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Die drei Freundinnen, Kris, Lisa und Mona werden plötzlich zu Kriegerinnen. Sie werden gezwungen durch Epochen zu reisen, um Unschuldige zu retten. Seltsame Zwischenfälle geschehen, die sich die Frauen nicht erklären können. Wer ist die Anwesenheit die Kris ständig spürt? Warum wird sie in unerklärbare Unfälle verwickelt, die sie fast umbringen?
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Seitenzahl: 585
Veröffentlichungsjahr: 2014
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T. C. Garver
Im Schatten des Unwissens
Heldinnen der Zeit
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Inhaltsverzeichnis
Titel
PROLOG
Kris
Mona
Lisa
Gewöhnungsbedürftig
Vergangenheit
König retten
Zweiter Versuch
Dritter Versuch
Mona
Lisa
Kampf
Damian halb Tot
Bisat
Fest für Damian
Hochzeit
Einleben
Wieder in London
Mal
Unfall
Mic
Wütend auf Mic
Mal Kris abholen
Nach der Bar
Streit mit Mic
Diner
Mic
Erdbeben
Zukunft
Kris und Ariane
Raziel
Kris
Kris wieder zurück
Abschied
Impressum
PROLOG
Er sah ihr nach, wie sie die Strasse entlang ging. Kurz darauf blieb sie stehen und blickte sich um. Sie rieb sich mit den Händen die Arme entlang, da es sie fröstelte, dann sagte sie etwas zu ihrer Freundin die sich ebenfalls umsah. Er schmunzelte, nicht nur weil er wusste weshalb sie erschauderte, sondern weil er wusste, dass sie vor sich hin fluchte. Eine unglaubliche Wärme umhüllte ihn. Er war sich sicher, dass ihn dieses Gefühl zu verderben drohte, dennoch gelang es ihm nicht dagegen anzukämpfen. Es war zu stark, dass hatte er begriffen, als es plötzlich aufgetaucht war und er alles daran gesetzt hatte es wieder loszuwerden. Heute, nach Jahren, hatte er es akzeptiert, in der Hoffnung, dass er künftig sein Leben weiterführen können würde - ohne erwischt oder bestraft zu werden.
Er genoss diese Momente in denen er sie auch sehen und nicht nur fühlen konnte, deshalb entschied er ihr noch ein wenig weiter zu folgen, als sie und ihre Freundin langsam weiterschlenderten. Gerade bogen sie um eine Ecke und betraten eine Kleiderboutique. Kaum hatten sie den Eingang passiert, verschwanden sie von der Bildfläche. Er drängte die Stimmen in seinem Kopf zurück, um sich nur auf ihre Aura konzentrieren zu können. Ein Lächeln umgab sein Gesicht als er sie spürte, genüsslich verweilte er einen Moment, bevor er sich auf den Weg machte um ihr zu folgen.
Kris
Kris lehnte an der Brüstung ihrer Dachterrasse und schaute hinab auf das Panorama von London, das sich vor ihr erstreckte. Die in buntes Licht getauchte Stadt hatte etwas Melancholisches, was der hell über ihrem Kopf leuchtende Vollmond noch verstärkte. Sie wusste wieso ihre Stimmung auf dem Nullpunkt angelangt war. Heute, vor genau zwei Jahren, kamen ihre Eltern bei einem Autounfall ums Leben. Sie erinnerte sich noch genau daran, auch wenn sie alle anderen Tage im Jahr versuchte diese Tatsache zu verdrängen. Sie schlang ihre braune Wolljacke enger um ihren Körper. Der Schmerz war noch genau so groß wie vor zwei Jahren, als die Erinnerung sie heimsuchte.
Da Kris ihren Schulabschluss hinter sich gebracht hatte, wollten sie und ihre Eltern ins Restaurant „Browns" feiern gehen. Auf dem Weg dorthin erlitt ein Lastwagenfahrer, auf der entgegenkommenden Spur, einen Herzinfarkt und war auf der Stelle tot. Kurz darauf gab es einen frontalen Zusammenstoß, da das Fahrzeug nun fahrerlos in ihre Spur geriet.
Kris schloss die Augen. Denn sie wollte das Bild, das sie von den zerquetschten Körpern ihrer Eltern hatte, aus ihren Gedanken streichen! Genau, wie sie das Gefühl von Panik streichen wollte, dass sie damals gespürt hatte, als das Auto Feuer fing und sie eingeklemmt, auf dem Rücksitz des Wagens, festsass. Verzweifelt hatte sie nach Hilfe geschrien. Versucht, irgendwie aus dem Auto zu gelangen. Doch der Rauch breitete sich immer weiter im ganzen Wagen aus und nahm ihr mehr und mehr die Sicht. Sie begann zu husten. Sirenen ertönten. Es würde zu spät sein, bis diese sie erreichen würden. Als sie mit ihrem Ende schon abgeschlossen hatte, erschien ein goldgelbes Licht. Sie fühlte sich dermassen von diesem Licht angezogen, dass sie nun sicher war, kurz vor dem Tod zu sein. Doch plötzlich packten sie zwei starke Arme. Sie blinzelte, in der Hoffnung etwas sehen zu können. Verschwommen nahm sie einen männlichen Umriss wahr. Ihr Retter zog sie aus dem Auto und legte sie auf dem kalten Kopfsteinpflaster ab. Das Letzte, was Kris hörte bevor sie ohnmächtig wurde, war das Geräusch einer Explosion. Als sie im Krankenhaus erwachte, standen zwei uniformierte Polizisten an ihrem Krankenhausbett. Der eine berichtete ihr, dass ihre Eltern den Unfall leider nicht überlebt hätten und schilderte ihr den Vorgang der Ereignisse. Sie konnte ihm nicht zuhören, denn sie wollte das Geschehene nicht noch einmal durchleben. Als der Polizist sie fragte, wie sie es geschafft hatte aus dem brennenden Auto zu gelangen, antwortete sie, dass ein Mann sie aus dem Wagen gezogen hätte. Der Polizist musterte sie skeptisch. „Es war niemand da, als unsere Leute eintrafen. Sie lagen allein und bewusstlos auf dem Asphalt.“
Komisch, ansonsten standen die Retter immer Schlange um sich ein Lob einzufangen. Schade, sie hätte sich gern bei ihm bedankt. Sobald die Polizisten das Zimmer verlassen hatten, blieb Kris reglos im Bett liegen und verstand nicht wieso, sie trotz der schlimmen Ereignisse, keine Tränen vergießen konnte. Ein Klopfen ertönte. Mona und Lisa spähten hinein. Erst als Lisa und Mona sich zu ihr aufs Bett setzten und ihr die Hand drückten, verfiel sie in ein hysterisches Schluchzen.
Ein Wunder, meinten die Ärzte, diesen Unfall überlebt zu haben - und das nur mit einigen Prellungen und blauen Flecken. Am folgenden Tag wurde sie bereits entlassen.
Mit dem Ärmel wischte sie sich nun die Tränen aus dem Gesicht, öffnete die Augen und atmete tief ein und aus.
Sie riss sich zusammen und blickte auf ihre Armbanduhr. Viertel vor Acht, zeigte der Zeiger. Sie würde sich wohl wieder einmal verspäten. Dennoch beeilte sie sich, um nicht allzu spät in der Bar einzutreffen in der sie sich mit Lisa und Mona verabredet hatte. Kris schnappte sich ihr brauner Mantel, schloss die Haustür ab und hastete in die U-Bahn. Sie war auf dem Weg ins Vertigo42. Diesen Ort hatte Lisa ausgesucht, da sie dort vor Jahren einen Kellner namens Tom kennengelernt und sich ihn in verliebt hatte. Aber das Schicksal hatte leider andere Pläne mit den beiden. Nach einigen Verabredungen und Lisas voreiliger Neugier, ob er sich eine Familie und Kinder wünschte, brach er kurz darauf den Kontakt zu Lisa ab. Womit er ihr das Herz brach und ihre rosarote Seifenblase zerplatzten liess. Nach einem weiteren Monat kündigte er seinen Job und fuhr in seine Heimat, Deutschland, zurück.
Seitdem wollte sie dennoch immer wieder ins Vertigo42. Kris verstand nicht wieso, denn das Vertigo42 gefiel ihr nicht besonders, zu viel Schickeria für ihren Geschmack. Sehr wahrscheinlich lag es daran das Lisa ihr Leben im Moment leer und phantasielos fand, und da sie eine hoffnungslose Romantikerin war, erinnerte sie das Vertigo42 an all die schöne Momente, die sie mit Tom erlebt hatte und an denen sie immer noch krankhaft festhielt. Lisa behauptete zwar, sie würde diese Bar nur wegen dem Ausblick lieben, was wahrscheinlich nicht ganz gelogen war, doch Mona und Kris wussten es besser. Die Plätze zeigten fast alle zum Fenster hinaus, in dem ein großer Teil Londons sichtbar war und das egal wo man sich hinsetzte.
Sie war froh heute Lisa und Mona zu sehen, die sie bereits seit dem Kindergarten kannte. Sie pflegten ihre Beziehung wie Schwestern, möglicherweise, weil sie alle drei Einzelkinder waren und deshalb auf Geschwister verzichten mussten. Möglicherweise auch deshalb, weil sie zusammen aufgewachsen waren, auch wenn sie alle aus verschiedenen Verhältnissen stammten. Kris Eltern waren vermögend. Dennoch war es ihnen wichtig, dass sie die staatliche Schule besuchte.
