Im Reich der Schuhe - Spencer Wise - E-Book

Im Reich der Schuhe E-Book

Spencer Wise

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Beschreibung

Wie kann man den Fußstapfen des Vaters entkommen oder gar entwachsen, wenn dieser den Titel »Kaiser der Schuhe« innehat, eine Schuhfabrik sein Eigen nennt und auch sonst mit seinen Spleens recht einnehmend bis übergriffig ist? Der 26-jährige Bostoner Jude Alex Cohen – der bislang nur eine Aufgabe hatte: Sohn sein – versucht im chinesischen Foshan genau das. Auch mit Hilfe der Arbeiterin Ivy, die ihm ihr Leben und die jüngere Geschichte Chinas zeigt und Alex damit ganz neue Wege eröffnet.

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Seitenzahl: 453

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Spencer Wise

Im Reich der Schuhe

Roman

Aus dem Amerikanischen von Sophie Zeitz

Diogenes

Für meinen Vater

Draußen scheint hell der Mond, und von meinem Fenster aus kann ich das Skelettgrau der Fabrik sehen und die Banner, wie Schärpen drapiert, mit den blutroten Mandarin-Schriftzeichen, die den Wandel fordern, und ich frage mich, wie zum Teufel aus dem kleinen Bostoner Juden ein YouTube-Held der chinesischen Revolution werden konnte.

Ich stehe am Fenster und denke an Juden und an Schuhe und an die schöne Chinesin, die hinter mir im Bett liegt.

Ivy.

Ich sollte zu ihr gehen. Ins Bett kriechen und meine Arme um sie schlingen.

Aber ich bewege mich nicht.

In der Scheibe sehe ich mein halb aufgelöstes Gesicht. Die Spiegelung meiner Augen.

Das also ist der Ort, an den ich zuerst wegen meines Vaters kam. Guandong, wo er seit einer gefühlten Ewigkeit Schuhe macht. Südchina. Das Land, das er adoptiert hat. Auf seine meschuggene Art. Er wollte mich hier haben. Wenn auch nicht direkt hier, in diesem Moment, in der Nacht der Proteste.

Da muss noch irgendetwas gewesen sein, das mich in dieses Land gebracht hat. Denn ich landete an einem Ort, mit dem ich nie gerechnet hätte. Oder mein Vater. Oder sonst einer von uns.

Im Haus ist es still, aber ich habe immer noch die Sprechchöre im Ohr. Was für ein Sound. Sie haben uns zugehört, oder? Die Arbeiterinnen und Arbeiter. Und morgen hören und sehen uns auf YouTube noch viel mehr.

Ich lehne mich an den Fensterrahmen und drehe mich zu Ivy. Sie liegt in das weiße Laken verknotet im bläulichen Mondlicht, das hinter mir hereinfällt. Ihre Stirn hat sie im Schlaf gerunzelt, wie sie es macht, wenn ich Stuss rede – was häufig der Fall ist –, und ihre Lippen bewegen sich lautlos, als brülle sie immer noch ins Megaphon und träume von allem, was wir erlebt haben.

Dass sie einmal hier in meinem Bett liegen würde, hätte ich nie für möglich gehalten.

Ich kenne sie, oder? Sie hat mir ihr Dorf gezeigt, und Beijing – Orte, die ihr heilig sind.

Trotzdem ist da immer ein Rest, den ich nicht fassen kann. Das Gefühl, dass ich sie, egal wie viel ich inzwischen von ihr weiß, eigentlich überhaupt nicht kenne.

Ich schaue wieder aus dem Fenster.

Palmen im Garten, die Stämme weiß gekalkt. Regen, der von den breiten Blättern tropft. Eine dürre Katze, die sich unter den Wurzeln eines Banyanbaums verkriecht.

Ich kann nicht schlafen.

Dad ist drüben in Nanhai im Hotel, vielleicht liegt er in der Badewanne, das Wasser schießt dampfend aus dem Hahn, leckt an den Wannenwänden und schwappt auf die Fliesen. Das Wasser steigt und steigt, bis unter seine Nase, bis zum Wannenrand, und er sagt zu Karri: »Stell es ab.«

Aber da machst du dir was vor, Pops. Das kannst du nicht abstellen.

Wenn die Sonne aufgeht, stehen Entscheidungen an. Mein Vater. Ivy. Die Welt öffnet sich. Hat sich geöffnet. Es geht nicht mehr um die kleine Fabrik, die mein Vater vor zwanzig Jahren aufgebaut hat. Die Welt, in der ich leben werde, ist eine andere, und noch verstehe ich meinen Platz darin nicht.

Ein Jude. Ist es das, was ich bin? Ich weiß es nicht. Vielleicht bin ich einfach der Schmock, der es in China vergeigt hat. Der alles vermasselt hat.

Was bedeutet das überhaupt hier in China, Jude zu sein? Bin ich jetzt ein Weltbürger? Weltbürger sind wir immer gewesen. Nein, das ist nicht wahr. Wir waren immer Außenseiter. Auf der Flucht.

Aber wohin?

Ich reiße mich vom Fenster los, gehe zurück zum Bett und setze mich mit dem Rücken zu Ivy auf die Kante.

Und ich denke: Da waren nur sie und ich und das, was auf dem Hausboot ihrer Großmutter zwischen uns passiert ist. Das war der Anfang, von uns und von allem. Auch wenn der Rest unklar ist, so viel weiß ich. Ivy und ich, Rücken an Rücken auf dem Blechdach des Hausboots auf dem Perlfluss, am Ufer ein Atomkraftwerk, das in der Dämmerung verschwindet, während Ivys Großmutter ein Huhn rupft und die Federn über Bord wirft.

1

Ivy ist eine Näherin aus der Modellabteilung und hatte damals auf dem Tian’anmen-Platz protestiert. Eigentlich heißt sie natürlich nicht Ivy, sondern Hanjia Liu, ein Name, den ich nie über die Lippen bekam, meine hohen Töne zu tief, die tiefen zu hoch, und wie gerne ich ihn auch korrekt ausgesprochen hätte, er blieb meiner Zunge ein ewiges Rätsel.

Ich spürte ihren feuchten Rücken an meinem, spürte die Wärme, die von ihrer Wirbelsäule ausging – so nahe waren wir uns noch nie gewesen. Am liebsten hätte ich die Hand nach hinten ausgestreckt und ihre genommen, aber ich wusste, dass unser Ausflug kein Date war. Es war sehr heiß. Still hier zu sitzen reichte schon. Dayenu. Unwillkürlich hatte ich das alte Pessach-Lied im Ohr. Es wäre genug. Die Lüge der Genügsamkeit. Jeder will mehr.

Ich merkte, wie das Gewicht von Ivys Haar von meinen Schultern genommen wurde, die plötzliche Kühle im Nacken, und ich wusste, ohne mich umzudrehen, dass sie ihr Haar zu einem lockeren Knoten band, ohne Gummi oder Spange, wie sie es immer tat, bevor sie aß. Sie reichte mir ein Stück Drachenfrucht, und ich biss in das frische, leichte Fleisch, knackte die kleinen schwarzen Samen. Bevor sich die Süße auf meinen Lippen auf‌löste, war ihre Hand wieder neben meinem Ohr, und sie hielt mir zwischen Zeige- und Mittelfinger das nächste perlweiße Stück hin. Sie hatte schon jetzt Näherinnenknöchel, die Gelenke der obersten Fingerglieder geschwollen und rot. Ich nahm ihr die Frucht ab. Wir aßen schweigend. Ich kämpf‌te gegen das Bedürfnis an, die Stille mit Unsinn zu füllen, weil mir die Ruhe zu schaffen machte wie ein Stiefel auf der Brust. Könnten wir nur in diesem Augenblick bleiben. Aber es ging natürlich nicht. Ich musste meinem Vater gegenübertreten. Ivy sagte, sie wolle nicht, dass ich zwischen ihm und ihr entscheiden müsse, zwischen einem Vater und einer Dagongmei, einer Wanderarbeiterin.

Ich musste zurück; ich kam zu spät zu unserer Verabredung zum Abendessen im Hotel. Der ganze Nachmittag war leise verflogen, seit ich mich wie ein Depp, der entführt werden will – wie mein Dad sagen würde – bei der Schuhfabrik hinter Ivy aufs Motorrad gesetzt und sie mich hierher auf das Flussschiff ihrer Großmutter gebracht hatte, am Vorabend des Grabfegetages, an dem alle Kinder nach Hause kommen.

