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Beim Beerensuchen im Wald fällt der junge Heiler Jannis dem Wolfswandler Talin vor die Füße. Jannis ist zunächst verärgert, dann empört über die herablassende Art des Valaners. Trotzdem lädt er Talin zu sich ein. Und später in der Nacht gewährt er sogar dem Wolf einen Unterschlupf, obwohl er sich zunächst nicht sicher ist, tatsächlich den Valaner vor sich zu haben. Bald erfährt Jannis auch von Talins Geheimnis – der junge Valaner ist in Lebensgefahr, denn auf ihm lastet ein tödlicher Fluch. Nur mit Hilfe mächtiger Magie kann der Bann gebrochen werden. Doch ist Jannis bereit, Talin auf seinem schwierigen Weg zu begleiten? Und was sind das nur für seltsame Gefühle, die der Valaner in ihm auslöst? So beginnt das große Abenteuer, und bald wird Jannis und Talin klar, dass sie es ohne loyale Gefährten nicht überleben können. Neuauflage Dieses Buch enthält alle drei Teile der Reihe "Im Schatten der Todessteine".
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Seitenzahl: 1092
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Alice Camden
© dead soft verlag, Mettingen 2024
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© the author
Cover: Irene Repp
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Bildrechte:
© MONIR – stock.adobe.com
© MiaStendal – stock.adobe.com
Enthält die Bände:
Wolfsfluch
Höllenauge
Rabenkrieger
1. Auflage
ISBN 978-3-96089707-1
ISBN 978-96089-708-8 (ebook)
Beim Beerensuchen im Wald fällt der junge Heiler Jannis dem Wolfswandler Talin vor die Füße. Jannis ist zunächst verärgert, dann empört über die herablassende Art des Valaners. Trotzdem lädt er Talin zu sich ein. Und später in der Nacht gewährt er sogar dem Wolf einen Unterschlupf, obwohl er sich zunächst nicht sicher ist, tatsächlich den Valaner vor sich zu haben.
Bald erfährt Jannis auch von Talins Geheimnis – der junge Valaner ist in Lebensgefahr, denn auf ihm lastet ein tödlicher Fluch. Nur mit Hilfe mächtiger Magie kann der Bann gebrochen werden.
Doch ist Jannis bereit, Talin auf seinem schwierigen Weg zu begleiten? Und was sind das nur für seltsame Gefühle, die der Valaner in ihm auslöst?
So beginnt das große Abenteuer, und bald wird Jannis und Talin klar, dass sie es ohne loyale Gefährten nicht überleben können.
Dieses Buch enthält alle drei Teile der Reihe Im Schatten der Todessteine.
WOLFSFLUCH
„Lauf nicht in den Wald bei Nacht, weich nicht ab vom Wege …“ Laut sang Jannis in die Stille des Waldes und freute sich über die reiche Ernte beim Beerensammeln. Singend ging er von einem Strauch zum anderen, sah für einen Augenblick nach oben zu den Vögeln und lächelte über ihr Gezwitscher, das sein Lied zu begleiten schien. Einen kurzen Moment nur war er unachtsam, da trat er in eine Vertiefung im Waldboden und schlug der Länge nach hin.
„Au! Bei den verfluchten Dämonen! Auaaa!“, rief er und wollte sich aufrichten, als ihn zwei Hände an der Schulter packten und mit Leichtigkeit nach oben zogen. Erschrocken blickte er in ein dunkles Augenpaar, das ihn belustigt ansah. Das Augenpaar gehörte zu einem jungen Mann, den er noch nie gesehen hatte.
„Ah, ein singendes Eichhörnchen. Pass nur auf, der Wald ist voller Fallen und böser Geister“, lachte der Fremde. Seine Stimme war so dunkel wie seine Augen und ließ Jannis einen Schauer über den Rücken laufen.
Ängstlich trat er einen Schritt zurück und legte eine zitternde Hand um das Jagdmesser, das er am Gürtel trug.
„Ich … ich war nur einen Augenblick unaufmerksam. Danke für Eure Hilfe. Aber aufstehen kann ich schon selbst“, bemerkte Jannis ungehalten und ärgerte sich im gleichen Moment über seine zitternde Stimme. Er überlegte noch, wie er möglichst schnell und geschickt an diesem Kerl vorbeikommen könnte, um zu fliehen, da verzog der Fremde den Mund zu einem überheblichen Grinsen.
„Das ist gut, dann muss ich dich nicht gleich wieder vom Boden pflücken wie ein Blümchen ohne Verstand. Das Messer kannst du getrost stecken lassen. Mir ist heute nicht nach einem gebratenen Eichhörnchen.“
Jannis zog die Augenbrauen zusammen und betrachtete den jungen Mann skeptisch. Er sah nicht aus wie ein Grünthaler. Schlank, sehnig und hoch aufragend wie ein Baum, so stand er da. Einige Strähnen des nach hinten gestrichenen schwarzen Haares fielen ihm ins Gesicht. An manchen Stellen sahen die Spitzen aus wie kleine Stacheln, die in die Luft ragten. Bis über den Nacken reichte das dunkel glänzende Haar. Das Gesicht hatte schöne, ebenmäßige Züge, seine Kleidung war aufwendig verarbeitet und wirkte sehr fremdartig auf Jannis. Sie sah aus wie eine Uniform, und er überlegte, wo er sie schon einmal gesehen hatte. Ein breiter Ledergürtel saß auf der schmalen Hüfte und zwei weitere, dünnere Gürtel kreuzten sich darunter. Zwei Beutel hingen auf je einer Seite an den Gürteln. Jedes Teil der aufwendig verarbeiteten Kleidung war schwarz und mit silbernen Knöpfen verziert.
Da erinnerte er sich, wo er diese Aufmachung schon einmal gesehen hatte. In einem Buch über Grünthals Nachbarland, Valan, hatte er diese Kleidung bewundert. Er trat noch einen Schritt zurück, um einen besseren Blick auf den jungen Mann zu erhalten. Da neigte der Fremde den Kopf zur Seite und sah ihm tief in die Augen: „Was denn, Eichhörnchen? Hast du Angst vor mir? Ich sagte doch schon, ich will dir nichts tun“, bemerkte er und hatte schon wieder diesen herablassenden Ton in der Stimme. „Wieso sollte ich Angst haben?“, log Jannis. „Selbst ein Blinder kann sehen, dass ich arm bin. Wenn du meine Beeren willst, teile ich gerne. Der Wald ist voll davon.“ Wer ihn so überheblich ansprach, hatte auch keine höfliche Anrede verdient.
Für einen winzigen Augenblick wirkte der junge Mann merkwürdig erschöpft, im nächsten Moment grinste er schon wieder: „Behalte nur deine Beeren, Eichhörnchen, die will ich nicht“, sagte er und sah dabei auf Jannis herab.
„Wenn ich dich ansehe, Fremder, gibt es nichts, was du von mir wollen könntest.“ Die Angst vor diesem Kerl kroch immer noch durch seine Glieder, aber er wagte es nicht, einfach zu gehen. Der junge Mann war groß und stark und würde ihm mit Leichtigkeit folgen können.
Zu seinem Erstaunen schluckte der Fremde und sah zu Boden, bevor er antwortete: „Ich will in diesem Leben gar nichts mehr. Ich wollte nur das Eichhörnchen, das so schön gesungen hat, vom Boden aufheben. Geh, pflücke Beeren und sing noch ein bisschen.“
Jannis atmete tief ein und aus, bevor er trotzig erwiderte: „Mein Name ist nicht Eichhörnchen. Ich bin Jannis, der Sohn der Heilerin vom Finsterwald.“ Sicher war es keine gute Idee, diesem Fremden seinen Namen zu verraten, überlegte er. Am Ende waren seine Mutter und er so arm, dass es keine Bedeutung hatte. Wer auch immer ihnen etwas stehlen wollte, würde eher etwas dalassen, so wenig besaßen sie. Ohne das herablassende Grinsen im Gesicht sah der Mann ihn jetzt nachdenklich an.
Ein schmales Lächeln umspielte seinen Mund.
„Sei gegrüßt, Jannis, Sohn der Heilerin vom Finsterwald. Mein Name ist Talin und ich komme aus Valan, dem Land hinter den Todessteinen.“ Er deutete eine leichte Verbeugung an, bevor er weitersprach. „Ich sah dich beim Beerensammeln. Für einige dieser Beeren bist du flink wie ein Eichhörnchen auf die Bäume geklettert. Hier in Grünthal haben diese Tiere ein rotes Fell, aber bei uns in Valan hat ihr Pelz die gleiche helle Farbe wie dein Haar. Du hast mich an eines erinnert.“
Seine Kletterkünste hatten nichts mit einem niedlichen, kleinen Tier zu tun, dachte er und wollte protestieren, da sprach der Fremde schon weiter. „Weißt du, die Eichhörnchen in meiner Heimat sind so flink und wendig, dass es schwer ist, eines mit dem Bogen abzuschießen. Wenn wir Valaner doch einmal eines von ihnen erwischen, freuen wir uns, weil sie köstlich schmecken.“
Nein, Jannis wusste das nicht, und es schauderte ihn bei dem Gedanken an ein köstliches Eichhörnchen, das aussah wie er und mit dem Bogen abgeschossen wurde. „Ich habe schon viel über dein Land gelesen, aber noch nie etwas von Eichhörnchen mit hellem Fell“, erklärte er. „Aber deine Kleidung, die habe ich schon in Büchern gesehen. Das ist eine Uniform der Schwarzen Garde, nicht wahr? Sie bewachen das Land und die Burg. Deine Kleidung sieht genauso aus, wie die auf den Zeichnungen.“ Er war stolz auf sein Wissen, immerhin verbrachte er jeden Winter mit der Nase in den Büchern, die ihm seine Mutter mitbrachte.