Auf diesem Weg lernte sie auch Mona und Lisa kennen. Seit den ersten Tagen im Kindergarten, wusste Kris bereits, dass sie die besten Freunde werden würden. Kris erinnerte sich noch genau daran. Mona wurde täglich von drei anderen Mädchen gehänselt, sie nannten Mona das Alkoholiker-Kind. Lisa stand immer hinter ihr, dennoch fehlte ihr der Mut Mona zu verteidigen. Mona weinte nie, obwohl ihr die Tränen meistens schon in den Augen standen. Eines Morgens hatte sie die Schnauze voll. Sie ballte ihre Hände zu kleinen Fäusten und schlug eines der Mädchen ins Gesicht. Diese fing sofort an zu weinen. Die Kindergartenlehrerin eilte herbei und wollte wissen was vorgefallen sei. Die drei Mädchen zeigten mit dem Finger auf Mona und da Kris wusste, dass sie schon genug Probleme hatte, richtete sie sich vor Mona auf und schaute zur Lehrerin auf. „Ich war es. Ich habe ihr ins Gesicht geschlagen.“ Seit diesem Tag waren sie das unzertrennliche Trio. Sie lächelte schwach. Heute würden sie sich volllaufen lassen und den Rausch in ihrer Wohnung ausschlafen.
Kein Auge hatte sie letzte Nacht geschlossen. Sie hatte geweint bis sie glaubte keine Tränen mehr zu haben und ihr Kopf war kurz vor einer Explosion. Der Schmerz saß noch tief und drohte die Oberhand zu gewinnen. Falls sie es nicht schaffte sich abzulenken, würde sie sich in ihr Zimmer verkriechen und unaufhörlich weiter weinen. Genau wie letztes Jahr, als sie drei Tage nicht mehr aus der Wohnung gekommen war, keinen Anruf entgegennahm und die Haustür auch nicht mehr öffnete. Mona und Lisa hatten nicht locker gelassen. Am dritten Tag klingelten sie so lange an Kris Haustür, dass diese sie öffnen musste. Woraufhin sie Kris nicht mehr aus den Augen gelassen hatten, bis sie einigermaßen wieder auf den Beinen war.
Heute gab es noch einen zusätzlichen Grund für ihre kleine Feier. Mona hatte ihre Arbeitsstelle als Kosmetikerin gekündigt und wollte darauf anstossen. Kris erinnerte sich noch gut an das Telefonat von heute Morgen, als sie Mona nach dem Grund ihrer Kündigung fragte. Sachlich wie sie war gab sie Kris zur Antwort, ich weiß nicht wieso! Ich hatte einfach keine Lust mehr. Sehr wahrscheinlich brauche ich einfach eine Veränderung!
Nachdem Kris fragte, wie sie ihre Wohnung nun finanzieren wollte, meinte Mona gleichgültig, dass sie noch ein wenig Geld auf ihrem Sparkonto hatte und wenn das aufgebraucht sei, ziehe sie zu Kris, die ja genug Platz mit den fünf Zimmern hatte. Kris hoffte schon lange, dass Mona und Lisa bei ihr einziehen würden. Ihr war die Wohnung zu gross und seit dem Tod ihrer Eltern, fühlte sie sich darin meistens verloren und einsam.
Ihre Eltern hatten ihr genug Geld hinterlassen, sodass Kris ihr Leben, auch ohne Arbeiten zu gehen, finanzieren konnte, was sie auch tat. Nach dem Tod der Beiden, begann sie ein Medizinstudium aufzunehmen, was sie kurze Zeit später jedoch abbrach und sich zu Hause verkroch. Ein halbes Jahr lang vegetierte sie dahin. Lisa und Mona hatten alle Mühe damit, sie wieder auf den richtigen Weg zu bringen und ihr das triste Leben, dass sie nun besaß, ein wenig schmackhafter zu machen. Mit der Zeit ging es ihr besser. Doch die Trauer war nie richtig von ihr gewichen und würde auch nie ganz verschwinden, dass wusste sie.
Sie stieg an der Liverpool Station aus und bog nun in die Old Broad Street.
Ein eisiger Windstoss ließ ihr dunkelbraunes Haar nach hinten wehen. Sofort schlang sie ihren Mantel enger um sich und zog sich die Kapuze tief ins Gesicht. Es war Ende März, aber immer noch eisig kalt. Kris hasste den Winter genauso wie den Sommer. Ihre Lieblingsjahreszeit war der Frühling, schönes mildes Wetter - nicht zu kalt und nicht zu heiß. Viel konnte sie vom Wetter nicht erwarten, schließlich lebte sie London - und in dieser Stadt war es normal, dass es mehr Schlechtwetter- als schöne Tage gab. Nur noch die Straße entlang, dann nach rechts und du bist in der Wärme, versuchte sie sich aufzumuntern.
Ein Hilferuf riss Kris aus ihren Gedanken. Sie blickte um sich und sah, dass auch die zwei Passanten vor ihr neugierig die Köpfe hoben. Die Straße hatte viele enge Gässchen und der Hilferuf kam aus einer dieser Gassen. Kris beschleunigte ihre Schritte und sah wie das Pärchen vor ihr stehen blieb, das Szenario beobachtete und sich dann schnell aus dem Staub machte. Wenige Sekunden später stand sie an der gleichen Stelle. Sie sah nun zwei kräftige Männer und beide trugen einen Strumpf über dem Kopf. Der Eine, wollte einer etwas älteren Dame die Tasche aus der Hand reißen. Sie fiel dabei zu Boden. Mit der einen Hand hielt sie nun die Tasche fest umklammert, mit der anderen schütze sie ihr Gesicht vor den Schlägen des Angreifers. Ohne Nachzudenken rannte Kris auf den Mann zu, der die Frau weiterhin mit seinen Fäusten belagerte und stieß ihn weg. Er verlor daraufhin das Gleichgewicht und fiel kopfüber auf den Asphalt. Vor Schmerzen heulte er auf, fasste sich mit den Händen an seine blutende Nase. „Du Schlampe hast mir die Nase gebrochen!“, schrie er Kris hasserfüllt an.
Überrascht blickte sein Partner zu Kris. Seine Miene änderte sich, nun schaute er wütend, holte aus und schlug Kris seine Faust mitten ins Gesicht. Sie roch ihr eigenes Blut. Die Frau schaute erschrocken auf, rappelte sich hoch und rannte davon, sobald ihr bewusst wurde, dass die Angreifer sich nun auf Kris konzentrierten. Na toll, dachte Kris, soviel zur Dankbarkeit. Jetzt war es Kris, die ihre Arme schützend vor ihr Gesicht hielt, um die Schläge abzuwehren. Komischerweise geschah jedoch nichts. Sie spähte durch ihre Finger und sah, wie der eine den anderen am Arm packte und wegrannte. Verwirrt blickte sie den beiden nach. Beim besten Willen konnte sie sich nicht vorstellen, was die beiden dermaßen erschreckt haben könnte, dass sie nun so hastig die Flucht ergriffen. Auch gut. Kris stand auf, klopfte sich ab und machte sich schnurstracks auf ins Vertigo42, das in der Mitte der Old Road Street lag.
Mona
Mona schlenderte durch den vereinsamten Hyde Park, der von mehreren Laternen beleuchtet wurde. Die Bäume ragten links und rechts, wie riesige Schatten, neben ihr auf. Der Wind pfiff durch die Blätter und ließ die Äste erzittern. Die wenigen Passanten die an ihr vorbei hasteten, hielten den Kopf gesenkt um der Kälte ein wenig zu entkommen. Eigentlich hätte es Mona ihnen gleich getan, doch heute fühlte sie sich frei, als wäre eine grosse Last von ihren Schultern gefallen. Vielleicht genoss sie deshalb diesen Moment, den Park entlang zu schlendern, den Wind pfeifen zu hören und die eisige Luft die ihr ins Gesicht peitschte zu spüren. Sie war kein Naturfreund und auch kein Hyde-Park-Liebhaber. Sie fand ihn einfach nur riesig und faszinierend, dennoch war sie keine von diesen Leuten, die morgens hier joggten oder sich ihr Mittagessen auf einer Bank genehmigten, um die vorbei laufende Menschenmenge zu beobachten. Nein, sie war einfach nur froh, dass sie einmal in ihrem Leben impulsiv gehandelt hatte und ihre Arbeitsstelle gekündigt hatte. Sie lächelte beim Gedanken daran, wie befreiend das Gefühl gewesen war. Ihr Lächeln wurde nur noch breiter, als sie nach dem Grund ihrer Kündigung suchte. Sie hatte keinen - und das war das Witzigste an der ganzen Geschichte. Es gab kein Grübeln, mache ich das Richtige und wieso mach ich das eigentlich überhaupt? Nein, da war einfach nichts, an dem sie sich den Kopf zerbrechen konnte oder wollte - wie sonst immer. Heute hatte sie sich aus dem Nichts heraus entschlossen ein neuer Mensch zu werden.
Sie kramte ihr Handy aus der Jackentasche und blickte auf die Uhr. Halb acht, sie musste sich beeilen, denn um acht Uhr sollte sie im Vertigo42 sein. Die Marble Arch-Tube war nicht mehr weit, und dennoch beschleunigte sie nun ihren Gang.