Der Rückweg führte über eins der Styroporblock-Flöße zum Ufer und dann auf Ivys Motorrad zum Hotel, wo sich mein Vater vermutlich gerade einen Lacoste-Pullover um die Hüften schlang, in die Bootsschuhe schlüpf‌te und sich unter jedes Nasenloch einen Klecks Neosporin schmierte, damit er sich nicht erkältete, weil China der letzte Ort ist, an dem du abkacken willst. Während hinter seinem Rücken, aber mit bestem Wissen Ivys, seine eigenen Sicherheitskräfte für fünfzig Yuan extra Ivys Flugblätter für eine neue Gewerkschaft unter den Türen der Wohnheime durchschoben. Aber solange ich dort auf dem blechgedeckten Hausboot saß, solange ich an Ort und Stelle blieb und mich auf das konzentrierte, was vor mir war, war alles gut. Erst als ich mich bewegte, wurde ich zum Verräter.

Genug. Ich stand auf, die Beine vom langen Sitzen eingeschlafen, und während ich mir die Oberschenkel massierte, um meinen Kreislauf wieder in Gang zu bringen, zankten sich Ivy und ihre Großmutter auf Chinesisch. Ich schwang ein Bein über das Seitendeck. Mein Fuß berührte den Styroporblock, die behelfsmäßige Fähre, die mich die knapp fünfzig Meter ans Ufer tragen sollte. Ivy reichte mir die Stange und warnte mich, dass es schwieriger sei, als es aussehe, auf dem Block zu balancieren, der nicht viel breiter als meine Schultern war. Jetzt stand ich heftig wackelnd mit beiden Füßen darauf und versuchte, mich mit langen Zügen wie ein Gondoliere voranzuschieben. Die Blicke des ganzen Dorfs ruhten auf mir, die Last der Erwartung. Wahrscheinlich war mein Vater ohne mich losgegangen und saß schon in der Churrascaria des Hotels, wo er »Fisch« rief, während die Kellner Lammkeulen vorbeitrugen. Fisch, nicht trejf, wollte der Kaiser. Dad war ungefähr so fromm wie ein Schweinefleisch-Wantan, was ihn nicht daran hinderte, Gott ins Feld zu führen, falls der Fisch nicht zackig aufgetischt wurde.

Das Floß wackelte, die linke Kante tauchte unter, und ich ging in die Hocke, Füße platt, Knie gespreizt, wie ich es bei den Fischern gesehen hatte; es war eine Position, die man beherrschen muss, wenn man in China überleben will. Es gab keinen Grund, warum ich es nicht schaffen sollte. Ich spürte das Brennen in den Oberschenkeln, den zunehmenden Schmerz in den Knien, aber Aufstehen ging nicht, das tat keiner. Rund zwanzig Meter legte ich ohne größere Schwierigkeiten zurück, als meine Knie heftig zu zittern anfingen. Ich spürte die Blicke. Zurück konnte ich nicht, ich durf‌te das Gesicht nicht verlieren, nicht einmal vor lauter Fremden.

Also tauchte ich die Stange weiter ein und zog sie am Floß entlang, aber das Zittern in den Knien wurde so schlimm, dass ich mich schließlich aufrichten musste. Einen Moment lang stand ich da, Schultern parallel zum Ufer, doch im nächsten fiel ich vom Floß, direkt in die Giftbrühe meines Vaters. Denn es war unser Gift. Der Fluss war voll mit Chrom und Kalk, Schwefel und Sodaasche. Es ist ein schmutziges Geschäft, Junge. Ich sah die Brühe auf mich zukommen wie schwarzer Sirup mit einer schimmernden Lackschicht, dann tauchte ich unter, rechte Schulter voraus. Das Wasser brannte in meiner Nase. Lauge. Ich drückte das Kinn an die Brust und atmete durch die Nase aus. Augen fest geschlossen, Lippen auch, der Geschmack von Rost sickerte trotzdem durch, ein Tropfen Silber auf der Zungenspitze. Schwärze, Grauen. Mein Sneaker berührte etwas Hartes. Die schweren Kleider zogen mich nach unten, der Fluss verschluckte mich, immer tiefer. Ein Arm schoss nach oben, der andere ruderte seitwärts, und auch die Beine arbeiteten asynchron, während mein Körper kopf‌los Richtung Oberfläche strampelte. Ein Brennen in meiner Lunge. Mein Blut schrie.

Mein Kopf tauchte aus dem Wasser. Ich schnappte nach Luft und hörte das ganze Dorf lachen und Gweilo! rufen. Kantonesisch für Geistermensch. In der Fabrik hieß jeder nach seinem Job: Absatzzieher, Frachtfrau, Fäkalist, Leimmischer; und ich war Head of Development, doch kaum verließ ich das Fabrikgelände, war ich nur Gweilo und war es bereits seit meinem ersten Tag vor einem Jahr. Das Wasser verströmte einen stechenden Ammoniak-Geruch, als ich mit hoch gerecktem Kinn zum Betonsteg am Ufer schwamm, keine fünf Meter von der gähnenden Öffnung eines gewellten Abflussrohrs entfernt.

An der Anlegestelle stand ein Chinese in langer Hose und frisch gebügeltem weißem Hemd, mit Kind und Frau, die ihren Rock raff‌te, damit der Saum nicht den nassen Beton berührte. Mit Renminbi-Scheinen wedelnd brüllte der Mann seine Bestellung frischer Karpfen in Richtung der Boote, und ich verdrängte die Vorstellung, dass der Fisch aus demselben Fluss kam. Aber ich war froh, dass er da war, denn so wandten sich die Leute auf den Hausbooten wieder ihren Geschäften zu und vergaßen mein Missgeschick. Die Fischer griffen in ihre Eimer, schoben die Finger hinter die Kiemen der Karpfen und hielten sie hoch mit ihren zappelnden Schwänzen, damit der Kunde wählen konnte.

Ich stemmte mich aus dem Fluss und kletterte neben dem Städter auf die Anlegestelle, der mir einen Blick zuwarf, »ah, ah, ah« sagte und sich wieder seinem Einkauf widmete, als wäre nichts weiter passiert: bloß ein vollbekleideter Gweilo, der aus dem Wasser kroch. Oben auf der steilen Böschung lehnte Ivys Motorrad – eine alte Honda CG125 mit leuchtend orangem Tank – am Gerippe einer russischen Tupolew, die einst hier abgestürzt und im Bambus- und Schlingpflanzengestrüpp zurückgelassen worden war, abgenagt wie ein gesottenes Schwein, ein Stahlskelett mit eisernen Rippen wie Walknochen. Die meisten Hausboote waren mit den Aluminiumblechen des Flugzeugs gedeckt. Tupolews waren Chinas erste kommerziellen Flugzeuge gewesen, mein Vater war früher damit von Beijing nach Guangzhou geflogen, auch wenn sie in unerfahrenen Händen bockten und absackten und scharenweise vom Himmel fielen.

Einer der Männer am Ufer, der gerade Lychee-Kisten auf einen Pritschenwagen lud, hielt inne, um mir aus seinem Führerhaus ein fischiges Handtuch zuzuwerfen. Ein rauher Lumpen mit tiefroten Flecken, glitzernden Schuppen und üblem Gestank. Aber er beobachtete mich, also rieb ich mich damit ab, ließ nur das Gesicht aus, und warf es ihm zurück. Nach Enthaarungsmittel und Fischdärmen stinkend war nicht der Aufzug, in dem ich verspätet zum Abendessen mit meinem Vater erscheinen wollte. Wenn ich sofort losfuhr, blieb mir vielleicht noch Zeit, mich umzuziehen, auch wenn er wahrscheinlich längst mit dem Essen fertig war und die Hand über den gläsernen Niesschutz des Häagen-Dazs-Wagens ausstreckte – auf dessen Schild »Eiskrem: Messias des Glücks« stand – und sich eine große Schüssel French Vanilla nahm, während die Kellnerin wild gestikulierend herbeieilte und sich für die Vernachlässigung entschuldigte. Ach, jetzt kommst du gelaufen?

Ich nahm das Handy heraus, aber es war natürlich tot. Dads letzte SMS, die ich vor ein paar Stunden erhalten hatte, lautete: »ERA?«, und ich hatte zurückgeschrieben: »Mein E.R.A. in der Little League? Ungefähr 7,25. 10, wenn ich heulte.« Er hatte natürlich nicht meinen Pitching-Durchschnitt gemeint, sondern Estimated Time of Arrival, meine voraussichtliche Ankunftszeit, aber ich hatte danach das Telefon stumm gestellt und würde nie erfahren, was er geantwortet hatte.

Um Ivys Motorrad anzuwerfen, zog ich den Choke, nahm die Kupplung raus und trat den Kickstarter durch, in der Reihenfolge, die sie mir gezeigt hatte. Dann winkte ich Ivy ein letztes Mal, die vom Bug des Schiffs herübersah. Bis auf sie war das ganze Dorf wahrscheinlich froh, dass ich endlich ging.

