Im Reich des Herrn Dot - Karin Pehrs-Schmidt - E-Book

Im Reich des Herrn Dot E-Book

Karin Pehrs-Schmidt

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Beschreibung

IM REICH DES HERRN DOT Zwei Jungen aus dem Internat, Pelle und Harald, und drei Geschwister, Lena, Ben und Kris, suchen zur selben Zeit in einer abgelegenen Hütte im Wald Schutz vor einem drohenden Unwetter. Unfreiwillig geraten sie in das Reich des Herrn Dot, der hinter einem Spiegel auftaucht. Die Kinder müssen viele Hindernisse bewältigen, sie lernen einige gute und schlechte Bewohner des Landes kennen und bestehen gefährliche Abenteuer.

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Seitenzahl: 170

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Inhaltsverzeichnis

1. KAPITEL

2. KAPITEL

3. KAPITEL

4. KAPITEL

5. KAPITEL

6. KAPITEL

7. KAPITEL

8. KAPITEL

9. KAPITEL

10. KAPITEL

11. KAPITEL

12. KAPITEL

13. KAPITEL

14. KAPITEL

Impressum

1. KAPITEL

IM INTERNAT

Die Gebäude bestanden aus drei komplexen roten Backsteinhäusern und lagen in der Holsteinischen Schweiz in einem idyllischen Mischwald. Im Haupthaus gab es einen kleinen Laden, also eher ein Gelass, wo man Getränke und Süßwaren kaufen konnte. Ansonsten war da noch ein Aufenthaltsraum mit einer Tischtennisplatte und einem verstaubten, löcherigen alten Sofa.

Die Gebäude waren von langen endlosen Fluren durchzogen, in denen die Schritte einem hinterherhallten. Die Häuser gehörten zu einem Internat, in das nur Jungen geschickt wurden. Die sollten einmal etwas Besseres werden, doch die Bewohner waren zum Leidwesen ihrer Eltern ganz normale Jungen. Einige hatten nur Flausen im Kopf, die sie in dummen Streichen auslebten. Aber das war auch ganz normal und wirklich nicht böse gemeint.

Einer der Jungen, der hier lebte, hieß Pelle. Er wurde so genannt, weil er für sein Leben gerne Pellkartoffeln mit Butter und Salz und manchmal auch mit Zucker aß. Seine Eltern hatten sich scheiden lassen und plötzlich hatte niemand mehr Zeit für ihn. Deshalb hatte ihn sein Vater in dem Internat angemeldet und sich mit den Worten verabschiedet: „Junge, das kostet mich ein Vermögen. Also mach was daraus und dass du auch immer fleißig lernst.“

Pelle hatte heftig mit dem Kopf genickt und versprochen: „Klar mach ich das!“ Danach hatte sich der Vater umgedreht und war etwas später mit seiner neuen Familie nach Kanada gezogen. Im Laufe der Zeit entwickelte sich bei Pelle eine Schulallergie. Er wurde ein schlechter Schüler. Aber solange seine Mutter, die jetzt einen reichen Mann geheiratet hatte, das Schulgeld bezahlte, wurde er wohl oder übel geduldet. Nur im Werkunterricht bekam er gute Noten. Wenn er etwas zusammenschrauben konnte, war er in seinem Element, dann vergaß er sogar das Essen. Leider zählte in diesem Internat eine handwerkliche Begabung aber überhaupt nicht.

Pelle saß gerade im Speisesaal, da setzte sich Harald ihm gegenüber hin, starrte ihnan und meinte spöttisch: „Na, hat der Kleine schon sein Bäuerchen gemacht?“ Und dann fing er an zu lachen.

