns träge auf die Steine der Malecon-Mole brandete, und nach Urin, weil es im Umkreis von Hunderten Metern keine Toiletten gab, und die Leute nach Einbruch der Dunkelheit im Schatten der Arkaden gegenüber an die Häusermauern pissten. Drüben, auf der Stadtseite der Malecon-Straße, beim Café Bim Bom, gab es den üblichen Wochenendauflauf: Hunderte junge Leute drängten sich auf den Gehsteigen und der Straße, besetzten die Treppen vor dem Lokal, die Plastiksitze, redeten, sangen und waren guter Dinge. Meistens. Alejandro hatte mich am Arm genommen und über die vierspurige Malecon-Straße hinüber geführt zur Mauer. Ich sagte zu ihm, ich hätte wohl etwas Rum getrunken, im Grunde genommen sogar eine ganze Menge, ich würde das auch ehrlich zugeben und gestehen, sollte mich die Polizei nach meinem Konsumverhalten fragen und überhaupt und so weiter – aber ich sei noch nicht so besoffen, dass ich nicht allein über diese gottverdammte Straße gehen kann. Er grinste mit nach unten gezogenen Mundwinkeln, zauberte zwei Zigarren aus der Schenkeltasche seiner Hose und hieltmir eine hin. „Rauch“, sagte er, „und hör mir zu, wenn ich bitten darf.“
Da saßen wir nun, Chino und ich; mein Lebensgefährte bewegte sich zwischen den jungen Kubanern beim Cafe Bim Bom wie eine Flipperkugel und versprühte wohldosierten, leicht betrunkenen, sonnengebräunten Charme. Auf der Straße, die uns trennte, raste nächtlicher Verkehr, wenige, dafür schnell fahrende Autos, angefangen von rostsprühenden Ladas bis zu chinesischen Diplomatenlimousinen.
Heute Abend war das Wetter angenehmer als in den letzten Tagen. Es war Ende Juni und der heftige Wind der letzten Woche hatte nachgelassen. Gerade genug, um die ständig leicht feuchte Haut zu kühlen.
Wir waren seit vier Tagen hier, wohnten in einem privaten Appartement und fühlten uns schon jetzt so, als ob wir ewig hier wären. Alejandro ist der Ex-Freund von Darek, der uns Kuba so schmackhaft gemacht hatte, dass wir nun endlich wirklich hier waren, und er hatte sich bereit erklärt, uns bei Bedarf zu helfen, falls wir mal irgendeine Art von Hilfe brauchen könnten. In manchen Fällen reichte unsere Kommunikationsfähigkeit nicht aus; das kubanische Spanisch unterscheidet sich doch sehr vom Festland-Spanisch. Er half uns, die richtigen Autobusse zu finden, verhandelte Taxipreise und zeigte uns den besten Strandabschnitt an der Playa del Este. Er achtete darauf, dass wir in Restaurants anständig bedient wurden und keine Touristenpreise zahlen mussten. Gestern waren wir wegen des starken Windes nicht am Strand, sondern besuchten La Cabana, die spanische Festung auf der anderen Seite der Bucht von Havanna. Dort fand in diesen Tagen eine internationale Buchmesse statt; natürlich mit Schwerpunkt auf lateinamerikanische Literatur, und bei der Gelegenheit, und nach drei oder vier Dosen Cristal, erzählte ich Alejandro von meiner Leidenschaft für Ernest Hemingway,der über zwanzig Jahre auf Kuba gelebt hatte.
Chino hatte eine Umhängetasche bei sich, in der er Zigaretten, ID-Karte, seinen MP3-Player, ein Ersatzshirt und all das Zeug mit sichrumschleppte, das man als kubanischer schwuler Mann nun mal so braucht. Er öffnete den Reißverschluss der Tasche, holte ein eingerissenes, abgegriffenes Kuvert im A4 Format heraus und hielt es mir hin. Das war ein richtiger Ziegel.
