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Achim hat nicht alles richtig gemacht in seinem Leben. Geld und teure Autos sind gerade mal wieder ziemlich weit weg und Bürgermeister von Unna ist er auch nicht geworden. Ein ziemlich hoffnungsloser Fall also, wäre da nicht dieser jahrelange Kampf für so viele Frauen und gegen so viele Behörden. Immer wieder stiegen ihm die Fahnder aufs Dach, verhinderte kleinkarierter Amtseifer den Erfolg seiner vielen Ideen, wurde er Opfer halbseidener Annahmen und Berechnungen. Und trotzdem hat Achim einen guten Kampf gekämpft. Hat Maßstäbe in einem Milieu gesetzt, die von echten Fachleuten, vor allem aber von den Frauen selbst als human und deshalb ungewöhnlich eingeschätzt werden. Und ganz am Ende hat Achim sogar vor Gericht etwas erreicht, das die ganze Branche revolutionieren könnte. Trotzdem ist Achim Megger heute weitaus tiefer „ganz unten“, als einige Spitzenpolitiker sich das überhaupt vorstellen können. Was seine finanzielle Situation angeht, jedenfalls. Gefühlt immerhin geht es ihm deutlich besser. Er ist sauber geblieben und er hat endlich dieses Buch geschrieben.
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Seitenzahl: 406
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Vorwort
Der Mensch muss doch Geld verdienen
Der Mann, der die Frauen liebte
Mein Vater, Saboteur oder Befreier
Von Hamstern und Menschlichkeit
Staatenlose sind doch auch Menschen
Royale Träume und der Absacker im Papillon
Klar kann ich Türsteher
Die im Dunkeln ermitteln
Auf der Suche nach dem Schatz der DDR
Eine Erscheinung im »Playa«
Zurück im Diesseits
Die Versuchung an der Kamener Straße
Der ganz schnelle Weg nach unten
Immer Mensch bleiben – es geht auch anders
Du fährst jetzt besser nicht mehr!
Und plötzlich bist du ein Menschenhändler
Hochadel und blaue Flecken
Tinas verräterische Schrammen
Der den Kristallaschenbecher ruhig wegköpft
Wenn die Erotik zur Nebensache wird
In der Muppet-Show
Bombenstimmung an der Kamener Straße
Meine aufregende Kamener Periode
Tina, Pierre und ein neuer Start in Unna
Flugangst in Constanta
Schöne Lage ohne Chancen
Trau keinem über 70
Die große Show am Kuckucksheim
Wenn Karren töten könnten
Die wollen uns kein Geld bringen!
Es trifft doch nicht allein den Chef
Ein anziehender Ort – immer wieder
Das ist doch hier kein Treibhaus!
Neues Prostitutionsgesetz: Gut gemeint ist das Gegenteil von gut
Leistung und Lohn – ein krasses Missverhältnis
Zwischen Irren und Behörden
Verkauft euch nicht so billig
Jede Menge Rückschläge
Reize des Sommers
Zum Glück gibt es auch sachliche Richter
Ein neuer Traum – und neue Tiefschläge
»Dann werden die Röcke im Rathaus aber kürzer«
Perfekter Service erfordert unorthodoxe Lösungen
Polit-Abend mit tiefem Einblick
Knecht Ruprecht kam etwas später
Tiefe Wunden
Was Staatsdiener wirklich interessiert
Endlich nicht mehr staatenlos
Stippvisite in der Welt der Bedeutenden
Glück und Unglück – Lieben und lieben lassen
Das Debakel in Soest
Kleinere Achtungserfolge
Öl im Keller und große Pläne im Kopf
Schlagzeilen in Breslau
Neue Größe dank Monique
Vivian – oder der Kampf ums Überleben
Niemals abstempeln
»Herr Megger, Sie haben gewonnen!«
Teilerfolg in Münster
Wer rehabilitiert mich denn jetzt endlich mal?
Es bleiben so viele Fragen
Es ist nicht alles wahr in diesem Buch. Nicht, wenn man jede Zeile wörtlich verstehen möchte. Um Menschen zu schonen, mussten die meisten Namen geändert – in einem Fall, bei »Gaby«, auch Lebensgeschichten mehrerer Frauen zusammengebaut werden. Daraus zu schließen, dass es so brutal ja dann eigentlich doch nicht zugeht auf der Straße und in vielen üblen Schuppen, wäre allerdings völlig falsch. Eher ist das Gegenteil richtig: Was sich täglich abspielt in deutschen Schmuddelzimmern, auf dem Straßenstrich und in dessen Vorhöllen, das passt in gar kein Buch. Die ganze Wahrheit würde niemand glauben können, der nicht selbst professionell dabei gewesen ist.
Und doch verbürge ich mich dafür, dass in diesem Buch wahrhaftig geschildert wird, wie es Menschen im Rotlicht-Milieu ergeht. Keine der vielen hier erzählten Einzelgeschichten ist ganz frei erfunden. Die Quelle, aus der die Geschichten fließen, ist ein ungeheurer Erfahrungsschatz. Ein Schatz, den ich durch eigene Erlebnisse und abertausend Gespräche mit Szene-Frauen erworben habe. Nicht unbedingt freiwillig, jedenfalls, was das eigene Erleben angeht. Und auch manches Gespräch hat mich lange belastet. Hätte jeden belastet, der sich einen Rest von Mitgefühl bewahrt hat.
Worum es in diesem Buch geht? Um das Schicksal eines Gastronomen, seiner Familie und seiner Freunde – einerseits! Da ich mich selbst aber nicht wichtig genug nehme, um einen reinen Lebensbericht in Buchform zu bringen, war der Hauptgrund für das Verfassen dieses Buches ein anderer: Es musste einmal die Wahrheit gesagt werden über die Szene, die mit »Prostitution« eigentlich nur sehr unzureichend bezeichnet ist. Klar hatte ich immer wieder mit Prostituierten zu tun. Auch mit Zuhältern – aber meine Erfahrungen sagen, dass diese beiden Begriffe keineswegs Schubladen darstellen können, in denen dann unzählig vielfältige Einzelschicksale und Charakter-Typen verschwinden. Und meine Erfahrungen sagen auch, dass Prostitution und Zuhälterei keineswegs auf das Rotlicht-Milieu in unserer Gesellschaft beschränkt werden können. Es verkaufen sich viele mit Leib und Seele. Viel mehr als die paar, die sich dies auch eingestehen.
Was ich Ihnen erzählen möchte, soll auch dies deutlich machen. Die Geschichte meines Lebens nutze ich daher auch für eine gesellschaftliche Aussage. Die müssen Sie am Ende natürlich nicht teilen – aber wenn ich Sie gar nicht nachdenklich gemacht hätte, wäre ich schon etwas enttäuscht.
Übrigens wäre auch meine Mutter enttäuscht, die sich so sehr auf das Erscheinen dieses Buches gefreut hat und ohne deren Erlebnisse es den meinen deutlich an Substanz fehlte. Intensive Gespräche mit meiner Mutter waren ein wesentlicher Teil der Vorbereitung dieses Buchs. Eine längere Passage gibt praktisch wörtlich einen Erlebnisbericht wieder, den sie im Herbst 2012 gegeben hat. Das Gesamtergebnis konnte ich ihr leider nur noch in einer knappen Zusammenfassung erzählen. Ich hoffe, dass sie das ein wenig getröstet hat, als sie sich von ihrem überraschenden Schlaganfall Mitte Dezember 2013 nicht mehr erholen konnte und in eine hoffentlich bessere Welt hinüber dämmerte. Meine Trauer ist immer noch unendlich tief – aber mit dieser Veröffentlichung erfülle ich ein Versprechen. An einem weiteren arbeite ich übrigens noch: »Du musst lernen, den Menschen zu verzeihen«, waren so ziemlich die letzten Worte, die mir meine Mutter mitgegeben hat. Es wird nicht leicht sein, aber ich habe tolle Vorbilder.
