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Russland in der Nachkriegszeit der 50er Jahre: Die Welt befindet sich in einer unheilvollen Aufrüstungsspirale. Der 21-jährige Niklas leistet gerade in der Sowjetarmee seinen Dienst ab, als er am 14. September 1954 gezwungen wird, auf einem Militärstützpunkt bei Orenburg an einem Atombombentest teilzunehmen. Als er in einem Krankenhaus aufwacht, ist er erblindet. Die Ärzte teilen ihm mit, dass er nur noch 10 Jahre zu leben habe - wie all seine Kameraden hat die nukleare Explosion ihn verstrahlt. Unter Drohungen unterschreibt er eine Erklärung, über das Ereignis 25 Jahre lang Stillschweigen zu bewahren. Als Niklas zu seiner Lisa und den Kindern nach Hause auf den bescheidenen Hof zurückkehrt, ist sein Augenlicht zwar zurückgekehrt, doch das erzwungene Schweigen über sein Trauma und die Angst, die ihn gefangen hält, belasten das Familienglück. Immer wieder bleibt er über Nacht weg, und auf Lisa lastet die meiste Arbeit. Die düstere Prognose der Ärzte bewahrheitet sich zunächst nicht - bis die Folgen jenes verhängnisvollen Tages Niklas doch noch einholen. 50 Jahre gehen ins Land. Durch Zufall fällt Lisa ein Zeitungsartikel in die Hand und sie erfährt die erschütternden Details des Atombombentests, der ihren geliebten Mann und Vater von sechs Kindern so jung ins Grab gebracht hat ...
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Seitenzahl: 170
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Prolog
Kapitel
Kapitel
Kapitel
Kapitel
Kapitel
Kapitel
Kapitel
Kapitel
Kapitel
Kapitel
Kapitel
Kapitel
Kapitel
Kapitel
Kapitel
Kapitel
Kapitel
Epilog
Die gefährlichste und schrecklichste physikalische Entdeckung, die den Menschen eine Menge Leid bescherte, war die Kernspaltung.
1938 nahm mit dem gelungenen Experiment ein neues Zeitalter der Kernenergie seinen Anlauf. Es wurden zahlreiche Tests zur Herstellung einer Nuklearbombe durchgeführt. Erst die Atombomben vom 6. August 1945, abgeworfen von den Amerikanern auf Hiroshima und Nagasaki, zeigten der Menschheit, was für bestialische Waffen sie da produziert hatten. Die Gedanken an die 200 000 Opfer von Hiroshima, an die verstrahlten Überlebenden und deren seit Generationen entstellten Nachkommen machten Angst.
Die atomare Katastrophe von Tschernobyl in der Ukraine 1986 wiederholte sich nach 25 Jahren am 11. März 2011 im fernen Japan nach einem verheerenden Erdbeben der Stärke 8,9 in viel größerem Ausmaß. Dem Beben folgte eine Tsunami-Katastrophe, die das AKW Fukushima beschädigte und unterspülte, mit unvorhersehbaren Folgen. Zurück blieben verseuchte Böden und verseuchtes Wasser, verstrahlte Luft und Tausende Opfer.
Wir alle sind Kinder der Erde. Schwarz, weiß oder gelb, wie die Hautfarbe auch sein mag, wir leben alle unter einem Himmel. In der modernen Zeit wird unser aller Zufluchtsort sehr oft rücksichtslos, unmenschlich und unbarmherzig behandelt.
Wir schreiben das Jahr 2022. Seit fünf Wochen tobt ein Krieg in der Ukraine. Und wieder wird der Menschheit mit der Atombombe gedroht. Die Russen haben es schon einmal getan. Am 14. September 1954 wurde im Zuge eines Kriegsmanövers in den Steppen des Süd-Urals eine Atombombe getestet. Dieses Ereignis scheint in Vergessenheit geraten zu sein, aber so sollte es nicht sein!
