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Der Überfall auf einen Geldtransport von Bruchsal nach Waghäusel im Jahr 1730 hatte nicht nur gravierende Auswirkungen auf das Leben der damals betroffenen Fuhrleute, es bewegt auch 300 Jahre später die Fantasie und die Neugier von Menschen aus der Region.
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Seitenzahl: 166
Veröffentlichungsjahr: 2024
Barbara Schmitt-Englert ist Sinologin und lebt mit ihrem Ehemann, gleichfalls Sinologe, in Rheinhessen. Geboren ist sie in Bruchsal und bestand dort 1979 das Abitur. Nach einem längeren Hotelpraktikum am Genfersee und einem Aufenthalt in Thailand studierte sie bis 1986 in Heidelberg und Shanghai Sinologie und Pol. Wissenschaften Südostasiens.
Von 1988 bis 2012 baute sie gemeinsam mit ihrem Ehemann das Ostasieninstitut der Hochschule Ludwigshafen auf und war für die Studienorganisation verantwortlich.
Kirrlach kennt sie vor allem aus ihrer Kindheit, denn in diesem Ort verlebte sie mit ihren Geschwistern viele unbeschwerte Zeiten bei ihren Großeltern und Verwandten.
Die Anregung zu diesem Roman kam schließlich auch von einem Onkel aus Kirrlach, der die Idee mit Blick auf das 300-jährigen Bestehen der Eremitage in Waghäusel ins Gespräch brachte.
Barbara Schmitt-Englert
Im Schatten der Eremitage
Roman
© 2024 Barbara Schmitt-Englert
Umschlag, Foto: Alfred Müller
Druck und Distribution im Auftrag der Autorin:
tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Deutschland
ISBN
Paperback
ISBN 978-3-384-16334-9
e-Book
ISBN 978-3-384-16335-6
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist der Autor/die Autorin verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne seine/ihre Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag des Autors/der Autorin, zu erreichen unter: tredition GmbH, Abteilung "Impressumservice", Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Deutschland.
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Urheberrechte
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Herbst 2023
Verloren, fast ein bisschen so als gehörte sie eigentlich gar nicht hierher, liegt die Eremitage, umschlossen von Straßen und Gleisen, versteckt hinter der Wallfahrtskirche „Zur Mutter mit dem gütigen Herzen“ westlich des nordbadischen Städtchens Waghäusel. Wer dieses kleine barocke Lustschlösschen nicht gezielt sucht, wird es auch nicht finden, denn außer im Winter verwehren Bäume und Sträucher den Blick auf das Kleinod. Als wäre sie vom Himmel gefallen und eher zufällig an dieser Stelle gelandet, scheint sie mit ihrer nüchternen Umgebung zu fremdeln. Der kleine Park, der sie von Nord nach Süd umgibt, macht fast den Eindruck, als wolle er sich dafür entschuldigen, keine fürstlicheren Dimensionen zu besitzen. Die wechselvolle Geschichte und Nutzung der letzten drei Jahrhunderte hatten diesem ungewöhnlichen architektonischen Schmuckstück heftig zugesetzt. Im Grunde war es ein Wunder, dass ein Teil der Anlage überleben und in den vergangenen zwei Jahrzehnten aus dem Dornröschenschlaf erweckt werden konnte. Die Restaurierung stellte eine erhebliche Herausforderung dar, sowohl finanziell als auch ästhetisch. Es war naturgemäß äußerst schwierig, beide Aspekte miteinander in Einklang zu bringen. Auf der anderen Seite stellten die technischen, baurechtlichen und energetischen Rahmenbedingungen die Planer vor ein schier unlösbares Dilemma. Die Meinungen über die Umsetzung gingen entsprechend auseinander. In ihrer Entschlossenheit, die Eremitage als barockes Juwel erhalten zu wollen, gab es zwischen den Bewohnern der Umgebung jedoch keinerlei Dissens.
Nach wie vor stimmte Adam Fuhrmann der Anblick des Daches des Zentralbaus missmutig. Was sich seinen Augen darbot, tat dem pensionierten Gymnasiallehrer fast körperlich weh. Gleichwohl war es ihm unmöglich, die Augen abzuwenden.
Er stand nicht zum ersten Mal vor der restaurierten Anlage der Eremitage und freute sich über die vier mit Schiefer gedeckten Flügelanbauten des Hauptgebäudes, deren geschwungene Dachtraufen eine filigrane Schwerelosigkeit vermitteln. Unglücklich blickte er dagegen auf das nüchtern erscheinende Blechdach des Mittelbaus, das auf einer starren Stahlkonstruktion ruhte. Es war mit dem Segen der Denkmalbehörde auf das barocke Palais aufgesetzt worden. Für Adam Fuhrmann wirkte der Aufbau wie ein Fremdkörper.
