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Riskieren Sie es, erfüllt, glücklich und zufrieden zu sein? Dieses Buch macht Mut, mit Aufstellungen von inneren Anteilen den eigenen inneren Raum auszuleuchten und den Weg zu größerer Freiheit, Weite und Liebesfähigkeit zu beschreiten. Aufstellungsleitern zeigt es praktische Möglichkeiten auf, wie sie die Methode der Systemaufstellung nutzen können, um Menschen bei Trauma bedingten Störungen kompetent zu begleiten. Die Autorin reflektiert Persönlichkeitskonzepte unterschiedlicher Therapierichtungen und verbindet sie im Dienste einer wirkungsvollen Aufstellungspraxis. Übungen und Impulse zur Selbsterfahrung vertiefen die theoretischen und praktischen Überlegungen.
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Seitenzahl: 193
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Im Raum des ICH
1. Auflage, erschienen 9-2021
Umschlaggestaltung: Romeon Verlag
Text: Christina Arnold
Layout: Romeon Verlag
ISBN (E-Book): 978-3-96229-786-2
www.romeon-verlag.de
Copyright © Romeon Verlag, Jüchen
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Christina Arnold
Im Raum des ICH
Aufstellungen mit inneren Anteilen
Ein Praxisbuch
Vorwort
1. Theoretische Grundlegung
1.1. Das innere Team
1.2. Der innere Raum
1.3. Persönlichkeitsmodelle
1.3.1. Das Spaltungsmodell von Franz Ruppert und das IFS-Modell von Richard C. Schwartz
1.3.2. Wichtige Dynamiken im System Individuum
1.3.3. Besonderheiten von Aufstellungen mit inneren Anteilen
1.3.4. Gemeinsamkeiten von Familienaufstellungen und Aufstellungen innerer Anteile
1.3.5. Vorzüge von Aufstellungen bei der Arbeit mit inneren Anteilen
1.3.6. Der Einsatz der Trommel in der Aufstellung innerer Anteile
1.3.7. Der Nutzen von Aufstellungen mit inneren Anteilen bei der Verarbeitung und Integration von Traumata im Überblick
2. Aufstellung innerer Anteile –Überlegungen für die Praxis
2.1. Für wen ist diese Arbeit geeignet?
2.2. Wer bzw. was wird aufgestellt?
2.3. Haltung des Aufstellungsleiters
2.4. Aufstellung innerer Anteile in der Gruppe und im Einzelsetting
2.4.1. Aufstellungen mit Stellvertretern in der Gruppe
2.4.2. Beispiele: Aufstellung in der Gruppe
2.4.3. Arbeit mit Platzhaltern im Einzelsetting
2.4.4. Beispiele: Aufstellung im Einzelsetting
2.5. Den eigenen Raum in Besitz nehmen – Lösung von symbiotischen Verstrickungen mit der Mutter- und Vaterlinie
2.5.1. Symbiotische Verstrickung oder unbewusstes Identifiziertsein mit der Mutter/dem Vater
2.5.2. Symbiotische Verstrickung oder unbewusstes Identifiziertsein mit anderen Personen
2.5.3. Bewusstsein für den eigenen Raum schaffen
2.5.4. Abgrenzung von der Mutter/vom Vater
2.5.5. Beispiele: Symbiotische Verstrickung
3. Heilsame Rituale und Übungen
3.1. Rituale/Symbolhandlungen während des Aufstellungsprozesses
3.2. Übungen zur Stabilisierung und Orientierung im Hier und Jetzt
3.3. Aufstellungsübungen für Gruppen
3.4. Übungen zur Eigenarbeit und Selbstreflexion
Nachwort
Literatur
Anmerkungen
Für Menschen in beratenden und helfenden Berufen, die mit Aufstellungen arbeiten und Anregungen für die Aufstellung innerer Anteile möchten.
Für Menschen, die sich für Systemaufstellungen interessieren und Impulse zum besseren Verständnis des eigenen Innenraums wünschen.
