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Im Schatten der Maske ist eine fesselnde Geschichte über Macht, Intrigen und den unbändigen Willen zu überleben. Gefangen in einer dunklen Zelle, ohne zu wissen, warum sie dort ist oder wem sie trauen kann, kämpft die junge Protagonistin gegen Angst, Verzweiflung und den Verlust ihrer Identität. Doch sie weiß: Nur wenn sie ihren Mut bewahrt und ihren Verstand schärft, kann sie sich aus den Fängen ihrer Peiniger befreien. Doch wer zieht die Fäden im Hintergrund? Und welche Wahrheit verbirgt sich hinter den Masken? Ein atmosphärisch dichter Roman voller Spannung und psychologischer Tiefe – für alle, die dunkle Geheimnisse und komplexe Charaktere lieben.
H. K. Belmont wurde 2006 in China geboren und zog kurz vor ihrem fünften Geburtstag nach Deutschland, wo sie derzeit ihr Abitur absolviert. Schon früh zeigte sie eine tiefe Begeisterung für Geschichten und deren erzählerische Kraft, sei es durch die Gutenachtgeschichten ihres Vaters oder die Märchen aus Büchern. Diese Leidenschaft entwickelte sich im Laufe der Jahre weiter und führte sie tiefer in die Welt des Schreibens. Während der Pandemie entstand die Idee für ihren Debütroman. In den folgenden Jahren widmete sie sich mit großer Hingabe der detaillierten Ausarbeitung ihrer Welt, Kultur und Handlung. Ihre wichtigste Inspirationsquelle ist die europäische Geschichte, doch auch andere Kulturen hinterlassen ihre Spuren in ihrem Schaffen. Was einst mit Fanfiction begann, hat sich nun zu einem vollständigen Roman entwickelt – ein bedeutender Meilenstein auf ihrem Weg als Schriftstellerin.
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Veröffentlichungsjahr: 2025
H. K. Belmont
Im Schatten der Maske
© 2025 Europa Buch | Berlin
www.europabuch.com | [email protected]
ISBN 9791257030827
Erstausgabe: Juli 2025
Gedruckt für Italien von Rotomail Italia
Finito di stampare presso Rotomail Italia S.p.A. - Vignate (MI)
Im Schatten der Maske
An Seraphina, meine liebe Freundin
Karte der Welt
Wie lange kann ein Mensch im Dunkeln überleben? Die Legenden sagen, Ulmar ist nach zehn Tagen verrückt geworden und hätte von Gesichtern geredet, die nie da gewesen wären. Doch er war auch in einer Höhle eingesperrt von seinen Brüdern ohne auch nur einen Funken an Licht. Sie hatte zumindest noch den Spalt unter der Tür.
Das Jahr hatte 365 Tage, 60 Wochen und 5 Tage, fünf von diesen hatte sie schon in dem Loch verbracht. Dann habe ich ja noch fünf Tage, kam es in ihren Kopf. Es war der einzige Hoffnungsschimmer, den sie in dieser gottverlassenen Umgebung hatte.
Sie saß gegen die Wand gelehnt in der Kleidung, in der sie hier her gebracht wurde, und starrte auf den kalten Steinboden vor der Tür.
Die einzigen Male, die sie sonst Licht sah, war, wenn das Schaf ihr Essen brachte. Zweimal am Tag. Brot. Wasser. Die Portionen waren dürftig, doch nichts im Vergleich zu den Mängeln, die sie aus früheren Tagen gewohnt war. Das Schaf - ein Mann, dessen Maske das Bild eines Schafes zeigte - war das komplette Gegenteil von der Unschuldigkeit, die das Tier suggerierte. Er war ein grober Mann, unfreundlich und angsteinflößend. Obgleich ihr in dieser Umgebung auch ein echtes Schaf hätte begegnen können und die Angst sie trotzdem geholt hätte.
Ja, sie fürchtete, die Halluzinationen hatten schon begonnen. Am ersten Tag bildete sie sich ein, Stimmen zu hören, von fern und leise. Am zweiten Tag dachte sie, es waren echte Stimmen, die diesmal lauthals eine Konversation führten. Sie verstand allerdings nicht, worum es ging. Am dritten Tag, begannen die Schreie. Sie hatte sich in die Ecke gedrängt, ihren gesamten Körper gegen die Wand gedrückt und ihre Ohren zugehalten, um bloß nichts zu hören. Die Schreie waren laut und so gefüllt mit Schmerz und Verzweiflung, dass sie fürchtete, was sie ausgelöst haben könnte. Jedesmal, wenn Schaf nun kam, um ihr das Essen zu geben, da dachte sie, es käme auch für sie. Tränen rannten ihre Wange runter, seit der ersten Sekunde, die sie dort aufgewacht war, doch nun presste sie ihre Augen zusammen, damit die Stimme bloß kein Gesicht bekam. In der Dunkelheit konnte man viel sehen. Zu viel.
