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Gestört Gertrude lebt noch bei ihren Eltern. Eigentlich möchte sie gerne Sängerin werden. Aber ihr fehlt das ganz große Talent. Als sie ungewollt schwanger wird, stellt sich ihr Leben auf den Kopf. Alles verändert sich, bis es schließlich zum Albtraum wird und sie immer tiefer fällt.
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Seitenzahl: 177
Veröffentlichungsjahr: 2015
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WAS IST DIE JUGEND? EIN TRAUM.
WAS IST LIEBE? DER INHALT DES TRAUMES.
S. Kierkegaard
Impressum:
Copyright 2015
©Karin-Pehrs Schmidt
Kuhgraben 12
22589 Hamburg
©Schmidt Verlag
GESTÖRT – GESTÖRT – GESTÖRT – GESTÖRT – GESTÖRT
Damals, als … 1970 das unaufgeräumte Mädchen ...
Es ist Frühling, die Sonne scheint. Nach einer Reihe grauer Tage berühren die ersten Sonnenstrahlen sanft die Haut. Gertrude ist voller Tatendrang. Ein Glückstag, sie hat von der Mutter etwas Geld erhalten und ist unterwegs, um sich eine neue Jacke zu kaufen. In der Innenstadt gibt es viele Geschäfte und eine große Auswahl.
Voller Vorfreude steigt Gertrude in die Bahn, die benutzt sie oft, um ins Zentrum der Stadt zu gelangen. Die einzelnen Stationen kann sie im Schlaf aufzählen und die vorbeirauschenden Häuser und Straßen sind ihr wohlvertraut. Manchmal stellt sie sich vor, wie es wohl wäre, in einem der großen Häuser direkt hinter den Bahnschienen zu wohnen. Ob die Leute dort glücklicher sind? Diesmal träumt sie während der Fahrt davon, was sie sich für eine tolle Jacke kaufen wird.
Im Kaufhaus im zweiten Stock versucht sie allerdings vergeblich, eine leichte Übergangsjacke zu finden. Sie schiebt ein Modell nach dem anderen zur Seite, stellt enttäuscht fest, dass alle Jacken zu teuer sind und ihr Geld nicht ausreicht. Inzwischen hat sie in sämtlichen Abteilungen vergeblich alle Modelle anprobiert. Die Freude ist dahin, Frust macht sich breit.
Zu guter Letzt fällt ihr ein Second-Hand-Laden ein, der gebrauchte Ware verkauft. Kurz entschlossen macht sie sich auf den Weg dorthin. Die Gebäude hier sind trist und grau, erinnern mehr an ein Arbeiterviertel.
Ein Verkäufer steht hinter einem langen Tresen und will ihre Größe wissen. Sie gibt eine mittlere Größe an und er greift fachkundig in das Regal hinter sich und holt aus einem Stapel zusammengelegter Sachen ein entsprechendes Modell heraus.
Gertrude probiert die Jacke vor einem Spiegel an, zupft ein bisschen daran herum, dreht sich und stellt zufrieden fest, dass sie wie auf den Leib geschneidert passt. Deshalb überlegt sie nicht lange, obwohl es ein kurzer Parker ist, eben Militärlook, mit vielen aufgesetzten Taschen – Geschmacksache allerdings. Sieht jedenfalls originell aus und kostet genau so viel Geld, wie sie von der Mutter erhalten hat. Stolz behält sie die Jacke auf dem Heimweg an, um das gute Stück gleich zuhause vorzuführen.
Aber die Eltern haben keine Zeit, wollen den Einkauf für das Wochenende erledigen und steigen gerade in den Opel ein, der immer top zu sein scheint, weil der Vater jedes zweite Jahr einen neuen kauft. Er ist davon überzeugt, dass sich der Kauf und Verkauf sonst nicht rechnet. Die beiden sind spät dran, die Geschäfte schließen bald. In diesem ungünstigen Moment kommt ihnen Gertrude im neuen Gewand entgegen.
Gerade als der Vater starten will, erblickt er sie, sieht nur Khaki, steigt aufgebracht wieder aus und schreit: „So eine Jacke kommt mir nicht ins Haus!“ Er wird bitterböse. „Meine Tochter trägt keine gebrauchten Sachen vom Militär! Das will ich nicht sehen. Am besten du bringst das Teil sofort zurück.“
Die Mutter nickt zustimmend mit dem Kopf. „Du hast gehört, was Vater gesagt hat.“ Sie nimmt ihre Tasche in die andere Hand und signalisiert dem Vater, dass er jetzt losfahren soll.
