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Altona 1812: Ein toter Polizist! Der Tatverdacht fällt auf einen Jakobiner im Geiste der Französischen Revolution. Das passt!Freunde des Verdächtigen stoßen auf weitere Tote. Die napoleonische Kontinentalsperre hat die Lebensader Elbe zerschnitten. Kein Handel mehr in Hamburg und Altona, die Menschen leiden! Ein Aufstand in Hamburg und dessen Niederschlagung verschlimmern die Lage. Die Mühlen der Rechtsfindung geraten im Nebel der Ereignisse ins Stocken. Ist die letzte Konsequenz zur Herstellung der Gerechtigkeit die Selbstjustiz? Nichts ist mehr, wie es war. Die Zukunft ist düster. Da scheint ein "unmögliches" Liebespaar Hoffnung auf eine bessere Zeit in einer Welt zwischen Verharren und Werden und unmöglichem Ankommen zu geben. Diese Welt lässt keinen Helden zu! Oder doch?
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Seitenzahl: 326
Veröffentlichungsjahr: 2013
„Der Historiker ist ein rückwärts gekehrter Prophet.“
Friedrich von Schlegel, Romantiker
Die Personen und die Kriminalhandlung in diesem Buch sind erfunden, auch wenn Archivmaterial zu einzelnen Familien ausgewertet wurde. Die Besonderheiten der Zeit und des Ortes sind recherchiert und geben dem Bild der Erzählung eine verlässliche Grundlage. Das Tun und Denken der Menschen passt in die Zeit und Umstände und ist insofern „wahr“. Das jedenfalls ist der Anspruch des Verfassers.
Ich danke Lorena für ihre Mitarbeit. Ihre Begeis-terung bei der Recherche in Bibliotheken und Archiven ließ die Ordner mit den Kopien und Exzerpten überquellen. Ihre Aufmerksamkeit für die Stimmigkeit der Bilder, für sprachliche Präzision, für Zuspitzungen auf das Wesentliche, für die Verein-fachung der Sprache hat das gedruckte Ergebnis wesentlich verbessert. Ihre Hartnäckigkeit setzte der Eitelkeit des Schreibers zu.
Ich danke Eberhard, der dafür gesorgt hat, dass mir Immanuel Kant verständlicher wurde und im Roman auf standfeste Füße kam. Der „Ewige Friede“ hat den Anstoß dafür gegeben, das letzte Kapitel zu schreiben.
Jochen Pragal
Im Sog des Kraken
Beinahe ein historischer Kriminalroman
Umschlaggestaltung: Gerhard Hohm: [email protected]
Verlag: tredition GmbH, Hamburg ISBN: 978-3-8495-6890-0
Das Licht der Tranfunzeln reichte zu einem Halbdunkel. Henning Hauser erkannte die Männer nur in Umrissen. Früher war er im „Club der Jakobiner“, der die Ideen der Französischen Revolution hochgehalten hatte, „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit,“ „Aufbruch zum Licht der Vernunft.“ Gemessen an diesem Licht war es hier ziemlich dunkel.
Die Clubmitglieder waren untergetaucht. Im ehemals toleranten Dänemark, besonders in Altona, hatte der Ruf nach mehr Freiheit und Gerechtigkeit fürs Volk nicht sonderlich gestört, nicht einmal den Magistrat. Jetzt aber, 1812, waren Jakobinerclubs verboten, es wurde verschärft zensiert und mehr geschnüffelt. Henning wurde vorsichtig, suchte nach verbesserungswürdigen Missständen in der Stadt und fand erst einmal den Namen für einen neuen Club: „Verein zur Förderung der Bildung des einfachen Volkes.“ Für die Polizei hatte der Wolf nur einen Schafspelz übergezogen und Kreide gefressen. Einen Missstand hatte er bei der Arbeit der Nachtwächter ausgemacht und wartete auf Jan Krus, seinen Freund und Mitkämpfer. Der sollte eine Eingabe an den Magistrat schreiben und hier vorstellen, möglichst vor vielen Zuhörern im bereits erleuchteten, aber immer noch leeren Hinterzimmer. Henning sah kommen, dass sie mit sich selbst diskutieren müssten, er und Jan. „Alles Große hat klein angefangen,“ beruhigte er sich. „Der Funke macht das Feuer!“ Und wo war Jan? Er hätte längst da sein müssen!
Einstweilen nickte Henning Anerkennung zu Antje Poelsen hinüber, „gute Deern!“ Die rührte ihr Geheimrezept im Topf überm Feuer: Fliederbeersaft, geschmuggeltes Anis aus dem Morgenland, Köm und Rübensirup, statt Rum und Zucker, kriegsbedingt. Gegen Ende des abendlichen Suffs verdünnte sie gewöhnlich ihr Gebräu geschäftstüchtig mit Elbwasser. Ihre Augen waren Leuchttürme, sie sollten gesehen werden. „Die Männer trinken, in guten Zeiten, weil es ihnen gut geht, in schlechten, weil es ihnen schlecht geht. Hopfen und Malz erleichtern die Balz. Saft und Köm tun es auch.“ Sie lachte zu Henning herüber, nahm mit einem Fingerschnipsen die Bestellungen auf, signalisierte dem Wirt die Bier- und Köm-Orders, balancierte ihr Blechtablett unter wippenden Brüsten zwischen den Tischen, entlang an den Bankreihen und vorbei an den Bierlachen mit Pfeifenasche und ausgespucktem Kautabak, überhörte die Anzüglichkeiten aus rauchrauhen Männerkehlen und schaffte es, ohne grapschende Hände ihre Runde zu machen. Die Geldtasche am roten Gürtel schlug im Rhythmus ihrer Schritte gegen die Hüfte, was ihm vorkam wie ein Lob für ihre Arbeit und den geschmeidigen Leib. Er nahm eine Prise Schnupftabak und wäre gern ihre Geldtasche gewesen. Einmal war ihr eine Hand unter den Rock gefahren, da hatte sie den heißen Punsch auf die unbeschäftigte Hand gegossen, und die Spitze eines Messers stand unter dem Kinn von dem Kerl: „Beim nächsten Mal schneid ich dir die Hand ab. Damit!“ Sie kratzte mit der Messerspitze den Hals hinunter bis zum zitternden Adamsapfel. Ein gefährliches Spiel! Aber sie gewann es. Seitdem hatte sie Ruhe und die Achtung der Männer, die plötzlich mit dampfenden Gefühlen ihre Jungfernschaft beschützen wollten. Außerdem waren ihretwegen noch mehr Burschen hier, volles Haus. Sie konnte beim Wirt ungewöhnliche 10 Prozent von jedem Getränk für sich durchdrücken, gutes Geld. Und zahm war der Mann, weil sein Strohsack leer war. Die Frau war ihm weggestorben. Blut gespuckt hatte sie, bis sie daran erstickt war. Schlecht für einen Wirt mit einem Bein. Die Matratze wartete auf Antje. Die war allerdings eine von den guten Frauen, nah und unnahbar zugleich. Für den Wirt war sie nur unnahbar. Sie machte seiner Geilheit keine Hoffnung und gab seiner Berechnung keine Nahrung, aber sie ließ ihn auch nicht fühlen, dass sie ihn widerlich fand. Solche Ehrlichkeit war zuviel Luxus. Sie hatte genug Elend gesehen und am eigenen Leibe gespürt. Sie wusste, was sie wollte. Ihr Lachen war traumwandlerisch, es galt den Gutwilligen und bewahrte die Deern davor, sich gemein zu machen.