Sie hatte kaum Erinnerung an den Abend, an dem sie sie geholt hatten. Nur verschwommene Bilder von ihrem Onkel auf dem Boden neben Körpern, die von Kugeln durchlöchert waren und Männern in Masken. Es waren viele, sie überwältigen sie, wie Schatten aus allen Richtungen. Dabei war der Sonnenuntergang an dem Tag so schön gewesen. Sie wusste noch, dass ein Mann auf sie gewartet hatte am Stadttor. Er wollte sie ausführen, ihr die Stadt aus einer anderen Perspektive zeigen. Leon war sein Name und so sehr sieden Moment verflucht hatte, in dem sie ihm begegnet war, so angenehm war doch ihr Treffen. An den Weg zurück konnte sie sich allerdings nicht mehr erinnern.
Und ein Satz war in ihren Kopf gebrannt, der von einem Mann geäußert wurde, über den sie großen Schock empfunden hatte. Sie wusste nur nicht mehr, warum. Es war seine Stimme, die so dunkel wie die Nacht und doch so weich wie eine Wolke, siefragte: „Willst du leben?“
Sie hatte Angst gespürt auf seine Frage, doch musste so vehement genickt haben, dass sie sich nun hier befand. Am Leben. Nie hatte sie sich das hier vorgestellt, als sie es bejaht hatte. Hätte sie gewusst, ‚Nein‘ wäre über ihre Lippen gekommen, schneller, als eine Sternschnuppe am Himmel weilte. Was war schließlich ein Leben ohne Freiheit?
Sie hatte den Boden, kalt und glatt, unter ihrem Körper, welcher sie frierend und sehnsüchtig zurückließ. Sie hatte nie viel, hatte mit ihrem Bruder immer eine Matratze teilen müssen, doch sie würde alles geben, um das wieder zurück zubekommen. Und wenn sie dann doch eine Position fand, in der sie eine Weile Komfort hatte und versuchte einzuschlafen, waren es die ewigen Schreie aus den Räumen neben ihr, die sie wach hielten.
Die Angst und Trauer, die sie die ersten Tage verspürt hatte, waren zu Verzweiflung und Wut geworden. Nach vier Tagen hatte sie keine Tränen mehr übrig zu weinen und keine Kraft mehr, es zu versuchen. An Tag fünf hatte sie sich gegen die Wand gelehnt und sich mit ihrem Schicksal abgefunden, oder zumindest redete sie sich das ein. Sie würde nie wieder das Licht der Sonne sehen, nie wieder frische Luft atmen und nie wieder die Wärme einer anderen Person genießen.
Das Schaf hatte gesagt, sie solle sich nicht eingesperrt fühlen – schließlich habe sie ihr neues Zuhause selbst gewählt. Doch kaum war es gegangen, liefen ihr erneut Tränen über die Wangen. Zuhause? Sollte dies wirklich der Ort sein, an dem sie den Rest ihres Lebens verbringen würde? Vieles hatte sie in ihrem Leben bereits hingenommen, doch das konnte sie nicht akzeptieren.
Oh Gott, flehte sie, lass das nicht das Ende sein.
Was würde ihre Mutter tun? Sie hatte bereits ihren Sohn verloren – und nun sollte sie auch ihre Tochter nie wiedersehen? Der Gedanke zerriss ihr das Herz. Sie konnte ihre Mutter nicht allein lassen. Sie musste fliehen.
Wenn nicht für ihre Mutter, dann für die Sonne, für die Luft, für das Essen. Für all das, was sie vermisste, was sie nie tat – oder immer wieder.
Die Regierung musste die Leichen bereits entdeckt haben und hatten wahrscheinlich schon angefangen zu ermitteln, vielleicht sogar in Verbindungen zu ihr. Doch sie würden sie nicht finden, nicht hier, dafür waren die Männer zu vorsichtig.
Sie trugen immer Masken, welche sie zu ihrer Namensgebung inspirierte. Schaf hatte eine Schafsmaske auf und war derjenige, der ihr Essen alle paar Stunden brachte. Sie wusste nicht wie oft am Tag, da sie keine Möglichkeit hatte, irgendwie die Zeit zu ermessen, doch sie schätzte zwei Mal. Er war still die meiste Zeit, hatte kaum etwas zu ihr gesagt, doch wenn sie manchmal an der Tür lauschte, hörte sie ihn mit Hase reden.
Hase war ein unangenehmer Mensch, der keine Möglichkeit ausließ, einen abfälligen Kommentar über ihren äußerlichen Zerfall zu lassen. Sie sah es selbst, wenn sie in den kleinen Momenten des Lichts an sich hinunter blickte. Ihre Haut hatte an Farbe verloren, oder war es das dunkle Licht? Sie konnte es nicht sagen, doch sie sah die Konturen ihrer Arme und Hände, die Tag zu Tag ausgeprägter ihr entgegen blickten. Ihre Lippen wurden spröde, blutenden oft, weil sie sie zwischen ihren Zähnen zermürbte, ihre Haare matt und zaus. Sie war nie eine Person der Fülle gewesen. In ihrer Kindheit hatte sie kaum genug gehabt, um einmal am Tag satt zu werden und erst als sie bei ihrem Onkel einzog, begann es, dass ihre Figur sich füllte. Sie hatte es geliebt. Und die Menschen auf der Straße hatten aufgehört sie wie einen bemitleidenswerten Straßenköter zu betrachten. Sie hatte sich zum ersten Mal in ihrem Leben wahrlich begehrenswert gefühlt.