Gertrude kann nur noch hinterherrufen: „Das Geld hat aber für nichts anderes gereicht.“ Sie verkriecht sich niedergedrückt in ihrem Zimmer. Dort beschließt sie wegzulaufen, schreibt einen Brief, dass sie auswandern will, überlegt es sich noch mal, zerknüllt den Brief und wirft ihn in den Papierkorb. Sie vergisst ihre Wut und packt schweren Herzens die Jacke in eine Tüte. Wenigstens nimmt der Verkäufer die Ware anstandslos wieder zurück und Gertrude will keine andere haben. Stattdessen kauft sie bei K & O von dem Geld eine Hose mit Blümchenmuster.
Es ist früh am Morgen, Gertrude gähnt verschlafen, reibt sich die Augen und dreht sich noch mal im Bett auf die andere Seite. Etwas später nimmt sie beiläufig ein paar Kleidungsstücke aus dem Schrank, zieht ihre neue Hose an und stakst in die Küche.
„Du hast ja eine komische Blümchenhose an! Warum kannst du nicht normal herumlaufen wie deine Freundin Marina? Stattdessen rennst du andauernd herum wie ein Hippie!“, sagt die Mutter leicht gereizt.
Ohne eine Antwort zu geben, setzt sich Gertrude an den Küchentisch und schlürft eine Tasse heißen Kaffee bis zur Hälfte leer. Soll die Mutter doch herummeckern, denkt sie trotzig, ich bin sowieso bald weg, und dann brauche ich die ständige Bevormundung nicht mehr ertragen.
„Was soll bloß mal aus dir werden?“, seufzt die Mutter besorgt, wobei sie den Tisch abwischt. „Du lässt dich nur bedienen und überall liegen deine Sachen herum. Glaubst du denn, es macht mir Spaß, stets hinter dir herzuräumen. Ich könnte mir auch was Besseres vorstellen.“
Kaum hat sie das gesagt, betritt der Vater den Raum, hört noch den letzten Satz und fügt hinzu: „Solange du die Füße unter unseren Tisch stellst, kannst du deiner Mutter ruhig auch mal unter die Arme greifen.“ Er lässt sich eine Tasse Kaffee einschenken.
Gertrude schmollt, fühlt sich zu Unrecht angegriffen. „Warum könnt ihr mich nicht einfach in Ruhe lassen!“, stöhnt sie und legt den Kopf in beide Hände.
Dem ungeachtet hören die Vorwürfe nicht auf. „Wie willst du jemals eine Arbeit finden, wenn du so schlampig herumläufst“, stellt die Mutter beharrlich fest und schält die Kartoffeln für das Mittagessen.
Der Vater schmiert sich ein Brötchen dick mit Butter und Marmelade. Dabei erzählt er von seinem Tag im Büro und wie stressig es ist. Wenn eine Aufgabe erledigt ist, muss sofort ohne Pause der nächste Stapel bearbeitet werden und so weiter und so weiter. Er erzählt andauernd von seinem Tag im Büro. Im Moment allerdings befindet sich die Firma in einer wirtschaftlichen Krise. Das verschweigt er vorsichtshalber und berichtet lieber von Heinz, dem endlich gekündigt wurde, da der Heinz versucht hat, die Kollegen hinter ihrem Rücken schlechtzumachen. Das reinste Mobbing war das. Neulich hatte er sogar ihm unterstellt, er würde während der Arbeitszeit auf dem Klo die Zeitung lesen. Eine bodenlose Frechheit war das. Aber nun ist er ja entlassen worden und das Betriebsklima kann sich hoffentlich wieder erholen und ein bisschen auf dem Klo Zeitung lesen schadet ja niemandem.
Gertrude trinkt ihre Kaffeetasse leer und steht auf, sie fühlt sich missverstanden. Dauernd haben die Eltern etwas an ihr auszusetzen. Nie kann sie es ihnen scheinbar recht machen.
Inzwischen kochen die Kartoffeln und es riecht nach Grünkohl. Um auf andere Gedanken zu kommen, flüchtet Gertrude aus der Wohnung. Die Eltern haben ja recht, sie ist 17 Jahre und hat bisher nichts auf die Reihe gebracht, außer dem mittelmäßigen Schulabschluss. Ratlos fragt sie sich, was sie tun soll, wenn sie selber nicht weiß, was sie wirklich werden möchte.