Henning wurde unruhig. Wo blieb Jan?
Der einbeinige Wirt war schon eine Weile raus- und reingehüpft. Draußen ratterte eine Karre auf dem Kopfsteinpflaster. Rufe! Dann stand Ralf Tietjen, der Polizeimeister, in der Tür. Einige Männer zogen gesenkte Köpfe zwischen die Schultern und vertrauten auf die dicke Luft in der Kneipe. Der Mann schien durch die wabernde Halbfinsternis hindurch trotzdem alles zu sehen. Er schlängelte sich ins Hinterzimmer. Dort rief er mit der Heiterkeit eines Schlachters, der zum Messer greift: „Hier sollte also die Erleuchtung stattfinden.“ Dann stellte er sich an Hennings Tisch in Positur und sagte schläfrig: „Da wird es heute wohl nichts mit der Förderung der Bildung. Aber vielleicht wird es jetzt was mit der Beförderung der Wahrheit ans Licht der Welt.“ Dann schob er sich hinaus aus dem „Blauen Anker“ und machte den Nachtwächter, Antjes Vater, zum Türsteher. Tietjens’ Assistent notierte sich alle Namen und Adressen der Anwesenden und rief, die Herren hätten sich am nächsten Tag in der Polizeiwache einzufinden, 18 Gentlemen! Er grinste, wedelte mit seinem Adressenpapier zum Trocknen der Tinte in der Luft, bedankte sich mit übertriebener Verbeugung und verließ das Lokal. Und Henning murmelte: „Hundsfott!“ Er kannte diesen Tietjen. Der sah aus, als schlafe er sogar beim Gehen, in Wirklichkeit war der hellwach, vor allem, wenn er einen armen Schlucker nach allen Regeln der Kunst beim Verhör die Kehle zudrückte, bis der die Wahrheit ausspuckte.
Im „Blauen Anker“ bewegte sich niemand. Stille, als sei das Verhör bereits kurz vor der Wahrheitsfindung angekommen. Nur das Holz im Feuer knackte, und Antje rührte mit dumpfem Scharren den Holzlöffel im Punschtopf, als wolle sie damit den gewohnten Gang der Dinge zurückholen. Der Wirt löste sich als Erster aus der Starre, hüpfte zur Tür, schaute auf die menschenleere Elbstraße hinaus und brüllte in den Schankraum hinein: „Alle raus!“ Antje und Henning waren die Letzten. Der Wirt hielt sie zurück und wollte die Nachtriegel vorschieben, als sich Charles hereinzwängte.
Charles Petersen, der Gnom mit dem Wasserkopf unter der Kapuze und mit der Sing-Sang-Stimme. Im letzten Sommer war er mit Rollschuhen auf dem Teil des Rathausplatzes herum gefahren, der mit Marmorplatten ausgelegt und ebenmäßig genug war für seine Kunst. Rollschuhe! Noch nie hatte einer Rollschuhe gesehen oder von ihnen gehört: Walzen aus Buchenholz, vorne eine, hinten eine, unter jedem Fuß. Die Walzenachsen und die Befestigungsplatten unter seinen Holzschuhen kamen vom Schmied, kostenlos, weil der so begeistert war von der Idee des Pioniers. Der zierliche Mann mit der Kapuze hatte zur Begeisterung der Leute rollschuhlaufend Geige gespielt, war in eine Pferdekarre gerollt, da ihm Bremsen an den Schuhen fehlten und hatte mehr oder weniger elegante Pirouetten, sogar Sprungpirouetten aufs marmorne Parkett gelegt und sich dabei blaue Flecke geholt.
Henning und Antje fragten und der Wirt und Charles antworteten. Dabei ordnete sich ein wenig, was vor der Tür des „Blauen Anker“ geschehen war: Ein Polizist lag auf der Straße in seinem Blut. Der Stadtmedicus erklärte ihn für tot, Herzstich. Jan Krus, der Student mit dem Herzen für die Nachtwächter, lag ebenfalls in seinem Blut, ohnmächtig. Der Medicus verband die Wunden notdürftig, der Polizeigehilfe verschwand mit der Leiche und dem Bewusstlosen auf seiner Handkarre, und Tietjen befragte zwei Zeugen draußen.
Die Stille legte Beklemmung auf den Tisch. Antje fühlte sich bedroht und wusste nicht, warum. Für Henning war der Bildungsverein gestorben, bevor er geboren war. Es gab ungefährlichere Versuche, sich zu blamieren und sich selbst die Polizei auf den Hals zu hetzen. Der Wirt erklärte mit Getöse das Hausverbot für den Bildungsverein. Ein toter Polizist vor seiner Haustür! Schankverbot! Wofür? Für nichts! Er wusste nicht einmal, wie der Verein dem Volke nun eigentlich helfen wollte. Das wollte er jetzt vom Drahtzieher Henning hören, ganz genau, jetzt! Der Drahtzieher Henning sah sich im Mordkomplott! Wahrscheinlich hatte der Magistrat nur auf den toten Polizisten gewartet, um gegen ihn und die Jakobiner vorgehen zu können. Er hatte keine Lust auf Kerker und Zwangsarbeit. Ihm wurde klarer als ihm lieb war, dass er sich längst in seinem kleinen Glück in Altona eingerichtet hatte und daraus nicht vertrieben werden wollte.