Und selbstverständlich widme ich dieses Buch meinen Eltern, denen ich so viel zu verdanken habe und die mich immer in der Spur gehalten haben, wenn es mal wirklich bedrohlich wurde. Ähnliches gilt natürlich für meine Freunde. Die echten Freunde – also alle die, die mich wirklich kennen!
Noch eine Winzigkeit zu meiner Person: Ich bin tatsächlich derjenige, dessen reale Erlebnisse den roten Faden in diesem Buch abgeben. Ihnen sprachlich Ausdruck zu verleihen, hat ein anderes Ich geholfen: Mein Ko-Autor Werner Wiggermann.
Was Sie nun selbst angeht, liebe Leserin/lieber Leser, so wünsche ich Ihnen viel Spaß und Stoff zum Nachdenken. Ab der nächsten Seite werde ich Sie dann übrigens ab und zu duzen. Nehmen Sie’s bitte nicht als Respektlosigkeit, sondern nur als das Angebot einer gedanklichen Nähe, das Sie natürlich jederzeit auch wieder ausschlagen können.
Ja klar, ich war der Mann, der alle Frauen liebte. Bin ich doch heute noch. Nach 34 Jahren Gastronomie-Erfahrung in unserem schönen, reichen und so hochtechnisierten Land. Da könnt ihr fragen, wen ihr wollt.
Ich meine, ihr müsst schon halbwegs die Richtigen fragen. Die, die das Geschäft wirklich kennen und vor allem die, die darunter gelitten haben. Und natürlich müsst ihr die fragen, die vergleichen können. Ich kenne einige von denen. Wie sollte es anders sein? Ich habe lange mit ihnen gelebt. Und immer auch mitgelitten, das könnt ihr mir glauben!
Ja es stimmt schon, ich habe manchmal auch etwas Geld verdient mit ihnen. Der Mensch muss doch Geld verdienen. Schon damit er überhaupt Steuern zahlen kann. Und das mit dem Geldverdienen, das kann er so oder so tun. Ganz egoistisch, ohne Rücksicht auf irgendwen – oder eben mit Achtung vor seinen Partnern. Partnerinnen und Partnern, muss es hier wohl wirklich heißen. Und ich meine tatsächlich immer, auf das Geschlecht kommt es hierbei gar nicht so an. Achtung oder nicht, das ist der entscheidende Gesichtspunkt.
Wahrscheinlich nicht nur in meinem Gewerbe, sondern eigentlich überhaupt, wo Menschen miteinander zu tun haben. Was ich erlebt habe und weiter erlebe, ist doch nur ein Spiegelbild der Gesellschaft. Aber eines, an dem man unglaublich viel erkennen kann. Ich spreche von einem Gebiet, das doch irgendwie die Keimzelle, der Anfang von allem ist: Ohne menschliche Triebe gäbe es nämlich gar nichts. Ohne sie wären wir in der Evolutionsgeschichte längst auf dem Abstellgleis. Auf die Gefühle, die hier die maßgebliche Rolle spielen, baut doch alles auf. Nur wegen dieser Gefühle leben wir.
Attraktive Menschen steuern sehr oft diese Gefühle, haben manchmal sogar eine Wirkung, die den kalten Verstand für eine Weile ausschaltet. Und das ist auch gut so! Denn nur mit unseren Gefühlen sind wir vollständige Menschen. Höhen und Tiefen sind hier unglaublich intensiv und liegen dicht beieinander. Deshalb kannst du als Erotik-Fachmann eben Dinge erkennen, die andere nie blicken werden.
Deshalb ist das so wichtig, was ich zu sagen habe.
Und jetzt hört mir mal zu, jetzt muss endlich alles raus. Vor allem dies: Die Frauen müssen einfach viel respektvoller behandelt werden! Hier, ich meine in unserem sonst so schönen Land, geht inzwischen ja so vieles vor die Hunde.
Ich weiß doch, wie das läuft. Nach 34 Jahren in der Gastronomie. Ja, Gastronomie, das ist mein Metier! Alles andere sind Hirngespinste von diesen verklemmten Typen, weißt du, was ich meine?
Hör mal, ich weiß bald nicht mehr, wie das alles noch weitergehen soll. Echt, manchmal glaub ich wirklich, ich bin im ganz falschen Film.
Und da erlebe ich Dinge, die kannst du nicht einfach so wegstecken. Auch wenn du nach außen einen total abgebrühten Eindruck machst. Nur mal ein kleines Beispiel zum besseren Verständnis:
Anfang August 2013 stand plötzlich Dana in unserem Club in Unna-Königsborn auf der Matte. Eine kleine, zarte und früher einmal wirklich sehr attraktive Polin. Immer noch in den besten Jahren, ist man versucht hinzuzufügen – wenn man auf den Personalausweis schaut. Danas Gesicht kann aber längst die Spuren dessen nicht mehr leugnen, was Drogen, Gewalt und tausende Billigfreier dieser Frau angetan haben. Zudem passten an diesem Tag die roten Augen überhaupt nicht zum früher geheimnisvollen Ausdruck dieser verfallenden Blondine. Sie hatte einfach ein paar Tage lang überhaupt nicht geschlafen und stand dicht vor dem völligen Zusammenbruch.
Als ich Dana vor acht Jahren kennenlernte, war noch nichts von diesem Verfall zu sehen gewesen. Sie gehörte damals zu den beliebtesten Frauen, die in meinem Club verkehrten. Weil ihr Gesamtauftritt einfach passte: Feine Gesichtszüge, gute Figur mit eher zarten aber doch sehr viel versprechenden Rundungen, geschmackvolle Kleidung, perfekte Bewegungen und ein verheißungsvolles aber nie zu offensives Lächeln. Sie zog die Männer reihenweise auf elegante Weise in ihren Bann – und die betrachteten es als echte Auszeichnung, Dana ein ebenso prickelndes wie Umsatz stärkendes Getränk zu spendieren.
Ja, ich gebe es zu: Ich habe Dana einiges zu verdanken. Ihre vielleicht einzige echte Schwäche war die schon damals auffällige Anziehungskraft, die Spielautomaten auf sie ausübten. Etwas zu oft begab sie sich offenbar auf die Suche nach dem klingelnden kleinen Glück – und erzählte hin und wieder von erlebten und sicher bald kommenden Glückssträhnen. Wahrscheinlich hätte ich sie mal ernsthaft darauf ansprechen müssen. Weil sie die Situation aber noch im Griff zu haben schien und weil ein bisschen Gewinn-Träumerei ja auch gar nichts Besonderes sein muss, ließ ich es.
Und natürlich, weil sie einfach wohltuenden Glanz um sich herum verbreitete. Aber nicht nur wegen ihrer sehr hilfreichen Wirkung auf den Clubumsatz mochte ich Dana. Da war so etwas Behütenswertes in ihrer Erscheinung, das mich immer anspricht. Deshalb ging es mir auch ein bisschen unprofessionell nahe, als sie eines Tages verschwand.
Es war wie so oft. Sie hatte einen dieser Typen kennengelernt, die den Mädchen, ihren späteren Opfern, immer wieder Flausen in den Kopf setzen. Von ganz anderen Möglichkeiten, von der Großstadt, vom schnellen und leicht verdienten Geld. Ja, vielleicht war sie sogar ein bisschen verliebt in den Macker. Auch diese Masche haben die Lockvögel drauf. Und viele Mädchen können sich in solchen Situationen emotional überhaupt nicht wehren.
