Im Stich gelassen - Marisa Frank - E-Book

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Marisa Frank

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Beschreibung

Die Idee der sympathischen, lebensklugen Denise von Schoenecker sucht ihresgleichen. Sophienlust wurde gegründet, das Kinderheim der glücklichen Waisenkinder. Denise formt mit glücklicher Hand aus Sophienlust einen fast paradiesischen Ort der Idylle, aber immer wieder wird diese Heimat schenkende Einrichtung auf eine Zerreißprobe gestellt. Diese beliebte Romanserie der großartigen Schriftstellerin Patricia Vandenberg überzeugt durch ihr klares Konzept und seine beiden Identifikationsfiguren. Der rote Kleinbus mit der Aufschrift ›Kinderheim Sophienlust‹ bog von der Hauptstraße ab und hatte gleich darauf den großen Park, in dem das Kinderheim Sophienlust stand, erreicht. Der Besitz wurde von einer dichten Hecke eingefriedet, aber das große schmiedeeiserne Tor stand offen. Der Bus fuhr durch das Tor und die Auffahrt entlang. Er hielt direkt vor der Freitreppe des ehemaligen Herrenhauses. Die Jugendlichen im Bus sprangen auf. Es waren Mädchen und Jungen, die das Gymnasium in Maibach besuchten. Jeden Tag wurden sie mit dem Kleinbus nach Maibach zum Gymnasium gefahren und von dort auch wieder abgeholt. Unter den Gymnasiasten befand sich auch Dominik von Wellentin-Schoenecker, genannt Nick. Er war der eigentliche Besitzer von Sophienlust, das bis zu seiner Großjährigkeit von seiner Mutter, Denise von Schoenecker, verwaltet wurde. »Nanu, bleibst du heute in Sophienlust?« wunderte sich Pünktchen, als sie sah, daß Nick zusammen mit den anderen Kindern die Halle von Sophienlust betrat. Sonst schwang Nick sich nach der Rückkehr aus dem Gymnasium sofort auf sein Fahrrad und fuhr zu dem nahegelegenen Gut Schoeneich, wo er mit seiner Familie wohnte. »Ne.« Nick grinste die Dreizehnjährige, die wegen ihrer zahlreichen Sommersprossen nur Pünktchen genannt wurde, an. »Ich will nur sehen, ob Mutti noch hier ist. Ich muß ihr etwas sagen, sonst vergesse ich es am Ende noch.« »Du kommst doch aber am Nachmittag?« vergewisserte sich Pünktchen. Sie und Nick waren sehr gute Freunde. Heimlich träumte die Dreizehnjährige schon davon, einmal Nicks Frau zu werden.

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Seitenzahl: 142

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Sophienlust – 399 –Im Stich gelassen

Ein schweres Schicksal für den kleinen Thorsten

Marisa Frank

Der rote Kleinbus mit der Aufschrift ›Kinderheim Sophienlust‹ bog von der Hauptstraße ab und hatte gleich darauf den großen Park, in dem das Kinderheim Sophienlust stand, erreicht. Der Besitz wurde von einer dichten Hecke eingefriedet, aber das große schmiedeeiserne Tor stand offen.

Der Bus fuhr durch das Tor und die Auffahrt entlang. Er hielt direkt vor der Freitreppe des ehemaligen Herrenhauses.

Die Jugendlichen im Bus sprangen auf. Es waren Mädchen und Jungen, die das Gymnasium in Maibach besuchten. Jeden Tag wurden sie mit dem Kleinbus nach Maibach zum Gymnasium gefahren und von dort auch wieder abgeholt.

Unter den Gymnasiasten befand sich auch Dominik von Wellentin-Schoenecker, genannt Nick. Er war der eigentliche Besitzer von Sophienlust, das bis zu seiner Großjährigkeit von seiner Mutter, Denise von Schoenecker, verwaltet wurde.

»Nanu, bleibst du heute in Sophienlust?« wunderte sich Pünktchen, als sie sah, daß Nick zusammen mit den anderen Kindern die Halle von Sophienlust betrat. Sonst schwang Nick sich nach der Rückkehr aus dem Gymnasium sofort auf sein Fahrrad und fuhr zu dem nahegelegenen Gut Schoeneich, wo er mit seiner Familie wohnte.