Der „Klugscheißer“ Charles wurde Hennings Erwartungen gerecht: „Erstens,“ hackte die monotone Stimme unter der Kapuze herunter, „wird der Jan Krus eines Mordes angeklagt, den er nicht begangen hat. Das müssen wir verhindern. Zweitens,“ er starrte Henning an, „erhalten die Jakobiner in Altona eine angemessene Lektion, denn es ist leicht, auf den Wolken der Revolution zu reiten, aber schwer, eine gerechte Revolution auf Erden zu machen. Statt Revolution gibt es vielleicht eine Hinrichtung des Jan Krus, an der sich die Gaffer satt sehen, die die Jakobiner zu Revolutionären hatten machen wollen. So ist das! Herzlichen Glückwunsch! Drittens,“ jetzt sah Henning hochgezogene Brauen, „ist es nicht falsch, wenn die Jakobiner begreifen, dass sie beim Bau der gerechten Weltordnung neues Unrecht schaffen. Dieses Wissen wird ihnen helfen, ihre Schritte zum Glück und zur Gerechtigkeit mit Bedacht zu wählen, schließlich kann das neue Unrecht größer sein als das alte! In diesem Falle stehen die Jakobiner direkt vor dem Eingang zur selbstverschuldeten Unmündigkeit. Träume sind schön. Jakobiner sind darin eingesperrt. Das können sich nur Kinder erlauben.“
Henning fuhr Charles ins Wort: „Dank an den Erwählten für die Belehrung! Hier geht es aber nicht um die Revolution, sondern um die Arbeit der Nachtwächter. Im Übrigen weiß ich im Gegensatz zum allwissenden Charles nicht, was da draußen vor der Tür passiert ist.“ Der Wirt sprang trotz amputiertem Bein hoch, brüllte „Gequatsche, wieder nur Gequatsche!“ und warf die Drei raus.
Henning schimpfte auf dem Heimweg. „Wir müssen das verhindern,“ hatte Charles gesagt. „Wir“! Was ging diesen aufgeblasenen Frosch das an? Der hatte sich bislang bei den Jakobinern zusammen mit seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit nicht blicken lassen. „Wer ist dieser Hahn? Der glaubt, wenn er kräht, geht die Sonne auf.“
II
Vor einer Heirat war Luise-Marie davongelaufen. Mit trockenen Tränen in den Augen, ineinander verkrampften Händen unter der Kniedecke, Steinen im Bauch, Brechreiz wegen der Schnapsfahnen der Männer war sie vier Tage und Nächte lang in der Kutsche auf ihrer Flucht nach Hamburg durchgerüttelt worden. Trotz, Zorn und die Gewissheit, dass weibliche Wesen mehr sind als Zuchtvieh und Muttertiere, hatten sie aufrecht gehalten. Im Kopf hatte sie weibliches Geistesschaffen und ihm Gepäck den Roman “Das Paradies der Liebe“ vom Schotten James Lawrence gehabt, in dem die Freiheit des Weibes die Menschen beglückt und vor den Schrecken der Ehe bewahrt. Sie liebte dieses utopische Paradies der Liebe und fürchtete sich davor. Erst einmal hatte sie damals mit dem Kopf unter der Bettdecke den feierlichen Schwur abgelegt, nur einen Mann zu lieben, dem die Gleichwertigkeit der Geschlechter so heilig war wie ihr. Sie würde keinem Mann auf den Leim gehen, der Liebesschwüre für die einzige Frau schluchzte und gleichzeitig dem ganzen weiblichen Geschlecht die Treue hielt.
Ihre Flucht aus Gotha endete in Hamburg im Hause des Buchhändlers Perle am Jungfernstieg, in dem sie als Mädchen für alles die Erwartungen einer Familie mit sieben Kindern, einer Köchin, einer Waschfrau, einem Hausknecht und einem Hauslehrer erfüllen sollte. Ein dahergelaufenes Mädchen empfahl sich nicht als Kindermädchen, auch nicht, wenn sie sich mit Kost und Logis und einem kleinen Taschengeld zufrieden gab. Mit einer guten Portion Vertrauensvorschuss wurde ihr die Flucht aus der wohl situierten Familie eines Kaufmanns in Gotha sowie die Rebellion gegen väterliche Bestimmung und mütterliche Ergebenheit nachgesehen. Das war viel, und sie war dankbar dafür. Sie lebte aus ihrer Reisetruhe und beklagte sich nicht über ihren Verschlag oben auf dem Dachboden mit einem Bett, einer Waschschüssel, einem Nachttopf, und ein paar Haken an der Wand.
Sie fand sich schnell in den häuslichen Gewohnheiten am Jungfernstieg zurecht, lachte die Stacheln im Dickicht der vielfältigen Empfindlichkeiten weg und fragte sich bald, ob sie den Familienkäfig in Gotha nur gegen den in Hamburg getauscht hatte. Sie begriff den Unterschied schnell. Der in Gotha hatte goldene Stäbe, der in Hamburg eine offene Tür. Sie war immer schon hin- und hergerissen zwischen den beiden Frauen in ihr, zwischen Luise und Marie, aber in Hamburg besonders. Luise kämpfte um ihre ständig bedrohte Freiheit, und Marie mühte sich ab im Gezerre an der Haushaltshilfe und Zusatzmutter, der Kinderherzen zuflogen. Marie wurde zum ältesten Kind der Familie. Weibliches Geistesschaffen und freie Liebe erschienen ihr schäbig. Luise hatte neue Fluchtphantasien und Marie schämte sich dafür. Beide zusammen waren gekränkt, weil es für Mamsells allgemein und für angestellte Mamsells besonders verboten war, unten in der Buchhandlung herum zu schmökern oder gar mit einem belesenen Galan anzubändeln. Bücher verkaufen war Männersache, was Luise zum Beben brachte. Marie war angerührt von einem vor Schüchternheit bebenden Romanschreiber, der ihr gegenüber kein verständiges Wort herausbrachte, kein Geld hatte und sich tagelang durch das Sortiment der Buchhandlung las, besonders wertvoll für einen, der kein Holz für seinen Ofen hatte. Wie gern wäre sie mit ihm auf Lesereise in ihre Phantasiewelten gegangen! Aber der Anstand und seine Sprachlosigkeit waren davor. So entschädigte sie sich mit Aufgaben außerhalb des Hauses.