Das Buch will auf Basis praxiserprobter Konzepte ermutigen, das Potential und die Vielfalt von Aufstellungen zu nutzen, im Interesse von Autonomie und Selbstwirksamkeit. Die angeführten Beispiele beabsichtigen, Einblick zu geben in die Dienstbarkeit von Aufstellungen bei der Bearbeitung von leidvollen oder traumatischen Erfahrungen und ihren Folgen. Die persönlichen Daten und Hintergrundinformationen der Klientinnen und Klienten wurden so verändert, dass die jeweilige Person nicht mehr zu erkennen ist. Mein aufrichtiger Dank gilt ihnen allen für das entgegengebrachte Vertrauen.
Das Buch ist kein Ersatz für Psychotherapie und medizinische Behandlungen. Es ist ein Wegbegleiter für Menschen, die sich auf den Weg nach innen begeben und für Menschen, die andere auf diesem Weg begleiten.
Der leichteren Lesbarkeit halber wird die gewohnte männliche Sprachform verwendet. Dies impliziert jedoch keine Benachteiligung des weiblichen Geschlechts, sondern ist im Sinne der sprachlichen Vereinfachung als geschlechtsneutral zu verstehen.
Ursprünglich ist es aus einem Lehrgangsskriptum hervorgegangen, also auf dem Hintergrund meiner beruflichen Tätigkeit gewachsen. Ich bilde Menschen in psychosozialer Beratung aus, halte Lehrgänge für Aufstellungsarbeit, berate und coache Einzelpersonen in verschiedenen Lebenssituationen. Der berufliche Hintergrund ist jedoch nur die eine Seite der Medaille. Die andere Seite ist mein ganz alltägliches Leben, in das sich mit dem Eintreten des Klimakteriums vor sieben Jahren somatoforme Schmerzen einschlichen, welche mich fünf Jahre in ihrem Bann halten sollten. Schmerzen über Schmerzen, für die keine körperliche Ursache auffindbar war. Meine Suche nach Linderung und Heilung führte mich zu Fachärzten, Alternativmedizinern, energetischen und schamanischen Heilern. Ich begab mich in Psychotherapie, auf Kur, genoss physiotherapeutische und osteopathische Behandlungen, doch die Schmerzen ließen sich weder wegtherapieren noch durch Schmerzmittel zufriedenstellend lindern. Ich vertiefte mich in psychologische Fachliteratur, meditierte, übte mich in Selbstbeobachtung, achtete auf gesunde Ernährung und Bewegung. Kurz gesagt, ich tat alles, um mich beruflich und privat über Wasser zu halten. Aus heutiger Sicht betrachte ich diese Zeit als Intensivkurs des Lebens, der die Forschungsfragen behandelte:
Was hilft, wenn nichts mehr hilft? Was trägt, wenn nichts mehr trägt? Wer bin ich jenseits vom Schmerz?
Lebensdienliche Antworten habe ich in spirituellen und traumatherapeutischen Ansätzen gefunden. Einige meiner Einsichten möchte ich hier kurz vorstellen:
Die erste Einsicht bringt Eckhart Tolle auf den Punkt: „Chronische physische Schmerzen sind der strengste Lehrer, den du haben kannst. `Widerstand ist vergebens` heißt die Lektion. (…) Wenn du bewusst leidest, kann der physische Schmerz das Ego in dir schnell verzehren, denn das Ego besteht weitgehend aus Widerstand. (…) Es ist wahre Freiheit und damit die Aufhebung des Leidens, wenn du so lebst, als hättest du das, was du in diesem Augenblick fühlst oder erlebst, vollkommen selbst gewählt.“1 Ich muss dazu sagen, dass es mir während der Schmerzspitzen nicht möglich war, diese Haltung zu praktizieren, weil sich die ganze Energie akut darauf richtete, irgendwie Linderung zu erfahren durch Hinlegen, Bewegen, Zusammenkauern, Wärmeeinwirkung, Schmerzmittel usw. Aber in den Zeiten, in denen ich schmerzfrei war, gelang es mir, meinen Beeinträchtigungen zuzustimmen und sie anzunehmen. Das entspannte mich und vermittelte mir inneren Frieden. Ich wurde durchlässiger, weiter, und fühlte mich mit der Zeit irgendwie geläutert.