Komischerweise kam ihre Mutter ihr in den Sinn, sie hatte sie nun schon seit zwei Jahren nicht gesehen, und um die Wahrheit zu sagen war es ihr auch egal. Niemand brauchte eine Mutter, der Alkohol wichtiger war als ihr eigenes Kind. Ihren Vater hatte sie nie kennengelernt, deshalb konnte sie ihn auch nicht vermissen. Sicherlich dachte sie an ihre Eltern, weil heute der Todestag von Kris Eltern war, die sie immer wie eine eigene Tochter behandelt hatten. Unzählige Male hatte Mona Hunger gelitten. Einmal war sie sogar in der Schule zusammengebrochen. Kris benachrichtigte daraufhin ihre eignen Eltern. Ab diesem Tag, nahmen Kris´ Eltern Mona täglich zu sich nach Hause, damit Mona wenigsten eine warme Mahlzeit am Tag erhielt. Monas Mutter, die täglich blau war, hatte ihre Abwesenheit noch nicht einmal bemerkt, oder vielleicht war es ihr auch einfach egal.
Mona fühlte sich nie unwohl bei Kris zu Hause, im Gegenteil, durch Kris´ Eltern erfuhr sie zum ersten Mal was es hieß, eine Familie zu haben, geliebt und beachtet zu werden. Sie war ihnen zu so viel Dank verpflichtet. Wären Kris Eltern damals nicht gewesen, wäre Mona sicherlich eines Tages auf der Strasse gelandet oder noch schlimmer - im Knast. Eine Träne rollte ihr über die Wange. Es war so ungerecht, dass die beiden gestorben waren. Wieso mussten die Guten diese Erde immer so früh verlassen und die Schlechteren durften bleiben? Arme Kris, ging es ihr durch den Kopf.
Als sie den Park hinter sich gelassen hatte, um in die U-Bahn zu gelangen, hörte sie die Geräusche der Autos und die Gerüche der Abgase stiegen ihr in die Nase. Sie schlenderte an zwei Frauen vorbei, die tief in ein Gespräch verwickelt waren. Mona wollte die Frau mit dem Kind darauf aufmerksam machen, dass es gefährlich sei, den Jungen unbeaufsichtigt so nahe am Strassenrand spielen zu lassen, entschied sich jedoch dagegen und schritt an ihnen vorbei. Bereute dies jedoch sofort in der nächsten Sekunde, denn das Kind lief auf die Strasse und ein Auto mit erhöhter Geschwindigkeit raste auf den kleinen Jungen zu.
„Achtung!“ schrie Mona. Die Frauen drehten erschrocken die Köpfe. Das Auto drohte das Kind zu überfahren. Also sprang Mona beherzt auf die Straße, packte das Kind an sich und wich in letzter Sekunde dem heranrasenden Wagen aus. Der Fahrer hupte und gab ein paar Flüche von sich. Mona blickte ihm böse nach. Hätte sie kein Kind im Arm gehabt, hätte sie ihm den Mittelfinger gezeigt.
Die Mutter riss den Jungen weinend aus Monas Armen und drückte es an sich. „Danke. Oh mein Gott, ich danke ihnen vielmals.“ Mona nickte. „Ist schon gut.“
„Sie haben mein Kind das Leben gerettet, wie kann ich mich dafür revanchieren?“ Sie überlegte kurz. „Indem sie es nicht mehr so nahe am Straßenrand spielen lassen, wäre ein Anfang.“
„Ja. Ja. Sie haben so Recht. Ich habe für eine Sekunde nicht hingesehen. Oh mein Gott, es tut mir so leid“, schluchzte die Frau.
Mona nickte kurz und verabschiedete sich. Erst beim Gehen bemerkte sie, wie wacklig ihre Beine gerade waren.
Lisa
„Könnte ich noch ein Glas Wasser haben, bitte?“, fragte Lisa den Kellner als er das dritte Mal an ihrem Tisch vorbei lief.
Er nickte ihr lächelnd zu. Nervös tippte sie mit den Fingern auf den runden Glastisch. Dass Kris sich verspätete, war normal, heute war sie sogar entschuldigt - wegen dem Todestag ihrer Eltern. Doch Mona war die Pünktlichkeit in Person und das bereitete ihr nun doch Sorge. Sie kramte ihr Handy aus der Tasche und wählte Monas Nummer. Nachdem sie aufgelegt hatte, war sie beruhigter, Mona hatte ihr per Telefon soeben die Ereignisse mit dem Kind geschildert. Kris würde sicherlich auch eine aufregende Geschichte zu erzählen haben, da sie durch ihren impulsiven Charakter meistens irgendetwas Aussergewöhnliches erlebte. Sie lächelte in sich hinein, Kris war aufbrausend, spontan und direkt, doch nur Mona und Lisa wussten, dass sich hinter der harten Schale, ein Mensch mit einem Herzen aus Gold verbarg. Lisa hingegen war das pure Gegenteil. Sie war verträumt und grüblerisch. Ihre Meinung äußerte sie, zwar weniger als Kris, aber wenn sie etwas zu sagen hatte dann sprach sie es auch offen und direkt aus. Mona war eher sachlich und bodenständig. Ihr Sinn für die Klarheit der Dinge, war ihnen schon so manche Male von Nutzen gewesen. Ein ungleiches Trio gaben sie ab, Mona die Realistin, Kris die Aufbrausende und Lisa die Romantikerin. Sie ließ nun ihren Tag Revue passieren. Um sieben Uhr morgens war sie aufgestanden, hatte sich das Gesicht gewaschen, die Zähne geputzt und sich auf den Weg zur Arbeit gemacht. Sie war Angestellte in einer Versicherungsfirma Um sechs Uhr war sie wieder Zuhause gewesen, hatte geduscht, etwas gegessen und sich auf dem Weg ins Vertigo42 gemacht. Sie begegnete auf dem Weg dorthin einem Obdachlosen, der ihr Leid tat und schenkte ihm 100 Pfund. Er hatte sie angestrahlt als würde die Sonne scheinen. So hatte ihr Tag heute ausgesehen. Nicht gerade abenteuerlich, aber es hätte schlimmer sein können.
Ein Blick ins Vertigo42, reichte um festzustellen das Kris Recht hatte. Die vielen Gäste legten zu viel Wert darauf, sich der Mode entsprechend zu kleiden und die anderen Gästen von Kopf bis Fuss zu mustern, gerade die, die nicht ihren Idealen entsprachen.
Ein langer durchzogener Gang umgab die Bar. Alle Tische standen an den Fensterfronten und zeigten einen Blick über ganz London. An den Wänden hingen antike Spiegel. Der Kellner brachte ihr das Glas Wasser und kassierte zugleich, so wie es im Vertigo42 üblich war. Nachdem sie einen Schluck genommen hatte stand sie auf und schritt die Treppe hinab, die zur Toilette führte, um die Zeit zu nutzen sich noch ein wenig frisch zu machen. Sie betrachtete ihren Körper im Spiegel und war stolz auf ihr Spiegelbild. Sie hatte zehn Kilo abgenommen. Ihr Bauch war fast verschwunden und so bot er einen schönen Kontrast zu ihren üppigen Brüsten. Sie war nicht so dürr wie Mona oder so schlank wie Kris, doch gehörte sie jetzt auch zu den schlankeren Frauen. Das kastanienbraune, schulterlange Haar trug sie offen. Stolz war sie auf ihre natürlichen Locken, welche so manche Frau beneidete. Ihre Lippen hätten ein wenig dicker sein können, doch niemand war perfekt und sie war zufrieden mit dem was ihr Spiegelbild darbot. Was sie auch durfte, denn seit sie 10 Kilo leichter war, begegneten ihr ein oder zwei interessierte Blicke mehr. Sie trug noch ein wenig Lipgloss auf weitete dabei ihre grauen Augen. Kurz darauf verschwand sie aus der Toilette. Nachdem sie wieder Platz genommen hatte, sah sie wie sich mehrere Köpfe zum Eingang drehten. Lisa konnte nichts sehen, weil sie bereits wieder saß, deshalb stand sie erneut auf und blickte in dieselbe Richtung, wie die anderen Gäste. Kris stand mitten im Raum und suchte nach ihr. Sie sah miserabel aus. Ihre dunkelbraunen glatten Haare, standen kreuz und quer von ihrem Kopf ab. Lisa musterte sie nun genauer und erschrak, als sie Kris linkes Auge sah, das blau und angeschwollen war. Aus ihrer Nase tropfte Blut. „Kris!“, rief sie und wedelte mit der Hand. Kris sah sie und lief ihr nun entgegen.
Lisa reichte ihr eine Serviette die auf dem Tisch lag und fragte besorgt. „Was ist denn bloß passiert?“
Kris nahm die Serviette dankend entgegen und hielt sie an die Nase. Sie setzte sich und hob ihren Kopf in die Höhe, um die Blutung zu stoppen. Lisa setzte sich ebenfalls wieder.