„Ein Jammer, ich kann es immer noch nicht fassen, wie die Denkmalbehörde so etwas zulassen konnte! Was an dem Begriff ‚Restaurierung‘ haben die Beamten in Karlsruhe nicht verstanden?“.
Die Eremitage sollte in ihrer Wiederherstellung, so gut es mit heutiger Technik möglich war, in die Form des ursprünglichen barocken Bauwerkes zurückversetzt und damit als authentisches Baudenkmal erhalten werden. Wiederherstellung in den originären Zustand oder wenigstens in die der Entstehungszeit gemäße Ausdrucksform: Das war es, was Adam Fuhrmann darunter verstand. Doch was hier vor ihm aufragte, diese Mischung aus Stahl, Blech und Schwerfälligkeit, hatte in seinen Augen wenig zu tun mit barocker architektonischer Dynamik. Die kunstvoll erschaffene Leichtigkeit, die zauberhafte Lebendigkeit der Gefüge, die Michael Rohrer und Balthasar Neumann als namhafte Architekten ihrer Zeit Mitte der 1720er Jahre hervorzubringen in der Lage waren. All das schien sich auf dem Dach des sechzehneckigen Zentralbaus in Luft aufgelöst zu haben und einer vermeintlichen Zweckmäßigkeit gewichen zu sein.
Dass das Notdach, das dem Schutz des Zentralgebäudes dienen sollte, nachdem dieses 1946 vollständig abgebrannt war, nicht gerade eine Augenweide darstellte, ließ sich, nach seiner Meinung, entschuldigen. Schließlich hatten die Menschen in der Nachkriegszeit andere Sorgen, als die stilgerechte Erhaltung eines historischen Bauwerkes. Doch nun war die Konstellation eine völlig andere.
Seine Frau Ellen, die seinem Blick gefolgt war, konnte den Unmut über diese ästhetische Unvollkommenheit nicht wirklich nachempfinden. Für sie war optisch kaum ein Unterschied erkennbar. Dennoch wusste sie, dass ihr Mann einen anderen Blick auf die Feinheiten hatte. Der Presse hatten sie schließlich entnommen, dass die Originalpläne der Gebäude von Michael Ludwig Rohrer, dem Hofbaumeister der Markgräfin von Baden, Franziska Sibylla Augusta, erhalten geblieben waren und im Landesarchiv in Karlsruhe aufbewahrt wurden. Fürstbischof Damian Hugo von Schönborn, der wenige Jahre vor diesem Bauwerk auch die Errichtung des Bruchsaler Schlosses in Auftrag gegeben hatte, betraute anschließend die berühmten Barockarchitekten Michael Ludwig Rohrer und später Balthasar Neumann mit der Planung der Eremitage. Hier wollte er sich in erster Linie erholen und der Jagd widmen. Dass die Baupläne dieser kleinen Residenz die Zeit und die wechselvolle Geschichte überdauert hatten, war ein seltener, beinahe unglaublicher Glücksfall. Umso unerklärlicher erschien manchem kunsthistorisch versierten Betrachter das Ergebnis der Instandsetzung und die Frage, weshalb die Originalpläne bei der Restaurierung so wenig Beachtung gefunden hatten.
Ellen Fuhrmann war eine ehemalige Bibliothekarin und wie ihr Mann in Ruhestand. Sie kannte Adams Sinn für historische Genauigkeit und wusste, wie sehr derartige Lieblosigkeiten im Umgang mit dem kulturellen Erbe sein ästhetisches Empfinden stören konnten. Um nicht noch mehr Öl ins Feuer zu gießen, kommentierte sie die Gestaltung, die auf sie weniger dramatisch wirkte, eher zurückhaltend:
„Es hätte auch schlimmer ausfallen können.“
Abrupt riss Herr Fuhrmann seine Augen weg vom Objekt seines Grolls und wandte sich missgelaunt seiner Frau zu.
„Klar, man hätte die Eremitage auch abreißen und eine Mehrzweckhalle errichten können.“
Das Öl war also bereits am Kochen. Ellen runzelte nachdenklich die Stirn.