Doch als Hase ihr das erste Mal ungefragt und unerwünscht über die Wange gestrichen hatte und ihre dunklen Haare komplimentierte, da wollte sie sie am liebsten ausreißen. Schaf hatte zum Glück etwas gesagt, doch sie fürchtete den Moment, in dem er eines Tages nicht da sein sollte.
Die Zeit verging und die Schreie aus der Ferne füllten die Stille des kleinen Raumes. Vielleicht wäre sie das eines Tages, die Neuen hinterfragen lassen, was mit ihr geschah, sie fürchten zu lassen, was sie ihr antaten. Sie fürchtete den Tag.
Wenn sie ihr Ohr an die stählende Tür hielt, in seltenen Momenten der Stille, konnte sie auch Schaf und Hase hören, wie sie sich unterhielten. Sie verstand auch da nicht viel, ab und zu Wortfetzen über Wetten, Spiele, Frauen. Es war das Einzige, was sie in der Zelle hatte; Geräusche. Das Licht aus dem Flur konnte sie kaum erreichen und erhellte bloß Zentimeter unter der Tür. Abgesehen von ihr und der Toilette in der Ecke neben der Tür, war nichts anderes in der Zelle, kein Gegenstand, kein Kissen, nicht einmal Stroh, wie für die Tiere. Nicht einmal das war sie wert.
Die Dunkelheit erlaubte ihr keine Farben, die fehlenden Dinge verboten ihr Komfort und die Kälte gab ihr keine Ruhe. Sie hatte nur Geräusche, doch diese waren so beruhigend, wie die Geburt eines Monsters. Zumindest wusste sie, dass sie nicht allein war, doch ihre Situation und Gesellschaft bedenkend, wusste sie nicht, inwiefern das hilfreich sein konnte.
Gedämpfte Fußstapfen näherten sich ihrem Raum und bei der Trägheit der Schritte, wusste sie, dass es Schaf war. Hase ging leichter und langsamer. Sie kroch von der Tür weg an die gegenüberliegende Wand und kauerte sich gegen den kalten Stein. Sie hatte es seit Tagen nicht geschafft, die Angst zu unterdrücken, die jedes Mal ihren Körper einnahm, wenn sie jemanden sah, und auch jetzt reagierte sie auf dieselbeArt wie am ersten Tag.
Das Schloss der Tür klickte und nicht lang danach war die Tür offen. Das Licht des Flures flutete den Raum und offenbarte die graue Farbe des Bodens und die Flecken auf den Wänden. Ihre Augen mussten sich an die Helligkeit gewöhnen, doch es brauchte nicht lange, da erkannte sie Schafs breite Statur im Türrahmen. Seine Haare waren grau und kurz und verrieten sein Alter noch mehr, als seine fleckigen Hände oder die Krümmung seines Rückens. Sie hatte sich schon vorher gefragt, was ein Mann im Herbst seines Lebens hier tat. Hatte er denn keine Familie, Freunde, ein Leben? Es gab vieles, was er hätte machen können, statt sie Tag ein, Tag aus zu bewachen und ihr ab und zu Essen zu bringen.
„Der Boss gewährt die einen Wunsch.“, sagte er, mürrisch wie immer.
Seine Worte verwirrten sie und anstatt zu antworten, gingen ihr tausend Fragen und Möglichkeiten durch den Kopf. Ein Wunsch? Warum?
„Jeder Wunsch?“, Hoffnung klang in ihrer Stimme mit.
Er schnaubte, „Versuch’s, aber beschwer dich nicht, wenn du ihn verschwendest.“
Sie überlegte intensiv. Sie würden ihr nicht ihre Freiheit wieder geben, also war es sinnlos, diese zu wünschen. Jedoch könnte sie sich etwas wünschen, was sie hier rausbringen könnte. Mit einer Haarklammer konnte sie das Schlüsselloch aufmachen, aber selbst wenn sie das schaffte, käme sie nicht an Hase und Schaf im Flur vorbei, zumindest nicht ohne Waffe. Sie hatte aber nur einen Wunsch, einen Einzigen und keine Zeit, einen Plan zu schmieden. Sie brauchte etwas spitzes, kleines, womit sie jemanden verletzen, aber auch das Schloss aufmachen konnte.
„Eine Nadel. Ich wünschte mir eine Nadel, aber eine etwas dickere.“, sagte sie schließlich und bereute es in der Sekunde, in der die Worte ihre Lippen verließen.
Sie würde niemals Hase und Schaf mit einer Nadel überwinden können. Doch zumindest das Schloss, das würde sie öffnen können. Aber vielleicht hätte sie doch etwas zur Verteidigung sich wünschen sollen. Ein Messer? Oder eine Brechstange?
Sie hatte keine Vorstellung, ob sie gerade die richtige Wahl getroffen hatte und als Schaf mit einem spöttischen Grunzen die Zelle verließ, war das Einzige in ihrem Herzen verbliebende Angst und Zweifel. Hatte sie gerade ihren einen Wunsch verschwendet, die einzige Gelegenheit, etwas an ihrer Situation zu ändern, weggeworfen? Sie betete, lass es mich nicht bereuen, lass es mich nicht bereuen.