Pelle tat so, als hätte er nichts verstanden und lachte mit, während er dachte: „Na warte, mach dich ruhig über mich lustig. Eines Tages werde ich es dir heimzahlen und dann lachst du nie wieder über mich ...“

Aber Harald ließ ihn nicht in Ruhe, trat nach und rief: „Hey Leute, seht mal alle her, der Dicke sabbert wie ein Baby alles voll.“

Es stimmte schon, dass Pelle leicht dicklich war, aber Harald übertrieb maßlos: Er kleckerte nicht. Harald glaubte sowieso, er sei was Besseres. Seine Eltern kamen aus einer althergebrachten Adelsfamilie, dem Stammbaum der von und zu Hoheneichen, und er war dementsprechend schlank und gut gewachsen. Ihm fiel das Lernen leicht. Er war Klassenbester und sah auf alle herab, die schlechtere Schüler waren.

Eigentlich wollte Pelle noch die Nachspeise essen, aber nun war ihm der Appetit verdorben. Er hatte das unangenehme Gefühl, dass alle ihn anstarrten. Mit hochrotem Kopf erhob er sich, griff mit einer Hand in den giftgrünen Wackelpeter und schmiss ihn Harald mitten ins Gesicht, wobei er sagte: „Hier, kannst du alles haben!“

Harald wischte sich die klebrige Masse von der Nase und drohte: „Das wirst du noch bitter bereuen!“

Plötzlich erschien die aufsichtführende Lehrerin, Frau Dr. Schrott, und wollte wissen: „Was ist denn hier passiert? Warum bist du so grün im Gesicht, Harald? Hast du im Pudding gebadet?“

Erbost wischte sich Harald mit dem Handrücken die klebrige Masse aus dem Gesicht und antwortete: „Dieser Pelle hat einfach ohne Vorwarnung damit geschmissen.“

„Stimmt das?“ Frau Dr. Schrott sah Pelle mit einem strengen Blick an. Verlegen suchte Pelle nach Worten. Doch bevor er antworten konnte, ergriff die Lehrerin wieder das Wort und verlangte: „Du schreibst mir bis morgen fünfhundert Mal den Satz:Ich darf meinen Mitschüler nicht mit Wackelpeter bewerfen. Wenn ich das noch einmal mache, muss ich das nächste Halbjahr Kartoffeln schälen.– Das sollbis morgen aufgeschrieben werden, sonst kannst du gleich in der Küche anfangen – und keine Widerworte!“ Damit war für Frau Dr. Schrott die Sache erledigt, während Harald sich ein breites Grinsen nicht verkneifen konnte.

Es klingelte, die Pause war vorbei. Stühle wurden scharrend zurückgezogen, aufgeregte Stimmen schallten durcheinander.

Die halbe Nacht schrieb Pelle die geforderten Sätze auf. Es dauerte ihm viel zu lange, seine Augen fielen immer öfter zu, aber letzten Endes bewältigte er die Strafarbeit doch noch. Anschließend ging er in die Küche und schenkte sich ein Glas Wasser ein, trank einen Schluck und schlief ein.

Am nächsten Morgen war er dermaßen müde, dass er am liebsten den ganzen Tag im Bett geblieben wäre. Dann bräuchte er auch nicht Sachen zu lernen, die ihn überhaupt nicht interessierten. In der ersten Stunde, Biologie, wurde im Unterricht in diesem Moment über Klärwerke und Abfallentsorgung gesprochen – langweilig! Der Lehrer würde Fachausdrücke benutzen, die Pelle nicht verstand, deshalb holte er, da er sich im Unterricht langweilen würde, lieber sein Buch über Dinosaurier hervor und blätterte darin.Müllverwertung,dachte er;wen interessiert das schon? Er blieb im Bett liegen und drehte sich auf die andere Seite. Lautes Schnarchen verriet, dass er fest schlief. Im Traum erschien ihm seine Mutter. Sie streichelte seinen Kopf und gab zu bedenken: „Und wenn du Müllmann werden möchtest, hast du dafür nichts gelernt! Das ist doch wichtig, zu wissen, was mit dem Abfall passiert.“

Pelle machte im Traum eine Faust und protestierte. „Ich will aber nicht!“, schrie er im Schlaf. Sämtliche Lehrer, der Vater, die Mutter, alle Kinder bildeten einen Kreis um ihn, umzingelten ihn, kamen näher und näher und sangen im Chor: „Zehn kleine Müllmänner, die stritten sich, wer wohl der Größte sei; der Pelle war das nicht, da fiel er in ein Ei. Ei, Ei, Ei, Eierschaum, was ist das für ein Brei? Ei, Ei, Eierschaum, doch du bist nicht dabei!“ Und alle zeigten mit dem Finger auf ihn. Schweißgebadet wachte Pelle auf. Schnell zog er sich an und machte sich auf den Weg zum Unterricht.