„Du weißt doch, dass in Behörden nicht zwingend mit kulturellem Feingefühl gearbeitet wird. Falls es Versäumnisse gab, ist das natürlich schade, da sind wir absolut einer Meinung, aber es ist ja nun auch nicht mehr zu ändern. Vergossene Milch sozusagen. Außerdem wird die Entscheidung für diese Art der Ausführung wohl auch finanzielle Gründe haben.“
Natürlich wusste er, dass sie Recht hatte. Dieser Zug war tatsächlich abgefahren, und Geld spielt natürlich immer eine Rolle. Es nutzte also überhaupt nichts mehr, sich aufzuregen. Aber es irritierte ihn trotzdem oder gerade deswegen, und zwar so sehr, dass sein Blutdruck spürbar anstieg. Sein Gesicht nahm in Sekundenbruchteilen eine ungesunde glühend rote Farbe an. Für einen Menschen, der im Grunde die Ruhe und Ausgeglichenheit selbst und weit entfernt jedes cholerischen Temperaments angesiedelt war, eine außergewöhnliche Reaktion.
Da gab es nun ein einzigartiges Bauwerk, das fast 300 wechselvolle Jahre destruktiver Beanspruchung, fataler Verwüstung, gleichgültiger Vernachlässigung, Epochen erbarmungsloser Kriege und schonungsloser Misswirtschaft, freudige und leidvolle Perioden überstanden hatte, und dann diese geschichtsvergessene Kurzsichtigkeit!
Endlich, nachdem es von 1837 an 160 Jahre lang als Teil einer Zuckerfabrik zweckentfremdet worden war, hatte man sich der Bedeutung und des Wertes der historischen Anlage erinnert. Noch im Jahr 1969 musste das vierte Kavaliershaus zugunsten eines Melasse-Tanks weichen. Die Stadt Waghäusel kaufte schließlich im Jahr 1997 die Anlage von der Südzucker AG und fasste den Beschluss, sie mit großem finanziellem Aufwand zu restaurieren. Gefördert wurde das Projekt auch vom Land Baden-Württemberg, denn die Landesregierung und die Denkmalbehörde erkannten das Potential und den Wert dieses Kleinods. Alle kunsthistorisch Interessierten, darunter Adam Fuhrmann, und viele seiner Bekannten jubelten, als sie aus der Presse davon erfahren hatten.
„Es ist seither doch sehr viel geschehen“, versuchte seine Frau, den Blutdruck ihres Mannes wieder auf Normalniveau zurückzubringen.
„Der Park ist wunderschön rekonstruiert worden. Die Restaurierung der Gebäude ist doch innen wie außen bisher ganz gut gelungen und seit 2014 ist die Eremitage beziehungsweise das, was davon erhalten geblieben ist, für die Öffentlichkeit zugänglich. Alleine diese Tatsache müsste doch Grund zur Freude sein.“
„Darüber freue ich mich ja auch. Aber der Charakter der barocken Architektur muss doch bewahrt bleiben! Wie oft passiert es, dass man auf Originalbaupläne zurückgreifen kann? Es dann nicht zu tun und eine plumpe unpassende Dachkonstruktion drauf zu klotzen, ist geradezu sträflich.“
Adam ließ sich nicht von seiner Meinung abbringen.
„Aber vielleicht waren die Pläne nicht mehr lesbar oder aus anderen Gründen nicht verwendbar.“
„Das werde ich herausfinden!“
Frühjahr 1730
„Unsere Gebete sind erhört worden!“ Das war Karls erster Gedanke gewesen, als er den Transportauftrag in den Händen hielt. Weder ihm noch seiner Ehefrau, wäre je eine andere Erklärung für diesen unverhofften Segen in den Sinn gekommen. Stolz hatte er ihr am Abend die Neuigkeit überbracht, dass er in der Nachfolge seines Vaters in den fürstbischöflichen Dienst übernommen worden war. Ungläubig blickte sie in seine freudenstrahlenden Augen, aber die Botschaft schien vorerst nicht bei ihr angekommen zu sein. Einige Augenblicke später erst entspannten sich ihre Gesichtszüge. Mit sichtlicher Erleichterung faltete sie andächtig die Hände ineinander und richtete einen dankerfüllten Blick himmelwärts, als hätte sie dort den Absender der Freudenbotschaft aufgespürt.
Karl war zwar nicht mehr als Leibeigener des Fürstbischofs zur Welt gekommen, aber frei zu sein bedeutete eben auch, sich um den Lebensunterhalt selbst kümmern zu müssen. Die zweite Hälfte des „Vater-unser“ Gebetes begann nicht ohne Grund mit der Bitte um das tägliche Brot. Sie war die Bitte schlechthin.
In den Diensten des Fürstbischofs zu stehen bedeutete für einen Freien und dessen Familie ein geregeltes Auskommen und damit das Ende aller vor Hunger schlaflosen Nächte, solange er gesund blieb. Mit der Bestallung einschließlich des ersten Fuhrauftrages, die Karl durch einen Boten überbracht worden war, gehörte er nun zum Fuhrpark der fürstbischöflich Schönborn‘schen Hofhaltung, die sich im neu erbauten Schloss in Bruchsal einzurichten begann.