Die Sonne scheint und in der Luft liegt immer noch ein Hauch von Frühling. Das schöne Wetter vertreibt die negativen Gedanken. Auf Grünkohl hat sie jetzt gar keinen Appetit und deshalb geht sie zum Bäcker und kauft sich zwei Schnecken, die sie genüsslich auf einer Parkbank am See verzehrt.
Ein fremder Mann geht vorbei und sieht sie allein auf der Bank sitzen. In gebührendem Abstand nimmt er spontan neben ihr Platz. Nervös holt er sich eine Zigarette aus der Packung, wühlt in seinen Taschen, kann aber scheinbar sein Feuerzeug nicht finden. Während er vergeblich zu suchen vorgibt, fragt er Gertrude: „Haben Sie vielleicht ein Streichholz oder so?“
Sie schüttelt mit dem Kopf und antwortet kurz angebunden „Nein“, woraufhin er sein Feuerzeug, wie zufällig, doch noch in der rechten Hosentasche entdeckt und sich die Zigarette anzündet. Zufrieden atmet er tief durch. Beide starren stumm auf die glitzernde Wasseroberfläche.
„Entschuldigung, darf ich dir auch eine Zigarette anbieten?“, wird er vertraulich, hält ihr die Packung hin und sie nimmt umständlich eine heraus. Ganz Kavalier hält er sein Feuerzeug vor ihre Nase und stellt fest: „Schönes Wetter heute.“
„Geht so“, antwortet sie leicht mimosenhaft und zieht an der Zigarette, obwohl sie Nichtraucherin ist. Schließlich soll er nicht bemerken, wie unerfahren sie im Grunde ist.
„Bist du öfter hier?“, erkundigt er sich. „So ein hübsches Mädchen wie du wäre mir doch aufgefallen.“
„Kann sein oder auch nicht“, meint sie schnippisch und fühlt sich besonders gut, weil er ihr Komplimente macht. Wenigstens hat er sie nicht auf ihre Haare angesprochen. Die sind blond und jeder findet das toll. Eigentlich hätte sie viel lieber eine ganz unauffällige Haarfarbe und auch keine Sommersprossen.
„Du siehst ein bisschen niedergedrückt aus, kann das sein?“, fragt er vermeintlich mitfühlend und wirft die Zigarette auf die Erde, ohne sie auszutreten. Eine Entenmutter watschelt mit ihren fünf jungen Entenküken im Gleichschritt an ihnen schnatternd vorbei. Gertrude und der Fremde müssen lachen.
Anschließend betrachtet sie ihn das erste Mal richtig und findet, dass er nicht schlecht aussieht. Er ist schlank, hat ebenmäßige Gesichtszüge, blaue Augen und volles, dunkles Haar. Sein Lachen wirkt ganz natürlich. In dem Moment konnte sie sich ihn als Freund vorstellen und bietet ihm den restlichen Kuchen aus der Bäckerei an.
Aber er mag keine Schnecken mit Rosinen, dafür rückt er näher und legt wie zufällig den Arm um ihre Schulter. Etwas bedrängt lässt sie ihn gewähren, fühlt sich gleichzeitig geschmeichelt, tut sie so, als wäre seine Nähe selbstverständlich.
Die Sonne scheint noch. Aber langsam ziehen dunkle Wolken vorüber. Den Rest Kuchen mag sie nicht mehr essen, weiß nicht, wohin mit der Tüte, und wirft beides kurzerhand in den neben der Bank stehenden Papierkorb. Für eine Weile ist der Park menschenleer, nicht mal ein Hundebesitzer ist unterwegs. Ein kleiner Wind kommt auf und die Blätter rascheln in den Bäumen. Die Entenfamilie eilt zurück, doch jetzt lachen die beiden nicht mehr.
Seine Hand streift über ihr Haar. Sie bleibt sitzen und schiebt die Hand zaghaft weg. Verunsichert weiß Gertrude nicht, wie sie sich verhalten soll. Bis auf ein paar unschuldige Küsse mit den Jungen aus der Tanzschule hat sie keine weitere Erfahrung. Ihre Aufklärung ist lückenhaft. Als sie ihre ersten Blutungen bekommen hatte, meinte die Mutter nur: „Jetzt bist du eine Frau. Damit müssen alle Frauen leben.“ Aber was ist eine Frau?
