Inhaltsverzeichnis
1 KAPITEL
2 KAPITEL
3 KAPITEL
4 KAPITEL
5 KAPITEL
6 KAPITEL
7 KAPITEL
8 KAPITEL
9 KAPITEL
10 KAPITEL
11 KAPITEL
12 KAPITEL
13 KAPITEL
14 KAPITEL
15 KAPITEL
16 KAPITEL
17 KAPITEL
18 KAPITEL
19 KAPITEL
20 KAPITEL
21 KAPITEL
22 KAPITEL
23 KAPITEL
24 KAPITEL
25 KAPITEL
26 KAPITEL
27 KAPITEL
28 KAPITEL
29 KAPITEL
30 KAPITEL
Impressum:
Verlag: Schmidt
Autor: Karin Pehrs-Schmidt
Copyright © Schmidt Verlag, 2015
GEFRORENES GLÜCK
Damals als… 1970 das unaufgeräumte Mädchen
1 KAPITEL
Es ist früh am Morgen, Gertrude gähnt verschlafen, reibt sich die Augen und dreht sich nochmal im Bett zur Seite. Etwas später nimmt sie beiläufig ein paar Kleidungsstücke aus dem Schrank, zieht sich an und stakst in die Küche.
„ Du hast ja schon wieder die Blümchenhose an, warum kannst du nicht normal herumlaufen wie alle Anderen und nicht andauernd wie ein Hippie?“ fordert die Mutter leicht gereizt.
Ohne eine Antwort zu geben setzt sich Gertrude an den Küchentisch und schlürft eine Tasse heißen Kaffee bis zur Hälfte leer. – Soll die Mutter doch herummeckern – denkt sie trotzig – ich bin sowieso bald weg, und dann brauche ich die ständige Bevormundung nicht mehr ertragen.-
„ Was soll bloß mal aus dir werden“, seufzt die Mutter besorgt, wobei sie den Tisch abwischt „du lässt dich nur bedienen und überall liegen deine Sachen herum. Glaubst du denn es bringt mir Spaß stets hinter dir herzuräumen. Ich könnte mir auch was Besseres vorstellen.“
Kaum hat sie das gesagt betritt der Vater den Raum, hört noch den letzten Satz und fügt hinzu „ Solange du die Füße unter unseren Tisch stellst kannst Du deiner Mutter ruhig auch mal unter die Arme greifen.“ gleichzeitig lässt er sich eine Tasse Kaffee einschenken.
Gertrude schmollt, fühlt sich zu Unrecht angegriffen, „warum könnt ihr mich nicht einfach in Ruhe lassen.“ Stöhnt sie und legt den Kopf in beide Hände.
Dem ungeachtet hören die Vorwürfe nicht auf. „Wie willst du jemals eine Arbeit finden, wenn du so schlampig herumläufst“, stellt die Mutter beharrlich fest und schält die Kartoffeln für das Mittagessen.
Der Vater schmiert sich das Brötchen dick mit Butter und Marmelade. Dabei erzählt er von seinem Tag im Büro und wie stressig es ist, wenn eine Aufgabe erledigt ist, muss sofort ohne Pause der nächste Stapel bearbeitet werden und so weiter und so weiter. Er erzählt andauernd von seinem Tag im Büro. Im Moment befindet sich die Firma in einer wirtschaftlichen Krise. Das verschweigt er allerdings und berichtet lieber von Heinz, dem endlich gekündigt wurde. Da der Heinz versucht hat, hinter ihrem Rücken die Kollegen schlecht zu machen. Das reinste Mobbing war das. Neulich hat er sogar ihm unterstellt; er würde während der Arbeitszeit auf dem Klo die Zeitung lesen. Eine bodenlose Frechheit war das. Aber nun ist er ja entlassen worden und das Betriebsklima kann sich hoffentlich wieder erholen und ein bisschen auf dem Klo Zeitung lesen schadet ja niemanden.
Gertrude trinkt ihre Kaffeetasse leer und steht auf, sie fühlt sich missverstanden. Dauernd haben die Eltern etwas an ihr auszusetzen. Nie kann sie es ihnen scheinbar recht machen.