Eine dieser Aufgaben war, Briefe des Buchhändlers Perle, die streng beschwiegen wurden, zu einem befreundeten Arzt zu tragen. Die Geheimnistuerei hing an der Hamburger Bürgergarde. Die war gegründet worden, als die Hamburger im Jahre 1811 eines Abends wie immer als Hamburger und gefühlte Deutsche ins Bett gegangen und am nächsten Morgen in der neben Lübeck östlichsten Stadt des Französischen Imperiums wach geworden waren, als Franzosen in Hambourg. Die neuen Franzosen wurden allerdings weiter von der französischen Besetzung traktiert. Der Bücher-Perle überzeugte den General und Stadtkommandanten St. Cyr von dem Vorteil, der Bürgergarde Polizeiaufgaben anzuvertrauen. Die Hamburger in der Bonne Ville Hambourg würden unter der Wachsamkeit der eigenen republikanischen Bürgergardenpolizei nachts friedlich schlafen, und die Militärregierung habe Ordnung in der Stadt, ohne Soldaten von der Kriegsführung abziehen zu müssen. So geschah es. Aber Luise-Marie war nicht entgangen, dass die neue Polizei öffentlich auf dem Pferdemarkt den Bürgerschutz und geheim auf dem Dachboden des Hauses Perle die Befreiung von der französischen Besatzung übte. Nebenan in ihrem Verschlag las Luise-Marie im „Paradies der Liebe“ und unten im Buchladen gingen französische Offiziere ein und aus. Es war verständlich, warum das Thema Bürgerwehr im Hause unterm Tisch blieb und warum die Hausherrin, Caroline Perle, keine Ruhe fand. Die Mamsell Luise-Marie war also mit den Briefen in geheimer Mission unterwegs. Die Wahl war wohl auf sie gefallen, da sie als weibliches Wesen und Hausangestellte hinreichend harmlos erschien.
Die Postbotin verband ihre Aufträge mit Erkundungsgängen in der Stadt. Kein Aprilregen in „uns Herrgott sien Pisspott“ störte sie. Vor einem Jahr war sie in Hamburg angekommen und sprachlos durch die Gassen gelaufen. Nein, sie war nicht erstaunt über den Hausmüll einschließlich der durch die Fenster entleerten Nachttöpfe, über den Mist aus Hinterhofställen, über die verwesenden Tierkadaver und die Reste vom Auswurf der Fleischerschlachtungen auf der Straße. Alle diese Hinterlassenschaften des Lebens, Überlebens und Ablebens machten aus der Gosse in der Mitte der Straße bei Regen eine Kloake, die die Leute, über ausgelegte Ziegelsteine balancierend, unbefleckt zu überwinden suchten. Nein, nicht darüber war sie erstaunt, sie kannte das von Verwandtschaftsbesuchen in Hannover und auch aus ihrer Heimatstadt Gotha. Der Unterschied war, dass in Hamburg alles ins Ungezügelte und Unermessliche wuchs.
Ein Senatsschreiber war im Kot der Gosse ausgerutscht, saß auf einer Treppe zum Hochparterre und schaute sich mit abstehenden Armen den Zustand seiner Jacke einschließlich der Ärmelschoner an. Die Leute lachten über den Aktenkacker. „Baden musst du zu Hause!“ Das hätte es auch in Gotha geben können, aber es wäre ein zeitungsreifes Ereignis gewesen. Hier in Hamburg überschlugen sich die Fälle und Unfälle, und sie waren schon vergangen, während sie noch passierten. Viehtreiber, Lastträger, Milchhöker, Karren hinter altersklapperigen Gäulen, die keine Requirierung durch die Franzosen zu befürchten hatten, waren beladen mit Säcken aus den Schuten, Ziegelsteinen aus dem Alten Land, Weißkohl, Rüben und Kartoffeln. Kartoffeln, die neuerdings die von der Besatzung Gebeutelten am Leben hielten und mit allem wieder Verwertbaren, was die Fleetenkieker, die Jungs mit den starken Nasen, in Wathosen bei Ebbe zwischen den Ratten aus dem Schlamm geklaubt hatten. Karren verkeilten sich auf dem Kieselsteinpflaster vor den in die Straße hereinragenden Treppen, vor den an die Häuser geklebten Buden und Ständen der Handwerker und Trödler und vor den Prellsteinen, die mit Ketten verbunden waren, hinter denen die Fußgänger auf den Granitfliesen, wenn schon nicht vor dem herumspritzenden Dreck, so doch wenigstens vor den Fuhrwerken sicher waren. Blökende Ochsen, aufgescheuchtes Federvieh, fluchende Fuhrknechte, zeternde und kreischende Frauenstimmen! Bordsteinschwalben mit hochgeschürzten Röcken stritten um die seefahrende Beute, Zurufe und Sprüche der Trödler und der laufenden Händler verschmolzen zu Lärmkaskaden. „Aal, grön Aal“, „Hummers von de Kars“, „Bürsten, sind alle patente Ware und halten an die hundert Jahre“, „Hier, min kleen Deern, scheuer die Stube rein, und denn lass man dein’ Bräutgam rein!“
Sie sah sie noch vor sich, die alte Frau. Die wich einer Karre aus, fiel dabei die Treppen zu einer Kellerwohnung hinunter und brach sich das Genick. Doch, doch, ein paar Leute hatten sich gekümmert, redend und gestikulierend, aber sie wirkten so, als seien sie mit dem Kopf schon wieder auf der Straße unterwegs. Die Tote schien nur ein weiterer Kadaver in der allgemeinen Verwesung zu sein. Luise-Marie hatte das Atmen vergessen, und dann war schon alles vorbei. Sie wurde wieder zu einem Teilchen in dem reißenden Fluss. In den Kellergeschäften zogen alle Kuriositäten und Wunder der Welt an ihr vorbei: Schrumpfköpfe aus Polynesien, Totempfähle, ausgestopfte Kängurus, Riesenmuscheln, in denen man das Meeresrauschen hören konnte, lebendige Leguane sowie schwarz- und rothäutige menschliche Wesen, die sich als lebendig erwiesen, wenn man sie mit den Zeigefinger antippte, verödete Kolonialwarenläden mit leeren Schubfächern, aber mit Reis, Kaffee, Kakao, Schokolade, braunem Zucker und Rum unter dem Ladentisch, die in diesen Kriegszeiten ein Vermögen kosteten. Und Lakritz aus England, das schwarze Gold aus Süßholz, Sirup, Gummi arabicum, Agar-Agar und Salz! Über allem waberte das Meer der Gerüche: geröstete Mandeln, frische Fische, abhängendes Fleisch, weggeworfene Fischreste, um die sich Katzen und Hunde in der Gosse stritten, glühende Hufeisen auf dem angebrannten Horn der Klappergäule vor der Schmiede. Und die Gassenkloake, besonders in den Hasenmooren hinter den Häusern, Gestank zum Ersticken.!Hier reihten sich die Abtritte und sammelte sich der Inhalt der Gossen aus den Straßen, der zähflüssig oder regenbeschleunigt in der Alster, den Fleeten und dann in der Elbe verschwand.