Nur vier Sommer nach Baubeginn des Schlosses hatten auch die Arbeiten zur Errichtung der Eremitage in Waghäusel unmittelbar neben der überregional bekannten Wallfahrtskirche angefangen. Den Menschen, die in der Umgebung lebten, galt es als eines der unergründlichen Wunder der Muttergottes, in welcher Geschwindigkeit die Gebäude des Palais errichtet wurden. Karl, der eigentlich Kutscher wie sein Vater und als Karl der Fuhrmann bekannt war, bislang jedoch ohne feste Anstellung, hatte bis zu seiner Übernahme in den fürstbischöflichen Dienst im Grunde jede Arbeit, die sich ihm bot, übernommen. Auf diese Weise fühlte er sich gewissermaßen als ein winziger Teil des Wunders, denn er hatte an verschiedenen Bauabschnitten allerhand Hilfsarbeiten geleistet. Mit dem Schleppen von Steinen, dem Führen von Pferden und Wagen gefüllt mit Baumaterial, dem Anrühren von Mörtel für die Maurer und anderen Tätigkeiten hatte er zum Entstehen des glanzvollen Bauwerkes beigetragen. Es war schwere und schlecht bezahlte Arbeit. Vor allem war es ihm mit seinem Lohn nur knapp möglich gewesen, seine Familie mehr schlecht als recht zu ernähren. Aber auch das war Teil des kleinen Wunders und das machte ihn ein wenig stolz.
Da sich der Fürstbischof Damian Hugo von Schönborn sehr gerne und recht häufig zur Jagd, aber auch zur inneren Einkehr in seiner Eremitage, in unmittelbarer Nachbarschaft zur beliebten Wallfahrtskirche in Waghäusel aufhielt, brauchte er an diesem Ort einen beträchtlichen Stab an verfügbarem und qualifiziertem Personal, zu dem jetzt, mit seiner neuen offiziell besiegelten Stellung, auch Karl gehören sollte.
Notwendig war die große Anzahl an Dienerschaft, nicht zuletzt mit Blick auf die zahlreich stattfindenden Treibjagden, die der Fürstbischof mindestens genauso gerne und häufig abhielt, wie seine religiösen Mußestunden. Zu den beinahe legendären Jagdgesellschaften des Fürstbischofs fanden sich regelmäßig mit wachsender Begeisterung Adelige und Würdenträger aus der Markgrafschaft Baden, dem nördlich davon gelegenen Kurfürstentum der Pfalz und aus dem Fürstbistum Speyer selbst ein. Und obwohl Damian Hugo von Schönborn als außerordentlich sparsamer Administrator zuweilen auch als herrisch knauseriger Auftraggeber galt, schienen die Köstlichkeiten, die er auf den häufig stattfindenden Banketten bei zauberhaft klingender Musik seinen Gästen kredenzen ließ, keine Wünsche offen zu lassen.
So erzählte man es sich jedenfalls in der Bevölkerung, die von derartigen Genüssen nur träumen konnte und der das Jagen in den umliegenden Wäldern untersagt war. Nicht alle hielten sich an das Verbot, denn zuweilen war der Hunger größer als die Angst vor drakonischen Strafen.
Der Fürstbischof hatte nach seinem Streit mit der Freien Reichsstadt Speyer, deren Bischof er eigentlich auch war, beschlossen, jenseits des Rheins seinen neuen Lebensmittelpunkt zu schaffen und seine künftigen Domizile, wie das Schloss in Bruchsal, das kleinere Jagdschloss in Kislau und die Eremitage in Waghäusel, durch den Ausbau eines weitverzweigten gradlinigen Wegenetzes miteinander zu verbinden und so die ausgedehnten Forste der Region erschließen lassen.
Ein erfreulicher Haupt- oder Nebeneffekt des Wegesystems war, dass es den erlauchten Jagdgesellschaften ermöglichte, sich halbwegs trockenen und sauberen Fußes auf die Pirsch zu begeben. Denn die Wälder und Wiesen zwischen dem Rhein im Westen und den Hügeln des Kraichgaus im Osten waren sumpfig und abseits der Wege für Ortsunkundige nicht gefahrlos zu durchstreifen.
So erwies sich die Neuanlage der Wege schließlich auch als nutzbringend für die Bevölkerung, besonders für Fuhrleute wie Karl.