„Es ist zum Kotzen Li. Ich war auf dem Weg hierher, hörte wie eine Frau schrie und eilte ihr zur Hilfe. Einen der Räuber habe ich zu Boden geworfen und somit die Nase gebrochen“, sagte sie und lächelte stolz, was ihr anscheinend Schmerzen bereitete, denn sie verzog ihr Gesicht kurz darauf zur Grimasse. „Doch der andere hat mich dafür mit Schlägen bombardiert, wie man sehen kann“, sagte sie ironisch. „Aber weißt du was mich so wütend macht, sind nicht die Schläge. Nein, mit denen komme ich schon zu Recht, obwohl mir mein Gesicht höllisch weh tut. Ich werde nur stinksauer, wenn ich daran denke, dass vor mir noch andere Leute gegangen sind, sogar zwei stark gebaute Männer, die einfach am Geschehenen vorbei liefen. Und am Schlimmsten fand ich, dass die Frau, der ich geholfen habe, auch abgehauen ist und mich mit den beiden alleine gelassen hat, anstatt Hilfe zu holen.“
„Oh mein Gott“, antwortete Lisa. „Das kannst du laut sagen. Mir reicht es jetzt schon für heute.“
„Ja, sie hätte wirklich Hilfe holen können, anstatt feige davonzurennen, diese dumme Kuh. Das nächste Mal bist du hoffentlich Vorsichtiger.“
„Wieso ich bin ja noch hier“, sagte sie und versuchte zu lächeln, jammerte jedoch gleich, da ihr der Kiefer von den Schlägen schmerzte. „Siehst du, das meine ich.“ Lisa Gesichtsausdruck glich dem einer Mutter, die ihr Kind zurechtweisen wollte.
Kris lächelte verschmitzt und legte die Serviette auf den Tisch. „Ich brauche jetzt aber einen Drink.“ Kris bestellte sich einen Scotch und leerte diesen in einem Zug.
„Ich verstehe nicht, wie du das Trinken kannst und dann noch in einem Zug.“ Lisa verzog das Gesicht als würde schon nur der Gedanken daran sie schütteln.
„Wo ist eigentlich Mona?“ Sie schilderte ihr was Mona heute erlebt hatte.
Nach zehn Minuten, trat Mona zu ihnen. „Hey, Leute.“ Beide blickten hoch, nickten und steckten die Köpfe wieder zusammen, um das Gespräch weiter zu führen. Mona wollte soeben ihre Jacke über den Stuhl legen, brach aber mitten in der Bewegung ab. „Was ist denn mit deinem Gesicht passiert Kris?“ Ihre Alabaster Haut schimmerte nun noch weisser. Kris schaute in ihre grünen Augen. „ Erzähle ich dir gleich. Lisa erzählt mir gerade deine Geschichte noch zu Ende.“
Mona lachte auf. „Ihr habt sie doch nicht mehr alle. Ihr begrüsst mich nur knapp, weil ihr mit meiner Geschichte beschäftigt seid? Anstatt mich selbst danach zu fragen? Hallo! Ich könnte sie am besten erzählen, denn ich habe sie live erlebt“, schnaubte sie.
Ihr wurde jedoch keine Beachtung geschenkt, deshalb bestellte sie drei Tequila und wartete geduldig bis ihre Geschichte zu Ende erzählt wurde.
„Ein Typ hat mich verprügelt, einem anderen habe ich die Nase gebrochen und die Frau, der ich eigentlich zu Hilfe kam, ist abgehauen.“ Teilte Kris daraufhin Mona mit. „Ich verstehe nur noch Bahnhof.“
„Li erzähl du. Ich mag es nicht noch einmal erzählen.“ Dankbar richtete sich Lisa auf und erzählte Mona die Story noch einmal detailreicher und von vorn.
„Was für ein Idiotenpack. Und die Frau, ist ja wohl das Hinterletzte“, schimpfte Mona im Anschluss kopfschüttelnd.
„Ich hatte Nasenbluten, ein blaues Auge und mein Kiefer schmerzen. Nächstes Mal bin ich schlauer und misch mich nicht so schnell ein.“
„Na klar. Als könntest gerade du das“, Mona und Lisa wechselten einen vielsagenden Blick, fielen gleich darauf in ein Gelächter, in dem auch Kris sich beteiligte. „Du hast gut reden, du wirfst dich auch auf die Strasse - für ein fremdes Kind“, erwiderte Kris.
„Das ist etwas anderes.“ „Nein das läuft aufs selbe hinaus.“ Mona überlegte kurz. „Kris hat Recht, Mona.“, meinte Lisa daraufhin. „Dennoch ich würde auch mal gern etwas Aussergewöhnliches erleben“, gab sie traurig zu. Der Kellner kam, stellte die drei gefüllten Gläser ab, nahm dankend das Geld entgegen und als er sah wie viel Trinkgeld Kris ihm hinterlassen hatte, lächelte er noch breiter.
Sie hoben die Gläser in die Höhe. „Und du Li? Hast du heute auch eine Heldentat vollbracht?“, fragte Mona.
Traurig zuckte Lisa mit den Schultern. „Nicht wirklich. Hab einem Obdachlosen 100 Pfund geschenkt.“
„Na dann. Auf unsere heroische Taten.“ Sie lächelten sich an und tranken ihr Glas in einem Schluck leer. Lisa schmunzelte in sich hinein, ihr Inneres füllte sich nun mit einer wohligen Wärme. Sie liebte diese zwei Frauen mindestens genauso, wie ihre Grossmutter die sie aufgezogen hatte, da ihre Mutter bei ihrer Geburt verstorben war.
Kris blickte argwöhnisch zu Lisa. „Was ist denn mit dir los?“, fragte sie. Lisa lächelte beide warm an. „Ach nichts…“, meinte sie verträumt. „Ich bin einfach nur froh, dass ich euch zwei habe.“
Mona und Kris verdrehten theatralisch die Augen, schmunzelten und nahmen sie gleichzeitig in den Arm, wobei sie im Chor riefen. „Wir lieben dich auch, Lisa.“
„Kommt, darauf stoßen wir gleich an.“, meinte Kris grinsend. Sie bestellte nochmal drei Tequila. „Als bräuchten wir einen Grund zum Anstossen“, erwiderte Mona lachend und hob ihr Glas, was Lisa und Kris daraufhin ebenfalls taten. „Auf unsere Freundschaft!“
Alle drei lachten, als sie den Tequila in einem Schluck leerten. Plötzlich erschien Nebel auf dem Boden. Perplex blickten sich die drei an. Der Nebel entwickelte sich zu einer weißen Wolke, die ihnen die Beine hinauf kroch. Ihre erschrocken weit aufgerissenen Augen, wanderten zu den anderen Gästen hinüber, die jedoch den Rauch nicht zu bemerken schienen.
„Was zum Teufel geht hier vor?“, fluchte Kris laut, als der Rauch sie wie ein Umhang umfing und ihnen die Sicht nahm.
Der Rauch verblasste urplötzlich wieder. Tiefe Schwärze umgab sie. Als ihre Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt hatten, standen sie wie versteinert da. Sie befanden sich nun in einem komplett leeren Raum. Nein. Es war kein Raum, es war eher so eine Art Tunnel.
„Was soll denn diese Scheiße“, murmelte Kris.
„Du sollst nicht fluchen, Kristine“, hallte eine Männerstimme aus dem Nichts. Erschreckt zuckten die drei zusammen und klammerten sich aneinander fest.
„Ihr müsst euch nicht vor mir fürchten. Ich will euch nichts Böses, im Gegenteil.“
Ein eisiger Schauer sass ihnen dennoch im Nacken und sie klammerten sich noch fester aneinander.
Ein warmes Lachen ertönte. „Bitte sagt doch etwas? Ich will euch wirklich nichts Böses.“ Einige Sekunden verstrichen bis Kris das Wort ergriff.
„Einfache Worte für jemanden der im Dunklen bleibt. Wieso zeigst du dich uns nicht?“
„Das geht leider nicht Kristine…“
Kris war baff. „Wieso kennst du meinen Namen?“
„Das darf ich dir leider ebenfalls nicht sagen.“
„Das soll wohl ein Witz sein!“
„Nein. Ich scherze nicht. Ich darf dir darüber keine Informationen liefern.“
Ein mulmiges Gefühl ergriff sie, Sprachlos starrte sie in die Dunkelheit.
„Ich weiss das ist für euch eine seltsame Situation und sicherlich habt ihr viele Fragen. Die ich euch bei Gelegenheit auch so gut es geht beantworten werde. Leider kann ich euch jedoch weder meine Identität noch woher ich eure kenne preisgeben. Oder euch mitteilen, wie ich es angestellt habe euch hierher zu bringen. Doch den Grund dafür, werde ich euch ausführlich erklären.“ Er räusperte sich bevor er mit gewissem Stolz verkündete. „Ihr drei seid auserkoren worden, den Frieden auf Erden zu bewahren.“
Eiserne Stille breitete sich aus. Was Kris mit einem herzzerreissenden Lachen zunichtemachte. „Ach wirklich? Nun hör schon auf und sag uns lieber, wo die versteckte Kamera ist.“
„Kristine das ist kein Scherz!“, meinte die Stimme ernst und mit unheilschwangerem Ton.
„Ich muss doch sehr bitten! Ok. Kurz bin ich darauf eingefallen. Aber diesen Mist den du laberst… Nein geht gar nicht… Schalte doch lieber das Licht wieder an. Ich will endlich zurück in die Bar, “ meinte sie nun ungeduldig.
