Im Schatten der Mutter - Andreas Matthias Käppler - E-Book

Im Schatten der Mutter E-Book

Andreas Matthias Käppler

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Beschreibung

Peter wird 1946 in Dresden geboren. Die kriegstraumati-sierte Mutter hat in der Bombennacht alles verloren und lebt mit ihm in einer Wohnküche. Anrührend ist Peters beharrliche, fast verzweifelte Vatersu-che - unverständlich das hartnäckige Ausweichen der Mut-ter. Das einsame Kind erschafft sich im zerstörten Dresden eine heile Welt, fühlt sich von den Nachbarn, den Botschaf-ten des Sozialismus und einer idealisierten Mutter be-schützt. Die Mutter benutzt ihren Sohn als Partner. »Wir waren eine Kugel, die auf vier Füßen stand, und flüsterten die gleichen Worte.« Als seine Mutter der Spionage verdächtigt wird, flüchten sie in den Westen. Peters Phantasie einer heilen Welt bricht auseinander, doch er bewahrt in sich das Bild einer guten Mutter. Nach einer alkoholisierten Karnevalsfeier landet er in einer psychiatrischen Anstalt. Dort halluziniert er seine übergriffige Mutter. Kann Peter aus der Verantwortung für die Mutter zu sich selber finden?

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Seitenzahl: 217

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Andreas Matthias Käppler

Im Schatten der Mutter

Roman

Copyright: © 2022 Andreas Mathias Käppler

Lektorat: Friederike M. Schmitz, Pro Litera –prolitera.de

Satz & Umschlag: Erik Kinting –buchlektorat.net

Coverbild: Verschlungen von Birgit Borggrebe

Verlag und Druck:

tredition GmbH

Halenreie 40-44

22359 Hamburg

Softcover

978-3-347-58136-4

Hardcover

978-3-347-58137-1

E-Book

978-3-347-58138-8

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

10. Februar 1946

Ich wollte in meiner Höhle bleiben. Doch ich hörte die Schreie der mir vertrauten Stimme. Mich erschreckten das helle Licht und die kalte Luft. Ich fühlte einen Schlag und begann zu atmen.

Ich fror im Gitterbett und wimmerte. Dann spürte ich warme Hände. Sie hoben mich an die Brust. Die Milch war süß. Ich schlief ein.

Mit einem Jahr konnte ich stehen. Ich hielt mich an einem Tischbein fest und sagte: „Mama.“

1947 bis 1948

Ich stand mit meiner Mutter vor einem großen Haus. Eine weißgekleidete Frau öffnete die Tür. Sie fasste meine Hand und zog mich in das Kinderheim. Ich fürchtete mich und schrie.

Im großen Saal stellte ich mich an die Tür. Ich lutschte am Daumen und wartete auf meine Mutter. Später vergaß ich sie dann aber.

Die Tanten saßen an den Wänden. Die Kinder spielten in der Ecke.

Ich ging zum Fenster und stellte mich auf die Zehenspitzen. Im Hof bewegte sich ein Baum. In seinem Schatten lag braunes Laub.

„Peter, was machst du am Fenster?“, fragte die Frau im weißen Kittel. „Komm doch mal zu mir.“

Ich konnte schon laufen. Im weißen Saal hatte ich daran keine Freude.

Ich sah lieber den Krähen zu. Sie stritten sich vor den Mülltonnen und flogen auf den Baum. Ich hörte sie durchs Fenster.

„Warum spielst du nicht mit den anderen Kindern?“, fragte die Tante.

Ich hielt mir die Augen zu. Jetzt sah sie mich nicht mehr. Ich hörte sie meinen Namen rufen.

Morgens saßen wir am langen Tisch und aßen unseren Mehlbrei. Wir trugen die leeren Schüsseln in die Küche und gingen dann aufs Klo.

Auf den Matratzen im Saal machten wir unseren Mittagsschlaf. Die Tante setzte sich an die Wand und beobachtete uns. Wir lagen auf dem Rücken, sich zu bewegen war verboten.

Ich blinzelte. Was wohl passierte, wenn sie glaubte, wir schliefen? Sie rutschte in den Stuhl und bohrte ihren Finger in die Nase.