Ich selbst kann meistens gar nichts tun. Auch dann nicht, wenn ich die Gefahr sofort erkenne. Schließlich leben wir in einem freien Land: Jeder kann kommen und gehen, wann und wohin er mag. Mit der kleinen Einschränkung, dass diese Freiheit für Milieu-Frauen sehr schnell an harte Grenzen stößt. Dann jedenfalls, wenn sie nicht in so anständigen Clubs wie meinem verkehren.
Den entscheidenden Unterschied bekam Dana bald zu spüren. Mit dem Beitrag zum gemeinsamen Erfolg, den sie bei mir erzielt hatte, waren ihre neuen Geschäftspartner schon nach wenigen Tagen nicht mehr zufrieden. Man sagte ihr, was und wie viel sie zu tun hatte. Ganz gleich, ob sie sich ekelte, ob sie gesundheitliche und auch Schmerzgrenzen überschreiten musste oder einfach erschöpft war. Und als ihre Kraft zu versiegen drohte, half ihr Zuhälter mit Drogen weiter. Zur emotionalen kam also rasch die körperliche Abhängigkeit.
Ein Weiteres trug die inzwischen krankhaft weiterentwickelte Spielleidenschaft zu Danas Niedergang bei. Eine Abwärtsspirale mit mehreren Stellschrauben, an denen gewissenlose Zuhälter stets zu drehen verstehen. Was für Dana einmal selbst bestimmte Dienstleistung gewesen war, geriet nun zur täglichen Folter. 30 und mehr Männern musste sie jeden Tag zu Willen sein. Kein Ausweg in Sicht. Kein eigenes Geld, keine Hoffnung, kein Leben!
Mit einer kleinen List – die unappetitlichen Einzelheiten erspare ich dir an dieser Stelle – schaffte es Dana dann im Sommer, für einen Tag eine winzige Auszeit zu bekommen. Sie kam nach Königsborn und erzählte mir einen Auszug aus den Grausamkeiten der vergangenen Jahre. Ich kann dir sagen, ich habe schon einiges erlebt und gehört. Aber wenn du es so hautnah von einem Menschen geschildert bekommst, der dir einmal nahe gestanden hat, dann bist du erst mal fix und fertig.
Genauso ging es übrigens auch Karina und Marika, die Dana ebenfalls zuhörten.
»Wir müssen ihr helfen, Achim«, sagten ihre Blicke bald. Ja klar, aber wie soll ich das machen? Dana wieder in den Club lassen – das brächte mehr Ärger, als wir verkraften könnten. Ich kenne diese Typen, die Dana jetzt als ihr Eigentum betrachten! Die stellen mir nicht nur die Bude auf den Kopf, wenn ich jemand gegen ihre Interessen in Schutz nehme. Die machen auch vor anderen Frauen nicht halt, die bei mir verkehren. Glaub mir, ich riskiere mehr als meine eigene Gesundheit, wenn ich denen in die Quere komme!
Also riet ich Dana zuerst einmal, zur Polizei zu gehen, aber das wollte sie auf gar keinen Fall.
Was also tun? Ich könnte Dana unter neuem Namen in eine neue Umgebung vermitteln. Vielleicht nach Polen bringen. Dazu müsste sie aber erst einmal selbst ausreißen und irgendwie an ihren Pass kommen.
Inzwischen besteht leider kaum noch Hoffnung. Auch meinen Tipp, sich bei der Mitternachtsmission in Dortmund zu melden – die helfen eigentlich immer ziemlich effektiv – schlug sie in den Wind. Dana ist jetzt in ihren alten Club zurückgekehrt und macht irgendwie weiter. Noch eine Zeitlang. Bis zum endgültigen Zusammenbruch – oder bis zu dem Punkt, an dem ihre Ausbeuter erkennen, dass nun wirklich kein Geld mehr mit ihr zu verdienen ist. Vielleicht wird das eine Erlösung sein. Aber man wird schon einen starken Glauben brauchen, um dies so sehen zu können.
Vorerst tut Dana jedenfalls alles, was von den Resten ihrer körperlichen Attraktivität und ihrer Persönlichkeit verlangt werden kann. Ich möchte gar nicht genau wissen, welch überzeugende »Argumente« ihre Geschäftspartner für die erfolgreiche Wiedereingliederung angewendet haben. Falls sie doch noch einmal die Kraft zum Ausbruch aufbringen sollte, könnte ich vielleicht helfen. Und wenn es so sein sollte, dann schweigt man auch in der Öffentlichkeit besser über die Einzelheiten.
Leider ist Dana alles andere als ein Einzelfall. Die Zeiten sind schwer geworden, besonders seitdem es dieses Prostitutionsgesetz gibt. Das hat sich nämlich absolut als Fass ohne Boden erwiesen. Als Versuch, etwas zu regeln – ohne dabei Klarheit im Sinne der Betroffenen zu schaffen. Die Folge daraus war: Jeder macht, was er will. Und so wird überhaupt nicht unterschieden zwischen denen, die das Geschäft anständig ausüben und den vielen Kriminellen in der Szene.
Und weißt du, wem diese ganze Unordnung nützt, wem das alles ganz allein nützt? Nur dem Staat, nicht den Menschen, schon gar nicht den Frauen. Und das kann’s doch wirklich nicht sein!
Ich finde es absolut beschämend, wie die Politik seit mehr als zwölf Jahren über das Prostitutionsgesetz spricht. Für die meisten Politiker sind die Frauen nur Menschenmaterial in einem großen, oft völlig unterschätzten Wirtschaftszweig. In der Dienstleistungs-Branche, muss man eigentlich sagen. Nennen wir das Ergebnis dieser Dienstleistung ruhig Psycho-Hygiene. Es ist das, was da in Gesprächen und Berührungen immer wieder stattfindet. Die Frauen leisten Dienste, die andere Leistungsträger dieser Gesellschaft in der Spur halten.
Sehr wichtige Dienste also im Hinblick auf das große Ganze unserer Gesellschaft. Eine vernünftige Lobby, also eine mit Einfluss und echtem Durchblick, haben die Frauen aber absolut nicht – ich meine, wenn man von mir jetzt mal absieht.
Wie sollten sie denn auch? Die Frauen in der Erotik-Branche könnten sich ja gar keine Lobbyisten leisten! Warum? Für alle, die es noch nicht mitbekommen haben: Deutschland ist an sehr vielen Stellen längst zu einem Billiglohnland geworden. Und das trifft auch für das sogenannte horizontale Gewerbe zu, in dem es oft vor lauter Elend schon nicht einmal mehr horizontal zugeht.
Viele Frauen suchen nach einem Zuverdienst in der Erotikbranche, weil sie ihren Familien wenigstens einen gewissen Mindeststandard bieten wollen. Weil sie und ihr Partner von einem viel zu geringen Lohn leben müssen. Und manchmal auch, weil sie einfach zu stolz sind, als Arbeitslose oder »Aufstocker« ins Rathaus oder in die Arbeitsagentur zu gehen und etwas staatliche Almosen anzunehmen. Auch wenn sie einen klaren Rechtsanspruch auf Hilfe haben. Wer mal in der Arbeitsagentur um ein Kinderbett oder einen Staubsauger kämpfen musste, ich meine mit einem richtig schön missgünstigen Sachbearbeiter kämpfen musste, der weiß Bescheid.
Und da kann sich ein wahlkämpfender Spitzenpolitiker noch so schön fernsehwirksam mit einer Antragsstellerin in eine Agentur begeben und einen Fall glücklich wenden – am Prinzip und für die vielen tausend Betroffenen ändert das doch gar nichts.
So wenig, wie die natürlich sehr segensreichen Tafeln die soziale Situation ihrer Klienten grundsätzlich ändern. Das ist doch einfach nur beschämend, dass Menschen bei uns überhaupt für ein paar abgelaufene Lebensmittel in der Schlange stehen müssen. Zu beschämend für viele Frauen, die dann einen – wie sie meinen – etwas würdevolleren Weg ins ganz kleine Glück suchen.