Ich fragte: „Was ist das? Ich kann verdammt noch mal noch über die Straße gehen, aber ich kann fix ... wasistdas?“ Eigentlich wollte ich es gar nicht wissen, weil mir mein leicht besoffener Verstand einredete, es hätte mit Arbeit und Aufmerksamkeit zu tun. Und das war das Letzte, was ich jetzt wollte.
Chino zog an der Zigarre, blies den Rauch in die Luft und sah zu, wie ihn der Wind davon trug. Dann antwortete er: „Das ist die Kopie eines Berichts der historischen Kommission von Cojimar. Kennst du Cojimar?“
„Klar“, nickte ich, „das ist das Dorf, in dem der fiktive Fischer lebte, über den Hemingway in ›Der alte Mann und das Meer‹ schrieb. Und angeblich hatte er dort seine Jacht vor Anker. Die Pilar.“
„Genau. Bestens informiert, dieser Yuma. 1962 spendierten die Einheimischen von Cojimar eine Büste für Papa Hem, für die sie ihre Angelhaken und Ketten und was weiß ich noch zusammentrugen und einschmolzen, um daraus die Statue modellieren zu lassen. Unten, gleich beim Wasser, in der Nähe einer steinernen, spanischen Befestigungsanlage, die El Torreón heißt. Seit etwa dreißig Jahren gibt es die Hemingway-Kommission. Das ist eine Art Verein für alle Kubaner, die sich der Erforschung von Hemingways Leben auf Kuba widmen, und davon gibt es einen ganzen Arsch voll. Der harte Kern trifft sich ein paar Mal im Monat und tauscht sich aus, und wenn sie zusammensitzen, nennen sie das:Tagung der Kommission. In Wirklichkeit sind das alles nur Tratschtanten, die gackern und sich aufplustern. Jedenfalls ist mein ehemaliger Chef von der Personalabteilung des Krankenhauses auch Mitglied dieser Kommission, und sein bester Freund bei denen ist Vorsitzender der historischen Kommission der Provinz Havanna. Kannstdu mir folgen?“
Ich nickte: „Klar. Aber wozu erzählst du mir das alles?“
Er stieß mir den Ellenbogen in die Seite und sagte ernst: „Weil da eine Geschichte drin steckt, über die du vielleicht einmal schreiben willst. Es ist eine Tragödie. Nicht nur die Geschichte selbst, sondern auch, wie der Text zustande gekommen ist und wie die Kommission damit umgehen muss, oder möchte.“
Ich: „Also?“
„Ai Papi, wie fang ich an?“ - Ich hasse es, wenn er mich so nennt, aber ich muss auch drüber lachen.Papi, kein schwuler Mann von Welt hält das ohne Schreikrampf aus.
„Gut, es geht um Folgendes: Zwischen 2007 – 2009 wurden aus dem Fond der Vereinigung zur Wahrung des Weltkulturerbes Mittel zur Verfügung gestellt, in Cojimar Gebäude zu restaurieren. Die Projekte mussten eingereicht, validiert und abgesegnet werden, und wenn alles passte, wurde das Geld bereitgestellt, und die Bautrupps machten sich an die Arbeit. Eines der Häuser, eigentlich schon eine kleine Villa, die zur Auswahl stand, restauriert zu werden, war das Zweithaus von Camillo Fuentes. Fuentes war, wie übersetze ich das am besten ... er war Chefingenieur bei Bacardi. Von 1950 bis 1959. Als die Familie Bacardi ungefähr 1959 in die Vereinigten Staaten ging, weil sie ahnten, dass sich nachhaltige Änderungen auf Kuba anbahnten, und die Sache mit Batista nicht mehr lange so weitergehen würde, blieb Fuentes mit seiner Familie noch hier und überwachte den ordnungsgemäßen Abbau der Maschinen und die Sicherstellung der Herstellungsverfahren und Rezepte. Markenrechte und Herstellungsrezepte wurden auf die Bahamas transferiert. Da ging es um Betriebsgeheimnisse, und er war dafür verantwortlich, bei diesem geordneten Rückzug das, was man nicht mitnehmen konnte, so zu zerstören, dass es nicht mehr möglich war, Rückschlüsse auf die Art der Verwendung zu ziehen. Er war laut den Notizbüchern seiner Frau ständig am Hafen unterwegs um die Verschiffungzu überwachen, und sie kümmerte sich derweil um die Auflösung des Haushalts – und um das Befüllen ihrer kleinen Notizbücher. Das Zweithaus in Cojimar blieb