Sonntagmorgen wurde ich abgeholt. Die Hand, an der ich durch die Kälte lief, fühlte sich so warm an, als wäre sie von meiner Mutter. So war es dann auch.

Wir gingen in unser Fachwerkhaus. Ich erkannte es an den Balken wieder. In der Wohnküche machte sie das Licht an. Ich setzte mich auf das alte Sofa.

Sie stellte zwei Teller auf den Tisch. Es gab Brot mit Marmelade und frische Milch. Nach dem Frühstück blieb ich sitzen und sah zu, was meine Mutter machte. Sie stand auf, spülte das Geschirr im Becken, trat einen Schritt zur Seite, blickte in den Spiegel und malte sich den Mund an.

Sie sprach weiche Worte in mein Gesicht. Mir wurde schwer, ich bewegte mich nicht. Die Wanduhr tickte über der Spüle.

„Ich gehe mal Pipi machen“, sagte sie.

Ich sprang auf und lief ihr hinterher. Sie ging zum Plumpsklo hinter dem Haus. Ich wartete vor der Holztür mit dem hohlen Herzen auf meine Mutter.

Wir gingen in die Wohnung zurück, sie sagte: „Am besten, du setzt dich.“

Ich tat nichts und fühlte Wärme im Bauch.

„Peter, hast du mich noch lieb?“

Ich schüttelte den Kopf.

„Dafür habe ich dich umso lieber.“

Sie streichelte meinen Kopf. Ich behielt das Gefühl für mich und verzog keine Miene.

Jetzt traute ich mich ohne Mutter auf den Hof, zum Brunnen und zurück.

Ich fragte: „Darf ich in den Sandkasten gehen?“

„Aber nicht auf die Straße laufen.“

Ich setzte mich in den Sand und guckte hoch. Hinter dem Fenster lächelte sie mir zu. Als ihr Gesicht verschwand, rannte ich zurück ins Haus und in die Küche und schaute zitternd zu ihr hoch. Sie hob mich auf ihren Arm und sagte: „Ach, Peterchen, beruhige dich! Ich sing uns ein schönes Liebeslied.“

Sie sang mit sanfter Stimme und tanzte um den Küchentisch herum. Ihre Worte summte ich mit. Sie trank roten Wein aus einem Glas und flüsterte mir ins Ohr: „Ach, mein Schatz, jetzt wird mir so leicht wie früher in Dresden.“

Ich legte den Kopf an ihre Wange, meine Ohren kuschelten sich an ihre Worte. Mir fielen die Augen zu.

Dann stellte sie mich auf den Boden und holte die Mäntel aus dem Flur. Den kurzen und den langen mit dem Pelzkragen.

„Es wird Zeit“, sagte sie. „Ich bringe dich zurück. Heute Abend gehe ich noch tanzen.“

Sie wollte mir einen Kuss geben. Ich drehte mich weg. Der Tag mit meiner Mutter war zu Ende.

„Im Heim bist du sicher“, sagte sie. „So verliere ich dich nicht, ich habe ja nur dich.“

Sie griff nach meiner Hand. Ich versteckte sie in der Manteltasche und lief hinter ihr ins Kinderheim zurück.

Im großen Saal drückte ich mein Ohr an die Wand und hörte von nebenan ihre Stimme. Sie sang ein trauriges Lied, weil ich ihr fehlte.

Als mein Ohr nur noch rauschte, ging ich zum Fenster. Im Hof blies der Wind die Blätter von den Zweigen. Der Baum zitterte. Ich vergaß meine Mutter wieder.

Ich konnte die Tanten nicht auseinanderhalten. Die anderen Kinder riefen ihre Namen, wenn sie getröstet werden wollten.

An einem warmen Tag im Frühling sagte die Tante: „Wir machen einen Spaziergang. Frische Luft tut allen gut.“

Wir versammelten uns vor der Tür neben dem blauen Flieder. Am Zaun pflückte ich eine Blume. Ich steckte sie in meine Spielschürze.

Wir gingen eine Straße entlang. An den Seiten standen verkohlte Bäume und Häuser ohne Dächer. Vögel kamen durch die löchrigen Wände geflogen.

Vor uns fielen dunkle Wolken vom Himmel. Ich drängte mich an den weißen Kittel. Die Tante nahm mich an ihre Hand.