Ivy hatte ihre Großmutter belogen und gesagt, ich sei ihr Freund. »Ein weißer Freund ist besser als keiner«, hatte sie zu mir gesagt. Ihre Familie nannte sie Sheng nu, Übriggebliebene, wie sie mir erzählt hatte, als wir vor dem Markt in Lishui, nicht weit von der Fabrik, an einem der Grillstände zusammen aßen. Es war das erste Mal, dass wir ins Gespräch gekommen waren, bei Austern mit Knoblauch, Hühnerfüßen und Schweinswurst.

»Ungewollte«, flüsterte sie, und ich dachte: Blödsinn, ich würde dich wollen, und ich wette, ein Haufen anderer auch.

Ich nahm an, dass sie nicht älter als vierundzwanzig war, aber man konnte nie wissen. Ich bildete mir nicht ein, ich würde die chinesische Kultur verstehen. Vielleicht galt eine Frau mit vierundzwanzig bereits als alt. Oder Ivy war älter, und ich sah es ihr nicht an.

»Ist deine Familie von hier?«, fragte ich.

»Ja. Aber ich habe Angelegenheiten in Beijing.«

»Angelegenheiten.«

»Ja.«

Sie blieb vage. Vielleicht meinte sie einen Exmann. Oder sie war doch verheiratet. Ich wollte nicht nachhaken.

»Ist es schön?«, fragte ich. »Beijing. Ich war noch nie da.«

»Es hat sich verändert.«

»Seit wann?«

Ivy spannte sich an. Musterte mich. Blinzelte nicht und schaute nicht weg.

»Tian’anmen«, sagte sie.

»Du meinst …«, und dann brach ich ab, weil klar war, was sie meinte. Ich richtete mich auf. Dachte an 1989, versuchte im Kopf nachzurechnen. War Ivy vierzig? Möglich. Auch wenn ich sie für vierundzwanzig hielt. Als ich sie genauer ansah, glaubte ich, Fältchen um ihre Augen zu erkennen – nein, ich bildete es mir bloß ein. Da waren keine Zeichen. Man sah ihr das Alter nicht an. Vielleicht als Chinese, wenn man wusste, wo man suchen musste. Aber nicht ich.

»Damals musst du noch sehr jung gewesen sein«, sagte ich. »Als alles …«

Sie nickte. »Ich bin sechsunddreißig.«

Sie machte kein Geheimnis daraus.

»Tut mir leid«, sagte ich. Dann schlug ich mir an die Stirn. »Nicht, dass du sechsunddreißig bist. Das andere, meine ich …«

»Kein Problem.« Sie lächelte.

Ich drehte mich um.

Ein paar Tische weiter zog ein Mädchen einer Freundin die Extensions aus dem Haar. Es sah aus, als bohrte sie die Finger in die Wurzeln und pulte breite Strähnen steifen schwarzen Haars heraus, und plötzlich musste ich an die Perücken meiner Mutter denken – die Schejtls, die sie trug, nachdem sie endgültig orthodox geworden war –, die am Bettpfosten hingen, während ihre kahle Besitzerin am Fenster rauchte.

Ich sah Ivy wieder an.

Ihr Haar war ihr eigenes. Echt. Ich dachte daran, wie viel in jenem Jahrzehnt geschehen war, diesem schwarzen Loch zwischen uns, und was sie alles gesehen hatte. Sie wusste Dinge, viel mehr als ich, und ich wollte alles wissen, und plötzlich stellte ich mir vor, wie ihr Haar nach vorn auf mein Gesicht fiel, und ihre Lippen über meinen schwebten, und aus irgendeinem Grund sagte ich: »Ich bin jünger.«

Sie lachte. »Ich weiß.«

»Ich bin sechsundzwanzig«, sagte ich. Ich hätte lügen sollen. Hätte es mit einunddreißig probieren sollen.

»Du erinnerst dich nicht – du bist noch zu jung.« Sie sprach wieder von Tian’anmen. Ich brauchte einen Moment, weil ich darüber nachdachte, wie sie mich genannt hatte.

»Doch, ein bisschen«, log ich. »Ein paar Dinge. Was mein Vater darüber sagte.«

Sie lehnte sich zurück, ohne zu antworten. Wechselte das Thema. Ich verstand es als ihre Art zu sagen, dass da zu viel ist, was zwischen uns steht.

Aber später auf dem Hausboot wusste ich, dass Ivy mich benutzte, um ihrer Großmutter Hoffnung zu machen, und ehrlich gesagt machte es mir nichts aus, benutzt zu werden, solange ich ihr nützlich war. Da ihre Großmutter aus politischen Gründen weder für Amerikaner noch für Briten etwas übrig hatte, gab ich mich auf Ivys Vorschlag hin als motivierten australischen Sprachlehrer aus, den ich fehlerlos und mit jedem erdenklichen Klischee ausgestattet darstellte, bis ihre Großmutter erklärte, ich klinge kein bisschen wie der australische Missionar, der im Haus ihrer Familie einquartiert gewesen war, als sie zehn war. Ivy übersetzte und schloss mit: »Sie hat sehr viel Zeit mit ihm verbracht und glaubt dir nicht, dass du Australier bist.«

»Hast du nicht gesagt, du kannst ihr alles erzählen?«, fragte ich.

»Das mit Australien hatte ich vergessen«, sagte Ivy. »Tut mir leid. Aber sei nicht böse, sonst weiß sie, dass sie uns ertappt hat. Kannst du einen Schweizer Akzent nachahmen? Ich verspreche dir, dass sie keinen Schweizer kennt.«

Also wurde ich zum Schweizer, auch wenn es wahrscheinlich eher klang, als wäre meine rechte Gesichtshälfte nach einem Schlaganfall gelähmt. Ivys Großmutter lächelte höf‌lich, ließ mich ein paar Sätze reden, dann benutzte sie eine kantonesische Redensart, die Ivy übersetzte mit: »Du kannst einen Schwan nicht ins Ei zurückstecken.«

Mein hoffnungslos unoriginelles Mitbringsel für Ivys Großmutter war ein Paar Espadrilles mit Keilabsatz aus Dads Fabrik. Sie wurde rot, als sie sie anprobierte und es irgendwie schaff‌te, ihre knubbeligen, schiefen Füße, die wie ein Stück Treibholz aussahen, hineinzuquetschen. Über einen Kohlkopf hätte sie sich mehr gefreut. Trotzdem trug sie die Schuhe für den Rest des Nachmittags, beim Flicken ihrer Fischernetze und beim Vorbereiten des Essens. Ich sah, wie sie ein paarmal beim Auf‌treten zusammenzuckte, vielleicht hatte sie Blasen an den Fersen, aber als ich ihr riet, die Schuhe auszuziehen und sich eine Pause zu gönnen, schlug sie die Beine übereinander, drückte den Rücken durch und hob das Kinn. »Ich fühle mich wie eine Frau von Welt«, sagte sie. »So sitzen sie in der Stadt, nicht wahr?« Ivy übersetzte kichernd. Dann stellte ihre Großmutter die Beine weit auseinander und beugte sich vor, die Ellbogen auf die Knie gestützt. »Und so sitzen wir auf dem Land. Immer Arbeit zwischen den Beinen.« Sie griff nach dem Fischernetz, nahm es zwischen die Füße und begann zu nähen.

 

Ich dachte an unsere geplatzte Geschichte, als ich auf Ivys Motorrad über die Trampelpfade zwischen den Reisfeldern fuhr. Meine Haut kribbelte, ein dumpfes juckendes Brennen, und der kalte Wind klebte mir die nassen Jeans an meine Beine. Ich überholte Frauen, die von der Feldarbeit nach Hause gingen, langsam und zielgerichtet, auf den Schultern hölzerne Joche mit zusammengeschnürten Bambusbündeln. Die Reisfelder reichten bis zum Dorf, und ich folgte den engen Gassen, in denen der Geruch nach Holzrauch in der Luft hing. Eine Familie briet an einer offenen Feuerstelle shahe fen für den Feiertag, und im ruhigen Schein der Flammen sah ich nur Teile ihrer Gesichter, doch eines stach heraus, das einer jungen Frau, und für einen kurzen Augenblick erhob sich ihr rundes Gesicht zu meinem und war genauso schnell wieder verschwunden.