»Ne.« Nick grinste die Dreizehnjährige, die wegen ihrer zahlreichen Sommersprossen nur Pünktchen genannt wurde, an. »Ich will nur sehen, ob Mutti noch hier ist. Ich muß ihr etwas sagen, sonst vergesse ich es am Ende noch.«

»Du kommst doch aber am Nachmittag?« vergewisserte sich Pünktchen. Sie und Nick waren sehr gute Freunde. Heimlich träumte die Dreizehnjährige schon davon, einmal Nicks Frau zu werden. Immerhin war dieser schon sechzehn.

»Klar, ich hole dich ab, und dann gehen wir auf die Koppel. So war es doch ausgemacht. Ich muß aber zuerst noch etwas lernen. Wir schreiben morgen eine Arbeit.«

»Ist schon recht. Auch ich muß meine Nase noch etwas in die Schulbücher stecken.« Pünktchen strahlte. Wie Nick liebte auch sie die Pferde.

»Dann lern mal schön. Bis dann.« Nick steckte seine Hände in die Hosentaschen und schlenderte durch die Halle auf das büroähnliche Empfangszimmer zu. Dort arbeitete meistens die Heimleiterin, Frau Rennert. Aber auch Schwester Regine hielt sich sehr oft dort auf sowie Nicks Mutter.

Denise von Schoenecker hatte gerade den Kugelschreiber weggelegt, als ihr Sohn eintrat. »Willst du mit mir im Auto mitfahren?« fragte sie. »Ich bin gleich soweit.«

»Kann ich machen. Eigentlich wollte ich dir nur etwas sagen.« Nick hockte sich auf den Schreibtischrand. Er sah etwas unsicher aus.

»Hast du eine Arbeit verhauen?« fragte Denise.

»Nicht, daß ich wüßte.« Nick zuckte mit den Achseln.

»Was hast du dann angestellt?« Denise, die ihren Sohn gut kannte, bemerkte sofort, daß etwas nicht stimmte.

»Das ist es ja eben, ich weiß es nicht.« Nick rutschte von der Schreibtischkante. »Ich zermartere mir das Hirn, aber mir fällt nichts ein.«

»Nanu, du Unschuldslamm. Um was geht es?«

»Ich weiß es nicht.« Nick seufzte. »Ob du es mir glaubst oder nicht, diesmal habe ich ein reines Gewissen.«

Denises Stirn kräuselte sich. »Heraus mit der Sprache! Was ist los?«

»Herr Förster will dich sprechen. Er bittet dich, bei Gelegenheit einmal bei ihm vorbeizusehen.«

»Er bittet mich?« Etwas skeptisch sah Denise ihren Sohn an.

»Genau! Und das verstehe ich nicht«, gab Nick ehrlich zu. »Wenn jemand von uns etwas ausgefressen hat, dann befiehlt er. Du kennst ja meinen Klassenlehrer nun schon recht gut. Er läßt die Eltern gern zu sich kommen. Bisher hat es mich nur einmal erwischt. Erinnerst du dich?«

»Natürlich. Ich hoffe, es dreht sich nicht wieder um die gleiche Angelegenheit.«

»Ganz sicher nicht«, versicherte Nick rasch.

»Ich werde es bald wissen.« Denise unterdrückte ein Schmunzeln, denn die Aufforderung des Lehrers machte Nick offensichtlich zu schaffen. »Ich habe morgen vormittag sowieso in Maibach zu tun. Dann werde ich Herrn Förster im Gymnasium aufsuchen.«

Nick nickte. »Ich bin wirklich gespannt, was er will. Er hat aber gesagt, daß es nicht eilig ist«, versicherte er nochmals, als Denise ihn musterte.

»Hauptsache, du hast ein reines Gewissen«, meinte sie. »Jetzt fahren wir erst einmal nach Hause. Wenn dir doch noch etwas einfallen sollte, dann kannst du es mir ja sagen.«

»Tut mir leid…« Mit einer theatralischen Geste breitete Nick seine Arme aus. »Ich weiß wirklich nichts.«

»Na ja…« Ganz so sicher war Denise nicht. Zwar war Nick ein sehr guter Schüler und außerdem schon sehr vernünftig. Er handelte oft selbständig, wenn er einem Kind helfen konnte, aber im Grunde war er ein unbekümmerter Junge, wie jeder andere in seinem Alter auch.