Inzwischen kochen die Kartoffeln und es riecht nach Grünkohl. Um auf andere Gedanken zu kommen flüchtet Gertrude aus der Wohnung. Die Eltern haben ja recht, sie ist 17 Jahre und hat bisher nichts auf die Reihe gebracht, außer dem mittelmäßigen Schulabschluss. Ratlos fragt sie sich, was sie tun soll, wenn sie selber nicht weiß was sie wirklich arbeiten möchte. Die Sonne scheint und in der Luft liegt ein Hauch von Frühling. Das schöne Wetter vertreibt die negativen Gedanken. Auf Grünkohl hat sie jetzt gar keinen Appetit und deshalb geht sie zum Bäcker und kauft sich zwei Schnecken die sie genüsslich auf einer Parkbank am See verzehrt.
Ein fremder Mann geht vorbei und sieht sie allein auf der Bank sitzen. In gebührendem Abstand nimmt er spontan daneben Platz. Nervös holt er sich eine Zigarette aus der Packung, wühlt in seinen Taschen, kann aber scheinbar sein Feuerzeug nicht finden. Während er vergeblich zu suchen vorgibt, fragt er Gertrude „ haben sie vielleicht ein Streichholz oder so.“
Sie schüttelt mit dem Kopf und antwortet kurz mit „ nein“, woraufhin er sein Feuerzeug, wie zufällig, doch noch findet und sich die Zigarette anzündet. Zufrieden atmet er tief durch. Beide starren stumm auf die glitzernde Wasseroberfläche.
„ Entschuldigung, darf ich dir auch eine Zigarette anbieten“, wird er vertraulich, hält ihr die Packung entgegen und sie greift umständlich eine heraus. Ganz Kavalier hält er sein Feuerzeug vor ihre Nase und stellt fest, „ schönes Wetter heute.“
„ Geht so“, antwortet sie leicht empfindlich und zieht an der Zigarette obwohl sie Nichtraucherin ist. Schließlich soll er nicht bemerken wie unerfahren sie im Grunde ist.
„Bist du öfter hier“, erkundigt er sich „ so ein hübsches Mädchen wie du wäre mir doch aufgefallen.“
„Kann sein oder auch nicht“, meint sie schnippisch und fühlt sich besonders gut, weil er ihr Komplimente macht. Wenigstens hat er sie nicht auf ihre Haare angesprochen. Die sind blond und jeder findet das toll. Eigentlich hätte sie viel lieber eine ganz unauffällige Haarfarbe und auch keine Sommersprossen.
„Du siehst ein bisschen niedergedrückt aus, kann das sein“, fragt er vermeintlich mitfühlend und wirft die Zigarette auf die Erde ohne diese auszutreten. Eine Entenmutter watschelt mit ihren fünf jungen Entenküken im Gleichschritt an ihnen schnatternd vorüber. Gertrude und der Fremde müssen lachen.
Anschließend betrachtet sie ihn das erste Mal richtig und findet, dass er nicht schlecht aussieht. Er ist schlank, hat ebenmäßige Gesichtszüge, blaue Augen und volles, dunkles Haar. Sein Lachen wirkt ganz natürlich. In dem Moment konnte sie sich ihn als Freund vorstellen und bietet ihm den restlichen Kuchen aus der Bäckerei an.
Aber er mag keine Schnecken mit Rosinen, dafür rückt er näher und legt wie zufällig den Arm um ihre Schulter. Etwas bedrängt lässt sie ihn gewähren, fühlt sich gleichzeitig geschmeichelt tut sie so, als wäre seine Nähe selbstverständlich.
Die Sonne scheint noch. Aber langsam ziehen dunkle Wolken vorüber. Den Rest Kuchen mag sie nicht mehr essen, weiß nicht wohin mit der Tüte und wirft beides kurzerhand in den neben der Bank stehenden Papierkorb. Für eine Weile ist der Park menschenleer, nicht mal ein Hundebesitzer ist unterwegs. Ein kleiner Wind kommt auf und die Blätter rascheln in den Bäumen. Die Entenfamilie eilt zurück, doch jetzt lachen die beiden nicht mehr.