In der Ferne Foshan: Scheinwerfer auf Wolkenkratzern, die über den Fluss glitten, als suchten sie jemanden dort unten, wo von den Kähnen die ersten Raketen zischten, um golden und rot am teerschwarzen Himmel zu zerbersten. So, wie ich war, konnte ich jedenfalls nicht ins Restaurant: schlotternd in nassen dreckstarrenden Kleidern, die nach Fisch und Klärschlamm stanken. Ein Schritt hinein, und mein Vater würde mich herunterputzen: Aha, du hast dich als unser alter Hausmeister verkleidet, Chaim Pupik aus dem Keller. Als ich in die Haiwu Road bog, erhob sich das Intercontinental wie eine schwarze Säule vor mir. Nebel war aufgezogen und klebte an den obersten Stockwerken, so dass das Hochhaus aussah wie eine kopfstehende Wasserspiegelung: die untere Hälfte kantig und glatt, die obere verschwommen, dunstig und verhangen, als stünde das Hotel in einem trüben See. Das Gebäude war nagelneu, in den letzten vier Jahren erbaut, als auch der Kanal und der See angelegt worden waren; nichts hier, nicht einmal der Asphalt unter meinen Reifen, war älter als fünf Jahre. Jeder Pavillon, jeder Park, jeder Busch – alles war harmonisch und ausgewogen, die fünf Elemente im perfekten Einklang, sauber und ordentlich, nur auf der Straßenseite des Interconti stand ein Taxifahrer auf dem manikürten Rasen und pisste auf eine rote Azalee.

Ich parkte Ivys Motorrad neben einer Flotte von Rolls-Royces und Bentleys. Li Jun, der Hauptportier mit dem zurückgeölten Haar, lief die Treppe herunter und fragte: »Guten Abend, Mr. Younger Cohen? Und wie geht es dem Hochgeschätzten oben, Mr. Cohen?«

»Alles gut.«

Li Jun kannte meinen Vater, seit der in diesem Hotel abgestiegen war. Aber ich wette, Dad wusste nicht einmal, wie er hieß.

Ich drückte Li Jun zwei Zehn-Yuan-Münzen in die Hand und bat ihn, das Motorrad in die Tiefgarage zu stellen. Er schüttelte sie wie Würfel in der hohlen Hand – das war der Sound des Hotels: klimpernde Münzen. Gab man kein Trinkgeld, wurde man wie ein Geist behandelt und nicht bedient.

Hinter der Drehtür schwappte mir die klimatisierte Luft entgegen. Mein Hemd fühlte sich an wie nasse Pappe und ich zitterte. Pfeilschnell schoss Karri, die chinesische Hotelmanagerin, auf mich zu, in ihrem kardinalroten Bleistiftrock mit dem passenden Blazer, das Haar zu einem strengen Knoten hochgesteckt, die Hände vor sich verschränkt. Ihre Absätze klackten über den Marmor, dann sanken sie geräuschlos in dem purpurroten Teppich mit den goldenen Arabesken ein, die aussahen wie Hunderte anzüglich zwinkernder Augen. Karri trug die Schuhe meines Vaters. Eins seiner Designs: Schlangenleder-Optik mit rosa Blatteinsatz.

Ich machte mich auf eine Bemerkung über meinen Aufzug gefasst: »Wussten Sie, dass wir auch eine Hintertür haben?« Karri hatte Hotelmanagement in Schweden studiert. Stell dir vor, wie es bei ihr zu Hause aussieht. Aber Karri sagte nur: »Verfolgen Sie mich«, drehte sich auf dem Absatz um, ein militärisches Überbleibsel ihres VBA-Trainings in der Volksschule, und marschierte auf den Fahrstuhl zu.

»Ihnen folgen?«, fragte ich.

Sie war bereits zehn Schritte voraus, als sie sich ruckartig mit genervt geschlossenen Augen umdrehte: »Ja. Ja. Folgen. Gegenwart.«

»Jetzt?«

»JA!« Sie tippte mit dem Fingernagel auf das Glas ihrer Uhr. »Fedor – Mr. Cohen – rechnet Sie oben. Er mag nicht warten. Deswegen, mehr Eile.« Sie setzte ihren Weg zu den Fahrstühlen fort, und mit einer jähen Hitzewallung war mir plötzlich alles klar. Sie war es. Karri war die Geliebte meines Vaters. So eine Frau ist ihre eigene Mitgift! Der alte Hund. Natürlich – war es einen Monat her? oder zwei? – standen wir hier in der Lobby, Pop und ich hatten auf den Wagen gewartet und ich erzählte ihm gerade von einer verspäteten Lieferung, während er Karri anstarrte in ihrer roten Uniform, leuchtend wie eine brennende Phoenix-Blume, wie sie lächelnd mit einem gutaussehenden alten Briten sprach. Und Dad hatte in seine Richtung genickt und gesagt: »Der alte Sack denkt, er könnte sie nageln.«

»Pop«, sagte ich. »Hast du mich gehört? Wir verlieren die ganze Marge.«

Jetzt war mir alles klar. Was er in Wirklichkeit gemeint hatte, war: Ich bin hier der, der die Mieze schtupt. So wie er wohl seit zwanzig Jahren herumschtupte. Die ganze Küste rauf und runter.

Karri drückte die Taste des fünfzehnten Stocks, und als die Fahrstuhltür zuglitt, nahm sie das weiße Einstecktuch aus der Brusttasche und wischte ihre Fingerabdrücke von dem vergoldeten Bedienfeld ab, als wären wir Juwelendiebe. Dieselben Finger, die meinen Vater bei den Henkelohren packten wie einen Krug – diese polierten, french-manikürten Nägel, die seinen haarigen Rücken kraulten bis runter zu dem heimtückischen kleinen Leberfleck an seinem Hintern, der ihn, wie er schwor, eines Tages ins Grab bringen würde. Dann wischte Karri auch das Messinggeländer in der Fahrstuhlkabine ab, und die Holzperlen ihres Mala-Armbands klapperten. Sie war Buddhistin und sie war mit Dad zugange. Na ja, irgendwie passte es sogar: Wenn Leben Leiden war, ließ sie wirklich keins aus.

Doch außer der buddhistischen Seite schien sie auch noch eine andere zu haben, dachte ich, als mein Blick über ihre Schulter in ihren Blazer rutschte, wo im gekräuselten Ausschnitt ihrer Bluse ein Stück limettengrüner Spitzen-BH aufblitzte, den sie mit einem schnellen Fingerstreich verschwinden ließ. Karri lächelte matt und verschränkte die Arme, das Armband vor ihren Brüsten wie ein Doppelpack Geheimnisse. Dann musterte sie mich von oben bis unten, rümpf‌te die Nase und erklärte: »Nächstes Mal nehmen Sie meinen Hintereingang.«

»Das meinen Sie ganz gewiss nicht wörtlich«, sagte ich.

Im fünfzehnten Stock befand sich das brasilianische Restaurant. Karri führte mich an der Salat- und der Pasta-Bar vorbei. Gewöhnlich stand mein Vater an einem der beiden Buffets, auch wenn er nie zugriff, sondern sich nur viel zu tief über das Essen beugte, Was ist das? Was ist das? Was ist das? murmelnd, und mit dem Kopf zuckte wie ein Baseball-Coach, der seinem Catcher Zeichen gibt. Im hinteren Teil des Restaurants coverte eine Filipina in einem kurzen Paillettenkleid Tracy Chapmans Fast Car. Wir rauschten an Kellnern vorbei, die geschmorte Rippchen trugen, und schoben uns seitlich zwischen den Tischen durch – kaum zwanzig Zentimeter Abstand –, was Karri leichtfiel, während ich mit Bauch und Schritt die Schultern von Damen in rückenfreien Kleidern streif‌te und mich bei jeder, die ich berührte, entschuldigte.

Wir erreichten eine Tür hinter der Bühne, die in ein Separee führte. Dort saß mein Vater an einem runden Tisch im Gespräch mit der obersten Führungsriege der Fabrik. Ich spürte eine abrupte Luftveränderung, einen kalten Windstoß, der meinem Vater mitten im Satz das Wort abschnitt. Der Blick, den er mir quer durch den Raum zuwarf, lähmte mich, ich bekam kaum Luft, doch dann breitete sich ein träges, schwaches Lächeln auf seinen Lippen aus, das nur den rechten Mundwinkel nach oben zog.

Das Separee war ein Kreis aus Wänden von poliertem Onyx, in dem ich die trübe Spiegelung meines Gesichts hinter Dad sah, unsere Köpfe aufeinandergestapelt wie an einem Totempfahl.

»Der VIP lässt sich blicken«, stellte Dad fest.

