Im Schatten des Weißen Turms - Dietmar Lilienthal - E-Book

Im Schatten des Weißen Turms E-Book

Dietmar Lilienthal

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Beschreibung

Kurkölnische Stadt Arwilre 1686: Der Waise Johannes Alden wird im Klosterhof der Weißen Mönche in Arwilre aufgenommen. Unter der Obhut seines Lehrmeisters Vater Achatius lebt er glücklich und zufrieden. Doch nicht alle Mönche sind ihm freundlich gesonnen. Mehrmals sieht sich der Jüngling rätselhaften Vorkommnissen gegenüber. Welche Rolle spielt hierbei der zwielichtige Alchemist Morienus? Als der Pfälzische Erbfolgekrieg ausbricht, gerät das Leben von Johannes in Gefahr. Im Weißen Turm, der neuen Niederlassung der Mönche, spitzen sich die Ereignisse zu. Ein Mord geschieht, und plötzlich stehen Johannes und seine Geliebte Sophia im Mittelpunkt des mysteriösen Geschehens. Arwilre: historische Bezeichnung der Stadt Ahrweiler

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Seitenzahl: 887

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Dietmar Lilienthal

Im Schatten des Weißen Turms

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Die alte Stadtbibliothek

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Kapitel 52

Epilog

Anhang

Glossar

Arwilre vor dem Stadtbrand 1689 (fiktiv)

Der Autor

Danksagung

Impressum neobooks

Die alte Stadtbibliothek

Dietmar Lilienthal

Im Schatten

des

Weißen Turms

Kurkölnische Stadt Arwilre1686:

Der Waise Johannes Alden wird im Klosterhof

der Weißen Mönche in Arwilre aufgenommen.

Unter der Obhut seines Lehrmeisters Vater

Achatius lebt er glücklich und zufrieden. Doch

nicht alle Mönche sind ihm freundlich gesonnen.

Mehrmals sieht sich der Jüngling rätselhaften

Vorkommnissen gegenüber. Welche Rolle spielt

hierbei der zwielichtige Alchemist Morienus?

Als der Pfälzische Erbfolgekrieg ausbricht, gerät

das Leben von Johannes in Gefahr.

Im Weißen Turm, der neuen Niederlassung der

Mönche, spitzen sich die Ereignisse zu. Ein Mord

geschieht, und plötzlich stehen Johannes und

seine Geliebte Sophia im Mittelpunkt des

mysteriösen Geschehens.

Arwilre: historische Bezeichnung der Stadt Ahrweiler

Dietmar Lilienthal

Im Schatten

des

Weißen Turms

Roman

(historische Fantasy)

Impressum

Texte: © 2022 Copyright by Dietmar Lilienthal

Umschlag: © 2022 Copyright by Florin Sayer-Gabor

www.100covers4you.com

Verantwortlich für den Inhalt:

Dr. Dietmar Lilienthal

In der Kleinen Otterbach 21

53902 Bad Münstereifel

[email protected]

Druck: neobooks – ein Service der Neopubli GmbH, Berlin

ISBN 978-3-7565-3412-8

Alle Rechte vorbehalten. Texte, Grafiken und Bilder dürfen nicht ohne schriftliche Genehmigungen des Autors reproduziert, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Die alte Stadtbibliothek

Alles roch nach Geschichte, nach Geheimnis, nach Vergessen: der gotische Spitzbogen des Portals, die stets kühle Eingangsdiele, die breite Holzstiege und verwinkelten Gänge im Innern des Weißen Turms, die schwarzbraune, dereinst mit Leinöl bestrichene Eichentür zum historischen Stadtarchiv, die knarzenden Dielenbretter. Bei jedem Schritt luden sie ein zu einer Gedankenreise in längst vergangene Zeiten.

Umgehend erfassten meinen Wandergefährten und mich die mystische Atmosphäre des geschichtsträchtigsten Gebäudes der mittelalterlichen, in früheren Zeiten Arwilre genannten Stadt. Seit Jahrhunderten ragte es mit seiner barocken Laternenkuppel imposant und stolz über alle anderen Bauwerke hinaus.

Soeben noch hatte sich mein Gefährte in seine weltanschaulichen Betrachtungen über das scheinbar unwiederbringliche Entschwinden aller ungeschehenen Alternativen des Weltgeschehens vertieft, hatte begeistert erklärt, dass in der unbegrenzten Weltenvielfalt eines unendlichen Universums alles noch so Unwahrscheinliche tatsächlich geschehe und nichts verloren gehe, in der vollen Überzeugung, dass ein umfassendes Sein mehr sein muss als die bescheidene Auswahl aus dem Meer der Möglichkeiten, die wir als unsere subjektive Welterfahrung und Lebensrealität und allzu oft als bloßen Zufall empfinden. Nun hielt er in seinen Gedanken inne und fragte neugierig, was mich so zielstrebig in dieses alte Gemäuer führe?

»Deine philosophischen Betrachtungen haben mich lebhaft daran erinnert, dass mir vor langer Zeit schon einmal die Suche nach scheinbar verlorengegangenen Geschehnissen und Möglichkeiten keine Ruhe gelassen hat. Dereinst standen hier schlichte Holzregale, bestückt mit einer ansehnlichen Sammlung von Dokumenten und in Leder gebundenen Folianten, darunter außergewöhnliche und seltene Werke der Alchemie, Astronomie, Mathematik und Philosophie. Es gab Schriften von Augustinus, Galileo Galilei, Giordano Bruno, Paracelsus und anderen. Die Folianten befanden sich bereits seit langem in der Bibliothek, von Reisenden auf unbekannten Wegen aus den Archiven europäischer Städte und Klöster an diesen unscheinbaren Ort gebracht. Ungeachtet aller Plünderungen und Brandschatzungen, die die Stadt über sich ergehen lassen musste, blieben die Werke durch umsichtige Maßnahmen der Bibliothekare und Stadtväter bis in die Neuzeit erhalten.«

»Worauf willst du hinaus?«, fragte mein Weggefährte mit leichter Ungeduld in seiner Stimme.

Nachdenklich deutete ich zur Wand am gegenüberliegenden Ende des Raums. »Damals befand sich dort hinten ein gusseiserner Ofen, der an kalten Wintertagen, aufgeheizt bis zum Erglühen, eine behagliche Wär-me verbreitete. Gleich daneben entdeckte ich in einem Regal einige Stapel loser und vergilbter Blätter, die über rätselhafte Ereignisse einer von Schrecken und Dämonenglauben geprägten, längst vergessenen Zeit-epoche Zeugnis ablegten. Nicht, dass ich nach etwas Bestimmtem gesucht hätte! Ich hatte nur ziellos herumgestöbert. Die Schriftstücke fielen mir wie von selbst in die Hände, zogen mich schnell und unnachgiebig in ihren Bann, als hätten sie über Jahrhunderte auf ihre Entdeckung gewartet.«

»Um was für Dokumente handelte es sich denn?«

»Es waren alte Protokolle, Prozessakten und Aufzeichnungen der Stadtschreiber, niedergeschrieben mit schwarzer Tinte auf pergamentartigem, vergilbtem Papier, durchsetzt mit lateinischen Wörtern. Jeder Schreiber formulierte nach seinen Vorstellungen und folgte seiner eigenen Orthographie. Ihre Entschlüsselung war recht mühsam. Viele Details der dokumentierten Ereignisse beruhten auf Erzählungen Dritter, die erst Jahre später niedergeschrieben wurden. Manche Dinge mögen der Fantasie der Berichterstatter entsprungen und mit vernunftwidrigen Ausschmückungen versehen worden sein, aber allen Erzählungen dürfte ein wahrer Kern innewohnen. Den Stadtschreibern wird es erhebliche Mühe gekostet haben, die teils verworrenen Berichte der Zeitzeugen festzuhalten. In den Regalen befanden sich auch Skizzen von Gebäuden, Grundrissen, Gassen, verborgenen Pfaden, Türmen und Wehrgängen der mittelalterlich geprägten Stadt. Von der einstigen Existenz dieser Einrichtungen ist kaum noch etwas bekannt. Andere Pergamentblätter enthielten astronomische und alchemistische Darstellungen, geometrische Skizzen und lyrische Texte. Meine besondere Aufmerksamkeit galt einem abgegriffenen, verschmutzten Journal mit sorgfältig datierten Eintragungen über erschreckend befremdliche Vorgänge. Erst nach langen, aufwändigen Recherchen erahnte ich die Bedeutung dieser Dokumente für den Ablauf des Geschehens.«

Mein Gefährte sah mich mit fragendem Blick an. »Aus welcher Zeit stammten denn die Schriften?«

»Nach meinen Erinnerungen datierten die ersten systematischen Aufzeichnungen der Begebenheiten auf die Zeit um das Jahr 1686. Aber die Geschehnisse hatten schon etwa zwanzig Jahre früher ihren Anfang genommen. In diesen Zeitdokumenten tauchte auch erstmals ein mir unbekannter Name auf: Johannes Alden. Der junge Johannes war tief in die merkwürdigen Vorgänge verwickelt.«

»Was ist denn mit den Schriftstücken geschehen?«

Ich zuckte unwissend mit der Schulter und suchte verlegen nach einer Antwort.

»Ja, ja, ich weiß, ich hätte damals alle Schriftfragmente über die Ereignisse sicherstellen, sie ordnen und erfassen sollen. Inzwischen ist mehr als ein halbes Jahrhundert vergangen. Aber musste ich denn damit rechnen, dass die Dokumente über diese längst vergessenen Vorgänge für jemand anderen von Wert oder Interesse sein könnten? Niemand kann mehr in Erfahrung bringen, ob sie in unbefugte Hände gerieten oder gar vernichtet wurden. Alle Belege über die schicksalhaften Vorkommnisse, in die der Jüngling Johannes in Arwilre verwickelt wurde und die schon zehn Jahre bevor er das Licht der Welt erblickte begannen, scheinen für immer verschollen zu sein. So manche Lücke des tatsächlichen Geschehens lässt sich nicht mehr rekonstruieren. Nach meinem Wissen gehören zu den wenigen erhalten gebliebenen Dokumenten eine alte, auf handgeschöpftem Papier gedruckte Sternkarte Planisphaerium Caeleste sowie ein deutlich älteres Neumenblatt, Vorläufer unserer Noten, niedergeschrieben von Mönchen auf samtweichem Vellum, einer feinen Pergamentart aus Tierhaut.«

Der Wissensdrang meines Weggefährten war geweckt. Er ließ mir keine Ruhe und fragte nach immer mehr Einzelheiten über die Zeitumstände und Ereignisse im Leben des Johannes Alden in Arwilre. Schließlich musste ich ihm zusichern, die seltsamen Geschehnisse nach bestem Wissen und Gewissen niederzuschreiben, um sie für die Zukunft zu erhalten.