Seine Hand streift über ihr Haar. Sie bleibt sitzen und schiebt die Hand zaghaft weg. Verunsichert weiß Gertrude nicht wie sie sich verhalten soll. Bis ein paar unschuldige Küsse mit den Jungen aus der Tanzschule hat sie keine weitere Erfahrung. Ihre Aufklärung ist lückenhaft. Als sie ihre ersten Blutungen bekommen hatte, meinte die Mutter nur „ jetzt bist du eine Frau. Damit müssen alle Frauen leben.“ Aber was ist eine Frau.
Unterdessen lässt der Fremde seine Hand, wie zufällig über ihre Brust gleiten. Der Himmel wird bedrohlich dunkler und leichter Nieselregen tropft auf die Bank.
Sie versucht aufzustehen, erhebt sich und will nach Hause gehen, doch er hält sie am Handgelenk fest. „Nun sei keine Spielverderberin, ich tu dir nichts, komm lass uns noch ein wenig gemeinsam unterhalten, “ fordert er mit freundlicher Stimme. Sie setzt sich wieder hin, möchte nicht als verklemmt dastehen, glaubt ihm seine Beteuerungen und will wissen „Hast du einen Beruf oder bist du arbeitslos, weil du am Nachmittag im Park spazieren gehst.“
„Ich bin im Moment groß im Geschäft, “ antwortet er und zündet sich erneut eine Zigarette an, „ so In- und Export. Da kann ich mir meine Arbeitszeit selbst einteilen und wenn ich genügend Kohle zusammen habe wandere ich nach Amerika aus.“ danach summt er „ab in die Freiheit. I` am born to be wild.“ Während er mit der rechten Hand auf seinen Oberschenkel trommelt.
„I` am born born born. “
„ Du hast es gut, “ stellt Gertrude neidisch fest. „Ich kann mich nicht entscheiden welche Ausbildung für mich in Frage käme. Am liebsten würde ich was mit Musik machen, aber meine Eltern bestehen darauf, dass ich etwas Solides lerne, wie Bankkauffrau oder bei einer Behörde als Sachbearbeiterin. Als ob ich dazu Lust hätte “, klagt sie spöttisch „ es gibt häufig deswegen Streit, sie können mich einfach nicht verstehen und werfen mir vor, dass ich nur faul herum liegen würde.“
„Mach dir bloß keine Gedanken deswegen. So sind Eltern nun mal.“ Stellt er fest „mir gefällst du jedenfalls wie du bist“ und nimmt sie erneut in seine Arme. Sie versucht ihn abzuschütteln, doch er hält sie diesmal fest umfangen und belustigt sich darüber; wie widerborstig sie ihm gegenüber ist.
Der Regen hat für kurze Zeit aufgehört und das Wasser blinkt silbrig im See. Ein Hundebesitzer geht freundlich an ihnen vorbei und grüßt höflich. Der Hund schnüffelt kurz an ihrem Knie und verschwindet schnell wieder.
Während er sie weiterhin an sich drückt haucht er in ihr Ohr „ vertrau mir.“
Es riecht modrig, Vogelgezwitscher schallt von irgendwoher. Plötzlich ist alles still. Sie wird verlegen, mag ihn einerseits, möchte ihn gerne näher kennenlernen, aber nicht gleich so intim werden. Deswegen schiebt sie ihn erneut beiseite.
Trotzdem versucht er sie zu küssen. Schließlich hatte er heute einen beschissenen Tag gehabt, hatte sie angelogen, um einen guten Eindruck zu schinden nur angegeben. In Wahrheit war er arbeitslos und heute bei einem Vorstellungsgespräch gewesen. Doch der Firmenchef entschied sich für einen anderen Bewerber. Das war wie ein Faustschlag in das Gesicht für ihn, insgesamt seine zehnte Absage in diesem Monat.
Als er auf dem Rückweg von der Bewerbung Gertrude allein auf der Bank sitzen sah, kam ihm der Gedanke, sich gleich an ihr abzureagieren. Letztlich war er immer noch der größte Frauenheld, wenigstens auf seine Eroberungen konnte er stolz sein, beteuert „Ich finde dich wirklich gut“ und greift ihr zwischen die Beine.