„Kristine, wir haben euch ausgewählt, um den Frieden auf Erden zu bewahren!“, erwiderte die Stimme empört.
„Ich glaube du hast dich hier nicht richtig umgesehen. Hier herrscht kein Frieden.“
„Doch das tut er in gewisser Weise. Was sich bald ändern könnte, wenn ihr nicht in die Vergangenheit reist, um eure Aufträge endlich auszuführen.“
Kris lachte wieder lauthals los und ignorierte dabei Lisa´s Fingernägel, die sich in ihren Oberarm gruben und meinte spöttisch. „Klar. Reisen wir in die Vergangenheit – wie wär´s, könnten wir für den Anfang zurück in die Bar? BITTE!“
„Nein, das könnt ihr nicht! Ihr habt eine Mission zu erfüllen! Daher solltet ihr von Stolz nur so sprühen, die Auserwählten zu sein! Denn es handelt sich hier um eine wirklich ernste Angelegenheit, die nicht ins lächerliche gezogen werden darf!“
„Der hat sie doch nicht alle“, flüsterte Kris den beiden anderen zu, wobei Lisa und Mona ihr in den Arm kniffen. „Aua!“, schrie Kris auf.
„Deine Freunde sind bereits zur richtigen Einsicht gekommen. Finde ich gut. Lisa? Mona? Habt ihr Fragen?“
„Was habt ihr konkret mit uns vor?“, fragte Mona nun zaghaft.
„Ihr müsst die Welt im Gleichgewicht halten und das geht nur, wenn ich euch in die Vergangenheit schicke. Dort müsst ihr die Betroffenen vor den Angreifern retten. Wenn der Auftrag erfüllt ist, werdet ihr wieder automatisch in die Gegenwart katapultiert.“
„Genau!“, fiel ihm Kris erneut ins Wort.
„Kristine, ich habe euch mit einer staubähnlichen Wolke, von einer menschenüberfüllten Bar hierhergeholt, ohne dass es jemand andrem auch nur ansatzweise aufgefallen ist. Und du glaubst mir immer noch nicht?“
Kris zuckte mit den Schultern. „Du bist sicher so eine Art Copperfield, einer der unsere Wahrnehmung verändern kann.“
„Nein, du irrst, so einer bin ich nicht, und ich bin es leid, mich bei dir ständig erklären zu müssen!“
„Es sei mir vergeben, meine Majestät.“
„Kris…“, warnte nun sogar Mona.
Was Kris ein wenig zweifeln ließ. Mona glaubte diesem Irren doch nicht wirklich, oder?
„Du sagst, wir werden in die Vergangenheit geschickt, um dort die Opfer zu retten. Aber, wie stellst du dir das genau vor?“
Gut, dachte Kris. Mona hatte noch ihre Sinne beisammen.
„Wenn ihr in der Vergangenheit seid, werdet ihr die nötigen Kräfte besitzen. Wie ihr dorthin gelangt, müsst ihr mir überlassen. Denn darüber darf ich ebenfalls kein Wort verlieren.“
Mona tippte sich mit dem Zeigefinger auf ihre Lippen. „Was sind das für nötige Kräfte?“
„Man kann sie durchaus mit Superkräften vergleichen.“ Die Stimme lachte. „Ihr werdet sehr stark sein. Stärker und schneller, als jeder Krieger und springen werdet ihr auch sehr hoch können.“
Lisas Lebensgeister schienen zu erwachen. Kris spürte wie sie sich kerzengerade aufrichtete. „Und sie nehmen uns wirklich nicht auf den Arm?“
„Nein Lisa, über so etwas Wichtiges würde ich mir nie erlauben zu scherzen.“ Ihre grauen Augen weiteten sich. Ihr Glücksgefühl bereitete sich fast greifbar im ganzen Raum aus. „Wir werden Superkräfte besitzen!“
Kris blickte irritiert zu ihr rüber. Lisa schien sich nicht mehr einkriegen zu wollen. „OH MEIN GOTT! SUPERKRÄFTE!“ Sie klatschte in die Hände. „Ich werde eine Superwoman sein, so wie in den Comics!“ „Krieg dich wieder ein, Mensch! Siehst du nicht, dass dieser Blödmann uns nach Strich und Faden verarscht?“
„Kristine, jetzt hüte langsam deine Zunge!“
„Sonst was?“, provozierte sie ihn weiter. „Wirst du mich töten?“
„Kris! Genug!“, zischte Mona.
Kris blieb der Mund offen stehen. „Du glaubst diesem Irren doch nicht wirklich?“
„So absurd sich das Ganze auch anhört, muss ich ihm glauben und du solltest das auch tun. Kris, er hat uns aus der Bar hierhergeholt. Wir sehen ihn nicht, können ihn nur hören und er scheint mir nicht wirklich anwesend zu sein. Das ist eine Tatsache die du ernst nehmen solltest.“
„Mona das ist ein verdammter Fake.“
„Wenn es ein Fake ist, umso besser, haben wir uns halt zum Affen gemacht. Wenn aber nicht…“
„Wird uns eine riesen Last angebunden.“, beendete Kris den Satz.
„Keine Last, Kristine. Es ist eine Ehre.“
Kris lagen an die hundert Flüche auf der Zunge, die sie sich nur mit großer Mühe verkniff.
Einen Moment herrschte Ruhe, bis Mona wiederum das Wort ergriff. „Ich fasse kurz zusammen. Wir sind auserwählt worden in die Vergangenheit zu reisen, um den Frieden auf Erden zu bewahren, die Opfer, mit unseren Superkräften zu beschützen und dann werden wir zurück in unser Jahrhundert geholt. Habe ich das richtig verstanden?“
„Ja.“
„Wie weit in die Vergangenheit müssen wir denn reisen? Was geschieht wenn eine von uns verunglückt? Wie sieht es mit der Kleidung aus? Ich glaub wir werden so, wie wir jetzt aussehen, auffallen.“
Ein Lachen erklang. „Das hängt von eurer Mission ab. Es kann sechzig Jahre dauern, vielleicht auch ein Jahrhundert, vielleicht zwei Jahrhunderte oder drei. Es kommt darauf an, wohin ihr geschickt werdet. Wegen der Sprachen und der Kleidung müsst ihr euch keine Sorgen machen. Sobald ihr durch die Zeit reist, werdet ihr automatisch an diese Zeitspanne angepasst, ihr werdet die Sprache beherrschen und auch die passende Kleidung tragen. Vor dem Tod müsst ihr euch in der Vergangenheit ebenfalls nicht fürchten, denn ihr könnt nicht sterben, wenn ihr diese Kräfte besitzt.“
Mona nickte. „Das heisst wir werden die Kräfte nur in der Vergangenheit besitzen?“
„Ja.“
„Schade!“, meldete sich nun Lisa zu Wort, wobei ihr Kris einen wütenden Blick zuwarf.
„Müssen wir Menschen ermorden?“
„Ja, das werdet ihr müssen, Mona. Aber ihr werdet sehen anfangs wird es komisch sein, doch schon bald werdet ihr es als normal betrachten.“
„Wie kann man einen Menschen zu töten normal finden.“, wiedersprach Mona empört.
„Sobald du um dein Leben kämpfen musst, oder um das der Opfer, wird es euch mehr als leicht fallen.“
Nervös schritt Mona auf und ab. Tippte sich fortwährend mit dem Zeigefinger an die Lippen. „Wieso muss die Welt im Gleichgewicht gehalten werden? Stimmt etwas nicht?“
„Im Moment ist alles in Ordnung und wird auch so bleiben. Solange ihr die Zeitreisen durchführt.“
„Sind wir die ersten die solche Zeitreisen durchführen müssen?“ Hakte Mona nach.
„Ja.“ Die Stimme hörte sich ein wenig genervt an, was an Monas ewiger Nachfragerei, liegen musste. Kris kicherte in sich hinein. „In welchem Zeitraum hier, müssen wir denn diese Zeitreisen machen?“ „Diese Frage kann ich nicht wirklich beantworten. Es kann mehrere Wochen dauern oder auch einige Jahre.“
„Woher wissen wir, ob wir die Richtigen beschützen?“, fragte Mona immer noch sichtlich nervös.
„Ihr werdet es spüren. Das kommt dann automatisch.“
„Was ist wenn wir uns dagegen entscheiden?“
„Das könnt ihr nicht.“
„Was?“ Kris trat nun aufgeregt einen Schritt vor. Mona zog sie jedoch gleich wieder zurück.
„Ihr habt nicht die Macht über so etwas zu entscheiden.“, antwortete die Stimme.
„Aber du hast die Macht über unser Leben zu entscheiden! Du nimmst uns damit unser Privatleben und die Chance normal weiter zu leben, ohne mit der Wimper zu zucken!“, Kris bebte innerlich vor Wut.
„Es muss so sein, für das Wohl der Menschheit. Ihr könnt euch geehrt fühlen, dass wir euch ausgesucht haben.“
„Geehrt! Das ich nicht lache.“
Die Stimme ignorierte Kris und sprach weiter. „Und jetzt zum wichtigsten Teil eurer Aufgabe. Ihr dürft eure Fähigkeit nur dann einsetzten, wenn ihr unbeobachtet seid. Ihr dürft mit niemanden darüber reden, ob in der hiesigen Zeit oder in der Vergangenheit. Das Gleichgewicht und das Wohl der Menschen, könnten sonst bedroht sein. Ihr müsst nicht so große Augen machen, denn ihr werdet nie lange genug in der Vergangenheit stecken bleiben, um ein wichtiges Gespräch führen zu können. Sobald eure Mission erfüllt ist, werdet ihr zurückgeholt. Habt ihr das verstanden?“
Lisa nickte eifrig.