Das Leben eines jeden Menschen ist einzigartig und kostbar und keiner hat das Recht, den Abgrund zu öffnen. Aber wie lebt derjenige, der so eine Hölle überlebt hat?
Es war kurz vor Weihnachten. In diesen Breiten Russlands war der Winter anhaltend und streng. Die Tage der weißen Jahreszeit waren kurz, die Nächte lang. Die Sonne hatte die abgekürzte Route gewählt und zeigte sich vergänglich am Horizont. Den hellen Tag nutzten die Sperlinge und Gimpel, um etwas Essbares aufzutreiben. In der Einfahrt, auf dem Misthaufen, bei den Viehstallungen, überall war das große Suchen angesagt. Gekämpft wurde um jeden Samen, um jeden gefundenen Krümel.
Lisa Sonnberg, eine Frau über siebzig, stand am Fenster ihres gemütlichen, warmen Wohnzimmers und schaute lächelnd dem Gerangel der Vögel zu, doch mit den Gedanken war sie weit weg. Die Vorweihnachtszeit brachte es mit sich: nachdenken, sich besinnen, sich erinnern. Lisa musste feststellen, dass die wichtigsten Ereignisse in ihrem Leben genau zu dieser Zeit passierten. Sie ging in den Flur und blieb vor dem Spiegel stehen. Wie die Jahre einen doch veränderten. Wo war das Schwarz ihrer Haare geblieben, das tiefe Blau ihrer Augen? Und zahlreiche Falten hatten sich ihr ins Gesicht eingegraben.
Nachdenklich wanderte ihr Blick zur Kommode, wo ein Schriftstück lag, das nicht ganz unschuldig an ihrem Gemütszustand war. In diesem Moment knallte unten die Eingangstür. Lisa warf einen Blick auf die Uhr – ihre Schwiegertochter Elli war von der Arbeit nach Hause gekommen. Lisa bewohnte zwei Seitenzimmer im Hause ihres Sohnes David und nahm noch regen Anteil am Leben der Gemeinschaft. Sie kochte für die ganze Familie, wenn Ellis Schicht ungünstig lag, half im Hof und im Garten, wenn die Zeit gekommen war, und die Enkelkinder Tina und Daniel schauten nach der Schule erst bei Oma vorbei, denn bei ihr gab es immer etwas zu naschen.
Lisa begrüßte die Schwiegertochter in der Küche, wo sie gerade das Hackfleisch zu Frikadellen formte und in das sprudelnde Fett der Pfanne beförderte.
»Mutter, ist was?« Elli schaute die schweigsame Schwiegermutter an.
»Nein, wieso? Ich war gerade am Überlegen, ob ich die Wäsche reinholen soll.«
»Wenn es dir nichts ausmacht? Ich habe sie im Vorbeigehen betastet – der Frost und die Sonne haben ganze Arbeit getan.« Elli setzte einen Kochtopf mit Wasser auf den Herd.
Lisa zog ihre Jacke an, schlüpfte in die Filzstiefel und hängte den Sammelband für die Wäscheklammern um den Hals. Sie blieb auf der Schwelle stehen und musste blinzeln. Die Sonne und der Schnee hatten die Kochwäsche so richtig ausgebleicht, das blendende Weiß tat beinahe weh in den Augen. Lisa trug einen Arm voll strahlenden Winters in die warme Stube und ein Duft von Frost, Wind und Sonne verbreitete sich in der Luft. Der Tag neigte sich dem Ende zu. Am Horizont tummelten sich dunkle Wolken. Es sah wieder nach Schnee aus.
Umso gemütlicher wirkte das knisternde Kaminfeuer in Lisas Zimmer. Sie blieb vor der Kommode stehen, nahm das Schriftstück in die Hand, das die Kopie eines Zeitungsartikels war, und musste feststellen, was für einen Aufruhr der Gefühle der Text in ihr hervorgerufen hatte. Drei Tage zuvor hatte ihr Anna, die beste Freundin, diese Kopie während des Gottesdienstes in die Hand gedrückt und geflüstert. »Lies das! Es wird dich interessieren.« Lisa steckte das Blatt samt Gesangbuch in die Handtasche, konnte sich aber nicht auf den Gottesdienst konzentrieren – etwas beunruhigte sie.