Seine Hände bedrängen sie und seltsame wirre Gefühle breiten sich in ihr aus. Unsicher versucht sie sich wieder von ihm zu befreien. Es fängt erneut an ein wenig zu regnen. Die Bank bietet kaum Platz, es ist eng und sie kippeln hin und her. Dabei fallen sie zusammen auf den Boden, der matschig an ihnen kleben bleibt.
Mit seiner ganzen Kraft zerrt er sie hinter einen Busch, der sie vor ungebetenen Blicken schützen soll. Ihr wird schlecht, es gießt in der Zwischenzeit in Strömen. Wie gelähmt gelingt es ihr nicht, sich aus seiner Umarmung zu lösen, er ist gewaltiger und schon total erregt. „Stell dich nicht so an“, fordert er „du willst es doch auch.“ Als er hart sie eindringt tut es weh. Dennoch lässt er nicht von ihr ab, erst nachdem er kurz aufgestöhnt, verliert er jegliches Interesse an ihr. Deswegen erhebt er sich befriedigt, knöpft seine Hose zu und verhält sich, wie wenn nichts gewesen wäre. Entspannt zündet er sich wieder eine Zigarette an und erklärt„ Es regnet mir zu stark und ich habe noch ein paar wichtige Termine. War nett mit dir, aber du bist viel zu steif in den Hüften. Naja, vielleicht sehen wir uns irgendwann mal, mach es gut“, kehrt ihr den Rücken zu und verschwindet eilig.
Gertrude fühlt sich elend, sie muss sich übergeben und erbricht den Kuchen vom Bäcker ins nasse Gras. Das war nicht die Liebe nach der sie sich gesehnt hat, das war nicht die Aufmerksamkeit die sie erhalten will. Wütend spuckt sie den Rest des Erbrochenen aus. Ein bitterer Geschmack bleibt im Mund zurück und sie empfindet sich als schmutzig. Nicht mal der Regen stört sie im Moment. Ein Liebespaar geht eng umschlungen auf dem Weg vorüber. Die Frau bleibt stehen, weil Gertrude so mitgenommen aussieht und fragt besorgt „ kann ich irgendwie helfen?“ Gertrude steht da wie ein begossener Pudel und schüttelt stumm mit dem Kopf. Sie will nur noch nach Hause.
2 KAPITEL
Am nächsten Morgen bleibt sie im Bett liegen, hat keinen Appetit und will nicht Frühstücken. Sie behauptet dass sie starke Kopfschmerzen hat. Daraufhin bringt ihr die Mutter einen feuchten kalten Waschlappen, den sie ihr auf die Stirn legt.
Während Gertrude die Augen schließt, schieben sich ungewollt die Bilder vom Vortag in den Kopf. Sie ärgert sich das sie so blauäugig war einem Fremden zu vertrauen. Sie ärgert sich das sie von der großen Liebe träumt. Sie ärgert sich das sie nur benutzt wurde, wie eine Gummipuppe, bemüht sich die negativen Gedanken im Schleudergang wegzuspülen und verlangt im weinerlichen Tonfall rufend nach einer Kopfschmerztablette.
Aber stattdessen überreicht ihr die Mutter einen Brief und meint „Post für dich“, überrascht nimmt Gertrude den kalten Lappen von der Stirn, und öffnet den Umschlag. Teilnehmend bleibt die Mutter am Türrahmen stehen mit der spöttischen Bemerkung „Na, was hast du nun schon wieder angestellt.“ Geht zum Bett zurück und versucht über Gertrudes Schulter einen Blick in den Brief zu werfen. Überglücklich drückt diese das Schreiben gegen ihre Brust und strahlt „Am Montag soll ich mich, am Siemensring, für Probeaufnahmen vorstellen.“ Sie kann es kaum fassen, bei all dem Hickhack hatte sie ihre Bewerbung im Tonstudio Hanse Plus als Sängerin, ganz vergessen.
