Im Tal der silbernen Pferde - Christiane Lind - E-Book
SONDERANGEBOT

Im Tal der silbernen Pferde E-Book

Christiane Lind

0,0
5,99 €
Niedrigster Preis in 30 Tagen: 5,99 €

oder
-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

»Du wirst immer in deinem Herzen ein Zuhause finden.« Australien, 1920. Die schüchterne Florence setzt alles auf eine Karte: um ihre Heimat Amber’s Joy zu vor dem Ruin zu bewahren, fordert sie das beste Rennpferd Brisbanes heraus. Mehr noch, die junge Frau will mit einem australischen Wildpferd antreten. Sie reist ins Tal der silbernen Pferde, wo die schnellsten Brumbys leben. Unterstützung findet sie bei dem geheimnisvollen Pferdeflüsterer Neville, der ihre große Liebe wird. Aber kann es für sie eine gemeinsame Zukunft geben? Hundert Jahre später gehört Amber’s Joy der jungen Franziska und ihrem Liebsten Riley, die große Pläne für die Farm schmieden. Von einem Tag auf den anderen ist ihre Zukunft gefährdet, denn ein angeblicher Erbe fordert Amber’s Joy für sich. Können Franziska, Riley und ihre Aborigine-Freunde Amber’s Joy retten? Ein mitreißender Roman über Familie und Zusammenhalt, über mutige Entscheidungen und den Kampf für das Zuhause und um die Liebe – vor der Weite Queenslands. Leserinnenstimmen Eine wunderbare Geschichte, die einen mitnimmt auf eine Lesereise nach Australien. (Bloggerin) Ein unglaublich spannender und gefühlsvoller Roman, der mich völlig in den Bann zog. (Bloggerin) Es ist wirklich ein spannender Roman mit dem ich wunderbare Lesestunden verbracht habe. (Bloggerin) Der Schreibstil von der Autorin ist einfach toll, bildgewaltig hat sie Bilder vor meinen Augen entstehen lassen. (Bloggerin)

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2022

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Inhalt

Das Buch

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Glossar

Nachwort: Fakten, Fiktion und Hintergründe

Lesetipps

Danke

Im Schatten der goldenen Akazie

Im Bann der Traumzeit

Copyright © 2021, AIKA Consulting GmbH, alle Rechte vorbehalten

Berliner Straße 52, 34292 Ahnatal

www.christianelind.de

Originalausgabe Juli 2021

Buchcoverdesign: Marie-Katharina Becker / https://www.wolkenart.com/ unter Verwendung von Bildmaterial © Shutterstock

Lektorat: Katrin Rodeit, www.julia-rodeit.de

Korrektorat: Claudia Heinen, www.sks-heinen.de

E-Book und Satz: Marie-Katharina Becker

Herstellung: Tolio Media

Das Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung bedarf der ausdrücklichen Zustimmung der Autorin.

Für die Links zu Webseiten Dritter übernehme ich keine Haftung, da ich mir diese nicht zu eigen mache, sondern lediglich auf sie verweise, mit Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung.

Personen und Handlung sind frei erfunden, etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Menschen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Das Buch

»Es kommt nicht auf die Abstammung an, es kommt auf das Herz an.«

Australien, 1920. Voller Hoffnung reist Florence, Tochter einer Weißen und eines Ureinwohners, nach Brisbane, um dort ihr Glück zu finden. Aber der Mann, an den sie ihr Herz verliert, erweist sich als Betrüger. Schlimmer noch: ihrer Heimat Amber‘s Joy droht der Bankrott. Florence fasst einen verzweifelten Plan, der sie in das geheimnisumwitterte Tal der silbernen Pferde führt.

Hundert Jahre später bietet Franziska, der Amber’s Joy gehört, den Wildpferden Queenslands Rettung vor dem Tod. Da meldet sich ein angeblicher Erbe und fordert, dass sie die Farm verkauft. Franziska begibt sich auf die Spur von Florence und entdeckt ein lange gehütetes Geheimnis.

Die Autorin

Christiane Lind hat sich immer schon Geschichten ausgedacht, die sie ihren Freundinnen erzählte.

Erst zur Jahrtausendwende brachte sie ihre Ideen zu Papier und ist seitdem dem Schreibvirus verfallen.

In ihren Romanen begibt sich Christiane am liebsten auf die Spur von Familien und deren Geheimnissen. Sie lebt in Ahnatal bei Kassel mit unzähligen und ungezählten Büchern, einem Ehemann, vier Katern und einer Katze.