Flüchtig grüßte ich in die Runde und ging zu meinem Platz, all mein Guanxi vergessend – nein, ich vergaß es nicht, ich wurde von Karris warmer Hand in meinem Kreuz zu einem armlosen weißen Ledersessel geschoben, den mein Vater streichelte wie eine Katze. Während ich mich setzte, beugte sich Karri vor und besprach mit ihm das Dinner-Menü. Ich hätte nochmals aufstehen müssen, mich förmlich verbeugen und Hände schütteln, aber in dem Moment, als ich mich erheben wollte, schwirrte die Oberkellnerin chinesisch redend in den Raum. Der war zu klein für all das Kommen und Gehen, die verschiedenen Sprachen und Dads großen Bauch, den er gegen den Tisch drückte. Weil seine ganzen Muskeln in den Schultern saßen, die breit und massig waren, passten ihm keine Sakkos von der Stange, also hatte er eine seiner maßgeschneiderten Monturen an. Die anderen trugen überwiegend schlichte, schwarze, gutgeschnittene Jacketts mit goldenen Krawatten und Khakihosen, nur Dad saß in seinem lila Samtanzug da wie eine riesige Blaubeere. Ein in die Jahre gekommener Zuhälter aus den Achtzigern. Das nennt man Stil, Junge, davon verstehst du nichts.

In Hongkong gab es einen berühmten Schneider, der die Anzüge nach einem Abguss meines Vaters machte. Beim ersten Besuch wurde man von ihm mit gummiartigem Silikon eingeschmiert und wie eine Mumie mit Gipsbinden umwickelt. Der Schneider lagerte die Mannequins in einem riesigen Keller; etliche Körperdouble in perfekten Reihen wie die Terrakotta-Krieger in Xi’an. »Sagen Sie, dass Sie einen neuen Anzug wollen«, sagte Dad jedem, der es wissen wollte. »Einfach anrufen. Keine unnötige Reise mehr – ach, unnötige Reisen! – nie wieder. Das ist chinesische Ef‌fizienz. Schneider, müssen Sie wissen, sind wie die Primaten des jüdischen Unternehmertums. Klar haben wir die Stangenware erfunden, aber die Chinesen haben uns abgehängt.« Dads kleine Einrichtung verlangte allerdings eine eiserne Disziplin. Man durf‌te kein Pfund zunehmen, sonst konnte der Schneider noch mal von vorn anfangen. Damit es funktionierte, musste man für immer bleiben, wer man war.

»… wie Sie wünschen, Sir«, sagte Karri. »Ente wie? Szechuan mit ganzem Kopf, Brust, Schenkel, oder lieber Peking-Ente, geschnittene Kruste mit Lauchzwiebeln?«

»O nein«, sagte Dad und sah ihr tief in die Augen. »Ich will den ganzen Vogel.« Seine Kiefer mahlten. Karri berührte den goldenen Schmetterling an ihrem Hals. Ihre Schuhe hatten dünne Sohlen, und ich wusste, dass sie die kalten Fliesen an den Füßen spürte und ihre Zehen bewegte. Waren sie pink oder rot lackiert? Im Hotel galt die Regel, dass die Angestellten nur geschlossene Schuhe tragen durf‌ten. Fünf Sterne, aber kein einziger Zeh.

»Natürlich, Sir«, sagte Karri höf‌lich und ging, den Hauch irgendeines frischen Seifendufts zurücklassend.

»Steh auf«, sagte Dad zu mir. »Ich will dir Gang Xiaodan vorstellen.«

Ich erhob mich. »Ich dachte, wir essen zu zweit zu Abend«, flüsterte ich Dad zu. »Soll ich mich nicht lieber umziehen?«

»Nein, nein, wir haben schon lange genug gewartet«, sagte Dad grinsend, und ich wusste nicht, wie ich sein Lächeln deuten sollte, und hatte auch keine Ahnung, warum zum Teufel sie alle hier versammelt waren – Yong, Dads Teilhaber, und Shen, der Werksleiter, einer Taiwanese, der andere Chinese, aber vor allem Gang, der Bürgermeister von Foshan. Gang war Anfang sechzig und trug eine altmodische Button-Down-Tunika. Einer dieser Typen, aus deren Gesichtern über Jahrzehnte die durchgeknallten Mao-Slogans aus dem roten Lautsprecher in der Ecke des hauseigenen Innenhofs jeglichen Ausdruck gesandstrahlt hatten.

Dad sagte: »Gang, das ist mein Junge, von dem ich dir erzählt habe«, als wäre ich zwölf. Gang reagierte nicht gleich. Wie er mit dem Finger einen Knoten in der Maserung der Tischplatte umkreiste, verriet, dass er sich gerne bauchpinseln ließ. Eins seiner Augen war braun, das andere war tot. Ein milchiger Nebel im rechten Auge mit einer winzigen Andeutung einer farbigen Iris in Blassgrün hinter einer Wolke. Ich saß in Gangs blindem Fleck und fragte mich, ob er mich überhaupt sehen konnte. Es war seltsam, dass niemand eine Bemerkung über meine Verspätung verlor oder darüber, dass ich nach Kanalisation stank. Es hätte sich als Thema angeboten, aber alle gingen darüber hinweg. Dafür musste es einen Grund geben. Ich ahnte, dass hier in diesem schwarzen Goldfischglas mit der goldenen Decke die Karten meiner Zukunft gemischt wurden. Natürlich nicht in verständlicher Form, sondern lediglich als Knistern am Rande meines Bewusstseins.

»Ältester Sohn«, sagte Gang zu mir, vertraulich, aber ohne zu lächeln, »warum sind Sie nervös? Bei mir können Sie entspannen.« Ich hatte das Gefühl, dass er mich mit dem toten Auge sehen konnte. Und dass sich niemand in seiner Gegenwart entspannte. »Ich habe auch einen Sohn«, fuhr er fort. »Lernt gerade in Manchester fürs Examen, sagt er jedenfalls. Seine Kreditkarte sagt etwas anderes.« Jetzt lächelte er; die Zähne zu perfekt, anscheinend trug er Kronen. »Ich bin nur hier, um zu gratulieren. Außerdem lasse ich mir nie eine Essenseinladung entgehen. Das ist mein Geheimnis – ich werde nie satt. Ich habe immer Hunger. Es ist ein Fluch. Ich kann essen und essen und werde nie dick. Immer zweiundsiebzig Kilo. Bin nie satt. Heute Abend versuche ich es wieder. Ich heiße Sie of‌fiziell in Foshan willkommen und ersuche Sie, die Stadt als Ihre Heimat zu betrachten. Sagen Sie es. Sprechen Sie mir nach, mit Überzeugung.«

Seine Auf‌forderung, ihm nachzusprechen, kam mir sonderbar vor, wie beim Militär, aber Gang war ein dekoriertes Parteimitglied, und ich war bloß ein Gast in seinem Land, ein Bürger auf Zeit. Also tat ich, was er verlangte. »Foshan ist meine Heimat.«

»Ich glaube Ihnen nicht«, sagte er. »Immer noch zu nervös.«

Genau dann nickte Dad der Kellnerin an der kleinen Bar unter dem riesigen Flachbildschirm zu, die in ein Mikrophon an ihrer Weste sprach, woraufhin die Tür auf‌flog und zwei weitere Kellnerinnen in ärmellosen rotgoldenen Qipaos mit Stehkragen und hohen Seitenschlitzen in den Raum traten – eine trug ein Tablett mit einem Füller und einem Tintenfass, die andere brachte ein rotes Samtkissen mit einem Stapel Dokumente.

Sie stellten das Kissen und das Tablett vor Dad, der nickte, dann nickte die Oberkellnerin und dann nickten Yong und Shen – eine stille Botschaft von einem zum anderen – und die junge Kellnerin in dem kurzen Qipao nahm eine Flasche Rotwein vom Tresen. Alles war einstudiert, im Voraus geplant; die einzige Überraschung war, dass ich es erst jetzt kapierte. In Dads Weltordnung ergibt alles Sinn.

