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Jupp sagte, der manchmal wie ein Poet daherreden konnte: "Schon ewig bin ich in keinem Wald mehr gewesen. Die Luft ist zwar kühl und gut hier, aber unheimlich düster ist es auch, nicht wahr, düster und still wie in einem gotischen Dom. Dieser Vergleich hinkt nicht, denn mir wird plötzlich ganz anders zumute, so unheimlich ernst und feierlich, dass ich die Hände falten möchte und beten zu unserem Schöpfer, was ich lange nicht getan. Ich denke, die Bäume sind edler als wir Menschen und haben uns an Edelmut viel voraus, ja, sie sind über uns erhaben. Darum müssen wir auf sie aufschauen, denn sie sind größer wie wir. Sie sind Riesen gegenüber uns. Und schweigen sie nicht wie die Götter? Gehen wir ruhig noch etwas weiter, Adam, wir müssen Zeit herausschinden, bis unser Alkoholspiegel gesunken ist, dies kann lange dauern." Die Autorin Agnes Oischinger Schuster stammt aus dem Bayerischem Wald machte die Fachhochschulreife, brach ihr Studium für Innarchitektur ab und arbeitete als Krankenschwester in München. Sie war verheiratet und hat zwei Kinder. Sie malt und veröffentlichte einige Bücher.
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Seitenzahl: 349
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Als Elli Kappel morgens aus dem Schlaf fuhr, wusste sie plötzlich, was die Stunde geschlagen hat. Ich muss meinen bösen Mann verlassen, ehe es zu spät ist, dachte sie. Ach, hätte ich bloß schon eine Leidensgenossin gefunden, die vom gleichen Schicksal betroffen, sich auch vom widerwärtigen Mann trennen will! Dann könnten wir gemeinsam gegen unsere Unbill kämpfen, was besser ist als im Alleingang.
Ihr Ehemann, Jupp Kappel, ein 60-jähriger, großer, beleibter Mann mit Spitzbart und angegrautem Haar, arbeitete als Aushilfsdozent an der Universität. Am Ende des Wintersemesters 2020, als die Semesterferien gerade begannen, ging er sofort auf Reisen, ohne seine Frau zu informieren, außer dass sie ihm auf Befehl seinen großen Koffer packen musste. Er teilte ihr seit Jahren nichts von Bedeutung mehr mit. War er fort, lebte sie wieder auf. Dann kehrte im Hause Kappel wenigstens eine Zeitlang wieder Ruhe und Frieden ein, wo sie sich vom Ehestress erholen und konzentrierter als sonst in ihrer beruflichen Arbeit als Übersetzerin fortfahren konnte. Ihre Liebe zu ihrem Mann hatte sich erledigt. Hass war an deren Stelle getreten. Aber warum hatte sie das Haus Kappel noch immer nicht verlassen? Dies verstand sie selber nicht.
Wenn sich ihr Mann zuhause aufhielt, gab er sich mit großer Leidenschaft dem Leviten-Lesen hin, so eifrig wie an der Universität seinen Vorlesungen, wiederholte dabei seine immer gleichlautenden unhaltbaren beleidigenden Sprüche und Vorwürfe, die seine Frau jedesmal in Verzweiflung stürzten. Sie konnte seine ungerechtfertigten Anklagen nicht mehr hören. Aber sie musste sich trotz Widerwillen und unter Strafandrohung seine verbalen Angriffe bis zum Ende anhören. „Du machst mein Bett nicht mehr“, fing er an, „räumst mein Schlafzimmer nicht auf! Ordnung kennst du nicht, alles ist schmutzig hier, besonders die Küche, schau dich dort einmal um!, zwei Körbe Schmutzwäsche warten in der Waschküche aufs Waschen, Bügeln kennst du überhaupt nicht, meine Hemden sind nach wie vor knitterig, die Hosen tragen keine Bügelfalten, meine Schuhe werden nie geputzt, an der Universität falle ich wegen unordentlicher Kleidung schon auf. Welche Blamage das für mich ist, verstehst du nicht! Mit einem Wort, ich bin völlig unzufrieden mit dir, denn du erfüllst deine Pflicht als Hausfrau nicht, obgleich ich dich seit langem mahne, was nicht fruchtet. Für was habe ich dich bloß geheiratet, das möchte ich schon wissen. Ich bin geradezu auf dich hereingefallen, ist es nicht so? Auf der ganzen Linie versagst du; kein gutes Wort, kein Lob verdienst du. Umsonst ist es, an dich hin zu reden, dich auf dies und jenes aufmerksam zu machen. Es geht ins eine Ohr hinein und zum andern hinaus. Keine Wirkung zeigen meine Worte; es ist wie gegen den Wind gesprochen. Ach, es ist ein Kreuz mit dir, Weib! Was fange ich bloß mit dir an? Immer sitzt du in deiner Schreibstube, übersetzt Bücher schlecht und recht, die wenig Geld einbringen oder dir völlig misslingen, dein Verlag ist unzufrieden, wie du selber sagst. Du taugst eben zu gar nichts! Gut, dass wir keine Kinder haben, die hättest du nicht großziehen können. Keine gute Mutter wärst du gewesen, so wie du auch keine gute Ehefrau bist. Mit einem Wort gesagt, ich kann mit dir nicht mehr leben!“, so sagte und behauptete er jedesmal beim Leviten-Lesen mehrmals im Monat. Sie musste stillsitzen und sich bis zum Ende seine unlautere Kritik anhören, durfte nicht aufspringen und davonlaufen, was sie brennend gerne getan hätte. Hätte sie ihn jedoch willkürlich unterbrochen, oh, dann wäre sie auf der Stelle bestraft worden; er hätte sie verprügelt ohne Ende, mit Füßen getreten, an den Haaren gezogen, am Boden entlang geschleift und mit Gebrüll in die Waschküche oder ins Bügelzimmer gejagt, wie er schon öfters tat. Mit psychischer Gewalt greift er mich an, dachte sie beim Zuhören. Meine Psyche will er zerstören. Er gibt mir keinen Raum zur Richtigstellung und Gegenrede. Besser ist es allerdings zu schweigen, denn gegen diesen verschlagenen, durch und durch verlogenen Mann ist nicht anzukommen. Gegen seine Willkür bin ich ohnmächtig. Ach, könnte ich mir doch die Ohren zustopfen, dass ich nichts mehr höre! Er will mich erniedrigen und verletzen und psychisch zerstören. Ein Vieh ist er und kein Mensch. Ja, so dachte sie immer, wenn Jupp zuhause weilte und ihr die Leviten las.
Jupp war ein ganz und gar versoffener Mann, der gerne Bier und Wein trank, aber manchmal auch scharfe Sachen wie Whisky mit Soda wie Churchill, so wie er sagte, oder Wodka wie die Russen. Aber wenn er fort und verreist war, lebte Elli jedesmal auf; dann war jeder Tag für sie ein sonniger Tag, auch wenn es regnete.