Karls Vater Leonhard war bis zu seinem Tod, der ihn erst vor Kurzem ereilt hatte, als einer der Kutscher in Diensten des Fürstbischofs von Schönborn gestanden und als solcher ständig zwischen Bruchsal, Waghäusel und dem Schloss in Ettlingen gependelt. Markgräfin Franziska Sibylla Augusta von Baden, eine enge Vertraute von Damian Hugo von Schönborn, hatte sich das Palais in Ettlingen als Witwensitz auserkoren. Die Regierungsgeschäfte, bei denen ihr der Fürstbischof immer mit Rat und Tat zur Seite gestanden hatte, sowie das Schloss in Rastatt hatte sie bereits 1727 an ihren Sohn Ludwig Georg Simpert übergeben. Die Markgräfin und der Fürstbischof pflegten lebenslang eine intensive Freundschaft und einen regen wechselseitigen Austausch. Damian Hugo von Schönborn agierte seit langen Jahren nicht nur als ihr Beichtvater, sondern auch als kundiger Berater in sämtlichen Finanzen, Vermögens-, Verwaltungs- und Regierungsangelegenheiten.
Der Ehemann der Markgräfin, Markgraf Ludwig Wilhelm von Baden, wegen seiner siegreichen Feldzüge gegen das Osmanische Reich landläufig bekannt als „Türkenlouis“, war bereits 1707 an den Folgen einer Kriegsverletzung gestorben. Der Erbe der Markgrafschaft war beim Tod des Markgrafen noch nicht mündig gewesen, weshalb an seiner Stelle dessen Mutter, Franziska Sibylla Augusta, die Regentschaft übernehmen musste. Durch umsichtige Verwaltungsreformen, eine gewissenhafte Finanzverwaltung, eine geschickte Baupolitik, die Förderung von Schulunterricht und auch durch ihren streng religiösen Lebenswandel, erwarb sie sich die Achtung und Wertschätzung großer Teile der Bevölkerung. Um die Not ihrer Untertanen zu lindern, nahm sie sogar Kredite auf ihr Privatvermögen auf.
Ihre Frömmigkeit veranlasste sie zu vielen Wallfahrten, so auch zur Wallfahrtskirche in Waghäusel, um sich vor dem als heilbringend geehrten Marienbildnis ins Gebet zu vertiefen.
1712 war im Kloster Waghäusel der Prediger und Verfasser zahlreicher religiöser Schriften, Martin von Cochem, verstorben, dessen Lehren und Wirken Franziska Sibylla Augusta sehr hochschätzte. Der von ihr so gepriesene Kapuzinermönch hatte mit Unterbrechungen vom Jahr 1700 an, bis zu seinem Tod in diesem Kapuzinerkloster gelebt und gewirkt. Seine, im Stil der Zeit recht dogmatischen Schriften, seine Bibelübersetzung, und seine Kinder- und Gesangbücher fanden bei einer beträchtlichen Zahl von Gläubigen großen Zuspruch und machten ihn zu einem weit über die Landesgrenzen hinaus bekannten Volksmissionar. Durch seine Grabstätte hatte im Übrigen das Kloster Waghäusel als heiliger Ort eine gewaltige Aufwertung und überregionale Bekanntheit erfahren.
Nicht nur Waren, Geld und Silbergeschirr hatte Karls Vater Leonhard als Fuhrmann und Kutscher von hier nach dort transportiert, er beförderte gelegentlich auch den Fürstbischof beziehungsweise dessen Gäste an ihre jeweiligen Residenzen, was dazu führte, dass er dann oft tagelang nicht nachhause kam.
Karl brauchte die neue Anstellung als Kutscher, die sein verstorbener Vater ihm sozusagen als Erbschaft hinterlassen hatte, dringend, denn seine Familie war inzwischen auf insgesamt sechs hungrige Münder angewachsen. Um ein Haar wären es sieben gewesen, doch vor zwei Monaten war ein Mädchen zwei Tage nach der Geburt verstorben. Sie konnten sich, wie der Priester hervorhob, bei allem Kummer dennoch glücklich schätzen, denn die Lebenszeit hatte zum Trost der Familie für die letzte Ölung ausgereicht, wodurch das Kind wenigstens nicht der ewigen Verdammnis preisgegeben war. Die Schwangerschaft und die Geburt hatten seine Frau Johanna sehr geschwächt. Gewiss konnte seine Anstellung als fürstbischöflicher Kutscher dazu beitragen, die Schwermut, die sich in den letzten Wochen über ihren Geist gelegt hatte, von ihr zu nehmen. Johanna, die sich im Haushalt einer wohlhabenden Kirrlacher Familie als Näh- und Wäschefrau