unangetastet. Wie sich herausstellte, hatte die Señora einen Geliebten in Havanna, einen jungen und aufstrebsamen Techniker, der ausgerechnet für die Konkurrenz arbeitete, nämlich für Havanna Club Rum, und als es eines Tages so weit war, dass die Familie nach Florida abreisen sollte, sagte die Señora, sie würde mit dem nächsten Schiff nachkommen, sie wolle noch einige persönliche Dinge klären. All das, was ich dir hier erzähle, wurde aus Briefen und Postkarten und aus Notizbüchern zusammengetragen. Die Kommission leistete da ganze Arbeit, bei dem Versuch zu rekonstruieren, wie es dazu kam, dass dieses spezielle Haus so lange leer stehen konnte, obwohl es in den Hügeln von Cojimar mit Blick über die Bucht eigentlich ein heiß begehrtes Objekt sein müsste. Jedenfalls war die persönliche Angelegenheit, die die Señora noch zu erledigen hatte, nichts anderes, als mit ihrem Geliebten durchzubrennen, um mit ihm bis zum Ende der Welt zu ficken. Inzwischen waren ihr Mann und die beiden halbwüchsigen Töchter in Florida angekommen, und man erwartete im neu gekauften Haus die Ankunft der Mutter. Ihr Geliebter wurde als Konterrevolutionär und als Spion Batistas von den Revolutionären in Cojimar gefangen genommen, gefoltert und ermordet, mehr oder weniger vor ihren Augen. Das trieb sie in den Wahnsinn. Kurz: Sie nahm sich im Zweithaus das Leben. Sie stieß sich ein Messer in den Hals und verblutete in der Bibliothek. Das warAnfang Januar 1960, gerade, als Fidel Castro triumphal ins Havanna Hilton einzog. Kurz darauf wurde das riesige Hotel in Habana Libre umgetauft – als Symbol für den Sieg der Revolution.
Während der sogenannten Neuorientierung wurde Privatbesitz von der Regierung eingezogen, und die leer stehenden Häuser, Villen und Wohnungen der Geflohenen oder Enteigneten wurden tapferen Revolutionären oder einfach braven Parteibuchsoldaten zugewiesen. Verantwortlich war das damals eilig ins Leben gerufene Enteignungsamt. Echt, es gab ein eigenes Amt, eine Behörde, die sich mit nichts anderem befasste, als mit der Enteignung der einen, und die Vergabe der eingezogenen Güter an die anderen. Nur ein Haus wurde nicht vergeben, nämlich das der Familie Fuentes. Aus dem Dienstbuch eines Offiziers der Provinz Havanna geht hervor, dass man die stark verweste Leiche der Frau erst im Sommer 1962 gefunden und ... entsorgt hatte. Ein weiterer Eintrag im selben Dienstbuch wies darauf hin, dass man eine Endreinigung vornehmen müsse, um die Leichenflecken vomBibliotheksbodenzu bekommen, ehe man das Haus der Behörde überantworten konnte. Aber in den Wirren der Zeit nach der Revolution, nachdem das Land aufgescheucht war durch den Angriff in der Schweinebucht und diverse Mordanschläge auf hochrangige Offiziere rund um Castro, vergaß man irgendwie auch diese Endreinigung, es gab ja Wichtigeres zu tun, und ungefähr 1963 verschwand das Haus aus der Liste der zu vergebenden Wohnsitze. Die Leute aus der Nachbarschaft wussten, dass das Haus aus irgendwelchen Gründen nicht zu haben war, und schmetterten alle Anfragen interessierter Parteifunktionäre und anderer Günstlinge ab, indem sie alle an die zuständige Behörde verwiesen. Doch dort war das Haus aufgrund eines Fehlers nicht mehr gelistet, also stand es leer, mit vernagelten Fensterrahmen, und moderte vor sich hin. 2007 erinnerte sich jemand von der Hemingway-Kommission an das Haus, weil es auch für die Hemingwayianer hochinteressant war.“
Ein paar gut aussehende Machos schaukelten mit rollenden Schultern vorbei, Alejandro blies Rauch aus und rief ihnen nach: „July,July! Wenn ihr kein Mädchen findet, könnt ihr mich vögeln. Einer nach dem anderen!“ Die Machos drehten sich um, grinsten und zeigten uns ihre Fickfinger, nicht als Geste empörter Ablehnung, sondern als augenzwinkerndes, wortloses Versprechen.