Zu Hause herrschte an diesem Tag eine angenehme Stille. David und Elli waren unterwegs, die Enkelkinder tobten draußen im Schnee. Lisa machte sich in der Küche einen Kräutertee, nahm die Tasse in ihr Zimmer und machte es sich im Sessel gemütlich. Sie zog den Zeitungsartikel aus der Tasche und langte nach der Brille.
Lisa begann zu lesen und von dem Moment an war alles rundherum vergessen: der Tee, die schreienden Kinder hinterm Fenster und ihr gemütliches Zimmer. Sie las den Text wieder und wieder, sog ihn förmlich in sich hinein. Die Ereignisse, über die berichtet wurde, lagen fünfzig Jahre zurück. Sie galten eigentlich als verjährt, aber nicht für Lisa. Verblüfft und entsetzt saß sie da, sie war wie vom Blitz getroffen. Was damals passiert war, ging sie und ihre Familie unmittelbar etwas an. Es bestimmte bis heute Lisas Leben. Lange saß sie in Gedanken versunken im Dämmerlicht des winterlichen Abends. In stiller Trauer, nach Jahr und Tag, weinte sie leise.
Die Tage danach war Lisa wie verwandelt. Sie war vergesslich, hörte schlecht zu und saß stundenlang in sich gekehrt. So wie auch heute in der Küche.
Beunruhigt sprach Elli David darauf an.
»Sag mal, hast du es auch bemerkt? Mit unserer Mutter, meine ich.«
David saß gerade ziemlich müde von der Arbeitsschicht beim Abendbrot und fragte nicht sonderlich interessiert: »Was ist mit meiner Mutter?«
Elli setzte sich mit einer Tasse Kaffee zu ihm.
»Sie ist so anders, so abwesend. Seit ein paar Tagen geht das schon so. Ich habe sie ausgefragt wegen der Gesundheit und so.«
David schaute seine Frau an.
»Und, hat sie was?« Sein Blick wurde wachsam.
Elli nahm einen Schluck aus ihrer Tasse.
»Das ist es ja! Alles bestens – ihre Worte.«
David trommelte mit den Fingern auf dem Tisch und meinte nachdenklich. »Vielleicht … vielleicht hat sie nur ihre Tage?«
Ungläubig hob Elli ihren Blick von der Tasse.
»Wie bitte? In dem …?«
Das Wort ›Alter‹ blieb ihr im Halse stecken, denn tausend Teufelchen sprühten ihr aus Davids Augen entgegen. Verdammt, er hatte es wieder mal geschafft, sie zu verulken!
Sie lachten beide laut los. Daniel steckte den Kopf durch den Türspalt.
»Is’ was?« Ohne eine Antwort abzuwarten, verschwand er sofort wieder. Auf Tinas fragenden Blick tippte er sich mit dem Zeigefinger an die Stirn. »Eltern!«
David stellte den leeren Teller zur Seite und verbesserte sich: »Ich meine, ein paar schlechte Tage. Jeder hat sie mal.«
Elli schaute ihn an.
»Davon hat deine Mutter aber genug im Leben gehabt. Nicht jetzt noch.«
David stand auf, ging zum Fenster und machte das Klappfenster zu. Mit der Absicht, seine Mutter zu sprechen, klopfte er an ihre Tür. Anscheinend war sie nicht da.
Tina meldete sich aus dem Wohnzimmer.