„Du kannst lesen, hm?“, fragte Talin überrascht, ohne die Frage zu beantworten.
„Natürlich kann ich lesen! Alle Heiler in Grünthal können lesen“, erklärte Jannis entrüstet.
Talin nickte. „Ich erinnere mich. Ihr Heiler folgt dem Weg der alten Geister, genau wie wir Valaner. Ihr könnt die alten Schriften lesen, während eure Burg den Rest des Landes im Namen des neuen Glaubens dumm und ungebildet hält. Aber ihr seid wegen eures Glaubens und der Magie, die ihr wirken könnt, Verfolgte im eigenen Land, nicht wahr?“
Hektisch sah Jannis sich um, denn Gefahr konnte an jeder Ecke lauern. „Psssssscht“, machte er und legte den Finger an die Lippen.
Er trat einen Schritt auf den fremden Mann zu und sprach: „Seit die neue Religion in Grünthal herrscht, redet man nicht mehr über solche Dinge. Die Falken der Gerechtigkeit …“ Er verstummte und sah skeptisch zu dem fremden Mann. Wie kam er eigentlich darauf, diesem eigenartigen Fremden zu trauen?
„Du erkennst meine Uniform und denkst dennoch, ich könnte ein Spion eurer Burg sein? Nun, du irrst dich“, antwortete der Mann, der sich Talin nannte, und Jannis wollte etwas erwidern, aber der Valaner war schon wieder schneller: „Die Falken der Gerechtigkeit? Das sind die Menschenjäger eurer Burg, so ist es doch? Sie jagen die Heiler und deren Familien, wenn sie sich nicht aufs Heilen beschränken oder Magie wirken? Sie schicken die Falken nach euch, wenn ihr Rituale abhaltet, ja?“
Mit weit aufgerissen Augen starrte Jannis den Fremden an. Diese Wahrheiten sprach niemand in seiner Heimat laut und schon gar nicht so gelassen aus, die Falken konnten überall sein. Er traute sich, noch einen Schritt näher an den merkwürdigen Mann heranzutreten, so nah, dass sich ihre Fußspitzen berührten. Er musste sich auf die Zehenspitzen stellen, um ihm ins Ohr zu flüstern. „Weißt du nicht, dass du hier ebenfalls nicht sicher bist? Die Falken verfolgen und töten alle valanischen Wolfswandler, die sie auf Grünthaler Gebiet aufspüren.“
„Danke, Junge“, sagte der Fremde und lachte, „es ist lieb von dir, mich zu warnen, aber ich bin über die Lage in deinem Land im Bilde.“ Jetzt lachte der freche Valaner doch tatsächlich über ihn, und dabei wollte er nur freundlich sein und ihn warnen. Jannis presste die Lippen aufeinander und spürte, wie sich Wut in seinem Bauch zusammenbraute.
„Schau“, sprach Talin weiter, „ich bin ein Schwarzgardist der Burg Valans. Du bist nur ein kleines, hellhaariges Eichhörnchen, welches keine Magie wirken kann, weil es sonst um sein Leben fürchten muss. Sieh du nur selbst zu, dass dich diese Mördertruppe von Falken nicht fängt, nur weil du beim Fluchen die Dämonen der Höllen anrufst.“
Jannis schnaufte verächtlich. Was für ein überheblicher Kerl war der junge Mann vor ihm nur. Er war kein kleines Eichhörnchen! Er war vielleicht nicht so groß wie dieser Kerl, aber für einen Grünthaler im neunzehnten Jahr war er groß genug. Dieser Fremde war nicht anders als die Jungen aus dem Dorf, die ihm nachliefen, um ihn zu verprügeln, weil er der Bastardsohn der Heilerin war. Kein Grund, auch nur ein weiteres Wort an ihn zu verschwenden.
Als könnte er seine Gedanken lesen, sagte Talin: „Schau zur Sonne. Ich unterhalte mich gerne mit dir, Junge. Doch bald wird die Dämmerung anbrechen, und dann sollte kein Mensch, der bei klarem Verstand ist, in diesem Wald sein. Es war mir eine Freude, deine Bekanntschaft zu machen. Leb wohl, Jannis, Sohn der Heilerin vom Finsterwald.“ Er deutete erneut eine Verbeugung an und forderte ihn mit einer Handbewegung auf, zu gehen. Verwirrt verbeugte Jannis sich ebenfalls und machte sich kopfschüttelnd auf den Weg.
„Jannis … sing jetzt lieber nicht mehr“, rief der Fremde ihm hinterher.
Ohne sich nach dem merkwürdigen Fremden umzudrehen, schüttelte Jannis den Kopf, noch mehr in Unglauben. Was trieb dieser Mann eigentlich so tief im Finsterwald, und wo war sein Gepäck? Warum war ein Schwarzgardist der Burg Valans allein unterwegs? Vielleicht hatte er sich mit weiteren Gardisten getroffen und sie heckten einen Plan aus, wie sie die Burg Grünthals überfallen könnten. Na, das sollte ihm gerade recht sein, von dort kam ohnehin nichts Gutes. Tausendundein Gedanke wanderte durch seinen Kopf, während er seinen Weg nach Hause fortsetzte. Dieses Mal blieb sein Blick auf den Boden gerichtet. Ob er lesen könne, hatte ihn dieser Kerl gefragt. Was für eine freche Frage. Bücher waren seine besten Freunde, und er verschlang jedes Buch und alle Schriftrollen, die seine Mutter ihm brachte. Bücher über Pflanzen- und Heilkunde, Reiseberichte, Märchen und Sagen, die von bösen Hexen und guten Zauberern, von Nixen und Drachen handelten. Als Kind war er auf die höchsten Bäume geklettert und hatte sich vorgestellt, wie es wäre, auf einem Drachen über die Todessteine bis nach Valan zu fliegen. Dorthin, wo Magie ein Teil des täglichen Lebens war, und wo niemand dafür gefoltert und getötet wurde, dem Weg der alten Geister zu folgen.
In Gedanken versunken, zuckte er plötzlich zusammen. Da war ein Geräusch, ein Schnaufen oder ein Röcheln? Was war das? Ohne seinen Gang zu verlangsamen, drehte er ängstlich den Kopf zur Seite. Im fahlen Licht der tief stehenden Sonne warfen die Bäume hinter ihm lange Schatten. Der Wind hatte aufgefrischt und ließ die Kronen und Blätter bedrohlich schwanken. In diesem gespenstigen Spiel des Abendlichts sahen die dunklen Schatten der Bäume für Jannis aus, als wären sie dünne Arme, die nach ihm greifen wollten. Mehr als diese Sinnestäuschung war nicht zu sehen. Er schüttelte den Kopf über sich selbst und lief schnell weiter.
Er strich sich das halblange Haar aus dem Gesicht, ein Sturz für heute reichte. Jetzt war es nicht mehr weit. Um diese Ecke, an jenem Strauch vorbei, bald würde er den Fluss sehen, dann die Lichtung mit der kleinen Hütte, die er mit seiner Mutter bewohnte. Heute Abend würde sich seine Mutter nicht mit ihm über die Beerenernte freuen können. Sie war vor einigen Tagen auf die Burg gerufen worden, weil eines der Kinder eines hohen Herrn erkrankt war. Er erwartete sie für viele Tage nicht zurück.
Da! Das Geräusch hinter ihm war erneut zu hören. Eine Art Knurren hatte sich unter das Röcheln gemischt. Dieses Mal war es nah an seinem Ohr. Alle Haare auf seinen Armen und Beinen stellten sich auf und er wollte sich am liebsten im nächsten Erdloch verstecken. Plötzlich streifte etwas sein Bein.
„Ahhhh“, stöhnte er und begann immer schneller zu laufen. In diesem Augenblick war er froh, so schmal und wendig zu sein. Kaum einer der Jungen aus dem Dorf hatte ihn je einholen können, um ihn zu verprügeln. Nur nicht fallen, jetzt nicht fallen, dachte er panisch und rannte so schnell ihn seine Beine trugen. Er wagte es nicht mehr, sich umzudrehen. Wenn nichts zu sehen war, war er nichts weiter als ein schlimmer Angsthase, und wenn doch etwas zu sehen war, wollte er nicht wissen, was es war. Er wollte den verdammten Finsterwald so schnell wie möglich hinter sich lassen. Er rannte und rannte. Sträucher zerkratzten seine Beine, Zweige schnitten sich tief in seine Arme. Er fühlte keinen Schmerz mehr, er wollte nur noch nach Hause.