Dad reichte mir das Kissen mit den Dokumenten, und noch bevor ich es überhaupt in Händen hatte, wusste ich, dass es unendlich schwer war. Dann stand er auf und erhob das Glas. »Ich bin kein Mann der vielen Worte«, begann er, die typische Eröffnung eines Mannes, der sich gern reden hört, »deshalb fasse ich mich kurz. Es ist erst ein Jahr her, dass ich Alex mit nach Dongguan zu dem Avon-Geschäft nahm, das wir mit Winston und Jerry machten, wie ihr alle wisst. Wir saßen um den Konferenztisch und tranken Tee, und Winston, ihr wisst ja, wie er ist. Arbeitet Zwanzig-Stunden-Tage, keine Ahnung, wie das geht, entwirft den ganzen Tag Schuhe, und am nächsten Tag fällt er plötzlich in der Modellabteilung um. Bewusstlos. Koma. Das ist wahr. Nach ungefähr einem Monat wacht er aus dem Koma auf. Und sagt, ihm geht’s gut, kein Problem. ›Es tut uns so leid‹, sage ich, ›wie schrecklich, wie furchtbar, blablabla‹, weil es schrecklich ist, also sag ich es auch. Und Alex, weißt du noch, was du zu Winston gesagt hast? Alex fragt ihn: ›Wie war’s?‹ Das fragt er den armen Kerl. Gib’s zu, Alex, das hast du gesagt. Was wolltest du hören? ›Oh, endlich mal Zeit, die Seele baumeln zu lassen‹? Hast du gedacht, er empfiehlt so ein Koma weiter? Das ist kein Wellnessurlaub, Alex. ›Wie war’s?‹ Gib zu, das war nicht dein hellster Moment. Gang, Yong, Shen, ich sage mir: Wir haben ein Problem, großen Zores. Aber was ich damit eigentlich sagen will, ist: Die Geschichte ist lange her, und seitdem haben wir viele bessere Tage erlebt. Alex, ich will, dass du meine Firma übernimmst. Ich bleib im Hintergrund, wenn du mich brauchst, aber ich will sie dir heute of‌fiziell überschreiben. Es gibt juristische Gründe dafür, und auch finanzielle. Ich kann die Fabrik nicht ewig leiten, da sind wir uns alle einig. Es ist 2015. Wir sind müde. Man sieht es uns nicht an, aber so ist es, und du bist so weit, Alex, hoffen wir wenigstens, nein, nur Spaß, du bist so weit. Es ist Zeit.«

Die ganze Zeit hatte ich das Kissen gehalten, das immer schwerer wurde, und mein Handschweiß sickerte in den Samt. Alle sahen mich an, warteten auf meine Reaktion – die richtige Reaktion, zu der ich nicht in der Lage war. Nein, nicht, dass ich nicht konnte, ich tat es einfach nicht. Ich wusste, dass ich stank, dass meine Kleider immer noch feucht und verpestet vom Flusswasser waren, und aus irgendeinem Grund erschien mir das klapprige Hausboot in der Hitze, die über das gelb blühende Schlangenkraut knistert, und der Schwall Kampfer, wenn der Wind auf‌frischte – irgendwie erschien es mir dort sehr viel sicherer als hier.

Meine Hand nahm den Füller und hielt ihn. Sie zitterte, und ich hatte Angst, dass die anderen es bemerkten. Auch das hatte er geplant, davon war ich überzeugt, seit dem Tag, als er mich zum ersten Mal im Arm hielt – ein nasses, krähendes Bündel – und mir über den blonden Flaum strich, als würde er den Ährenstand auf seinem Feld prüfen. Das hier war immer mein Schicksal gewesen, seit der Viehwaggon mit meinem Großvater aus Belgien gerollt war. Na schön, Dad, dachte ich, dann werde ich eben du, das kann ich genauso gut.

»Unterschreiben, Alex«, sagte Yong lächelnd, »oder wir ertränken dich im Perlfluss.«

Er machte Witze, hoff‌te ich, aber insgeheim hatten sie alle ein wenig Angst. Ich sah es ihnen an. Der Füller in meiner Hand, meine Finger gespreizt, und die Blicke auf mich gerichtet, auf meine neue Macht, die sich gleich hier entfalten würde. Nein, ich konnte es besser als Dad. Er saß schon zu lange hier, er war ausgebrannt. Wir brauchten einen neuen Ansatz. Frische Ideen. Ich würde Dad sanft aus dem Weg schieben, oder unsanft, wenn es sein musste. Zuerst würde ich die mittelmäßigen Kaufhäuser abstoßen und mich auf die Boutiquen und besseren Marken konzentrieren. Weg von den Imitaten. Ich wollte etwas machen, das mein Vater nie konnte, weil er bei all seiner Gerissenheit selbst bloß eine Kopie war, die Kopie eines Kopisten. Ich würde Originale entwerfen. Handgegerbtes Leder – Ziege, Kalb – die üppigen, weichen Luxusleder, die Dad nicht anrührte. Meine eigene Marke wollte ich. Schluss mit dem Rumgeschraube an 60-prozentiger C-Ware. Keine Eigenmarken mehr für irgendwelche Mittelklasse-Ketten. Ich sah meine Designs in der Etage neben Nordstrom und Neiman Marcus, unter meinem Namen. Oder einem neuen. Einem Namen, den ich mir ausdenken würde. Ich würde es wenigstens versuchen. Und falls es zu viel wurde, dachte ich, falls Dad mir keine Luft zum Atmen ließ, na ja, dann konnte ich immer noch die Reißleine ziehen und verduften. Ich konnte mich jederzeit aus dem Staub machen.

Im Separee war es still geworden, und ich sah, wie mein Vater zappelig wurde und ein Bein über das andere schlug. Auch seine Hände zitterten. Ich spürte einen kalten Luftzug im Genick. An der Spitze des Füllfederhalters hing ein Tropfen Tinte. Yong erhob sein Weinglas. »Viel Glück, Alex. Vergiss nicht, was die Pirke Avot sagt: ›Liebe die Arbeit. Lass dich nicht mit der Regierung ein.‹«

»Die Chinesen lieben die Pirke Avot«, warf Dad ein. »Sie halten das für den jüdischen Konfuzius.«

Das ist also der Teil, wo du Treue bis in den Tod schwörst, dachte ich. Und dann sah ich meinen Namen in feuchter Tinte erblühen.

2

Nachts konnte ich nicht schlafen. Ich lag im Bett und versuchte zu verstehen, was passiert war. Was zum Teufel hatte Dad sich dabei gedacht? Warum fing er ausgerechnet jetzt mit der Übergabe an? Um mich einzuarbeiten, klar. Mich im Auge zu behalten, solange ich das Geschäft erlernte, okay. Aber offensichtlich traute er mir den Job nicht zu. Warum also jetzt? Aus Eigennutz natürlich. Wie immer. Es ging um seine Unsterblichkeit. Also musste er mir die Firma übertragen. Das war seine Art zu sagen: Du bist der Erbe meines Imperiums. Ich habe dich in der Hand. Du machst dich nicht nach zwei Jahren aus dem Staub. Ich hab dich am Haken. Jetzt bist du dran.

Du bist an der Reihe, ich zu sein.

Darum ging es. Das steckte dahinter. Ich drückte mir ein Kissen aufs Gesicht. Jetzt war mir alles klar. Und dennoch glaubte ich, dass er mir den Job nicht zutraute und deswegen ständig kleine Tests mit mir machte. Heute Morgen zum Beispiel. Im Frühstückssaal. Dad hatte eine Grapefruit gegessen, während ich den Congee des Hauses schlürf‌te. »Du wirst noch zum Eingeborenen«, frotzelte er. Gewöhnlich starrte er hinter mir auf den Fernseher, wo CNN lief, aber heute Morgen nahm er mich unter die Lupe. Er griff nach seinem Löffel und wedelte damit vor meiner Nase herum.

»Alex«, sagte er – ich versuchte, ihn zu ignorieren und mich auf meinen Congee zu konzentrieren, eine wässrige Reisgrütze mit getrockneten Schweinefleischfasern, die aussahen wie das Haar unserer Rindshäute – er schmeckte mir nicht mal besonders, aber ich bestellte ihn jeden Morgen. Stur. Als würde ich ihn eines Morgens lieben. »Alex«, sagte Dad und klopf‌te mit dem Löffel auf meine Hand. »Alex. Was würdest du tun, wenn du diesen Löffel herstellen müsstest?«

»Diesen Löffel?« Ich sah auf.

Er bewegte ihn langsam vor meinen Augen hin und her, als wollte er mich hypnotisieren. »Grapefruitlöffel«, korrigierte er mich. Mit der Fingerspitze fuhr er über den gezahnten Rand. »Also, wer ist dein Abnehmer?«

»Niemand kauft Grapefruitlöffel, Dad. Hotels. F&B-Manager in Hotels …«

»Genau«, unterbrach mich Dad. »Diese Hotels sind dein Geschäft. Stell dir vor, einer kommt direkt vom Flieger aus Chicago hier ins Restaurant, noch ganz durchgeschüttelt, und das Letzte, was er will, ist die wässrige Scheiße, die du da frisst.«

»Congee.«

»Kongo«, sagte Dad. »Nein, unser Mann will eine gute alte Pink Ruby.«

Ich hatte eine Idee. »Du weißt, was der letzte Schrei zurzeit ist – Grapefruit vom Grill.«

»Jesses«, stöhnte Dad und beugte sich vor. »So was gibt es?«

»In schicken Restaurants«, sagte ich. »Als Vorspeise. Du verhandelst mit deinem Chef gerade über eine Beförderung, und die Kellnerin stellt dir eine gegrillte Grapefruit hin. Aber du hast bloß einen gewöhnlichen Löffel, so wie den.« Ich hielt meinen Löffel hoch.