Leiden schärft die Wahrnehmung ungemein, sodass sich mir die innerste Haltung des Arztes oder Therapeuten sehr schnell offenbarte, obwohl natürlich die medizinische oder fachliche Expertise bzw. Behandlung der Ärzte und Therapeuten im Vordergrund stand. Ich erkannte, dass es unter den vielen nur einzelne gab, die keine subtile Angst vor (meinen) Schmerzen hatten. Fast alle Helfer wollten mein Leiden so schnell wie möglich wegmachen, ohne mich als Expertin für meine Schmerzen wirklich einzubeziehen. Sie fühlten sich fachlich und persönlich kritisiert, wenn ihre Interventionen keine wirkliche Besserung brachten. Da meine Schmerzen offensichtlich in keinen bekannten Ursache-Wirkungszusammenhang passen wollten, wanderte ich von einem Experten zum nächsten. Letztlich begriff ich, dass – wenn nichts hilft – es gar nicht mehr so wichtig ist, welche Therapie angewandt wird, sondern mit wie viel Zuwendung und welcher Zuversicht die Therapie verabreicht wird.
Die Zuversicht, die wirklich hilft, ist eine Grundhaltung des Helfers, die mir als Patient oder Klient vermittelt: Ich bin nicht verloren oder abgeschrieben, sondern angenommen mit meinem Schmerz. Es ist eine Grundhaltung des Vertrauens, die trotz allem Schweren an das Gute glaubt; die das Schwere nicht leugnet und dennoch lebensbejahend und optimistisch ist. Diese innere Haltung klammert den Tod nicht aus, sondern begreift ihn als zum Leben gehörend, als Übergang in eine andere Seins-Dimension. Diese Zuversicht nährt und trägt, wenn nichts mehr trägt. Da kann ich mich fallen lassen und JA sagen zu allem wie es ist.
So eine Haltung muss erst wachsen. Sie ist nicht automatisch da. Sie ist auch Schwankungen unterworfen, einmal ist die Zuversicht ausgeprägt vorhanden, ein anderes Mal eher spärlich. Das ist menschlich. Zuversicht wächst in Gemeinschaft, in Verbundenheit mit Lebendigem und schenkt dem Leben Sinn und Freude. Und wenn wir einem Menschen nichts geben können, nichts anzubieten haben angesichts des Schicksals, dann kann ein Funken Zuversicht, ein „Ja zum Leben trotz allem“ Kraft geben, weiter zu gehen. Ich arbeite daher aus tiefster Überzeugung ressourcen-, lösungs-, und sinnorientiert und beziehe in Gruppen, so gut ich kann, gruppendynamische Prozesse mit ein.
Tritt im Leben eine Belastung auf – das können gesundheitliche, finanzielle, soziale oder andere schwerwiegende Probleme sein –, dann drehen sich die Gedanken der direkt und indirekt Betroffenen sehr stark um diese Belastung, in der Hoffnung eine Lösung zu finden. Lässt eine Veränderung zum Positiven jedoch trotz vieler Bemühungen auf sich warten, nehmen die Gedanken nicht etwa ab, sondern zu und die Belastung wird zum Hauptbezugspunkt bzw. zur Brille, durch die geschaut wird. Durch meine chronischen Schmerzen belastet, bin ich für meinen Partner eine Belastung geworden, für meine Angehörigen eine Sorge, Kontakte zu Freunden sind in den Hintergrund getreten. Wenn ich keine Schmerzen hatte, dachte ich nach, wie ich mit dem nächsten Schmerzschub umgehen könnte, sodass ich meine Arbeitsaufgaben bewältige. Ich merkte wie sich mein Leben immer mehr einfaltete und der Schmerz in den Mittelpunkt rückte. Als ich das erkannt hatte, begann ich mich zu desidentifizieren. Ich meditierte über folgende Sätze: „Ich bin nicht der Schmerz, ich bin mehr als das.“ Ich relativierte alle Rollen, Gedanken, Tätigkeiten, mit denen ich mich identifizierte. „Ich bin nicht nur das, ich bin auch … z.B. Liebe.“ Diese Übung half mir aus dem gedanklichen Sog der Schmerzen auszusteigen und brachte mir wieder mehr innere Leichtigkeit.