„Warum?“ Ich rülpste und sah zwei Männern nach, die vorbeiflanierten, über die Schulter zu uns blickten und breit strahlten. Ich grinstezurück und blies Asche von der Zigarre. Es war kurz nach Mitternacht und Tausende junge Leute flanierten am Malecon entlang, setzten sich auf die Mauer, tranken, rauchten und flirteten. Ich hatte noch nie in meinem Leben so viele gut gelaunte Menschen gesehen. Junge Musiker gingen vorüber, ausgerüstet mit Bongos & Tablas und akustischen Gitarren und unglaublich guten Stimmen. Sie fragten, ob sie für uns spielen dürften, aber Alejandro wedelte sie weg wie lästige Fliegen: „Später vielleicht.“
Er hob die Hand, um bei einer alten Frau, die mit Tüten bepackt an uns vorbeiging, zwei Packungen mit gebratenen Bananen zu kaufen. „Man braucht ja auch Feststoffnahrung“, scherzte er.
Alejandro naschte ein paar gebratenen Bananenscheiben und fuhr dann kauend fort, zu erzählen: „Ganz einfach. Hemingway hatte in Cojimar sein Schiff vor Anker, die Pilar, wie du ja schon richtig gesagt hast. Und immer, wenn er sich aus dem Floridita oder aus seinem Haus loseisen konnte, kam er für ein paar Tage im Monat nach Cojimar, wohnte auf dem Schiff und ... und dann pichelte er mit diesem Mann namens Camillo Fuentes um die Wette. Auf einem Tisch im La Terraza gibt es noch die Kerben, die sie mit Taschenmessern in die Holzplatte geritzt hatten, um den Stand ihrer Gläser festzuhalten. Gut, also, als die Bewilligung zur Renovierung des Hauses der Familie Fuentes im Jahr 2008 durch war, wurde das Geld bereitgestellt, im Januar 2009 kam der Bautrupp und machte sich über das Anwesen her. Im Hohlraum unter einer losen Diele in der Bibliothek fanden die Arbeiter ein völlig verstaubtes, in Leder gebundenes Notizbuch, das ungefähr bis zur Hälfte beschrieben war. Zuerst dachten sie, es wäre das Notizbuch des ehemaligen Besitzers des Hauses, aber dann machte sie der Titel stutzig, mit dem auf der ersten Seite die Notizen beginnen:Gerardos Briefe an die Welt. Das erste Datum, also das Datum des ersten Eintrags ist der 16.Juni 1964. Verstehst du, was das bedeutet?“
Durch die wattierte Unschärfe meiner leichten Trunkenheit vernahm ich eine Art Alarmsignal, ein Gefühl, das es für mich gleich vorbei war mit der glückseligen Trunkenheit von Rum, Vollmond über Havanna und Zigarren. Es ist das Gefühl des Jägers, der sich aus seiner Lethargie löst, die Stiefel anzieht und die Tür öffnet. Ich war noch nicht auf der Jagd nach einer Geschichte, aber ich hörte sie im Dunkeln draußen rufen. Ich war aufgeregt, trank Rum aus der Flasche, rülpste, spuckte auf den Boden und antwortete: „Es bedeutet, dass irgendjemand, vermutlich nach der Endreinigung, in das Haus eingedrungen war, und das Buch dort unter den Dielen versteckt hatte, oder?“ Ich fing schon wieder an, mit den Händen zu reden. Das mache ich immer, wenn ich aufgeregt und betrunken bin. Dann wird auch meine Stimme heiser. Einfach so.