Endlich erreichte er den schmalen Flusslauf, der die Lichtung in zwei Hälften teilte. Er sprang mit drei großen Sätzen über die hölzerne Brücke und lief weiter bis zum niedrigen Tor im Zaun, der den kleinen Garten seiner Mutter einfasste. Der Zaun war nur dort, um Rebhühner fernzuhalten, und ging ihm bis knapp zum Knie. Zu hoch übersprang er ihn, strauchelte beinahe und rannte weiter bis zur Tür der Hütte. Die alte Holztür schon halb geöffnet, drehte er sich noch einmal um. Das Licht hatte sich verändert. Nicht die untergehende Sonne erhellte den Waldrand, jetzt war es der volle Mond, der die Lichtung beschien.
Jannis verengte die Augen. Saß dort ein großer Hund am Rand des Finsterwaldes? Der Kopf war etwas zu spitz für einen Hund, der Körper zu mager. Langsam gewöhnten sich seine Augen an die unscharfen Bilder der Nacht, dann sah er ihn ganz deutlich. Sah den großen, schwarzen Wolf, der dort am Waldrand saß und zu ihm blickte. Langsam wandte Jannis den Blick ab, betrat die Hütte und prüfte ängstlich mehrmals, ob die Tür auch wirklich verriegelt war. Er zwang sich, am großen Holztisch eine Handvoll Beeren zu essen, und schlich dann müde in sein Bett. Er war so still und vorsichtig, als wäre er nicht alleine in der engen Hütte. Still genug, um keine Geister zu wecken, hoffte er. Still genug, um keine schlafenden Wölfe des Waldes zu wecken. Er zog die Decke bis über den Kopf und hoffte, in seiner warmen Deckenhöhle nicht mehr an die letzten Ereignisse dieses Tages denken zu müssen. Da drängte sich ausgerechnet das Lied in seinen Kopf, das er am Nachmittag im Wald gesungen hatte:
„Geh nicht in den Wald bei Nacht, weich nicht ab vom Wege …“
Wölfe haben scharfe Zähne
Bannen mit den Augen
Lauf nicht in den Wald bei Nacht
Keinem kannst du trauen.
Ständig wiederholten sich die Strophen des verdammten Liedes in seinem Kopf.
Müde blinzelte Jannis am Morgen aus dem Fenster. Das Gefühl, von einem großen, schwarzen Wolf, der seine Zähne in ihn schlagen wollte, verfolgt zu werden, hatte ihn mehrmals in der Nacht aus dem Schlaf gerissen. Vorsichtig lugte er aus der Tür in Richtung Wald. Ein Reh mit seinem Kitz graste am Waldrand und ein paar Rebhühner pickten Grassamen an einer anderen Stelle. Nichts Ungewöhnliches war zu entdecken. Erleichtert atmete er aus und schloss die Tür. Nach dem Frühstück kramte er in einer der großen Truhen im hinteren Teil der Hütte und beförderte unter gehörigem Kraftaufwand ein großes, schweres Buch heraus. Der hellbraune Ledereinband war über und über mit fremden Schriftzeichen verziert. Es war das Buch über Valan und seine Einwohner. Lange war es her, seit er es zuletzt gelesen hatte, und so begann er, die Seiten neugierig zu studieren. Auch wenn er es nicht gerne zugab, der fremde Kerl im Wald hatte ihn doch neugierig gemacht.
Neben Texten befanden sich viele Zeichnungen auf den abgegriffenen Seiten. Gespannt las er das Kapitel über Valans Hauptstadt Montsilvan, die hoch über dem Wald auf einem Berg thronte, und über die Burg Valans, die wie das gesamte Land von der Schwarzen Garde bewacht wurde. Er stellte sich vor, wie die Gardisten in ihren schwarzen Uniformen stolz durch die Burg schritten. Im großen Tempel von Montsilvan waren die magiebegabten Priester zu Hause, die Bewahrer des Weges der alten Geister.
Und dann gab es die Wölfe, die eigentlich Männer waren, oder waren die Männer Wölfe? Aufgeregt las er weiter. Freie Wölfe nannten sich die valanischen Männer. Ein Schauer lief über seinen Rücken bei der Vorstellung, selbst einmal die Verwandlung eines Mannes in einen Wolf zu sehen. Sicher war es aufregend, in dieser Gestalt durch den Wald zu laufen, und schneller reisen konnte man ebenfalls. Die Wolfsgestalt war allen männlichen Valanern ebenso angeboren wie ihre menschliche Gestalt. Aber die Verwandlung kostete sie viel Lebenskraft und war schmerzhaft, so stand es in dem Buch. Nur sehr junge Valaner, die Jungwölfe, verwandelten sich oft und trieben Unsinn in den Wäldern. Je älter sie wurden, desto seltener zogen sie in der Wolfsgestalt umher.
Seufzend lehnte er sich an die morsche Stuhllehne. Das alles klang so viel aufregender als sein eigenes Leben. Freie Wölfe, magiebegabte Priester, mutige Gardisten, das alleine klang schon nach einer der Sagen, die er so gerne las. Aufmerksam betrachtete er die Zeichnungen. Der fremde junge Mann war also tatsächlich ein Kettenwerfer der Schwarzen Garde von Valan, und die Beutel beinhalteten seine Waffen. Tödliche Wurfsterne mit messerscharfen Spitzen, die an langen Ketten befestigt waren. Ob Talin zur Unterstützung einer Kampftruppe nach Grünthal gekommen war? Was wollten Schwarzgardisten nur in seiner Heimat, überlegte Jannis. Es gab doch keinerlei diplomatische Beziehungen mehr zwischen den Ländern Valan und Grünthal.
Während er erneut über dem Erscheinen des merkwürdigen Kerls brütete, hörte er ein Klopfen an der Tür. Besorgt sah er auf den großen Stapel Bücher, die alle neben der Truhe lagen. Wieder klopfte jemand an, dieses Mal heftiger. Schnell warf er ein Stück Stoff über das Buch und ein weiteres Stück über den Stapel. Mit einem freundlichen Lächeln öffnete er die Tür.
„Ich war angekündigt“, brummte ein Mann, etwa im Alter seiner Mutter. Er trug eine lange, braune Robe und offene Sandalen. Dass die Farbe seines Haares einst hell gewesen war, war nur noch zu erahnen. Grau und strähnig hing es ihm jetzt ins Gesicht. Er war von dicklicher Gestalt und sein Gesicht wirkte aufgedunsen. Die wässrigen blauen Augen sahen ihn müde an.
„Ah, der Herr Pfarrer“, sagte Jannis so freundlich wie möglich. „Ich kann Euch heute leider nicht hereinbitten, guter Herr. Meine Mutter ist abwesend. Es ist … nun, es ist nicht ordentlich bei uns. Ihr könnt auf der Holzbank vor der Hütte kurz Platz nehmen.“
Der Pfarrer der neuen Religion zuckte mit der Schulter und brummte etwas Unverständliches. Schnell ging Jannis zu einem der Regale, auf dem seine Mutter ihre Arzneien lagerte. Er griff nach einer kleinen Glasflasche, in der sich ein grünlicher Trunk befand, und eilte zurück vor die Tür. Der Pfarrer, so erzählte man sich, war einst ein guter Jäger gewesen. Auf der Jagd hatte er sich am Bein verletzt, und es war nur der großen Gnade der Burg zu verdanken, dass er die kleine Pfarrei am Finsterwald betreuen konnte. Er war ein stiller Mann, aber freundlich genug. Viele im Dorf jagten Jannis fort, wenn er nur einen Fuß auf die Hauptstraße setzte. Kinder warfen Steine nach ihm und riefen ihm Schimpfworte hinterher. Erwachsene spuckten aus, wenn sie ihn sahen, nur weil er für sie ein Bastard war und zu einer Heilerfamilie gehörte. Für die übrigen Bürger von Grünthal waren die Heiler und ihr alter Glaube Abschaum, den man auch als solchen behandeln durfte. Doch der Pfarrer verhielt sich anders. Meist ignorierte er Jannis nur, aber er hatte schon beobachtet, wie der grauhaarige Mann Kinder davon abhielt, Steine nach ihm zu werfen. Einmal im Monat kam er bei ihrer Hütte vorbei, um sich den Trunk abzuholen, der seine alte Jagdverletzung mildern sollte.
„Hast du keine Angst, so nah am Finsterwald, Junge?“, fragte er. Seine trüben Augen blickten ausdruckslos zum Waldrand.
Jannis reichte ihm das Fläschchen. „Nur wenn ich ein Geräusch höre, das ich nicht kenne.“
Mit schmerzverzerrtem Gesicht stand der Pfarrer auf, strich seine Robe glatt und sagte: „Nun, dann halte die Augen offen. Mir kam zu Ohren, es wäre ein Wolf gesichtet worden. Von Angriffen habe ich ebenfalls gehört.“
„Von Angriffen?“, fragte Jannis entsetzt. In all den Jahren hatte er noch nie von Wolfsangriffen in diesem Teil des Finsterwaldes gehört.
Langsam drehte der grauhaarige Mann den Kopf zu ihm. Sein Atem roch nach Schnaps. „Was weiß ich schon, Junge. Ich bin nur der Pfarrer einer winzigen Kirche am Rande des Finsterwaldes. Ich höre dies und das. Ich weiß nicht, ob es wahr ist oder nicht. Besser, man bleibt wachsam, als man endet als Wolfsmahl, nicht wahr?“, sprach er und ging, ohne sich zu verabschieden.