Dad hielt seinen daneben, dachte kurz nach und sagte: »Gefällt mir – gewöhnlicher Löffel. Wertet meinen auf. Befördert ihn in die erste Liga des Bestecks, zur Elite der Hummerzangen und Austerngabeln. Der Cohen unter den Löffeln. Na schön, den Abnehmer hast du. Was machst du dann?«

Er ließ nicht locker. Daran merkte ich, dass es ein Test war. »Also«, sagte ich. »Verkaufen ist leicht. Die Herstellung ist was anderes. Wir wollen die Löffel ja nicht selbst schmieden. Unser Ziel ist Massenproduktion. Nicht sechzig. Wir brauchen sechshunderttausend.«

Er nickte.

»Wenn wir sie für Cent-Beträge herstellen können, können wir sie auch verkaufen. Der größte Posten ist das Material. Wie wir in der Schuhbranche sagen: Leder ist wertvoller als Arbeit. Das gilt auch für Löffel. Wir müssen das Material maximieren. Vertikale Integration. Und nie das Fließband stoppen, nicht mal zum Scheißen.«

In dem Moment dachte ich: Ich verarsche ihn bloß, plappere seine Slogans nach, und Dad war entzückt vom Klang seiner eigenen Weisheiten, doch jetzt, im Bett liegend, wurde mir klar, dass das der Moment gewesen ist, dem ich den Füller in meiner Hand verdankte.

Das hatte ihn überzeugt.

»Toll«, sagte er strahlend. »Das ist verdammt gut. Manchmal überraschst du mich wirklich.«

»Die eigentliche Frage ist, warum du so viele Grapefruits isst. Versuchst du dir ein Magengeschwür zu züchten?«

»In letzter Zeit tut mir die Seite weh, ist das ein Magengeschwür?«

»Weißt du«, sagte ich, »wenn wir wirklich ins Löffelgeschäft einsteigen, müsste ich, so wie sich die Dinge hier verändern, mit der Fabrik nach Kambodscha oder Vietnam ziehen.«

Er verschränkte die Arme und lehnte sich zurück. Dann strahlte er mich mit seinem breiten, einladenden Lächeln an, das meine Brust anschwellen ließ – das Lächeln, nach dem ich mich so sehr sehnte und das irgendwie immer blaue Flecken auf meiner Seele hinterließ.

Ich drückte mir das Kissen fester aufs Gesicht, aber ich sah das Lächeln noch immer. Die ganze Szene in Endlosschleife in meinem Kopf. Erst spät in der Nacht nickte ich endlich ein.

Am nächsten Morgen in der Lobby war Dad an keinem seiner üblichen Plätze zu finden, weder bei den Schuh-Typen noch an Karris Tresen. Auch beim Frühstück tauchte er nicht auf, und ich fürchtete schon, ich hätte ihn vielleicht genau dann auf stumm geschaltet, als er so etwas verkündete, wie dass er China für immer verließ – tschüs und viel Glück noch. Hatte er so was gesagt? Ließ er mich sitzen? Einen Moment blieb ich mit dieser wachsenden Ungewissheit in der Brust in der Lobby stehen.

Foshans vier wichtigste Wirtschaftszweige waren wie in einer Highschool-Cafeteria auf verschiedene Ecken verteilt: Miederwaren, Schuhe, Keramik, Elektronik. Am Empfang checkte Karri einen Gast mit rotem Fez und grauem Anzug ein. Sie sah genauso aus wie gestern, wie jeden Tag. Ich hatte noch nie eine Veränderung an ihr gesehen.

An der Drehtür drängten sich großspurige Ausländer, die auf ihre Fahrer warteten. Nur eine dünne Glasscheibe trennte uns davon, völlig verlorenzugehen. Ich wusste nicht einmal, wie man von hier zu unserer Fabrik kam. Ich war noch nie selbst gefahren. Hätte man uns vor die Tür gesetzt, wären wir in einer Herde ziellos die Straße hinunter getrottet, Schilder mit Zeichen anstarrend, die wir nicht verstanden, das stimmhafte Schnalzen der Taxifahrer ignorierend, eine träge Prozession aus Stalltieren auf dem Highway; Wiederkäuer, kurz davor, von der Shusheng-Brücke zu springen, unseren Spiegelbildern entgegen.

Die beiden Hotelpagen, Jungen in roten Mützen und Jacken mit Goldknöpfen, sahen uns an, als wollten sie sagen: »Geht in eure Ecken zurück. Das Drängeln macht uns ganz nervös.« Aber ich wollte nicht in die Schuh-Ecke, weil dort Don Bauer saß, ein alter jüdischer Schuh-Hase von früher aus Lynn. Dad hatte Don vor ein paar Jahren hergeholt, um unseren Ledereinkauf zu leiten. Ich hörte seine hohe Stimme, als er einem Neuling, den ich noch nie gesehen hatte, China erklärte, und tat so, als würde ich die goldene Metallskulptur in der Mitte der Lobby bewundern, die entweder die örtliche Karstlandschaft oder eine epileptische Aktienkurve darstellte – unmöglich zu sagen, was von beidem.

Dann entdeckte ich meinen alten Freund Bernie, der in einem Gabardine-Anzug aus dem Fahrstuhl kam. Mit Bernie war es ganz erträglich hier. Wir sahen uns nicht täglich, aber wir waren zusammen aufgewachsen. Unsere Familien waren beide in der Schuhindustrie. Als Jugendliche hatten wir im Keller der Synagoge Joints geraucht und Basketball gespielt, in einem brütend heißen kleinen Raum mit ein paar dicken alten hemdlosen Juden mit Gummibandsportbrillen, denen wir über den nassgeschwitzten haarigen Rücken rutschten, um Hakenwürfe zu dreschen. Nur für Juden. Bernie levitierte, weil er zehn Zentimeter in die Luft springen konnte. Nach dem Spiel gingen alle ins Schwitz. Streckten sich auf den Holzbänken aus und ließen alles baumeln. Völlig ungehemmt. Bernie und ich kicherten in unseren Schlüpfern vor uns hin.

Ich ging zu den lila Sofas vor den hohen sonnigen Fenstern, wo Bauer, nach dem Dosenthunfisch aus seinem Koffer stinkend, dem Neuen sagte, welche Straßen des Hongkonger Rotlichtviertels er am Wochenende besuchen sollte.

»Ich persönlich«, sagte Don, auf seine eigene Frage antwortend, »lasse die Miezen gern aufmarschieren. Was soll ich mit einem Katalog? Wie soll auf einem Foto der Funke überspringen? Einmal hat eine Mamasan sogar ein Foto von mir verlangt, stell dir das vor. Um es ihren Mädchen zu zeigen. Selbst die Nutten werden wählerisch. Jeder in China will immer mehr.«

Die Haare von Dons neuem Angestellten waren blond und glatt wie reifer Mais im Mittelwesten, und er hatte eine kreisförmige Narbe zwischen den Augen, als hätte man ihm dort nach der Geburt ein verkümmertes Horn entfernt. Als Don die Luft ausging, begrüßte ich Bernie und gab dem Neuen die Hand. Der Junge hieß Todd. Ich wollte gerade sagen: »Der Name ist Programm«, was mir gar nicht ähnlich sah, aber von Dad kommen könnte. Himmel, wahrscheinlich war der auf halbem Weg nach Boston und bandelte gerade mit einer Stewardess der Cathay Pacif‌ic an. Es sind die roten Tücher, Alex. Die tun mir innerlich weh, ist das die Leber? Dieser Knoten – Double French oder Boho-Loop? – so luftig und zart wie ein roter Schmetterling, der aus ihrem Hals explodiert. In letzter Zeit passierte es immer häufiger, dass ich Dads Sprüche mit meinen verwechselte. Also verbannte ich seine Stimme bewusst aus meinem Kopf und bot Todd an, falls ihn lokale Sehenswürdigkeiten wie Tempel oder Ähnliches interessierten, ihm diese zu zeigen. Das Gesicht des Jungen leuchtete auf, er rief: »Oh, ja« und tat mir leid. Ich hatte den leisen Verdacht, er machte es hier nicht lange. Vielleicht hatte sein Vater ihn geschickt. Oder er kam von Perdue. Wir bekamen die meisten unserer Häute vom Perdue-Headquarter in Dallas, und sie schickten immer diese breitbrüstigen Zulieferer in Cowboyhüten, die den Chinesen beherzt auf die Schulter schlugen und jeden Buddy nannten. Vielleicht war Todd Perdues Entschuldigung an China. Wie sollte ein Hänf‌ling wie er sonst hier landen?