„Fast. Die Leute vom Bautrupp gaben zu Protokoll, dass sie ein Kellerfenster eingeschlagen vorgefunden hatten. Es befindet sich unter der Veranda, die restlichen Splitter, sagten sie, waren alle aus dem Kit gezogen worden. Sie übergaben das Buch an das örtliche Komitee zum Schutz der Revolution, und die schickten es an die historische Kommission der Provinz Havanna.“
„Wie viele Wahnsinnskommissionen habt ihr hier eigentlich?“
Alejandro hob die Schultern und grinste schief. „Die Leute wollen beschäftigt werden. Kommissionen sind toll, denn da sind alle wichtig. Jeder kann die Hand heben, aufstehen und etwas sagen. Als Nächstes fand die Kommission in den Geburts- und Einwohnerbüchern im Archiv von Havanna heraus, dass es 1964 nur einen Gerardo in Cojimar gegeben hatte. Sein voller Name war Gerardo Mariano Ruiz. Er war 1949 in Los Palos, in der Provinz Matanzas, geboren worden, und erst mit knapp 12 Jahren nach Cojimar gekommen.“
Ich sagte: „Ein schöner Name.“
Chino: „In der Mappe gibt es ein altes Schulfoto von ihm. Da war er ungefähr vierzehn Jahre alt. Ein hübscher Kerl. Als er das Notizbuch zu schreiben begann, war er fünfzehn. Und weißt du, das Tragische ist,er wurde keine sechzehn. Anfang Oktober 1964 stürzte er zu Tode, als er von der spanischen Befestigungsanlage ins Meer sprang. Aus den Aufzeichnungen geht hervor, dass er dort schon Hunderte Male hinunter gesprungen war, und sehr genau wusste, wie er die Welle bei Flut abzupassen hatte, und in welchem Winkel er sie anspringen musste. Von dort ins Meer zu springen, immer bei Flut, dass gehörte für die Jugendlichen von Cojimar sozusagen zum guten Ton. Das machen die Jungs hier in Havanna am Malecon auch, wenn der Wind bläst und das Meer aufpeitscht. Für Zuschauer sieht das extrem halsbrecherisch aus, aber die Halbstarken wissen natürlich ganz genau, wie sie ihre Sprünge angehen müssen. Auf der ganzen Familie schien ein Fluch zu lasten, unglaublich, und so traurig. In dem Umschlag sind, wie gesagt, das Foto von Gerardo, der Bericht der Kommission und die Fotokopien der Notizbucheinträge. Weiter gibt es Kopien von Geburtsurkunden, Zeugnisse, Anmerkungen von Lehrern und Betreuern, die in den Sechzigerjahren die Wohngemeinschaften der kubanischen Studenten betreuten. Der Bericht wird, und das ist eines der Wunder, die hier noch hin und wieder geschehen, nächstes Jahr in der Granma veröffentlicht, das ist unsere Parteizeitung. Ein Meilenstein in Sachen Transparenz. Dass sie die Geschichte drucken wollen, meine ich, nicht die Zeitung selbst. Gerardo war ein Teenager, und er schrieb nicht politisch, aber er beobachtete scharf und formulierte gut – soweit ich das nach den paar Seiten, die ich bis jetzt lesen konnte, beurteilen kann. Er schrieb viel über die Zustände jener Zeit. Es geht oft um Sex und Liebe, aber auch um Alkohol, Pädophilie, Prostitution und Machtmissbrauch. Ich kann dir helfen, die Briefe zu übersetzen. Es ist viel Text, und die Sache ist wirklich sehr ... berührend.“
Ich glaube, als Chino das sagte, bekam ich zum ersten Mal Bedenken, ach was, eine Scheißangst davor, mich mit auf diese Sache einzulassen. Ich spürte, dass dies eine dieser Geschichten war, die einen emotionell furchtbar herausfordern.
Er machte eine kurze Pause, trank Rum und schüttelte den Kopf.