Ein wenig stolz reicht sie das Antwortschreiben ihrer Mutter, die skeptisch meint „ Was du dir immer wieder ausdenkst, warum hast du nicht mit uns darüber geredet, das sind doch erneut nur Hirngespinste. Papa hat ganz recht, du solltest dich um einen vernünftigen Ausbildungsplatz bemühen.“
Doch Gertrude sind die Bedenken der Mutter im Moment egal. Die Kopfschmerzen scheinen wie weggeblasen. Sie wird Sängerin, das ist das einzige was zählt, die Musik.
Aufgewühlt rennt sie ins Bad um sich hübsch zu machen. Kritisch betrachtet sie ihr Gesicht im Spiegel und Zweifel kommen auf. Sie findet sich zu breit, zu blass, die Nase zu groß, den Kopf zu klein, überhaupt total unattraktiv und überschminkt die Augen, Mund und Nase kräftig mit Ey-Liner, Lippenstift und Makeup.
In der Küche wäscht die Mutter, wie gewöhnlich, das Frühstücksgeschirr ab. Sie berichtet laut schreiend, weil der Vater nebenan in der Stube auf dem Sofa sitzt und die Nachrichten im Fernsehen sieht, von Gertrudes Brief. Der Vater antwortet nicht. Er möchte seine Ruhe haben, hat nur noch wenig Zeit, weil er angeblich gleich zur Arbeit muss.
Überglücklich lässt sich Gertrude blicken und schmiert sich eine Scheibe Brot, wobei sie auf den Fußboden krümelt. Sofort meckert die Mutter „muss das denn sein, du machst ja alles gleich wieder schmutzig“, holt Schaufel und Besen, fegt die Krümel auf und wirft sie in den Mülleimer.
Der Vater hat nur die Hälfte verstanden, mischt sich aber vom Sofa aus ein. Aufgebracht verlangt er aus der Tiefe des Raumes „ Ich wiederhole mich ungern, aber du könntest deiner Mutter auch ruhig mal helfen, anstatt dich irgendwo als Sängerin zu bewerben. Das wird doch nichts. Ist dir eigentlich klar wie viele das werden wollen und wie wenig davon leben können. Wenn du gern was tun möchtest hilf lieber Deiner Mutter im Haushalt.“ Er will sich nicht aufregen, denn in Wirklichkeit plagen ihn ganz andere Sorgen, die ihn belasten.
Seine Firma steht vielleicht kurz vor der Pleite. Der Chef hatte zu viel Kapital in das verkehrte Produkt investiert. Es konnte nicht genug Material abgesetzt werden. Im gesamten Betrieb wurde Kurzarbeit angeordnet. Doch davon soll die Familie nichts erfahren und deshalb begehrt er scheinbar geschäftig „Bringt mir einer von euch schnell noch ein Bier, ich muss gleich ins Büro.“
Unwillig reicht ihm Gertrude die Flasche. Er blickt auf ihr geschminktes Gesicht und verschluckt sich beim trinken „wie siehst du denn aus, willst du zum Fasching oder was willst du mit der Kriegsbemalung bezwecken“, belustigt er sich über sie.
„Wieso das sieht doch gut aus“, lächelt sie keck zurück, dreht sich um und holt eine Tafel Schokolade aus dem Stubenschrank.
Der Vater brummt vor sich hin „wenn das so weiter geht mit deinen Rosinen im Kopf, wirst du tatsächlich noch als Putzfrau enden.- Das prophezei ich Dir.“
Dazwischen verkündet die Mutter aus der Küche, „Vati will doch nur dein Bestes.“ Den Satz kann Gertrude schon nicht mehr hören. Sie geht enttäuscht in ihr Zimmer zurück und knallt die Tür hinter sich zu. Warum können sich die Eltern nicht einfach mit ihr freuen. Wenigstens hat sie die Tafel Schokolade mitgenommen. Während sie sich Stückchen für Stückchen in den Mund schiebt, träumt sie davon wie es sein wird, wenn sie erst eine berühmte Sängerin geworden ist.
3 KAPITEL
Am nächsten Morgen klingelt der Wecker um halb sieben. Sie wäscht sich die Haare und schminkt sich etwas weniger. Heute sollen die Probeaufnahmen eingespielt werden. So hat Gertrude die Einladung jedenfalls verstanden.