Im Schatten

des

Weißen Turms

Kapitel 1

Jahr des Herrn 1668

Stadtbewohner beschuldigen eine anmutige Jungfrau der Hexerei

Seit Tagen hatte sich im gesamten Flusstal eisiger Herbstnebel festgesetzt, den die Sonne auch zur Mittagsstunde nicht zu durchdringen vermochte. Verborgen im nebligen Dunst umschlossen üppig bewaldete Bergketten das abgelegene Tal. Tief eingegraben in eine schmale Schlucht, rauschte der Fluss zwischen schroff abfallenden Felswänden dahin, seiner Mündung im fernen Rheintal entgegen. Allmählich erweiterte sich das Tal zu einer weiten, beschaulichen Auenlandschaft.

Am nördlichen Rand, eng geschmiegt an die burgenförmig ansteigenden Terrassen steiler Weinberge, lag das mauerbewehrte Arwilre. Auch die hohen Weinbergmauern verblassten hinter einer undurchdringlichen Nebelwand, die dem Betrachter den gewohnten Ausblick auf die malerische Umgebung verwehrte. Mit Anbruch der Abenddämmerung wurde es kälter. Wind kam auf und trieb durch die Straßen dichten Schneegriesel, der sich nach und nach auf die gesamte Stadt mit ihren Türmen und Toren niederlegte. Die Dächer und Zinnen verschwanden im milchigen Dunst, unsichtbar, als ob sie nicht zu dieser Welt gehörten.

In der kleinen Stadt war längst Ruhe eingekehrt. Nicht so im Rathaus am Rande des Marktplatzes. Aus einem der hohen, schmuckvollen Bleiglasfenster drang der warme Lichtschein eines von der Zimmerdecke herabhängenden Kerzenleuchters. Einem spukhaften Schattentanz gleich, bewegten sich im flackernden Licht die dunklen Umrisse mehrerer Personen. Ihre Gesten ließen erkennen, dass eine wichtige Unterweisung im Gange war.

Dort, in der Amtsstube des Rathauses, hatte es sich ein gebieterisch auftretender, betagter Mann auf seinem Stuhl bequem gemacht. Er ließ keinen Zweifel darüber aufkommen, wer hier das Sagen hatte.

»Es muss jetzt unbedingt etwas geschehen!«, verkündete er mit schneidender Stimme. »Noch können wir alle notwendigen Maßnahmen ergreifen.« Er lehnte sich zurück. Für einen Augenblick genoss er schweigend die furchtsame Hochachtung, die ihm die drei Männer der Stadtwache entgegenbrachten. Ihre Haltung wurde unter seinem Blick noch strammer.

Der Alte war der für die kurkölnische Stadt zuständige landesherrliche Inquisitionskommissar. Die Bewohner von Arwilre nannten ihn in ihrer angsterfüllten Unterwürfigkeit stets Meister Augustin. Im gesamten Umland galt er seit Jahrzehnten als äußerst unnachgiebig und fanatisch. Wann immer die Menschen eine Gelegenheit dazu fanden machten sie einen weiten Bogen um ihn.

Meister Augustin hatte die Siebzig bereits überschritten. Seine auffallend dürre Gestalt wurde durch sein hageres Gesicht betont, aus dem eine herrisch wirkende Hakennase hervorstand. Die wenigen flaumartigen Haare auf seinem länglichen Schädel gaben ihm das Aussehen eines Raubvogels. Meister Augustin verstand es, seinen autoritären Worten durch geschickte Gesten mit seinen schmalen, ungewöhnlich langen Händen widerspruchslosen Nachdruck zu verleihen. In seiner Eigenschaft als Hexeninquisitor bevorzugte er das Tragen eines symbolträchtigen schwarzen Umhangs, der bei allen Menschen in seiner Nähe unterwürfigen Respekt hervorrief. Dies verlieh ihm das Gefühl uneingeschränkter Macht, die er außerordentlich zu schätzen wusste. Er war zutiefst davon überzeugt, im rechten Glauben zu handeln, und wenn jemand der ketzerischen Rede bezichtigt wurde, verfolgte er den Beschuldigten rücksichtslos und mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln.

Meister Augustin blickte in die Runde, strich sich abwägend über sein glattes Kinn. Dem Kommandanten der Stadtwache, Hauptmann Leonard Lemmens zugewandt, erklärte er eindringlich:

»Die Zeit droht uns davonzulaufen. Wir können uns keine Verzögerung mehr erlauben!«

Der Hauptmann schaute den Inquisitor erwartungsvoll an. Mit seiner hünenhaften Gestalt überragte er nahezu alle Bürger der Stadt, was wohl der Grund dafür war, dass er schon seit vielen Jahren unangefochten sein verantwortungsvolles Amt innehatte. Mit sichtlichem Stolz trug er seine Wächteruniform, ein grobes Lederwams, einen breitkrempigen braunen Hut mit flachen Federbüschen, eine enge Hose sowie hohe Schaftstiefel. Als Zeichen seines Kommandantenrangs ragte ein Kurzschwert aus seinem Gürtel.

Seine beiden Untergebenen, Hanjub und Tönnes, standen hinter ihm. Sie hielten in ihren mit ledernen Handschuhen geschützten Händen bis fast an die Decke des Raums reichende Hellebarden.

Kommandant Lemmens war es gewohnt, noch spät am Abend amtliche Befehle auszuführen. Aber bei der heutigen Aufforderung zu einer sofortigen Unterredung hatte er sich gefragt, welche Angelegenheit denn ausgerechnet jetzt von solcher Eile sei. Die bevorstehenden Anordnungen des Inquisitors versetzten ihn in innere Unruhe.

Meister Augustin fuhr mit seiner Rede fort.

Die drei Zuhörer schenkten ihm ihre ungeteilte Aufmerksamkeit. Sie blieben weiterhin stramm vor ihm stehen.

»Seit der Zeit des Dreißigjährigen Krieges hat die Bewohner von Arwilre nicht mehr solch ein Schrecken vor dem Wirken einer Hexe erfasst, wie in diesen Tagen. Schon vor zwei Wochen berichteten mir in der Residenzstadt Bonn mehrere Ratsherren über das merkwürdige Gerede der Jungfrau Annae Weißgerber. Den Ratsvertretern stand die Sorge deutlich ins Gesicht geschrieben. Sie befürchteten unheilvolle Auswirkungen auf die Stimmung der Stadtbewohner und drängten inständig auf meine inquisitorischen Dienste. Heute Nachmittag hat sich die Angelegenheit weiter zugespitzt. Annae Weißgerber wurde aufs Neue von einer Bürgerin beim Rat denunziert und der Hexerei beschuldigt. Es ist immer die gleiche Klage! Selbst einige Ordensbrüder vergaßen ihre weltabgewandte Zurückhaltung und erklärten mir gegenüber, die Jungfrau sei zwar fleißig und hübsch, verbreite aber angsteinflößende Erzählungen über unglaubwürdige Vorgänge an der kleinen Waldkirche auf der anderen Flussseite. Dieser Ort scheint ja äußerst verrufen zu sein. Nun wird alles noch viel schlimmer! Niemand wird aus dem Geschwätz der Jungfrau klug. Es klingt alles so verrückt und vor allem für leichtgläubige Weiber und Kinder so verstörend, dass immer mehr Menschen sie für eine wirre, vom Teufel besessene Hexe halten. Sie scheint mit Geistern und Dämonen zu verkehren. Was sonst, im Namen des Herrn, soll man von dem Gerede der Jungfrau nur halten?«

Instinktiv fühlte sich der Kommandant durch die Worte des Inquisitors zu einer Antwort aufgefordert. Bevor er sich jedoch äußern konnte, gebot ihm Meister Augustin mit einer herrischen Geste zu schweigen, wünschte er doch keine Unterbrechung seines Gedankengangs. Die Berichte der Ratsherren über die scheinbar unerklärlichen Vorfälle hatten den Inquisitor von Beginn an fasziniert. Brennender Ehrgeiz hatte ihn erfasst, dem Gerede der Jungfrau in allen Einzelheiten nachzugehen und dessen Ursprung zu ermitteln. Nun wollte er sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen, auch die Stadtwächter über die Vorgänge ausführlich auszufragen.

»Sage Er mir, Kommandant Lemmens, warum um alles in der Welt ist denn der Ort an der Waldkirche so verrufen?«

Hauptmann Lemmens lag viel daran, jederzeit im rechten Licht zu erscheinen. Er bemühte sich mit Eifer, seine Kenntnisse über den genauen Ablauf der Ereignisse unter Beweis zu stellen.

»Vor etwa zwei Jahren, verehrter Meister Augustin, ist an der kleinen Waldkapelle eine schreckliche Gräueltat geschehen. Ein Reiter war zufällig von seinem Weg in die Stadt abgewichen und an der Kapelle vorübergekommen, sonst wäre die Schreckenstat wohl niemals entdeckt worden. Schon damals war ich Kommandant der Wache und sehe noch heute den verstörten Mann vor mir. Er war ganz blass und stotterte vor Aufregung:

Dort hängt, mit dem Kopf nach unten,die Leiche einer Jungfrau am niedrigsten Ast einer Eiche, an den Füßen festgebunden wie ein Stück Vieh. Ihr Hals ist durchschnitten und ihr Körper schlaff und völlig blutleer!

Allen Zuhörern war ein kalter Schauer den Rücken heruntergelaufen, als sie hörten, dass kein einziger Tropfen Blut der Getöteten auf die Erde geflossen war. Wir haben alles abgesucht, aber das Blut der Jungfrau blieb verschwunden. Niemand konnte sich vorstellen, wer oder was dafür verantwortlich war. Auch die Leiche der Ermordeten wäre bestimmt niemals aufgefunden worden, hätte nicht der Reiter im rechten Augenblick an der Gebetsstätte angehalten, um Gott für seinen Schutz während der langen Reise zu danken. Seit dieser Zeit munkeln alle Bürger der Stadt über den Ort nur noch von der Blutskapelle.«

Die beiden Stadtwächter nickten bestätigend, was den Kommandanten dazu anspornte, mit seiner Erklärung rege fortzufahren.