„Mein ehemaliger Vorgesetzter sagte zu mir, dass die Untersuchungen der Sache Ruiz noch nicht ganz abgeschlossen sind. Letztes Jahr im Sommer ertrank ein etwa sechzigjähriger Mann ungefähr hundert Meter vor dem Ufer von Cojimar. Es war ein stürmischer Tag und weiter draußen waren die Wellen meterhoch. Nachdem man die Leiche geborgen hatte, wurde sie untersucht, und man fand die ID-Karte. Sein Name war Yoanis Mariano Ruiz – er war Gerardos Bruder. Und, soviel weiß man schon jetzt, er war nach seinem Militärdienst als Aufseher auf einer der Zuckerrohrplantagen in Pinar del Rio im Herbst 1965 oder im Frühjahr 1966 spurlos verschwunden. Das regte die Leute von der Kommission ziemlich auf. Du weißt ja, weil nicht sein kann, was nicht sein darf - und so weiter. Es war eine Schande für die Mechanismen der kubanischen Regierung, dass es einem Mann augenscheinlich gelungen war, für fast fünfzig Jahre von der Bildfläche zu verschwinden – und dass der dann auch noch die Frechheit hatte, als Wasserleiche wieder aufzutauchen.Skandal!“
Chino schüttelte den Kopf und spuckte ins Wasser. Der Mond hingvoll und riesengroßam Nachthimmel. Ich war glücklich, schläfrig und betrunken.
Eine Geschichte. Eigentlich zwei Geschichten, dachte ich. Die von Yoanis, der sich auf der Insel herumtrieb, ohne irgendwo heimisch zu werden. Und die Geschichte von Gerardo, seinem Bruder, der als Fünfzehnjähriger in ein Haus einbricht, um dort seine Notizen in ein ledergebundenes Notizbuch zu schreiben. Ein Junge, der ein paar Monate, nachdem er das Schreiben seiner ‚Briefe’ begonnen hatte, starb, weil er angeblich die Welle falsch einschätzte, als er zum vielleicht hundertsten Mal vom Torreon ins Meer sprang. Ich dachte: Vielleicht hat er sie nicht falsch eingeschätzt? Vielleicht wollte er sterben? Wenn ja, warum? Ich starrte mit schweren Augen auf den gelblichen Umschlag aus dickem Papier und fragte tonlos: „Warum bist du in den Tod gesprungen?“
Chino legte seinen Arm auf meine Schulter und zog mich zu sich. „Ich glaube, dass Gerardos Tod in direktem Zusammenhang steht mit der lebenslangen Wanderung seines Bruders. Es stehen noch mehr Details drin, aber ich habe nicht alles gelesen. Da geht es auch um einen Auffahrunfall im Tunnel unter der Bucht von Havanna, um Krankenhausberichte und Kopien des Meldebuches eines Studentenwohnheims, Kopien von Zuteilungsheften, Führungszeugnisse und dergleichen mehr - Papierkram ohne Ende. Also willst du den Umschlag? Soll ich dir helfen?“
Ich nickte. Es war inzwischen zwei Uhr morgens, und beim Bim Bom drüben war die Stimmung auf dem Höhepunkt: Lachen, Singen, Flirtereien, Flaschenklirren, lallende, verwirrt herumstöckelnde Transvestiten und Polizeisirenen. Ich sagte: „Lass uns rübergehen. Ich brauche Rum. Ich muss mich trösten.“
Chino nickte. Wir schnippten die Zigarrenstummel ins Meer, schleuderten die leere Flasche hinterher (die auf den Ufersteinen zerschellte) und gingen hinüber, um uns in den Lärm einzufügen.
Die Übersetzung Alejandros war alles andere als fehlerfrei, aber ich kam damit ganz gut zurecht. Die Sichtung der Texte dauerte fast ein Vierteljahr, und dann noch mal zwei Monate, bis ich mich dazu durchringen konnte, die Geschichte in zwei Teilen zu erzählen. Chino hatte recht. Esisteine traurige Geschichte. Es ist eine kleine, tragische Geschichte, und ich vermute, dass es derlei Tragödien und Schicksale überall auf der Welt gibt - überall und zu allen Zeiten. Traurig, weil sie nicht das Zeug dazu haben, als epische Dramen in die Geschichte einzugehen, traurig, weil sie vergessen werden. Es kümmert niemand.
