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Freundschaft, Angst, Vertrauen: das sind alles Dinge im Leben, die uns ständig begleiten und denen wir nicht entfliehen können. Ben spielt in diesem Roman den Protagonitsen. Der Junge durchlebt eine schwere Zeit und versucht einen Weg zu finden, um mit beiden Beinen fest im Leben zu stehen. Dabei durchlebt er verschiedene Höhen und Tiefen und merkt, dass vieles nicht so verläuft, wie er sich das wünscht. Nur sein Freund Noah lässt ihn nicht im Stich und versucht ihm unter die Arme zu greifen. Eine Freundschaft, die er auf keinen Fall verlieren möchte.
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Seitenzahl: 115
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Philipp T. Hayne
Im Schatten der Anderen
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Impressum neobooks
Kalter Schweiß lief an seinem Gesicht hinunter und hinterließ den Umriss seines Kopfes auf dem Kissen. Seine Lippen zitterten, als stünde er in der Kälte eines Wintermorgens. Seine Hände waren fest an die Matratze seines Bettes gepresst. Jedoch konnte er das weiche Polster unter seinen Fingerspitzen nicht spüren. Doch dann ertönte ein schrilles Geräusch und Ben riss seine Augen auf. Es dauerte einen Augenblick, bis er wusste, wo er war.
Ben stellte seinen Wecker aus, rieb sich mit den Händen durch die Augen und ließ seine Hände auf seinem verschwitzten Gesicht ruhen. Er merkte, dass er vollkommen außer Atem war.
Erneut hatte er diesen Alptraum gehabt, der ihn nicht losließ. Immer noch sah er den Schnee auf dem Waldweg vor sich liegen. Der Gedanke daran lag noch wie ein Schleier vor seinem inneren Auge. Seit Tagen hatte er Angst einzuschlafen. Er wusste genau, dass er im Schlaf keinen Frieden finden konnte. Ben richtete sich auf und stand aus seinem Bett auf. Der Boden war kalt und Ben holte sich sofort ein Paar Socken aus der Schublade seines Schranks.
Als er die Tür aufmachte und langsam zur Küche ging, hörte er die Musik aus dem Radio, das seine Mutter jeden Morgen schon anmachte, bevor er aufwachte. Er ließ sich nicht anmerken, wie sehr ihn diese Musik quälte – ja wie sehr er die Musik am Morgen hasste. So fröhlich, so stumpf, als ob es einen Grund gäbe aufzustehen. Umso mehr machte ihm das Gedudel in den letzten Tagen zu schaffen.
»Wie geht es dir heute, mein Kleiner?«, fragte seine Mutter, die ihm durch sein lockiges Haar strich. Er hatte die braunen Haare seiner Mutter, doch die Augen seines Vaters. Ben fühlte ihre Nähe und sie nahm ihm so ein wenig die Angst ab, so wie sie es schon so oft getan hatte.
»Konntest du diese Nacht wenigstens ein bisschen schlafen?«
Ben schüttelte nur leicht den Kopf und nahm sich eine Scheibe Toast aus dem Brotkorb, der vor ihm stand. Seine Mutter wusste natürlich, was in der Schule passiert war. Jeder in der Stadt wusste es wahrscheinlich.
Was seine Mutter nur nicht wusste, war, warum Ben nicht schlafen konnte. Den Grund für seine Schweißattacken, für seine Bauchschmerzen, die er jedes Mal bekam, wenn darüber geredet wurde, kannte sie nicht. Da war dieses hilflose Gefühl, dass ihn beherrschte – Tag für Tag.
Es war Samstag und Ben war heilfroh, dass er heute nicht in die Schule musste. Er konnte nicht mehr ertragen, wie alle versuchten das Geschehene zu ignorieren. Das beklemmende Gefühl von unsichtbaren Ketten, die sich um seinen ganzen Körper legten, war ihm anzusehen, da war er sich sicher. Und auch jetzt fühlte Ben sich so unwohl wie immer. Sein Herz klopfte rasch, wie Trommeln, die den finalen Kampf um sein Gewissen anstimmten. Ben legte sich die linke Hand auf die Brust und ihm wurde klar, dass es nicht von alleine aufhören würde. Er musste zu ihm und sich seiner Verantwortung stellen. Ben stand auf und ging in sein Zimmer, um sich anzuziehen.