Nick war die Aufforderung seines Lehrers wirklich nicht ganz geheuer. Da er sich noch immer den Kopf zerbrach, kam er auch dann wieder darauf zu sprechen, als er neben seiner Mutter im Auto saß.

Sophienlust war durch eine Straße mit dem nahegelegenen Familiensitz Schoeneich verbunden. So konnte Denise von Schoenecker leicht hin- und herfahren. Aber auch ihre Söhne Nick und Henrik pendelten zwischen Gut Schoeneich und dem Kinderheim Sophienlust gern hin und her.

Die Familie saß aber meistens in Schoeneich. Die Köchin Martha wäre schwer beleidigt gewesen, wenn Denise nicht zum Essen gekommen wäre. Sie kochte für die Familie von Schoenecker, ihre Schwester Magda hingegen war Köchin in Sophienlust. Die beiden Frauen waren sehr liebenswürdig, so daß jeder sie mochte, doch bezüglich ihrer Kochkunst herrschte Rivalität zwischen ihnen.

»Er war irgendwie eigenartig, der Herr Förster«, sinnierte Nick. »Er war direkt höflich und bat um dein Kommen.«

»Nun übertreibst du wohl.« Denise lachte. »Wenn du so etwas wie ein schlechtes Gewissen hast, dann setze dich auf deinen Hosenboden und lerne. Das kann nie schaden.«

»Das habe ich nach dem Essen auch vor, aber nicht wegen des schlechten Gewissens.« Nick machte ein beleidigtes Gesicht. »Wir schreiben morgen eine Arbeit, und da will ich gut abschneiden.«

»Das klingt schon besser«, gab Denise zu. Sie hielt vor dem Wohnhaus. Wie Sophienlust lag auch Schoeneich in einem großen Park. Es war ein schloßartiger Bau mit einem Turm. An den dunklen Mauern rankte sich wilder Wein empor, wodurch der märchenhafte Eindruck noch verstärkt wurde. Bei Besuchern löste das Haus stets helle Begeisterung aus.

Kaum hatte Denise von Schoenecker das Auto abgestellt, kam ein neunjähriger Junge aus dem Haus gerannt. »Das habe ich mir gedacht!« Empört stemmte er seine Hände in die Seite. »Nick läßt sich wieder einmal chauffieren. Ich bin immer der Dumme. Das nächste Mal warte ich auch in Sophienlust, bis Mutti herfährt. Ich habe es satt, immer mit dem Fahrrad zu fahren.«

»Halt mal die Luft an, Kleiner«, sagte Nick, der aus dem Auto gestiegen war, gelassen. »Ich mußte Mutti etwas ausrichten.«

»Eine bessere Ausrede fällt dir wohl nicht ein?« schimpfte Henrik. Er machte sich gern wichtig und beneidete seinen großen Bruder stets um dessen Freiheit. Im Grunde kamen die beiden aber bestens miteinander aus. »Morgen habe ich eine ganze Menge auszurichten. Glaubst du etwa, in unserer Schule passiert nichts?« Henriks Augen blitzten. Sein Haarschopf war wie immer zerzaust.

Mit einer brüderlichen Geste legte Nick seinen Arm um Henriks Schultern.

»Es ging nicht ums Erleben«, meinte er. »Ich kann mir gut vorstellen, daß du da mehr zu erzählen hättest als ich. Ich mußte Mutti etwas ausrichten.«

»So?« Fragend sah Henrik seinen um sieben Jahre älteren Bruder an.

»Du kannst es mir schon glauben. Herr Förster, mein Klassenlehrer, will Mutti sprechen.«

Henriks Augen wurden groß. »Hast du etwas ausgefressen?« erkundigte er sich.

»Das ist es ja. Ich weiß es nicht.« Nick sah zu seiner Mutter hin. Nahm sie ihm das ab? Henrik tat es jedenfalls nicht.