Das 2002 in Kraft gesetzte Prostitutionsgesetz schien ihnen diesen Weg etwas leichter zu machen. Aber: Sollte es eigentlich wirklich Zufall sein, dass Hartz IV und Prostitutionsgesetz in relativ geringem Zeitabstand durchgesetzt wurden?
Die Antwort könnte in einer kleinen Begleiterscheinung liegen, die damals gar nicht so stark diskutiert wurde: Als das neue Gesetz kam, wurden die Frauen, auch die sporadisch horizontal arbeitenden, alle auf einmal zehn Jahre rückwirkend geschätzt. So entstanden schnell neue Steuereinnahmen und andererseits nahm das Sozialdesaster seinen Lauf: Hohe Steuerschulden hielten die Frauen in der Branche fest, machten sie zum Freiwild, weil immer mehr billige Konkurrenz auf den Markt drängte. Menschen, die schon unter ganz erheblichem Druck standen, wurden also noch mehr unterdrückt.
Und das Gesetz wurde auch nicht verändert, als die Wirkungen schon abzusehen waren. Ehrlich, wenn die Frau Merkel wirklich Klasse hätte, dann hätte die aber schon längst einiges anders machen müssen. Wer soll denn Fortschritte für die Frauen erreichen, wenn eine Frau an der Spitze der Regierung das nicht fertig bringt? Was das sein soll, willst du wissen? Also gut, ich erzähl jetzt mal ein bisschen.
Du musst übrigens keine Angst haben, dass ich auch die wirklich peinlichen Sachen erzähle, Siggi. Natürlich schreib’ ich nicht alles. Nicht mal deinen Namen – siehst du ja!
Diskretion habe ich schließlich schon in ganz jungen Jahren gelernt. Mit 16, genauer gesagt. Damals musste ich für meinen älteren Bruder öfter mal ein paar Porno-Filme aus der Videothek holen – mit Vollmacht ging das natürlich nur. Und wenn ich dann in der Erotik-Ecke einigen älteren Bekannten aus der angeblich anständigen Welt begegnete, zuckten die zwar ein wenig zusammen, konnten sich aber auf mein Schweigen verlassen.
So wird es auch jetzt sein. Wenn sich irgend jemand durch Geschichten in diesem Buch in irgendeiner Weise öffentlich vorgeführt fühlen sollte, weil er sich zum Beispiel in einem peinlichen Zusammenhang wiedererkennt, so entschuldige ich mich bereits jetzt dafür. Das war natürlich niemals beabsichtigt!
Aber schreiben muss ich eben doch. Immer war ich zurückhaltend, fast demütig. Weil das ja auch zum Geschäft gehört. Wer die Klappe nicht halten kann, ist da gleich unten durch. Und doch: irgendwann kannst du nicht mehr schweigen. Diesen Jahrzehnte langen Hirnstress, den muss ich jetzt endlich mal los werden. Ja, ich möchte mit diesem Buch meinen Kopf wieder frei kriegen. Endlich die Wahrheit sagen – alles, was ich weiß. Na ja, vielleicht fällt mir irgendwann später ja doch noch mal was ein.
Aber anfangen muss ich jetzt – am besten mit mir selbst. Wie ich das geworden bin, was ich heute bin. Warum das alles so gekommen ist.
Und warum ich jetzt endlich, nach 50 Jahren auf dieser schönen Welt, auch mal in Frieden und ohne stets missgünstige beamtete Begleitung leben möchte.
Mein Einstieg ins Arbeitsleben vollzog sich im Sommer 1979 und er hatte mit der Welt der Schönen und Wohlhabenden aber auch nicht das Geringste zu tun. Ein heißer grauer Tag war das damals. So heiß wie ein Augusttag in der guten alten Zeit und so grau, wie die Tage auf der Zeche eben in Wirklichkeit waren. Ehrlich, ich glaube, einen Farbfilm hättest du da gar nicht drehen können.
Und schon der Geruch.
Eine Kokerei gab’s zwar nicht mehr in Bönen. Die war drei Jahre vorher abgerissen worden. Ich kann mich aber noch gut daran erinnern, wie es in Pelkum auf Heinrich Robert war, wo man manchmal vorbei kam. Das stank einfach unerträglich, geradezu ungesund – und das war es ja auch, wie wir heute wissen. Wahrscheinlich wussten das auch damals schon viele – sie haben’s uns nur nicht gesagt.
Diese Taktik ist heute noch sehr beliebt in Politik und Wirtschaft. Aber wem erzähle ich das?
Unglaublich, dass Menschen in der Nähe solcher Anlagen wohnen können. Konnten sie aber und wollten sie auch. Der Mensch gewöhnt sich eben an alles Mögliche. Und deshalb war ein Leben als Bergarbeiter etwas völlig Normales damals. Die Leute litten nicht mal besonders unter der schweren Arbeit unter Tage. Unter Staub und Hitze und Enge. Sie verglichen ihre Situation eher mit den Arbeits- und Lebensbedingungen von früher. Und so gesehen, ging es ihnen inzwischen ja richtig gut: Unter Tage war die tödlich krank machende Staubbelastung durch moderne Technik weitgehend bezwungen. Die Gefahr schwerer Unfälle war längst nicht mehr so groß wie einst – und es wurde inzwischen auch gutes Geld verdient im Bergbau. So viel, dass sich die Familien etwas leisten konnten. Und manchmal eben auch ganz besonders der Familienvater.
Trotzdem: Gern bin ich da am Anfang bestimmt nicht hingefahren. Eigentlich hatte ich nämlich Tischler werden wollen. Oder noch besser: Fußballprofi. Aber die Lehrstelle auf der Zeche, die konntest du eben leichter kriegen. Übrigens: So schlimm war es dann auch gar nicht. Und so gesehen wär’ das heute auch nicht schlecht, wenn es solche Stellen wieder gäbe. Ist doch gar nicht so schrecklich, wenn du mal ein paar Schwielen kriegst und dich ein bisschen schmutzig machst bei der Arbeit.
Ist ja nur äußerlich.
Glaub mir, es gibt Schlimmeres!
Ne solide Ausbildung, die ist was wert im Leben. Auch wenn du später was ganz Anderes machst, so wie ich.
Aber ich wollte ja von Anfang an erzählen. Also pass auf:
So ein ganz komisches Gefühl war das also, als ich an diesem Mittwochmorgen nach Bönen fuhr. Mit dem Zechen-Bus natürlich, ein Auto hatten wir gar nicht – und außerdem wäre mein Vater ja nie auf den Gedanken gekommen, mich zu kutschieren. Selbst wenn er Zeit gehabt hätte.
Bergmechaniker, das sollte es werden für mich? Klar, klang ganz gut. Irgendwie nach mehr als einfach nur »Malocher«. Und es war auf jeden Fall besser als nichts. Aber richtig gut war’s eben auch nicht, fand ich. Um was Besseres zu kriegen, hätte ich mich wohl vorher mehr anstrengen müssen in der Schule. So musste ich mich jetzt erst mal am Schraubstock ins Zeug legen. Mit der Feile.
Hört sich übrigens auch viel schlimmer an, als es wirklich war. Die Arbeit in der Ausbildungswerkstatt der Schachtanlage Königsborn III/ IV formte mich insgesamt sehr positiv, würde ich heute sogar sagen. Du bekommst ein Gefühl für das Metall, für gutes Werkzeug und vor allem für das eigene Durchhaltevermögen. Später bin ich dann natürlich auch unter Tage gewesen. 1100 Meter tief angefahren und in einem 1-Meter-Streb die Kohle gepannt. Platzangst durftest du da nicht haben. Und für Arbeitsscheue war das auch entschieden die falsche Umgebung.