Schnell kehrte Jannis zurück in die Hütte und verstaute alle Bücher sorgfältig in der Truhe. Missmutig blickte er auf den Sack mit Haferflocken. Hafergrütze zum Frühstück, zu Mittag und zum Abendessen war keine gute Aussicht, und so beschloss er, auf die Jagd zu gehen. Im Schuppen hinter der Hütte waren Bogen und Pfeile verstaut. Er nahm beides, hängte sich eine Ledertasche um und lief los.
Die Sonne war gnädig an diesem Frühsommertag und tauchte den Finsterwald in warmes, weiches Licht. Durch die hohen Baumkronen blinzelte sie und spiegelte sich in den Blättern. Jannis freute sich über das Spiel des Lichts, genoss das Gefühl des weichen Waldbodens unter seinen Füßen und prüfte, ob es in der Nähe noch Wild zu sehen gab. Aber es war schon zu spät am Morgen, alle Tiere hatten sich in den Wald zurückgezogen. Doch er wusste, wo er sie finden konnte. Tief im Wald gab es eine weitere Lichtung, in deren Mitte sich eine Quelle befand, die in einen kleinen See mündete. Diese Lichtung war bei allen Tieren beliebt, denn sie lag abseits der Siedlungen und es gab dort genug Gras und Wasser. Andere Jäger suchten sie kaum auf, weil angeblich eine böse Nixe in der Quelle wohnte und der Ort als verflucht galt. Was für Ammenmärchen, dachte er lachend.
Immer tiefer lief er in den Finsterwald und erreichte endlich die kleine Lichtung. Wie eine Zeichnung aus seinen Büchern sah sie heute aus. Das milde Licht des späten Sommermorgens hatte sie in etwas Wunderbares verwandelt. Die kleinen, gelben Blumen auf der Wiese glitzerten in der Sonne und das Gras wirkte statt und grün. Helle Strahlen tanzten über den kleinen See. Ohne auf die Rebhühner zu achten, die am Rande der Lichtung pickten, ging er zum Wasser, sank in die Hocke und bewunderte das Spiel des Lichts auf den sanften Wellen. Selbstvergessen hielt er eine Hand ins Wasser und begann, kleine Kreise mit seinen Fingern zu zeichnen. Die fremde Hand, die er plötzlich auf seiner Schulter fühlte, ließ ihn zusammenzucken.
„Ich glaube, es ist noch etwas zu kalt zum Baden“, sagte eine dunkle Stimme hinter ihm. Erschrocken drehte er sich um. Vor ihm stand der valanische Mann, der sich Talin nannte, und zeigte schon wieder sein überhebliches Grinsen. Verärgert sah er auf die nackten Füße des jungen Mannes. Daher hatte er ihn nicht gehört, als er sich angeschlichen hatte. Kopfschüttelnd stand er auf.
„Was schleichst du dich so an, Fremder? Das Herz hätte mir vor Schreck stehen bleiben können!“
„Oh verzeiht“, lachte Talin. „Euer Anblick hätte mir verraten müssen, dass Ihr ein gar zartes Fräulein seid. Es war nicht mein Ansinnen, Euch so zu erschrecken.“
Jannis blies scharf Luft durch die Lippen. Dieser Fremde machte ihn so wütend, dass er seine Angst vergaß. „Ich schicke dir eine Taube mit einer Nachricht, wenn deine Ansprache lustig geworden ist. Meine Mutter hat mir einiges von euch Valanern erzählt. Ihr macht euch gerne über uns Grünthaler lustig, weil wir kleiner und schmaler sind als ihr. Im Gegensatz dazu seid ihr Valaner ja ach so große, mächtige Wölfe. Nun, wenn du mit deinem Spott am Ende bist, kannst du gehen. Ich war zuerst hier.“
Der große Kerl legte eine Hand in den Nacken und wirkte plötzlich merkwürdig verlegen. „Deine Mutter ist eine weise Frau. Es war nur ein kleiner Scherz. Ich bin erfreut, dich zu sehen.“
Nun war es Jannis, der lachen musste. „Warum sollte jemand wie du erfreut sein, jemanden wie mich zu sehen? Ich frage dich erneut, Fremder, hast du nun genug gespottet? Ich habe nicht den ganzen Tag Zeit. Mein Heimweg war gestern alles andere als angenehm. Heute möchte ich vor der Dämmerung zu Hause sein.“
Den Blick zum Himmel gewandt, antwortete Talin: „Es ist nicht einmal Mittag. Du hast genug Zeit. Und es war wirklich nicht meine Absicht, dich wütend zu machen. Gar nichts mehr ist meine Absicht.“
Jannis sah ihn skeptisch an.
„Was ist?“, fragte Talin, immer noch verlegen. „Ach stimmt, du glaubst mir ja nicht. Nun, das kann ich nicht ändern. Dann verlasse ich jetzt diesen Ort und wünsche dir eine gute Jagd.“
Er drehte sich um und Jannis hörte sich sagen: „Warte … warte noch.“ Warum redete er überhaupt noch mit diesem Kerl, fragte er sich, aber die Worte kamen schon aus seinem Mund: „Du hast zwei tödliche Wurfsterne als Waffen dabei, nicht wahr? Du hättest mich schon lange töten können, wenn du es gewollt hättest, schätze ich. Aber du bist trotzdem beängstigend, in deiner schwarzen Uniform … und so groß, wie du bist.“ Er sah ihm in die dunklen Augen, die wie schwarze Edelsteine funkelten. „Du bist ein freier Wolf aus Valan, ein Kettenwerfer noch dazu. Und ich treffe dich schon zum zweiten Mal allein auf Grünthaler Gebiet an. Was willst du eigentlich hier, Fremder?“
Talin legte den Kopf schief: „Wenn ich mich recht erinnere, habe ich dir meinen Namen verraten, Grünthaler? Nun, ich kann dir leider nicht verraten, warum ich hier bin, aber ob du es glaubst oder nicht, ich will niemandem schaden. Es … es ist eine private Angelegenheit.“
Jannis schnaubte verächtlich. Eine private Angelegenheit? Für wie dumm hielt ihn dieser Mann eigentlich? Er sah ihn doch ständig in seiner Gardistenuniform, wie konnte es da eine private Angelegenheit sein?
„Es war ja nur eine Frage, und jemand wie du schuldet mir keine Antwort, das verstehe ich gut“, sagte er und machte eine abwehrende Handbewegung.
„Jemand wie ich?“, fragte Talin und klang irritiert. „Schon zum zweiten Mal sagst du das. Ich bin in deinem Heimatland ein Fremder, und als valanischer Wolfswandler bin ich in ebenso großer Lebensgefahr wie du als Heiler. Du hast es mir gestern doch selbst gesagt.“
„Ich bin noch kein richtiger Heiler, höchstens Jungheiler“, gab Jannis kleinlaut zu. „Meine Mutter bildet mich aus, und es wird noch Jahre dauern, bis ich Aufträge allein ausführen kann.“
„Du kommst aus einer Heilerfamilie und kannst Magie wirken, so ist es doch?“, fragte Talin.
Jannis nickte, so war es wohl, auch wenn er nicht sehr geübt darin war, Magie zu wirken. Es war viel zu gefährlich, die Sprüche außerhalb des Hauses zu üben.
„Dann ist dein Leben in Grünthal so viel wert wie meines. Nämlich gar nichts!“, bemerkte Talin mit Nachdruck.
Jannis betrachtete ihn argwöhnisch. Er selbst trug eine enge Lederhose, die seine Mutter geschneidert hatte, und darüber ein Hemd mit langen Ärmeln, einem tieferen Ausschnitt für den Sommer und einer Kapuze zum Schutz vor Regen. Im Gegensatz dazu trug Talin den Gegenwert von mehreren Jahren Heilereinkünften an seinem Körper. Zumindest der Wert ihrer Kleidung unterschied sich deutlich. So hochnäsig, wie der Valaner auftreten konnte, musste er einfach ein Edelmann sein. Nein, sie hatten wirklich nichts gemeinsam, und Talin hatte sicher noch nie erfahren, wie es war, arm und ausgestoßen zu sein. Wie konnte er nur meinen, ihr Leben hätte den gleichen Wert?
„Hast du keine Angst hier?“, riss Talin ihn aus seinen Gedanken, und zum ersten Mal fiel ihm ein leichter Akzent auf. Vielleicht, weil er zum ersten Mal ohne Angst zuhörte.
„Angst wovor?“, fragte er verwundert.
„Ich habe gehört, in der Quelle wohnt eine böse Hexe, welche die Lichtung verflucht hat. Bist du begabt genug, den Bann zu brechen?“, antwortete Talin.
„Ach Valaner, da musst du beim nächsten Mal den Alten beim Märchenerzählen besser zuhören. Keine böse Hexe soll in der Quelle wohnen, sondern eine böse Nixe. Ein Wassergeist. Und nein, ich bin nicht begabt genug, um den Fluch eines bösen Geistes brechen zu können. Was für ein Glück, dass es nur Unfug ist, den sich die Menschen hier erzählen.“
Talin lachte und Jannis fand, es klang immer noch überheblich.