»Ich lasse mich von dir doch nicht auf den Arm nehmen«, versicherte der Neunjährige. »Aber so ist es bei uns immer. Mir sagt keiner etwas.«

Mit einer beleidigten Miene drehte sich Henrik um und stapfte ins Haus zurück.

Nick fuhr sich mit der Hand durch das Haar. »Ich würde es wirklich gern wissen«, murmelte er.

»Morgen weißt du es«, beruhigte seine Mutter ihn. »So, und jetzt wollen wir essen. Du weißt, Martha ist die Pünktlichkeit in Person.« Denise warf einen Blick auf ihre Armbanduhr. »Es ist schon eins vorbei.«

»Ich wasche mir nur schnell die Hände«, meinte Nick. Vor seiner Mutter stürmte er ins Haus.

Im Eßzimmer saß Alexander von Schoenecker bereits am Tisch. Er legte die Zeitung weg, als seine Frau eintrat. Auch er war ein vielbeschäftigter Mann.

»Hallo.« Alexander erhob sich. Er ging auf seine Frau zu und küßte sie zärtlich. »Etwas Neues?« Er wußte, daß seine Frau ganz in ihrer Aufgabe aufging. Sie scheute keine Strapazen, wenn es darum ging, ein gefährdetes oder verlassenes Kind nach Sophienlust zu holen. Oft hatte Alexander schon zugunsten ihrer Schützlinge zurückstehen müssen.

»Heidi hat wieder einmal Bauchweh. Ich muß einmal ein ernstes Wörtchen mit Magda sprechen. Wie sich herausstellte, hat Heidi den ganzen Vormittag bei ihr in der Küche verbracht.«

»Hast du Frau Dr. Frey kommen lassen?« erkundigte sich Alexander. Anja Frey war die ärztliche Betreuerin der Kinder von Sophienlust.

»Nein, das war nicht nötig. Heidi mußte auf den Pudding verzichten. Sie bekam eine Haferschleimsuppe. Du hättest sehen sollen, mit welcher Todesverachtung sie diese in sich hineinlöffelte.« Denise schmunzelte.

»Heidi hat also wieder einmal genascht«, stellte Henrik fest. »Aber was hat Nick getan?«

»Du bist eine Petze«, schimpfte Nick, der gerade zur Tür hereinkam.

Henrik erschrak. Unsicher sah er von seiner Mutter auf seinen Vater. »Ich habe doch nicht gepetzt«, rechtfertigte er sich dann. »Du hast doch mit Mutti bereits gesprochen.«

»Dann bist du neugierig und vor allem naseweis«, brummte Nick. Er wandte sich an seinen Vater. »Es ist so, Vati, Herr Förster will mit Mutti reden. Er hat mich gebeten, ihr auszurichten, daß sie bei Gelegenheit einmal bei ihm vorbeikommen soll.«

»Er hat dich gebeten?« Alexander von Schoeneckers Augenbrauen zogen sich empor. Selten benahm er sich seinen Kindern gegenüber autoritär. Er war ihnen mehr Freund und Kamerad und genoß daher ihr ganzes Vertrauen.

»Hat er. Wirklich, Vati! Er war ganz freundlich. Ich habe auch nichts ausgefressen.«

»Vielleicht hast du es nur bereits wieder vergessen«, meinte Henrik. »Das geht ganz leicht. Wenn man etwas angestellt hat, ist es immer am besten, man denkt nicht darüber nach. Man ist nur dumm, wenn man sich dabei erwischen läßt.«

»Das sind mir schöne Aussichten. Ich denke, mein Sohn, wir beide müssen uns wieder einmal unterhalten.«

»Lieber nicht, Vati. Weißt du, so schlimm, wie es im Moment klang, ist es mit mir auch wieder nicht«. Henrik zog es jetzt vor, das Thema zu wechseln. Daher fuhr er fort: »Kann ich in der Küche Bescheid sagen? Ich habe einen Riesenhunger.«

*

Herr Förster kam Denise entgegen. »Zu liebenswürdig von Ihnen, so bald zu kommen, Frau von Schoenecker. So dringend wäre es wirklich nicht gewesen.« Er räusperte sich, wobei Denise bemerkte, daß er wirklich unsicher war. Das erstaunte sie. So kannte sie den Mann nicht. Er hatte die Klasse fest in der Hand.