Ich bin eigentlich ganz gut klar gekommen – aber dann hatte ich eben doch wieder andere Sachen im Kopf: Fußball und vor allem Mädchen, denn ich schaute mir damals schon die schönen Frauen im Playboy an und war fasziniert davon.
Mit 14!
Ja, ich war wohl wirklich ein bisschen frühreif. So machte ich auch sehr früh Erfahrungen, die später meinen Weg und mein Denken bestimmen sollten.
Mein Vater hatte dafür übrigens damals überhaupt kein Verständnis. Ich meine dafür, dass ich den Playboy spannender fand als meine wöchentlichen Ausbildungsberichte oder die Weisheiten aus der Berufsschule. Merkwürdig eigentlich, denn sein eigener Lebensweg ist doch auch wirklich ganz stark von den Frauen gelenkt worden. Von einer jedenfalls.
Und deshalb sind wir dann alle staatenlos geworden: Meine Mutter, meine vier Geschwister und ich! Weißt du eigentlich, was das für ein Gefühl ist? Na, lange wusste ich das auch nicht. Erst als die mich plötzlich rausschmeißen wollten aus Deutschland. Nur weil mein Pass abgelaufen war. Denn den musste ich eigentlich alle zwei Jahre verlängern, obwohl ich hier geboren bin. Als ich das Melden mal versäumt hatte, drohte mir plötzlich die Ausweisung. Mir, einem Königsborner Jungen, hast du dafür Töne? Ich hatte jedenfalls welche: »Ja, wo wollt ihr mich denn eigentlich hin schicken?«, habe ich damals im Rathaus gefragt. Da wurde der Typ von der Meldebehörde schon etwas ruhiger. Das wäre nur ein Behördliches Formular, grummelte er.
Ja, der guckte vielleicht kariert, als da einer vor seinem Schreibtisch nicht gleich so richtig kuschte, und der behördliche Ordnungseifer erlosch erst mal.
Und doch kam keine wirkliche Freude auf bei mir: Ich wurde zwar mangels eines vernünftigen Reiseziels natürlich nicht abgeschoben, aber eine amtliche Heimat hatte ich ja wirklich nicht. Polen wäre vielleicht in Frage gekommen oder Frankreich, weil mein Vater daher kam. Aber ich konnte doch kein Wort Polnisch oder Französisch. Kann ich ja heute fast noch nicht, obwohl ich inzwischen einen polnischen Pass habe, aber das ist wieder eine andere Geschichte.
Also jetzt mal wirklich der Reihe nach: Ja, auf meinen Vater war ich sehr stolz. Bin ich stolz, müsste es besser heißen, denn der Respekt vor seiner Lebensleistung und seiner Persönlichkeit ist mit den Jahren immer größer geworden. Vater war erst französischer Soldat und später ein polnischer Unteroffizier. Und er war sogar bei der Befreiung von drei KZs beteiligt! Danach hat er für unser Wirtschaftswunder die Kohlen aus der Erde geholt und sich dabei diese tückische Bergmannskrankheit eingefangen, an der so viele elend sterben mussten. Ein aufrechter Mensch und ein echter Held des Alltags.
Gerade deshalb versuche ich ihm ähnlich zu sein. Er hat nämlich immer den Menschen in allen gesehen, hat sich mit aller Kraft für andere eingesetzt und das mache ich auch. Bei allem, was ich tue.
Auch wenn das für einige jetzt komisch klingt.
Vater stammte aus Chelmo in Westpreußen, Polen also, und war mit seiner Familie mit fünf Jahren nach Frankreich gekommen. Wurde dort später Bergarbeiter, ging dann zur französischen Armee und wurde deshalb schon 1940 von seiner Familie getrennt.
Meine Mutter erzählt das immer so: »Als der Deutsche damals Frankreich überfallen hat, konnte Paul plötzlich nicht mehr nach Hause.« Merkst du, wie merkwürdig das klingt? »Der Deutsche« – und Mutter war und ist doch selbst Deutsche! Aber das zählt nicht mehr, wenn du mit den Betroffenen fühlst. Mit den Menschen, denen gerade Unrecht geschieht. Und dazu gehörte damals nun mal auch die Familie meines Vaters.
Jedenfalls saß der nach dem Waffenstillstand von Compiégne 1940 ziemlich tief in der Zwickmühle. Einerseits war er Soldat, völlig legal und unbehelligt im unbesetzten Süden Frankreichs. Andererseits lebte die Familie bei Lille in dem von den Nazis besetzten Nordfrankreich.
Und weil der junge Mann das nicht aushielt, schlug er sich mit einem etwas gewagten Trick nach Norden durch. Zivile Klamotten besorgte er sich bei einem Bauern, einen Pass, mit dem er als Zivilist die Demarkationslinie hätte überqueren können, besaß er aber eben nicht.
Dafür besaß Pavel Megger jede Menge Vertrauen in das Glück des Tüchtigen – und eine ordentliche Portion Kaltschnäuzigkeit. Am Kontrollpunkt entdeckte er eine junge Mutter, die mit ihrem Kind über die »Grenze« wollte. Pavel sprach sie an und überredete sie, sich als seine Ehefrau auszugeben. Um die Version glaubhafter zu machen, nahm er das Kind auf den Arm und kam unbehelligt mit »seiner Familie« durch.
Im Norden fand Vater dann schnell einen Job – allerdings nicht als freier Mensch, sondern praktisch als Zwangsarbeiter, der für die deutsche Besatzungsmacht schuften musste. Da wurde ja schließlich reichlich investiert – wenn auch meistens in ziemlich fragwürdige Sachen. In Le Havre beaufsichtigte er als Vorarbeiter Kriegsgefangene beim U-Boot-Bunkerbau.
Später wurde Vater dann in einen Betrieb in Arras versetzt, der Teile für die V 2-Raketen herstellte. Auch da kamen viele Gefangene zu einem Einsatz, den man eigentlich nur widerwillig ausführen kann – und es ging immer wieder was schief: Die Raketen explodierten zu früh oder flogen in die ganz falsche Richtung. Mutter berichtet, dass einmal sogar ganz in ihrer Nähe, in Dortmund-Wickede, so’n Mistding runter gekommen sei. »Ich war gerade am Fensterputzen – und wie der Knall kam, saß ich unterm Tisch«, erzählte sie, als wir mal über die ganze Kriegszeit sprachen.
Gut, dass sie damals ihren Paul, also meinen Vater, noch nicht gekannt hat. Sonst wär’s vielleicht doch nichts geworden mit den beiden. Schließlich war er irgendwie beteiligt an der Produktion der unzuverlässigen »Wunderwaffen«.
Manche meinten sogar, er wäre ziemlich direkt an einem der vielen Fehlschläge beteiligt gewesen. Denn irgendwie wurden immer wieder Schuldige gesucht für das häufige Versagen der Raketen. Ständig gab es Hinrichtungen. Und wenig genügte bekanntlich, um die Schuld eines Kriegsgefangenen oder »Fremdarbeiters« für erwiesen zu halten. So stand dann eben plötzlich auch Pavel Megger am Pranger. Sabotage warf man ihm vor. Und Saboteuren drohte in jedem Fall die Todesstrafe. Das Vergehen war nach Nazi-Rechtsprechung schlimmer, als Mitbürger zu quälen und totzuschlagen, als Schaufenster ehrbarer Kaufleute einzuschlagen oder Häuser abzufackeln.
Ob Pavel Megger wirklich absichtlich zugelassen hat, dass den Deutschen fehlerhafte Teile geliefert wurden, darüber hat er nie so richtig deutlich gesprochen. Vielleicht aus Respekt vor Mutter, der ja beinahe die Brocken um die Ohren geflogen wären. Verständlich wär’s aber wohl gewesen, wenn er nicht mit letztem Pflichteifer bei der Sache gewesen wäre. Damals, als gebürtiger Pole, gefühlter Franzose und humaner, also politisch richtig tickender Mensch.