Für Matthias

Silberne Pferde zur silbernen Hochzeit

Prolog

Amber’s Joy, Australien 1921

Obwohl die Nachtluft kühl durch das geöffnete Fenster strich, fand Florence nicht in den Schlaf. Es gelang ihr einfach nicht, mit ihrem schweren Bauch eine bequeme Schlafposition zu finden. Wenn sie sich auf die Seite drehte, rutschte die Wölbung mit und sie hatte das Gefühl zu ersticken. Wenn sie auf dem Rücken lag, fühlte es sich an, als würden die inneren Organe zerquetscht. Auf dem Bauch zu liegen, versuchte sie gar nicht erst.

Florence schreckte hoch, denn es drangen Geräusche von den Koppeln. Sicher, es kam zwar selten vor, dass Dingos bis nach Amber’s Joy kamen. Aber da die beiden neuen Stuten trächtig waren, wollte Florence sich vergewissern, dass es ihnen gut ging. Mühsam hievte sie sich aus dem Bett, zog Hausschuhe an, denn in ihre Stiefel passten die geschwollenen Füße schon lange nicht mehr. Vorsichtig watschelte sie die Treppe hinab. Im Flur schlief Bluey, er erhob sich, als er sie erblickte.

Bluey sah aus wie ein etwas zu kleiner Schäferhund, mit grau-weiß-gestricheltem Fell und schwarzen Ohren. Das Besondere an ihm, ein Erbe seiner Urgroßmutter Cookie, war es, dass das Fell über dem rechten Auge schwarz war. Florence hatte ihn deshalb Pirat nennen wollen, weil die Färbung sie an eine Augenklappe erinnerte. Aber ihre Mutter fand Bluey passender, denn der Hund war ein Blue Heeler.

Auffallend war ebenfalls die hellbraune Farbe der Pfoten und der Innenohren. Da Blueys rosafarbene Zunge wohl zu lang war, hing deren Spitze immer ein wenig aus seinem Maul, was ihm ein niedliches und harmloses Aussehen gab. Nichts konnte mehr täuschen. Der Hund war ein großer Jäger und verteidigte Victoria und Florence mit seinem Leben. Sobald sich fremde Menschen näherten, verwandelte sich der niedliche Cattle Dog in ein gefährliches Raubtier mit gesträubtem Fell. In der Familie jedoch war er ein überaus freundliches Haustier.

Freudig wedelte Bluey mit dem Schwanz. Der Hund war zu jeder Tages- und Nachtzeit bereit, draußen herumzulaufen und Wildtiere zu jagen. Nur an die Stallkatze wagte er sich nicht mehr heran, seit sie ihm die Nase blutig gekratzt hatte.

»Ja, du darfst mit«, flüsterte Florence. »Aber sei leise, sonst wecken wir Mum.«

Vorsichtig öffnete sie die Tür und tapste hinaus auf die Veranda. Endlich war sie an dem schmalen Graspfad angekommen, der sich zu den Koppeln schlängelte. An seinen Seiten wuchs Mitchell Grass, in das sich Bluey voller Begeisterung stürzte.

Florence folgte ihm langsam; sie konnte nur kleine Schritte machen, etwas, das sie nicht gewohnt war. Normalerweise gehört Florence zu den Frauen, die eilten, die liefen; spazieren oder schlendern gab es in ihrer Welt nicht. Sie blieb einen Augenblick stehen und stützte mit der linken Hand ihren schmerzenden Rücken. Bluey kam aus dem Gras, setzte sich neben sie und sah sie auffordernd an.

»Ich brauche eine kurze Pause.« Sie atmete tief ein und aus und merkte, wie das Kind sich in ihr bewegte. Die rechte Hand legte sie auf den Bauch und spürte einen Tritt. »Ja, Kleines, ich liebe dich, aber ich finde, es ist an der Zeit, dass du auf die Welt kommst.«

Neben ihr im hohen Gras ertönte ein raschelndes Geräusch. Bluey sprang auf und hüpfte in den Busch. Das Rascheln wurde lauter. Wahrscheinlich jagte er eines der kleinen nachtaktiven Tiere, die man nicht sah, deren Geräusche jedoch unüberhörbar waren. Florence kannte sie seit ihrer Kindheit und lächelte, als sie das gespenstische Husten und Grollen des Brushtail Possums vernahm, das sich anhörte, als wäre ein großes bösartiges Tier in ihrer Nähe und nicht ein kuscheliges Beuteltier.