„Hexe, Nixe, es klingt so gleich in eurer Sprache. Und wie bedauerlich. Ich dachte, du könntest mich vor bösen Kreaturen beschützen. Nun, dann muss ich eben weiter auf mich selbst aufpassen.“ Er lächelte und klang freundlicher, als er fragte: „Du bist zum Jagen gekommen? Ich kann dir helfen, wenn du willst. Um ehrlich zu sein, bin ich hungrig und hätte selbst nichts gegen ein Stück Fleisch einzuwenden.“
„Du willst mit mir jagen, Valaner? Aber musst … musst du nicht zu den anderen?“
„Welche anderen? Was meinst du nur, Junge?“
„Bist du denn ganz alleine hier?“ Jannis zog seine Augenbrauen skeptisch zusammen.
„Ja, natürlich bin ich alleine. Hätte ich sonst um deinen Schutz vor bösen Geistern gebeten, wenn ich die ganze Schwarze Garde im Gefolge hätte?“
Ungläubig schüttelte Jannis den Kopf. Was für ein merkwürdiger Fremder, sicher war ihm nicht zu trauen. Warum redete er überhaupt noch mit ihm? Eine leichte Brise wehte über die Lichtung und der Wind spielte mit Talins Haar. Der Anblick erinnerte Jannis an etwas, aber es wollte ihm nicht gleich einfallen, woran. Die äußeren Enden der schwarzen Haarpracht sahen aus wie wilde Stacheln und rahmten ein hübsches, fast noch jungenhaftes Gesicht ein. Es sah aus … wie das Fell eines Wolfes im Herbstwind, dachte er erschrocken.
„Du warst das gestern am Waldrand? Du warst der schwarze Wolf?“, brach es aus ihm heraus, und im gleichen Augenblick bereute er die Frage auch schon wieder. Vielleicht würde er ungehalten reagieren, wenn man ihn auf seine Wolfsgestalt ansprach. Jedenfalls stand nichts davon in den Büchern, wie Fremde mit den freien Wölfen umgehen mussten.
Unter einem langsamen Augenaufschlag sah ihn der Valaner an. Er wirkte bedrohlich und machte keine Anstalten, zu antworten. Stattdessen beugte er sich zu Jannis, und weiche Lippen streiften plötzlich seinen Hals, bis sie sein Ohr fanden. Leise brummte Talin: „Lass nicht zu, dass er dich schnappt, Wölfe haben scharfe Zähne.“
Jannis zuckte zusammen und trat erschrocken einen Schritt zur Seite. Talin biss sich auf die Lippen und sah aus, als würde er ein Grinsen unterdrücken. Dann lachte er laut los und bog sich so sehr vor Lachen, dass er in die Hocke gehen musste.
„Junge, sind alle Grünthaler so leicht zu erschrecken? Dabei habe ich mir nur diese eine Zeile des Liedes gemerkt. Oh nein, das Gesicht, das du gemacht hast, bei allen Geistern, das war viel zu einfach“, prustete er.
Jannis fühlte, wie die Wut in seine Hände schoss. Plötzlich packte er Talin am Kragen und stieß ihn ohne zu überlegen nach hinten.
Er fiel ins Gras und lachte dort weiter. „Bei den Dämonen aller achtzehn Höllen, du hättest eben wirklich dein Gesicht sehen sollen. Als ob ich dir gleich in den Hals beißen würde.“
Jannis sah ihn strafend an und fragte: „Hast du heute Morgen vielleicht von den Pilzen mit dem grünen Hut gegessen? Die können erwachsene Menschen nämlich in alberne Kinder verwandeln.“
Jetzt musste Talin noch mehr lachen.
„Nein, nein“, antwortete er. „Ich hatte ein bisschen zu viel Grünthaler Jungheiler, die können die gleiche Wirkung haben.“ Grinsend kam er auf seine Füße, und nach ein paar tiefen Atemzügen beruhigte er sich: „Warum zuckst du so schnell vor Angst, wenn ich dir näherkomme, Junge?“, fragte Talin und klang ernst.
Jannis rollte mit den Augen. „Was für eine dumme Frage. Du bist größer und stärker als ich, und du bist bewaffnet. Außerdem tauchst du immer plötzlich aus dem Nichts auf und gibst nichts über dich preis. Was ist denn an meiner Angst nicht zu verstehen?“
Talins Gesichtsausdruck wurde noch ernster und er nickte zustimmend. „Doch, ich verstehe schon, aber du irrst dich.“ Unvermittelt strich er Jannis mit den Fingern durchs Haar. „Du bist ein schlauer Junge, wenn du dich fürchtest. Manchmal fürchte ich mich selbst vor mir und dem, was in mir ist. Aber ich will dir wirklich nicht schaden.“
Erschrocken trat Jannis einen Schritt zurück. Er taumelte, und hätte Talin ihn nicht schnell an den Schultern festgehalten, er wäre in den Quellsee gefallen.
Er sah zu Boden und flüsterte: „Wie soll ich dir das glauben können? Nur weil du es sagst, wird doch noch keine Wahrheit daraus.“
Talin ließ seine Hände über Jannis’ Oberarme zurück zu seinem eigenen Körper gleiten.
„Ich kann dich wohl nicht mehr vom Gegenteil überzeugen. Dann ist es besser, wenn ich dafür sorge, dass du dich nicht mehr fürchten musst. Leb wohl“, sagte er, drehte sich langsam um und ging mit hängendem Kopf in Richtung Wald.
„Hey, warte noch.“ Jannis wusste nicht, warum er ihm nachrief, es war einfach aus ihm herausgebrochen. „Gibt es etwas, was du heute noch erledigen musst?“
Talin drehte sich mit einem dünnen Lächeln auf den Lippen um.
„Nein“, antwortete er und sein schönes Gesicht sah merkwürdig betrübt aus. „Ich habe heute nichts mehr zu erledigen. Ich warte nur.“
„Worauf wartest du denn?“, fragte Jannis und ging nicht davon aus, eine Antwort zu erhalten. Talin schüttelte den Kopf und zuckte mit den Schultern.
„Ich warte darauf, dass es endlich vorbei ist.“
Jannis verdrehte die Augen und seufzte. Was sollte er nur von diesem Kerl halten?
Er sollte den merkwürdigen Valaner ziehen lassen, dachte Jannis und fragte sich, warum er ihm überhaupt nachgerufen hatte. Sicher wäre er schon längst im Wald verschwunden und Jannis hätte in Ruhe jagen können. Nun stand der große Mann vor ihm und blickte ihm mit einem flehenden Blick tief in die Augen. Für einen Moment hatte er das Gefühl, aus Talins dunklen Augen würde eine eigenartige Traurigkeit zu ihm strömen und ihn in einen dunklen Fluss reißen. Etwas war da, ein alter Schmerz, der direkt aus Talins Seele zu kommen schien und an Jannis’ Magiebegabung kratzte. Für diesen Moment wurde aus Talin, dem überheblichen Schwarzgardisten, nur ein tieftrauriger junger Mann, in dem ein böser, alter Schmerz wütete. So viel Leid ging von dem Valaner aus und strömte durch Jannis, dass er das dringende Bedürfnis hatte, es zu mildern. Ob es seine Ehre als Heiler war, die es ihm nicht erlaubte, einen Menschen leiden zu lassen, oder etwas anderes, er konnte es nicht benennen. Aber etwas in ihm brachte ihn dazu, Mitgefühl mit dem Fremden zu haben.
„Ehe du das Wild im Wald aufschreckst, bleib noch. Komm, ich zeige dir etwas“, sagte er und zeigte auf den See, der ruhig in der Mittagsonne lag.
Er ging über die Wiese mit den gelben Blumen, blieb vor dem Seeufer stehen und sah über seine Schulter. Verwundert folgte ihm der Valaner. Auf dem kleinen Quellsee gab es grüne, breitblättrige Pflanzen, wie kleine grüne Tassen sahen sie aus, die frei umherschwammen. Aber Jannis wusste, sie waren über dünne Wurzeln mit dem Grund des Sees verbunden. Er kniete sich dicht ans Ufer, dort wo es tief ins Wasser ging, und Talin kniete sich neben ihn.
„Ich kann wirklich keine mächtige Magie wirken. Wenn also aus der Quelle gleich eine böse Nixe steigt und uns verflucht, sind wir verloren. Es sei denn, Nixen fürchten sich vor valanischen Wölfen“, sagte er grinsend.
Er beugte sich über das Wasser und zog vorsichtig eine der schwimmenden Tassenpflanzen zu sich. Dann legte er seine rechte Hand über die Pflanze und murmelte den passenden Spruch. Einen Augenblick später begann etwas, in der Mitte der grünen Tasse zu wachsen. Ein dünner, weißer Faden war zu sehen, der immer breiter wurde und sich schließlich zu einer wunderschönen weißen Blume entfaltete. Mit einem stolzen Grinsen sah er zu Talin und war froh, den dunklen Schmerz, der von ihm ausgegangen war, nun nicht mehr zu fühlen. Seine kleine Magievorführung hatte wohl genau das bewirkt, was sie sollte. Wie verzaubert starrte Talin auf die weiße Blume, die vor seinen Augen schwamm.
„Gefällt es dir?“, fragte Jannis. „Es ist ein ganz einfacher Naturzauber. Die Pflanze schläft am Tag und blüht in der Nacht, verborgen vor allen Augen. Wenn man weiß wie, kann man sie am Tage aufwecken und sie zeigt ihre Schönheit.“
Talin nickte. „Jannis, kannst du jeden Tag kommen und eine Seeblume für mich aufwecken?“, murmelte er.