Aber die erste Stunde war schon vorbei. Alle Kinder vertraten sich auf dem Pausenhof die Beine und atmeten die frische Luft. Ausgerechnet in diesem Augenblick stieß er unbeabsichtigt mit Harald zusammen. Er wollte sich nicht schon wieder mit ihm streiten und entschuldigte sich: „Tut mir leid; das war nichtmit Absicht, ich habe dich wirklich nicht gesehen.“

Doch Harald hatte am Morgen einen winzigen Pickel auf seiner Haut entdeckt und war schlecht gelaunt. Er glaubte Pelle nicht und forderte ihn auf, den Satz zu wiederholen. „Was hast du gesagt, du ungehobelter Klotz?“ Er trat ihm seinerseits gegen das Schienbein. Das wiederum brachte bei Pelle das Fass zum Überlaufen. Dieser Angeber konnte sich doch nicht alles erlauben! Er warf sich mit seinem etwas pummeligen Körper auf Harald, der nach hinten fiel und ihn mit zu Boden riss, wo sie wie ein Knäul ineinander verschlungen weiterkämpften. Edith, ein rothaariger Lockenkopf, feuerte seinen Gegner an: „Weiter so, Harald, gib ihm eins auf die Schnauze!“ Ein paar andere Kinder sahen ebenfalls gebannt zu.

Schließlich eilte der Lehrer Herr Kneipus herbei und mahnte: „Auf dem Schulhof wird nicht geprügelt! Jungs, so löst man kein Problem.“

„Er hat mich aber geschubst“, beschwerte sich Harald.

„Das ist gar nicht wahr“, fiel Pelle ihm ins Wort. „Er hat angefangen, er ärgert mich ständig.“

„Du lügst“, schrie Harald.

„Nein,dulügst“, schrie Pelle zurück.

„Das interessiert mich nicht, wer angefangen hat. Einigt euch gefälligst und reicht euch die Hände, als Zeichen der Versöhnung“, befahl der Lehrer. Mürrisch gaben sich die beiden die Hand.

Dunkle Wolken zogen auf und es regnete Bindfäden. Harald stand im Bad vor dem Spiegel und putzte sich die Zähne. Mit dem Finger zog er die Oberlippe zur Seite und begutachtete sein Zahnfleisch, das sich leicht gerötet hatte. Es war nicht weiter schlimm. Zufrieden betrachtete er sein Ebenbild. Seine fein geschnittene Nase, den wohlgeformten Mund, die glatte Haut und die kräftigen dunkelblonden Haare. Während er sich kämmte, stellte er wohlwollend fest: „Harald, du bist der Beste!“ Und der Pickel war wieder weg.

Er rief Bernhard zu sich, der gerade gelangweilt auf seinem Bett saß und auf einer Gitarre klimperte, und forderte ihn auf: „Du musst mir helfen!“

 „Okay.“ Bernhard sprang aus seinem Bett. Für einen Streich war er immer zu haben. „Was soll ich tun?“

„Du brauchst nur Wache stehen und pfeifen, wenn Kneipus sich blicken lässt.“

Jetzt musste alles schnell gehen. Harald holte sich eine Klebetube und marschierte in das noch leere Klassenzimmer, wo die Aktentasche des Lehrers noch hinter dem Pult stand. Er nahm das rote Zensurenheft heraus und klebte die Tasche und den Griff sorgfältig zu. Gerade als er die Seiten aus dem Heft reißen wollte, fing Bernhard an zu pfeifen und der Klassenraum füllte sich wieder.Wie ein Schwarm schnatternder Enten oder Gänse,dachte Harald. Sein Lebensmotto lautete: Wenn du nichts Großes im Leben zu fassen kriegst, dann freue dich am Kleinen. Das hatte er mal von einem Weltenbummler gehört, und an kleinen Dingen konnte er sich mächtig erfreuen.