Die Begegnung mit Traumatherapie (EMDR2 und Anliegenaufstellung3 nach Franz Ruppert) sowie mit Tanz- und Reittherapie trug ebenfalls zu meinem Genesungsprozess bei: Ich durfte erkennen, dass die Ursache meiner Schmerzen möglicherweise in traumatischen Erfahrungen begründet liegt. Diese Einsicht eröffnete mir neue Heilungswege und damit Handlungsmöglichkeiten.
Die Zuversicht, die mir aus all der inneren Arbeit erwuchs, bewirkte allmählich eine Linderung. Die Schmerzspitzen reduzierten sich und auch die Dauer der Schmerzattacken verkürzte sich.
So ging ich weiter auf diesem Weg der Selbsterforschung und gewann mein Leben und meine Gesundheit immer mehr zurück. Ein Resultat meines persönlichen Weges ist dieses Buch. Möge es Mut machen, den Weg nach innen zu gehen und die Aufstellungsmethode als hilfreiche Begleiterin kennen und schätzen zu lernen.
Identität (lateinisch: idem – derselbe, dasselbe) meint die Gesamtheit von Eigentümlichkeiten, die ein Individuum (von lat.: in-dividuare – unteilbar machen, ganz machen) kennzeichnet und es von anderen unterscheidbar macht. Die Identität eines menschlichen Individuums beruht auf dem Gefühl, trotz ständiger Veränderung innerlich sich selbst gleich zu bleiben und ist verknüpft mit dem Wissen um die eigene Unverwechselbarkeit und deren Bejahung (Erik Erikson). Der Mensch ist also eine Ganzheit, ein Unteilbares, eine Einheit.
Gleichzeitig wirken im Individuum verschiedene Gedanken- und Gefühlsmuster, die zum Teil sehr widersprüchlich sind und einander auch bekämpfen. Dies führt zu der Annahme: Ich bin viele. Die Aufspaltung der Einheit zeigt sich am deutlichsten im Auftreten von Diskrepanzen, wenn ich zum Beispiel ein Ziel erreichen will und es immer wieder selbst sabotiere, oder wenn ich unter dem Gefühl leide, einsam und unbedeutend zu sein und gleichzeitig Kontakten aus dem Weg gehe und alles dran setze, nicht gesehen zu werden.
Wie kommt es, dass die Einheit aufgespalten wird? Wie kommt es, dass Fühlen, Denken und Handeln auseinanderfallen und als unterschiedliche Anteile mit eigenen Überzeugungen und Rollen ein Eigenleben führen? Identität entwickelt sich auf Basis aller Erfahrungen, die das Individuum von Anbeginn seiner Entstehung macht. Besonders prägend sind die frühen Erfahrungen (Kindesalter, Geburt und Entwicklung im Mutterleib). Kommt es zu Erfahrungen, in denen das eigene Leben in Gefahr ist, reagiert der menschliche Organismus mit starkem Stress und dem bekannten Kampf- oder Fluchtreflex, oder wenn weder Kampf noch Flucht möglich sind, mit Kollabieren, dem sogenannten Totstellreflex. Man spricht in diesem Zusammenhang von Trauma oder exakter von Psychotrauma (Griechisch: Trauma – durch Gewalteinwirkung entstandene Verletzung, Wunde). Traumatische Erfahrungen überfordern die psychischen Kapazitäten des menschlichen Individuums. Um zu überleben, gibt der Mensch die Einheit von Körper und Psyche auf; das Ich spaltet sich in verschiedene Teile auf. Das heißt, die Psyche trennt die unerträgliche Erfahrung von der augenblicklichen Realität ab und schiebt sie ins Unbewusste. Dadurch ist die Verbindung vom Ich zum entsprechenden Ereignis gekappt. Die Aufspaltung in den bewussten und den unbewussten Teil wird als Dissoziation bezeichnet. Sie geschieht völlig automatisch und entzieht sich unserer bewussten Steuerung.