„Jeden Tag? Wieso solltest du jeden Tag hier sein? Diese Lichtung ist doch nicht dein Zuhause?“ Überrascht sah er Talins ernsten Gesichtsausdruck. „Ich habe kein Zuhause mehr, Junge. Um ehrlich zu sein, in diesem Moment wäre ich froh, diese Lichtung wäre meine Heimat, und … und du könntest mich jeden Tag hier besuchen.“
Das war also der Grund, warum sich der Valaner in Grünthal herumtrieb? Er war nicht in seine Heimat gekommen, um einen Auftrag auszuführen, es hatte ihn in sein feindseliges Nachbarland verschlagen, weil er wohl nicht mehr in Valan bleiben konnte. Jannis beschloss, nicht weiter zu fragen, Antworten waren nicht Talins Stärke und er kannte den Kettenwerfer ja auch kaum. Was ging es ihn überhaupt an, warum Talin Valan verlassen musste?
Aus den Augenwinkeln sah er einen dunklen Schatten am Rand der Lichtung vorbeihuschen und drehte den Kopf in die Richtung, wo er etwas gesehen hatte. Still und ruhig wirkte der Wald, nichts schien ungewöhnlich. Die Sonne brach sich im Wasser des Quellsees, es war sicher eine Sinnestäuschung gewesen. Jannis schüttelte den Kopf über sich. Was für Merkwürdigkeiten bildete er sich in der letzten Zeit eigentlich ein? Offenbar hatte Talin ihm zugesehen.
„Was ist? Was hast du gesehen?“, fragte er und drehte den Kopf in die Richtung, in die Jannis gerade geschaut hatte.
„Nichts … ich dachte nur …“, antwortete Jannis.
Talins Kopf schnellte herum. „Dort?“, fragte er und deutete mit dem Kinn zum Rand der Lichtung.
„Ja, warum? Es ist nichts. Das Wasser bricht die Strahlen der Sonne und hat mir einen Streich gespielt.“
„Welchen Streich?“, fragte Talin beharrlich.
Jannis seufzte und rollte mit den Augen. Dieser Kerl war nicht nur überheblich, er war auch beharrlich. Es war doch nichts weiter als eine Sinnestäuschung gewesen, die es hundertfach im Wald gab. „Schatten, ich dachte, ich hätte Schatten gesehen, die sich bewegen. Aber das war nur eine Täuschung, die gibt es im Wald nun mal.“
Talin stand auf und ging langsam näher zu der Stelle, an der Jannis die Schatten gesehen hatte. Ohne den Blick abzuwenden, öffnete er mit beiden Händen je einen der Beutel, die an seinem Gürtel hingen, und zog etwas heraus. Eine lange, dünne Kette kam auf jeder Seite zum Vorschein. Daran befestigt war je ein Stern mit spitzen Enden. Jannis stand auf und lief zu Talin.
„Steck die Waffen weg!“, rief er im Laufen. „Es war doch nur eine Täuschung, ich sagte es schon. Spiel dich hier nicht …“
„Bleib hinter mir“, unterbrach Talin ihn. „Wenn du einen Bannspruch kennst, halte ihn bereit. Und wenn du noch einmal Schatten siehst, banne sie!“, flüsterte er.
Jannis war verwirrt. „Wen? Wen soll ich nicht näherkommen lassen und bannen? Es hat bisher noch niemand versucht, etwas zu bannen, was gar nicht vorhanden war.“
Talin ignorierte ihn und ging langsam weiter. Schließlich sagte er leise: „Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, wenn ein Magiebegabter etwas wahrnimmt, sollte man vorsichtig sein. Und was auch immer es ist, es soll nicht auf diese Lichtung kommen. Vertrau mir.“
„Dir vertrauen? Bist du irre geworden? Ich würde dir nicht mal vertrauen, wenn du das einzige Wesen in diesem Wald wärst“, keifte Jannis leiser, als er wollte, und schlich weiter hinter ihm her.
„Es ist unwichtig. Tu einfach, was ich sage“, brummte Talin ungeduldig.
Er hatte den Satz noch nicht beendet, da sah Jannis die Schatten erneut. Dieses Mal war es eindeutig keine Sinnestäuschung. Zwei, drei dunkle, unförmige Erscheinungen huschten zwischen den Bäumen am Waldrand. Er verengte seine Augen. Vielleicht waren es Tiere, aber er konnte nicht erkennen, welche Form sie hatten. Sie huschten blitzschnell vor und zurück zwischen den Bäumen und kamen immer näher.
Talin hatte sie offensichtlich ebenfalls gesehen, denn er ließ beide Sterne etwas absinken und begann, die Ketten um seine Hände rotieren zu lassen. In dieser Lauerstellung schlichen sie noch ein Stück näher und Jannis fragte sich, was sie hier eigentlich taten. Die Schatten wirkten aus der Nähe noch bedrohlicher. Sie gaben keine Töne von sich, huschten nur unruhig hin und her und kamen immer näher.
„Jetzt!“, sagte Talin leise.
Jannis schüttelte den Kopf in Unglauben. Was erwartete Talin von ihm? Er hob trotzdem die Hände und sprach den ersten Schutzzauber aus, der ihm einfiel. Obwohl er so ungeübt war, schien der Zauber zu wirken. Er wunderte sich, aber die Schatten prallten tatsächlich gegen eine unsichtbare Wand.
„Bleib zurück!“, befahl Talin und ging selbst noch näher an die gebannte Stelle. Bedrohlich schwang er die Ketten mit den Sternen. Sie rotierten in einem weiten Kreis um seine Hände, bis er sie gekonnt übereinander schrammen ließ. Ein klirrendes Geräusch war zu hören und es war leicht, sich vorzustellen, welche Art von Wunden diese Waffen erzeugen konnten, wenn sie auf Fleisch trafen.
Jannis fragte sich, warum die bedrohlichen Schatten vor Talins Wurfsternen zurückschreckten. Was auch immer die Erscheinungen sein mochten, nichts Menschliches war an diesen schattenhaften Gestalten. Jannis trat neben Talin und hörte sofort: „Geh weg. Bleib hinter mir!“
Er ignorierte den Befehl, hob die Hände und sprach: „Hinfort.“ Wie von einem Sog erfasst, wichen die Schatten zurück. Sie wurden in die Tiefen des Waldes gezogen und verschwanden. Er atmete schwer. War es vorbei?
In diesem Moment sah er den bewundernden Blick des Valaners.
„Das … junger Heiler … war eine großartige Leistung.“
„Sind sie wirklich fort?“, fragte Jannis ängstlich.
Talin nickte. „Du hast doch gesehen, wie sie gewichen sind, und das verdanken wir dir.“
„Aber nur, weil du sie geschwächt hattest. Wieso sind sie eigentlich vor deinen Waffen zurückgeschreckt? Was auch immer das war, es waren keine Menschen.“
„Meine Waffen sind schwach magisch, weil sie von unserem Obersten Tempelpriester geweiht wurden, und sie können ein wenig Magie verbreiten“, erklärte Talin. „Komm, lass uns zurück zum See gehen, wir sind hier für heute sicher, denke ich.“
Er legte einen Arm um Jannis’ Schultern und ging in Richtung See. Verwirrt und ängstlich trabte Jannis neben ihm her. Warum tat er plötzlich so vertraut mit ihm? Er konnte sich nicht erinnern, dass jemals ein anderer Mensch als seine Mutter einen Arm um ihn gelegt hätte.
„Was glaubst du, was das für Schatten waren?“, fragte er, um die eigenartigen Gedanken aus seinem Kopf zu vertreiben.
Am Ufer des Sees setzte sich Talin ins weiche Gras und zog ihn am Arm nach unten. „Sag du es mir. Du bist doch der magische Bücherwurm, nicht ich. Ich bin nur ein Soldat, der es gewohnt ist, auf Gefahren zu reagieren.“
Jannis rollte mit den Augen und sah ängstlich zum Waldrand. „Der Bannspruch wird bis heute Nacht halten. Ich habe mein Bestes gegeben, doch er schließt nur die Hälfte der Lichtung ein. Mehr schaffe ich nicht.“ Er konnte das Zittern seiner Beine nicht unterdrücken und schämte sich vor dem Gardisten. Schon war die fremde Hand erneut in seinem Haar und strich sanft über die blonden Strähnen.
Leise sagte Talin: „Beruhige dich, Junge. Ich bin mir sicher, es gibt einen Grund, warum sie genau an dieser Stelle aufgetaucht sind. Wir haben sie an keinem anderen Ort gesehen. Ich glaube, dein Spruchzauber hat sie fürs Erste vertrieben.“ Talin schien nicht in der Lage zu sein, seine Hände bei sich zu behalten, und er glitt mit den Fingern über Jannis’ Rücken.
„Verwechselst du mich mit einer Katze?“, fragte Jannis und ruckte mit den Schultern, um die Hand zusammen mit dem merkwürdigen Gefühl, das sie auslöste, abzuschütteln.