»Aber es war noch schlimmer gekommen! Kurze Zeit danach verschwanden in den Wehrbüschen nahe der Kapelle zwei weitere Jungfrauen ohne jede Spur. Viele Bewohner gerieten in Angst. Sie befürchteten, im Lande würden noch immer Gefolgsleute des französischen Kardinals Mazarin herumziehen und junge Frauen missbrauchen, verschleppen oder gar töten. Die meisten Bürger glaubten, der zum Kölner Kurfürsten Maximilian geflüchtete Erzieher und Pate König Ludwigs XIV. halte sich auch weiterhin dort auf. Er bringe nur Unheil. Andere wiederum waren davon überzeugt, den Verschollenen sei etwas Ähnliches wie der Jungfrau an der Blutskapelle widerfahren. Sie argwöhnten gar, das Los, Opfer marodierender Banden zu werden, sei gnädiger. Jedenfalls blieben die vermissten Jungfrauen unauffindbar und man hat niemals wieder etwas von ihnen gehört. Einige besonders furchtsame Bewohner beharrten auf ihrer Meinung, die Jungfrauen seien von Dämonen entführt worden. Die Zeiten waren so unruhig, dass der Stadtvogt alsbald sämtliche Nachforschungen einstellen ließ. Er versprach sich von ihnen keinen weiteren Aufschluss mehr, ordnete aber an, die Eiche, woran der leblose Körper der Jungfrau gehangen hatte, sofort zu fällen.«

»Ach, das ist doch …!«, entfuhr es Meister Augustin bei den Worten des Kommandanten. Fast wäre er über die Hilflosigkeit des Vogts lauthals in verächtliches Gelächter ausgebrochen. Verständnislos schüttelte er heftig den Kopf und sagte zynisch: »Ganz gewiss hätte ich die Ermittlungen mit größerem Nachdruck vorgenommen und die Taten aufgeklärt. Doch berichte Er weiter, Hauptmann Lemmens!«

»Nach und nach beruhigten sich die Bewohner wieder, fragten sich aber noch lange, warum die Frauen ausgerechnet in der Nähe der Blutskapelle verschwunden waren. Es konnte niemals Licht ins Dunkel der schrecklichen Geschehnisse gebracht werden. Nur die Furcht der meisten Bürger vor diesem unheimlichen Ort ist geblieben. Sie meiden ihn wann immer möglich.«

Die Miene des Inquisitors zeugte noch immer von seiner Unzufriedenheit mit den Ergebnissen der Nachforschungen. »Kein Wunder, dass sich die Hoffnung des Vogts, über die Sache würde wieder Gras wachsen, in Luft aufgelöst hat und die alten Wunden durch das Gerede der Jungfrau wieder weit aufgerissen wurden.«

In seinen Gedanken fand Meister Augustin die Richtigkeit seiner Handlung bestätigt, bei erstbester Gelegenheit mit einer Pferdekutsche von Bonn ins Tal der Ahr aufgebrochen zu sein. Hier hatte er sich für die Zeit der Untersuchungen in einer Amtsstube des Rathauses eingerichtet. Gestützt auf seine Autorität, hielt er nun den rechten Zeitpunkt für gekommen, dem Kommandanten der Stadtwache und seinen beiden Untergebenen alle notwendigen Anordnungen zu erteilen.

»Wir werden der Hexe schon das Handwerk legen und sämtliche Gräueltaten aufklären!«

Stadtwächter Tönnes blickte sich bei diesen Worten unsicher um, als fühlte er sich bedroht. Der Inquisitor bemerkte die Unruhe in den Augen des Mannes. Mit einer energischen Handbewegung forderte er ihn dazu auf, seine Befürchtungen darzulegen.

»Im Namen des Herrn, die Jungfrau Annae Weißgerber hat mit ihrem Gerede über Geister und Dämonen die gesamte Stadt verhext. Gewiss trägt sie auch Schuld daran, dass in Arwilre seit einiger Zeit erneut der Schwarze Tod wütet, der uns so lange verschont hat. Oh Herr, steh uns bei! In allen Stadtvierteln fürchten die Bürger um ihr Leben. Sie trauen sich vor Angst nicht mehr aus ihren Stuben. Seit einigen Tagen tritt die Pest besonders in den Gassen längs der Stadtmauer auf, gleich in meiner Nachbarschaft. Auch ich wage mich kaum noch aus dem Haus. Fenster und Türen bleiben Tag und Nacht verschlossen. Gott verschone uns vor der verdammten Hexe!«

Meister Augustin nickte betont verständnisvoll. Die von dem Wächter zusätzlich vorgetragenen Mutmaßungen und Beschuldigungen gegen die Jungfrau kamen ihm gerade recht.

In jenen Jahren breitete sich die abscheuliche Seuche der Pestilenz mehr und mehr in den nahegelegenen Dörfern und Höfen aus. Soweit man sich zurückerinnerte, hatte es zuletzt ausgangs des Dreißigjährigen Krieges eine ähnliche Pestwelle gegeben. Jeder Einreisende wurde vor den Toren der Stadt von den Wächtern an einem Schlagbaum angehalten, über seine Herkunft befragt und eingehend untersucht. Wer fiebrig und matt erschien oder gar Blut aushustete wurde sofort abgewiesen. Dennoch hatte dies alles nichts geholfen. Die strengsten Kontrollen versagten und die Seuche überwand die schützende Mauer der Stadt. Erst starben nur einzelne, dann aber forderte der Schwarze Tod mehr und mehr Menschenleben. Ganze Familien wurden ausgerottet und ihre Namen verschwanden für immer aus dem Gedenken der Überlebenden und den Registern der Stadt. Jeden Morgen näherten sich vorsichtig die Helfer, sammelten in den Häusern und Straßen die Leichen der Pesttoten ein und brachten sie mit einem Karren durch das nördliche Stadttor zum Pestanger vor der Stadt, wo die Leichen mit Kalk überstreut und in einem Sammelgrab eingescharrt wurden. Niemand wunderte sich darüber, dass nur noch wenige Helfer diese entsetzliche Aufgabe verrichten wollten, denn alle Bewohner hatte die unerträgliche Angst erfasst, selbst in die tödlichen Klauen der Pest zu geraten.

Der Inquisitionskommissar war zu allem entschlossen. Nicht einmal die Pest konnte ihn davon abhalten seine Neugierde zu befriedigen, die für die Ausübung seines Amtes unerlässlich war. Er musterte die Männer der Stadtwache mit durchdringendem Blick.

»Wir müssen die Beschuldigte schnellstens festsetzen! Alles deutet darauf, dass die Jungfrau das Werkzeug teuflischer Dämonen, wenn nicht gar des Satans selbst ist. Es muss unbedingt aufgedeckt werden, was hinter ihren Erzählungen steckt, sonst finden wir alle keine Ruhe mehr. Wir werden eine peinliche Befragung durchführen, um das Weib zu läutern und zum Eingeständnis ihrer Schuld zu bewegen. Wenn alles nichts hilft, müssen wir sie auf dem Scheiterhaufen dem reinigenden Feuer übergeben. Nur so findet das Unheil ein Ende.«

Der Kommandant zögerte merklich, nahm dann aber seinen gesamten Mut zusammen und wagte einen Einwand.

»Darf ich Euch, verehrter Meister Augustin, darauf hinweisen, dass in unserer Stadt seit Jahren keine peinliche Befragung oder gar Hexenverbrennung mehr vorgenommen wurde. Bisher liegt in dieser Angelegenheit kein ordentlicher Beschluss des Schöffengerichts vor. Weder der Bürgermeister noch der Stadtvogt, die beide zurzeit in Köln weilen, wurden über die bevorstehende Maßnahme in Kenntnis gesetzt.«

Über das Gesicht Meister Augustins huschte ein Schatten. Der Einwand war ihm ein Dorn im Auge, duldete er doch keinerlei Widerspruch.

»Das ist mir bekannt! Die Lage wird aber täglich bedrohlicher. Wir dürfen auf keinen Fall länger zögern. Die Gemüter der Bürger müssen unverzüglich beruhigt werden. Ein gerichtlicher Beschluss kann Wochen dauern. Unter den Stadtbewohnern droht sich Panik wegen teuflischer Hexerei auszubreiten.«

»Außerdem interessieren mich nur die tatsächlichen Geschehnisse«, dachte er. »Ich möchte nur zu gerne wissen, was hinter den Erzählungen der Jungfrau steckt. Niemand kann mich davon abhalten, der Angelegenheit nachzugehen, weder der Bürgermeister noch der Vogt und erst recht nicht die Schöffen.«

Meister Augustin erhob sich bedächtig, seine Arme auf dem Schreibtisch aufstützend. Dann verschränkte er seine Hände hinter dem Rücken und schritt mit leicht gesenktem Haupt im Zimmer auf und ab, vorbei an den Männern der Stadtwache, die noch immer auf seine Befehle warteten. Schließlich blieb er vor ihnen stehen, richtete seine hagere Gestalt zu voller Größe auf und sah sie mit strengem Blick an:

»Ich verlasse mich auf euch! Die Sache erfordert höchste Verschwiegenheit. Was auch immer geschieht, ich befehle euch, mit niemandem darüber zu reden. Liegt uns erst einmal das Geständnis der Beschuldigten vor, wird niemand mehr unser Handeln hinterfragen oder gar verurteilen. Brecht jetzt auf und bringt mir die Inquisitin so schnell wie möglich herbei. Seid vorsichtig, damit euch kein Fehler unterläuft. Kein Mensch darf von der Sache Wind bekommen!«

Der Kommandant vermochte seine Erleichterung über das Ende der Besprechung kaum zu verbergen. Umso entschlossener wandte er sich mit amtsbeflissener Miene seinen Untergebenen zu.

»Die Hexe darf uns nicht entgehen. Auf dem Rückweg zum Stadtgefängnis nehmen wir zur Vorsicht nur Seitengassen!«

»Was ist, wenn sie in den dunklen Straßen Spektakel veranstaltet?«, befürchtete Wächter Hanjub.