Die gewaltige Stadtverdauung war Luise-Marie anfangs anrüchig bis zum Brechreiz gewesen. Besonders im heißen Sommer war der Regen ein freispülendes Glück, zumal jetzt in der Besatzungszeit die offizielle Straßenreinigung mangels Geld und Leuten ausfiel. Es gruselte sie und zog sie hin. Eine große Verwertungsmaschine war das, ein Perpetuum mobile der Gier nach Leben, ein gleichgültiges Uhrwerk, das nach dem Willen eines unbekannten Meisters den Takt schlug wie das Herz den Puls. Und der Turm von St. Petri schaute gelassen auf diese Ameisenhektik herab.
Eine dieser Ameisen war sie jetzt unter einem Schirm und mit einem Brief in der Hand, der zum Arzt in der Bergstraße zu bringen war. Es goss in Strömen. Sie hüpfte über die ausgelegten Ziegelsteine, die bereits im Strom der Wassermassen verschwunden und von der Straßenreinigung des Himmels beiseite geschoben waren, verfehlte einen der Steine, knickte im Fußgelenk um, schlug mit dem Kopf auf das Straßenpflaster, weil sie versucht hatte, den Brief vor der Dreckflut zu retten. Als sie wieder zu Bewusstsein kam, lehnte ihr Kopf an den Knien eines Mannes mit Blondschopf auf einer Treppenstufe. Der benutzte den Regen und sein Schnupftuch dazu, ihre Kopfwunde vom Kot zu reinigen. Dann ließ er eine Handkarre mit einem Jungen aus dem Straßengewühl kommen. Am Jungfernstieg lag sie auf der Karre. Sie konnte sich nicht erinnern, dem hilfsbereiten Mann die Adresse gegeben zu haben. Sie wusste aber genau, dass sie auf der Karre den aufgeweichten Brief noch in der Hand hatte. Abgeliefert wurde sie im Hause Perle allein von dem Jungen, gesäubert von der Dusche des Himmels, mit rosa schimmernden Schlieren am Kopf und mit geschwollenem Knöchel, aber ohne Brief. Später attestierte ihr der Arzt, bis zu dem sie auf ihrem Botengang nicht vorgedrungen war, eine robuste Natur, denn sie erinnerte sich, dass die blonde Bürste ihr schon gefolgt war, als sie das Haus verlassen hatte, ein Mann mit einer Narbe quer über die Wange.
Sie trug schwer an ihrem Scheitern. Perle legte seine Hand irgendwie segnend auf ihre Schulter und sagte: „Gott sei dank, wir sehen die tapfere Mamsell wieder frisch und zu neuen Taten bereit. Um den Brief ist es nicht schlimm. Ein Unkundiger kann den Inhalt nicht verstehen.“ Er gab ihr die Hand. Das fühlte sich an, als sei sie gerade als erstes weibliches Mitglied in den Bund der Freimaurer aufgenommen oder zur Muse der Bürgerwehr auserkoren worden.
III
Mai, Aufbruch mit Fliederduft. Mutter Mandel stand in der Küche und nahm Heringe aus. Die Sonne schien durchs offene Fenster und schickte Vogelgezänk in die Küche. Zwei Amseln polsterten ihr Nest aus, die Schwalben fegten den Himmel insektenrein, und ein Spatz traute sich von draußen, über Fensterbank und Tisch hüpfend, bis zum Gedärm der Heringe.
Mutter Mandel seufzte. Es war die Zeit, in der die Unruhe ihren Nathan immer gepackt hatte. Er war dann über die Dörfer gezuckelt, mit klappernden Blechtöpfen, gusseisernen Brätern, mit Kölnisch Wasser, Schmuckbändern, Rauch- und Kautabak, Schokolade, Rödeldraht, Sicheln, Riemen für das Pferdegeschirr. Und die Frau ordnete das Chaos in dem stubenbreiten Haus an der Kleinen Elbstraße, vier Stockwerke Wohnung und Warenlager, durcheinander und übereinander, Balken, die sich unter der Last der Waren und der Jahre bogen. Ohne sie hätte Nathan Mandelkorn, der Wolkenreiter, der den endlosen Himmel über der Marsch zum Leben brauchte und der den Leuten verdrehte Geschichten von der Einführung des Klos mit Wasserspülung am englischen Hof und von der neuen Unfreiheit in Altona erzählte. Ohne die Frau, das glaubte sie jedenfalls, hätte er den Bauern Korn verkaufen wollen. Ohne sie hätte er vielleicht Nachtwächter werden wollen, weil der Nachtblick auf die Menschen seiner Meinung nach mehr Wahrheit hatte als der Tagblick. Aber leider oder erfreulicherweise war der ehrenwerte Beruf des Nachtwächters nicht für Juden zugelassen.
Und dann, auf seiner Frühjahrstour im letzten Jahr, war er weggeblieben, vom Erdboden verschluckt! Mutter Mandel hatte in ihrem Warenlager gewartet, auf ihn, auf Nachrichten oder Hinweise. Gekommen war Häme. „Der Nathan schwimmt mit seinem Pferd über den großen Teich nach Amerika.“ Sie hatte sich auf den Weg gemacht zur Herrschaft in Seestermühe. Da wurde sie nicht vorgelassen. Bei der Polizei in Uetersen erhielt sie Achselzucken als Antwort auf ihre Fragen. Sie versprach sich handfeste Nachrichten von einem Pferdedieb, der mit seiner Kenntnis der ländlichen Unterwelt handelte. Seine Hinweise stellten sich als teuer bezahlte Luftblasen heraus, die ihm ein erträgliches Zuchthausleben bescherten.