»Jedenfalls vielen Dank.« Herr Förster ergriff die dargebotene Hand. »Ich wußte nicht, wohin ich mich wenden sollte. Seit Wochen überlege ich hin und her. Da fielen Sie mir ein. Aber bitte kommen Sie doch herein.« Er führte Denise ins Klassenzimmer, bot ihr dort einen Stuhl an.

Denise setzte sich. Herrn Försters eigenartiges Benehmen weckte nun doch auch ihre Neugierde. Sie sah dem Lehrer prüfend ins Gesicht.

Herr Förster räusperte sich erneut. Offensichtlich wußte er nicht, wo er beginnen sollte.

»Ich sagte Nick bereits, daß es nicht eilt. Aber ich bin trotzdem froh, daß Sie hier sind. Eigentlich hätte ich Sie aufsuchen müssen. Ich hätte Sie auch telefonisch um Rat fragen können. Ein persönliches Gespräch ist mir jedoch lieber.«

»Bitte«, entgegnete Denise. Mit einem Lächeln versuchte sie Herrn Förster aufzumuntern.

»Ich bin nun schon das dritte Jahr an dieser Schule tätig. Seither lebe ich bei der Familie Stauß. Ich bewohne dort ein möbliertes Zimmer. Sie wissen sicher, daß ich Junggeselle bin.«

Denise nickte. Sie erinnerte sich dunkel, daß Nick das einmal erwähnt hatte. Aber was hatte das mit ihrem Sohn zu tun? »Ich wende mich an Sie, weil Sie doch Sophienlust verwalten. Sie haben auf diesem Gebiet große Erfahrung. Wie ich hörte, nehmen Sie sich auch verlassener und mißhandelter Kinder an.«

»Wir versuchen elternlosen Kindern ein Heim zu geben«, erklärte Denise. Langsam begriff sie, daß Herr Förster mit ihr nicht über Nick reden wollte.

»Das ist der springende Punkt!« Erregt begann der Lehrer vor Denise auf und ab zu gehen. »Ich weiß nichts von diesem Kind. Plötzlich war es da. Ich sehe es nur selten, aber es ist ein ganz reizendes Kind.« Herr Förster hob die Schultern und ließ sie wieder sinken. »Kindesmißhandlung ist so ein häßliches Wort, daß ich es nicht gebrauchen will. Aber das Kind weint sehr oft. Ich bin sicher, daß Frau Stauß es viel zuviel allein läßt. Auch konnte ich einmal beobachten, daß sie ihm kräftig auf die Finger schlug, und das ohne jeglichen Grund.«

Jetzt verstand Denise. Sie begann ihrerseits Fragen zu stellen. »Wie alt ist das Kind?«

»Ich nehme an, daß es etwas über ein Jahr alt ist. Sie müssen mich richtig verstehen. Mich stört das Weinen nicht. Ich frage mich nur, warum Frau Stauß das Kind so oft allein läßt. Selbst wenn sie zu Hause ist, läßt sie das Kind schreien. Dann höre ich sie nur schimpfen. Ich verstehe nicht, wie das Ehepaar Stauß ein Kind in Pflege nehmen konnte, wenn es sich jetzt nicht darum kümmert.«

»Sie haben also keine Ahnung, wem das Kind gehört?«

Herr Förster schüttelte den Kopf. »Das Ehepaar Stauß hat zwar eine erwachsene Tochter. Martina Stauß ist einundzwanzig Jahre alt und lebt in Stuttgart. Daß es nicht ihr Kind ist, das habe ich herausbekommen. Martina scheint aber den Vater des Kindes zu kennen. Ist sie hier, dann nimmt sie sich auch liebevoll des Kindes an. Wie gesagt, ich überlege seit Wochen, was ich tun soll. Ich bin die ganze Zeit gut mit dem Ehepaar ausgekommen. Ich kann die beiden jetzt nicht der Kindesmißhandlung beschuldigen.«

»Und wenn es wirklich so ist?« Ernst sah Denise Herrn Förster an. »Leider kommt das öfter vor, als man denkt.«

»Ich habe versucht, etwas herauszubekommen, aber sobald ich das Gespräch auf das Kind bringe, schweigt Frau Stauß. Sie scheint das Kind nicht zu mögen. Dabei ist es ein entzückendes Kerlchen. Vielleicht können Sie… Nun, ich meine… ich weiß nicht.« Herr Förster wurde immer unsicherer. Seine Idee, sich an Denise von Schoenecker zu wenden, kam ihm jetzt unmöglich vor.