Sie blieb stehen und zeigte auf die Ruine auf der gegenüberliegenden Straßenseite und sagte: „Da drüben waren mal Kinder drin.“

„Wo wohnen die Kinder heute?“, fragte ich.

„Sie sind alle tot.“

Wir blickten auf die schwarzen Steine.

„Da wächst ja Gras“, sagte ein Junge.

Ein Mädchen trug Schuhe ohne Schnürsenkel und fragte die Tante: „Liegen die Kinder unter den Steinen?“

„Die sind verbrannt“, sagte sie. „Da ist nichts mehr.“

Das Mädchen weinte, ihre Tränen tropften auf die Pflastersteine.

„Sei nicht traurig“, tröstete die Tante. „Die Kinder waren sowieso alle krank.“

Ein Junge lachte. Meine Hand lag in der Faust der Tante. Ich wollte wieder zurück.

Wir aßen im Heim am langen Tisch die Rübensuppe.

1949

Als ich drei Jahre alt war, nahm mich meine Mutter aus dem Kinderheim.

„Du hast Pausbäckchen bekommen“, sagte sie. „Im Heim hast du dich gut gemacht.“

Meine Mutter kannte einen Tischler. Er baute Betten und brachte uns eines, das genau für Mutter mit Kind in das enge Schlafzimmer passte.

Über dem Bett lag eine Decke mit aufgestickten Zwergen. Sie trugen rote Zipfelmützen. Ich quetschte mich an der Wand entlang und stand vor meiner Bettseite. Sie zog die Tagesdecke auf das Fußende und sagte: „Die Zwerge bringen mir einen Prinzen.“

Als ich unter meine Federdecke gekrochen war, setzte sie sich auf die Bettkante. Sie beugte ihren Rücken und küsste mich auf den Mund. Ich spürte die Spitze ihrer feuchten Zunge, mich fröstelte.

„Schlaf gut, mein Süßer“, sagte sie und ging in die Wohnküche.

Ich wachte auf. Die Sonne warf den Schatten des Fensterkreuzes an die Wand. Meine Mutter schlief unter ihrer Decke. Ihr linkes Bein guckte hervor und lag auf meiner Seite. Ich beugte mich hinüber und hauchte einen Kuss auf ihre langen schwarzen Haare.

Beim Frühstück saß sie mir gegenüber. Sie hatte den Küchenherd in ihrem Rücken. Auf einer Platte kochte die Wäsche, auf der anderen die Eier in einem kleinen Topf.

Auf dem Tisch stand eine Schüssel. Sie war bemalt mit einer schwarzen Katze, die einem Vogel auflauerte.

„Was ist das für ein Vogel?“, fragte ich.

„Damit kenne ich mich nicht aus“, sagte sie.

Vielleicht fand sie die Katze auch wichtiger.

„Das Porzellan ist von meiner Mutter“, sagte sie.

Sie verrührte den Quark mit Zucker und schaufelte ihn in meine Schale.

„Es ist schon halb sechs“, sagte sie. „Ich habe es weit zur Arbeit, willst du nicht mal langsam essen?“

Ich schüttelte den Kopf.

„Peter, jetzt mach schon!“

Ich holte Luft und sagte: „Ich mag nicht, mir wird davon schlecht!“

Sie knallte ihre Hand flach auf den Tisch.

„Was bist du für ein undankbarer Junge!“

Sie schniefte in ihr Taschentuch und sagte: „Ich habe den Quark so wie meine Mutter zubereitet. Wir haben ihn immer gern gegessen.“

Sie füllte meinen Löffel und sagte: „Jetzt sei lieb und iss.“

Sie schob mir den Löffel in den Mund.

„Der hier ist für meine Mutter. Jetzt freut sie sich im Himmel.“

Ich schluckte den Quark hinunter.

„Noch einen für deinen Großvater.“

Ihr Bruder, die Tanten und die Onkel waren auch im Himmel. Sie hatten Hunger, dort oben gab es nichts zu essen,

Die Löffel für die Toten machten meine Mutter wieder fröhlich.

„Für den Quark habe ich mir die Beine ausgerissen. Und du sagst noch nicht mal Dankeschön!“

„Danke, Mutti“, sagte ich.