»Oma macht einen Spaziergang vorm Schlafen.«
David brummte vor sich hin:
»Na, dann eben nicht. Später geht es auch noch.«
Lisa ging langsam die Straße entlang. Die Erinnerungen ließen sie nicht los. Sie sah ihr Heimatdorf Ivantal aus den 50er-Jahren vor sich, ein Dorf wie viele andere der angesiedelten deutschen Kolonien in Russland. Es bestand aus zwei schnurgeraden Straßen und erstreckte sich von Ost nach West. Der kalte Nordwind wurde von einer Hügelreihe abgebremst, die in den langen Wintermonaten als Schutz diente. Der Fluss Dolinka trennte die hügelige Landschaft vom Dorf und den unendlichen Steppen. Zu beiden Seiten der Straßen standen Häuser unter Strohdächern, aus Lehmziegeln gemauert, verputzt und weiß gekalkt. Die Fundamente waren geteert, und der schwarze Streifen als Umrandung verlieh dem Ganzen die Vollendung. Hier und da leuchteten die blau-weißen Fensterläden. Sauber und ordentlich sah das Dorf aus, die Hausfrauen legten großen Wert darauf. In den niedrigen Vorgärten wuchs unter Pappeln und Ahornen ein Mix aus Nelken und Stockrosen, und in himmelblauer Farbe leuchtenden Vergissmeinnicht.
Lisa schloss die Augen, atmete tief ein und für einen Moment spürte sie den unvergesslichen Duft der Nachtveilchen in ihrer Nase. Nicht zu vergessen die standhaften Astern – die Blickfänger des Herbstes bis zum Neuschnee.
Zwei der größten Gebäude im Dorf waren aus Stein gemauert, für die Ewigkeit. Die Dorfschule und der geräumige Getreidespeicher. Die Wohnhälften der aus Lehmziegeln gemauerten Häuser und die Stallungen für die Haustiere waren unter demselben Dach untergebracht. Der stabile Baustil, dem rauen Klima des Ural angepasst, schützte auf diese Art Mensch und Tier vor der eisigen Kälte im Winter und der zeitweise unerträglichen Hitze im Sommer.
Lisa flüsterte kaum hörbar: »Ja, ja, schon seltsam. Im kalten Winter, so wie jetzt, sehnt man sich nach dem Sommer, nach Sonne und Wärme. Und umgekehrt – in der über 30° Hitze schwärmt man von verschneiten Landschaften, bereiften Bäumen und vom Frost bemalten Fensterscheiben.«
Ihr wurde auf einmal bewusst, dass sie mit sich selbst gesprochen hatte. Oder unterhielt sie sich mit den Eltern? Lisa sah sie vor sich – Katharina und Heinz Lange. Alle Tiefen und Höhen des Zusammenlebens dieser so verschiedener Persönlichkeiten hatte Lisa miterlebt, denn sie war das erste Kind aus dieser Ehe. Katharina war das regierende Mitglied der Familie. Heinz hatte ihr diese Rolle ohne besondere Gewissensbisse und Ansprüche überlassen. Als Leiter der Melkfarm in der Kolchose war er ziemlich beschäftigt und kam oft spät nach Hause. Diese Tatsache war auch Grund der Streitereien zwischen den beiden, denn Katharina vermutete dahinter etwas ganz anderes.
Selbstverständlich wurden Entscheidungen übers Haus, den Garten, das Vieh und Anschaffungen aller Art gemeinsam getroffen, aber auf welche Weise es passieren sollte, bestimmte Katharina.
Lisa sah sich in ihrer kleinen Sommerstube mit den beiden Söhnen. Niklas mit seinen zweieinhalb Jahren und Heinz, der gerade neun Monate alt war. Winzig war die Bude und viel zu klein für drei Personen. Und seine Schwester Eva mit ihren achtzehn Jahren wollte auch ihr eigenes Zimmer haben.
Eines Abends stand Katharina in der Tür – sie wollte Niki abholen, um ihm die versprochene Geschichte zu erzählen, und sah, wie Lisa, fertig angezogen, Heinz in eine Decke einrollte.
»Wo geht’s denn hin?«
»Mutter, ich gehe nur kurz zu Anna. Wir wollen unseren Männern Briefe schreiben, damit die Kerle uns in der Armee nicht ganz vergessen!«
Die kleinwüchsige Lisa nahm das schwere Bündel in die Arme.