Denise war jedoch sofort bereit zu helfen.

»Ich danke Ihnen, daß Sie mir alles erzählt haben. Es geht um ein Kind. Ich habe gute Beziehungen zu den Behörden.«

»Ich möchte aber keine Anzeige erstatten.« Herr Förster erschrak.

»Es ist selbstverständlich, daß ich Ihren Namen nicht erwähne, wenn ich Erkundigungen einziehe. Vielleicht ist das auch gar nicht nötig. Ich werde versuchen, mit Frau Stauß zu sprechen. Wenn Sie mir bitte Ihre Anschrift geben würden…«

Herr Förster nannte die Adresse, fügte aber unsicher hinzu: »Sie dürfen mich nicht für feige halten. Wenn ich sicher wäre, daß es sich um Kindesmißhandlung handelt, würde ich keine Minute zögern und Anzeige erstatten. Frau Stauß ist sonst eine nette Frau. Ich bin zu der Ansicht gekommen, daß sie nichts von Kindererziehung versteht.«

»Wenn ich Sie recht verstanden habe, hat Frau Stauß aber bereits eine Tochter großgezogen«, meinte Denise skeptisch.

»Stimmt. Daher verstehe ich ja ihr jetziges Verhalten nicht«, gab Herr Förster offen zu.

»Ich werde mich darum kümmern«, versprach Denise.

»Da bin ich sehr froh.« Die Miene des Lehrers erhellte sich. »So kann es nicht weitergehen. Das Kind bekommt zu wenig Liebe.«

Das Klingeln kündete das Ende der Pause an. Als Denise zusammen mit Herrn Förster das Klassenzimmer verließ, stand Nick vor ihr. Fragend sah er sie an.

Denise nickte ihm zu. »Diesmal hattest du zu Recht ein reines Gewissen.«

»Aber…« Verwundert huschte Nicks Blick zwischen seiner Mutter und dem Lehrer hin und her.

»Zerbrich dir nicht länger den Kopf«, rief Denise ihm zu. »Über dich haben wir uns überhaupt nicht unterhalten.«

»Nicht?« Nick verstand nicht.

»Mit Ihrem Sohn bin ich zufrieden. Er ist in letzter Zeit ruhiger geworden«, mischte sich Herr Förster ein. Gleich darauf drehte er sich um. »Was ist denn hier los? Hier findet kein Volksfest statt. In die Klassen, wenn ich bitten darf.« Seine Unsicherheit war verschwunden. An Denise gewandt, fuhr er fort: »Mein spontaner Einfall, mich an Sie zu wenden, war richtig. Ich muß mich aber entschuldigen. Natürlich mußten Sie denken, daß ich Sie wegen Ihres Sohnes zu mir bitten ließ. Ich hätte mich deutlicher ausdrücken sollen, aber ich bin froh, daß Sie so rasch gekommen sind.«

»Ich auch. Ich werde mich um das Kind kümmern.« Denise reichte ihm die Hand.

»Mutti!« Nick steckte nochmals seinen Kopf aus dem Klassenzimmer. Zu gern hätte er gewußt, was zwischen dem Lehrer und seiner Mutter besprochen worden war.

»Bis Mittag«, sagte Denise ungerührt. Sie drehte sich um und überließ ihren Sohn Herrn Förster. Doch dieser dachte gar nicht daran, den Sechzehnjährigen aufzuklären.

»Dann wollen wir.« Herr Förster rieb sich die Hände. Nicks fragenden Blick übersehend, betrat er die Klasse.

Während des restlichen Unterrichts zerbrach sich Nick den Kopf. Später, im Bus, saß er diesmal nicht neben Pünktchen. Diese sah aber immer wieder zu ihm hinüber. Sobald der Bus hielt und die Kinder ausstiegen, drängte sie sich an ihn heran.