„Mona? Kristine?“
„Ja! Wir sind ja schliesslich nicht taub!“, fuhr Kris die Stimme an.
„An Geld wird es euch auch nie mangeln, dafür haben wir gesorgt.“
„Das ist ja unglaublich!“, meinte Lisa erhitzt.
Kris warf ihr einen ärgerlichen Blick zu. „Li, komm wieder runter. Ich verstehe nicht, wie du so etwas unglaublich finden kannst.“
Lisa drehte sich zu Kris. „Mein Leben ist momentan, wenn nicht schon länger, so öde, dass es mir wie ein Geschenk vorkommt so etwas zu wagen.“ Sie klatschte vergnügt in die Hände.
„Das soll es ja auch sein“, antwortete die Stimme.
„Ein Geschenk! Mir kommt es eher wie ein unrealistischer Befehl vor, der sich recht gefährlich anhört.“
„Als hättest du Angst vor Gefahren Kris. Wir haben ja unsere Kräfte und mit denen werden wir schon nicht so schnell verletzt.“
„Wie schon gesagt, ihr könnt nicht sterben wenn ihr in der Vergangenheit seid. Und Schmerzen, wenn ihr Schläge kassiert, spürt ihr auch praktisch keine.“
„Na toll.“, äusserte Kris sarkastisch.
„Kris sieh es doch auch mal positiv…“, versuchte Lisa sie zu beschwichtigen.
„Positiv?“, zischte Kris.
Mona schritt ein, bevor der Streit eskalieren konnte. „Genug ihr zwei.“ Sie wandte sich an die Stimme. „Werden die Aussenstehenden es nicht komisch finden, wenn wir plötzlich verschwinden?“
„Die werden es nicht bemerken. Vorhin hat es auch niemand realisiert. Dafür haben wir ebenfalls vorgesorgt.“
Es wurde still, fast zu still.
„Habt ihr noch Fragen?“
„Wie können wir in Verbindung bleiben?“, fragte Mona.
„Wir werden euch zu uns rufen.“
„Das heißt wir sind auf uns gestellt, bis ihr den Entschluss fasst nach uns zu sehen?“, Mona schluckte schwer.
„Tut mir leid, aber es muss so sein. Wir befinden uns alle in einer prekären Lage und wollen keine Aufmerksamkeit auf uns ziehen. Deshalb ist es so wichtig, dass ihr mit niemandem, und wirklich mit niemandem, darüber redet. Wenn irgendjemand davon erfährt, steht ihr nicht mehr unter unserem Schutz und wer weiß, was dann geschehen könnte.“
Sicherlich hatte sie zu viel Alkohol getrunken. Kris hatte zwar nur drei Drinks in Erinnerung, aber man wusste ja nie. Wenn man anfing zu trinken, verlor man schnell den Überblick. Sie musste durch den Alkoholkonsum eingeschlafen sein, deshalb befand sie sich auch jetzt in diesem Albtraum. Bald würde sie erwachen und darüber lachen. Oder vielleicht hatte der Barkeeper ihnen etwas in den Drink gemixt, dass hörte man doch heutzutage auch immer öfter. Vielleicht irgendeine halluzinogene Droge. Sie rieb sich die Augen. Verdammt, dass konnte doch nun nicht wirklich wahr sein!
„Habt ihr noch Fragen?“, fragte die Stimme ungeduldig.
Kris hatte keine Fragen mehr, nur noch ein mulmiges Gefühl und hoffte, dass sich das ganze am Schluss doch noch als makabrer Scherz erwies.
Lisa lächelte erregt. „Wann werden wir diese Zeitreise machen?“
„Jetzt, meine Lieben und vergesst nicht, niemand darf von euch oder von uns erfahren. Verhaltet euch in dem Jahrhundert entsprechend und fallt möglichst nicht auf. Ihr müsst euch nicht sorgen. Ihr seid genau die Richtigen für diese Aufgabe.“ Bevor eine von ihnen etwas erwidern konnte, wurden sie erneut umhüllt von diesem Rauch, der sie auch hergebracht hatte. Sobald der Rauch verblasste standen sie, bei helllichtem Tag auf einer sonnigen Lichtung, inmitten kampfhungriger Männer des Jahres 1745. Der Aufstand der Jakobiner. Dies war kein Albtraum! Sie standen wirklich mitten im Geschehen! Das ganze um sie herum war real! Kris bekam vor Schreck einen trockenen Mund. Ihre Ohren sausten. Abwechselnd wurde es ihr kalt und warm. Ihr Herz raste in einem viel zu schnellem Tempo, sodass sie glaubte es würde bald zerspringen. Die Geräusche um sie herum und den Schauplatz, nahm sie nur wie aus weiter Ferne wahr. Plötzlich spürte Kris ein Kribbeln in ihrem Nacken und hatte das Gefühl beobachtet zu werden. Als sie sich umsah, lenkte Lisa und Monas Bekleidung Kris ab. Sie trugen Schottenröcke, weisse Leinenhemden und einen Hut, der ihr Geschlecht perfekt versteckte. In ihren Gesichtern, zeichnete sich die gleiche Panik ab, die auch Kris verspürte. Weit aufgerissene Augen, weit geöffneter Mund und eine Hautfarbe die so weiß wie ihre Hemden war.
„Wir werden sterben“, wisperte Lisa. Perplex blickten sie sich an. Lisa hatte den Satz auf Gälisch ausgesprochen und sie hatten ihn verstanden! Es blieb ihnen keine Zeit, darüber nachzudenken. Sie wurden soeben von einer Horde schreiender Hünen angerempelt, die das Wappen der Engländer trugen. Alle drei fielen auf ihren Allerwertesten. Verzweifelt schauten sie sich an. Die Veränderung fand so plötzlich statt, dass sie es anfangs gar nicht wahrnahmen. Ein Beben fuhr durch sie hindurch. Es fühlte sich wie ein Kurzschluss an. Ihr Körper straffte sich. Sie spürten regelrecht, wie jeder einzelne Muskel sich verhärtete, hart wie Metall wurde und sie sich plötzlich viel mächtiger, grösser und kräftiger den jeher fühlten und das obwohl sie noch genauso zierlich aussahen wie zuvor. Ein Gefühl, das stärker als ihr Wille war, ließ sie blitzartig aufstehen. Als hätten sie nie etwas anderes getan, sprang jede von ihnen einen der Angreifer an. Sie wussten komischerweise genau was zu tun war.
Lisa hielt einen Engländer zurück, der soeben einen Schotten töten wollte. Sie packte ihn von hinten und schubste ihn einfach aus dem Weg. Er flog daraufhin weit fort und schlug mit seinem Kopf hart auf die Erde auf. Er starb augenblicklich. Sie beeilte sich, um dem anderen Schotten zu helfen.
Mona schlug mit ihren Fäusten, in einem überdimensionalen Tempo, ebenfalls auf einen bulligen Typen ein, bis dieser bewusstlos zu Boden fiel. Einem anderen brach sie den Arm und dem dritten schlug sie so fest in die Brust, dass er leblos zusammensackte.
Kris packte einen rothaarigen Schotten der bereits bewusstlos am Boden lag unter die Arme und schleifte ihn mühelos vom Geschehen weg. Sie hatte keine Ahnung wer das war, sie folgte einfach einem Gefühl, das ihr vermittelte, sie sollte diesen Mann beschützen. Was sie demzufolge auch tat, als ein halbes Dutzend heißhungriger Engländer auf sie zu rannte. Sie stellte sich vor den bewusstlosen Schotten. Unbeholfen stand sie da und als sie angegriffen wurde, rammte sie instinktiv ihren Dolch in die Brust der Angreifer. Leblos sackte der Feind zu Boden.
Fünf Engländer umzingelten sie nun. Einer trat hervor und schlug ihr mitten ins Gesicht. Dieser Schlag hätte sie zu Fall bringen müssen, doch Kris spürte fast nichts. Sie ließ sich nochmal ins Gesicht schlagen. Wieder nichts. Widerwillig musste sie schmunzeln. Mutig warf sie nun das Schwert zu Boden und kämpfte nur noch mit ihren Fäusten und Beinen. Binnen weniger Minuten lagen sechs tote Engländer zu ihren Füßen. WOW!
Weitere stürmten nun auf sie zu. Selbstbewusster als zuvor, grinste sie diese nun an und löschte jedes einzelne Leben aus, mit einer präzisen Kampftechnik, als wäre sie als Shaolin Mönch geboren worden.