Sie wusste also seit heute früh, was zu tun sei, um ihn, Jupp, endlich loszuwerden. Sie musste ihn verlassen, ohne wenn und aber, weil er sie krank machte. Schuld, ihr so zuzusetzen, war vielleicht seine Trunksucht oder was auch immer. Sie wusste es nicht genau. Nun hatte sie sich endlich entschieden, Widerstand zu leisten. Sie musste es sofort angehen und in seiner Abwesenheit in die Wege leiten. Nach dem Frühstück zog sie sich in ihre Schreibstube zurück und suchte im Internet nach Frauen mit gleichen Eheproblemen, davon gab es viele, suchte geschlagene, missbrauchte Frauen, die Rat suchten, denn sie brauchte Verstärkung. Sie brauchte eine tatkräftige willensstarke Gleichgesinnte, eine Mitstreiterin und Leidensgenossin. Zusammenhalten müssen geschundene Frauen, dies ist das A und O, sagte sie sich. Lange hielt sie sich im Internet auf, recherchierte hier, suchte dort, las dies und jenes, bis sie endlich auf die Fährte einer gleichaltrigen Frau stieß, die ähnliche Ehekonflikte zu haben schien und die in der gleichen Großstadt wohnte wie sie selber. Ideal, dachte sie. Sie hieß Doris Wick. Mit dieser Frau verbündete sie sich jetzt Ende Februar 2020 und merkte bald nach einigen Telefongesprächen, dass sie sich gegenseitig gut verstanden. Nach und nach, Tag für Tag, blätterten sie ihr gegenwärtiges und vergangenes Leben durch, ohne sich zu treffen. Dabei stellten sie innerhalb kurzer Zeit fest, dass sie beide unbedingt ihren Ehepartner aufgeben und ein selbständiges Leben führen müssen. „Du bist die meine, Doris!“, rief Elli schließlich aufatmend ins Telefon aus übergroßer Freude, sie gefunden und für ihren Kampf gewonnen zu haben.
Scheinbar, wie sich im Laufe der Zeit herausstellen sollte, kamen mitunter schlimme Dinge in beider Ehebiografien vor. Sie stimmten darin überein, dass sich unabdingbar und unbedingt etwas ändern müsse, denn die häusliche Gewalt, die sie vom Ehepartner erleben mussten, war unerträglich geworden. Gemeinsam sind wir stark, sagten sie sich wiederholt, also packen wir das Unausweichliche gemeinsam an und lassen wir uns scheiden.
Das Wälzen von Problemen am Telefon schmiedete sie allmählich mehr und mehr zusammen. Sie beratschlagten sich und kamen zur Einsicht, das, was sie vorhatten, müsse schnell passieren, man dürfe nicht lange zuwarten, nicht säumen, dies wäre ein Rückfall in alte Verhaltensmuster. Ein schneller Schlussstrich müsse gezogen, ein scharfer Schnitt gemacht werden. Man dürfe nichts mehr hinauszögern, weil eine Verschleppung ans Eingemachte rühre. Ein menschliches Wrack würden sie sonst werden und die Lust am Leben verlieren. Vielfache Sorgen nagten an ihnen, nahmen ihnen den Appetit; sie magerten ab. In ihrer beruflichen Arbeit als Autorin und Malerin kam Doris Wick nur noch langsam voran, ebenso Elli Kappel als Übersetzerin von englischsprachigen Büchern ins Deutsche. Laufend wurden beide durch das Zusammenleben mit ihrem jeweiligen Ehemann gedanklich abgelenkt und an ihr trauriges Schicksal erinnert, das vehement seit Jahrzehnten auf ihrer Seele lastete. Am besten gleich zwei zusammenhängende Wohnungen wollten sie sich suchen. Dies wäre ratsam, wünschenswert und ideal, dachten sie beide gleichermaßen, um nicht so alleine zu sein. Zur Selbsthilfe müsse man greifen und hinzu käme dann gegenseitige Aufmunterung, Fürsorge und Solidarität in ihrer engen Verbundenheit als Freundinnen. Stets befassten sie sich jetzt mit ihrem aktuellen Thema und bereiteten sich schon auf die Flucht vom Partner vor. Es wurde nach vielen leidvollen Jahren auch wirklich Zeit, sich endlich auf den Weg zu machen, sich mit der Trennung zu befassen, darin stimmten sie fest überein. Doris sagte: „Immer lieber bin ich alleine. Ich rede eigentlich schon seit Jahren kaum noch ein Wort mit meinem Mann, ziehe mich seit Jahren schon mehr und mehr von ihm zurück, wenn es möglich ist und er mich lässt, und halte mich im Atelier oder Schreibzimmer auf, aber auch hier überfällt er mich, rumpelt ohne anzuklopfen argwöhnisch in meine Räume und schreit vorwurfsvoll, als täte ich etwas Verbotenes: „Was schreibst du da immer?“ Adam will mir ein schlechtes Gewissen machen. Er will mir nämlich damit sagen: Schreibe ja nichts von meinem widerlichen brutalen Verhältnis zu dir, sonst kannst du was erleben! Ich bringe dich sonst noch um!, wenn du dies veröffentlichst! Oder er greift mich im Atelier an, was nicht minder abscheulich ist. „Du bist keine Malerin! Bist es nie gewesen!“, brüllt er, während er von Bild zu Bild schlurft und die Gemälde missfällig und mit herabhängenden Mundwinkeln betrachtet. „Leg den Pinsel aus der Hand! Die Kunstakademie hat dir nichts beibringen können, weil es dir an Talent fehlt! Du sonnst dich wohl in deinem Künstlertum! Wie lächerlich! Lass ab davon! Putz lieber, du faules Aas!“
„Ich bin nämlich auch eine akademische Malerin, Elli“, sagte sie, „und nicht bloß Autorin. Ich habe zwar schon allezeit gemalt, auch schon als Kind, aber als Amateurin und Autodidakt wollte ich mich nicht zufrieden geben, sondern wollte mehr hoch hinaus, wie es so ist als heranwachsender Mensch. Darum studierte ich Malerei an der Kunstakademie, um eher als Künstlerin Anerkennung zu erlangen, stellte ich mir damals vor. Es kam mir auch auf Prestige drauf an, nämlich. Aber Adam, der mich nach dem Kunststudium gleich heiratete, hielt nichts von meiner Kunst, ließ mich nicht hochkommen; indem er manche meiner Kunstausstellungen mit Gewalt verhinderte. „Koche, putze, pass auf deine Tochter auf!“, schrie er wiederholt im Zorn. Ich musste mich ihm schweren Herzens fügen und Ambition und Liebe zum Malen hintanstellen. So ist es bis heute geblieben. Er wirft mir unsoziales Verhalten vor, was aus der Luft gegriffen ist, denn ich habe mich immer bestens in der Familie integriert und engagiert, mich darin bestens bewährt und alle familiären Aufgaben erfüllt. Meine Tochter war glücklich mit mir und lobte mich. Es ist bloß Bosheit, mir Gegenteiliges vorzuwerfen. Als meine Tochter noch zuhause war, hielt er sich in ihrer Gegenwart mit Angriffen mir gegenüber meistens zurück, aber nicht immer. Wenn er mich im Beisein des Kindes angriff, weinte es und bat: „Bitte, Papa, sei nicht böse zur Mama!“ Dass meine Tochter mich mochte, war mir immer ein großer Trost. Ich war für sie immer eine gute Mutter, die sie niemals vernachlässigt hat, sondern gefördert, geliebt und erfreut. Ich schluckte seine aggressiven Angriffe wie bittere Pillen hinunter. Trostlos verliefen meine Ehejahre bis heute wie für Menschen im Gefängnis, glaube mir. Nein, dieser Vergleich hinkt nicht, Elli. Und als meine Tochter aus dem Haus ging und heiratete, machte mich dies sehr traurig und furchtsam, denn jetzt wurde Adam noch viel grausamer zu mir. Die häusliche Gewalt nahm vermehrt zu. Neulich sagte ich zu ihm: „Du bist ganz unmöglich zu mir geworden, Adam. Warum nur? Was feindest du mich so ungeheuer an! Du schlägst mich zu viel! Wenn es in unserer Ehe nicht mehr klappt, müssen wir auseinandergehen. Das ist die Regel. Wir müssen uns daher so schnell wie nur möglich trennen!, schlage ich dir vor.“