»Wir werden unsere Vorkehrungen treffen! Am besten stecken wir ihr sofort einen Knebel in den Mund und ziehen ihr einen Sack über den Kopf. So wird sie keine Gelegenheit erhalten, sich zur Wehr zu setzen. Der dichte Nebel kommt unserem Vorhaben entgegen. Man kann nur wenige Schritt weit sehen. Wegen der in der Stadt herrschenden Furcht vor dem Schwarzen Tod wird sich kaum jemand auf die Straße wagen. Zur Sicherheit legen wir der Hexe bei ihrer Festnahme einen eisernen Halsring samt Ketten an. Wer weiß, über welche Zauberkräfte sie verfügt!«

Die beiden Stadtwächter stimmten emsig zu. Der energischen Kopfbewegung ihres Kommandanten gehorchend, verließen sie mit finsterer Entschlossenheit die Amtsstube des Inquisitors.

Kapitel 2

Meister Augustin trifft Vorbereitungen zur peinlichen Befragung

der Hexe

Meister Augustin sah der abrückenden Stadtwache ungeduldig hinterher. Nachdenklich strich er sich über seinen nahezu haarlosen Schädel und spielte in Gedanken sein weiteres Vorgehen durch.

»Es ist höchste Besonnenheit geboten, denn die Angelegenheit ist äußerst heikel. Ich muss dem Folterknecht Klaas befehlen, noch für heute Nacht die Folterkammer vorzubereiten. Klaas, so einfältig er auch ist, kennt sich aus und weiß was zu tun ist. Von ihm habe ich keine Scherereien zu erwarten, denn er ist mir seit vielen Jahren treu ergeben.«

Meister Augustin war fest davon überzeugt, dass er das Verhör auf keinen Fall noch bis zum folgenden Tag hinausschieben konnte. In Gedanken spekulierte er weiter:

»Bei jeder Verzögerung muss ich damit rechnen, dass sich Bürgermeister und Schöffen einmischen. Dann kann ich die Folter bei der Befragung der Inquisitin nicht mehr ungehindert anwenden lassen. Wäre ärgerlich, wenn hierdurch die Wahrheit für immer verborgen bliebe. Klaas soll umgehend die Folterwerkzeuge bereitmachen und für die Inquisitin schnellstens ein Hexenhemd herbeischaffen. Außerdem benötige ich einen Protokollschreiber und zwei Beisitzer als Zeugen. Ich muss unter allen Umständen auf mögliche Nachfragen durch Ratsherren oder Schöffen vorbereitet sein. Ich weiß auch schon, wer für diesen Zweck am besten geeignet ist.«

Entschlossen rief er einen Boten zu sich.

»Eile Er so schnell wie möglich zum Klosterhof der Prämonstratenser der Abtei Steinfeld. Vermeide Er jegliches Aufsehen und bringe die Ordensbrüder Gregorius, Benediktus und Leonardus zu mir. Ich benötige sie unverzüglich für eine wichtige Amtshandlung.«

Pflichtbewusst verließ der Bote das Amtszimmer des Inquisitors und machte sich auf den Weg zum Klosterhof.

Von der Richtigkeit seiner Entscheidung überzeugt, dachte der Inquisitor: »Bei allem, was man den drei Prämonstratensermönchen nachsagt, auf ihr Stillschweigen kann ich mich mit Sicherheit verlassen, liegt es doch in ihrem eigenen Interesse.«

Abfällig grinsend kam Meister Augustin das schon seit Monaten in der Stadt verbreitete hartnäckige Gerücht in den Sinn, die drei Mönche ständen in einer delikaten, gotteslästerlichen Beziehung zu der begehrten Jungfrau Annae Weißgerber. Das Stadtgespräch war für die Brüder so kompromittierend und gefährlich, dass sie die härteste Bestrafung befürchten mussten. Die Bedrängnis, in der sich die Mönche befanden, kam dem Inquisitor gerade recht.

Der Steinfelder Klosterhof lag innerhalb des Mauerrings, fernab des Marktplatzes von Arwilre. Hier hatten die Prämonstratenser der in der Nordeifel gelegenen Abtei Steinfeld eine einträgliche Niederlassung. Wegen ihrer traditionell weißen Ordensgewänder nannten die Stadtbewohner sie die Weißen Mönche. Vom Klosterhof aus bewirtschafteten die Ordensbrüder die Besitztümer der Abtei, ausgedehnte Ländereien im weiten Flusstal und ertragreiche Weinberge an den felsigen, steilen Hängen. Die Niederlassung umfasste neben dem geräumigen Hauptgebäude auch eine kleine Hauskapelle, eine Weinkelterei sowie mehrere Scheunen und Stallungen. Gärten und Felder zur Versorgung der Ordensbrüder lagen nicht weit entfernt. Neben der Bewirtschaftung der Ländereien betrieben die Mönche zudem eine in der Stadt äußerst angesehene Schule für Novizen und Laienschüler.

Im Hof führten die Weißen Mönche unter der Leitung des umsichtigen Priors Servatius seit Jahren ein gottesfürchtiges Leben und gingen redlich ihrer täglichen Arbeit nach. Soweit es die umfangreichen Verwaltungs- und Erziehungsaufgaben sowie die Arbeiten auf den Feldern und in den Weinbergen zuließen, befolgten sie die uralten Regeln der Prämonstratenser vom Jahre des Herrn 1130, treu im Geiste des heiligen Hermann Joseph von Steinfeld, dem großen Mystiker des Ordens.

Die Beschaulichkeit und Ruhe des klösterlichen Lebens änderte sich für die Mönche an dem Tag, als die Jungfrau Annae Weißgerber zum Klosterhof kam.

Weil Annae nach dem Tod ihres Vaters angesichts ihrer Armut kaum zurechtkam und jede Unterstützung gebrauchen konnte, sahen es die Mönche als Barmherzigkeit und christliche Pflicht an, der Bitte der Jungfrau um leichte Arbeiten und Dienste auf dem Hof nachzukommen. Wenngleich Annae auch nur einen kargen Lohn erhielt, zeigte sie sich jederzeit dankbar, denn andere Einnahmen hatte sie nicht.

Die Jungfrau war von auffallender Schönheit. Kaum ein Jüngling der Stadt konnte sich der Wirkung ihrer Anmut entziehen. Das musste ihr im Klosterhof zum Verhängnis werden, denn schon bald wollten einige der jüngeren Mönche mehr als nur Dankbarkeit. Zwar ließ sich Annae auf keinen von ihnen ein, aber ihr oftmals hochnäsiges und geziertes Verhalten, das ihr in der Stadt den Ruf einer unnahbaren Schönheit eingebracht hatte, ließ die in Begierde entbrannten Mönche nicht mehr zur Ruhe kommen. Je häufiger Annae auf dem Klosterhof arbeitete, desto mehr Aufmerksamkeit und Begehrlichkeit erregte sie bei den Brüdern, und da sie sich bei all ihrer Armut dennoch reizend zu kleiden wusste, folgten die heimlichen Blicke der Mönche jeder ihrer verführerischen Bewegungen.

Prior Servatius, vom Steinfelder Abt Johann als Vorsteher der Klosterniederlassung in Arwilre ernannt, erkannte viel zu spät, dass Annae trotz ihrer Unnahbarkeit eine große Gefahr für das beschauliche Leben auf dem Hof und für das Seelenheil der Mönche darstellte. Zwar erfüllte sie ihre gelegentlichen Botengänge und ihre Arbeit in der Hauswirtschaft, im Garten oder bei der Ernte immer ausgesprochen zuverlässig, aber ihre bloße Anwesenheit sorgte bei einigen der jüngeren Ordensmänner wieder und wieder für Unruhe.

Ganz besonders die Brüder Gregorius, Benediktus und Leonardus vermochten sich von ihrem Anblick und Charme nicht zu lösen. Ungeduldig warteten sie auf das tägliche Erscheinen der schönen Jungfrau. Verstohlen blickten ihr die Brüder nach. Schritt Annae mit schwingenden Hüften und wogendem Busen über den Hof, erfasste die drei eine nie gekannte fleischliche Lust, die sie bis in ihre nächtlichen Träume verfolgte; warf Annae ihre lange blonde Haarpracht keck in den Nacken, einem weit über ihre schlanke Gestalt fallenden Samtvorhang gleich, schoss manchem der Mönche ob seiner sündigen Gedanken die Röte ins Gesicht; ertönte im Hof bei Annaes Gesprächen mit dem Gesinde ihr helles, unbefangenes Lachen, unterbrachen die Brüder gedankenverloren ihre Arbeit, mit verklärtem Blick nach ihren Worten lauschend; schöpfte sie am Hofbrunnen Wasser, versuchten die Brüder einen lustvollen Blick auf ihre reizvollen Brüste zu erhaschen. Die Brüder redeten immer häufiger über sie und ihr aufreizendes Äußeres. So nahm das Unheil seinen Lauf und es kam, wie es kommen musste.

Bruder Gregorius vermochte sein sinnliches Verlangen nicht länger zu unterdrücken. Obschon Annae ihm niemals Anlass zu berechtigten Hoffnungen gegeben hatte, erlag er der unwiderstehlichen sündhaften Begierde nach ihr. Im Hof munkelte man darüber, dass er zunächst noch dagegen ankämpfte, beichtete und inbrünstig in der kleinen Hauskapelle des Klosterhofs Gott den Herrn um Erlösung aus seiner Seelenqual und den heiligen Hermann Joseph um Vergebung für seine sündhaften Gedanken und Begierden bat. Er versuchte Annae zu vergessen, seine erhitzten Lenden zu beherrschen, glaubte, seine Gefühle durch Fasten, Pilgern und Beten ersticken zu können. Einige vermuteten gar, Gregorius geißle sich heimlich in seiner Zelle. Gleichwohl half dies alles nichts. Die fleischliche Lust erfasste ihn mehr und mehr; sein körperliches Verlangen nach Annae wurde immer drängender. Als Bruder Philippus gegenüber Gregorius eines Tages eine anzügliche Bemerkung über dessen vergebliche Annäherungsversuche machte, geriet dieser außer sich – zu sehr – denn von nun an war allen Mitbrüdern und dem gesamten Gesinde des Klosterhofs klar, welche Leidenschaft er für Annae empfand.