Plötzlich stand Antje in der Küche, Antje Poelsen. Sie war auf dem Sprung, Brief in der einen und Einkaufskorb in der anderen Hand. Der Rabbi fand den Ein- und Ausgang der Christen bei Mutter Mandel gefährlich. Geschäfte mit Andersgläubigen gingen an, aber Christen am Mittagstisch ging eigentlich nicht. Rahel Mandelkorn achtete, soweit die Not es zuließ, notdürftig auf rechtgläubiges Essen: kein Schwein, nichts Ersticktes, keine Blutwurst, keine Hasen, Uhus, Krabben, Aale und sonstiges Wassergetier ohne Schuppen. „Du sollst das Böcklein nicht kochen in der Milch seiner Mutter.“ Der Rabbi sah und hörte alles, drückte aber ein Auge zu angesichts der mannlosen Frau.
„Heute gibt es Stint und Hering satt auf dem Markt,“ Antje wies auf ihren Korb, „soll ich für dich welche holen? Henning mag sie, und koscher sind sie. Gebraten in Rinderschmalz, ein Festessen!“ Sie strahlte. Mutter Mandel lächelte zurück mit ihrem fast zahnlosen Mund und wies zum Tisch: Stinte und Heringe. Sie hob die Schultern: „Und wo gibt’s das Schmalz? - Aber Walfett tut’s auch.“ Antje lachte: „Besser als nichts!“ Sie hatte eine Nachricht für Henning. Aber der war noch nicht da. „Sag du es ihm. Der Vater lässt grüßen und ausrichten, einer der Zeugen nannte sich Anton Lange. Der schlägt sich mit Gelegenheitsarbeiten durch, traut sich nicht mehr aufs Wasser, nachdem er beinahe abgesoffen war. Dabei hatte er sich nicht nur am Wasser, sondern auch am Wort verschluckt und schweigt. Keiner weiß was über ihn. Gemunkelt wird, dass er dauernd seinen Namen wechselt.“ Mutter Mandel verstand nichts und Antje erzählte die Geschichte von dem toten Polizisten und dem verletzten Jan Krus vom Bildungsverein.
Die Jüdin schüttelte den Kopf. Nichts habe Henning ihr erzählt. Ein schlechtes Gewissen habe der Bursche. Wahrscheinlich wolle er jetzt den unschuldigen Jan mit einer Axt aus dem Gefängnis heraushauen und dann mit einem Trompetenstoß seinen Sieg bekannt geben. Antje war schon im Aufbruch, winkte mit der Hand und stieß im Weggehen auf Hein, der das Bimmeln an der Ladentür mit Hintergedanken verhindert hatte. So erschrocken hatte der seine Deern noch nie gesehen. Sie starrte ihn an, den Geist des Hein Blohm mit Vollbart, rotblondes Gewächs, in dem ein Vogel nisten könnte. Der leibhaftige Hein Blohm sollte längst auf seinem Walfänger bei Cuxhaven sein! Und sein Geist nahm sie in den Arm! Einkaufskorb und Brief fielen zu Boden.
Hein erklärte. Der Hauptmast der „Freiheit“, umgebautes holländisches Fleutschiff, war angebrochen und wurde jetzt durch einen neuen ersetzt. Das dauerte noch ein paar Tage. „So lange warten die Wale im Nordmeer auf Hein Blohm!“ Er strahlte im Glück seiner Heuer als zweiter Steuermann mit Fangbeteiligung. Vom Eigner Jürgen Doll, dem Teufelskerl, dem das Kunststück gelang, seinen Walfänger mit reicher Beute vorbei an den Engländern in der Elbmündung und vorbei an den Franzosen in Hamburg und Altona zu manövrieren. Als Störtebeker wurde er schon gefeiert, der Jürgen Doll, auch wenn er nicht der Kapitän, sondern nur der Eigner war. Und Hein Blohm war sein zweiter Steuermann! „Noch so ein Teufelskerl,“ sagte Hein über Hein und lachte. Er war wieder aufgetaucht aus seiner heuerlosen Zeit, die ihn kraftlos mit tabakbenebeltem Kopf hatte herumdümpeln lassen.
Dann fand er mit Unschuld im Blick, Antje sei so blass geworden, weil er schon wieder da sei. Nun müsse sie das Rendezvous mit einem anderen Kerl absagen. Antje beteuerte, ein Hein genüge ihr, einen zweiten würde sie nicht aushalten. Er verkündete, der Seemann solle kein hübsches Frauenzimmer haben. „Ein hässliches Weib ist der beste Zaun ums Haus.“ Er schaute sein Antjefrauenzimmerchen an. Die war nicht seine Frau, was sich, mit Aussicht auf die Heuer des Walfängers und mit seiner wachsenden Bereitschaft, ihr die Wünsche von den Augen abzulesen, ändern konnte. Sie antwortete mit Augenaufschlag, sie fühle sich wohl mit ihrer Unschuld, aber so einer wie der Hein wisse nicht einmal, was das eigentlich sei, die Unschuld. „Die hat der schon im ersten Hafen verloren und nie wiedergefunden.“ „Ja, ja,“ wusste er, „die Frauenzimmer achten auf die 10 Gebote, aber am meisten auf das 11: sich nicht erwischen lassen.“ Sie: „Männer dagegen wissen nicht, dass es vor dem 11. Gebot noch 10 andere gibt! Außerdem treibt man mit den Geboten nicht seinen Spaß.“ Hein küsste Antjes Hand: „Meine Nonne ist streng mit mir.“ Sie schüttelte den Kopf. „Bei Seemännern zählt jeder gemeinsame Tag. Dann stehen die Frauen wieder am Pier, und die Tränen wischen über die Segel.“ Sie gab ihm einen scheuen Kuss auf die gestrüppfreie Stirn. Und Mutter Mandel stand gerührt an der Heringspfanne. „Junges Glück“, hauchte sie und ihre Zunge stolperte über das „Glück“.