Ihr Wunsch war einfach und ihre Intention transparent wie Glas. Sie hätte etwas anderes wählen sollen, etwas ungefährliches, was ihr Ruhe und Bequemlichkeit bieten könne. Ein Kissen, eine Matratze, eine Decke oder Licht. Stattdessen breitete sich in ihr die Gewissheit aus, dass sie ihren einzigen Wunsch verschwendet hatte.
Je mehr Zeit verging, desto sicherer wurde sie und nach einer Weile schwelgten die ersten Tränen in ihren Augen. Doch Schritte auf dem Flur ließen sie innehalten. Sie blinzelte die Tränen weg und schon, als das Klicken der Tür ertönte, blendete sie das grelle Licht des Flures.
Schaf warf etwas vor ihr auf den Boden und verschwand genauso wortlos, wie er gekommen war. Das Klirren des Objektes verriet ihr, dass es keine Nadel war, nicht eine, wie sie sich die gewünscht hatte. Sie tastete den Boden in der Dunkelheit ab und kurz darauf spürte sie etwas an ihrer Hand. Es war rund und lang, aus Holz und hatte eine stumpfe Spitze. Es war eine Stricknadel, dick und grob.
Eine Nadel, doch nicht die Art, die sie brauchte. Ein Schwall der Reue überrollte sie und sie sank nieder, legte ihren Kopf auf den harten Boden und weinte. Sie würde niemals mit dem Ding die Tür öffnen, es würde nicht einmal ins Schlüsselloch passen. Sie könnte kaum jemanden verletzen und wenn nur unter extremer Aufwendung von ihrer Kraft - die sie nicht hatte.
Ihr Bruder hatte immer gesagt, man könnte mit allem jemanden verletzen, man musste nur einen Weg finden, wie. Und er hatte recht. Als jemand eines Tages in ihr Haus eingebrochen war, um einen Sack Kartoffeln zu stehlen, hatte er einem Mann mit einem Löffel ein Auge genommen. Er hatte geschrien und geblutet wie ein Schwein bei der Schlachtung. Und hätte ihr voller Magen sie am Abend nicht schlafen lassen, wäre sie vor Schuld umgekommen, da war sie sich sicher. Doch Hunger ließ Menschen seltsame Dinge tun, das hatte sie bereits früh lernen müssen.
Die Nadel würde ihr nicht helfen.
Am siebten Tag war das Schreien der Verzweiflung zu Schreien der Angst und des Schmerzes geworden und nur wenige Tage später war es vollkommen verstummt. Sie hatte vermutet, dass, wer auch immer es gewesen war, nun endlich das Ende gefunden hatte. Sie gönnte es ihm. Hoffte, dass Gott ihn in seine Erde aufgenommen hatte, wie es jede Seele verdiente.
Zeit verging, sie schätze eine weitere Woche, als Schaf sie das nächste Mal nach einem Wunsch fragte. Sie war unvorbereitet gewesen, hatte nicht erwartet, noch eine weitere Chance zu bekommen, doch da stand er wieder und fragte ein weiteres Mal. Es war der Tag, an dem sie das erste Mal wieder Hoffnung verspürte.
Diesmal wünschte sie sich eine Taschenlampe und kurz darauf erschien Schaf und warf ihr eine entgegen. Zuerst hatte sie befürchtet, sie würde nicht funktionieren, doch als sie auf den kleinen Knopf drückte, hellte ihre Zelle in kaltem Licht auf.
Erleichterung durchströmte sie und sie begann, vor Freude zu lachen. Licht. Sie hatte nicht gemerkt, wie sehr sie es vermisst hatte, wie sehr sie es sich wieder zurück gewünscht hatte. Sie sah nun die Unebenheiten der Wände, sah die stumpfen Kanten der Toilette und all die Ecken, in denen sie ihre Zeit verbracht hatte. Die Tür wirkte groß und schwer, als das Licht sie berührte. Doch statt Furcht oder gar Zweifel, fühlte sich ihr Herz mit Hoffnung, mit Zuversicht. Sie war so glücklich, sie weinte.
Sie konnte auch ins Schloss gucken. Vielleicht bekäme sie einen weiteren Wunsch und sollte Schaf sie das nächste Mal fragen, würde sie sich eine kleine Haarklammer wünschen. Doch erstmal musste wieder Zeit vergehen. Sie zählte die Anzahl an Mahlzeiten, die sie bekam und versuchte, jedes Mal, wenn Schaf den Teller wieder abgeholt hatte, eine Linie in den porösen Stein zu kerben. Als er schließlich wieder fragte, waren es elf gewesen, also der sechste Tag nach ihrer Schätzung. Diesmal war sie vorbereitet und ohne weiteres Zögern, nannte sie ihm ihren Wunsch.
„Eine Haarklammer. Die kleinen, dünnen für einzelne Strähnen“, erklärte sie spezifisch, um auch bloß die richtige zu bekommen. Schaf lachte auf.
„Du solltest dir nächstes Mal die Schlüssel wünschen. Hättest mehr Glück damit rauszukommen“, spottete er und ließ sie wieder im Dunkeln sitzen.