Doch damit nicht genug, denn die Brüder Benediktus und Leonardus hatten gegenüber der schönen Jungfrau ähnlich hoffnungsvolle Gedanken. Obwohl auch sie niemals von ihr unmittelbar ermuntert worden waren, hatten sie sich dennoch in ihre anmutige Erscheinung und ihr betörendes Auftreten verliebt. So kämpfte jeder der Brüder auf seine Weise um Annaes Aufmerksamkeit und für seine Liebe zu ihr oder für das, was er hierfür hielt. Zu guter Letzt schmachteten gleich drei junge Mönche in der Klosterniederlassung vor sich hin. Jeder brütete eigensüchtig darüber, ob Annae wohl einen der Konkurrenten erhören und bevorzugen würde. Hass, Spott und Eifersucht hielten Einzug in das ruhige Leben im Klosterhof. Kaum war einer der Brüder für einige Tage zur Abtei in Steinfeld unterwegs oder hatte andere Angelegenheiten zu erledigen, versuchten die Nebenbuhler sogleich die Situation zu ihrem Vorteil auszunutzen.

Die Jungfrau hatte sich von all dem immer unbeeindruckt gezeigt, aber im Hof rätselte das Gesinde darüber, ob Annae mit den jungen Mönchen bewusst ein böses Spiel trieb, oder sie sich über ihr betörendes Verhalten und die Wirkung ihrer weiblichen Reize ganz und gar im Unklaren war.

Als Prior Servatius von diesen Vorkommnissen erfuhr, blieb ihm nichts anderes übrig, als Annae wieder vom Hof zu weisen, ohne ihr die wahren Gründe für seine Entscheidung zu nennen. Das alles war für die Jungfrau ein großes Unglück, denn in dieser schlimmen Zeit war selbst der kärgste Lohn lebenswichtig.

Die Hoffnung des Priors, dass nach der Ablohnung Annaes nun endlich wieder Ruhe im Klosterhof einkehren würde, erwies sich indes als trügerisch. Die drei jungen Mönche verzehrten sich weiterhin nach ihr, und ihre gegenseitige Eifersucht ging in heftiges Misstrauen und bösen Streit über. Beim geringsten Anlass beschuldigten sich die drei gegenseitig eines heimlichen, sündhaften Treffens mit Annae. Prior Servatius befürchtete, dass die brüderliche Gemeinschaft im Hof auseinanderbrechen könnte. Er musste auf jeden Fall verhindern, dass Abt Johann in Steinfeld von den Zuständen in der Niederlassung in Arwilre etwas erfuhr. Zunächst verschärfte Prior Servatius die Regeln des täglichen Zusammenlebens der Ordensbrüder. Die Gebete vor den gemeinsamen Mahlzeiten im Refektorium wurden endlos ausgedehnt, worüber wiederum die unbescholtenen Mönche murrten, zumal die Arbeit auf dem Hof liegen blieb und später nachgeholt werden musste. Prior Servatius ließ in der Pfarrkirche Sankt Laurentius zusätzliche Messen zelebrieren und entsandte Gregorius, Benediktus und Leonardus nicht selten zu beschwerlichen Botengängen ins entlegene Steinfeld. Auch flüsterte das Gesinde hinter vorgehaltener Hand, die älteren Mönche hätten die nächtlichen Kontrollen in den Zellen des Dormitoriums bis in die frühen Morgenstunden ausgedehnt. Aber unbeeinflusst von all diesen Maßnahmen trieb der Teufel des Begehrens und der Lust weiterhin sein Unwesen.

Eines Tages rief Prior Servatius die drei Ordensbrüder zu sich und machte ihnen klar, dass er von alledem nun endgültig nichts mehr hören, sehen und wissen wolle. Die Angelegenheit schade dem Ansehen der Ordensgemeinschaft und müsse unverzüglich aus der Welt geschafft werden, andernfalls müssten die Brüder den Klosterhof bei nächstbester Gelegenheit für immer verlassen, sich demütig in die abgelegene Abtei in der Nordeifel zurückziehen oder gar in Sünde ein weltliches Leben führen.

Niemand konnte sich vorstellen, dass die drei Brüder angesichts ihrer ungewissen Zukunft tatsächlich dem Klosterhof den Rücken zukehren würden. Weil keiner der Mönche von sich behaupten konnte, dass Annae ihm ernsthaft Hoffnung auf ein Leben in weltlicher Ehegemeinschaft gemacht hatte, fühlten sie sich zutiefst erniedrigt. Mit der Zeit verwandelte sich ihr Verliebtsein zunehmend in reine Begierde und zu guter Letzt in Verbitterung. In ihrer Bedrängnis war den Brüdern jedes Mittel recht, um aus der Sache wieder herauszukommen. Wenn schon niemand von ihnen die Jungfrau sein Eigen nennen konnte, dann durfte sich auch kein anderer an ihrer Zuneigung und Liebe erfreuen. Hierin lag für Annae eine unberechenbare Gefahr, denn die Brüder warteten nur auf eine geeignete Gelegenheit, sich für die erlittene Ablehnung zu rächen und die Jungfrau zu demütigen.

»Ich werde die Stadtgerüchte über die Gelüste der drei Brüder und ihre Herabwürdigung für meine Zwecke zu nutzen wissen«, murmelte der Inquisitor vor sich hin. »Sie sind die perfekten Mitverschworenen für das Verhör. Es kann den Brüdern nur recht sein, wenn die Jungfrau wegen ihrer gotteslästerlichen und beängstigenden Erzählungen als Inquisitin einer hochnotpeinlichen Befragung unterzogen und bei einem Eingeständnis ihrer Schuld zum Tod auf dem Scheiterhaufen verurteilt wird. Auf diese Weise wird ein für alle Mal die für die Mönche gefährliche Versuchung aus der Welt geschafft.«

Meister Augustin beeilte sich, vor der Rückkehr der Stadtwache alle erforderlichen Maßnahmen für das peinliche Verhör anzuordnen.

Kapitel 3

Die Jungfrau wird in Ketten gelegt und ins Stadtgefängnis geführt

Beim Verlassen des Rathauses schlug den Männern der Stadtwache eisige Kälte entgegen. Fröstelnd zogen sie die Kragen ihrer groben Lederjacken hoch. Kommandant Lemmens zündete eine Laterne an und leuchtete voran. Marktplatz und Gassen lagen in völliger Dunkelheit. Der dichte Nebel machte es unmöglich, mehr als einige Schritt weit zu sehen.

»Kommt voran!«, befahl der Kommandant seinen Untergebenen. »Ihr kennt ja die Ungeduld des Inquisitors.«

Zügig folgten die beiden Wächter dem Hauptmann. Sie wollten ihn im Nebeldunst nicht aus den Augen verlieren.

Den drei Männern blieb keine andere Wahl, als die Befehle Meister Augustins gewissenhaft auszuführen. Nichts fürchteten sie mehr, als seinen Zorn. Sie beschleunigten nochmals ihre Schritte, wollten sie doch möglichst schnell zu dem kleinen, an der Stadtmauer gelegenen Fachwerkhaus der Annae Weißgerber gelangen.

Die durchdringende Kälte und die Angst vor der Pest bestimmten überall in den Häusern von Arwilre das Leben. Die Haustüren und Schlagläden vor den Fenstern waren fest verschlossen. In den Straßen und Gassen der Stadt lag zusätzlich zum undurchdringlichen Nebel schwer der Rauch der brennenden Kaminfeuer.

Seitdem Annaes gebrechlicher Vater vor einigen Monaten das Zeitliche gesegnet hatte, lebte die junge Frau alleine in dem ärmlichen Haus an der Wallgasse. Es glich mehr einer Hütte, die sich mit ihrer Rückseite schutzsuchend an die Stadtmauer anlehnte. Seit der Zeit des Dreißigjährigen Krieges hatte sich diese vorteilhafte Bauweise eingebürgert. Mit dem Einsatz von Kanonen durch feindliche Truppen hatte die Stadtmauer ihre Verteidigungsfunktion verloren. Ein freier Zugang zu den Mauern und Wehrgängen war nicht mehr notwendig. Die hölzernen, teils verfallenen Aufbauten wurden nur noch selten betreten. Auch die zusätzlichen Erdwälle auf der Innenseite der Mauern hatte man entfernt.

Am Haus der Jungfrau angekommen, handelten die Stadtwächter ohne jegliches Mitgefühl. Zu sehr waren sie von den autoritären Befehlen Meister Augustins eingeschüchtert. Zwar fürchteten sie sich vor den Zauberkräften der Hexe wie der Teufel vor dem Weihwasser, überspielten aber ihre Verunsicherung durch ihr betont hartes und entschlossenes Vorgehen.

Der Kommandant der Stadtwache schlug mit der Faust heftig an die Klöntür des kleinen Fachwerkhauses. Es dauerte geraume Zeit, bis sich in der Wohnstube leise Schritte hören ließen. Zögerlich wurde der Verschlag der oberen Türhälfte einen Spalt breit geöffnet.

Das hübsche Gesicht der Annae Weißgerber erschien an der Tür. Sie beugte sich hinaus. Ängstlich fragte sie in die Dunkelheit: »Was, in Gottes Namen, ist Euer Begehr … zu so später Stund?« Nun erst erblickte sie im schwachen Laternenschein die bewaffneten Männer der Stadtwache. Von Schreck erfasst, wich sie einen Schritt zurück. Annaes blonde Haare fielen ihr ungeordnet über die Schultern. Sie trug ein leichtes, beiges Leinenkleid, das die weiblichen Formen ihres schlanken Körpers unverblümt erkennen ließ. Alles deutete darauf hin, dass Annae das Haus an diesem Abend nicht mehr hatte verlassen wollen.

Für einen Augenblick fühlte sich der Kommandant durch den Anblick ihrer halb entblößten Brüste verunsichert. Bestens vertraut mit allen Bewohnern der Stadt, kannte der Hauptmann Annae bereits von Kindheit an. Indes scheute er nicht davor zurück, mit übertrieben förmlicher, kalter Stimme seinen Befehl zu erteilen.

»Öffnet die Tür, Jungfrau, wir haben Anordnung, Euch zum Verhör ins Stadtgefängnis zu führen!«

Bestürzt wich Annae einen weiteren Schritt in ihre Wohnstube zurück. Noch ehe die junge Frau erfasste, wie ihr geschah, griff einer der Männer über die untere Türhälfte und zog entschlossen den hölzernen Innenriegel zurück. Rücksichtslos drangen die Stadtwächter in die Stube ein.