Die Ladenglocke kündigte stürmisch Henning an. Der stand schon in der Küche, als das Gebimmel noch nachhallte. Die beiden Männer klopften sich gegenseitig auf die Schultern. Alle redeten gleichzeitig. Hein erzählte von seiner Heuer, Henning von Jan Krus. Der war dem Tod gerade noch von der Schippe gesprungen und lag jetzt im Hospital. „Wir müssen uns um ihn kümmern!“ Hein unterbrach ihn: „Macht mit diesem Jan, was ihr wollt. Ich bin nicht dabei.“ „So kannst du dich nicht davonstehlen!“ „Kann ich. Ich bohre nur in meiner eigenen Nase! Ihr könnt mir einen Brief mit Jans Befreiung ins Eismeer schicken.“ „Du musst nicht für den Bildungsverein sein, aber gegen das Unrecht.“ Hein stellte sich auf ein Palaver ein, holte seine Pfeife heraus und steckte sie wieder weg nach Antjes Protest: „Der Vater wartet zu Hause aufs Essen!“ Er antwortete: „Ich bin gegen das Unrecht. Aber wo ist es? Überall und nirgends! Wozu haben wir eine Polizei? Ich habe alle Hände voll zu tun mit meinem eigenen Unrecht. Erstmal an die eigene Nase fassen! Wenn alle so denken, steht es besser um die Welt, auch um dich. Schau dich um bei den Herrnhutern! Dann weißt du, wie es geht.“ Antje: „Der Vater wartet aufs Essen und auf uns.“ Hein war in Fahrt gekommen: „Unsere Kirche ist da, wo gute Menschen sind, jetzt, hier bei Mutter Mandel in der Küche. Nur der bockige Schlaumeier Henning Hauser muss noch Herz und Ohren öffnen für die Botschaft.“ Antje: „Mit dem Ohrenöffnen wird es nichts mehr vor dem Essen, und das Herzenöffnen dauert etwas länger!“
Die beiden verabschiedeten sich und lachten ihren eigenen Bratheringen entgegen.
Henning saß über seinen Stinten mit Bratkartoffeln in Waltran. Rahel Mandelkorn stand am Herd und schaute ihn von der Seite an. Er wies mit der Gabel auf den Briefumschlag von Antje. Jetzt erst bemerkte Mutter Mandel ihn richtig. Sie öffnete das Couvert, las, wurde blass und sackte auf einen Stuhl. Henning unterbrach sein Kauen und schien sie mit den Augen festhalten zu wollen. Sie schob ihm den Brief über den Tisch.
Liebes Frauchen, ich sage es, und Du siehst an meiner Schrift: ich lebe. Ich lebe den Umständen nach gut und verdiene noch besser am Krieg als der Napoleon. Der Herr verzeihe mir. Ich habe alles, was ichbrauche, nur du fehlst mir und die Freiheit! Ich habe eine Dummheit gemacht. Deswegen sitze ich hier fest, mit Schuld auf den Schultern, unkoscherem Essen im Bauch und heiler Haut auf dem Kopf, hin- und hergerissen zwischen dem Krieg, meinen Töpfen, dem Rödeldraht und dem Frieden. Herr, es war doch nur eine Dummheit. Niemand ist zu Schaden gekommen, was ich mir nicht verzeihen könnte. Mein Gott, warum hilfst du allen möglichen schlechten Menschen, aber nicht mir? Deine Wege sind unerforschlich. Vielleicht habe ich sie ja verdient, diese Gefangenschaft. Aber so lange? Ich will ehrlich sein und zugeben, dass die gefangenen Juden in Ägypten schlimmer dran waren. Aber der Herr könnte mir einen Fingerzeig geben, wie lange meine Gefangenschaft noch dauern wird. Er könnte zum Beispiel eine Feuersbrunst schicken, mitten drin dieser Napoleon. Der hat uns das alles eingebrockt. Ich entschuldige mich für die schlechten Wünsche, aber ist denn dieser Franzose nicht wirklich ein schlechter Mensch? Man sollte Tabak rauchen, da wird die Zeit kürzer und der Ärger sanfter. Suche nicht nach mir, liebes Frauchen. Ich komme zurück, sobald sie mich lassen. Ich sehne mich nach dir und unserem häuslichen Durcheinander.Dein Nathanbrummel.
„Er lebt,“ flüsterte sie, „und sofort beleidigt er mich wieder: häusliches Durcheinander! Er will rauchen, es geht ihm schlecht. Noch nie wollte er rauchen. Jemand hat den Brief unter die Tür geschoben.“ Henning lachte: „Nathan lebt, es geht ihm gut, er hat seinen Witz nicht verloren, es ist wunderbar!“ Henning zog seine Ziehmutter vom Stuhl hoch, tanzte mit ihr durch die Küche und glättete ihr die Sorgenfalten zwischen den Brauen. Beide lachten ihre Freudentränen in den Schwindel beim Tanz. Sie ging zur Tür und hielt dabei der Glocke den Mund zu. Kein Postoder Sendbote des Himmels war zu sehn.
Als sie in die Küche zurückkam, lachte Henning immer noch. „Er raucht nicht. Der Tabak ist ein Fingerzeig – nicht von Gott, sondern von Nathan!“ Sie schaute ihn an. „Dein Nathanbrummel sitzt fest. Es liegt am Tabak.“ „Wieso am Tabak?“ „Du weißt doch! Er kauft die Blätter und macht den Tabak pfeifenfertig. Darf er nicht. Da kommt man leicht mal unter Druck. Eine Hand drückt die andere. Diesmal hat einer Nathans Hand sehr schmerzhaft gedrückt.“ Er lebte. Das war das Wichtigste. Wahrscheinlich würde das Schlitzohr bald mit viel Geldgeklimper in der Tasche vor der Haustür stehen. Im Krieg war alles möglich. Da waren die einen besoffen vom Glück, und die anderen lagen im Graben mit weißen Augen und offenem Mund und waren sprachlos über ihren eigenen Tod.
Er machte sich über den zweiten Teller Stinte her, und seine Gedanken segelten weg. Mutter Mandel hatte seinen nach innen gerichteten Blick gesehen. „Was ist mit dir?“ „Was soll sein?“ „Ich bin nicht blind.“ Sie schaute ihn an, als sähe sie ihn zum ersten Mal. Die Nase! Ein hackbereiter Falkenschnabel war das. Der lag auf der Lauer oder nickte im Lachen. Diese Nase beherrschte das wettergegerbte Gesicht so sehr, dass auf dem Kopf die weißblonde Haarbürste kaum auffiel. Die Borsten wiesen in verschiedene Richtungen wie kleine Springwellen, die durch wechselnden Wind einen bizarren Tanz aufs Wasser legen. Dennoch schien der Eigensinn der Haare Teil einer Ordnung zu sein. Die grundlosen wasserblauen Augen legten keinen Hinterhalt. Wenn der einem anderen Mann auf die Schulter klopfte, wusste der nicht, ob das ein Liebesbeweis, ein Ritterschlag oder die Aufforderung zu einer Prügelei war. Mutter Mandel hätte ihm in der Not die Ladenkasse anvertraut. Mehr Vertrauen ging nicht.