Über allem schwebte der Gesang der Zikaden, die jeden Abend ihr Konzert gaben und immer mehr zu werden schienen. Beruhigt ging sie weiter. Als der tief dunkle Ruf einer einzelnen Eule erklang, verstummten die Zikaden für einen Moment.

Florence musste sich konzentrieren, um das leise Zupfen zu hören, mit dem, etwa fünf Schritte von ihr entfernt, ein Tier Gras fraß. Sie blieb stehen, um zu lauschen. Als ein Niesen erklang, wusste sie, dass sich dort ein Wombat seiner Nachtmahlzeit widmete.

»Lass das arme Ding in Ruhe, Bluey. Komm bei Fuß.« Der Blue Heeler gehorchte, sah aber sehnsüchtig zum hohen Gras, durch Florence um seine Beute gebracht.

Die Nachtluft brachte den angenehm süßlichen Duft der blühenden goldenen Akazien mit sich. Florence atmete tief ein. Diese Bäume hatte es auf Amber’s Joy schon immer gegeben; sie waren wahrscheinlich lange vor der Familie Wagner hier gewesen und würden auch noch hier sein, falls die Farm jemals anderen gehörte, etwas, das Florence sich nicht vorstellen wollte.

Vor ihr erstreckte sich die Weite der Farm und der Wälder um Amber’s Joy. Wie hatte sie nur in Erwägung ziehen können, diese wunderschöne Landschaft gegen eine Stadt wie Brisbane einzutauschen?

Victoria hatte ihr erzählt, dass Joseph Wagner, ihr Großvater, an den sich Florence kaum erinnerte, früher Zuckerrohr angebaut hatte, obwohl der Boden dafür nicht geeignet war. Erst Victoria und Billy hatten ihn davon überzeugen können, dass eine Pferdezucht die bessere Wahl war, um Amber’s Joy zu halten. Florence konnte sich gar nicht vorstellen, auf einer Farm zu leben, die sich nicht den edlen Tieren widmete, sondern so etwas Profanem wie Zuckerrohr. Für sie bedeuteten Pferde die Welt und sie bedauerte, dass sie wegen ihrer Schwangerschaft nicht mehr reiten konnte.

Vorsichtig watschelte sie weiter, während Bluey vorauslief und herauszufinden versuchte, wohin der Wombat verschwunden war, den er im Gebüsch aufgeschreckt hatte. Endlich hatte sie die Koppel erreicht, wo die kleine Pferdeherde die Nacht verbrachte.

Gillen, der silberfarbene Hengst, schreckte auf und hob den Kopf. Als er Florence erkannte, kam er zu ihr an den Zaun getrabt. Sie streichelte ihm den Hals und bedauerte, dass sie keine Möhren oder Äpfel für die Brumbys mitgenommen hatte.

Gillen wandte sich ab und trabte zu seinen Stuten, die beide von ihm trächtig waren.

Sie rief die Namen der Stuten und hoffte, dass auch sie zu ihr kämen. Bigi schaute sie an und senkte den Kopf, um weiter zu schlafen. Die Stute war ein leuchtender Fuchs mit einem weißen Abzeichen am linken Hinterbein.

Yuingin hingegen kam zum Zaun und legte Florence den Kopf auf die Schulter. Auch in der braun gescheckten Stute sah man das edle Blut der Vollblutvorfahren. Ihre Beine waren lang und trocken, der Kopf schmal und edel, den Hals und ihren Körper trug sie elegant.

Ihr Bauch war deutlich gerundet, aber es würde noch mehrere Monate dauern, bis das Fohlen käme. Florence träumte davon, dass die Fohlen der Zucht von Amber’s Joy neues Blut und neue Perspektiven gewähren könnten. Die Brumbys waren ihre größte Hoffnung und bisher hatten die Pferde sie nicht enttäuscht. Trotzdem sorgte sie sich um die trächtigen Stuten. So vieles konnte geschehen, ein Tritt, den die Pferde sich während einer Keilerei versetzten. Wilde Hunde, die versuchten, die schwerfälligen Stuten zu reißen, ein Wombat oder Possum, die im Busch raschelten, was den Pferden einen Schrecken einjagte, sodass sie versuchten, über den Zaun zu springen …

»Wie geht es dir, meine Schöne?«, flüsterte Florence und strich der Stute sanft über die Nase. Yuingin schnaubte, ihr warmer Atem strich über Florences Hals. Das Pferd wieherte leise, als ob es die Frage verstanden hätte. Dann schreckte die Stute auf und trabte davon.