Jedenfalls sollte Pavel direkt an die Wand gestellt werden. Aber meine Oma, die als Westpreußin gut Deutsch konnte und überhaupt eine in vielerlei Hinsicht überzeugende Frau war, sprach mal mit dem General.
Und sie konnte ihren Sohn tatsächlich vor dem Erschießen retten.
Vater aber hatte jetzt endgültig genug vom gefährlichen Leben im besetzten Frankreich. Er schlug sich wieder durch alle Linien und folgte dem Aufruf des Generals Sikorski, der bekanntlich von 1939 bis 1943 Chef der polnischen Exilregierung war.
Pavel Megger meldete sich freiwillig zur polnischen Armee. Er wurde noch Unteroffizier und Panzer-Kommandant. Kurz vor Kriegsende konnte er mit seiner Einheit sogar drei Konzentrationslager – die sogenannten Emslandlager – befreien, wofür er später mit der sehr bedeutenden, von der US-Army verliehenen »Star«-Kriegsmedaille ausgezeichnet wurde.
Pavel Megger (Mitte) mit seinen beiden Brüdern, unmittelbar nach der Meldung als Freiwilliger in der Sikorski-Armee
Eigentlich ein sehr befriedigender persönlicher Abschluss einer dunklen Epoche. Für einen Menschen, der seinen humanen Überzeugungen immer treu geblieben ist. Auch als in fast ganz Europa menschenverachtende Maßstäbe herrschten. Mit der polnischen Armee ist er am Ende ja nach Deutschland gekommen, hat mit eigenen Augen gesehen, welche Gräueltaten hier geschehen waren.
Warst du schon mal in Auschwitz? Oder hast du dir wenigstens mal die Steinwache in Dortmund angesehen? Nicht? Musst du unbedingt machen. Da läuft dir heute noch ein kalter Schauer über den Rücken. Das kannst du dir einfach nicht vorstellen, was damals Polizisten hier bei uns anderen Menschen angetan haben.
Und wir sehen das heute mit fast 70 Jahren Abstand. Als mein Vater in dieses Land kam, waren die Öfen der Vernichtungslager praktisch noch warm. Und Gott sei Dank lebten auch einige ausgemergelte Gestalten noch, die dann nicht mehr in die Öfen mussten. Mein Vater hat das alles gesehen – das, was einige Verrückte bis heute nicht wahrhaben wollen.
Im März 1946 ließ sich mein Vater auf dem Friedhof in Dortmund-Asseln fotografieren. Ganz bewusst unter dem Kreuz, das er als Sinnbild für das Gute verstand. Für das Gute hatte er sich eingesetzt und es hatte gesiegt.
Und kurz danach hat sich mein Vater verliebt. In eine Deutsche, ausgerechnet! Ja, diesem Umstand, besser gesagt dieser Liebessensation mit zwei Menschen aus kurz zuvor noch bis aufs Blut verfeindeten europäischen Völkern verdanke ich meine Existenz.
Sie begegneten sich, als Mutter gerade beim Hamstern war. Du weißt nicht, was das ist? Kann man sich auch heute gar nicht mehr vorstellen. Die Leute in der Stadt hatten einfach nichts. Nichts, von dem sie satt werden konnten. Mutter ging’s genauso. Aber das kann sie viel besser selbst erzählen:
Ja, was soll ich sagen – wir hatten ja wirklich nichts mehr. In der Stadt schon mal sowieso nicht und auf den umliegenden Bauernhöfen war auch alles abgegrast. Wir wohnten damals in Dortmund-Asseln. Eine schöne Wohnung in der Straße »An den Rühlen«.
Den Krieg hatten wir eigentlich ganz gut überstanden. Wie das war, als die Amerikaner damals kamen, das weiß ich noch wie heute. Ein Gefühl, sag ich euch. Fast wie Weihnachten eigentlich. Und doch schämte man sich auch wieder ein bisschen dafür, froh zu sein.
Ich war bei meiner Tante in Wickede. Und als ich wieder nach Hause wollte mit meinem Rad, da gab es plötzlich überall helle Aufregung. »Du kannst nicht mehr über die Bebelstraße fahren,« schrie meine Tante, »die Ami-Panzer kommen schon.« Na gut, dann bin ich eben über den Hellweg. Und da hatten die Männer noch eine Sperre aufgebaut. Oder sie glaubten jedenfalls, mit ihren lächerlichen Balken und Brettern könnten sie den Amis die Straße sperren – die 150-Prozentigen vom Volkssturm. 150 Prozent durchgeknallt waren die!
»Geht nach Hause«, habe ich ihnen zugerufen. Weil die Amis ja wirklich schon ziemlich nahe waren. Die meisten haben sich dann auch noch schnell in Sicherheit gebracht. Einige Unbelehrbare aber blieben und wollten allen Ernstes kämpfen. Als die Panzer dann kamen, ist die ganze Barrikade aber umgefallen wie Papier.
Ja unbelehrbar, das waren die wirklich. Hatten irgendwie immer noch nicht mitgekriegt, welche Sauereien zwischendurch abgelaufen waren und dass es sich ganz bestimmt nicht lohnte, für einen solchen Staat auch noch sein Leben zu riskieren.
Komischerweise war mir das als Kind schon ziemlich klar gewesen. Ich war noch ein ganz junges Mädchen, als mich SS-Leute mal nach Juden in der Nachbarschaft fragten. Nix habe ich gesagt. Das konnte man doch fühlen, dass man denen nicht helfen durfte – den Juden aber eigentlich helfen musste.
Immerhin hatte sich einen Tag nach dem Einmarsch der Amis alles geändert. Ich war noch gut durchgekommen mit meinem Rad und hab auf dem Hellweg beim Bäcker reingeschaut.
Und da war anscheinend plötzlich der Wohlstand ausgebrochen. Monatelang hatte es fast gar nichts mehr gegeben – und jetzt, als das Kriegsende praktisch schon mit Händen zu greifen war, kriegte ich auf einmal zwei große Brote. Und ein Stückchen Butter, den Geschmack hatte man schon ganz vergessen. Und dann sogar ein paar echte Kaffeebohnen zum Rösten.
Das gab ein richtiges Fest zuhause.
Aber die Zeiten wurden auch ganz schnell wieder schlechter. Viel schlechter. Lebensmittel blieben total knapp. Das kann man sich heute überhaupt nicht mehr vorstellen. Und deshalb verstehen die Kinder auch nicht, dass ich nichts wegwerfe.
Ja, das gilt natürlich auch für dich, Achim! Ihr müsstet mal ein halbes Jahr Krieg erleben. Nicht so richtig, mit Bomben und Schießen – aber mit dem Hunger, der dazu gehört. Mit zu Hause sitzen und nichts mehr haben außer seiner Angst.
Gut, das mit der Angst, das war dann ja jetzt vorbei. Das mit der Angst vor den Bomben wenigstens. Der Hunger aber war uns erhalten geblieben.
Und wie gesagt, man musste immer weiter fahren, um noch Kartoffeln ergattern zu können. Obwohl wir was Gutes zum Tauschen hatten. Vater arbeitete nämlich bei Hoesch und konnte immer Seife und Bohnerwachs besorgen. Das war auch selten und wertvoll damals. Aber die Bauern bei uns hatten ja selbst nichts mehr und konnten nicht richtig tauschen.
Weiter im Norden dagegen gab es wohl noch was zu holen, das sprach sich schnell rum bei uns in Wickede.
Also mit dem Fahrrad nach Münster und von da mit Lastwagen weiter ins Emsland. Ziel war ein großes Gut bei Nordhorn, das Krupp gehört hatte. Das letzte Stück mussten wir mit dem Zug. Ich sage euch, da konnte man nicht umfallen in dem Zug, so viele waren unterwegs. Obwohl das Hamstern, das Tauschen also, natürlich eigentlich verboten war.