Als der Lehrer die Tasche öffnen wollte, hielt er irritiert inne. Dann zog er vergeblich am Griff, versuchte es ein paar Mal mit aller Kraft und verlor die Geduld. Er setzte seine Brille auf und sah sich die Tasche genauer an, wobei er überlegte: „Was ist denn damit los? Heute Morgen ließ sie sich noch ganz normal öffnen.“ Als er die Klebereste entdeckte, sagte er kein Wort, tat so, als würde er die Tasche nicht mehr brauchen, und ging zum Unterricht über.

Harald war ein wenig enttäuscht, dass der Lehrer so gefasst reagiert hatte. Aber er besaß ja noch das rote Buch mit den Zensuren. Nach der Pause, als die Klasse wieder versammelt war und auf den Lehrer wartete, stellte er sich auf den Schreibtisch und las die einzelnen Noten aller Schüler laut vor.

Die Klasse grölte vor Vergnügen. Alle riefen durcheinander. Etliche verlangten, dass er damit aufhören sollte. Die anderen spornten ihn an und wollten wissen: „Sind das wirklich die richtigen Noten?“ Da kam der Lehrer hinzu und riss Harald das Buch aus der Hand, mit den Worten: „Wir sprechen uns in der großen Pause, mein Freund.“ Danach setzten sich die Jungen auf ihre Plätze, es wurde unheimlich still und der Unterricht lief ganz normal weiter. In der Pause stand Harald wie ein begossener Pudel vor dem Lehrer und entschuldigte sich. Er sagte: „Ich weiß auch nicht, warum ich das gemacht habe, es tut mir leid.“

Doch der Herr Kneipus verstand keinen Spaß, er hatte genug von Haralds Streichenund drohte: „Wenn du so weitermachst, zwingst du mich, dir einen Verweis zu erteilen und deine Eltern und den Direktor zu informieren. Oder glaubst du etwa, ich weiß nicht, wer hinter all den Streichen steckt? Du bist doch ein intelligenter Junge. Ich versteh dich nicht, warum machst du das?“

Harald starrte auf seine Füße und zuckte mit den Schultern. „Ich werde das nie wieder tun“, versprach er und drückte den Daumen gegen den Handballen seiner Faust.

„Du bekommst von mir jetzt eine entsprechende Strafe. Ab sofort erhältst du eine Woche Arrest.“

Harald schluckte, damit hatte er nicht gerechnet. Der Lehrer führte ihn in den Keller in einen kleinen Raum, in dem nur zwei Betten standen, und verabschiedete sich mit den Worten: „Hier hast du genug Zeit über alles nachzudenken.“ Dann schloss er die Tür hinter sich ab.

„Du kannst mich mal!“, dachte Harald, den jetzt nur die Stille des Ortes umgab. Er ging in dem Raum auf und ab, er zählte seine Schritte, legte sich auf das Bett und erhob sich wieder. Dabei dachte er an seinen Vater – was der wohl sagen würde. Solange er zurückdenken konnte, hatte der nur seine Arbeit im Kopf gehabt und ob die Börsenaktien, die er besaß, nun fielen oder nicht. Egal, der Kneipus konnte ihn nicht kleinkriegen,ihnnicht! Seine Mutter hatte sich scheiden lassen und war jetzt mit einem anderen Mann zusammen, von dem sie eine kleine Tochter hatte. Er hielt nicht viel von seiner Halbschwester und wollte auch eigentlich mit seiner Mutter nichts mehr zu tun haben, obwohl sie immer wieder beteuerte, wie sehr sie ihn vermissen würde, auch egal. Damals hatte er beschlossen:Ich brauche niemanden, ich komme auch allein zurecht!Und das war bis heute so geblieben – er brauchte niemanden.

Trotzig blickte er zum Fenster hoch und bemerkte, dass es leicht geöffnet war.