Florence musste sich nicht umdrehen, um zu wissen, wer sich ihr näherte. Ihre Mutter Victoria ging ebenso leise wie Florence.

»Ich habe gehört, wie Bluey und du aus dem Haus gegangen seid, und mir Sorgen gemacht.« Victoria legte ihrer Tochter eine Strickjacke um. »Die Luft ist frischer, als man meint.«

»Mir ist nicht kalt, aber danke.« Florence drehte sich zu ihrer Mutter um und musterte sie.

Victoria war seit dem Tod von Florences Vater Billy stark gealtert. Jedenfalls kam es Florence so vor. In die dunkelblonden Haare ihrer Mutter hatten sich silberne Strähnen eingeschlichen, unter ihren schönen grünen Augen waren dunkle Schatten zu sehen. Sie hatte abgenommen und hielt sich immer leicht gebeugt. Florence wünschte, sie könnte ihr helfen, aber ihre Mutter sprach selten über die Trauer, die sie für Billy empfand.

»Danke.« Florence lehnte sich leicht an ihre Mutter, die sie umarmte. »Waren die letzten Tage vor meiner Geburt auch so schlimm für dich?«

»Mir stand Burilda zur Seite«, antwortete Victoria. »Sie hat mir geholfen, das zu überstehen.«

»Weißt du noch etwas von dem, was sie getan hat?«

»Leider nein. Sonst hätte ich es dir doch schon gesagt.« Victoria strich Florence über das Haar. »Ich weiß, die letzten Tage ziehen sich hin, als ob sie nicht enden wollen, aber alles wird gut.«

»Das hoffe ich, Mum, das hoffe ich.«

Gemeinsam beobachteten sie die Pferde, auf denen ihre Hoffnung und die Zukunft ihrer Heimat lagen.

»Alles wird gut«, beschwor Victoria. »Es muss gut werden. Du hast zu viel riskiert. Wir dürfen nicht alles verlieren.«

»Wir haben schon gewonnen durch diese drei«, antwortete Florence. »Und ich habe endlich erfahren, wen ich liebe und wo ich zu Hause bin.«

Ein plötzlicher Windstoß ließ sie frösteln und sie war froh, dass ihre Mutter ihr die Jacke mitgebracht hatte.

Kapitel Eins

Beerburrum Nationalpark, Australien

Der Beerburrum Nationalpark war nach Franziskas Ansicht einer der schönsten in Queensland. Sie liebte vor allem den Blick auf die Glass House Mountains, die Formation von zwölf Hügeln, für die der Begriff »Berge« übertrieben schien. Die Gipfel schimmerten blau im Morgen- und Abendlicht. Besonders hoch waren sie nicht, die Glass House Mountains, dennoch wirkten sie vor der Weite der Wälder und dem unendlichen Himmel wie Monumente. Wenn Franziska sich nicht irrte, war der Mount Berwah mit rund 550 Metern der höchste von ihnen.

Doch heute hatte sie für die Schönheit der Landschaft kaum einen Blick, denn es galt, etwas Schreckliches zu verhindern.

Vor vier Tagen hatten die Brumby-Retterinnen erfahren, dass in Beerburrum neue Abschüsse geplant waren. Daher waren sie mit zehn Personen in den Nationalpark gereist, hatten sich an drei Standorten verteilt, Pferde gemietet und seitdem auf ihren Einsatz gewartet. Heute war es so weit. Vor ihnen erstreckte sich ein gerader Sandweg an beiden Seiten umsäumt von hohen grünen Bäumen, einer Mischung von Kiefern und Eukalyptus. Jedenfalls meinte Franziska das. Noch immer konnte sie die australischen Bäume nicht exakt benennen.

Ich muss mich endlich einmal mit der australischen Flora beschäftigen. Langsam wird es peinlich, wie wenig ich darüber weiß. Aber das hatte sie sich schon so oft vorgenommen und dann immer wieder vergessen.

Aufgrund der Trockenheit der letzten Wochen war der Sand hart wie Stein und man hörte die Hufe der Pferde klappern. Regen war dringend nötig, um das Grün der Wälder und des Busches zu erhalten.