Auf dem Thermometer am Fensterbrett standen 22 Grad, von denen Ben aber nichts spürte. Er zitterte und zog sich einen Pullover an. Als er zu seinem Schreibtisch ging, um seinen Schlüssel zu nehmen, fiel sein Blick auf das Foto von ihnen. Seine Hand war auf Bens Schulter. Ben erinnerte sich an das Foto – es war schon etwas älter. Eine schöne Zeit, dachte er sich. Ben starrte das Bild an und stand regungslos da. Erneut fing Ben an zu frösteln.
Ben zögerte noch, ob er wirklich gehen sollte. Er fragte sich, ob er wirklich die Schuld an dem Ganzen hätte. Doch bei dem Versuch sich eine Wahrheit einzureden, die nicht existierte, bekam er Bauchschmerzen. Er nahm den Schlüssel in die Hand und ging zur Tür.
»Wo willst du hin«, fragte seine Mutter ermunternd. Stets versuchte sie das Haus mit einer gewissen Wärme zu füllen.
Ben hockte sich hin und zog seine Schuhe an. Er wusste nicht wieso, doch seine Stimme wurde energisch.
»Ich gehe zu ihm, Mama – ich muss es einfach.« Er sah sie entschlossen an und ging zur Tür. »Etwas anderes bleibt mir eh nicht übrig.«
Ben wollte schon die Tür schließen, als seine Mutter ihm noch etwas nachrief:
»Warte noch kurz. Wenn du schon hingehst, dann nimm doch die hier mit und leg sie ihm hin.«
Sie hielt ihm ein paar Blumen hin, die sie aus einer Vase auf der Kommode nahm.
»Ich weiß nicht so recht«, sagte Ben, dem die Blumen etwas unangenehm waren.
»Dann leg sie ihm von mir hin, in Ordnung?!«, erwiderte seine Mutter, die merkte, dass er zögerte die Blumen anzunehmen.
»Willst du auch bestimmt alleine hingehen?«, fragte sie Ben, der schließlich die Blumen entgegennahm. Ihre Augen ließen nicht von Ben ab. Sie wusste genau, dass Ben noch nie in so einer Situation war.
Noch nie musste er dort hin und diese Trauer spüren, weil einem geliebten Menschen etwas Schlimmes passiert war. Ben war sich sicher. Er wollte alleine hingehen. Er nickte nur kurz und ging dann zur Tür raus.
Es war nur leicht bewölkt und die Sonne stand hoch am Himmel, als Ben die Tür aufmachte und die Stufen mit wackeligen Beinen hinunter ging. Sie schien ihm direkt ins Gesicht. Ben hatte das Gefühl, als ob ein riesiger Scheinwerfer auf ihn gerichtet wäre.
In Gedanken verloren trottete er die Straße hinunter, den Blumenstrauß in der Hand hängend, auf und ab schwingend. Er starrte auf den Boden und verfolgte mit seinen grün-schimmernden Augen die wechselnden Muster des Pflasters. Tief versunken in seinen Gedanken bemerkte er nicht, wie ihn mehrere Leute auf seinem Weg grüßten. Er machte einen völlig abwesenden Eindruck, achtete kein bisschen auf den Weg, den er nahm.
Ben wusste noch nicht, was er sagen sollte. Sollte er überhaupt etwas sagen? Ihm rasten Gedanken durch den Kopf und bevor er auf einen davon eingehen konnte, kam ihm ein neuer Vorschlag in den Sinn. Doch keiner davon verschaffte Ben die benötige Klarheit.
Obwohl Ben, tief versunken in seiner inneren kleinen Welt, sich darüber den Kopf zerbrach, was er tun sollte und in Trance nichts wahrnahm, was rings um ihn passierte, blickte er auf einmal auf.