„Was, du muckst auf!“, schrie er voll Zorn. „Was fällt dir ein!, gleich schlage ich dir den Schädel ein!“
Ach, so gemein kann er sein, so bedrohlich in seiner Ausdrucksweise, die von Jahr zu Jahr noch mehr zu wünschen übrig ließ. Sie wurde vulgär, als käme er, der Architekt, aus der Gosse und nicht aus gutem Hause.“
Beim miteinander Telefonieren stießen sie unter anderem auch auf ihre gemeinsame leidenschaftliche Liebe zur Natur. Sie freuten sich auf den kommenden Frühling, der schon vor der Tür stand. „Dann treffen wir uns endlich“, sagte Doris, „und machen Spaziergänge durch Frühlingsalleen.“
„Ja, das machen wir“, antwortete Elli, „denn wir haben jetzt voneinander viel erfahren und festgestellt, wir verstehen uns prächtig und wollen uns mit vereinten Kräften von unserem Ehepartner trennen, nicht wahr.“
Schnell sprangen sie im Gespräch hin und her, von der widerwärtigen Gegenwart zurück in alte, verweste, aber noch nicht ganz verblasste Zeiten, die ihnen noch weiterhin zusetzten. „Hätte ich dich nicht, Elli, verzagte ich“, gestand ihr Doris, „denn du bist die tragende Figur, du gibst mir Kraft durch deinen Beistand und deine Zuwendung. Mein undankbarer Mann, Adam Wick, lässt sich seit eh und je von mir verwöhnen wie ein Pascha; er besteht darauf, bedient zu werden wie ein Kleinkind. Nichts trägt er bei im Haushalt, auch finanziell nicht; da nützt er mich richtig aus, ja, presst mich aus. All mein Geld will er haben. Im Beruf sitzt er am Zeichentisch und schmiedet Baupläne am laufenden Band, sagt er, nichts als Baupläne bis tief in die Nacht hinein, was ich nicht glauben kann, vielmehr verbringt er vermutlich Abend für Abend und auch die Wochenenden bei seiner Geliebten. Wenn er daheim ist, liegt er meistens faul auf dem Sofa, guckt freudlos in die Luft und trinkt seine Mass Bier Schluck für Schluck. Er weiß noch gar nicht, konfrontierte ihn noch nicht damit, dass ich jetzt endlich vorhabe, ihn zu verlassen, sobald sich eine günstige Gelegenheit auftut. Dies will ich auf keinem Fall mehr verschieben. Nichts soll in dieser Richtung verschleppt werden, dafür plädiere ich. Eine Verschleppung bringt abermals eine Verschleppung hervor, so die Erfahrung zeigt, nämlich eine Reihe von Verschleppungen, was von großem Übel ist, weil dies zur Stagnation führt. Dann würde nichts aus unserem Vorhaben. Mein ausgeheckter Plan steht so fest wie der deinige, Elli, das musst du wissen. Ich habe genug von meinem Mann! Dem Betrüger und Schläger! Meine Unzufriedenheit wächst und steigt von Tag zu Tag und dies fällt Adam stark auf, das schon. Er nennt mich bereits Feministin und Emanze, wenn ich anspreche, dass Frauen auch Rechte haben.“
„Mein Mann, Jupp Kappel, ist der gleiche wie deiner, Doris, kein bisschen besser“, antwortete Elli, „sie ähneln sich offenbar in ihren Gewohnheiten, Verhaltensweisen und im Benehmen. Sie sind Wahlverwandte auf schlechter Basis, was einfach die Wahrheit und kein Vorurteil ist. Bei uns beiden, Doris, existiert nur eine Schlechtigkeit, nämlich Mutlosigkeit und Unterwürfigkeit und vielleicht auch ein Stück Feigheit. Von Tapferkeit kann bei uns keine Rede sein, schon eher von Schmerzbereitschaft und Ausdauer und Friedfertigkeit, denn was wollten wir anderes, als Frieden mit unseren Männern schließen, die jedoch lehnten dies ab und blieben weiterhin gewaltbereit. Also ist eine Scheidung unabdingbar. Es bleibt uns kein anderer Ausweg mehr. Tapfer erzeigten wir uns nicht, weil wir uns vor ihnen kontinuierlich geduckt haben, nicht wahr. Nie haben wir uns aufgelehnt, nie revoltiert gegen ihre ungerechtfertigten Maßnahmen und Widrigkeiten. Widerspruchslos haben wir alles Widerwärtige und Boshafte, das uns von ihnen kam, hingenommen, als sei dies Normalität uns Frauen gegenüber. Wir ließen ihnen unsere Verachtung nicht spüren. Gefahr drohte uns von ihnen, gewiss, wir hatten Furcht und große Angst auf der Strecke zu bleiben. Dadurch verstärkten sich unsere Vorsicht und Achtsamkeit und dies wurden zu unseren Stärken. Wir ahnten intuitiv, was sie Böses im Schilde führen. Um sie zu sänftigen, gaben wir uns äußerlich freundlich und nicht nachtragend, auch wenn es in unserem Innern kochte. Einmal warf ich ihm vor: „Ich muss für alles im Haushalt aufkommen, alles muss ich aus meiner eigenen Tasche bezahlen, sogar die anfallenden Reparaturen am Haus, das dir gehört und nicht mir. Dies finde ich höchst ungerecht und seltsam!“
Da riss es ihn hoch vom Hocker und schrie aus Leibeskräften: „Ich stelle dir mein schönes Haus mit dem Vorgarten und dem hauseigenen Park zur Verfügung und du meckerst herum! Das ist doch die Höhe! Unentgeltlich lasse ich dich bei mir wohnen! Sei also dankbar, sonst werfe ich dich zuletzt noch hinaus, garstiges Weib!“
Daraufhin antwortete ich: „Ich habe dich nicht wegen deinem schönen Haus geheiratet, Jupp. Ich hätte dich damals aus Verliebtsein auch mit einer kleinen Dachwohnung im verrußten hässlichen Industrieviertel der Großstadt zum Ehemann genommen oder, falls du keine Immobilie gehabt hättest, hätte ich dich in meiner eigenen Wohnung wohnen lassen.