Normalerweise wäre es der perfekte Tag gewesen. Franziska ritt auf einem eleganten Pferd, Riley an ihrer Seite. Das Wetter war wunderbar, weder zu warm noch zu kühl. Wenn Franziska nicht gewusst hätte, dass Tara und Faith, ihre Aborigine-Freundinnen, sie begleiteten, hätte es sich angefühlt, als wären Riley und sie allein auf der Welt.

Als hätte er ihre Gedanken gelesen, wandte er ihr sein schmales Gesicht zu und lächelte.

Rileys hellbraunen Haare hatte die australische Sonne blonde Strähnchen geschenkt. Das war etwas, um das Franziska ihn beneidete; sie musste der Natur immer durch Farbe nachhelfen.

Seine Augen waren von einem warmen Blau; ein Grübchen in seinem Kinn milderte die Kanten seines Gesichts. Er stand kurz davor, seine Doktorarbeit in Meeresbiologie abzuschließen, die sich mit der Frage beschäftigte, wie man das GreatBarrier Reef retten konnte.

»Wir sollten öfter hierherkommen«, sagte Franziska. »Zu besseren Anlässen. Es ist wunderschön hier. Und so furchtbar. Warum können die Menschen die Pferde nicht in Ruhe hier leben lassen?«

Das Land war unendlich weit und bot viel Platz. Wieso mussten die Pferde erschossen werden? Konnte man sie nicht fangen und sterilisieren, um sie danach wieder freizulassen? Franziska wünschte, sie hätte früher von der Brumby-Allianz erfahren und mehr tun können. Wenn sie davon gewusst hätte, hätte sie einen Teil ihres geerbten Geldes für die Rettung der Pferde einsetzen können. Zu spät, sie musste mit dem arbeiten, was ihr zur Verfügung stand.

Da war sie wieder ihre alte Ungeduld – alles sollte möglichst sofort und möglichst perfekt geschehen. Warum konnte Franziska sich nicht damit begnügen, jetzt etwas zu tun? Warum wollte sie immer mehr und mehr?

Die Schönheit und Ruhe der Natur kamen ihr unwirklich vor. Hinter den markanten Silhouetten der Berge war der Himmel azurblau. Ein Wolkenband sah aus, als hätte jemand mit einem Aquarellpinsel Weiß über das Blau gestrichen. Vor den Bergen erstreckten sich die Wälder in einem so satten tiefen Grün, wie sie es aus Deutschland nicht kannte. Australien war ein Land der starken Farben und der Weite.

»Hoffentlich sind wir nicht zu spät!« Franziska warf einen schnellen Blick nach links. Sie trieb ihre Fuchsstute in den Trab.

Sie zuckte zusammen, als die Rotoren der Helikopter zu hören waren. Verdammt! Trotz aller Bemühungen waren sie wohl doch zu spät.

Als hätte sie ihre Gedanken geahnt, trieb Faith ihren Rappen zu einem schnellen Galopp und raste an Franziska vorbei. Auch Franziska presste ihre Schenkel ans Pferd, das einen Satz nach vorne machte und dann losrannte. Zu spät, denn es erklangen bereits die ersten Schüsse.

Verdammter Mist! Wären wir nur früher gekommen! Verzweiflung schnürte Franziskas Kehle und sie beugte sich weit vor. Die fuchsfarbene Mähne schlug ihr ins Gesicht, der Wind oder die Traurigkeit trieben ihr Tränen in die Augen.

Hoffentlich waren Abigail, Crystal und Kimberly rechtzeitig gekommen. Die Brumby-Retterinnen hatten Franziska und Riley vor einer Stunde angerufen.

»Es wird ernst.« Abigails Stimme hatte gepresst geklungen, als ob sie Tränen unterdrückte. »Sie sind unterwegs, um die Brumbys abzuschießen.«

Noch immer fiel es Franziska schwer zu fassen, dass die Queenslander Regierung den Befehl erteilt hatte, die Wildpferde, die im Beerburrum lebten, einfach abzuschießen. Die Brumbys konnte doch nichts dafür, dass sie sich im Nationalpark vermehrten. Es waren Nachfahren von Pferden, die europäische Siedler ins Land gebracht hatten. Als Queensland im 19. Jahrhundert drei Jahre hintereinander von schlimmen Dürren heimgesucht worden war, hatten die Siedler ihre Pferde einfach freigelassen und ihrem Schicksal überlassen.