Die gesamte Einrichtung machte einen ungemein ärmlichen Eindruck. Die von Holzbalken getragene niedrige Decke ermöglichte es größeren Personen nur mühsam aufrecht zu stehen. Der Fußboden bestand aus unbehauenen Schieferplatten, zum Schutz vor Kälte mit einer Schicht Stroh bedeckt. Die offene Feuerstelle und zwei zusätzliche Talgkerzen an den Wänden vermochten die Wohnstube nur unzureichend zu beleuchten. In der Nähe der Feuerstelle, vor der hinteren, aus rohen Bruchsteinen bestehenden, zur Stadtmauer gehörenden Hauswand, standen ein Tisch und zwei Stühle. In diesem Bereich des Raums fielen ein mit Schafswolle gefüllter Korb sowie ein Spinnrad ins Auge. Die dick mit einem Faden umwickelte Spindelspule zeugte davon, dass die Jungfrau die Wolle in mühevoller Arbeit versponnen hatte. Neben der Eingangstür stand eine aus groben Fichtenbrettern gezimmerte Holztruhe, mehr einer Kiste gleich. Daneben befanden sich ein gefülltes Wasserfass für den täglichen Bedarf sowie, zur Vorsorge für den Fall eines Feuerausbruchs, ein ebenfalls mit Wasser gefüllter lederner Brandeimer. Im Rauchfang der Feuerstelle hing an einem sägeartigen Kesselhaken ein Kochtopf, in dem soeben Wasser zu sieden begann. Im ganzen Raum roch es nach frisch geschnittenem Weißkohl, den die Jungfrau auf dem Tisch vorbereitet hatte. Neben dem Kohl lagen kleingeschnittene Möhren, Zwiebeln und ein Stück geräucherter Speck zum Anbraten in einer Gusseisenpfanne bereit. Annae konnte sich glücklich schätzen, dass sie gelegentlich von ihrem Oheim etwas Fleisch, Wurst oder Speck zugesteckt bekam. Auf einem kleinen Holzregal hatte Annae Schalen und Schüsseln aus Ton aufgereiht. Verschiedenes einfaches Küchenzubehör aus Holz hing an eisernen Haken, die gleich neben der Feuerstelle in die Fugen der Steinwand eingeschlagen worden waren.

Irritiert vom bescheidenen, aber friedlichen Leben Annaes, befahl der Kommandant seinen Begleitern in nervösem Ton:

»Steckt ihr schnellstens einen Knebel in den Mund und legt sie in Ketten.«

Als wollten sie den Zauberkräften der Hexe rasch zuvorkommen, fassten die Stadtwächter unvermittelt zu. Bevor die überrumpelte Jungfrau aufschreien und sich wehren konnte, hatten die Männer sie geknebelt, ihr das eiserne Halsband samt Kette angelegt und schleunigst einen Sack über den Kopf gestülpt.

»Beeilt euch! Wir müssen sie ohne Verzögerung zum Stadtgefängnis bringen. Nehmt den Brandeimer und das Wasser aus dem Kochkessel und löscht Kerzen und Herdfeuer. Denkt daran, die Tür fest zu verriegeln. Wer weiß, ob die Jungfrau jemals hierhin zurückkehren wird! Von jetzt an darf kein Unbefugter mehr das Haus betreten. Vielleicht müssen wir später noch weitere Beweise für ihre Hexerei sicherstellen«, ordnete Hauptmann Lemmens an. Dann betrat er die Gasse, nicht ohne sich vorher das Stück Speck vom Tisch genommen und unters Wams gesteckt zu haben. Unruhig schritt er hin und her und beobachtete aufmerksam die benachbarten Häuser, die im Nebeldunst nur schemenhaft zu erkennen waren.

Die Wächter übergossen das Herdfeuer mit Wasser. Lautes Zischen drang aus dem Hauseingang. Im Licht der Laterne stieg eine Wolke weißen Wasserdampfs empor, die sich schnell verflüchtigte, vereint mit dem dichten Nebel in den Straßen. Niemand schien etwas bemerkt zu haben; in den umliegenden Häusern rührte sich nichts. Dann gab der Kommandant den Befehl zum Abmarsch, erleichtert darüber, keinem neugierigen Stadtbewohner gegenüber eine Erklärung abgeben zu müssen.

Mit ihren dünnen Pantoffeln aus grobem Filz und ihrem leichten Hauskleid bekleidet, das keinen Schutz vor der spätabendlichen Kälte bot, wurde die Gefangene von den beiden Stadtwächtern aus dem Haus hinaus auf die Straße gezerrt. Pflichtbewusst verriegelten die Männer die Tür. Danach setzte sich die Gruppe in Bewegung. Hauptmann Lemmens leuchtete wieder mit seiner Laterne voran und näherte sich auf Umwegen durch abgelegene Seitengassen dem Stadtgefängnis am Kirchplatz von Arwilre.

Die Stadtwächter fassten die Kette möglichst kurz und zogen die sich verzweifelt widersetzende Gefangene rücksichtslos hinter sich her. Röchelnd rang sie nach Atem.

Das anhaltende Ächzen und Stöhnen der Jungfrau schien einem der Männer zu missfallen. Als wolle er die Geräusche übertönen und sich für die Ausführung des Befehls rechtfertigen, suchte er das Gespräch mit seinem Gefährten.

»Ist doch alles Teufelswerk, Hanjub, was die Hexe in der Stadt herumerzählt. Inzwischen fürchten sich fast alle, die ich kenne. Mein Weib traut sich schon nicht mehr, die Wäsche zur Bleiche vor das südliche Stadttor zu bringen. Sie erschaudert seit dem Gerede vor jeder knorrigen Weide, die sich am Ufer der Ahr im Wind bewegt. Wird Zeit, dass endlich Licht ins Dunkel dieser Geschichte gebracht wird. Seit dem Geschwätz der Hexe denken alle nur noch voller Schrecken an das Wirken des Teufels und die aufgehängte Leiche der Jungfrau an der Blutskapelle. Hoffentlich geschieht so etwas nicht wieder! Gott sei der armen Seele der Ermordeten gnädig.«

»Ja, wenn's nur das wäre, Tönnes«, fiel der zweite Stadtwächter rege ein. »Wo mögen nur die anderen jungen Weiber geblieben sein, die damals verschwunden sind? Bleibt nur zu hoffen, dass die Befragung der vom Teufel Besessenen die Wahrheit ans Licht bringt und außerdem die Hexe ihre satanische Mitschuld am Wüten der Schwarzen Pest in unserer Stadt eingesteht.«

Während sich die Männer, vor Kälte zitternd, weiterhin flüsternd unterhielten, schleppte sich die in Ketten gelegte Gefangene nur mit Mühe unter ständigem Gewimmer voran. Mit dem Sack über dem Kopf torkelte sie mehr, als sie ging. Der Weg führte durch dunkle, verwinkelte Gassen, vorbei an schlichten, eng nebeneinanderstehenden Fachwerkhäusern und Toren der Hofeinfahrten.

Der silbern glitzernde Schneegriesel hatte in der Zwischenzeit noch weiter zugenommen. Straßen, Bäume und Sträucher waren nun vollständig weiß bedeckt. Laut knirschten die Schritte der Wächter und ihrer Gefangenen auf dem Weg über den Marktplatz. Im gelben Laternenlicht verrieten kleine neblige Dampfwolken jeden Atemzug der Ankömmlinge und verbreiteten eine gespenstische Atmosphäre. Nach einer Weile erreichte die Gruppe das Stadtgefängnis.

Das Gebäude lag nahe der gotischen Hallenkirche etwas abseits des Rathauses, gleich neben dem Driller und Narrenhäuschen, in das die Delinquenten bei geringfügigen Vergehen eingesperrt wurden. Es war ein eckiges, solide gebautes, fensterloses und äußerst dickwandiges Steinhaus. Das Dach war mit schweren Schieferplatten gedeckt. Von den Stadtbewohnern wurde das Gefängnisgebäude hinter vorgehaltener Hand als Tor zur Hölle bezeichnet, denn man erzählte sich Ungeheuerliches darüber, was dort in vergangenen Zeiten alles geschehen war. In den Steinbau gelangte man durch eine massive, mit Eisen beschlagene Holztür.

Hauptmann Lemmens löste einen eisernen Schlüssel von seinem Ledergürtel und steckte ihn ins Schloss. Er stemmte sich gegen die schwere, niedrige Tür, die sich knarrend öffnete. Tief gebückt verschwand er im Eingang. Die Stadtwächter schleppten die hilflose Gefangene über einige abwärts führende Treppenstufen in eine dunkle, spärlich eingerichtete Folterkammer. Diese hatte bereits vor dem Dreißigjährigen Krieg für die peinliche Befragung von Menschen, die der Hexerei beschuldigt worden waren, ihren Zweck erfüllt. Die dicken Mauern aus Bruchstein machten es nahezu unmöglich, dass Geräusche aus dem Innern des Gebäudes den Weg nach außen fanden.

Ein schmaler, in gleichem Maße aus Bruchsteinen gemauerter unterirdischer Durchgang führte von der kellerartigen Kammer geradewegs zum Rathaus. Vogt, Stadtwache und andere Mitglieder der Gerichtsbarkeit konnten somit das Gefängnis jederzeit betreten, unbemerkt von den Bewohnern der Stadt.

An der Wand der Kammer steckte in einem Halter eine brennende Fackel, deren Rauch durch eine schmale schachtartige Öffnung in der Mauer abzog. Die offene Flamme vermochte den Raum kaum zu erwärmen. Die Luft roch nach abgestandenem Rauch. Unter dem Fackelhalter standen ein kleiner Tisch und ein Stuhl. Furchteinflößend für jeden Delinquenten, waren in einer Ecke zwei Hexenstühle platziert, ausgestattet mit spitzen Nägeln auf Sitzflächen, Rücken- und Armlehnen. Lange Lederriemen, ebenfalls mit Nägeln versehen, dienten dazu, die Gefangenen bei der Tortur festzuschnallen. Die abgenutzten Riemen verrieten, dass die Folterstühle nicht selten Verwendung gefunden hatten. Gleich neben den Hexenstühlen standen vor der Wand verschiedene grobe Folterwerkzeuge, wohlgeordnet und einsatzbereit. Der Folterknecht hatte sie treffend in Szene gesetzt, sollte ihr Anblick bei den Inhaftierten doch Angst und Schrecken hervorrufen. In diesem Gebäude waren schon zahlreiche Gefangene der Willkür der Justiz ausgesetzt gewesen. Nur die wenigsten waren wieder ans Tageslicht zurückgekehrt und davon niemand unversehrt.