Seine Worte verunsichert sie, ließen sie zweifeln, ob er ihren Wunsch gewähren würde. Doch Schaf kam wieder. Eine Weile später - Zeit, zu lang für ihre Nerven, stand er in der Tür und warf seinen langen Schatten über sie. Sie hatte erwartet, er würde ihr die Klammer entgegenwerfen und sie wieder alleine lassen, wie er es jedesmal bis jetzt getan hatte. Doch er betrat die Zelle, einen Schritt nach dem anderen, bis er dicht vor ihr stand und sich zu ihr hin kniete.
Mit ihrem Rücken zur Wand und Angst in ihren Venen starrte sie ihm entgegen. Sie konnte ihn riechen. Seinen faulen Atem, der sogar durch die Maske zu ihr durchdrang, seinen schwitzigen Körper und seine mit Rauch behaftete Kleidung.
„Ich und mein Freund da draußen würden uns doll freuen, wenn du versuchen würdest auszubrechen“, sein Gesicht war nah an ihrem und würde die Wand sie nicht zwingen, seine Präsenz zu ertragen, wäre sie davon gerannt.
Er nahm eine Strähne ihrer zerzausten Zöpfe und windete sie um seinen Finger.
„Denn sollten wir dich dann fangen, bist du freies Fleisch. Und als solches können wir mit dir machen, was wir wollen.“ Seine Stimme war gerade mal ein Flüstern in ihrer Zelle, mit beinahe einem sanften und ruhigen Ton, doch sie wusste, dass seine Worte sie verfolgen würden.
Seine Hand verließ ihre Haare und wanderte tiefer über ihre Haut von der Schulter zur Brust. Eine Gänsehaut bildete sich unter seiner kalten schwitzigen Hand. Angst und Ekel kamen in ihr hoch und ihr Herz schlug so schnell, dass sie glaubte, es hören zu können.
„Geh weg von mir“, ihre Stimme brach und zitterte wie der Rest ihres Körpers und verriet die Panik in ihrem Herzen.
Er gab ihr die Klammer und tat, was sie sagte, doch nicht ohne ein weiteres Mal ihr näher zu kommen. Ihre Nase und Kehle brannte, als er endlich von ihr trat und die Zelle verließ.
Als die Tür wieder ins Schloss fiel, war sie wieder alleine in Einsamkeit und Angst. Nein, nicht Angst, Panik. Ihr Körper zitterte und die Luft in dem kleinen Raum schien, plötzlich zu verschwinden. Ihre Augen tränten und ohne Kontrolle über ihre Bewegungen klammerte sie ihre Arme um ihre Beine und krallte ihre Nägel in ihre Haut. Blut tropfte auf den Boden, doch sie merkte es nicht, spürte den Schmerz ihres Körpers nicht. Es war in ihr, das brannte, das ihr den Leib zerriss und ihr den Atem nahm.
Sie hatte um ihr Leben fürchten müssen, hatte nun Angst, ihre Freiheit nie wieder zu bekommen, doch das hatte sie ertragen. Sie hatte geweint, geschrien, gebetet und gehofft, alles motiviert durch ihre Angst. Doch nun hatte sie Panik und sie wusste nicht, was zu tun. Es ging um ihren Körper, ihre Entscheidung darüber, eines der wenigen Dinge, die sie noch besaß, die sie für unantastbar hielt. Sie war diesen Männern vollkommen ausgeliefert, vollkommen. Jede Bewegung, jeder Satz, jeder Blick war unter deren Kontrolle. Sie würden sie töten, foltern und vergewaltigen und es hätte keine Konsequenzen. Am Ende des Tages war sie nur eine Frau, der Gnade von Männern ausgeliefert. Sie würde es nicht überleben.
Ihr Kopf sagte ihr, es nicht zu versuchen, nicht einmal daran zu denken, lieber hier drin, als deren Strafe. Doch da waren kurze Einblicke, Erinnerungen in lang vergangene Zeiten, von ihrem Bruder, ihrer Mutter und ihrem Onkel. Mit der Decke, die ihre Mutter ihr zum 10. Geburtstag gestrickt hatte, welche nun alt und ausgewaschen eines ihrer Lieblings Stücke war. Wie ihr Bruder jeden Abend, bevor sie zu Bett gingen, eine Geschichte erzählte und Mutter ihn immer dafür ausschimpfte, dass sie schlafen gehen sollten.
Sie hatte immer gedacht, die Geschichten wären Fiktion, reine Vorstellungen von ihrem Bruder, doch als sie bei ihrem Onkel ein Buch über alte Geschichte fand, entdeckte sie, dass ihr Bruder ihr wahre Begebenheiten erzählt hatte. Er hatte es so lebendig wirken lassen, dass ihr nie in den Sinn gekommen ist, dass es tote Geschichten waren. Und als er von ihr ging, war es das, was sie vor allem vermisste.
Ihr Onkel hatte ihr ab dem Moment, in dem sie das Geschichtsbuch gefunden und in einem Abend verschlungen hatte, jedes Mal eins mitgebracht. Manchmal über den Krieg von Frame, wobei die Bücher eher kurz ausfielen, oft über ‘Lavy ma Ralontu’ - Liebe der Korrupten, und seltener über den Helden von Galasca Vé, wobei sie die Geschichte am liebsten mochte. Doch am Ende war es egal, wie viele Bücher ihr Onkel mitbrachte, nie hatte es dieselbe Freude hervorgerufen wie ihr Bruder. Und ihr Onkel wusste das.