Sie leckte ihren Finger und wischte mit der Spucke meine Mundwinkel sauber. Dann ging sie aus dem Haus.

Ich rannte zum Backhäuschen des Hofes, in dem zwei uralte Omas lebten. Die krumme stand vor der Haustür.

„Mir ist so schlecht“, sagte ich ihr. „Ich muss gleich kotzen.“ Sie holte mich in die Stube, die so dunkel wie unsere Wohnküche war.

Die gerade Oma sagte: „Im Krieg war ich mal Rettungsschwester.“ Sie nahm eine Taschenlampe. „Jetzt öffne deinen Mund, dann kann ich in dich hineingucken.“

Sie drückte einen Holzlöffel auf meine Zunge und fühlte an meinen Armen, rechts und links.

„Ich glaube, bis zur Hochzeit wirst du wieder gesund.“

„So lange noch?“, fragte ich.

Die Oma mit dem krummen Rücken kicherte: „Ach Peterchen, bis es so weit ist, verstecken wir dich in unserem Bett.“

Sie schüttelten eine Federdecke und juchzten zu mir herüber. Das Oberbett sauste durch die Luft, dass ich lachen musste. Meine Übelkeit war fast verflogen. Ich stand neben einem Kachelofen, der vor Hitze schwitzte. Eine schwarze Katze schlief vor der Klappe, die andere schnurrte an meinen Beinen.

Mir fiel ein, dass ich gerade aus unserem Zwergenbett gekommen war. Ich wollte nicht bis zur Hochzeit im Bett der Omas liegen müssen. Sie könnten aber böse werden, sollte ich nicht unter ihrer Decke liegen wollen. Als ihre dünnen Finger an mir zerrten, starrte ich auf die schwarzen Fotorahmen an der Wand. Der Ofen zischte. Die krumme Oma fragte: „Peterchen, was ist auf einmal mit dir los?“

Ich erinnerte mich an ein Krokodil im Zoo, das wie tot im Wasser lag. Wie ein Blitz riss ich mich von den Omas los und stürzte an die kühle Luft des Hofes.

Ich suchte im Waschhaus mein Eimerchen. Ich fand es unter dem langen Becken und ging zur Wasserpumpe. Ab und zu klackte aus dem Hahn ein Tropfen auf die Steinplatte. Ich trat gegen den Sockel und drohte der Pumpe: „Gib mir Wasser, sonst, sonst haue ich dich!“

Der Schwengel stand schräg in der Luft. Er knarrte bedrohlich, als ich mich gegen ihn stemmte. Die Tropfen klackten in den Eimer. Ich trug ihn zum Sandkasten und schüttete das Wasser auf die Burg, die ich gestern erst gebaut hatte. Jetzt schmolz sie dahin. Ich machte sinnlose Sachen, so war es nun mal. Das Eimerchen bekam einen Fußtritt und flog in hohem Bogen vor das Fachwerkhaus.

Als der Wind die ersten bunten Blätter von den Bäumen blies, kam ich in den Kindergarten. Es wurde Zeit, ich war dreieinhalb Jahre alt. Der Kindergarten öffnete erst um sieben Uhr. Bis dahin konnte ich beim Bäcker warten. Für die Semmel legte meine Mutter einen Groschen in die Schürzentasche.

Morgens zog der Duft von frischem Brot die lange Grundstraße hinauf zu unserem Fachwerkhaus. Meine Mutter nahm mich auf der Straße an die Hand. Alleine wäre mir auch bange gewesen, weil es draußen noch stockfinster war. Sie hatte keine Angst vor Gespenstern und so hatte ich sie auch nicht.

Um uns auf der dunklen Straße froh zu machen, sang sie ein Lied: „Püppchen, du bist mein Augenstern, Püppchen, hab dich zum Fressen gern …“

Das Lied brachte uns zum Hüpfen, wir hielten uns an den Händen. Ich lachte im Dunklen und sagte: „Wir sind ganz schön meschugge.“

Jetzt sah ich auch die Sterne am Himmel blinken.

„Wir hüpfen wie die Kängurus, bis die Sonne aufgeht“, sagte sie und sang das Lied vom Augenstern immer wieder von vorn.