“ Hierauf sagte er nichts mehr und zog sich verdrießlich mit hängendem Unterkiefer zurück. Doris, er gibt sein ganzes Geld nur für seine Weltreisen und seine Prostituierten aus, das darfst du glauben. Außerdem hat er im Leben verdammt wenig mit mir geschlafen, was ich sehr vermisste und entbehrte. Seine Libido hat er Nutten geschenkt. Zärtlichkeiten wie Küsse existierten nicht. Außerdem haben wir uns nur wenig unterhalten. Das Gespräch mit mir suchte er nicht. Fing ich ein Gespräch an, verstummte es bald. Ich war ihm nicht eloquent genug, glaube ich. Wenn gesprochen wurde, dann immer nur er im Monolog. Er ließ mir keinen Raum für Gegenrede. Er verbot mir den Mund geradezu. Wir redeten, wenn überhaupt, bloß über Alltägliches. Einmal sagte ich zu ihm: „Ich habe außer der Arbeit einer Wirtschafterin, Dienerin, Gärtnerin, Köchin und Geldgeberin nichts mehr mit dir zu schaffen. Meine Berufstätigkeit als Übersetzerin leidet darunter und kommt viel zu kurz. Den ganzen Tag bin ich mit Hausarbeit beschäftigt. Ich wasche deine Wäsche und bügle sie, putze deine Schuhe, richte dir jeden Morgen das Bett und dein Frühstück zurecht, bereite dir einen Braten und so fort. Wehe mir wenn deine vier Croissants nicht pünktlich auf dem Tisch liegen zum Frühstück, dann brüllst du, dass das Haus wackelt. Du unternimmst während der Semesterferien lange ausgiebige Reisen bis ans Ende der Welt ohne mich und gibst vor, sie seien beruflich bedingt, was ich nicht mehr glauben kann. Du machst mir da was vor.“ Ja, so sagte ich kürzlich zu ihm, wobei er mich links und rechts ohrfeigte, dass es nur so klatschte, weil meine Aussagen ihm gegen den Strich gingen und seinen unbändigen Zorn herausforderten. Ich fiel hinterher ins Bett und weinte stundenlang.“
„Ach, Elli“, antwortete Doris, „unser beider Leben ist verpfuscht, zumindest bitter beklagenswert geworden. Ich selber fühle mich so zerschlagen und alleingelassen. Ich kümmere dahin. So kann es einfach nicht weitergehen. Fast bin ich am Ende meiner Kräfte angelangt, glaube mir. Ich habe genug von Adam Wick! Wir müssen unbedingt etwas dagegen unternehmen und so schnell wie nur möglich. Wir müssen uns von ihnen unabhängig machen. Es gibt keine andere Alternative, keine andere Wahl, keine andere Option für uns beide. Bitte, verschleppen wir nichts. Es ist unsere einzige Chance, die wir noch im Leben haben.“
„Ich habe auch genug!“, sagte Elli, „eines steht definitiv fest, unsere Ehemänner haben uns mit der Zeit psychisch zerstört und uns die Kraft zum Aufbruch geraubt. Rappeln wir uns auf mit unserer letzten Kraft, auch wenn unsere Nerven brachliegen wie ein Stoppelfeld im Herbst nach der Ernte. Ich bebe manchmal schon wie Espenlaub bei geringsten Anlässen und zucke nervös zusammen, so gereizt bin ich schon geworden. Noch liegt ein Berg Horror vor uns, den wir abtragen müssen.“
„Ach, wäre das ganze Drumherum schon vorbei!, Elli. Ach, wäre ich schon geschieden! Darauf freue ich mich schon heute, wenn dieser Schrecken überstanden ist und wir beide in eigenen Wohnungen hausen, wo kein Ehemann mehr das Recht besitzt, uns aufzustören und zu belästigen. Adam ist der geborene Ehebrecher, der sich während der Ehe schon immer herausnahm, sich mit andern Weibern abzugeben, als sei dies das Normalste von der Welt. Nie gab er seinen Ehebruch zu. Einmal unterstand er sich sogar mir zu sagen und dies ist noch nicht lange her: „Eifersüchtiges Weib, höre mir zu, noch nie habe ich dich betrogen!, das schwöre ich dir beim allmächtigen Gott!“
Elli, stelle dir diesen Lügenbold, diese gottverdammte ehebrecherische Kanaille vor!“
„Das ist ja unerhört und beinahe Blasphemie! Doris, wir müssen couragiert an die Sache herangehen und sie mit Bravour meistern. Du wirst sehen, das werden wir, denn zusammen sind wir stark. Verzage darum nicht. Wir müssen es nur gründlich durchdenken, um keine voreiligen Schlüsse zu ziehen und keine leichtsinnigen Fehler zu begehen, die durch Achtsamkeit zu verhindern sind. Vor allen Dingen müssen wir heimlich vorgehen, hinter dem Rücken der Männer. Sind wir dann geschieden, igeln wir uns ein in unseren neuen properen Wohnungen, Tür an Tür, gehen unserer Berufsarbeit nach, lesen Bücher und tun noch so viele schöne Dinge, die sich uns anbieten. Wir werden es uns gut gehen lassen wie Gott in Frankreich, wie man so sagt. Oft werden wir zusammen in gute Restaurants zum Essen gehen, Zugreisen machen, Wanderungen unternehmen, die Natur erkunden, uns in Wäldern aufhalten, um frische Luft zu atmen, aber auch die Kultur wird nicht zu kurz kommen, denn wir werden Ausstellungen, Konzerte und Opern besuchen und manchmal auch ins Kino gehen, so wie es uns gefällt. Wir werden außerdem für dich, Doris, Ausstellungen deiner Gemälde und Lesungen deiner Bücher organisieren, ganz gewiss. Unsere Unabhängigkeit werden wir feiern und auskosten. Mit Männern werden wir vorsichtiger Weise nicht mehr verkehren, unsere Zeit nicht mehr mit ihnen vergeuden, verplempern. Wir sind fertig mit ihnen. Wir werden uns nicht mehr an sie binden und überhaupt an ihnen keinen Gefallen mehr finden, denn viele sind es nicht wert. Lieber halten wir uns Männer ganz vom Leibe, ja, von vorne herein auf Distanz. Dies wird absolut das Beste sein, was wir tun können. Wir sind zwei gebrannte Kinder und haben Schaden erlitten, der kaum noch zu reparieren ist.“
„Elli, du sprichst mir so recht aus dem Herzen! Ich muss dir Recht geben. Auch ich habe wie du genug! Gut, dass meine Tochter schon längst verheiratet ist und nicht mehr bei uns wohnt“, sagte Doris zum Schluss, „das beruhigt mich außerordentlich; sonst hätte ich nämlich ein furchtbar schlechtes Gewissen, mich scheiden zu lassen.“
„Was ich dir noch sagen wollte, Doris, auch Jupp betrügt mich schon seit Anbeginn unserer Ehe, er glaubt, ich hätte von all dem keine Ahnung und nichts mitgekriegt. Aber wir ahnungsvollen Frauen spüren dies intuitiv. Wir schauen nur traurig und hilflos zu, wohl wissend, wir können daran nichts ändern wegen unserer Ohnmacht. Ich verstehe nicht, warum manche Männer fortwährend betrügen müssen. Wer nicht treu sein kann, soll auch nicht heiraten, finde ich und sage und unterstreiche es in aller Strenge. Jupp und Adam hätten Junggesellen bleiben sollen. Sie haben sich auf ein für sie verbotenes Gebiet gewagt, das ihnen nicht zusteht. Sie haben keine Ehefrauen verdient!“
Gerade stand Elli Kappel vor dem Radiogerät und hörte sich die neuen furchtbaren Corona-Nachrichten an, was sie jetzt öfters am Tage tat. Dazu unterbrach sie sogar ihre Übersetzungsarbeit. Neugierig und ängstlich verfolgte sie die schrecklichen Durchsagen, nämlich, dass heute am 13. März 2020 die Corona Pandemie, die von China ausging, bereits in Oberitalien stark wütet. Deutsche und Österreicher blickten mit Schrecken nach Süden. Bald, dachte Elli, wird die gefährliche Pandemie, gegen die es vermutlich keine Medizin und keine Impfung gibt, auch uns in Deutschland erreichen. Es wird nur noch eine Frage der Zeit sein. Elli zitterte am ganzen Leibe vor Missbehagen. Sie soll schlimm sein wie im Mittelalter die Pest, hatte sie gehört.