Kapitel 4

Die Gefangene wird der peinlichen Befragung unterzogen

Ungeachtet der späten Stunde hatten sich auf Befehl des Inquisitors der Folterknecht Klaas sowie die drei Ordensbrüder Gregorius, Benediktus und Leonardus in der Gefängniskammer eingefunden. Sie waren vom Rathaus durch den verborgenen Eingang in das dunkle Gemäuer gelangt. Ungeduldig warteten sie auf die Ankömmlinge. Die Mönche trugen zum Schutz vor der Kälte weiße wollene Umhänge mit weiten Kapuzen. Sie standen mit wichtiger Miene neben dem Inquisitor.

Bruder Gregorius war von untersetzter Gestalt mit auffallend fleischigen Händen. Sein nahezu kahler, rundlicher Schädel wurde von einem schmalen, dunklen Haarkranz umringt. Wulstige Lippen dominierten sein ebenfalls rundes Gesicht. Seine Wangen waren von feinen roten Äderchen durchzogen. Beides verlieh ihm einen feisten Ausdruck. Über seinem Umhang trug er an einer langen Kette aus dicken, hölzernen Perlen ein großes, ebenfalls aus Holz gefertigtes Kruzifix.

Die beiden Mitbrüder Benediktus und Leonardus begegneten Gregorius mit geradezu unterwürfigem Respekt, was auf seine cholerische und tonangebende Art zurückzuführen war.

Die autoritären Anordnungen Meister Augustins hatte Bruder Gregorius jedoch ungeachtet seines herrischen Charakterzugs widerspruchslos befolgt und sich zusammen mit seinen Mitbrüdern unverzüglich zum Gefängnis begeben, war doch der Inquisitor selbst bei den Mönchen gefürchtet.

In Erwartung der baldigen Ankunft der Gefangenen belehrte Meister Augustin die drei Ordensbrüder über ihre Aufgaben während der Befragung.

»Bruder Gregorius, Ihr seid dafür verantwortlich, jede Frage, jede Antwort, kurz den gesamten Verlauf des Verhörs genauestens niederzuschreiben. Die Protokolle sind für das Archiv der Stadt vorgesehen. Sie dienen dazu, die Schuld der Hexe zweifelsfrei zu belegen. Die Schriftstücke können im Archiv jederzeit von den Schöffen und Ratsherren eingesehen werden.«

Gregorius nickte bestätigend.

Mit strengem Blick wandte sich Meister Augustin Benediktus und Leonardus zu.

»Euch benötige ich als Beisitzer und Zeugen des Verhörs. Ihr habt euch aus dem Geschehen weitestgehend herauszuhalten und nur auf meine besondere Anweisung einzugreifen.«

Die beiden Mönche nickten ebenfalls. Einer zeremoniellen Handlung gleich, zogen sie die Kapuzen ihrer weißen Umhänge weit über den Kopf, keineswegs unglücklich über ihre passive Rolle beim Ablauf des Verhörs.

An der Seitenwand der Kammer stand neben den Folterwerkzeugen demonstrativ der kräftig gebaute, aber äußerst tumbe und wegen seiner herausgeschnittenen Zunge des klaren Sprechens unfähige Folterknecht Klaas. Im Schein der Fackel glänzte die lederartige Haut seines haarlosen Schädels rötlich, was die grausame Wirkung seiner groben Gesichtszüge zusätzlich hervorhob. Voller Stolz blickte er mit blitzenden Augen in die Runde. Unmissverständlich gab er zu erkennen, wie wichtig er sein Amt nahm. Mit seinen hohen Lederstiefeln und seinem langen, abgenutzten Lederwams, umschlungen von einem breiten Gürtel, wirkte er wie ein Schlächter. Er hatte schon vor vielen Jahren im Dienste Meister Augustins mehrere unmenschliche Folterungen durchgeführt und einige, der Hexerei überführte Inquisitinnen auf der Richtstätte vor den Toren der Stadt lebendig verbrannt. Es lag allein in seiner Hand, wie erbarmungslos er die zu Folternde peinigte. Man merkte dem geistlosen Klaas deutlich das Gefühl gespannter Erregung an; er genoss in vollen Zügen die grausame Macht, die mit seiner Aufgabe verbunden war.

In gleicher Weise steigerte sich mit der Ankunft der Stadtwache und ihrer Gefangenen auch die Erwartungshaltung des Inquisitionskommissars und der Mönche. Als ihre unerreichbare Geliebte von den Wächtern in die Kammer hereingeschleppt wurde, konnten die Brüder ihre Betroffenheit kaum beherrschen.

Augenblicklich gab der Inquisitor in strengem Ton seine Befehle.

»Führt sie zur Wand der Kammer und nehmt ihr den Sack vom Kopf, damit wir sie betrachten können.«

Die drei Mönche fühlten sich durch den Anblick der Jungfrau bis ins tiefste Innere aufgewühlt und wurden völlig in ihren Bann gezogen. Sie vermochten sich von ihrer schlanken, hinreißenden Gestalt, ihren langen goldenen Haaren und ihrem weichen, wohlgeformten, wenn auch gerötetem und von Tränen überströmtem Antlitz nicht zu lösen. Obwohl die Gefangene am ganzen Körper vor Angst und Kälte zitterte, musste sich Meister Augustin eingestehen, dass sie nichts Gemeinsames mit den keifenden, runzeligen Weibern aufwies, die er vor vielen Jahren in mehreren Hexenprozessen den hochnotpeinlichen Befragungen unterzogen hatte.

»Kettet sie am höchsten Mauerring fest, dort am Strohlager«, befahl er den Wächtern. »Sie soll so schnell wie möglich für das Verhör vorbereitet werden«.

Die Männer befreiten die Jungfrau von ihrem eisernen Halsring, banden ihre Füße zusammen und befestigten sie mit hoch erhobenen Armen am Mauerring. Stöhnend hing sie mehr in der Kette als sie stand.

Der Kommandant und die beiden Stadtwächter sahen sich immer wieder scheu in der Kammer um. Als Meister Augustin sie wie unerwünschte Zeugen zum Verlassen der Folterkammer aufforderte, atmeten sie erleichtert auf.

»Am besten nehmt ihr den Weg durch das Rathaus, so erregt ihr keine Aufmerksamkeit!«

Befreit von der bedrückenden Last, wandten sich Kommandant Lemmens und seine Untergebenen dem Ausgang zu.

»Und kein Wort zu irgendjemandem in der Stadt!«, rief der Inquisitor eindringlich warnend den zusammenzuckenden Hinauseilenden hinterher.

Die Gefangene wagte kaum ihren Blick zu erheben. Schließlich erkannte sie jedoch die Gesichter der drei Mönche unter ihren Kapuzen. Sie erschrak zu Tode. Hatte sie sich zunächst noch an die Hoffnung geklammert, dies sei alles ein schreckliches Missverständnis, das sich bald aufklären würde, wurde ihr nun unvermittelt bewusst, welch unabwendbares Unheil sich über ihr zusammengebraut hatte.

Von Angst getrieben, schaute die Inhaftierte wirr vor sich hin. Verzweifelt dachte sie daran, dass der Küfermeister Richard sie erst wenige Tage zuvor auf der Straße mit beschwörenden Worten angesprochen und vor den drei Mönchen gewarnt hatte. Übertrieben vorsichtig hatte er die Straße herauf- und hinuntergesehen bevor er ihr schließlich seinen Ratschlag gab:

»Annae, ich musste im Weinkeller des Klosterhofs ein undichtes Holzfass reparieren. Dabei erfuhr ich, dass einige Mönche sehr gegen dich aufgebracht sind. Ich befürchte, sie sinnen auf Rache. Vor allem Bruder Gregorius ist ein jähzorniger und wenig gottesfürchtiger Mann. Er verträgt es nicht, wenn er nicht das bekommt, was er will. Mit den Brüdern Benediktus und Leonardus verhält es sich nicht viel anders. Im Klosterhof herrscht eine angespannte Stimmung. Die Brüder führen sich auf wie toll. Zuweilen vergessen sie völlig ihre keusche Lebenshaltung und klösterliche Demut. Prior Servatius hat versucht, sie wieder zur Vernunft zu bringen, aber es scheint nicht viel geholfen zu haben. Die Knechte und Mägde berichteten, dass die drei in ihrer Verbitterung nun überall herumerzählen, du seist eine vom Satan besessene Verführerin, die bestraft werden müsse. Sie versuchen sich wieder reinzuwaschen und geben allein dir die Schuld an ihren fleischlichen Gelüsten. Du solltest meine Warnung nicht auf die leichte Schulter nehmen. Sei vorsichtig, denn die Brüder warten nur auf eine geeignete Gelegenheit, dich unter einem Vorwand loszuwerden, um sich selbst zu schützen. Ich bin davon überzeugt, du schwebst in großer Gefahr.«

In diesem Augenblick erschienen der Gefangenen die wohlgemeinten Worte Meister Richards wie eine Prophezeiung.

Es mag wohl niemanden verwundern, dass Annae von Todesangst vor der peinlichen Befragung durch den Inquisitor erfasst wurde.

Die Ordensbrüder, in ihren aufgewühlten Gefühlen hin- und hergerissen, versuchten ihre Unsicherheit durch vorgespielte Betriebsamkeit zu überspielen. Während sich Benediktus und Leonardus mit tief ins Gesicht gezogenen Kapuzen in die hinterste dunkle Ecke der Kammer zurückzogen, setzte sich Bruder Gregorius mit kalter, undurchdringlicher Miene als Protokollführer an den hölzernen Tisch, auf dem Federkiel, Tinte und einige Pergamentbögen bereitlagen. Das übergroße Holzkreuz nahm er ab und legte es demonstrativ vor sich auf den Tisch, als diene es zur Abwehr böser Geister. Auf Befehl des Inquisitors zündete der Folterknecht eine zweite Fackel an und steckte sie in einen eisernen Wandhalter, damit der Raum besser ausgeleuchtet wurde.