Ich atmete die Morgenluft in meine Beine. Mit jeder Straßenkurve, die wir hinunterhüpften, kamen wir dem Bäcker näher. Als wir vor seinem Laden standen, löste meine Mutter ihre Hand. Sie ging weiter, obwohl es noch ganz finster war.

Die Tür des Bäckers war weit geöffnet. Ich ging durch den Laden zur Backstube im Hof. Als der Bäcker mich kommen sah, rief er: „Da kommt unser Freiheitskämpfer! In deinem Alter wagst du dich alleine in die Dunkelheit!“

„Das hat mir doch gar nichts ausgemacht“, sagte ich.

„Dann bist du einer von uns“, sagte er. „Als wir jung waren, sind wir nachts durch die Straßen gezogen und haben Lieder gesungen. Wir hatten Fackeln – und du kommst ohne Licht, was bist du mutig.“

Ich stand vor seinem dicken Bauch und hob meinen Blick. Seine Mütze wackelte auf dem runden roten Kopf. Ich gab ihm den Groschen aus der Schürze für meine Semmel.

„Danke, mein Junge“, sagte er. „Die Brote dampfen schon im Regal. Die Semmeln müssen wir erst noch backen. Willst du mir dabei helfen?“

„Au ja“, sagte ich.

„Was brauchst du dafür?“, fragte er.

Ich hob meine leeren Hände.

„Mehl, Salz, Hefe und Wasser“, sagte er.

„Ist das alles?“, fragte ich.

„Wenn du Beziehungen hast, auch noch Schmalz.“

„Den hat die Nachbarin, die über uns wohnt.“

„Verrate mir, wo sie den herbekommen hat. Ist sie in der Partei?“

„Sie kennt jemanden, der ein Schwein hat.“

„Dann habt ihr ja alles.“

„Vielleicht kann ich mal zu Hause backen“, sagte ich. „Meine Mutter freut sich bestimmt.“

„Habt ihr auch einen Backofen?“

„Ja, einen mit Kohlen.“

„Den müsst ihr aber ordentlich heizen.“

„Dann lade ich das ganze Haus zum Frühstück ein, auch die Omas.“

„Zuerst wäschst du dir die Hände“, sagte er. „Dann lernst du bei mir das Backen.“

Er rührte alles in einen Holztrog. Ich blickte zum kleinen Fenster.

„Junge, bist du auch bei der Sache?“

„Ich überlege, ob ich auch die Frau von der Tankstelle zum Frühstück einladen soll“, sagte ich.

„Willst du mal ein guter Bäcker werden?“, fragte er.

„Aber ja“, sagte ich.

„Dann musst du nicht zum Fenster gucken, so wird nichts aus dem Teig. Oder willst du Löcher in den Semmeln haben?“

„Nein, das will ich nicht“, sagte ich.

Ich knetete neben seinen großen Händen. Dafür brauchten wir viel Kraft. Wir rollten den Teig zu einem Klumpen, damit sich alles gut vermischte. Wir formten kleine Bälle und legten sie auf ein großes Blech. Heute Morgen war ich ein echter Bäcker. Ich buk nicht mit Förmchen im Sandkasten und guckte auch nicht mehr zum Fenster.

Er fuchtelte mit einem Holzquirl in der Luft herum.

„Hokuspokus, ich befehle“, sagte er. „Die Bällchen sollen schlafen.“

„Warum?“, fragte ich.

„Damit sie in aller Ruhe wachsen können.“

Ich setzte mich neben das Blech und träumte im Duft des Teiges. Und tatsächlich, als ich die Augen öffnete, waren die kleinen Bälle doppelt so groß geworden. Den Zauberspruch wollte ich mir merken.

„So, mein Freiheitskämpfer“, sagte er. „Jetzt wollen wir mal sehen, wie mutig du wirklich bist.“

Er nahm ein langes Messer vom Nagel an der Wand und hielt es dicht vor meine Augen.

„Das ist nichts für ängstliche Kinder“, sagte er. „Guck weg, wenn du es nicht aushältst.“

Ich starrte auf das Messer. Er ritzte die Teigbälle mit der scharfen Klinge. Bei jedem Schnitt lachte er ganz grässlich.