»Mann, ist der schwer geworden! Ich muss Heinz sowieso in einer Stunde stillen.«
Katharina nahm Niki an die Hand.
»Komm, junger Mann, jetzt widmen wir uns in aller Ruhe dem Märchenbuch.« Und der Tochter sagte sie noch: »Verquatscht euch nicht! Ihr müsst morgen früh aufs Kartoffelfeld.«
Lisas Freundin Anna steckte in einer ähnlichen Situation. Ihr Ehemann Walter war auch bei der Armee und sie meisterte ihr Leben, gleichfalls mit zwei kleinen Kindern, im eigenen kleinen Häuschen.
Briefe zu schreiben war für die jungen Frauen gar keine einfache Sache. Die Schuljahre der beiden waren in die Kriegszeit gefallen. Wegen des Mangels an warmer Kleidung und der Hungersnot war dann ab der 4. Klasse der Dorfschule Schluss mit der Ausbildung. Arbeiten, schwer arbeiten, bis zum Umfallen arbeiten – diese Steigerung kannten Lisa und Anna seit ihrer Kindheit.
An dem Abend hatten sie lange über den Papierblättern geschwitzt. Lisa drehte ungeschickt den Bleistift in der Hand.
»Ich hätte in dieser Zeit bereits drei Kühe gemolken. Die passenden Worte kommen mir einfach nicht in den Sinn.«
Sie warf einen Blick in Annas Blatt und las flüsternd: »Ich habe solche Sehnsucht nach dir, Liebster!« Sie drehte sich zu der schmunzelnden Freundin um, die sich gleichgültig eine Locke ihres prachtvollen Haars um den Finger wickelte.
»Du hast es von mir abgeschrieben?!« Anna lachte ihr ansteckendes Lachen.
»Na und? Kannst von mir auch einen Satz abschreiben. Wie wär’s mit dem? ›In der einsamen Nacht fühle ich deine Hand auf meiner Brust.‹ Klingt doch gut, oder?«
Eine innere Flamme färbte Lisas Wangen.
»Ich weiß nicht. Es klingt so … so … schamlos!«
Resolut wie immer fiel Anna ihr ins Wort:
»Nix da! Schamlos? Du bist doch eine verheiratete Frau – seine Frau! Und außerdem, beim Lesen können unsere Männer sich sowieso nicht über die Schulter gucken. Einer hat seinen Standort am Ural-Gebirge, der andere dient im Kaukasus. Also los, schreib ruhig ab.«
So war Anna, und so war sie auch heute noch. Lisa konnte sich nicht mehr erinnern, ob sie damals den Satz von Anna abgeschrieben hatte.
Lisa lächelte und schaute auf ihre Armbanduhr.
»So spät! Ich träume schon im wachen Zustand. Und kalt ist es geworden.«
Sie eilte die Straße entlang und betrat leise ihre Wohnung. Sie stellte sich einen Tee auf und setzte sich mit dem Zeitungsartikel in der Hand an den Tisch.
Jemand klopfte leise an der Tür. Lisa schob den Artikel unter die Tischdecke. David trat mit einer kurzen Begrüßung ein.
»Mutter, du warst lange draußen. War es dir nicht zu kalt?« Er schaute ihr besorgt ins Gesicht.
»Ja, der Wind ist ziemlich frisch. Es zieht ein Schneesturm auf. Mir geht es gut, danke. Mach dir keine Sorgen! Ich trinke einen Tee mit Honig und gehe dann zu Bett.«
Sie sprach es irgendwie hastig aus. David hatte den Eindruck, sie wollte ihn loswerden.
»Ist auch alles in Ordnung?«
»Ja, sage ich doch! Gute Nacht, mein Sohn.«
»Gute Nacht, Mutter.« Leise zog David die Tür hinter sich zu.
Lisa holte den Artikel wieder heraus und begann zu lesen.
Es war so grauenhaft! Die Einzelheiten des Berichts brannten sich in ihre Seele ein. Es war kaum auszuhalten. Sie stand auf und schaute aus dem Fenster.