Sofort zog Talin seine Hand zurück „Entschuldige. Es ist nur …“, murmelte er, „… es ist nichts. Fühlst du dich besser?“
„Ich fühle mich hervorragend“, spottete Jannis. „Ich fühle mich so gut, gleich hätte ich geschnurrt. Wer würde sich nicht bestens fühlen, wenn er gerade von bedrohlichen Schatten belagert wurde. Was glaubst du, was sie wollten?“, fragte er und rückte unwillkürlich etwas näher an Talin heran.
„Sie hätten uns aufgefressen“, sagte der mit der gleichen dunklen Stimme, mit der er zuvor das Wolfslied zitiert hatte. Jannis zog eine Grimasse und rollte mit den Augen.
„Ja ja, du bist ein ganz lustiger Geselle, Talin aus Valan. Aber an mir hätten sie sich nicht satt essen können. Ich hatte kein Frühstück, weil ich auf eine gute Jagd hoffte. Stattdessen jage ich unverdauliche Schatten.“
Talin grinste. „Du hast recht, Eichhörnchen. Lass uns etwas Essbares jagen. Ich helfe dir, ich bin auch hungrig. Oder … soll ich mich immer noch von dir fernhalten und verschwinden? Immerhin warst du zuerst hier?“
„Bloß nicht!“, antwortete Jannis schnell. Das Letzte, was er jetzt wollte, war allein inmitten von gruseligen Erscheinungen zu sein. Plötzlich schien ihm der Valaner gar keine so schlechte Gesellschaft. „Komm mit mir nach Hause“, sprach er aus, was vor der unheimlichen Begegnung undenkbar gewesen wäre. „Wir können das Fleisch in meiner Hütte braten. Viel mehr wird es nicht geben, aber einen Tee kann ich dir auch anbieten und ein paar Beeren.“
„Die Beeren, die ich dir gestern schon nicht stehlen wollte?“, fragte Talin lachend. Mit ernsterem Gesicht fügte er hinzu: „Jannis, ich weiß nicht, ob das eine gute Idee ist. Was, wenn mich jemand mit dir sieht? Valaner sind mehr als nur ungebetene Gäste in deinem Land. Sie schicken dich durch alle Höllen und zurück, wenn du in meiner Begleitung gesehen wirst.“
Verwundert über die plötzliche Sorge um ihn sagte Jannis: „Lieber krieche ich durch alle achtzehn Höllen und zurück, als alleine durch einen Wald voller Schatten nach Hause zu gehen.“
Talin nickte, reichte Jannis eine Hand und zog ihn auf die Füße.
Schweigend liefen sie den Weg zurück. Fast im Vorbeigehen erwischten sie zwei Kaninchen und ein Rebhuhn. Um die merkwürdige Stille zu beenden, begann Jannis von Jagderlebnissen zu berichten. Talin hörte eine Weile aufmerksam zu, dann begann er Fragen zu stellen, erzählte aber selbst nichts aus seiner Heimat. Schließlich erreichten sie den Rand des Finsterwaldes und Jannis blieb vor der Holzbrücke stehen.
„Was ist nun? Kommst du mit?“, fragte er ungeduldig.
Talin legte den Kopf zur Seite und schien zu überlegen. Nach einer Weile wiederholte Jannis die Frage und ergänzte: „Ich bin wirklich hungrig. Kannst du dich mit deinen Überlegungen etwas beeilen?“
Der Valaner sah mit einem schmalen Lächeln zu ihm und nickte langsam. „Die Bauern sind auf den Feldern?“, fragte er.
„Ja, zu dieser Jahreszeit sind am Mittag alle auf den Feldern. Es wird dich schon niemand sehen“, erklärte Jannis.
Talin schüttelte den Kopf und Jannis setzte sich in Bewegung. In der Mitte der Brücke drehte er sich um. Er wusste nicht, warum, aber er freute sich, als er sah, dass Talin ihm folgte. Bald waren sie am Gartenzaun angelangt. Eine der wilden Katzen, die seine Mutter fütterte, lag auf dem steinernen Weg und döste in der Sonne. Als die beiden jungen Männer näherkamen, sprang sie auf, buckelte und verschwand mit einem Fauchen. Jannis war schon an der Tür, als er grinsend sagte: „Katzen mögen eben keine Wölfe.“
Die Hütte wirkte heute noch schäbiger und enger auf ihn als sonst. Seine Mutter ließ ab und an den Pfarrer herein und bot ihm einen Schnaps an, während er auf seine Medizin wartete. Andere Gäste empfingen sie nicht. Und jetzt brachte er ausgerechnet einen valanischen Kettenwerfer, der sich wie ein Edelmann benahm, mit in sein ärmliches Zuhause. Er schämte sich und nahm an, der Valaner würde ihn noch herablassender behandeln, jetzt, da er wusste, wie er hier lebte.
Mit einem verlegenen Grinsen bat Jannis ihn, sich an den Tisch zu setzen, füllte vorsichtig einen Becher mit Wasser und stellte ihn vor seinen Gast. Er hatte das dringende Bedürfnis, etwas zu erklären: „Den Heilern ist es nicht mehr gestattet, in den Dörfern zu wohnen“, sagte er und sah vorsichtig zu seinem Gast.
Talin nickte. „Ich weiß. Das hier ist eine gute Hütte“, sagte er.
„Nein, ist es nicht!“, antwortete Jannis ungehalten. „Es ist kaum mehr als eine kleine Behelfsunterkunft!“
Interessiert blickte Talin sich um und schien jeden Gegenstand genau zu betrachten.
„Die Unterkünfte in Valan sind sicher um ein Vielfaches besser“, ergänzte Jannis leise. So sehr wie heute hatte er sich wirklich noch nie für sein Zuhause geschämt.
Talin stützte den Kopf auf eine Hand und seine dunklen Augen fixierten ihn. Er lächelte und antwortete nicht. Jannis legte ein dickes Holzbrett auf den Tisch, packte sein Jagdmesser aus und legte die Jagdbeute auf das Brett. „Hat es dir die Sprache verschlagen?“, fragte er und erwartete den üblichen Spott.
„Ich denke nach“, gab Talin zu. „Ich denke nach, warum du dich für deine Unterkunft entschuldigst.“
Jannis schluckte die Kröte hinunter, die gerade durch seinen Hals gewandert war. „So wie du aussiehst, bist du Besseres gewohnt“, antwortete er.
„Ist das so?“, fragte Talin verwundert zurück. „Du glaubst, jemand wie ich würde eine Unterkunft, in der jemand wie du lebt, nicht zu schätzen wissen?“
„Ja“, gab Jannis traurig zu. Er senkte den Kopf und versuchte, beschäftigt auszusehen.
Talin kam mit seinem Gesicht so weit nach vorne, dass Jannis seinen warmen Atem auf der Wange spürte. Sanft ließ er den Rücken seiner Hand über Jannis’ Wange gleiten. „Junge, du irrst dich schon wieder gewaltig“, sagte er leise.
Mit einem Schulterzucken versuchte Jannis, die Hand, die ihn berührte, abzuschütteln. Jetzt ging er wirklich zu weit. Wer streichelte denn einem anderen Mann so zart über die Wange?
„Kein Wunder“, sagte er. „Du bist verschlossener als ein stummer Dämon der zweiten Hölle. Und sag mal, ist es bei euch üblich, sich ständig anzufassen?“
Mit einem unergründlichen Gesichtsausdruck lehnte sich Talin zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. „Sag, Grünthaler, seid ihr alle schreckhafte Eichhörnchen, die bei jeder Berührung einen Satz zur Seite machen?“
Jannis fühlte, wie seine Lippen ganz schmal wurden, bevor er antwortete: „Sag, ist es bei euch üblich, auf Fragen keine wirklichen Antworten zu geben?“
Talins Blick war unergründlich. „Es ist bei uns üblich, sich anzufassen“, sagte er schließlich. „Wir fassen unsere Familie, Freunde und Gefährten in der Öffentlichkeit gerne an und zeigen, wer uns nahesteht. Ich weiß viel über Grünthal, aber eure Gepflogenheiten, was Berührungen betrifft, kenne ich nicht.“
Seufzend dachte Jannis, er war ja selbst schuld daran, dass er es jetzt erklären musste, hätte er nur nicht gefragt. Was für ein peinliches Thema. „Hier ist es nicht üblich, sich anzufassen, wenn man sich fremd ist. Und zwei Männer würden das niemals tun“, versuchte er dem Valaner die Umgangsformen seines Landes näher zu bringen. Talins fragender Blick sagte ihm, er müsse das näher erklären. „Die neue Religion verbietet, dass zwei Männer oder zwei Frauen … du weißt schon, und wir Heiler halten uns daran, weil uns sonst die Falken schmerzhaft an die Regeln erinnern. Ansonsten umarmt mich meine Mutter, wenn sie von einer Reise nach Hause kommt, weil wir uns nah sind. Du und ich sind zwei Männer, und wir stehen uns ja auch nicht nahe“, bemerkte er.
„Ich weiß schon? Was weiß ich schon?“, fragte Talin und schien immer noch nicht verstanden zu haben.