Unterdessen lässt der Fremde seine Hand wie zufällig über ihre Brust gleiten. Der Himmel wird bedrohlich dunkler und leichter Nieselregen tropft auf die Bank.
Sie versucht aufzustehen, erhebt sich und will nach Hause gehen, doch er hält sie am Handgelenk fest. „Nun sei keine Spielverderberin, ich tu dir nichts, komm, lass uns noch ein wenig unterhalten“, fordert er mit freundlicher Stimme. Sie setzt sich wieder hin, möchte nicht als verklemmt dastehen, glaubt ihm seine Beteuerungen und will wissen: „Hast du einen Beruf oder bist du arbeitslos, weil du am Nachmittag im Park spazieren gehst?“
„Ich bin im Moment groß im Geschäft“, antwortet er und zündet sich erneut eine Zigarette an. „So In- und Export. Da kann ich mir meine Arbeitszeit selbst einteilen, und wenn ich genügend Kohle zusammen habe, wandere ich nach Amerika aus. Ab in die Freiheit.“ Danach singt er: „I'm born to be wild“, während er mit der rechten Hand auf seinen Oberschenkel trommelt.
„I am born, born, born ...“
„Du hast es gut“, stellt Gertrude neidisch fest. „Ich kann mich nicht entscheiden, welche Ausbildung für mich in Frage käme. Am liebsten würde ich was mit Musik machen, aber meine Eltern bestehen darauf, dass ich etwas Solides lerne wie Bankkauffrau oder bei einer Behörde als Sachbearbeiterin anfange. Als ob ich dazu Lust hätte“, klagt sie spöttisch. „Es gibt häufig deswegen Streit, sie können mich einfach nicht verstehen und werfen mir vor, dass ich nur faul herumliegen würde.“
„Mach dir bloß keine Gedanken deswegen. So sind Eltern nun mal“, stellt er fest. „Mir gefällst du jedenfalls, wie du bist.“ Er nimmt sie erneut in seine Arme. Sie versucht, ihn abzuschütteln, doch er hält sie diesmal fest umfangen und belustigt sich darüber, wie widerborstig sie ihm gegenüber ist.
Der Regen hat für kurze Zeit aufgehört und das Wasser blinkt silbrig im See. Ein Hundebesitzer geht freundlich an ihnen vorbei und grüßt höflich. Der Hund schnüffelt kurz an ihrem Knie und verschwindet schnell wieder.
Während er sie weiterhin an sich drückt, haucht er in ihr Ohr: „Vertrau mir!“
Es riecht modrig, Vogelgezwitscher schallt von irgendwoher. Plötzlich ist alles still. Sie wird verlegen, mag ihn einerseits, möchte ihn gerne näher kennenlernen, aber andererseits nicht gleich so intim werden. Deswegen schiebt sie ihn erneut beiseite.
Trotzdem versucht er, sie zu küssen. Schließlich hatte er heute einen beschissenen Tag gehabt, hatte sie angelogen, um einen guten Eindruck zu schinden, nur angegeben. In Wahrheit war er arbeitslos und heute bei einem Vorstellungsgespräch gewesen. Doch der Firmenchef hatte sich für einen anderen Bewerber entschieden. Das war wie ein Faustschlag in das Gesicht für ihn gewesen, insgesamt seine zehnte Absage in diesem Monat.
Als er auf dem Rückweg von der Bewerbung Gertrude allein auf der Bank sitzen sah, kam ihm der Gedanke, sich gleich an ihr abzureagieren. Letztlich war er immer noch der größte Frauenheld. Wenigstens auf seine Eroberungen konnte er stolz sein. Er beteuert: „Ich finde dich wirklich gut“, und greift ihr zwischen die Beine.
Seine Hände bedrängen sie und seltsame, wirre Gefühle breiten sich in ihr aus. Unsicher versucht sie, sich wieder von ihm zu befreien. Es fängt erneut an, ein wenig zu regnen. Die Bank bietet kaum Platz, es ist eng und sie kippeln hin und her. Dabei fallen sie zusammen auf den Boden; Matsch bleibt an der Blümchenhose kleben.