Es dauerte nur wenige Tage, da vernahm sie, nun sei die Corona-Infektion auch in Österreich und Deutschland angekommen. Von da an infizierten sich täglich mehr und mehr Menschen. Es war offenbar nicht mehr aufzuhalten. Die Corona-Krise nahm unaufhaltbar ihren Lauf durch ganz Europa. Ältere Leute waren am meisten betroffen; unter ihnen gab es viele Tote. Elli steigerte sich allmählich in eine Angstneurose hinein. Es war nicht gut für sie, stündlich Corona-Nachrichten zu hören, sondern hätte es lieber unterlassen sollen. Morgens, wenn sie aufwachte, machte sie sofort das Radiogerät an, um zu hören, wie sich die Pandemie verbreitete. Ein Jammer, der nun die ganze Welt ergriff. Das öffentliche Leben wurde lahm gelegt und in den Großstädten wurde es plötzlich still wie in einem Wald. Die verhängte Quarantäne wirkte. Niemand durfte mehr nach draußen gehen, außer zum Supermarkt, zur Apotheke oder zum Arzt. Straßen und Gehwege wurden fast leer, Städte schienen unbewohnt. Die Welt versank in einen Dornröschenschlaf. Aber man konnte jetzt Wohnungen besser lüften, ohne Angst haben zu müssen, seine Lungen mit Feinstaub und Autoabgasen zu verpesten, was der einzige Vorteil war. Die autoleere Stadt machte die Luft auf einen Schlag sauberer. Dies fand sie prima. Jetzt blieben die Menschen daheim in ihren vier Wänden und gingen oder fuhren nicht mehr zur Arbeit außer diejenigen, die in systemrelevanten Berufen tätig waren wie Ärzte, Krankenschwestern, Apothekerinnen, Altenpflegerinnen, Supermarktbedienstete, Lastwagenfahrer, die lebensnotwendiges Gut beförderten. Geschlossen wurden ab sofort Geschäfte, Gaststätten, Cafés, Kirchen, Museen, Ausstellungen, Pinakotheken, Kultureinrichtungen jeder Art, Sportstätten, alles musste augenblicklich schließen, außerdem Schulen, Kitas, Bordelle, Universitäten usw. Kein Flug fand mehr im Innland oder ins Ausland statt und deutsche Urlauber wurden noch schnell aus fernsten Ländern heimgeholt, so auch Jupp Kappel, der sich überall auf der Welt mehr zuhause fühlte als bei Elli daheim. Nun, nachdem er zuhause eintraf, musste er schön brav das Haus hüten. Seine Frau, die er im Laufe der Ehe satt bekommen hatte, musste ihm Gesellschaft leisten und ihn bedienen von früh bis spät. Sie wusch seine Schmutzwäsche, bügelte, ging einkaufen kochte, putzte und so weiter und so fort. Dass er bekocht und verwöhnt wurde, war ihm während dem Lockdown unsagbar wichtig.
Nach ihren Übersetzungsarbeiten am Vormittag spazierte Elli im hauseigenen Park herum. Freilich der schöne Park würde ihr im Falle der Trennung sehr fehlen. Aber sie hatte genug von Jupp, der sie all die letzten Jahre mit häuslicher Gewalt konfrontiert hatte. Nun beruhigte er sich mit Wein, zwei Flaschen am Tag. Sie wollte fort von ihm, allerdings musste zur Zeit wegen Corona alles verschoben werden. Man stellte sich aufs Warten ein. Elli konnte ihre Freundin jetzt im beginnenden Frühling nicht zu sich einladen, was sie vorgehabt hatte. So telefonierten sie weiterhin miteinander, auffällig oft, meistens, wenn sie im hauseigenen Park spazieren ging, fern von Jupp, der sich meistens im Hause aufhielt, murrend und stöhnend. Und falls Jupp plötzlich im Park erschien, steckte sie sofort ihr Smartphone ein, denn er sollte von ihrem Telefonat mit Doris nichts mitbekommen. Nicht dass er von ihren Plänen hörte und sie davon mit Gewalt abhielte. Sie hatten sich ja schon lange nichts mehr zu sagen und obwohl er seit einem Jahrzehnt nicht mehr mit ihr geschlafen hatte, machte er jetzt in der Corona-Krise manchmal Anzeichen, sie zum Sex zu zwingen. Es fehlte ihm sein sonstiges außereheliches Sexangebot. Nach Ellis Weigerung, setzte er sich voller Wut ins Auto und fuhr fort. Leise hatte er sich zuvor an sie herangemacht und ihr verführerisch ins Ohr gehaucht: „Hättest du jetzt Lust, Schatz? Komm mit!“
„Nein“, hatte sie sofort geantwortet. Daraufhin fluchte er laut und unanständig und gab ihr etliche saftige Ohrfeigen, dass ihr Kopf nur so hin und her wackelte. Der Universitätsprofessor, so wie er sich auch nannte, obgleich er eher nur ein einfacher Aushilfsdozent war, schreckte vor gar nichts mehr zurück; er hatte sich das Schlagen schon früh nach den ersten Ehejahren angewöhnt und sich nicht geniert. Der Traum ist aus, dachte damals Elli voller Schreck. Ihre vorerst so große Liebe zu ihm starb langsam hin.