Als er endlich fertig war, atmete ich auf.

„Mein Junge, du hast die Mutprobe bestanden“, sagte er. „Die Juden haben sich aus dem Staub gemacht, wenn sie mein Messer sahen.“

Ich war ja ein Kind und deshalb umso stolzer auf meinen Mut.

„Du bist jetzt mein kleiner Volksgenosse“, sagte er. „Du darfst Du zu mir sagen.“

„Ja, gerne“, sagte ich. „Du bist mein Bäcker.“

Er legte noch mehr Holz in die Flammen und sagte: „Warte ab, bald ist es so weit!“

Er schob das Blech in den Ofen. Die Hitze brachte mich zum Schwitzen.

Als der Wecker klingelte, zog er mit seinen dicken Handschuhen das Blech aus dem Ofen. Er trug es in den Laden und stellte es in das Regal. Dort dampften die knackigen Semmeln.

„Nimm so viele mit, wie du Hunger hast“, sagte er.

Ich trödelte die Grundstraße hinunter. Mein Mund war voll und warm von den Semmeln. Von Weitem sah ich schon die Kindergärtnerin mit ihrer Trillerpfeife auf dem Balkon. Sie stand dort bei jedem Wetter, auch wenn es regnete und stürmte.

Charlotte, die über uns wohnte, war vor mir im Kindergarten. Ihre rote Pudelmütze hing schon im Flur am Kleiderhaken. Sie war im Morgenrot am Bäckerladen vorbeigegangen.

Meine Lieblingstante hieß Gisela. Sie begrüßte mich: „Guten Morgen, Peter, du freust dich sicher schon, mit den anderen Kindern zu spielen.“

So war das aber nicht. Ich würde lieber ihr Baby spielen wollen und meinen Kopf an ihren Busen schmiegen. Dann gäbe es nur sie und mich und keine anderen Kinder, die mit mir spielen wollten. Das sagte ich der Kindergärtnerin aber besser nicht.

„Heute ist schönes Wetter“, sagte sie. „Wir spielen auf der Wiese.“

Wir stiegen auf einen Hügel und stellten uns in einer Schlange auf, einer hinter dem anderen. Der Erste hielt einen Holzreifen, durch den der Nächste kriechen musste. Als ich dran war, bückte ich mich nicht und hob den Reifen mit dem Rücken hoch. Die Kinder lachten. Auch die Kindergärtnerin Gisela fand meinen Fehler lustig.

Als wir wieder zurück im Gruppenraum waren, kam ein Junge mit Blut in den Augen auf mich zu.

„Ich verkloppe dich!“, rief er.

Ein anderer Junge stachelte ihn an: „Zeig’s dem Schlappschwanz. Der ist zu blöd, durch einen Reifen zu kriechen.“

Der Blutjunge rempelte und schubste mich. Ich fiel auf die Knie und weinte. Als er sich auf mich stürzen wollte, kam die Kindergärtnerin. Sie schimpfte den Jungen und half mir, auf die Beine zu kommen.

„Hast du dir wehgetan?“, fragte sie.

Ich zeigte auf mein Aua-Knie und weinte.

„Lass mich pusten“, sagte sie.

Nach dem Pusten tat das Bein nicht mehr weh.

„Peter, komm doch in die Mädchenecke!“, rief Charlotte.

Als ich mich zu ihnen setzte, sagte Karin: „Wir spielen heute Vater-Mutter-Kind.“

Ich sollte der Vater sein, wusste aber nicht, wie er mit seinem Kind sprechen musste. Karin wollte eine Schwangere spielen und hier in der Puppenecke ihr Baby bekommen. Charlotte sollte ihr als Hebamme bei der Geburt helfen. Ein Mädchen mit Zöpfen sagte, das gehe nur, wenn das Baby im Bauch einen Vater habe. Karin überlegte und sagte: „Mir fällt so schnell keiner ein.“

„Ich habe auch keinen Vater“, sagte ich. „Trotzdem bin ich auf der Welt.“

„Peter, was redest du für einen Quatsch“, sagte Charlotte. „Du kennst ihn ja nur nicht.“

„Wir können doch so tun, als gäbe es auf der Erde keine Väter“, sagte ich. „Wie wäre es, wenn wir nur Mutter und Kind spielen.“

„Das finde ich doof“, sagte Charlotte. „Mein Vater kommt bald aus der Gefangenschaft zurück.“

Das brachte mich auf die Idee, ich könnte irgendwo einen Vater haben, der hinter Gittern saß. Wenn ich wüsste wo, würde ich ihn befreien. Dann könnte er mit uns im Fachwerkhaus leben.