2. KAPITEL

AUF ABWEGEN

Zur selben Zeit saß Pelle auf einer Bank und sah den anderen Jungen beim Fußballspielen zu. Klaus und seine Clique ließen ihn nicht mitspielen. Klaus lachte über ihn und scherzte: „Du würdest das Tor nicht mal treffen, wenn du direkt davor stehen würdest.“ Pelle nahm es gelassen, er konnte zwar nicht besonders gut das Tor treffen, aber in der Verteidigung war er einsame Spitze – das würde Klaus irgendwann auch noch merken. Zur Zeit beschäftigte ihn ein ganz anderes Problem. Der Klassenlehrer hatte ihm mitgeteilt: „Leider reichen deine Leistungen nicht aus. Frau Dr. Schrott meint, du wirst das Jahr wiederholen müssen.“

Jemand pfiff und das Spiel war zu Ende. Klaus hatte kein Tor geschossen und humpelte niedergeschlagen vom Platz. Seine rechte Ferse tat ihm weh. Inzwischen machten sich alle auf den Weg in den Speisesaal. Pelle blieb noch ein wenig sitzen und grübelte.

Von Weitem hörte er Klaus rufen: „Komm schon, Pelle, mach dich vom Acker, es gibt Abendbrot.“ Aber Pelle hatte ausnahmsweise keinen Appetit. Was sollte er noch hier, haderte er mit sich selbst, er bekam ja doch bloß schlechte Noten. Er wollte nur noch fort von dieser blöden Schule. Nachdenklich knickte er sich einen Zweig von einem Busch ab und malte mit dem Stock Kreise in den Sand. Während er hin und her überlegte, kam ihm eine Idee, wie er sich fortschleichen könnte.

Hastig packte er in seinem Zimmer einige Sachen in die Sporttasche, warf sie aus dem Fenster und kletterte hinterher. An der Ausfahrt wartete er auf den Laster, der dafür, zuständig war, wenn die Essensvorräte aufgefüllt werden mussten. Er wartete  an einer Ampel, bei der der Laster meistens halten musste.

Doch der Laster ließ auf sich warten, er kam nicht. Ungeduldig trat Pelle von einem Fuß auf den anderen. Ihm wurde kalt und er fing an zu frieren. Die Tage wurden wieder eher dunkel, der Herbst kündigte sich an.

Später, als endlich der Laster heran gesaust kam, wäre Pelle am liebsten wieder umgekehrt und hätte sich in sein warmes Bett gekuschelt. Stattdessen hob er die Plane vom Lastwagen hoch und kletterte hinein. Kaum hatte er sich in die hintersteEcke verkrochen, da gab es einen zweiten Ruck. Im spärlichen Licht konnte er nicht erkennen, was das war. Vor Angst brach ihm der kalte Schweiß aus.

„Ist da jemand?“ Keine Antwort. Er ließ nicht locker. „Ist da jemand?“ Langsam gewöhnten sich seine Augen an die Dunkelheit und es waren schemenhaft die Umrisse eines anderen Jungen zu erkennen. Die beiden starrten sich zornig an. Dann kroch Harald auf ihn zu und wollte wissen: „Was machst du denn hier? Warum bist du nicht beim Abendbrot, du frisst doch sonst auch alles?“

„Spinnst du?“, entgegnete Pelle beleidigt. „Lass mich einfach endlich in Ruhe! Musst du mich auch noch bis hierher verfolgen?“

„Das hättest du wohl gern, so wichtig bist du nun auch wieder nicht.“ Harald spuckte auf den Boden vor Pelles Füße. „Ich habe meine eigenen Gründe und da bist du der Allerletzte, den ich treffen möchte, also verschwinde gefälligst aus dem Auto!“

„Du hast mir hier gar nichts zu sagen, hau du doch ab, schließlich war ich zuerst hier“, brach es aus Pelle hervor, und dann stürzte er sich wütend auf Harald, um ihn seinerseits hinaus zu schmeißen. Die beiden kämpften und rollten auf dem Boden herum, bis sie völlig erschöpft und außer Atem nebeneinander liegen blieben. Plötzlich gab es einen heftigen Ruck, der Laster stoppte. Die beiden krochen geistesgegenwärtig unverzüglich hinter einen Pappkarton. Ein Lichtstrahl blitzte auf und der Lastwagenfahrer sagte zu seinem Kumpel, während er den Innenraum weiter ausleuchtete: „Ich kann nichts entdecken, du musst dich verhört haben, hier ist niemand.“ Danach setzte sich der Laster wieder in Bewegung und die Fahrt ging weiter.