Sein Blick wanderte nach rechts und seine Hände ballten sich zu Fäusten. Seine Faust zitterte und die Zweige des Blumenstraußes brachen entzwei.
Dort stand das Haus der Familie Lange. Der Sohn, Adrian, war ein ehemaliger Klassenkamerad von Ben gewesen. Als Ben das Haus von Adrian und seinen Eltern sah, erinnerte er sich wieder genau, wie dieser ganze Alptraum begonnen hatte. Dicke, pochende Adern zeichneten sich an seiner Stirn ab.
Star und leblos blickte er die Straße hinunter – es lag nun fünf Jahre zurück...
Die meisten Leute erinnern sich gerne zurück an ihre Schulzeit. Ben hörte immer von allen, wie einfach das Leben damals doch noch war und dass man sich um nichts Sorgen machen musste. Jedes Mal dachte Ben, dass das alles doch nur totaler Schwachsinn sei.
Mitten auf der Straße stehend versank er in seinen Erinnerungen und dachte zurück an die Zeit, in der er auf die Realschule seiner Stadt gekommen war. Er war damals elf Jahre alt gewesen, nervös und unsicher. Der erste Tag war ganz neu für alle und diejenigen, die sich bereits kannten, stellten sich in kleinen Rudeln auf und machten es einem nicht einfach sich dazu zu stellen.
Nach der Grundschule gingen die meisten seiner Freunde auf andere Schulen. Doch als er die Gänge der Realschule langlief und den gelben Fußabdrücken auf dem Boden folgte, die ihn zu seinem Klassenzimmer führten, hatte Ben das Gefühl, dass die anderen neuen Schüler sich alle schon kannten. Und trotzdem brauchte es nicht lange, bis Ben seinen ersten Freund fand.
Als er in die Klasse stolzierte, schaute er sich um, um zu sehen, ob er vielleicht irgendjemanden aus seiner neuen Klasse kannte. Rechts vorne am Fenster saß ein Mädchen, das er von seiner ehemaligen Schule kannte.
Ben zögerte und wusste nicht, ob er sich zu ihr setzten sollte. Er hatte damals nicht so viel mit ihr zu tun gehabt. Außerdem dachte er sich, dass es blöd rüber käme, sich an seinem ersten Tag direkt neben ein Mädchen zu setzen. Dann sah Ben einen Jungen in der Mitte des Raumes sitzen. Der Junge las in einem Comicheft der Avengers. Sofort war er Ben sympathisch, mochte er Comics doch selber gerne.
»Sitzt hier vielleicht schon jemand oder kann ich mich hier hinsetzen?«, fragte Ben schüchtern, der annahm, dass der Junge sowieso nein sagen würde.
»Klar, setz' dich ruhig!«, entgegnete der Junge und grinste ihn an.
»Ich bin übrigens Noah, und du?«
Ben setzte sich und hielt Noah seine Hand hin, der sie bereitwillig schüttelte.
»Ich bin Ben«. Noah, der etwas kleine Junge mit den dunkelblonden Haaren, machte immer gerne Späße, die nicht bei jedem Anklang fanden. Ben konnte allerdings immer darüber lachen und freute sich jedes Mal, wenn Noah wieder etwas Neues eingefallen war.
Wenn Ben mit Noah lachte, dann war das kein Lachen aus Höflichkeit, Mitleid oder einfach, um dazu zu gehören. Es war ein Lachen, das wehtat und tief im Bauch anfing – ein ehrliches Lachen. Jeder einzelne Muskel zuckte krampfhaft und verursachte einen schmerzhaften Muskelkater. Das waren die Erinnerungen, die Ben geblieben waren. Jene, an die er sich oft versuchte zu erinnern in späteren Jahren.
Ben wachte aus seinem Tagtraum auf und bemerkte, dass er, in Gedanken versunken, fast den falschen Weg genommen hätte. Er bog die Straße nach links ab und folgte einem kurzen Waldweg. Die dichten Baumkronen ließen nur vereinzelt das warme Sonnenlicht hindurch.