An dieser Stelle verändert sich die ursprüngliche Identität des Individuums. Nachdem Schock und Dissoziation abgeklungen sind, beginnt ein Teil des Ichs Strategien zu entwickeln, die sicherstellen, dass die traumatische Erfahrung ja nicht ins Bewusstsein gelangt. Die Strategien werden mit der Zeit immer ausgefeilter und gezielter und beginnen unsere Gedanken und Emotionen zu konditionieren. Sie prägen schließlich unsere täglichen Aktivitäten, Verhaltensweisen und Gewohnheiten. Irgendwann hält das Individuum die Strategien für seine wahre Identität.
Während Psychotrauma auf neurowissenschaftlicher Ebene bereits gut untersucht ist, sind wir, was die seelisch-geistige Ebene anbelangt, auf Erfahrungen und theoretische Konzepte angewiesen, wenn es darum geht, Trauma und seine Folgen zu verstehen und zu therapieren. Franz Ruppert hat ein Modell entwickelt, das die Spaltung des Individuums infolge eines Traumas anschaulich macht und auf das hier immer wieder Bezug genommen wird. Seines Erachtens spaltet sich das Ich in drei Teile: in das Überlebens-Ich, das traumatisierte Ich und in das gesunde Ich. Diese drei Teile bilden die Struktur oder das Muster, nach dem sich die vielfältigen inneren Persönlichkeitsanteile bewegen.
Im Hinblick auf die heilsame Bearbeitung von Traumafolgen ist aber auch Roberto Assagiolis (1888 – 1974) Konzept vom Selbst bedeutsam. Assagioli geht davon aus, dass es eine den Teilpersönlichkeiten eines Menschen übergeordnete Instanz gibt – das Selbst. Das Selbst kann als bewusstes Ich oder als transpersonales Selbst in Erscheinung treten.
Im Zentrum des gespaltenen Ichs, hinter allen verschiedenen Gedanken- und Gefühlsanteilen, hinter unseren diversen Befindlichkeiten und sozialen Rollen gibt es also eine Instanz, die mit der Fähigkeit ausgestattet ist, unsere Gedanken, Gefühle und Verhaltensweisen wahrzunehmen und zu beobachten. Diese Instanz ist sehr wichtig für den Prozess der Eins- oder Ganzwerdung (= Individuation nach Carl Gustav Jung, 1875 – 1961). Sie besitzt die Fähigkeit zur Selbstbeobachtung und Selbstreflexion und wird daher unter anderem auch als „Beobachter“ bezeichnet. Das bedeutet, dass hinter dem Verstandes-Ich, dem Gefühls- und Körper-Ich eine viel umfassendere Präsenz ist, auf die häufiger noch mit Begriffen wie „wahres Selbst“, „wahres Wesen“ oder „Wesenskern“ Bezug genommen wird. Mit Hilfe dieser Instanz, unserem wahren Selbst, können wir Klarheit, Harmonie und Gleichgewicht in unser Sein bringen und ein stabiles Ich-Bewusstsein entwickeln, das gekennzeichnet ist von Präsenz, Autonomie und Verbundenheit. Das Selbst unterstützt uns, uns aus der Identifikation mit unseren Gefühlen herauszulösen und eine konstruktive Form von Distanz zu ihnen aufzubauen. Das heißt konkret: Das Selbst hilft uns wahrzunehmen, dass wir mehr sind als nur das Gefühl. Gelingt uns das, wird das Ich nicht mehr von unangenehmen Emotionen überflutet und Beruhigung stellt sich ein (= Technik der Desidentifikation nach Roberto Assagioli).