Und überall gab’s auch Militär-Kontrollen. Da brauchte man schon gute Ausreden, wenn man angesprochen wurde. In Münster hab’ ich dem Posten gesagt, wir wollten zu meiner Tante nach Wilhelmshaven – und in dem Rucksack wären natürlich Sachen zum Umziehen.
Ich weiß nicht, ob er das geglaubt hat, oder ob er mir nur einen Gefallen tun wollte. Jedenfalls durfte ich ohne große Kontrolle weiter.
Und der junge polnische Unteroffizier, der mich dann in Haren auf der Straße ansprach, der war noch ein bisschen freundlicher. »Fräulein, wo wollen Sie denn hin?«, hat er gefragt. Eher besorgt als misstrauisch klang das. Ob ich Hunger hätte, wollte er wissen. »Ja sicher«, sagte ich. Irgendwie war das ja ne ziemlich überflüssige Frage – aber sympathisch eben doch.
Und dann hab ich zum ersten Mal in meinem Leben eine Zigarette geraucht.
Wirklich kennen gelernt haben wir uns aber erst beim nächsten Mal. Da bin ich direkt auf die Suche nach ihm gegangen. Und was dann kam, das kennt ihr ja so ziemlich. Das war ein guter Mann, der Paul.
Ja, so war das mit meinen Eltern. Mutter war damals erst 17 – aber es wurde die ganz große Sache. Liebe für immer. 1948 heirateten die beiden, »mussten« heiraten, wie man das damals sah, aber gerade die Ehe brachte dann die Probleme für uns alle, die mich so lange begleitet haben.
Denn wer einen Polen heiratete, der konnte damals angeblich nicht die deutsche Staatsbürgerschaft behalten.
Das haben sie Mutter zumindest weisgemacht. Die haben ihr einfach ihren Pass weggenommen, das musst du dir mal vorstellen!
Na, ich kann mir jedenfalls gut vorstellen, warum meine Eltern damals erst mal die Schnauze voll hatten von Nachkriegsdeutschland. Schon wie mein Vater angesehen wurde von den Leuten. Ja, du musst doch nicht glauben, dass der als Befreier gefeiert worden wäre oder sowas. Nein, der war »Pollak«, beinahe Untermensch, jedenfalls Feind, zumindest gewesener.
Die meisten Leute hatten überhaupt gar nichts verstanden. Und deshalb machten meine Eltern rüber nach Frankreich. Da war ja schon immer alles etwas fortschrittlicher gewesen und schließlich war das auch Vaters eigentliche Heimat. Hinkommen allerdings, das war gar nicht so einfach. Zumindest nicht für hochschwangere deutsche Frauen. Klar, meinem Vater konnten sie die Einreise nicht gut abschlagen. Als KZ-Befreier und Verbündeter – das zog 1948 noch, drei Jahre nach dem Krieg. Meine Mutter hätte dagegen nicht so einfach einreisen dürfen.
Trotzdem machte sich die junge Familie mit viel Gottvertrauen auf den Weg. Das Ganze hatte so ein bisschen was von der Weihnachtsgeschichte. Im entscheidenden Moment lenkte Vater den Grenzposten ab und irgendwie gelang dann die »Flucht« nach Westen.
Meine Eltern als frisch verheiratetes Paar. Als Hochzeitsgeschenk für meine Mutter gab es vom Standesamt die Staatenlosigkeit.
Legal konnte der Status meiner Eltern wegen der »inoffiziellen« Einreise allerdings nicht werden. Meine Mutter blieb staatenlos und ihre Kinder wurden es auch.
So richtig heimatlich konnte Mutter sich in Frankreich auch aus vielen anderen Gründen nicht fühlen. Nicht nur wegen der Sprache. Immer stärker nagte das Heimweh an ihr. Und kurz bevor mein ältester Bruder Pierre in die Schule sollte, mussten sich meine Eltern entscheiden.
Mutter entschied sich wieder für ihr altes Heimatland. Vater entschied sich für Mutter. »Ich bin Westfale. Immer gewesen, und das bleibe ich auch«, sagte sie immer. Mein Vater ist dann einige Wochen später nachgekommen. An den Rand des Ruhrgebiets, wo zwar auch noch nicht viel vom Wirtschaftswunder zu sehen war, wo es aber wegen der Kohle schon jede Menge Arbeit und einigermaßen gesicherte Verhältnisse gab. Mit seiner Arbeitskraft, mit seiner Findigkeit und seinem Einsatz war Pavel Megger damals wirklich sehr willkommen in dem Land, das sich ganz allmählich von den grausamen Kriegsfolgen zu erholen begann. Einen deutschen Pass erhielt der aus Frankreich kommende Pole aber nicht – und das sollte Folgen haben für die Familie.
Aber für uns Kinder war eben vieles ziemlich schwierig. Das fing schon in der Schule an. Der Lehrer in Massen nannte mich damals immer »Zigeunerjunge«, weil ich nur einen Ausweis als Staatenloser hatte. »Zigeuner«, das waren ja in Nazideutschland verfolgte Menschen gewesen, die nicht in das damalige, von Rassenwahn geprägte Menschen- und Weltbild passten. Und irgendwas von diesem menschenverachtenden Gedankengut muss dieser Typ noch im Kopf gehabt haben, als er mich so nannte.
Wirklich beeindruckt hat mich das übrigens nicht. Möglicherweise hatte es der Lehrer ja tatsächlich nicht ganz so leicht mit mir. Etwas frech und manchmal leicht hyperaktiv, das war ich wohl – bin ich ja angeblich heute noch mitunter. Die Schullaufbahn machte das damals etwas komplizierter. Meinen Hauptschulabschluss habe ich dann später natürlich trotzdem erworben, zu mehr hatte ich als Jugendlicher weder Lust noch Zeit.
Viel lieber strengte ich mich auf dem Fußballplatz an. Einem Ort, an dem deine Staatsangehörigkeit keine Rolle spielt, eigentlich noch nicht einmal deine Hautfarbe. Dieser Eindruck wird nach außen hin zumindest immer vermittelt. Ob immer auch zu Recht, das lassen wir mal besser dahin gestellt.
Im Nachhinein frage ich mich nämlich schon, warum ich nur dreimal in der Kreisauswahl spielen durfte, obwohl ich wirklich ziemlich gut war. Und warum der kleine schwarze Junge aus der französischen Partnerstadt Unnas ausgerechnet mir zugewiesen wurde, als seine Mannschaft zu Gast bei uns in Unna-Königsborn war. Damals aber wäre ich auf solche Hintergedanken gar nicht gekommen. Wir hatten einfach nur Spaß, denn der Junge – dessen Namen ich leider vergessen habe – war nicht nur ein begnadeter Ballkünstler, sondern auch total in Ordnung.
Durch die Schule hatte ich in sehr zartem Alter aber schon gelernt, was es eigentlich heißt, als »nicht richtig Deutscher« diskriminiert zu werden. Ein Schicksal, das ich übrigens mit vielen Frauen teile, denen ich später begegnete. Sehr attraktive Frauen waren das fast immer – und das half ihnen natürlich entscheidend, hier weiterzukommen. Auch mich fanden die Mädchen schon in sehr jungen Jahren ziemlich anziehend – und auch mir half das gewaltig aufs Fahrrad. War mir jedenfalls deutlich wichtiger als dieser theoretische Mangel an Vaterland.
Das Problem war, wie gesagt, durch die Heirat meiner Mutter entstanden. Der Beamte auf dem Amt in Dortmund-Brackel hatte meiner Mutter einfach ihren Pass weggenommen – also besaßen jetzt unsere beiden Eltern keine deutsche Staatsangehörigkeit mehr.