Ben dachte daran, wie froh er zu jener Zeit am Anfang seiner Schulzeit noch war. Voller Zorn drückte er den Blumenstrauß seiner Mutter immer fester zusammen – so fest, dass seine Hand anfing zu zittern. Doch als ihm das bewusst wurde, lockerte Ben seinen Griff und fiel zurück in seine Gedanken.
Er erinnerte sich noch genau daran, wie sie beide von dem Sportlehrer zur Schulmannschaft berufen worden waren. Für Ben war das eines der schönsten Erlebnisse seiner Schulzeit gewesen. Doch ein fader Beigeschmack blieb ihm immer bei dem Gedanken an diese vergangene Zeit.
Die beiden Jungen, die ein Jahr vorher schon angefangen hatten in den gleichen Fußballverein zu wechseln, hatten nun auch für ihre Schule gespielt. Ohne Zweifel war wohl ein Grund für die Freude, dass sie schulfrei bekamen, wenn Spiele anstanden. Als Ben an jenem Tag nach Hause kam, erzählte er es seinem alten Herrn. Sein Vater, ein grimmig dreinschauender Mann mit Schnauzbart und vollem dunklen Haar, das an den Seiten schon grau wurde, saß in seinem abgetragenen Sessel und las Zeitung. Sein Vater hatte ihn nur kurz angeschaut.
»Ah, gut.«, entgegnete ihm sein Vater, ohne dabei zu zucken.
Ben starrte seinen Vater weiter an, in der Hoffnung wenigstens ein bisschen Aufmerksamkeit zu bekommen.
»Wie, das war's!? Immerhin ist die Mannschaft jedes Mal bei Turnieren oben mit dabei.«, protestierte Ben verärgert.
»Hör mal zu, Junge. Das ist nur die Schulmannschaft. Da geht es weder um viel noch wirst du da viel lernen bei diesem alten, ausrangierten Sportlehrer. Ich freue mich, na klar, aber du kannst jetzt keine Luftsprünge von mir erwarten.«, machte sein Vater deutlich, der nur leicht über den Rand seiner Zeitung zu Ben schaute.
Ben hatte gewusst, dass sein Vater nicht gerade ein Fan von Fußball war; vielmehr liebte er das Sportschießen.
»Danke, finde ich echt super von dir.«
Ben war zwar klar, dass die Schulmannschaft nicht das große Los war, doch immerhin war er einer von wenigen, die von der ganzen Schule ausgesucht worden waren. Das, was sein Vater an Zuneigung versäumte, versuchte seine Mutter wieder aufzufangen. Aber durch die Ansprache seines Vaters schien jetzt jedes Kompliment nur noch lächerlich und überzogen zu sein. Noah jedoch konnte Ben immer wieder aufrichten. Beim ersten Spiel, das sie für die Schulmannschaft spielten, ließ Noah nicht locker und versuchte Ben aufzumuntern.
»Heute zeigen wir deinem Alten mal, was wir hier leisten können; dann ändert der seine Meinung ganz schnell. Und wenn nicht, dann rasiere ich ihm seinen Pornobalken unter der Nase weg, alles klar!?«
Ben versuchte sich vorzustellen, wie sein Vater wohl ohne Schnauzbart aussehen würde. Als er das Bild vor Augen hatte, prustete er das Wasser aus, das er vorher getrunken hatte.
»Oh, bitte nicht! Wenn mein Vater nicht mehr wie Magnum aussieht, könnten die Leute ihn noch für voll nehmen.«, antworte Ben hustend.
Durch Noah hörte Ben auf den Kopf hängen zu lassen und rappelte sich auf. Er wischte sich das Wasser von seinem Kinn und klopfte Noah auf die Schulter. Das Spiel ging jeden Moment los und beide rannten zum Trainer, um die letzten Anweisungen entgegen zu nehmen.