Wichtig bei der Arbeit mit inneren Persönlichkeitsanteilen (= Gefühle, Gedanken, Körperempfindungen, Verhaltensweisen) ist, sie alle willkommen zu heißen, auch die destruktiven. Sie sind entstanden um das Überleben des Individuums zu sichern, auch wenn sie gegenwärtig den Eindruck erwecken, es zu bedrohen. „Wenn man begreift, dass jeder dieser Anteile von Lasten aus der Vergangenheit bedrückt wird, und wenn man seine jeweilige Funktion im Gesamtsystem anerkennt, so fühlt es sich weniger bedrohlich an.“4 Eine Aufstellung kann helfen, den biographischen Sinn einzelner Anteile zu verstehen und sie, in einem weiteren Schritt, zu würdigen. Das Verstehen und die wertschätzende Anerkennung unterbrechen die isolierende und oft selbstzerstörerische Wirkung der Überlebensmechanismen und räumen der Person mehr Wahlmöglichkeiten ein.
Das menschliche Dasein ist ein Gasthaus. Jeden Morgen ein neuer Gast. Freude, Depression und Niedertracht – auch ein Moment der Achtsamkeit kommt unverhofft zu Besuch. Grüße und bewirte sie alle! … Behandle jeden Gast ehrenvoll. … Dem dunklen Gedanken, der Scham, der Bosheit – begegne ihnen lachend an der Tür, und lade sie zu dir ein. Sei dankbar für jeden, der kommt, denn alle wurden dir aus einer anderen Welt geschickt, um dich zu führen.
Rumi
Ein weiterer wichtiger Aspekt auf dem Weg zur Ganzheit, zum Einswerden mit uns selbst, ist die Integration jener Anteile, die wir aus unserem Bewusstsein verbannt oder abgespalten haben. Die Wiederverbindung mit diesen Anteilen besitzt eine sehr große, gesundheitsfördernde Kraft. Neben gezielter innerer Arbeit wird dieser Integrationsprozess unterstützt durch die Verbundenheit mit anderen Menschen, mit Tieren und der Natur als solche. Ein wesentliches Kennzeichen von Psychotrauma ist ja gerade Beziehungsverlust: Verlust der Beziehung zum eigenen Körper, zu den eigenen Gefühlen, zu eigenen Erinnerungen. Dieser Beziehungsverlust spiegelt sich sowohl in den sozialen Kontakten wieder und der Anschauung, allein und isoliert dazustehen, als auch in dem Gefühl von Fremdheit des eigenen Körpers. Bei der Überwindung von Trauma ist daher Aufmerksamkeit auf die Verbindung zum Körper, auf das physische Sein und auf das Wahrnehmen und Ausführen von Bewegungen wesentlich, ebenso wie vertrauensvolle Beziehungen zu anderen Menschen. Auch Tiere können den Traumaheilungsprozess positiv unterstützen so wie Aufenthalte in der freien Natur.
Aufstellungen eröffnen die Möglichkeit, physische Erfahrungen zu machen, durch Bewegung, Wahrnehmen und Spüren. Sie fördern damit das Körpergewahrsein.
Findet die Aufstellung in der Gruppe statt, so fördert sie in besonderer Weise mitmenschlichen Kontakt. In einer Gruppe finden reale Begegnungen von Menschen statt, mit Blickkontakt, Worten, Gesten und wertschätzender Berührung. Virtuelle Netzwerke vermitteln gewiss auch den Eindruck, verbunden zu sein. Sie ersetzen jedoch niemals die beruhigende und tröstende Nähe körperlich anwesender Personen. In der persönlichen Begegnung mit anderen begegnen wir unserer eigenen Lebendigkeit.
Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer eines Aufstellungsseminars sitzen gewissermaßen im selben Boot; jeder darf einfach da sein, so wie er oder wie sie ist, mit der ganz eigenen Geschichte. Gegenseitige Empathie und Anteilnahme ergeben sich – begünstigt durch die Wahrnehmungen in den Stellvertreterrollen – wie von selbst. Die Teilnehmer bezeugen einander das erfahrene Leid und auch die vorhandene Resilienz und verstärken so die Wirklichkeit unserer Wahrnehmungen. Die Teilnehmer einer Aufstellungsgruppe sind ein unterstützender Resonanzkörper, der den inneren Prozess jedes Einzelnen trägt und Schutz und Geborgenheit vermittelt. Die Verbundenheit in der Gruppe öffnet den Raum für Transformation und Heilung – mit anderen Worten: Es entsteht ein heilender oder heiliger Raum.
Manchmal geschieht es in einem Gruppenprozess oder in der Meditation, dass wir in Berührung kommen mit unserem tiefsten Wesen, unserem wahren Selbst oder Wesenskern. Wir treten ein in einen Raum der Stille. Eine Stille, die sanft ist und durch keinen Lärm der Welt beeinträchtigt werden kann. Gehen wir noch tiefer, löst sich die lineare Zeit in der Wahrnehmung unbegrenzter Gegenwärtigkeit auf. Erfahrungen von körperlicher Entgrenzung, Glücksgefühlen und tiefem Frieden stellen sich ein. Das Ich-Bewusstsein tritt zurück zugunsten des Empfindens von umfassender Verbundenheit. Es ist ein Zustand von tiefem Frieden, ein Zustand von reinem Sein. Von hier gehen Impulse zur Heilung aus. Es ist vor allem die Praxis der Achtsamkeit5, die die Entfaltung unseres Selbst, unserer Wesensnatur unterstützt. Das Selbst dient einerseits der Entfaltung unserer Identität und transzendiert sie andererseits auch in etwas Größeres hinein.
Es geht in der Arbeit mit inneren Anteilen um die Stabilisierung und Stärkung der Ich-Identität als Voraussetzung für das möglichst durchgängige Erleben von echter Verbundenheit, von Getragen- und Gehaltensein in einem größeren Netz. Diese Arbeit beabsichtigt also nicht narzistische Ego-Aufblähung, sondern Förderung der Ich-Stärke im Interesse eines lebendigen Miteinander-Seins.
„Nachdem ich (in der Therapie) endlich so viel über mich selbst hatte reden können, liebte ich alle anderen mehr als je zuvor.“
Dar Williams
Wir müssen gerade in der Psychologie ein neues Menschenbild wagen, das die spirituelle Dimension, die geistig-feinstoffliche Verfassung des Menschen anerkennt und würdigt, ohne sie von der materiell-stofflichen zu trennen. Bis jetzt orientiert sich die Psychologie sehr stark an der naturwissenschaftlichen Sicht, die den Menschen vor allem als materiell-stoffliches Wesen betrachtet, dessen geistige Dimension sich hauptsächlich auf das rationale, logische Denken beschränkt. Gefühle werden vor allem als neuro-physiologische Prozesse verstanden, die chemisch durch Psychopharmaka und auf Verhaltensebene durch Verhaltenstherapie verändert werden wollen. Wünschenswert wäre eine ganzheitlichere Psychologie, die den Menschen in möglichst allen Dimensionen erfasst – körperlich, seelisch, geistig – und auf das Zusammenwirken dieser Dimensionen achtet. Dies gelingt am ehesten, wenn wir in einer nicht wertenden Offenheit dem sich aus sich selbst heraus entfaltenden Leben dienen und es nicht beherrschen wollen.