Der Commander rief nun über die ganze Lichtung seine Männer zurück. Die Schotten jubelten laut und das war das letzte was sie zu hören kriegten. Der Rauch umhüllte sie erneut und brachte sie zurück in ihr eigenes Jahrhundert. Plötzlich saßen sie wieder an ihrem Tisch im Vertigo. Der Schottenlook war verschwunden, das weite, weiße Leinenhemd und der Hut ebenfalls. Die wütenden Stimmen der Männer, die Todesschreie, die Triumphschreie - alles war weg. Als hätte das soeben erlebte nie stattgefunden. Dabei befanden sie sich noch vor einigen Sekunden in einer gänzlich anderen Zeit, an einem fremden Ort - mit Kräften die unvorstellbar waren. Fassungslos schauten sie sich an. Ihre Körper zitterten. Ihre Augen waren glasig und zeigten einen Hauch von Rausch. Es war ihnen anzusehen, dass ihre Gefühle gerade Achterbahn fuhren. Der Kellner trat an ihren Tisch. Skeptisch blickte er die drei an. „Alles In Ordnung?“ fragte er.
Mechanisch nickten sie. Dabei war gar nichts in Ordnung. Ganz im Gegenteil!
„Wollt ihr noch etwas bestellen?“
Wieder verneinten alle drei, standen auf und verließen schnurstracks die Bar. Sie schwiegen, die ganze Fahrt über.
Auch zu Hause sagte keine auch nur ein Wort. Mechanisch setzten sie sich auf das Sofa. Kris bereitete Tee zu und drückte jeder von ihnen eine Tasse in die Hand. „Ist das wirklich gerade alles passiert?“, Mona stütze ihren Kopf auf die angezogenen Knie. Lisa machte eine theatralische Kopfbewegung. „Mmh.“
„Ich glaube das einfach nicht.“, sagte Mona wie zu sich selbst. „Es kommt mir einfach nicht real vor. Die schreienden Stimmen hallen immer noch in meinem Kopf wieder.“
„Mir klopft das Herz wie wild“, erwiderte Lisa und nahm einen großen Schluck Tee.
„Mein Körper zittert immer noch. Ich kann es einfach nicht fassen. War das alles echt? Die schreienden Rufe, das Gemetzel, das Jahrhundert? Ich meine, wir Leben im 21. Jahrhundert und kennen diese unrealistischen Geschichten nur aus dem Fernsehen, wie kann das gerade uns passieren und wie soll ich mit dieser Situation fertig werden? Ich habe Angst!“ Lisa kuschelte sich näher an Mona und legte ihr einen Arm auf die Schulter. „Du musst keine Angst haben, uns kann nichts geschehen wenn wir in der Vergangenheit sind. Es ist heute einfach nur zu viel auf einmal passiert und es ist alles so schnell gegangen, um es jetzt in so kurzer Zeit verarbeiten zu können. Morgen wirst du schon ganz anders darüber denken.“
Mona schaute zu ihr rüber, den Kopf noch immer auf ihre Knie gelehnt. „Hast du denn überhaupt keine Angst?“
Lisa schien kurz zu überlegen. „Angst ist vielleicht das falsche Wort. Ich bin ein bisschen durch den Wind und sehe das Ganze auch wie - durch einen Schleier. Ich glaube, dass wir erst morgen wissen werden wie wir uns wirklich fühlen.“
„Ich wünschte ich hätte im Moment auch deine Zuversicht. Aber ich schaff es einfach nicht.“
„Die wird noch kommen du wirst schon sehen.“ Kraftspendend tätschelte sie Monas Schulter. Ihr Blick glitt zu Kris die komischerweise kein Wort gesagt hatte.
„Was ist mit dir Kris?“
Sie zuckte mit den Schultern. „Angst habe ich keine. Ich versuche im Moment eher herauszufinden, wer diese Stimme sein könnte, die so viel Macht hat uns diese Kräfte zu verleihen und wie die Stimme es geschafft hat uns in die Vergangenheit zu schicken. Waren es Ausserirdische? Oder war es Gott? Vielleicht waren es normale Menschen wie wir es sind? Das war echt filmreif. Hätte mir das irgendwer vor einer Woche erzählt, hätte ich ihn für irre gehalten. Gleichzeitig packt mich eine Wut und ich denke mir, was erlaubt diese Stimme sich eigentlich und zu befehlen wie wir künftig leben müssen.“
„Aber du weißt ja noch gar nicht, wie wir weiter leben werden. Vielleicht wird es uns auch besser ergehen, als zuvor“, beeilte sich Lisa zu antworten.
„Li komm wieder raus aus deiner Phantasiewelt. Wie soll sich das auf unser Leben positiv auswirken?“
„Das ist einfach so ein Gefühl, was ich habe.“
„Oder reines Wunschdenken“, warf nun auch Mona ein.
Kerzengerade setzte sich Lisa nun auf. Sie blickte beide abwechselnd an. „Jetzt mal ehrlich. Als ihr heute in der Schlacht gekämpft habt, hattet ihr schon mal zuvor so ein vollkommenes Hochgefühl? Hattet ihr nicht auch das Gefühl unbesiegbar zu sein und so etwas wie Freude empfunden, als ihr bemerkt habt wie ihr diese Hünen zu Brei geschlagen habt?“
Lange sagte keine von beiden etwas. Kris räusperte sich. „Ich muss sagen, als mir einer eins ins Gesicht schlug und ich praktisch nichts gespürt habe, überkam mich ein überschwängliches Gefühl. Ich habe sogar gelacht und hab dann die restlichen Kerle erledigt.“
„Siehst du“, sagte Lisa stolz.
„Ich habe drei riesige und breite Männer in weniger als einer Minute erledigt und es war mir egal. Die Stimme hat Recht behalten, wenn du um dein Leben kämpfen musst, oder das der anderen, dann machst du es, ohne darüber weiter nachzudenken und ohne an dir zu zweifeln.“ Lisa und Kris nickten Mona zu.
„Das überragende Gefühl, wie Kris sagt, überkam mich auch.“ Monas Mine hellte sich ein wenig auf.
„Ich hab es euch ja gesagt. Und…“, versuchte Lisa die Aufmerksamkeit wieder auf sich zu lenken. Vergebens, denn Mona und Kris waren vollauf damit beschäftigt, über ihre Eindrücke und Empfindungen zu sprechen. Und sie hörten sich auch nicht mehr verzweifelt an, eher enthusiastisch. Lisa schmunzelte und wartete geduldig ab, bis sie an der Reihe war, um ihre Gefühle und Geschehnisse darzulegen. Sie redeten anschließend bis in die tiefe Nacht hinein. Irgendwann fielen ihnen jedoch die Lider zu und sie schliefen einfach alle drei auf dem Sofa ein.
Lisa erwachte als erste und suchte nach einer Aspirin in ihrer Tasche, da ihr Kopf zu explodieren drohte. Sie schlenderte hinüber ins Bad, dass etwa die Größe ihres Wohnzimmers besaß und staunte wieder einmal über den vielen Platz. Das Bad war luxuriös ausgestattet und enthielt ein Jacuzzi, eine Dusche, eine Umkleidekabine sowie ein Doppellavabo. Sie spritzte sich kaltes Wasser ins Gesicht, überprüfte kurz ihr Spiegelbild und verschwand wieder aus dem Bad. Mit pochenden Kopfschmerzen schnappte sie sich Kris Autoschlüssel und verließ die Wohnung, da sie wusste, dass Kris nichts einzuwenden hatte. Das war eins ihrer morgendlichen Rituale, wenn sie bei Kris übernachteten, die Erste die am Morgen erwachte, musste für das Frühstück sorgen.
Sie fuhr also zum Bankautomaten, um Geld abzuheben. Kurz darauf blieb ihr vor Schreck der Mund offen stehen, als sie die Zahl auf dem Bildschirm vor sich bemerkte. Die Kopfschmerzen waren augenblicklich verflogen. Völlig aus dem Häuschen, nahm sie ihre Karte wieder an sich, lief zum Bäcker und kaufte dort frische Brötchen, Muffins und Kaffee in rauen Mengen. Den ganzen Rückweg fuhr sich pfeifend vor sich hin. Seit gestern würde ihr Leben jetzt endlich mehr Flair haben. Kris und Mona würden das vielleicht nie verstehen, doch endlich geschah auch mal etwas Interessantes in ihrem Leben und dazu kam noch, dass es etwas war, wovon sie niemals geglaubt hätte das es je existierte, außer in den Büchern, die sie las oder in den Filmen, die sie sah. Wie viele Male hatte sie wach im Bett gelegen und sich vorgestellt, sie wäre auch eine von diesen Superheldinnen. Und jetzt war sie tatsächlich eine. Vor Freude fing ihr Körper an zu kribbeln. Sie war ein Mensch mit Superkräften, bei diesem immer wiederkehrenden Gedanken, trat ein Lächeln auf ihr Gesicht. Auch wenn sie gestern noch ein wenig Bedenken hatte, was ihre Mission betraf, heute konnte sie niemand mehr umstimmen, es war das Beste was ihr bisher im Leben passiert war. Natürlich wäre ihr Leben noch perfekter, wenn sie nun noch einen Traummann an ihrer Seite bekäme, aber sie war auch so schon mehr als zufrieden. Sie parkte den Wagen, schloss ab und fuhr mit dem Lift hinauf in Kris´ Wohnung. Pfeifend trat sie hinein und schritt zügig in die Küche. Mona und Kris saßen bereits schläfrig am grauen Bistrotisch. Beide blickten hoch als Lisa mit einem strahlenden Gesicht in die Küche spazierte.
„Da ist ja jemand heute gut drauf“, murmelte Kris schlaftrunken. „Mmh, ja ich werde Montag ebenfalls kündigen und habe auch einen guten Grund dazu.“
„Und der wäre? Mir ist immer noch ein wenig mulmig.“ Mona schüttelte sich.