Er hatte das Thema immer vermieden und hatte stets versucht, sie auf andere Gedanken zu bringen. Er brachte ihr Dinge mit, von denen er dachte, dass sie ihr gefallen würden und mit viel Geduld und Liebe hatte er es schließlich geschafft, sie wieder lächeln zu lassen. Wenn es keine Bücher waren, die er dabei hatte, war es Schokolade und manchmal Musik, obwohl sie keine Möglichkeit hatte, sie zu spielen. Ihre Mutter hatte ihr immer verboten, über ihre finanzielle Situation mit ihrem Onkel zu reden und hatte ihn nie nach Hilfe von der Art gebeten, obwohl es Tage gab - Nein, Wochen und Monate, in denen sie es hätten brauchen können.
Was ihre Mutter gerade wohl tat? Es geschah oft, dass Wochen vergingen, ohne dass sie mit ihr sprach. Schließlich lebte sie bei ihrem Onkel in Merjedan in der Stadt und ihre Mutter blieb in dem kleinen Haus außerhalb. Als sie das erste Mal zu ihrem Onkel ging, hatte sie Angst gehabt, dass Mutter vereinsamen würde, ohne Sohn, Tochter oder Mann. Doch als sie nach einigen Monaten wiederkam, hatte die alte Frau sich Hühner anquatschen lassen und hatte nur gesagt: „Jetzt, wo ich nur noch meinen eigenen Magen füllen muss, bleibt wesentlich mehr übrig. Ich habe nie gemerkt, wie viel ihr Kinder esst.“
Und man hatte es ihr angesehen. Ihr Gesicht war voller und rosa Farbe zierte ihre Lippen und Wangen. Sie sah gesund aus, ähnelte kaum mehr dem bleichen, dünnen Bild der Frau, die sie groß gezogen hatte. Als sie ihre Mutter so sah, hatte sie ein Schwall der Schuld getroffen.
Als Kind hatte sie kaum Acht gegeben, wie viel Mutter aß oder ob überhaupt. Ihre erste Sorge war immer ihr eigener Hunger gewesen und wenn sie ein Stück Brot endlich bekam, da hatte sie nicht fragen wollen, ob jemand anderes etwas abhaben wollte. Sie wusste schließlich nicht, wann es das nächste Mal eins gab.
Doch Mutter hatte nie angedeutet, ihr irgendwelche Schuld zu geben und als sie die alte Frau auf dem Sessel ihres Vaters hatte einschlafen sehen, umzingelt von müden Hühnern, die sich um den Platz auf ihrem Schoß drängelten, waren all die Erinnerungen von damals nicht mehr so schlimm gewesen.
Nach einigen Wochen hatte sie schließlich ihre Sachen gepackt und war wieder zurück zu ihrem Onkel gereist, der sie mit offenen Armen am Gleis erwartete. Er hatte ihr liebstes Essen zubereiten lassen und sogar den Tag frei genommen, um alles über seine Schwester und ihre Zeit zu erfahren. Sie hatte ihm erzählt bis in die Nacht hinein, von den Hühnern bis zu ihrem Garten, für den sie ihrer Mutter von ihrem Onkel Samen mitgebracht hatte.
Wenn es eins gab, was sie nie vermissen musste in ihrem Leben, war es eine liebende Familie. Ob ihr Bruder, ihre Mutter, ihr Vater oder ihr Onkel, in keinem Moment hatte sie gehofft, eine andere Familie zu haben. Was würde sie nur tun, um das wiederzubekommen? Was würde sie riskieren? Alles.
Selbst wenn sie nicht wusste, ob ihr Onkel noch lebte, und ihr Bruder und Vater nicht da waren, musste sie doch versuchen, zu ihrer Mutter zu kommen, ihr in den Armen zu liegen und zu versichern, dass alles wieder ok ist, damit sie ihr dasselbe zurück flüstern konnte. Und wenn ihr Onkel noch lebte, irgendwo, vielleicht auch hier, musste sie zu ihm und ihm versprechen, dass sie da war und ihn retten könnte, so wie er es bei ihr so oft getan hatte.
Es war keine Hoffnung, die sie dazu brachte, zur Tür zu rutschen. Nein, nicht Hoffnung. Es war Liebe. Liebe zu ihrer Familie, Angst um ihren Onkel und Sehnsucht nach ihrer Mutter.
Sie wusste nicht, wer sie festhielt, ob es Männer des Senates waren und vor allem nicht, warum sie sie festhielten. Doch es war auch nicht wichtig genug, um ihre Gedanken nun zu beschäftigen.
Mit all ihren Sinnen verschärft, horchte sie, ob Schaf und Hase noch redeten, doch sie hörte nichts. Ihre Hände zitterten, als sie die Taschenlampe anknipste und in das kleine Schlüsselloch leuchtete. Sie brauchte ihre Hände frei, also klemmte sie die Lampe zwischen ihre Zähne und bog die kleine Klammer auseinander. Ohne zu zögern, steckte sie das kleine Stück Metall in das Schlüsselloch und drehte.