Auch der Begriff „Heilung“ ist gewiss weiter zu fassen als die Beseitigung von Symptomen. Heilung weist über uns selbst hinaus. Sie kann nicht gemacht werden, wir können sie nur empfangen, wenn sie zu uns kommt. Der Psychotherapeut Johannes B. Schmidt schreibt: „Heilung ist Wiederverbindung mit den spirituellen Kräften, die uns im Mutterleib geformt haben.“6
Wenn es konkret um Traumaheilung geht, um den Weg zurück zur Ganzheit, um das tiefe Erleben von Verbundenheit, dann scheint es nach Meinung der Traumaexpertinnen Luise Reddemann und Cornelia Dehner-Rau besonders wichtig zu sein, „dass man schlimme Erfahrungen in ein Größeres Ganzes einordnen kann, dass sich ein Gefühl des Zusammenhangs, der ´Kohärenz´, wie Antonowsky das nennt, entwickeln kann. Die Forschung zeigt auch, dass Menschen, die sich mit anderen verbunden fühlen und solche, die eine spirituelle oder religiöse Orientierung haben, leichter mit einem Trauma fertig werden.“7
In unserem Inneren gibt es so etwas wie einen Raum, in dem wir die seelisch-geistige Dimension des menschlichen Individuums lokalisieren. Doch ist dieser Raum nicht wirklich begrenzbar und auch nicht vom Körper getrennt. Er ist in seinen Tiefen letztlich unauslotbar. Dennoch nimmt das Ich diesen Raum vordergründig als zu sich selbst gehörend wahr.
In spirituellen Traditionen wird dieser Innenraum als heilig angesehen. Heilig, weil er unantastbar ist und Würde verleiht; heilig, weil er über das Individuum hinausgeht und es auf ein großes Ganzes hin transzendiert; heilig, weil in ihm Heilung geschieht.
Was dieser innere Raum auf der Erfahrungsebene sein kann oder ist, lässt sich nicht so leicht beschreiben. Die folgenden Zitate von Menschen, die in Berührung waren mit ihrem Raum und ihr damit verbundenes Erleben in Worte kleideten, mögen eine Ahnung von der Raumerfahrung vermitteln:
„In mir ist ein großer Raum, in dem alles enthalten ist. Ich kann mich, Ursula, darin wahrnehmen, aber nicht als abgetrenntes Individuum, sondern eher als Bewusstsein. Wie ein Licht. Meine Bedürfnisse sind nicht länger meine Bedürfnisse, sondern sie sind Wahrnehmungen der Bewegungen in diesem Raum. Dieser Raum ist sehr klar definiert – und gleichzeitig in seiner Ausdehnung ohne Begrenzung. Er ist nicht starr – eher wie fließende Wellen. Er ist ganz schwarz und leer – und gleichzeitig ist er ganz bunt und voll. Meine Grundempfindung ist, dass ich ohne diesen Raum nicht existiere, und dass ich umgekehrt die Wellen in diesem Raum belebe.“8
Ursula Seghezzi, Religionswissenschaftlerin und Naturmystikerin
„Direkt in uns können wir eine Seinsqualität finden, die alle Vorstellungen und Konzepte sprengt. Ob als Licht, Verbundenheit oder Gnade erlebt – es scheint vollkommen, faszinierend und klar. Es ist die vibrierende Energie, die den Menschen in außergewöhnlichen Augenblicken durchrieselt, der Glanz in den Augen, die elektrisierende Berührung, die glitzernde Pracht über dem Scheitel und das Licht hinter dem Herzen. Es ist wie ein inneres Lächeln voller Güte und Liebe, das durch alles hindurchscheint, gleichzeitig aber alles und nichts, jedes und keines davon ist. (…) Es kann nicht mehr vermessen werden, da darin Vergängliches und Ewiges, Endliches und Unendliches zusammenfallen.“9
Sylvester Walch, Psychotherapeut, Dozent für transpersonale Psychologie und Holotropes Atmen
Poesie ist vielleicht die angemessenste Möglichkeit, der Erfahrung des heiligen Raums, der Seinsqualität in unserem Innern, sprachlich gerecht zu werden.
„Durch alle Wesen reicht der eine Raum:
Weltinnenraum. Die Vögel fliegen still
durch uns hindurch. O, der ich wachsen will,
ich seh hinaus, und in mir wächst ein Baum.“10
Rainer Maria Rilke, Lyriker