Jannis zuckte mit den Schultern. Er hatte gar keine Lust, dieses Gespräch zu vertiefen. Wer wen berührte, beschäftigte ihn reichlich wenig. Keines der Mädchen aus dem Dorf hätte sich je mit einem Heiler eingelassen, es war Zeitverschwendung, darüber nachzudenken. Seine Mutter würde ihn auch nicht einfach mit einer jungen Heilerin verheiraten, ohne ihn zu fragen, und er hatte noch keine getroffen, die ihm gefiel. Was andere Männer betraf, so war der Gedanke daran in Grünthal schon gefährlich. Jeder junge Heiler, der auch nur ahnte, dass er hübsch anzusehen war, sah schnell zu Boden, wenn er die Falken von Weitem sah. Es war bekannt, dass die Menschenjäger der Burg sich ein Zubrot damit verdienten, hübsche, junge Heiler auf den Sklavenmärkten zu verkaufen. Zuvor machten sie sich die Jungen mit Gewalt gefügig, weil die meisten von ihnen als Lustsklaven an einen Günstling der Burg verkauft wurden. Was auch immer ansonsten streng verboten war, mit einem rechtlosen Sklaven durfte man tun, was man wollte. Er hatte von seiner Mutter gehört, dass die Valaner sich nicht darum scherten, ob ihre Gefährten Frauen oder Männer waren. In seiner Heimat waren solche Sitten undenkbar.
„Es ist jetzt unwichtig“, beantwortete er trotzig die Frage des Valaners und hatte keine Lust mehr, darüber nachzudenken. Von diesem merkwürdigen Gefühl zwischen Scham und Aufregung, das er empfand, wenn Talin ihn auf diese Weise berührte, durfte dieser nichts erfahren. „Man muss sehr aufpassen mit solchen Dingen, wenn man sich unter anderen Grünthalern bewegt. Außer du legst Wert darauf, Bekanntschaft mit den Falken zu machen und auf dem Sklavenmarkt verkauft zu werden“, fügte er an und versuchte, die Aufregung, die diese Unterhaltung in ihm verursachte, zu verbergen. Zum Glück lächelte Talin nur hintergründig und fragte nichts mehr.
Endlich war das Fleisch vorbereitet. Er gab Öl in einen gusseisernen Topf und begann das Fleisch der beiden Kaninchen darin zu braten. Einige Kräuter wanderten ebenfalls in den Topf. Dann schloss Jannis den Deckel und ließ es schmoren.
„Es braucht noch eine Weile“, sagte er in Richtung seines Gastes. Der hatte die langen Beine unter dem Tisch ausgestreckt und sah aus, als wäre er kurz davor, einzuschlafen.
„Du kannst dich auf dem Bett ausruhen, wenn du müde bist“, erklärte Jannis und zeigte auf sein eigenes Bett. Es war ein einfaches Holzbett, ein großes Kissen sowie eine breite Decke befanden sich darin.
Talin schüttelte den Kopf. „Danke, nein. Mach dir wegen mir keine Umstände“, antwortete er müde und gähnte laut.
„Komm schon, Valaner. Du siehst aus, als würde dir der Kopf gleich auf den Tisch fallen. Leg dich hin. Wenn du hier schläfst, ist das für mich sicher kein Umstand.“
Talin sah zu ihm und warf dann einen sehnsuchtsvollen Blick auf das Bett. Er nickte, stand ohne ein weiteres Wort auf und legte sich auf die Decke. Einmal noch seufzte er erleichtert, dann schloss er die Augen und schien sofort eingeschlafen zu sein. Er ist so merkwürdig, dachte Jannis kopfschüttelnd.
„Aufwachen! Die Burg brennt!“, rief Jannis eine ganze Weile später, direkt neben Talins Ohr.
„Ja, Kommandant, zu Diensten!“ Sofort schreckte Talin hoch, knallte fast mit dem Kopf gegen Jannis und sah sich verschlafen um. Nur langsam schien er zu bemerken, wo er war. „Das … das war sehr lustig“, sagte er und rieb sich die Augen.
„Ja, nicht wahr? Dabei bist du doch der lustige Scherzbold“, sagte Jannis schulterzuckend. Er füllte zwei Holzschüsseln mit dem Kanincheneintopf und stellte sie auf den Tisch.
„Wenn es so gut schmeckt, wie es riecht, hast du einen Gefallen gut bei mir“, sagte Talin und schnupperte am Eintopf.
„Ja, ja. Ein Dank für den Koch genügt“, erwiderte Jannis.
Schweigend aßen sie. Jannis war so hungrig, dass er seine Schüssel schnell leerte und im Topf nachsah, wie viel noch da war. Talin aß sehr langsam und andächtig, als würde er ein Festmahl verspeisen. Nachdem er seine Schüssel geleert hatte, sah er anerkennend zu Jannis und verbeugte sich leicht: „Ein großes Lob an den Koch. Zu schade, dass er nicht mehr will als einen Dank.“
Jannis lachte. „Was könntest du mir sonst schon geben? Ich sehe kein Gepäck bei dir.“
Talin griff in die Tasche seiner Hose und zog etwas Glänzendes hervor. Mit einem geschickten Wurf flippte er eine Goldmünze mit dem Daumen über seine Hand, direkt vor Jannis.
„Das … das ist eine valanische Münze. Was soll ich damit?“, fragte der verwirrt.
„Sie ist aus Gold. Du kannst sie einschmelzen, dann sieht niemand mehr, dass es eine Münze aus Valan war“, erwiderte Talin.
„Du gibst mir eine Goldmünze? Für einen Eintopf, dessen Inhalt du selbst gejagt hast?“ Jannis konnte es nicht fassen.
„Reicht es nicht?“, fragte sein Gast. Er griff in beide Hosentaschen und beförderte sieben weitere goldene Münzen hervor, legte alle auf den Tisch und schob zwei weitere zu ihm. Dann legte er den Kopf zur Seite und schob schließlich alle Münzen zu ihm. „Hier, nimm sie alle. Ich brauche sie nicht mehr, und für dich können sie noch von Wert sein, oder?“
„Warum tust du das? Warum machst du dich schon wieder über mich lustig? Ich weiß, ich bin arm und dies ist eine von allen guten Geistern verlassene, schäbige Hütte. Warum beschämst du mich?“, fragte Jannis wütend und sah auf die vielen Goldmünzen, die vor ihm lagen. Nach einer unerträglichen Stille hörte er, wie ein Stuhl näher an seinen gerückt wurde, und eine Hand legte sich auf seinen Rücken.
„Es tut mir leid, Jannis. Ich wollte dich bestimmt nicht beschämen, und dieses Mal ist es wirklich kein Scherz. Bitte, nimm das Gold. Für den Eintopf, die magische Hilfe, das weiche Bett oder einfach nur deine Gesellschaft. Mach dir keine Sorgen, ich brauche diese Münzen nicht mehr.“
Jannis schüttelte den Kopf, legte eine Hand auf die Münzen und schob sie zu Talin. „Mit Sicherheit nehme ich sie nicht! Das ist Gold, und es ist hier in Grünthal viel wert. Es kann dir hier für einige Zeit ein gutes Leben ermöglichen. Meine Gesellschaft gibt es selbst für einen sonderbaren Valaner kostenlos. Wenn du mich für all das bezahlen willst, beschämt es mich noch mehr. Was glaubst du, wer ich bin? Ein Höllensöldner der achten Hölle, der nichts tut, ohne dafür einen Preis zu verlangen?“
Talin schüttelte den Kopf. „Eher ein schlaues Eichhörnchen als ein gieriger Höllensöldner“, sagte er lachend.
Jannis fiel unwillkürlich in das Lachen ein. Schon seit er die Regeln seiner Heimat hinsichtlich Berührungen erklären musste, herrschte eine merkwürdige Stimmung. Es war befreiend, zu lachen.
Talin steckte seine Münzen wieder ein und zuckte dabei entschuldigend mit den Schultern.
Sie saßen noch eine Weile bei Kräutertee zusammen, redeten und verglichen die Markttage in Montsilvan, Valans Hauptstadt, mit denen in Talweiler, der nächstgrößeren Stadt in Grünthal. Talin erzählte von den bunten Waren, die es in Valan zu kaufen gab, und Jannis von den kunstvollen Schnitzereien, die man in Grünthal erwerben konnte. Jedem fiel noch eine Geschichte zu den Handwerkern ein. Erst gegen Abend stand Talin plötzlich auf und verbeugte sich höflich.
„Vielen Dank für alles. Das war der beste Tag, den ich seit langer Zeit erlebt habe. Ich würde mich gerne erkenntlich zeigen, aber außer dem Gold habe ich nichts, was für dich von Wert sein könnte.“ Er blinzelte. „Und das, was ich habe, willst du nicht. Ich weiß nicht, ob wir uns je wiedersehen, daher noch eine letzte Bitte: Jannis, wenn du je wieder an mich denkst, kannst du an jemanden denken, der dankbar war und deine Gesellschaft genossen hat, und nicht an jemanden, der dich verspotten und beschämen wollte?“
„Reist du heute Nacht weiter?“, fragte Jannis neugierig und betrachtete den Valaner, der immer noch im Türrahmen stand. Auch wenn er merkwürdig war und nicht wusste, wie man sich in Grünthal benahm, dieser Kettenwerfer war schon eine beeindruckende Erscheinung, wie er da vor ihm stand. Mit Sicherheit war er der schönste Mann, den Jannis je gesehen hatte. Schnell schüttelte er den Kopf über diese Gedanken. Betont lässig lehnte er sich gegen den Tisch und verschränkte die Arme vor der Brust.