Am Mittag ging ich mit Charlotte nach Hause. Wir sammelten die Kastanien mit ihren stacheligen Hülsen von der Straße. Dann gingen wir über die Außentreppe in die Wohnung ihrer Mutter und steckten die Kastanien zu Riesen und Giraffen zusammen. Ich hatte Hunger. Charlottes Mutter kochte einen Möhreneintopf.

Ich ging hinter unserem Fachwerkhaus den Hang hinauf. Charlotte fütterte oben auf der Wiese ein Zicklein aus der Hand.

„Peterle, was willst du?“, fragte sie.

„Ach, nur so.“

Sonst war ich es immer, der ihr Fragen stellte.

Sie war ein halbes Jahr älter und hatte das Sagen.

Sie hielt ein Brotstück vor das Mäulchen.

„Ich glaube, das ist zu hart für die kleine Ziege“, sagte ich.

„Sie hat doch schon zwei Zähne.“

„Darf ich auch mal?“, fragte ich.

„Du musst aber näher ran“, sagte sie.

„Wo ist die Mutter vom Zicklein?“

„Im Stall.“

„Ist dort auch der Vater?“

„Der Geißbock ist schon tot.“

„Das glaube ich nicht.“

„So ist es aber.“

„Ich will, dass er lebt.“

„Das geht nicht.“

„Wem gehören die Ziegen?“, fragte ich.

„Meinem Vater.“

„Ich denke, er ist in der Gefangenschaft?“

„Wir warten noch auf ihn“, sagte sie. „Aber Peter, was ist eigentlich mit deinem Vater? Warum kennst du ihn nicht?“

„Von ihm hat mir noch niemand was erzählt“, sagte ich.

„Uns geht’s auch so gut“, tröstete sie mich.

„Ja, wir haben alles“, sagte ich.

„Lass uns Himmel und Hölle spielen“, sagte sie.

„Wie geht das?“

„Ich zeige es dir auf dem Hof.“

„Krieg mich!“, rief ich.

Ich flitzte den Hang hinunter. Sie rannte hinter mir her: „Ich krieg dich.“

Charlotte war älter, ich aber schneller. Wir lachten, bis wir unten ankamen, ohne über die Baumwurzeln zu stolpern.

Auf dem Hof hüpfte sie über die Kästchen und kam in den Himmel. Dann war ich dran.

„Du darfst nicht in die Sieben springen“, sagte sie.

So weit konnte ich nicht zählen und berührte die Sieben.

„Jetzt kommst du in die Hölle!“

„Dann sind wir nicht mehr zusammen“, sagte ich.

„Dafür erlebst du dort mehr als ich.“

Ihre Mutter schaute aus dem Fenster und rief: „Kommt hoch, ich habe euch Bemmen mit Schmalz gemacht.“

1950

Die Frau von der Tankstelle sagte, ich sollte am besten vorbeikommen, wenn die Russen kämen. Die Zapfsäule lag unten auf unserem Hof. Hinter der Einfahrt stand das Kassenhäuschen.

Es war ein kalter Wintertag. Die Frau saß hinter dem Tresen. Ihr Hintern war breiter als der Stuhl. Ich setzte mich im Mantel neben sie. Im Häuschen gab es keinen Ofen.

Das Fensterglas war beschlagen.

„Darf ich in das Glas einen Kreis reiben?“, fragte ich.

Jetzt blickten wir auf die Grundstraße. Wir warteten, ob ein Auto vorbeikam.

Ein Bus fuhr die Straße hinauf. Dann kam ein anderer von oben herunter.

„Das waren schon zwei Busse“, sagte ich.

„Das ist doch ein und derselbe“, sagte sie.