Aufgeregt steigt sie in den Bus. Vom Vorort braucht sie eine gute Stunde bis zur Stadtmitte und muss zweimal umsteigen bis sie die angegebene Adresse endlich ausfindig gemacht hat. Erschöpft von der Fahrt betritt sie den Eingang eines Altbauhauses. Im Vorraum sitzen schon viele junge Mädchen, starren sie an und tuscheln. Dass sie so viele Mitbewerberinnen antreffen würde hatte Gertrude nicht erwartet. An der Rezeption meldet sie sich an und muss sich anschließend erneut in die Reihe der Wartenden begeben.
Sie setzt sich an den Rand des Raumes. Die unterschiedlichen Bewerber tauschen lautstark ihre Erfahrungen aus, die sie bei verschiedenen Musikverlagen gemacht haben. Andere singen die Tonleiter rauf und runter oder üben ihr Lied. Ein hektisches Kommen, Gehen und Summen, wie in einem Bienenstock.
Es dauert eine halbe gefühlte Ewigkeit bis endlich alle aufgefordert werden der Sekretärin zu folgen. Sie führt die Gruppe in einen abgedunkelten Raum, der eine kleine Bühne hat. Jeder Teilnehmer sucht sich einen Platz.
In der Mitte des Raumes sitzen schon drei Männer. Ein etwas älterer Herr mit Brille und leichten Bauchansatz steht auf und begrüßt die Bewerber herzlich. Danach wird jeder Bewerber einzeln aufgerufen, um auf der Bühne sein Lied zum Besten zu geben.
Gertrude sieht kritisch zu und findet, dass die Meisten, bis auf ein paar Ausnahmen, schlecht singen. Sie ist felsenfest davon überzeugt, dass sie es besser kann und geht in Gedanken noch einmal ihren Text durch – Die Liebe ist ein seltsames Spiel – sie kommt und geht von einem zum andern – sie nimmt uns alles – doch sie gibt auch viel zu viel - .
In diesem Moment hört sie wie ihr Name aufgerufen wird. Als sie aufsteht und auf eine Bühne gehen muss wird sie doch nervös. Der Holzfußboden unter ihr scheint zu wackeln und knarrt.
„Bitte fangen sie an“, fordert der Herr mit Hut sie auf.
Verlegen starrt sie auf die vielen Gesichter die auf sie gerichtet sind und beginnt „Die Liebe“, mehr kommt nicht aus ihr heraus. Sie hat den Text vollständig vergessen. Black out!
„Versuchen sie es noch einmal“, spricht der Herr mit Hut ihr Mut zu oder singen sie etwas anderes.“
Gertrude denkt an – Hänschen klein – ihre Hände fangen an zu schwitzen. Mit klopfendem Herzen macht sie den Mund auf aber es kommt kein Ton raus.
„ Es ist gut, sie können sich wieder setzten“, winkt ein anderer Prüfer ab und macht sich Notizen in das Heft, dass auf seinem Schoß liegt. Nun wird das Mädchen aufgerufen, welches ihren Text so fleißig während der Wartezeit geprobt hat. Sie steht selbstsicher auf der Bühne und glänzt durch ein fehlerfreies Vorsingen. Gertrude denkt spöttisch, dass die viel zu bieder ist, da kann sie noch so toll vortragen. Aber der Mann mit der Brille lobt das Mädchen ausführlich und stellt fest „Du bist bisher die beste Interpretin, vielen Dank für deinen hervorragenden Beitrag.“
Schließlich haben alle vorgesungen und Herr mit Hut verkündigt, dass die Auserwählte brieflich benachrichtigt wird und ansonsten dankt er allen Teilnehmern, dass sie in der Vielzahl erschienen sind. Ein Rauschen geht durch den Saal und alle erheben sich.
Als Letzte geht Gertrude sichtlich geknickt. Einer der Männer aus der Jury kommt auf sie zu, er sagt auf englisch zu ihr um sie zu trösten „we didn't need no faces, we need voices.“ Auf dem Rückweg grübelt sie die ganze Zeit darüber nach was der Engländer damit wohl gemeint haben könnte.
4 KAPITEL