Ihr Vater hatte es ihr als kleines Kind beigebracht, kurz vor seinem Tod. Ihre Mutter war nicht begeistert gewesen, hatte immer behauptet, er würde das kleine Mädchen in eine Verbrecherin verwandeln. Doch egal, wie sehr Mutter versuchte, ihn davon abzuhalten, er brachte seiner Tochter bei, ein Schloss zu knacken. Er hatte immer gesagt: „Wenn sie eines Tages von dem Senat genommen wird, will ich, dass sie einen Weg kennt, um wieder zu entkommen.“
Sie selbst hatte nie gedacht, dass sie es wirklich einmal brauchte. Verhaftungen waren zwar an der Tagesordnung, doch sie war immer davon ausgegangen, dass ihr Onkel sie beschützen würde. Nun war es an der Zeit, dass sie ihrem Vater für seine Voraussichtigkeit dankte.
Das Schloss klickte mehrfach, ein Zeichen, dass es geöffnet wurde, doch als sie vorsichtig zog, bewegte sich die Tür nicht. Sie zog stärker und irgendwann rüttelte sie mit all ihrer Kraft.
Ungewollt aufzugeben, guckte sie sich das Schloss nochmal an, in der Hoffnung, dass sie etwas vorher übersehen hatte. Sie leuchtete und guckte, ging mit der Klammer nochmal die einzelnen Räder durch, um auch wirklich jedes zu öffnen. Als sie die Tür wieder zog, in dem Glauben, diesmal müsste sie nachgeben, geschah wieder nichts. Frust breitete sich in ihr aus. Doch aufgeben konnte sie nicht, dies war ihre einzige Chance auf Freiheit und die würde sie nicht nach zwei Versuchen aufgeben.
Also tüftelte sie weiter. Sie hielt die Lampe anders, verdrehte die Räder, verbog die Klammer und guckte nochmals nach. Vielleicht waren es nur Minuten gewesen, vielleicht auch Stunden, die sie es weiter probierte, doch irgendwann lehnte sie sich an die Tür und seufzte.
Das war‘s. Ihre Chance auf Freiheit, ihre Hoffnung hatten sich in Luft aufgelöst und sie hatten sich, wie die Tür vor ihr verschlossen, nie wieder erreichbar. Sie spürte, wie Tränen aufkamen, doch sie schloss ihre Augen hastig, um bloß keine fallen zu lassen. Sie würde nicht weinen, sie hat zu oft geweint, zu viel.
Das nächste Mal, als er fragte, wünschte sie sich eine dünne Feile, um sich durch das Schloss zu feilen, doch die, die er brachte, passte nicht in den Spalt. Danach wünschte sie sich einen Schraubenzieher, um die Schrauben am Türgelenk zu lösen, und tatsächlich gaben sie ihr einen. Als sie ihn ausprobierte, passte er jedoch nicht in die Schrauben.
Doch anstatt aufzugeben und über den scheinbar verschwendeten Wunsch zu schmollen, feilte sie die unpassenden Ecken des Schraubenziehers ab, was ziemlich lang dauerte und ihr die Feile ruinierte, aber als sie es das nächste Mal versuchte, drehten sich die Schrauben in die gewünschte Richtung. Sie wusste, dass sie schnell sein musste mit ihrem Plan, ansonsten würde Schaf ihre Tat bemerken und bestrafen. Ihre Wünsche waren schon transparent genug, ohne jemals etwas angedeutet zu haben.
Also schraubte sie die Schrauben locker, doch ließ sie noch an ihren Plätzen und als sie lauschte und Schafs und Hases Gerede verstummte, beschloss sie, es zu versuchen. Sie nahm die Schrauben raus, stand auf und verschob die Tür so leise wie möglich ein Stück zur Seite. Es schrappte am Boden und knirschte so laut, dass sie schon befürchtet hatte, es wäre vorbei. Doch als sie einen Moment innehielt und kein Geräusch wahrnahm, da schob sie die Tür weiter zur Seite. Sie war schwer. Doch nichts gegen ihren Willen auszubrechen.
Das Licht des Flures war gedämmt, kaum scheinend, doch kalt. Vorsichtig lugte sie durch den Spalt, den sie kreiert hatte, hervor und blickte in einen langen dunklen Flur. Am Ende war ein Tisch mit zwei Stühlen und ein paar Karten drauf, doch niemand saß dort. Dahinter war ein Fahrstuhl und da sie keine andere Tür sah, die zu keiner Zelle führte, rannte sie dorthin und drückte den Knopf. Er leuchtete auf und wenige Sekunden später öffnete sich die Tür. Sie stellte sich hinein und sah die Anzeige, auf welchem die Etagen abgebildet waren.
Sie drückte auf das Erdgeschoss und spürte, wie der Fahrstuhl sich in Bewegung setzte. Erst jetzt, als sie da stand, bemerkte sie wie schnell ihr Herz pumpte und wie das Adrenalin durch ihre Adern schoss. Sie war noch nie so aufgeregt gewesen und wäre es nicht für ihren Willen zu überleben, war sie sich sicher, hätte die Ohnmacht sie geholt. Mit dem Griff klammernd um den Schraubenzieher, als müsste sie einer Armee Wilden begegnen, wartete sie.