Als ich dann nach weiteren vier Monaten die beiden Erzählungen fertig hatte, wurde mir klar, dass ihnen ein Rahmen fehlt, in den sie gespannt werden können. Die einfachste Methode, fand ich, wäre wohl,dies alles mit dem Abend zu beginnen, an dem mir Alejandro von den vielen Kommissionen Kubas erzählte, davon, was die Bauarbeiter in dem uralten und modrigen Haus fanden, und wie das offizielle Kuba damit umgehen wollte.
Sechs Monate später flog ich erneut mit meinem Freund nach Kuba, wir quartierten uns, wie beim ersten Mal, in einem Privatappartement im Vedado ein, in der Avenida de los Presidentes und dann fuhr ich allein am dritten Tag mit einem Bewohner des Appartementhauses in einem verbeulten Lada nach Cojimar, während mein Freund auf dem Prado nach Bildern Ausschau hielt, die von den Künstlern dort ausgestellt wurden.
Die Fuhre kostete zwanzig Pesos. Ich ließ mich bei der Bucht absetzen und vereinbarte mit dem Fahrer, dass er mich in zwei Stunden beim La Terraza abholen solle.
Ich ging die Straße hoch, immer im Schatten der Gebäudefassaden, bis zum La Terraza. Ich wollte nicht nur einen schnellen Mojito trinken, sondern auch etwas prüfen. Das La Terraza liegt, wenn man von der Bucht hinaufgeht, auf der linken Straßenseite und sieht unscheinbar aus. An diesem Tag waren keine Touristen hier, ich setzte mich an die Bar und bestellte einen Mojito. Der Barmann war ein schlanker, etwa siebzigjähriger Gentleman; ein anderes Wort fällt mir für diesen eleganten, gebügelten und freundlichen Kerl nicht ein. Ich fragte ihn, ob es stimmt, dass Ernest Hemingway und ein Ingenieur von Bacardi hier des Öfteren ordentlich gesoffen hätten. Er lachte laut auf und nickte, ja, das sei wahr. Er zeigte mit der ausgestreckten Hand auf das andere Ende der Bar, wo sich eine große Doppeltür auf eine Holzterrasse öffnet. Ich stand auf und folgte ihm zu einem kleinen Korridor auf der rechten Seite, dort, wo die Schank endet. Er knipste ein Licht an, öffnete eine weitere Tür und ich sah in einen aufgeräumten Lagerraum. Er ging an mir vorbei in das Lager, ganz nach hinten und holte von einem der links an die Wand geschraubten Regale einequadratische, dunkle Platte, die in Plastik gewickelt war.
„Mein Chef will die Tafel schon seit langer Zeit in einen Rahmen montieren, und im Lokal aufhängen lassen. Ich war zehn Jahre alt, als Hemingway hier hereinkam und mit diesem Techniker soff, dem das Haus oben in den Hügeln gehörte.“ Er schüttelte den Kopf. „Alle weg. Hemingway tot, der Techniker, irgendwo in den USA. Wussten Sie“, fragte er mich, „dass die Frau des Ingenieurs im Haus oben Selbstmord beging, damals, 1960 oder so? Gibt Gerüchte, dass sie eine Affäre hatte ... Traurig, das alles. Wollen Sie noch einen Mojito?“ Er pusselte die Plastikverpackung auf, zog die Tischplatte heraus und zeigte sie mir.
Ich sah es mit eigenen Augen. Mir brach der Schweiß aus. Der alte Barmann sah mich aufmunternd an. „Ja. E für Ernest und C für Camillo. Mein Onkel war damals Fahrer bei Havanna Club Rum und er erzählte oft und gern, dass er zweimal so oft nach Cojimar musste, um auszuliefern, wenn Ernest Hemingway mit der Pilar hier anlegte, und sich hier mit Camillo einfand. Ehrlich jetzt: Hemingway war viel lieber hier, um zu trinken. Ins Floridita oder in die Bodeguita del Medio ging er nur, wenn er in Havanna war. Ich glaube, er hatte die einfachen Leute hier, die Fischer und Seiler, die Handwerksleute viel lieber, als die Gauner in Havanna.“
Ich fuhr mit den Fingern über die Kerben, die diese beiden Männer vor mehr als fünfzig Jahren in der Tischplatte hinterlassen hatten, um die Wahrheit nicht nur zu verstehen, sondern, um sie auch zu begreifen.