„Komm schon“, drohte er ihr, als er nach der offenbar erfolglosen Ausfahrt nachhause kam, „ich brauche dich jetzt!“ Und als sie sich wieder weigerte, zog er sie gewaltsam an den Haaren mit sich fort, wobei sie sich sträubte, so gut sie nur konnte. Er gab ihr etliche Fußtritte und schleifte sie am Boden entlang und warf sie grob in sein Bett, aber ihr gelang es, ihm zu entkommen. Anschließend sagte er: „Du bist keine Frau mehr! Du hast mir zu gehorchen! Du darfst dich nicht verweigern, sondern musst mir dem Gesetz der Ehe nach gehorchen und gefügig sein! Komme mir nächstes Mal also mehr entgegen! Eine Frau, die sich dabei sträubt, halte ich für unmöglich.“
„Muss ich nicht“, schrie sie, aufgelöst in Tränen und Schluchzen. „Ich bin dir nicht verpflichtet, bin dir nicht hörig, da täuscht du dich gründlich. Es soll dergleichen freiwillig geschehen und alles andere fällt heutzutage in die strafbare Rubrik Vergewaltigung, auch in der Ehe, so steht es geschrieben, falls du das heute noch nicht weißt.“ Sie merkte, dass er große Augen machte und dann sich abwandte und nach draußen ging, um wegzufahren.
Am nächsten Morgen verkündete er ihr eine Neuheit: „Ich brauche eine neue Frau, denn mit dir kann ich nicht mehr leben! Du engst mich ein, würgst alles ab. Dein Starrsinn bringt mich noch um den Verstand. Auch das Reisen fällt jetzt flach, was immer meine Flucht aus der häuslichen Enge darstellte. Ach, welch großes Unglück mich jetzt trifft! Es ist geradezu zum Verzweifeln, ja, unerträglich, bei dir zuhause zu bleiben. Das halte ich einfach nicht aus. Ich muss fort. Das Leben hat sich für mich seit der Pandemie verkehrt und total verschlechtert. Mein Leben ist sinnlos geworden. Ich ertrag es nicht mehr.“
Elli schwieg. Warum sollte sie ihn jetzt trösten, ihn, der sie ein Leben lang quälte und vernachlässigte? Alles zog er ihr vor. Er hatte sich nie bemüht, ein gutes eheliches Verhältnis mit ihr aufzubauen. Vor keiner Freveltat schreckte er zurück. Von nichts kommt nichts! Er hatte sie zutiefst beleidigt, beleidigt an einem Stück. Sie hatte kein Herz mehr für ihn, den sie doch einmal so feurig geliebt, aber nun möglichst schnell loshaben wollte. Ohne ein Wort zu sagen, ging sie in ihr Schreibzimmer. Er rief ihr noch nach: „Ja, du bist es gewohnt, zuhause hinter deinem Schreibtisch zu sitzen und deine Übersetzungen zu machen, ohne jegliche soziale Kontakte. Eine Solidarität zu andern kennst du nicht. Hauptsache, dir geht es gut und man lässt dich in Ruh. Darum fällt dir die Quarantäne auch leicht, mir jedoch nicht, der ich täglich aus dem Haus muss, im Universitätsleben beheimatet bin, der viel mit der Studentenschaft und Kollegschaft verkehrt und eine Menge noch andersartiger schwieriger Kontakte pflegt, von denen du gar keine Ahnung hast. Mir fehlt jetzt der Umgang mit Menschen ganz empfindlich. Ich könnte schreien! Ich bin nämlich im Grunde ein ungewöhnlich leutseliger Gesellschaftsmensch, anders als du auf Gesellschaft getrimmt und angewiesen wie der Wald auf Bäume und Regen.“
Auch mir fällt es schwer, Quarantäne einzuhalten, dachte sie, während sie in ihre Schreibstube eintrat und die Türe hinter sich schloss. Zweimal drehte sie den Schlüssel herum. Er soll mich nicht wieder überfallen können und zum Sex zwingen, dachte sie. Dann trat sie ans Fenster und sah hinaus, während sie dachte: Oft stehe ich hier am Fenster, starre hinaus auf ungewohnt verödete Straßenverhältnisse, beobachte mit Sorge die wenigen Vorgänge und Abläufe, die sich draußen noch abspielen, als stehe uns der Weltuntergang bevor, sehe nur vereinzelt und selten noch Mitmenschen, die wahrscheinlich zum Supermarkt eilen oder zum Arzt gehen oder vielleicht Sport betreiben. Jeder hat seinen besonderen Grund nach draußen zu gehen. Ohne triftigen Grund geht niemand mehr nach draußen. „Gehe doch auch nach draußen und treibe Sport, sagte ich gestern zu Jupp, weil er mir trotz allem erbarmte, „mache einen kleinen Dauerlauf, das darfst du doch. Sport darf man betreiben, wurde am Radio gesagt, oder ergehe dich öfters im Garten, so wie ich das täglich tue, hole dort tief Luft oder lese in einem spannenden Buch, was dich auf andere Gedanken bringt, dich vom Alltagsdruck befreit. Du befasst dich nur mit Fachliteratur, mit Expertisen, das ist zu wenig und auch in unserer jetzigen angespannten Situation abwegig und nicht wünschenswert, weil sie nicht entspannt und auch nicht in Bann schlägt, oder du schaust fern, nicht wahr, das kann dich auf Dauer auch nicht befriedigen.“
„Mich interessiert kein fachfremdes Buch mehr, ob es mich entspannt oder nicht“, hatte er daraufhin frostig erwidert. „Meine Fachwelt hat mich ganz aufgesaugt. Darin bewege ich mich, darin ruhe ich mich aus. Romane sind seltsame Gebilde aus Fiktion und Traum. Sie langweilen mich Wissenschaftler tödlich, und halte ich einen Roman zufällig in der Hand, überkommt mich ein Ekel, es würgt mich geradezu, daraufhin muss ich ihn schnell zurück ins Regal stellen, bevor mir übel wird und ich erbrechen muss. Wahrheiten will ich lesen, denn ich bewege mich in der realen wirklichen Welt. Fantasie und Fantastereien sind nicht mein Fall.“
Elli sah ihn später sein Fahrrad aus der Garage schieben und wegfahren. Er hatte also ihren Rat befolgt. Sie aber ging in den kleinen Park hinaus, der zum schönen großen umfangreichen Anwesen gehörte. Sie wusste, alles, was sich jetzt zwischen ihnen noch abspielte, war Schein und Rauch. Eine Feindschaft, Gegnerschaft und Rivalität herrschte zwischen ihnen. Ihre einstige Liebschaft war längst erkaltet und zu Eis gefroren. Ein Dauerzustand, der nicht mehr überwunden werden konnte. Er will sie nicht mehr und sie will ihn auch nicht mehr. Die Zeit der Ehe ist vorbei. Die Ehe ist gescheitert am Unwillen beider und an ihr Ende gekommen. Die Ketten sind gesprengt, die Fesseln durchschnitten. Sie nahm ihr Smartphone zur Hand und rief ihre Wahlverwandte Doris Wick an.