„Warum tankt er nicht?“

„Er hat schon die Oberleitung.“

Dann kam ein Pferdewagen vorbei. Auf der Ladefläche lagen dicke Kohlensäcke. Schwarzer Staub rieselte auf das Pflaster. Beide Pferde kackten, ein Gaul nach dem anderen. Der Kutscher nickte mit einem „Na, komm schon“ zu mir herüber.

Ich lief auf die Straße und las die Pferdeäpfel in meine Tüte. „Ich muss sie noch trocknen“, sagte ich im Häuschen.

„Ich höre sie schon im Kachelofen knistern“, sagte sie.

Dann sprang die Tankfrau plötzlich auf. Ein Geländewagen kam in die Einfahrt.

„Peter, guck mal, die Russen!“

Ein Soldat stieg aus, er schien es eilig zu haben. Die Tankfrau konnte nicht so schnell laufen. Sie hatte dicke Beine und wackelte zur Zapfsäule.

Als sie seinen Wagen tankte, klatschte der Russe ihr auf den Hintern, und das nicht nur einmal. Sie lachte, dass ich es im Häuschen hören konnte. Als sie zurückkam, sagte sie: „Da kann man nichts machen, die Offiziere dürfen meinen Arsch betatschen.“

Ich beobachtete den Soldaten durch den Kreis im beschlagenen Fenster. Mit seinen Falten im Gesicht sah er finster aus. Als die Tankfrau zurückkam, winkte er mich hinaus.

Ich stand vor seinen Stiefeln, die so groß waren, als gehörten sie einem Riesen. Er warf seinen Zigarettenstummel auf den Boden und zertrat ihn vor meinen Füßen. Er wühlte in meinen Haaren und riss mir eine Locke vom Kopf. Mir kamen die Tränen. Ich hörte meine Mutter sagen, die Russen können mit uns machen, was sie wollen.

Er ging vor mir in die Hocke.

„Du Angst vor Iwan?“

Seine feurigen Augen gaben mir den Mut, den Kopf in den Nacken zu werfen. Er kramte in seiner Hosentasche und hielt einen Suschki vor meinen Mund. Ich schnappte ihn aus seiner Hand.

Im Häuschen sagte die Tankfrau: „Die Russen lieben Kinder.“

Sie gab mir ein Blatt Papier. Jedes Auto, das vorbeifuhr, bekam einen Strich. So lernte ich das Zählen.

Als im späten Frühling die Rosen in den Gärten blühten, streunte ich nach dem Kindergarten durch Loschwitz. Ich zog mich auf eine Mauer der Grundstraße hoch und balancierte. Eine Frau, die mir vom Fußweg aus zusah, sagte: „Pass auf, dass du nicht runterfällst!“

Ich streckte die Arme wie ein Seiltänzer zur Seite und ließ mich bewundern.

„Junge, kommst du aus dem Zirkus?“

Den Zirkus gab es doch nicht mehr. Meine Mutter hatte mir erzählt, dass nur ein paar Affen die Bombennacht überlebt hatten. Ich schaute nicht zur Frau, das Balancieren war schließlich gefährlich.

Ich setzte mich auf die Mauer und ließ die Beine baumeln. Von dort oben sah ich den Leuten zu, die zum Körnerplatz hinuntergingen. Mit dem Rechnen kam ich gut voran. Ich zählte die Frauen und kam schon bis zur Zehn. Den Männern gab ich eine Null, weil ich keinen sah.

Am nächsten Morgen sagte meine Mutter: „Peter, über das Blaue Wunder gehst du besser nicht!“

„Ist die Brücke gefährlich?“

„Ich habe Angst, dass du dich in den Ruinen verläufst. Bleibe in Loschwitz, mach, was ich dir sage, dann ist alles gut“, sagte sie.

Nach dem Kindergarten sagte ich zu Charlotte: „Ich fahre heute mit der Seilbahn. Willst du mitkommen?“

„Heute nicht“, sagte sie.

Ich ging die Grundstraße hinunter zum Körnerplatz. Dort war die Talstation der Standseilbahn, die die Elbhänge hinauffuhr. An der Kasse merkte ich, dass ich meinen Groschen beim Bäcker ausgegeben hatte. Ich ging zu Fuß und sprang die Steintreppen der Plattleitengasse hinauf. An den Seiten standen hohe Mauern, über die der Efeu rankte.