Da braute sich was zusammen. Der Wind nahm an Stärke zu, er raste und tobte. Die nassen Schneeflocken wirbelten in der Luft, häuften sich der Straße entlang zu Schneewehen an, die höher und höher wurden. Der Wind veranstaltete im Lichtstreifen der Straßenbeleuchtung einen wilden Hexentanz. Niklas Sonnberg, Lisas Ehemann, hatte so ein Wetter geliebt. Beim stärksten Schneesturm, wenn aus dem Fenster das Nachbarhaus nicht mehr zu sehen war, ging er nach draußen, sah dem Spiel der Naturkräfte zu und genoss es. Er knöpfte dann sein Wams bis oben zu, drückte die Mütze tiefer auf die Ohren, schlug den Kragen hoch und stapfte durch die hohen Schneewehen.
Durch einen Tränenschleier schaute Lisa in den Himmel und da hatte sie ihn wieder vor Augen – den Riesenpilz aus der Vergangenheit. War es ein Spiel des Windes mit den schneegeladenen grauschwarzen Wolken? Vielleicht. Für sie aber war es der Schreckenpilz aus dem September 1954. Er schwebte am Horizont, verformte sich durch die Luftströme und hatte einen dunklen Schatten im Schlepptau. Der verlängerte sich, dehnte sich aus, zog Lisa damals in seinen Bann und hatte sie nie wieder losgelassen. All die Jahre hatte sie versucht ihm zu entkommen. Der Pilz und sein Schatten – sie verbreiteten Unbehagen, Beklommenheit und Ängste. Nicht ohne Grund – Niklas Sonnberg war damals einundzwanzig Jahre alt, ein Unteroffizier der Sowjetarmee, und er war nicht nur Zeuge des grausamen Verbrechens vom 14. September 1954.
Niklas war zu seiner Dienstzeit bei der Armee in Tozk stationiert gewesen, einem Militärstützpunkt in den unendlichen Steppen Russlands. Die Entfernung von seinem Heimatdorf Ivantal war nicht so beträchtlich und – was noch von Bedeutung war – nach der sechsmonatigen Ausbildung zum Unteroffizier traf er mit seinem Landsmann Peter Hasfeld auf dem Stützpunkt zusammen. Peter kam aus dem Nachbardorf von Ivantal. Seitdem waren die beiden unzertrennlich.
In den wenigen dienstfreien Minuten saßen sie beisammen, tauschten die Neuigkeiten der Post aus den Elternhäusern, teilten die Sehnsucht nach den Familien. Es entwickelte sich eine echte Männerfreundschaft.
Eines Abends zeigte Niklas seinem Freund ein Foto von Lisa und den beiden Söhnen. Peter betrachtete das Bild mit Bewunderung.
»Wie alt sind denn die Jungs?«
Niklas antwortete mit einer kurzen Verzögerung.
»Niki ist fast drei Jahre alt und Heinz genau neun Monate.«
Peter konnte seine Überraschung nicht verbergen.
»Drei Jahre, sagst du? Mann, hast du es aber eilig mit dem Heiraten gehabt!«
Niklas lächelte. Er war heute irgendwie in Stimmung, dem Freund sein Herz auszuschütten – über seine Ehe und warum sie so einen geknickten Start gehabt hatte. Jedes Gespräch über seine Familie war wie ein Wiedersehen mit ihr, und gerade heute, am 13. September, brauchte Niklas es.
»Ich war damals noch ein Grünschnabel gewesen, viel zu jung für den ganzen Kram wie Familie gründen, Kinder kriegen. Ich wollte meinen Spaß haben, wollte feiern, tanzen. Ich war erst achtzehn!«
Niklas verstummte. Peter forschte in seinem Gesicht.