Mit seiner ganzen Kraft zerrt er sie hinter einen Busch, um sie vor ungebetenen Blicken zu schützen. Ihr wird schlecht, es gießt in der Zwischenzeit in Strömen. Wie gelähmt gelingt es ihr nicht, sich aus seiner Umarmung zu lösen, er ist kräftiger und schon total erregt. „Stell dich nicht so an“, fordert er, „du willst es doch auch.“ Als er hart in sie eindringt, tut es weh. Allerdings lässt er nicht von ihr ab, erst nachdem er kurz aufgestöhnt hat, verliert er jegliches Interesse an ihr. Danach erhebt er sich befriedigt, knöpft seine Hose zu und verhält sich so, als ob nichts gewesen wäre. Entspannt zündet er sich wieder eine Zigarette an und meint lässig: „Es regnet mir zu stark und ich habe noch ein paar wichtige Termine. War nett mit dir, aber du bist viel zu steif in den Hüften. Na ja, vielleicht sehen wir uns irgendwann mal, mach es gut.“ Er kehrt ihr den Rücken zu und verschwindet eilig.
Gertrude fühlt sich elend, sie muss sich übergeben und erbricht den Kuchen vom Bäcker ins nasse Gras. Das war nicht die Liebe, nach der sie sich gesehnt hat, das war nicht die Aufmerksamkeit, die sie erhalten will. Wütend spuckt sie den Rest des Erbrochenen aus. Ein bitterer Geschmack bleibt im Mund zurück und sie empfindet sich als schmutzig. Nicht mal der Regen stört sie im Moment. Ein Liebespaar geht eng umschlungen auf dem Weg vorbei. Die Frau bleibt stehen, weil Gertrude so mitgenommen aussieht und fragt besorgt: „Kann ich irgendwie helfen?“ Gertrude steht da wie ein begossener Pudel und schüttelt stumm mit dem Kopf. Sie will nur noch nach Hause.
Am nächsten Tag will sie nicht aufstehen, hat keinen Appetit und will nicht frühstücken. Sie behauptet, dass sie starke Kopfschmerzen hat, verkriecht sich unter der Bettdecke. Daraufhin bringt ihr die Mutter einen feuchten, kalten Waschlappen, den sie ihr auf die Stirn legt.
Während Gertrude die Augen schließt, schieben sich ungewollt die Bilder vom Vortag in den Kopf. Sie ärgert sich, dass sie so blauäugig war, einem Fremden zu vertrauen. Sie ärgert sich, dass sie von der großen Liebe träumte. Sie ärgert sich, dass sie nur benutzt wurde wie eine Gummipuppe, bemüht sich, die negativen Gedanken im Schleudergang wegzuspülen und verlangt im weinerlichen Tonfall rufend nach einer Kopfschmerztablette.
Aber stattdessen überreicht ihr die Mutter einen Brief und meint: „Post für dich.“ Überrascht nimmt Gertrude den kalten Lappen von der Stirn und öffnet den Umschlag. Teilnehmend bleibt die Mutter am Türrahmen stehen mit der spöttischen Bemerkung: „Na, was hast du nun schon wieder angestellt?“ Sie geht zum Bett zurück und versucht, über Gertrudes Schulter einen Blick in den Brief zu werfen. Überglücklich drückt diese das Schreiben gegen ihre Brust und strahlt. „Am Montag soll ich mich am Siemensring für Probeaufnahmen vorstellen.“ Sie kann es kaum fassen, bei all dem Hickhack hatte sie ihre Bewerbung im Tonstudio Hanse Plus als Sängerin ganz vergessen.
Ein wenig stolz reicht sie das Antwortschreiben ihrer Mutter, die skeptisch meint: „Was du dir immer wieder ausdenkst! Warum hast du nicht mit uns darüber geredet, das sind doch erneut nur Hirngespinste. Papa hat ganz recht, du solltest dich um einen vernünftigen Ausbildungsplatz bemühen.“
Doch Gertrude sind die Bedenken der Mutter im Moment egal. Die Kopfschmerzen scheinen wie weggeblasen. Sie wird Sängerin, das ist das Einzige, was zählt: die Musik.
Aufgewühlt rennt sie ins Bad, um sich hübsch zu machen. Kritisch betrachtet sie ihr Gesicht im Spiegel und Zweifel kommen auf. Sie findet sich zu breit, zu blass, die Nase zu groß, den Kopf zu klein, überhaupt total unattraktiv und überschminkt die Augen, Mund und Nase kräftig mit Eye-Liner, Lippenstift und Make-up.