„Mensch“, flüsterte Pelle und lenkte ein. „Wir sitzen im selben Boot. Wenn wir nicht entdeckt werden wollen, müssen wir uns ruhig verhalten, sonst können wir gleich ins Internat zurückkehren.“

Harald knurrte widerwillig, stimmte zu. „Solange wir uns im Laster aufhalten, ist Frieden.“ Gleich darauf drohte er: „Aber wenn du mich angreifst, hast du selber schuld, wenn wir auffliegen.“ Jeder verkroch sich schweigend in eine andere Ecke. Während der Lastwagen ratternd weiterfuhr, wurden ihre Augenlider schwer und sie schliefen ein.

Als sie aufwachten, war es früher Morgen. Die Vögel zwitscherten und der Laster parkte auf einem verlassenen Fabrikgelände. Harald schob die Plane zur Seite und betrachtete neugierig das öde wirkende Industriegebiet. Keiner der beiden hatte auch nur die leiseste Ahnung, wo sie sich befanden.

 „Und nun?“ Pelle setzte sich neben Harald auf den Rand der Lasterladefläche. Harald zuckte mit den Schultern. In der Zelle war sein einziger Gedanke gewesen:Ich muss hier raus!Er hatte sich auf einen Stuhl gestellt und war aus dem Kellerfenster gekrochen, weiter hatte er nicht nachgedacht, und nun hatte er Hunger und Durst und hockte in dieser tristen Gegend fest.

„Ich weiß nicht, was du tust, aber ich verschwinde und suche mir was zum Essen.“ Mit diesen Worten sprang Harald vom Laster und ging in Richtung Wald. Pelle wollte es ihm nachmachen, stolperte und stürzte auf den sandigen Boden. Dabei verletzte er sich an der rechten Hand, mit der er sich beim Fallen abgestützt hatte. Die Innenfläche der Hand war von den kleinen Steinchen aufgeschrammt und schmerzte.

Harald ließ sich davon nicht aufhalten, er ging stramm weiter. Ängstlich blickte sich Pelle auf dem Gelände um. Von Weitem hörte er Hunde bellen. Nein, hier wollte er auf keinen Fall allein zurückbleiben. „Halt, warte doch“, rief er, biss die Zähne zusammen und lief Harald hinterher. „Hallo, ich will hier nicht vermodern, wir müssen doch zusammenhalten!“

Harald drehte sich kurz um und spottete: „Ich bin doch nicht dein Kindermädchen!“ Als er den Waldrand erreichte, wurde es ihm ein wenig mulmig, denn der Weg endete einfach. Weil er sich nicht auskannte, wurde er unsicher. Pelle kam völlig außer Atem dazu. Eine Weile standen sie gemeinsam ratlos vor den Bäumen. Aber umdrehen konnten sie auch nicht.

Dass er einen Moment bedenklich ins Schwanken geraten war, wollte Harald nicht zugeben, deshalb schubste er Pelle zur Seite und meinte großspurig: „Worauf wartest du noch, lass uns weitergehen.“

Der Waldboden war uneben und die abgestorbenen Zweige knackten bei jedem Schritt unter ihren Füßen. Es war kalt geworden und sie hatten Hunger. Langsam wurden ihre Beine müde.