Vogelsang empfing sie im hauseigenen Park, Schmetterlinge umgaukelten sie, Hummel summten. Der Frühling kommt, dachte sie. Alles ging ihr zu Herzen, denn trostlos und frostig war sonst ihr Leben im Hause Kappel, wo man in unruhigen Nächten nicht wusste, ob man morgens noch lebte. Lange befasste sie sich im Gehen mit dem Sinn des Lebens. Sie dachte eben auch an den wunderschönen Satz, den Jupp einmal aussprach, als er sie im Park inmitten grünem Gras und von Wildtauben umgeben stehen sah, als sie Brotbrösel ausstreute: „Du siehst aus wie eine Märchenfigur!“, sagte er. Dieser Satz gefiel ihr gut. Aber sie hätte noch viel mehr solcher Komplimente bedurft. Sie glaubte aber auch, er dachte dabei in negativer Weise an Aschenputtel, mit der sie wirklich wahlverwandt schien, ihre Eigenschaften betreffend. Langsam dämmerte es, es wurde Abend, die Frühlingssonne sank tiefer und tiefer, während sich Elli gedankenvoll unter schattigen Laubbäumen, deren hellgrünes, neues Laub im Wind säuselte, auf eine Parkbank niederließ und an ihr vergangenes Hundeleben dachte, das so glanz- und glücklos verstrich. Ich habe genug, entfuhr es ihr laut. Hat er mich nicht gestern erst wieder geschlagen? Ich bin ein versöhnlicher Mensch, gewiss, das kann man nicht leugnen, und habe trotz allem mit ihm geredet, so, als habe er mich nicht beleidigt, so, als ob keine tiefe Kluft zwischen uns läge, tiefer geht es nicht mehr. Oh, ich werde vor Freude jauchzen, wenn ich ihm entronnen bin! Wenn alles vorüber und ich in Sicherheit und Geborgenheit bin, in der Obhut von Doris. Dann werde ich wieder ruhig schlafen können und keine Angst mehr haben müssen, umgebracht zu werden. Ich werde Klavier spielen können und alles tun, was mir Freude macht, alles, was Jupp mir verboten hat. Seit einem Jahrzehnt geht das jetzt schon, dass ich unruhig schlafe und kaum ein Auge zumache. Ich bin achtsam, weil es ratsam ist, und gebe mir Mühe, herauszufinden, was von ihm auf mich zukommt, was mir von ihm droht. Es ist zwar aufwendig, mit klarem Verstand ihn zu beobachten, ohne damit müde zu werden, aber mein Leben ist es mir wert.
Von dort aus, wo sie jetzt saß und mit Doris telefonierte, nahm sie ihr Haus in Augenschein, um ihren Mann gleich zu sehen, wenn er aus dem Haus trat; denn sie wollte sicher gehen, von ihm nicht überrascht oder belauscht zu werden, wenn sie mit ihrer Freundin telefonierte. Sie verdächtigte ihn als potentiellen Spion, der nichts Gutes im Schilde führt. Er sollte ihren Plan, auszuziehen und sich von ihm zu trennen, auf keinem Fall mitbekommen, um sie nicht daran zu hindern, damit er ihren Plan nicht zum Platzen bringe.
„Hier ist Elli. Wie geht es dir, Doris? Ist alles in Ordnung? Noch keine Corona?“, fragte sie im Scherz.
„Gott bewahre mich davor, Elli. Mir geht es gesundheitlich sehr gut und dir?“
Und schon stiegen sie in ihr akutes brennendes, allzeit gegenwärtiges aktuelles Thema ein, das sie bewegte, nämlich, sich vom Partner zu trennen, ein kompliziertes Verfahren, wie sich herausstellte. Sie wälzten es wiederholt hin und her in ihren diversen Gedankengängen und Gesprächen, worüber sie bis dato leider noch keine akzeptable Lösung, kein entscheidendes Resultat gefunden hatten. Ach, es zog sich in die Länge! Es verschleppte sich wider ihren Willen, denn es herrschte für sie beide nicht nur die Partnerkrise, sondern auch noch zusätzlich die genauso gefährliche Corona-Krise, die beide tödlich enden konnten, eine Doppelbelastung, wie sich herausstellte, vor der sie bangten und sich schützen mussten.
Erst Februar/März 2020 hörte Elli zum ersten Mal von dieser aus China ausgehenden verheerenden Infektion, die mit der grausamen spanischen Grippe verglichen wurde. So weit weg, dachte man jetzt in Europa, und ignorierte diese Corona-Infektion lange, bis sie dann plötzlich vor der Haustüre stand und die ersten Infizierten und Todesfälle gemeldet wurden. Jetzt erst läuteten die Alarmglocken Sturm. Es gab fast überall in Europa und auf allen Kontinenten wahnsinnig viele Infektionen und Tote. Meist betraf es ältere Leute, Rentner und am allermeisten Bewohner von Alten- und Pflegeheimen. Elli verfolgte täglich die Pandemie-Nachrichten und die nie abreißenden Debatten darüber, wobei sie sich von Tag zu Tag mehr ängstigte, selber an dieser lebensgefährlichen Virusinfektion zu erkranken. Sie fragte sich schließlich, als sich bei ihr plötzlich Atemnot einstellte: „Habe ich mich vielleicht bereits angesteckt? Vielleicht beim Gang zum Supermarkt oder zur Apotheke oder zum Bäcker, als ich morgens die Croissants für Jupp holte und lange inmitten einer Menschenschlange stand?“
Und noch immer erzählten sich die Freundinnen telefonisch Ereignisse aus dem Eheleben. Sie kamen einfach nicht darüber hinweg; zu tiefe Risswunden hatten sie davongetragen, sodass diese nicht von heute auf morgen ausheilen konnten.