Die Abbildung zeigte den Fahrstuhl, wie er hochging und hochging und dann stoppte. Ihr Herz hämmerte gegen ihre Brust, dass sie Angst hatte, es würde ihre Rippen brechen. Die Tür öffnete sich und ein Raum kam zum Vorschein. Ihr Herz blieb stehen.
Sofort bereute sie, nicht noch gewartet zu haben. Der Raum war dunkel, außer eine Lampe auf einem Tisch. Ein Mann saß dort, mit dem Rücken zu ihr, über Papieren, eine Maske neben ihm liegend. Er wirkte groß, warf einen langen Schatten auf die Möbel vor ihm, mit schwarzen vollen Locken und einem breiten Rücken, dass sie wusste, sie hätte nie eine Chance gegen ihn.
Sie hatte keine Wahl. Sie musste an ihm vorbei und die Tür finden, ansonsten würde sie nie wieder ihre Freiheit sehen. Ihr Griff um den Schraubenzieher verstärkte sich, sodass ihre Knöchel herausstachen und ihre Nägel sich in das Gummi des Griffs bohrten, als sie ein paar Schritte aus dem Fahrstuhl trat. Der Mann hatte sie bemerkt. Bevor er sich umdrehte, nahm er die Maske und setzte sie auf. Seine Bewegungen waren langsam und wirkten auf sie bedrohlich. Er hatte keine Angst; sie schon.
Er drehte sich um und sie erkannte zum ersten Mal das gemalte Gesicht der Maske. Die großen Augen und der Mund, der sowohl Lächeln als auch weinen könnte. Sie hatte das Gesicht in den Büchern gesehen von ihrem Onkel. Sie hatte es für so lange angepriesen. Ironisch, dass er sie holen sollte. Der Held von Galasca Vé.
Warum sollte er nur diese Maske nehmen? Verwirrung kam in ihr auf, doch sie hatte keine Zeit, sich darüber Gedanken zu machen. Er stand auf und kam auf sie zu, seine Schritte elegant und ruhig. Sie hielt ihre einzige Verteidigung panisch vor sich, obwohl zwei Sofas noch zwischen ihnen waren.
„Ich hatte keinen Besuch für heute Abend erwartet“, sagte er in tiefer Stimme und setzte seinen Gang fort um das Hindernis herum. Es war die Stimme aus ihrer Erinnerung. So dunkel und doch so sanft, wie die Nacht. Er hatte ihr Leben gewährt, er hatte ihre Freiheit genommen und sie zu Hasen und Schaf gesteckt. Er war es.
Sie bewegte sich ebenfalls, doch in die entgegengesetzte Richtung und hielt den Abstand zu ihm Aufrecht.
„Bleib weg von mir!“
Sie umkreisten sich um die Sofas herum, wobei sie stets Ausschau hielt nach irgendeiner Tür, die wirkte, als führte sie in die Freiheit. Plötzlich blieb er vor dem Fahrstuhl stehen und sie ihm gegenüber.
„Hier ist kein Ausgang. Der einzige Weg raus führt über den Fahrstuhl und an mir vorbei.“
Nein. Das konnte nicht sein. Sie war ins Erdgeschoss gefahren, die Anzeige hatte es ihr gesagt. Hier musste es noch einen Weg raus geben.
Als hätte er ihre Gedanken gelesen, sagte er: „Die Anzeige ist falsch. Falls jemand mal ausbricht. Wir sind im Keller.“
Ihre Welt brach für einen Moment zusammen. Sie hatte ihre Freiheit erwartet, erhofft. Und nun wurde sie bitter enttäuscht, würde für ihren Versuch sterben, oder schlimmeres, erinnerte sie sich. Tränen füllten sich in ihren Augen.
„Du bist der, der mich entführt hat?“, fragte sie nur, um die Bestätigung zu haben, dass er es war, den sie jagen müsste.
„Ja.“, seine Stimme war so ruhig und friedlich, dass es den Anschein erweckte, sie führten eine gewöhnliche Konversation. Er wirkte beinahe stolz, wie er dort stand, gerade und kontrolliert.
„Seid ihr von der Regierung?“ Ihre Stimme zitterte mehr, als sie es durchblicken lassen wollte. Doch er ging darauf nicht ein.
„Da widme ich mein Leben der Vernichtung des Senates und werde gefragt, ob ich Teil dieses sei...“, meinte er, sein Ton beinahe spöttisch. Sie legte ihren Kopf schief, musterte ihn in Verwirrung. Wer war er?
„Ihr werdet versagen. Der Senat ist mächtiger, als eine Handvoll wütender Männer.“, stellte sie fest.
Er legte seinen Kopf schief, schien amüsiert zu sein von ihren Worten. „Gyphero Sconir würde dem widersprechen.“
Sie wurde hellhörig beim Namen ihres Onkels. Ihr Herz schlug wieder schneller, als sie fragte: „Wo ist er? Was habt ihr getan?“
Er schüttelte seinen Kopf.
„Sein Leben war schneller beendet, als du es dir vorstellen kannst. Dasselbe Schicksal wird dem Rest widerfahren.“
Tränen stiegen in ihren Augen auf.
„Bei Gott, was hast du getan?“, ihre Stimme brach.
„Ich glaube, dass willst du nicht hören“, seine Stimme war hauchend, voll mit Zufriedenheit und Genugtuung.