„Irgendwann muss der Wald doch aufhören“, murmelte Pelle vor sich hin und dabei erinnerte er sich an die Rolle Drops, die er vor zwei Tagen nicht zu ende ausgelutscht hatte, weil sie nach Pfefferminz geschmeckt hatte, und griff suchend in die rechte Hosentasche. Ein breites Grinsen ging über sein Gesicht, als er die Rolle ertastete. Teilen war nicht seine Stärke und heimlich schob er sich einen Bonbon in den Mund. Dabei schaute er dankbar zum Himmel und sah, wie rote Lichter aufblitzten und wieder verschwanden, und ihm fiel ein, was er erst vor Kurzem in einer Zeitschrift beim letzten Zahnarztbesuch gelesen hatte. „Weißt du eigentlich, was in der Nähe passiert ist?“, fragte er Harald.

„Was soll schon in einem Wald, wo die Bäume dicht an dicht stehen und sich die Füchse gute Nacht sagen, groß passiert sein?“ Harald schob einen sperrigen Ast zur Seite.

„Na ja, es wurde berichtet, dass ein Ufo gesehen worden ist. Das hat ein ganzes Haus bis auf die Grundmauern zerstört und die Bewohner sind nie wieder gesehen worden.“

„Das glaubst du doch selber nicht, dass das Außerirdische waren!“, fiel Harald ihm ins Wort. „Da ist wahrscheinlich eine Sicherung durchgeschmort oder der Fernseher implodiert.“

Unsicher geworden erwiderte Pelle: „Und wenn doch? Ich sehe am Himmel dauernd rote Lichter aufleuchten.“

„Sag mal, was isst du da eigentlich dauernd? Hast du etwa Nahrung im Wald gefunden, die ich übersehen habe?“ Harald fasste ihn am Hemdkragen.

„Nö, aber in meiner Hosentasche waren noch ein paar Drops. Willst du auch einen haben?“, bot er jetzt großzügig an, und Harald nahm ihm einfach die restlichen Drops weg.

Schließlich ruhten sie sich ein wenig auf einem umgestürzten Baumstamm aus. Ab und zu blinkte das rote Licht am Himmel auf und Harald schlug vor, sie sollten sich einen Platz für die Nacht suchen, so schnell kämen sie scheinbar nicht aus dem Wald heraus. Er blickte suchend auf die Bäume. Etwas Graues schimmerte in weiter Ferne durch das Gebüsch. Im selben Augenblick entdeckte auch Pelle das fremdartige Gebilde. Wie auf Kommando rannten beide darauf zu.

Was sich vor ihnen ausbreitete, war nichts weiter als eine heruntergekommene Hütte. „Die sieht nicht gerade bewohnt aus“, stellte Harald trocken fest.

„Vielleicht finden wir dort ja etwas zum Essen“, überlegte Pelle, der immer Hunger hatte.

Vorsichtig schlichen sich die beiden an die Hütte heran und blickten neugierig durch ein beschlagenes, kleines Fenster. Scheinbar war niemand anwesend, nichts rührte sich beim Sichten des Raumes. Kurzentschlossen drückte Harald den Türgriff nach unten, hielt einen Finger vor die Lippen und flüsterte: „Pst, sei jetzt still!“ Mit leisem Quietschen gab die Tür nach und sprang auf. Welches Geheimnis würde sich wohl hinter dieser Tür verbergen?

Zur selben Zeit war Ben mit seinen Geschwistern Lena und Kris im Bus nach Waldegen unterwegs. Dort wollten sie im Wald Pilze für Vaters Geburtstag

sammeln. Angeblich konnte man dort seine Lieblingspilze finden.

Aufgeregt, aber zuversichtlich, dass sie etwas finden würden, stiegen sie aus dem Bus. Die Haltestelle war nur ein paar Schritte vom Wald entfernt. Lena war voller Tatendrang und spornte die Brüder an: „Auf geht’s Jungs, wenn wir zehn Pilze gefunden haben, reicht es.“

„Ich schätze, das wird kein Problem sein“, antwortete Ben, und Kris fügte hinzu: „Das schaffen wir doch mit links.“

Aber die Suche nach der richtigen Stelle war nicht so einfach, wie sie gedacht hatten. Obwohl sie kreuz und quer über den holprigen Waldboden marschierten, fanden sie keinen einzigen essbaren Pilz.

„Es kann doch nicht so schwer sein, einen Butterpilz zu finden“, stöhnte Ben.