»Aber da war noch Lisa, richtig?«
Niklas nickte und wiederholte:
»Genau, da war noch Lisa. Sie wurde nach dem allerersten Mal schwanger. Wir hatten noch nicht mal richtig begriffen, wie es überhaupt geschehen war, denn wir beide hatten etwas getrunken. Bei dem ausgiebigen Spaziergang in der Kälte danach hatte Lisa sich erkältet. Zwei Wochen war sie krank. Dann musste ich für drei Monate weg zu meinem Berufslehrgang als Fahrer. Am ersten Abend nach meiner Rückkehr stellte mich Lisa vor vorhandene Tatsachen – sie war im dritten Monat schwanger.«
Peter pfiff durch die Zähne.
»Hoppla! Die Überraschung war perfekt, nehme ich an? Wie hast du reagiert?«
»Wie sollte ich schon reagiert haben? Ich war schockiert, verblüfft, überrumpelt, sprachlos – such dir was aus! Mit achtzehn Jahren teilt man dir mit, dass du in ein paar Monaten Vater wirst. Kannst du dir so was vorstellen?«
Peter kam nicht zum Antworten. Die Tür zum Gemeinschaftszimmer wurde aufgerissen und ein junger Dienstmann salutierte und verkündete laut:
»Genosse Unteroffizier Sonnberg! Nach Verordnung des Generals Salow sollen Sie morgen früh um sechs Uhr mit dem Auto, vollgetankt, vor seiner Wohnung warten!«
Niklas salutierte zurück. »Weggetreten, Soldat!« Dann drehte er sich zu seinem Freund um und sagte mit leichter Enttäuschung in der Stimme: »Da müssen wir unseren rührenden Erinnerungsabend wohl abbrechen.«
Peter Hasfeld stand ebenfalls auf und folgte dem Kameraden aus dem Zimmer.
»Diese Hektik und Geheimtuerei der letzten Monate! Weißt du, was das zu bedeuten hat? Du bist immerhin der Fahrer des Generals.«
Niklas senkte die Stimme.
»Der Genosse General hat mir nur verraten, dass alles, was zurzeit auf dem Stützpunkt abläuft, Geschichte schreiben wird. Es unterliegt der staatlichen Note ›Streng geheim!‹. So ist das.«
Peter sprach ebenfalls leiser.
»Wem sagst du das? Die ganze Woche kutschiere ich Akten mit derselben Aufschrift vom Stützpunkt zum Generalstab der Armee. Und wie es aussieht, morgen auch.«
Bevor er die Tür zu seiner Schlafzelle öffnete, meinte Niklas in todernstem Ton:
»Wenn du mich fragst, werden es keine üblichen Militärübungen. Die drehen da ein mächtiges Ding. Gestern sind sogar große Bosse aus dem Militärrat Moskau angereist. Hab sie vom Bahnhof abgeholt.«
Unruhig wälzte sich Niklas auf seiner Koje von einer Seite auf die andere. Was er auf dem Bahnhof beobachtet hatte, wollte und durfte er Peter nicht verraten. Er würde es schon rechtzeitig erfahren, aber unheimlich war es. Schon eine ganze Woche, nachts oder im Morgengrauen, hielten Güterzüge an und in unermesslichen Mengen wurden Soldaten und Militärtechnik abgeladen. Nach einer kurzen Verschnaufpause marschierten und rollten sie in einer einzigen langen Kolonne in Richtung Steppe zu der rätselhaften »Zone X«. Die ganze Operation wurde von einem legendären Marschall geleitet und das hatte was zu bedeuten.
Es war etwas Verheerendes geplant worden, wobei an erster Stelle die politischen Ambitionen standen. Dass dabei Tausende von Menschenleben ausgelöscht werden konnten, wurde außer Acht gelassen. Man schob die Schuld von sich. Es tobte ja ein Krieg – der Kalte Krieg zwischen dem Westen und dem Osten.
Niklas konnte lange nicht einschlafen. Er dachte an seine Frau und »die beiden Jungs«, wie er die Söhne nannte, wenn er von ihnen sprach, und ahnte nicht, dass bereits am nächsten Tag sein Leben eine angsterfüllte Wende nehmen würde.