Ob dieser hemdsärmelige Verwaltungsakt gegen meine Mutter rechtmäßig war, oder ob der Mann damals noch irgendwas mit »Rassenschande« im Kopf hatte, das weiß ich gar nicht. Vielleicht war es ja auch wirklich nicht so leicht für »kleine« Beamte, in den ersten Nachkriegsjahren altes von neuem Recht zu unterscheiden. Schließlich wäre der Umgang einer deutschen Frau mit einem Polen wenige Jahre zuvor noch ungesetzlich gewesen – und in höchstem Maße unsittlich, wie höchste Vertreter des Nazi-Staats dem gemeinen Volk immer wieder drastisch klar gemacht hatten. Und dann konnte man wohl als Staatsdiener in den frühen 50er Jahren schon mal wähnen, zumindest an den sittlichen Grundsätzen des Lebens habe sich nicht gleich alles geändert.
Jedenfalls bin ich später immer wieder solchen Idioten begegnet. In Amtsstuben, wo sie fast nur daran denken, wie sie dir das Leben schwer machen können. Statt mal für die Bürger da zu sein, von denen sie eigentlich bezahlt werden. Geschichten könnte ich dir erzählen.
Mach ich auch.
Gleich.
Ich war also auch kein richtiger Deutscher. Nicht, dass mich das an sich schon seelisch besonders belastet hätte. Nicht so sehr wie meine Eltern jedenfalls. Die fühlten sich immer diskriminiert und sie schämten sich wegen des Ausweises. Als hätten sie was dafür gekonnt!
Mich ließ mein »Status« dagegen eher kalt. Ich kannte es ja nicht anders. Mal abgesehen von den dummen Sprüchen meines Lehrers, bekam ich meine Staatenlosigkeit nirgendwo zu spüren. Auf der Zeche waren sowieso keine Probleme zu erwarten. Da hatte es immer alle möglichen Nationalitäten gegeben. Vielleicht war das dann später auch ein Grund für meinen Vater Pavel Megger, der selbst inzwischen von allen Kollegen Paul genannt wurde, mich beim Pütt anzumelden.
Und wie gesagt: Ganz falsch war das bestimmt nicht. Ne Menge gelernt hab’ ich da. Zum Beispiel, dass du dich einmischen sollst, wenn du was zu sagen hast. Und dass es angenehmere Jobs in einem so großen Betrieb gibt als feilen in der Werkstatt oder schwitzen und Kohle machen unter Tage.
Nach drei Monaten schon kam ich in die Jugendvertretung des Betriebsrats. Weil ich viele Lehrlinge vom Fußball, vom Jugendtreff und aus Discotheken kannte und weil ich immer schon ne große Klappe hatte, lag das irgendwie nahe. Sechs Jahre blieb ich dann Jugendsprecher, besuchte Soziallehrgänge, lernte Mitarbeiterführung – und ein paar Sachen haben mir später echt geholfen.
Bald sogar.
Denn mit 18 Jahren machte ich mich schon zum ersten Mal selbstständig. Mit meiner damaligen Freundin Barbara eröffnete ich in Dortmund-Brackel, nicht allzu weit von der Pferderennbahn in Wambel, ein kleines Bistro. Barbara war ein paar Jahre älter als ich, was unsere Beziehung anfangs auch durchaus prägte. Ich meine, sie bestimmte meistens, wo’s langging. Vielleicht auch deshalb, weil ich mich bei ihr so ziemlich ins gemachte Nest setzen konnte.
Barbara hatte eine schöne Wohnung mit großem offenen Kamin in einem gepflegten Zweifamilienhaus im nördlichen Kreis Unna. Alles war schon fertig: Küche, Bad, Wohn- und natürlich auch Schlafzimmer. Ich musste praktisch nur meine Kaffeetasse mitbringen und war gefühlter Besitzer einer geräumigen, geschmackvoll eingerichteten Wohnung in ruhiger Lage.
Zufrieden hätte ich sein können in diesem für mich ziemlich unerhörten Luxus und eine Zeitlang war ich auch wirklich zufrieden.
Nach etwa einem Jahr aber reichte mir das alles nicht mehr zum Glücklichsein. Ich brauchte eine neue Herausforderung, auch wenn die vielleicht ein gewisses wirtschaftliches Wagnis bedeuten würde. Barbara hatte ich trotz dieses Risikos schnell überzeugt von der Verlockung eines eigenen Lokals. Eine geeignete Immobilie war bald gefunden. Also starteten wir mit großem Optimismus durch und ich machte meine ersten wertvollen Erfahrungen als selbstständiger Gastwirt.
»Papillon« nannten wir das Bistro. Du weißt schon, nach dem tollen Film mit Steve McQueen und Dustin Hoffman. Mit der Papillon-Figur habe ich mich immer gut identifizieren können, auch später: Zu Unrecht verurteilt, abgeschoben in die letzte Dreck-Ecke der Welt – aber unbeugsam bis ans Ende, wie viele Nackenschläge du auch einstecken musst.
Genau so seh’ ich mich manchmal auch. Natürlich konnte ich damals noch nicht ahnen, wie viele Nackenschläge mir selbst wirklich noch bevorstehen würden – und was das bedeutet, wenn du nach zwei Stunden Filmhandlung nicht einfach aufstehen kannst und wieder im wirklichen Leben bist. Sonst hätte ich vielleicht gar nicht den Mut aufgebracht, ein solches finanzielles Abenteuer mit Barbara zusammen einzugehen.
Man war ja so jung und voller Energie.
Deshalb wurde ich auch ganz gut mit der Klippe der Gewerbeanmeldung fertig. Dazu musste ich zum Ordnungsamt in der Stadt. Der Sachbearbeiter, der sich um mich kümmerte, war zwar wirklich nett und entgegenkommend, erkannte aber ein anscheinend schwerwiegendes, vielleicht sogar unüberwindliches Problem. »Sie sind ja staatenlos«, stellte er messerscharf fest, als er den Blick von meinem Ungetüm von Ausweis wieder auf mich selbst hob. »Das kann ich leider nicht entscheiden«, urteilte er, »dazu bin ich hier ein zu kleines Tier.«
Ich musste etwas an mich halten bei dieser Formulierung, denn der nette Beamte überragte tatsächlich die Türklinke gerade mal um zwei, drei Zentimeter.
Gemeinsam machten wir uns direkt auf die Suche nach einem etwas größeren Tier und dabei hatte ich richtig Glück. Auf dem Flur kam uns nämlich zufällig der damalige Dortmunder Oberbürgermeister Günter Samtlebe entgegen. Der sah und hörte sich die Sache kurz an und entschied dann so schnell, wie man es in Rathäusern wirklich nur ganz selten erlebt: »Staatenlos ist der Herr Megger? Na, Staatenlose sind doch auch Menschen. Natürlich können Sie Ihr Bistro eröffnen!«
Wir durften uns also tatsächlich ins Abenteuer stürzen.
Den Job beim Bergbau habe ich aber sicherheitshalber erst auch noch weiter gemacht. Nicht mehr in Bönen, sondern in der Zentralen Werkstatt der Zeche in Kamen-Heeren-Werve war mein Arbeitsplatz nach der Ausbildung.
Ich kann mich sehr gut an meinen ersten Arbeitstag dort erinnern – und nicht nur ich übrigens. Ich fuhr damals schon einen nicht mehr ganz neuen, aber auffällig getunten Golf. War noch nicht ganz bezahlt, aber schnell, laut und verdammt heiß. Ich fand sofort einen sehr schönen Parkplatz mit Schatten. Dass der Platz anscheinend für den Direktor reserviert war, störte mich nicht besonders. Wer zuerst kommt, mahlt schließlich zuerst.