Meister Augustin hatte mit kühlem Blick registriert, wie sehr sich die Inquisitin über die Anwesenheit der drei Mönche zu Tode ängstigte. »Es wird mir nicht schwerfallen, die Verzweiflung der Jungfrau bei der Durchführung meiner Untersuchung geschickt auszunutzen«, dachte er berechnend.

Er stellte sich neben den Schreibtisch, wandte sich dem Protokollschreiber zu und kündigte mit betonter Sachlichkeit an: »Lasst uns nun zur Wahrheitsfindung schreiten.«

Gregorius befolgte unterwürfig alle Anordnungen des Inquisitors. Mit amtseifrigen Gesten legte er die Pergamentblätter fein säuberlich zurecht. Von der Pflicht entbunden, selbst zu der Jungfrau sprechen zu müssen, vermerkte er ausführlich die Beteiligten des Verhörs sowie die Aufgaben, die ihnen Meister Augustin zugewiesenen hatte.

Dieser richtete seinen Blick auf den Folterknecht. Hart klang sein förmlicher Befehl: »Walte Er nun seines Amtes, und bereite Er die Inquisitin nach den Regeln des Malleus maleficarum,des Hexenhammers, auf die Befragung vor!«

Klaas, hatte dieser Aufforderung begierig entgegenfiebert und ging zielstrebig ans Werk. Er näherte sich der angeketteten Gefangenen. Die Mönche konnten seinen geröchelten, kaum verständlichen Worten entnehmen, dass er die Inquisitin nun trefflich bereitmachen werde, damit die hohen Herren zufrieden seien und sodann der Hexe den Satan leichter austreiben könnten.

Er murmelte ununterbrochen vor sich hin, riss ihr mit schnellen Griffen die wenigen dünnen Kleider vom Leib und ließ seine unförmigen, schwieligen Pranken genussvoll über ihre nackten, wohlgeformten Brüste, Hüften und Schenkel gleiten. Die verstörte Gefangene stöhnte vor Angst und Scham, den Knebel noch immer im Mund. Hiervon unbeeindruckt, begann der Folterknecht damit, ihr mit einem eigens nachgeschärften Messer sämtliche Körperhaare abzuscheren. Einzig ihr langes blondes Haupthaar ließ er unberührt.

Die beiden Mönche an der hinteren Wand lauschten angestrengt auf die geröchelten Worte des Folterknechts und die Klagelaute der Jungfrau. Gebannt folgten sie jeder Bewegung der Gefangenen. »Bald«, so dachten die Brüder voller Erregung, »kann sich der Teufel nicht mehr in ihrer sündhaften Behaarung verbergen.«

Schließlich stand die Jungfrau völlig entblößt vor ihnen. Hemmungslos inspizierte Klaas die schöne Gefangene, fingerte an ihr lustvoll herum und gab durch Gesten und gestammelte Worte zu erkennen, dass er auf ihrem makellosen Körper kein einziges Hexenmal ausfindig machen könne.

Fasziniert starrten die drei Mönche auf die begehrenswerte Jungfrau. Sie mussten sich eingestehen, noch nie ein schöneres Weib gesehen zu haben.

Barsch unterbrach der Inquisitor das Gestammel des Folterknechts.

»Zieh Er ihr nun das Hexenhemd über!«

Obwohl die Gefangene kaum mitbekam was geschah, wandte sich Meister Augustin ihr zu und erklärte mit amtlich klingender Stimme, als hinge Wohl und Wehe der Welt von seinen Worten ab:

»Das Hemd wurde in einem Tag gewirkt, gesponnen und zusammengenäht. Nur so hilft es gegen die Dämonen!«

Der Folterknecht löste der Gedemütigten für einen Augenblick der Reihe nach die Kette von den Armen. Während die Jungfrau seinen rüpelhaften Berührungen auszuweichen versuchte, streifte er ihr mit festem Griff das grob gewebte Hexenhemd über.

Die drei Mönche musterten Annae wie im Rausch, eine jede Handlung im Blick, die der Folterknecht an der Frau ihrer Träume vornahm. Schamlos betatschte Klaas ungehindert den verführerischen Körper der schönen Jungfrau, die die Gefühle der Ordensbrüder verschmäht hatte. Die Mönche vermochten ihre Gelüste kaum zu beherrschen, und jeder von ihnen verspürte einen tiefen Stich im Herzen, voll verzweifelter Betrübnis über seine unerfüllten Begierden und Sehnsüchte.

Zitternd, durch den Knebel noch immer am freien Atmen gehindert, hing die Angeklagte in den Ketten. Meister Augustin hatte die Arbeit des Folterknechts mit kalter Neugierde verfolgt und im Gegensatz zu den drei Mönchen keinerlei Gefühlsregung gezeigt. Für ihn war es vorrangig, die Kontrolle über das Geschehen zu behalten. Er konzentrierte sich auf die korrekte Durchführung der peinlichen Befragung entsprechend den Vorschriften. Dem Folterknecht gab er das Zeichen, die Inquisitin vom Knebel zu befreien. Herausfordernd sah er die Gefangene an.

»Inquisitin! Ihr seid der Hexerei und Abkehr von Gott unserem Herrn beschuldigt worden. Ihr sollt mit dem Satan eine Buhlschaft eingegangen sein. Was hat Euch zu dieser Verfehlung verleitet?«

Die Gefangene, ob des ungeheuerlichen Geschehens völlig außer Fassung, rang tief durchatmend nach Luft. Heftig keuchend brauchte sie längere Zeit, um sich auf ihre Antwort zu besinnen. Aber bevor sie auch nur ein einziges Wort hervorbringen konnte, fuhr der Inquisitor ganz sprunghaft mit einer zusätzlichen, scheinbar abwegigen Frage dazwischen:

»Sagt mir, Inquisitin, habt Ihr vor nicht allzu langer Zeit vielleicht Pferdefleisch gegessen?«

Das gerötete Gesicht der Gefangenen erblasste vor Schreck. Sie wusste nicht, wie ihr geschah. Ohne zu ahnen, worauf der Inquisitor hinauswollte, suchte sie stockend nach Worten:

»Ich … mein …«

»Haltet ein! Versucht Ihr vielleicht Lügen zu ersinnen, um von Eurer Schuld abzulenken?«

»Aber nein Herr! Nein, es war doch nur weil …«, stieß sie in panischem Tonfall hervor, immer noch nach Luft ringend.

»Nun, weil was?«

»Ach Gott, es war doch wegen des großen Unglücks! Das … das Pferd des Oheims Barthel, es … es ist doch bei der letzten Traubenlese samt Wagen am Silberberg eine steile Weinbergmauer hinuntergestürzt.«

Erneut rang sie nach Luft. Als der Inquisitor sie mit blitzenden Augen ungeduldig ansah, fuhr sie etwas schneller fort:

»Der Schlachter musste kommen und das arme Tier gleich im Weinberg notschlachten. Es war doch gut gemeint und wohltätig vom Oheim, dass er mir ein Stück von dem vielen Fleisch abgegeben hat.«

»Habt Ihr denn von dem Pferd gegessen?«

»Herr, bei dem Wenigen, was ich habe …«

Der Inquisitor blickte vielsagend zu Bruder Gregorius, deutete mit dem Zeigefinger seiner Rechten auf die Protokollblätter und ordnete mit Nachdruck an: »Gregorius, vermerke Er im Protokoll, dass sich die Inquisitin durch Essen von Pferdefleisch auf den Hexentanz mit dem pferdefüßigen Teufel vorbereitet hat!«

Annae erstarrte.

Meister Augustin richtete seinen durchdringenden Blick auf die Gefangene und fuhr in strengem Tonfall fort: »Euer Eingeständnis zeigt, dass Euch die Menschen in der Stadt völlig zu Recht als Hexe bezeichnet und der Verbreitung ketzerischer Reden beschuldigt haben. Das gesamte Volk habt Ihr aufgewiegelt. Weiber und Kinder wurden von Euch in große Furcht versetzt. Ihr sollt Euch an der Blutskapelle mit dem Satan zum Hexentanz eingefunden haben.«

»Nein, nein Herr!«, entgegnete hektisch die Gefangene. »Das ist nicht wahr! Ich habe in den Wehrbüschen der Stadt nur Pilze gesammelt, wie jedes Jahr zur Herbstzeit. Nur durch Zufall kam ich auf meinem Weg an der Blutskapelle vorüber.«

Meister Augustin erhob die Stimme, um die Inquisitin einzuschüchtern: »Ihr versteckt Euch hinter einer Lüge, um Eure ketzerische Schuld zu verbergen, die doch mit Eurem Gerede in der Stadt ohne jeden Zweifel bewiesen ist. Wegen Eurer Erzählungen wurdet Ihr beschuldigt, im Wald mit dem Leibhaftigen verkehrt und seine teuflischen Früchte ausgetragen und zur Welt gebracht zu haben. Sagt, wo habt Ihr die Satansbrut gelassen?«

Die Beschuldigte erbleichte noch mehr. Sie verlor völlig ihre Fassung und brach weinend zusammen.

Meister Augustin wiederholte seine Frage in noch schärferem Tonfall.

Mit tränenüberströmtem Gesicht schluchzte die Jungfrau: »Bei allen Heiligen! Nein, nichts von dem trifft zu, ich habe nur wundersame und unerklärliche Dinge gesehen … Bei Gott im Himmel, mir schien es, als ob ich träumte, aber dennoch war ich wach und konnte alles genau erkennen.«

Das war es, was Meister Augustin hören wollte! Energisch hakte er nach: »Besinnt Euch! Was genau ist Euch denn dort begegnet?«

Die Gefangene zögerte mit ihrer Antwort, als suche sie nach den richtigen Worten. Sie hatte heillose Angst vor unbedachten Äußerungen.

Der Inquisitor bedrängte sie erbarmungslos. »Nun ...?«

Stotternd begann die Gefangene: »Ach! Ich … ich stand unbemerkt in einem Gebüsch, gleich am Rande der Waldlichtung vor der Blutskapelle … Und da habe ich sie erblickt.«

»Was habt Ihr erblickt?«, fuhr der Inquisitor scharf dazwischen, mit der Absicht, die Gefangene weiter zu verunsichern.

Dennoch antwortete die Inquisitin ohne zu zögern:

»Es waren merkwürdige Geschöpfe, die sich im Wald herumtrieben.«