Don sagte: »Kennst du einen Tempel, kennst du alle.«

Die anderen vier Veteranen nickten zustimmend.

»Dabei bin ich ein frommer Mann«, setzte Don bescheiden nach.

»Du warst sogar Sonntagsschullehrer«, sagte Bernie. »Das ist das Unheimliche.«

Dad hatte Bernie zu seinem ersten Job hier drüben verholfen, und jetzt war er Major Accounts Sales Manager bei Blakes. Wir waren im selben Vorort von Boston aufgewachsen, hatten dieselbe Synagoge besucht, wo uns Rabbi Gelman vollschwafelte, dass Moses der JFK der Torah sei und wir alle nach den höheren Ämtern im Reich Gottes streben sollten.

Aber Bernie war immer ein bisschen seltsam gewesen. Einmal war er Pessach bei uns, und als er mit meiner Mutter in der Küche stand und sein Sweatshirt aus der Schultasche zog, war ein Paar Handschellen herausgeflogen. Der Ausdruck im Gesicht meiner Mutter, als sie Butter und Marmelade auf die Latkes schmierte. Wer bringt zu Pessach Handschellen mit?

Im gleichen Moment entdeckte ich Dad, der aus dem Fahrstuhl wankte, zerzaust und mit offenem Hosenstall.

»Ich habe verschlafen«, verkündete Dad uns allen. »Jetzt ist es of‌fiziell – ich bin außer Kontrolle.«

»Mach dir nicht ins Hemd«, sagte Don. »Wir werden alt.«

Dad blickte zur Decke. »Was kommt als Nächstes?«

»Als Nächstes fängst du an, den Pool zu nutzen«, sagte Bernie, und die Runde lachte.

»Du meinst, ich werde Tourist?«

»Wir entwickeln uns alle weiter«, sagte Bernie.

»Ich nicht. Ich bin kein gemeiner Tourist. Ich war schon vorher hier. Ich habe in Beijing am Flughafen Nixons Brillantine gerochen. So lange bin ich schon hier.«

Wären wir allein, hätte ich was gesagt. Dad hatte Nixon um rund fünfzehn Jahre verpasst. Als Nächstes behauptete er noch, sie hätten sich an Bord der Air Force One um einen Fensterplatz gestritten. Dad sah über Dons Kopf zu Karri, die am Empfang stand und zwei japanische Geschäftsfrauen eincheckte. Sie hob den Blick vom Bildschirm und lächelte. Die Säume, Kanten und Falten ihrer granatroten Bluse so präzise gebügelt, dass man sich daran schneiden konnte. Auch dazu würde ich etwas sagen, wenn der rechte Zeitpunkt kam.

»Sie hat mich im Zimmer angerufen. Gott sei gedankt für Karri«, seufzte Dad, als hätte sie ihn im letzten Moment gerettet, bevor er vor einen Bus lief. »Alex hätte mich den ganzen Tag verschlafen lassen.«

Dann fuhr draußen der blaue Chrysler-Van der Firma vor.

»Mach dir die Hose zu«, flüsterte ich ihm zu, was er mit einem schnellen Handgriff tat, während er sich von der Schuh-Fraktion verabschiedete. Ich sagte zu Bernie, ich würde ihn bald anrufen. Dad schnallte sich seine Bauchtasche mit den Notfallmedikamenten um.

»Hier lang, Mr. Cohen«, sagte der Page und brachte unsere Taschen zum Kofferraum. Reflexartig griff Dad in seine Tasche und drückte dem Jungen ein paar Scheine in die Hand.

»Danke, Mr. Cohen«, sagte der Hoteljunge. »Ihre Kinder werden Ruhm ernten.«

Dad blieb stehen und zeigte auf mich. »Das hier ist mein Sohn. Sieht der aus, als würde er Ruhm ernten?«

Ich entschuldigte mich bei dem verwirrten Jungen, während Dad in den Wagen stieg. Wie gewöhnlich setzte er sich gegen die Fahrtrichtung. Mir gegenüber. Er fuhr gerne rückwärts, selbst wenn wir alle im Fond waren. Mir wäre speiübel geworden. Außerdem nervte es mich, dass wir uns während der ganzen Fahrt ansahen und unsere Knie sich berührten.

»Kannst du dich nicht normal hinsetzen?«, fragte ich.

»Mir gefällt es«, sagte er und starrte aus dem Fenster.

Nach zehn Minuten Fahrt verkündete er, dass ich heute Nachmittag die Präsentation für Abelson’s übernehmen würde, unserem wichtigsten Kunden. Wir stellten ihnen unser Frühjahrsprogramm vor – sieben Modelle, bei deren Design ich Dad geholfen hatte –, und barsch antwortete ich: »Kein Problem«, bevor mir klar wurde, bei was ich zugestimmt hatte. »Warte mal, was soll ich da machen?«

Dad öffnete den Reißverschluss seiner Bauchtasche, nahm einen Pflegestift heraus und fuhr sich damit über die Lippen. »Das ganze Trara. Hol das Fußmodell dazu. Besinge die Schuhe, als wären sie mit Gold bestickt. Bring die Bestellung unter Dach und Fach. Sanft, brutal, wen interessiert’s. Mach den Deal. Aber bleib entspannt. Ich rette dich, bevor du die Sache in den Sand setzt.«

Er verstaute den Pflegestift, und ich sagte: »Keiner setzt was in den Sand, Mister Fannypack.«

»Das nennt man eine Hüfttasche«, sagte er, »und ich habe sie für Notfälle.« Er hatte immer Ciproxifan, Imodium, Amoxicilin und Sudafed dabei. Eine ganze Apotheke versteckte sich darin.

»Made in China aus 75 Prozent Hypochondrie und 50 Prozent Meschuggeheit«, sagte ich, meinen Fehler eine Sekunde zu spät registrierend.

»Du kannst nicht mal rechnen«, konterte er. »Wie willst du ein Unternehmen leiten?«

»Wo ist dein Vertrauen? Wo ist der Mann mit den großen Worten von gestern Abend? Hol ihn zurück, ich mochte ihn lieber. Er hat an mich geglaubt.«

»Das war alles nur Show. Was ich vor den Chinesen sage, hat nichts mit der Realität zu tun.«

»Du hast gelogen?«

»Ich habe gesagt, was sie hören mussten. Aber wenn du willst, dass ich dich anlüge, kein Problem.«

»Warum müssen wir überhaupt jemanden belügen?«

»Alex«, seufzte er theatralisch, »bei dir klingt das ganz normale Leben wie ein Verbrechen.«

Beleidigt starrten wir aus gegenüberliegenden Fenstern. Inzwischen waren wir auf dem Highway und passierten gerade Nanguo Peach Garden. Ohne ihn anzusehen, sagte ich: »Ich bin voll auf dich reingefallen. Gestern Abend dachte ich wirklich für eine Sekunde, du würdest mir vertrauen. Lächerlich.«

»Ich mache doch nur Spaß, Mister Trübsal. Außerdem geht es hier nicht bloß um dich. Alles, wofür ich gearbeitet habe, steht auf dem Spiel. Der Ort hier ist eine tickende Bombe.«

»Okay, Mister Zweifel«, gab ich zurück, »ich kann nur sagen, dass es uns nach dem heutigen Tag nicht an Auf‌trägen mangeln wird.«

»Siehst du, geht doch. Guter Mann. Aber uns fehlen Arbeiter.«

»Dann heuern wir mehr an«, sagte ich.

»Das versuche ich doch. Die Gier hat dieses Land an der Gurgel. Früher mussten wir sie mit dem Stock fortjagen. Buchstäblich. Wir haben die Stellen besetzt und den Rest aus dem Tor getrieben. Aber jetzt brauchen sie uns nicht mehr.«

Wir fuhren an kleinen Autowerkstätten vorbei, an Garagen, in denen Familien ihre Unternehmen betrieben, an Obstständen am Straßenrand, und der Himmel war so grau wie ein Grabstein; einen Monat hatten wir die Sonne nicht mehr gesehen, wofür Yong dem Nebel die Schuld gab, ich dem Smog, und Dad sagte, wen schert’s, wir seien nicht wegen der Sonne hier.

»Ich will, dass du mir eins versprichst«, sagte Dad. »Halt dich von Gang fern. Wenn er vorbeikommt, überlass ihn mir. Es gibt Abläufe. Wir sind ihm unterstellt. Wir sind quasi mit ihm verheiratet. Verstehst du? Jeder hier.«

»Warum?«

»Frag nicht. Mach’s einfach. Okay? Versprich es mir.«

»Okay«, sagte ich. »Verstanden.«