In der Küche spült die Mutter wie gewöhnlich das Frühstücksgeschirr. Sie berichtet laut schreiend, weil der Vater nebenan in der Stube auf dem Sofa sitzt und die Nachrichten im Fernsehen sieht, von Gertrudes Brief. Der Vater antwortet nicht. Er möchte seine Ruhe haben, hat nur noch wenig Zeit, weil er angeblich gleich zur Arbeit muss.
Überglücklich lässt sich Gertrude blicken und schmiert sich eine Scheibe Brot, wobei sie auf den Fußboden krümelt. Sofort meckert die Mutter: „Muss das denn sein, du machst ja alles gleich wieder schmutzig.“ Sie holt Schaufel und Besen, fegt die Krümel auf und wirft sie in den Mülleimer.
Der Vater hat nur die Hälfte verstanden, mischt sich aber vom Sofa aus ein. Aufgebracht verlangt er aus der Tiefe des Raumes: „Ich wiederhole mich ungern, aber du könntest deiner Mutter auch ruhig mal helfen, anstatt dich irgendwo als Sängerin zu bewerben. Das wird doch nichts! Ist dir eigentlich klar, wie viele das werden wollen und wie wenige davon leben können? Wenn du gern was tun möchtest, hilf lieber deiner Mutter im Haushalt.“ Er will sich nicht aufregen, denn in Wirklichkeit plagen ihn ganz andere Sorgen, die ihn belasten.
Seine Firma steht vielleicht kurz vor der Pleite. Der Chef hatte zu viel Kapital in das verkehrte Produkt investiert. Es konnte nicht genug Material abgesetzt werden. Im gesamten Betrieb wurde Kurzarbeit angeordnet. Doch davon soll die Familie nichts erfahren und deshalb begehrt er scheinbar geschäftig: „Bringt mir einer von euch schnell noch ein Bier? Ich muss gleich ins Büro.“
Unwillig reicht ihm Gertrude die Flasche. Er blickt auf ihr geschminktes Gesicht und verschluckt sich beim Trinken. „Wie siehst du denn aus? Willst du zum Fasching oder was willst du mit der Kriegsbemalung bezwecken?“, belustigt er sich über sie.
„Wieso, das sieht doch gut aus“, gibt sie keck zurück, dreht sich um und holt eine Tafel Schokolade aus dem Stubenschrank.
Der Vater brummt vor sich hin: „Wenn das so weiter geht mit deinen Rosinen im Kopf, wirst du tatsächlich noch als Putzfrau enden. Das prophezeie ich dir.“
Dazwischen verkündet die Mutter aus der Küche: „Vati will doch nur dein Bestes.“ Den Satz kann Gertrude schon nicht mehr hören. Sie geht enttäuscht in ihr Zimmer zurück und knallt die Tür hinter sich zu. Warum können sich die Eltern nicht einfach mit ihr freuen? Wenigstens hat sie die Tafel Schokolade mitgenommen. Während sie sich Stückchen für Stückchen in den Mund schiebt, träumt sie davon, wie es sein wird, wenn sie erst eine berühmte Sängerin geworden ist.
Damit Gertrude rechtzeitig ihren Termin wahrnehmen kann, klingelt der Wecker um halb sieben. Sie wäscht sich die Haare und schminkt sich etwas weniger. Heute sollen die Probeaufnahmen eingespielt werden. So hat Gertrude die Einladung jedenfalls verstanden.
Aufgeregt steigt sie in den Bus. Vom Vorort braucht sie eine gute Stunde bis zur Stadtmitte und muss zweimal umsteigen, bis sie die angegebene Adresse endlich ausfindig gemacht hat. Erschöpft von der Fahrt betritt sie den Eingang eines Altbauhauses. Im Vorraum sitzen schon viele junge Mädchen, starren sie an und tuscheln. Dass sie so viele Mitbewerberinnen antreffen würde, hatte Gertrude nicht erwartet. An der Rezeption meldet sie sich an und muss sich anschließend erneut in die Reihe der Wartenden begeben.
Sie setzt sich an den Rand des Raumes. Die unterschiedlichen Bewerber tauschen lautstark ihre Erfahrungen aus, die sie bei verschiedenen Musikverlagen gemacht haben. Andere singen die Tonleiter rauf und runter oder üben ihr Lied. Ein hektisches Kommen, Gehen und Summen wie in einem Bienenstock.