Zumindest ein Teil von Alejandros Geschichte bestätigte sich hier sozusagen wie von selbst: Ernest Hemingway war hier gewesen und hatte mit einem Mann namens Camillo einige Gläser gekippt. Wenn es Camillo gab, dann gab es auch, wie mir der Barmann bestätigt hatte, das Haus in den Hügeln. Und wenn es all das gab, dann gab es auch das Notizbuch mit den als Briefen bezeichneten Einträgen, deren Fotokopien ich erhalten hatte. Ich hatte, während ich Alejandros Übersetzungbearbeitete, immer wieder ein Gefühl von umfassender Desorientierung. Mir kam vor, dass das alles einfach nicht so gewesen sein konnte, dass sich da irgendwelche Leute in irgendwelchen Kommissionen eine Geschichte aus den Fingern gesaugt hatten, um die neue Transparenz der kubanischen Regierung zu illustrieren. Aber ich stand jetzt in diesem kleinen Lagerraum, strich mit meinen Fingern über die Kerben, diese stummen Zeugen wüster Trinkgelage, und hatte das durchdringende Gefühl, dass sich das Drama, das ich gerade zu Papier brachte, mit Nachdruck in der Wirklichkeit verankerte.
Ich nickte dem Barmann zu, ich wollte zurück zur Bar und noch einen Mojito trinken. Wir gingen in den Schankraum, in dem es bemerkenswert kühl war, obwohl es keine Klimaanlage gab. Von der Seeseite her wehteeine Brise, die über die Terrasse säuselte, durch die Bar fuhr und sich auf der anderen Seite in der hitzestillen Gasse verlor. Ich trank mein erstes Glas aus, dann das Zweite. Ich bezahlte und nickte dem Barmann zu, hatte das Gefühl, noch irgendetwas sagen zu müssen, etwas Wichtiges, etwas Verbindliches. Mir fiel nur nichts ein. Also zuckte ich mit den Schultern, packte meinen Fotoapparat und ging in der schweigsamen, großen Hitze durch die leeren Gassen Cojimars, schlenderte zum Torreon und wurde dort von einem Soldaten vertrieben. Ich erfuhr von Fischern, dass die kleine Festung seit 1966 ständig von einem Wachposten besetzt sei. Eigentlich war er das auch schon 1964 und schon lange vorher, aber zu jener Zeit, als sich das Unglück ereignete, schien man es dort mit dem Wachdienst nicht so genau genommen zu haben. Vielleicht sah man in jenen Tagen spielende Kinder auf steinernen Festungsanlagen als taugliche Propaganda und politisches Signal an den Norden? Die Steinstufen führten hinauf zu einer überdachten Terrasse, und ich wäre gerne hinaufgestiegen, um der Geschichte noch näher zu sein. Der Soldat war verschwitzt und unerbittlich. Also wanderte ich um den Torreon herum und weiter Richtung Westen, bis ich das Ende des Weges an der Mauer erreicht hatte, und von dort überFelsblöcke kletterte. Ich fand eine kleine, natürliche Bucht, setzte mich auf einen Stein und sah hinaus aufs Meer. Mit den Fingern strich ich über den rauen Fels, über Einkerbungen, über Linien, die – es waren Buchstaben. Ich hatte Herzklopfen und meine Hände zitterten, denn etwas, das in Stein gemeißelt war, oder geritzt, gekratzt, das war für immer. Ich stand auf, stützte mich mit den Händen auf die Knie und buchstabierte, las:
Gerardo y Felipe.
Todavía estamos aquí
5. Octubre 1964
Ein Vogel und ein zweiter
zittern nicht mehr
(Jose Lezama Lima)