„Das muss es nicht Mona. Es ist ein Geschenk und das größte von allen ist das hier.“ Sie kramte in ihrer Tasche, fand den weißen Zettel und legte ihn nun mitten auf den Tisch.
Mona und Kris schauten auf den Bankbeleg. Ihre Müdigkeit schien schlagartig verflogen.
Mona riss das Blatt an sich. „Das ist ja eine sechsstellige Zahl. So etwas hab ich in meinem Leben noch nicht auf einem meiner Auszüge gesehen!“, rief sie aus.
„Versteht ihr jetzt was ich meine? Es ist mehr als nur ein Geschenk, so viel Geld bring ich nicht einmal zusammen, wenn ich Jahre über Jahre sparen würde. Das ist doch auch für dich eine Menge Geld, nicht wahr Kris?“
„Ja das ist eine beträchtliche Summe. Dennoch finde ich den Preis zu hoch, den wir bezahlen müssen.“ Lisa stemmte beide Hände in ihre Hüften. „Ist euer Enthusiasmus über Nacht schon wieder verschwunden?“
Mona und Kris blickten sich hilfesuchend an. „Eigentlich schon.“ Antworteten dann beide zusammen.
„Ich glaube das einfach nicht. Ihr seht alles viel zu pessimistisch.“ Lisas quirlige stimme stieg augenblicklich eine Oktave höher.
„Und in deinen Augen wäre das Positive eine Menge Geld und die Superkräfte in der Vergangenheit? Ich muss schon sagen, ich bin nicht einmal sehr überrascht, dass du dir keine Gedanken über unser Leben hier machst. Endlich hast du ja was du wolltest, da du dein Leben sowieso langweilig findest.“
„Kris“, tadelte Mona.
„Ist schon gut Mona. Ich kann mich selbst verteidigen. Ja ich gebe es zu, das ist das Beste was mir hätte passieren können. Und ich verstehe einfach nicht, wieso du so abgeneigt bist, denn dein bisheriges Leben fandst du doch auch nicht wirklich berauschend.“
„Weil das etwas ist, bei dem ich…“, angestrengt suchte Kris nach dem richtigen Wort.
Lisa kam ihr zur Hilfe. „Keine Übersicht hast, nicht wahr?“
Kris bejahte dies traurig.
„Hört auf! Wir können Stunden, Tage, Wochen darüber weiter streiten. Leider bringt es uns nichts mehr. Ich bin ein nüchterner Mensch, und dass was uns gestern widerfahren ist, bereitet mir eine Heidenangst. Die ganze Nacht habe ich gegrübelt, gegrübelt und gegrübelt. Letztendlich bin ich zu dem Schluss gekommen, dass es nichts bringt über etwas nachzudenken, auf dass ich keine Antwort finden kann. Es ist nun mal so wie es ist, auch wenn mich die Situation nicht erfreut. Ändern können wir es leider ebenfalls nicht mehr. Deshalb rate ich euch, vertragt euch wieder und akzeptiert die Meinung der Anderen.“ Lisa und Kris schauten sich an. „Tut mir leid“, sagten beide wie aus einem Mund, was sie beide wiederum
zum Schmunzeln brachte.
Gewöhnungsbedürftig
Drei Wochen später standen Kris und Mona vor dem Kino und warteten auf Lisa, die sich wieder einmal verspätete. Die erste Woche meldeten sich Lisa bei der Arbeit ab, mit der Ausrede sie hätte die Grippe. Keiner der drei machten einen Schritt ohne die anderen, weil sie zusammen sein wollten, falls der Rauch erschien. In der zweiten Woche waren sie auch noch vorsichtig. Da Lisa noch einen Monat Kündigungsfrist hatte, musste sie wieder zur Arbeit. Nach dem Feierabend machte sie sich immer wieder auf dem Weg zu Kris und Mona. Deshalb entschied sie auch ihre Wohnungen zu kündigen, um bei Kris einzuziehen, da Mona auch schon eingezogen war. In der dritten Woche kam es ihnen bereits wie ein Traum vor. Als wäre das alles nie wirklich geschehen. Deshalb trauten sie sich augenblicklich wieder mehr raus, anstatt in Kris´ Wohnung rumzutrödeln und nur abzuwarten.
Lisa schlenderte ihnen endlich entgegen. Sie begrüssten sich und kauften dann die Tickets für die Spätvorstellung. Kaum hatten sie jedoch Platz genommen, erschien der Rauch. Sobald sie wieder klar sehen konnten, bewunderten sie den weiten Garten eines japanischen Palastes im Jahre 1900, in dem sie nun standen. Hinter ihnen ragte der Palast auf und vor ihnen ein großer See. Sie trugen metallähnliche Röcke, einen silbernen Brustpanzer, der nur der Brust als Schutz dienen sollte sowie einen silbernen Helm, der am Kinn mit zwei Schnürchen zusammengebunden war. Ihre langen Haare waren zu einem Zopf geflochten. Niemand hatte sie bemerkt, als sie wie aus dem Nichts mit einem glänzenden Samurai-Schwert auftauchten. Sehr wahrscheinlich lag es nicht nur daran, dass es mitten in der Nacht war, sondern eher wegen ihrer Fähigkeit sich zu tarnen. Kurz standen sie still als die Transformation in ihren Körper stattfand. Sobald sie sich wieder mächtig, stark und kampfbereit fühlten, griffen sie an und sie mussten schnell sein, denn ihre Feinde drohten bereits in den Palast einzudringen. Dieser Kampf erschien ihnen weit schwieriger, vielleicht lag es daran, dass die Japaner ihre Hiebe bedacht studierten, bevor sie zuschlugen. Die drei warfen sich dennoch mutig ins Getümmel.
„Ich schwitze mir echt einen ab“, flüsterte Mona Kris zu, als sie per Zufall nebeneinander zum Stehen kamen.
Kris´ blaue Augen weiteten sich dermaßen, dass sie fast hellblau wirkten. Sie lachte herzhaft.
„Was ist los? Wieso lachst du so doof?“
„Bitte… Hör auf...“, Kris hielt sich den Mund zu, um nicht noch mehr Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.
Mona verstand sofort und musste ebenfalls lachen. Sie sprachen auf Japanisch miteinander, was sich wirklich komisch anhörte, da sie die Sprache eigentlich nicht beherrschen durften. Abgelenkt durch ihre neuen Sprachkenntnisse, übersahen sie die zwei heranschleichenden Gegner. Ein Schatten flog kurz darauf über ihre Köpfe. Sie blickten erschrocken hoch, doch Lisa schnellte bereits durch die Luft. Mit ihrem Samurai-Schwert trennte sie die Köpfe der zwei heranschleichenden Männer ab, ehe sie den Boden unter ihren Füssen erreichte. Irritiert drehten sich Kris und Mona zu ihr um.
„Wollt ihr noch eine Tasse Kaffee und vielleicht ein Stück Kuchen?“, tadelte Lisa und hielt sich im selben Moment die Hand vor ihren Mund. „Das war ja auf Japanisch“, stellte sie überrascht fest.
Bevor jemand etwas erwidern konnte, griffen die Gegner erneut an. Es war ein langer, anstrengender Kampf und jede Einzelne von ihnen, setzte unauffällig ihre Kräfte ein, um schneller voranzukommen. Mona schwang ihr Schwert in einer Geschwindigkeit, die das menschliche Auge nie erreichen würde.
Kris erledigte einen nach dem anderen innerhalb weniger Sekunden und Lisa sprang von einer Ecke in die andere, so schnell, dass sie eher wie ein Schatten wirkte. Die Feinde zogen sich geschlagen zurück, ein Jubel ertönte und schon war der Rauch in Sicht und weg waren sie wieder.
Zurück in der Gegenwart, hatte der Film soeben begonnen, doch ihr Adrenalinstoss war noch zu hoch. Sie schauten sich an, ohne ein Wort zu wechseln, standen auf und verließen eilig das Kino. Sie machten sich sofort auf dem Heimweg, um begeistert über die Ereignisse dieser Schlacht diskutieren zu können. Lisas Hoffnung wuchs, als sie den beiden zuhörte wie sie über ihre japanischen Kampfkünste und über die lustige Sprache redeten. Vielleicht würden auch Mona und Kris bald Lisas Meinung teilen, dass es wirklich erfreulich war, was ihnen widerfahren ist.
Am nächsten Abend saßen die drei beim Italiener und genehmigten sich einen Teller Pasta und ein Glas Wein. Der Rauch kam überraschend schon wieder und versetzte sie dieses Mal nach Amerika, in die Südstaatenschlacht, und da erst bemerkten sie, dass sie von Schlacht zu Schlacht geschickter wurden. Bei jeder dieser Schlachten, lernten sie etwas dazu. Auch hier wurden Menschen getötet und die Stimme behielt Recht, wenn es um das eigene Leben ging, oder das der Opfer, dann fiel es ihnen tatsächlich leichter zu töten.
Als sie wieder zurück waren und erneut am Tisch beim Italiener saßen, aßen sie ihre Pasta dieses Mal auf, tranken wie gewohnt ihren Wein und ließen euphorisch auch diese Ereignisse Revue passieren, bis das Restaurant schloss.