„Von Ausreden habe ich jetzt wirklich genug!“, sagte Doris. „Vor der Ehe habe ich mit meinen Jugendfreunden bessere Tage erlebt. Man lebte allein in seinem kleinen Studentenzimmer und die Freunde auch, die nur selten zu Besuch kamen. Freiheit und Unabhängigkeit stand plakativ an den Türen. Ach, damals gab es viel Abwechslung und Ablenkung, da fragte man nicht nach dem wie und wonach oder nach diesem und jenem, ob man sich auch treu gewesen oder nicht. Es war ja bloß Liebelei, weiter nichts. Man war jung und schön und allseits begehrt, außerdem so grenzenlos unabhängig und souverän, konnte tun und lassen, was man wollte und vor allen Dingen, man wurde nicht geschlagen, nicht seelisch gequält, nicht vorverurteilt und auf dem Pranger gestellt. Falls so etwas passiert wäre, hätte man sofort Abstand genommen als unverheiratete junge Person. Ach, Elli, zu solch freien Zuständen wünsche ich mich zurück. Niemals mehr eine Heirat! Niemals mehr ein festes Verhältnis! Das sage ich dir. Meine Ehe war ein Reinfall, ein Verhängnis, ein Missgeschick und wer weiß was alles und ist nun am Nullpunkt angelangt. Die Dominanz meines Mannes raubte mir den Verstand, nahm mir die Luft zum atmen. Ich habe genug! Ich hatte mich aus Liebe aufgegeben und hingegeben und ihn aus Leidenschaft geheiratet, denn anfangs gab er sich lieb und nett, stellte mir unaufhörlich nach und schwor mir ewige Liebe und Treue. Oh, dass ich nicht lache! Der Heuchler und Schönredner schmeichelte mir anfangs unendlich von früh bis spät bis tief in die Nacht hinein, aber eines Tages hörte er plötzlich damit auf, als sei der Strick gerissen, die Batterie leer. Eine Kehrtwende setzte ein. Ich war wie vom Blitz getroffen.“
„Auch ich, Doris, hatte nichts zu lachen gehabt in meiner langen, miserablen Ehe. Auch Jupp ist ein Unmensch. Ich liebe ihn nicht mehr. Es ist mir, als habe er mir sukzessive, so nach und nach, mein Herz aus dem Leib gerissen. Komisch ist es jedoch, dass ich manchmal noch eifersüchtig reagiere, wenn er ohne mich auf Reisen geht oder nächtelang fortbleibt oder sich Mädchen ins Haus holt. Dann bin ich furchtbar verletzt und traurig, fühle mich einsam und verlassen, als sei ich eingemauert wie Antigone. Jetzt bist du für mich da, Doris, schon geht es mir besser, ich fühle mich bestärkt, verstanden und vor allem nicht mehr so schrecklich einsam und alleingelassen. Du wiegst manches auf. Jetzt auf einmal bei der Corona-Pandemie will Jupp mit mir schlafen. Ich sagte zu ihm, warum jetzt plötzlich bei der Corona-Pandemie? Da schwieg er und sah zur Seite. Ein Jahrzehnt lang mied er mich, wollte keinen Sex mehr mit mir. Nein, ich will keine Lückenbüßerin sein; denn, das weiß ich, ist einmal endlich die Pandemie vorbei, braucht er mich dazu nicht mehr. Ersatz hat er genug. Ich erwischte ihn vor einigen Jahren einmal, da ging er Hand in Hand im Stadtpark mit einem Mädchen spazieren und ich verfolgte sie ein Stück weit. Er drückte ihr fortwährend fest die Hand, während ich hinter ihnen herging. Ich konnte es nicht mehr ertragen, darum kehrte ich um, ging niedergeschlagen nachhause und warf mich weinend aufs Bett. Dies Erlebnis prägte sich tief bei mir ein. Damals war ich mit ihm erst 5 Jahre verheiratet. Vor der Ehe ging ich nur ein Jahr lang mit ihm und in diesem Jahr traf ich ihn nur selten, vielleicht 2x monatlich für jeweils ein Schäferstündchen um Mitternacht bei Kerzenlicht. Nie ging er mit mir aus. Diese Zeit war zu wenig, um ihn richtig kennenzulernen. Er wollte mich unbedingt gleich heiraten, Hals über Kopf. Dies war Absicht, Kalkül und Berechnung, wahrscheinlich brauchte er auf dem schnellsten Wege eine Hauswirtschafterin für sein Haus, so denke ich heute. Als ich das erste Mal in sein Haus trat, war es so unordentlich, dass ich sofort anfing, aufzuräumen. Da sagte er: „Du bist eine gute Hausfrau, dich heirate ich!“ Vermutlich hat er mich gar nicht geliebt, sondern nur so getan als ob. Nie gab er mir einen Kuss. Von Zärtlichkeit keine Spur und trotz alledem liebte ich ihn und nur ihn. Ich kann es heute nicht mehr begreifen, nicht mehr verstehen. Ich weiß, er hat mich das ganze Leben lang betrogen. Nach der Hochzeit glaubte ich eine Zeitlang, er sei mir treu, aber nein, er ging weiterhin fremd bis heute, kam nach Mitternacht heim und entschuldigte sich mit viel Arbeit an der Universität, als ob die Uni auch nachts geöffnet hätte! Oder er sagte, er müsse verreisen, müsse in Berlin und Frankfurt Vorlesungen halten oder aus wissenschaftlichen Gründen sogar in die USA, Paris oder nach London fliegen usw. und so fort. Darum auch, weil er kaum daheim war und mit mir wunderselten geschlafen hat, haben wir keine Kinder bekommen. Vermutlich wollte er keine, ich allerdings schon. Ich habe mich deswegen in meiner Einsamkeit sehr in meine Arbeit vertieft und viele Bücher übersetzt, was mir Spass machte. Außerdem lenkte mich mein Beruf schon immer von meinem Ehechaos ab.“
„Elli, du Arme, es ist schon richtig, wenn wir uns gegenseitig bemitleiden, unterstützen und trösten. Wir müssen unseren Frust gelegentlich ablassen wie überschüssige Luft aus Gummireifen, bevor sie platzen, müssen einander unsere Leiden erzählen und ausspeien, damit wir sie sukzessive losbekommen. Unsere Ehemänner sind an Ekel nicht zu übertreffen! Ich kann dir noch manche Ereignisse erzählen, die ich mit meinem Mann Adam Wick erlebt habe, da wirst du stutzen.“
„Doris, jetzt kommt gerade mein Mann daher, machen wir Schluss mit Telefonieren. Also bis morgen dann.“
Immer gab es jetzt Telefonate zwischen den zwei geschundenen Frauen und manchmal gleich mehrere am Tag. Elli wohnte mit Jupp in einem villenähnlichen Gebäude mit Garten und Parkanlage. Sie besaßen wenige Verwandte und Bekannte, die zu Besuch kamen. Sowohl Jupp als auch Elli waren Einzelkinder. Jupp besuchte an Wochenenden gelegentlich Freunde und Bekannte. Elli nahm er kaum mit und stellte sie nur selten jemandem vor. Langsam aber sicher lebten sie sich auseinander. Sie traf früher manchmal noch ihre alten Freundinnen, besonders die Junggesellinnen unter ihnen, bei denen sie auch manchmal über Nacht blieb, um jemandem ihr übervolles Herz auszuschütten, um dies ging es ihr eigentlich. Der Kummer trieb sie um, den sie mit gleichaltrigen Freundinnen besprechen wollte. Jupp war oft auf Reisen und wenig daheim. Man hatte sich nichts mehr zu sagen, die Redethemen gingen ihnen aus und deshalb schwieg man meistens, ging aneinander von morgens bis abends grußlos vorbei, ohne sich anzuschauen. Jupp Kappel, ein gelehrter prätentiöser willensstarker, durchsetzungsfähiger Dozent, lehrte offenbar auch als Gastdozent an anderen Universitäten der Welt. „Überall auf der Welt halte ich meine Vorlesungen“, betonte er mit großer Genugtuung in seiner Stimme und seinem Gesichtsausdruck, „auf die ich mich bestens vorbereiten muss, denn von nichts kommt nichts.“ Ja, er schien ein sehr ambitionierter Lehrer an der Universität zu sein.