„Und ich bin nicht taub.“ Antje hat erzählt. Was für einen Unsinn machst du jetzt schon wieder?“ „Mein Unsinn geht dich gar nichts an. - Was hat Antje erzählt?“ Sie schaute ihn misstrauisch von der Seite an und berichtete. Dann warf er hin: „Du weißt doch alles und mehr als ich. Warum fragst du mich dann?“„Für wen spielst du denn jetzt wieder den Rächer der Entrechteten? Für deinen Jan Krus etwa? Bist du deswegen hinter diesem Anton Lange her, den keiner kennt vor lauter Namen?“ „Was geht es dich an!“ „Ach Jesses! Jetzt fordert er schon wieder die Obrigkeit heraus, der David den Goliath. Früher David-Hinnerk, jetzt David-Henning, der Richter aus eigenen Gnaden! Das ist dir schon einmal schlecht bekommen mit deinem großartigen Blick für Recht und Unrecht und mit der Erfahrung des Grünschnabels! Schuster bleib bei deinem Leisten!“ „Wovon redest du?“ „Du weißt genau, wovon ich rede.“ Es war beiden anzusehen. sie brauchten solchen Streit wie Liebespaare ihr Spiel. „Wenigstens in deiner Bibel hat David gewonnen!“ Er grinste. Sie forschte in seinem Gesicht nach dem Gewicht seiner Worte. Kopfschüttelnd sagte sie schließlich: „Jetzt ist Schluss mit lustig. Du lernst nichts aus deinen Erfahrungen. Ich wusste es immer schon. Menschen, ganz besonders solche wie du, brauchen eine feste Ordnung, eine mosaische oder christliche, das ist egal. Ohne sie hat der Teufel immer recht.“
IV
Henning vermutete, dass der Stadtkommandant das Spektakel hier draußen auf dem Heiligengeistfeld zuließ, um die von der Besatzung gebeutelten Hamburger bei Laune zu halten. Das war gelungen. Es sah so aus, als sei keiner zu Hause geblieben. Henning auch nicht. Es erregte ihn die unerhörte Ballonfahrt des Francois Blanchard: Erfinder, Schausteller der Luftfahrt und Akrobat am Fallschirm. Der Mann verstand es, den Leuten Seufzer des Gruselns zu entlocken und teure Eintrittskarten für die Besichtigung des Balloninneren anzudrehen. Er war mit seinem Heißluftballon nicht nur vor den wohl hunderttausend Augen in den Himmel entschwunden, er ließ auch noch aus dem himmlischen Licht ein Schaf am Fallschirm herniederschweben, vor dem die Lerchen flohen. Das Tier hatte sich nach seiner Niederkunft das Gras an der Stelle schmecken lassen, an der es in die Ballongondel eingepackt worden war. Die Zuschauer waren sprachlos oder fielen in Ohnmacht, und einige prophezeiten den Untergang Hamburgs in einer Sintflut der Elbe, die Strafe für die Menschen, die die Erde nicht nur aus dem Mittelpunkt des Weltalls genommen hatten und Gottes Schöpfung in naturwissenschaftliche Gesetze verpackten, sondern sich jetzt in ihrer Hybris auch noch daran machten, Gottes Himmel zu erobern. Nicht wenige sahen hinter dem ganzen Spektakel eine Verschwörung der Monsieurs, aus denen das Platt „Muschüs“ gemacht hatte. Fast alle standen da mit dem Kopf im Nacken, und ihnen rieselte das Gruseln den Rücken hinunter bei der Vorstellung, sie stünden selbst da oben in dem Korb oder hingen selbst anstelle des Schafes an diesem bodenlosen Fallschirm, unter sich die saugende Tiefe, über sich das blaue Wunder des Himmels, vor sich die Unendlichkeit jenseits der Elbe und in sich das Gefühl gottgleicher Erhabenheit.
In der Menschenmenge stand plötzlich eine atemlose Mamsell vor ihm. Beider Blicke trafen sich für die Dauer eines Blitzes. Reflexhaft öffnete Henning seinen Ledermantel. Als er ihn schloss, streifte seine Nase ihren schwarzen Zopf, der dabei war, sich aus dem Kranz um den Kopf zu lösen. Der Duft nahm ihm die Luft und umzingelte ihn, Jasmin. Er schlug den Kragen hoch und klappte das Revers zusammen, so dass von dem Frauenzimmer nichts zu sehen war, aber viel zu schnuppern. Dann faltete er seine Hände über dem Bauch, um den Mantel geschlossen zu halten und drückte dabei das Weib an sich. So waren die beiden in der Zeit, in der die Turmuhr der Hauptkirche in Altona dreimal schlug, zu einer Person geworden. Das Ganze schien niemandem wegen des Wunders des der Erde zurückgegebenen Schafes aufgefallen zu sein. Von Verfolgern seines neuen Bauches war nichts zu sehen. Wahrscheinlich waren auch die zu erstarrten Zuschauern der Himmelsstürmerei geworden.
Jetzt erst kam Henning der Gedanke, dass er vielleicht gerade die Polizeiarbeit behinderte. Das gefiel ihm grundsätzlich, aber schmerzhafte Folgen seiner Kurzschlusshandlung waren nicht auszuschließen. Als er sich die weitere Frage stellte, warum er das Ganze überhaupt gemacht hatte, schoben sich zwei Männer an seiner Leibesfülle vorbei und wurden von der sich auflösenden Menge verschluckt. Immerhin hatte er bemerkt, dass beide Kniebundhosen und rote Strümpfe trugen, die in Altona nicht zu Hause waren, vermutlich aber irgendwo im Süden.
Er redete zu dem Zopf, am sichersten vor den Verfolgern bewege man sich in dem Pulk der Leute, die durch das Sternschanzentor in die Stadt gingen. Der Zopf nickte. Seine neue Hälfte schüttelte die Mantelhaut ab, lief los, kehrte um, sprang für einen Wangenkuss und mit einem „Danke, mein Ritter“ an ihm hoch und winkte ihm noch einmal zu, bevor sie im Menschengewühl verschwand. Er würde sie an ihrem Geruch wieder erkennen, Jasmin, und auf der Wange des Ritters brannte es.
Plötzlich meckerte der Ballonkopf Charles neben ihm. „Du schon wieder,“ raunzte Henning und fühlte der schwindenden Wärme an und in seinem Bauch hinterher. Er machte so etwas wie Wiedersehensfreude in dem Gesicht des Gnoms aus. Der lobte Henning,