Franziska wollte sich gar nicht ausmalen, wie viel Pferde damals verhungert und verdurstet waren, aber einige von ihnen hatten es geschafft, trotz der Dürre zu überleben. Nun gab es Herden, die im Beerburrum Nationalpark frei lebten. Immer wieder gab es Zeitungsberichte von Farmern, denen Brumby-Hengste teure Zuchtstuten entführt hatten, oder die sich darüber beschwerten, dass die Wildpferde auf ihrem Gebiet eingedrungen waren und dort Futter stahlen.

Franziska konnte die Farmer teilweise verstehen, aber sie war der Ansicht, dass Töten die allerallerletzte Möglichkeit sein sollte. Als sie vor einem halben Jahr von den geplanten Erschießungen in der Zeitung gelesen hatte, hatte sie Kontakt zu einem Verein von Brumby-Retterinnen aufgenommen und gemeinsam mit ihnen ein Konzept überlegt.

Einen Plan, um wenigstens einige der vom Tod bedrohten Pferde zu retten. Doch leider hatten sie wohl doch zu lange überlegt, denn jetzt waren die Hubschrauber unterwegs … Hubschrauber, in denen Männer mit Gewehren saßen, die panische und wehrlose Pferde abschießen wollten.

»Noch ist nicht alles verloren!«, rief Riley ihr zu. Sein Brauner war ein schnelles Pferd und überholte sie, zog auch an Faith vorbei. Franziska konnte nur hoffen und beten, dass er recht behielt. Der Weg durch den Wald kam ihr endlos vor.

Da erklangen wieder Schüsse. Endlich, endlich lichteten sich die Bäume und sie konnte das Tal sehen, das Tal, in dem Brumbys seit Jahrzehnten, vielleicht sogar seit Jahrhunderten friedlich lebten und nun einem furchtbaren Schicksal entgegensahen.

Die Wildpferde galoppierten panisch davon: schwangere Stuten, Stuten mit Fohlen, Jährlinge, der Leithengst und die Junghengste, die sich in der Nähe der Herde aufhielten. Die wilden Pferde hatten keine Chance, ihren Verfolgern zu entkommen, die sie aus den Helikoptern heraus gezielt erschossen.

»Wir müssen irgendwie zwischen die Pferde und die Hubschrauber kommen«, brüllte Tara, die sich weit über den Hals ihres Pferdes beugte und an Franziska vorbeipreschte.

Das klang riskant, aber auch erfolgversprechend. Franziska trieb ihre Stute an und wünschte sich, es wäre Silver, den sie besser kannte als dieses Pferd, das sie sich vor zwei Tagen geliehen hatte, um ihrer Aufgabe gerecht zu werden. Sie spürte, wie die Stute sich unter ihr bemühte, schneller zu werden, dennoch wuchs der Abstand zu den panisch flüchtenden Wildpferden. Drei junge Stuten, noch ohne Fohlen, brachen plötzlich nach rechts aus, als ahnten sie, dass es gefährlich wäre, weiter im Schutz der Herde zu verbleiben.

Obwohl Franziskas Pferd in vollem Galopp lief, konnte sie alle Schrecken erkennen, die sich vor ihr abspielten, als sähe sie es in Zeitlupe.

Ein Fohlen stolperte und ging zu Boden. Sofort blieb seine Mutter stehen und wandte sich zu ihrem Kleinen um. Wieder und wieder stupste sie es mit dem Maul an, damit es sich erhob und mit den anderen davonrannte, die sich immer weiter von den beiden entfernten. Franziska hielt ihren Blick auf die Szene geheftet. Das können sie nicht tun. Sie können nicht die Mutter und das Kleine erschießen.

In dem Moment erklang der Schuss.

Franziskas Augen füllten sich mit Tränen, als sie hilflos zusehen musste, wie ein brauner Jährling sich überschlug, nachdem ihn eine Kugel getroffen hatte. Wie konnten die Australier so grausam sein, die Pferde zu erschießen, die nichts dafürkonnten, dass die Menschen sie ins Land gebracht hatten? Faith hatte ihr Pferd verlangsamt und brachte es neben Franziska.

»Wir können versuchen, sie vom weiteren Töten abzuhalten.« Ihre ebenmäßigen Gesichtszüge waren düster vor Traurigkeit. »Wenn wir es schaffen, mit unseren Pferden in die Herde zu reiten, werden sie hoffentlich das Schießen einstellen.«

Faith hatte letzten Monat ihren 30. Geburtstag gefeiert; die hochgewachsene schlanke Aborigine-Frau war eine echte Schönheit mit hellbraunen Locken und tiefdunklen braunen Augen, in denen sich Zorn und Trauer spiegelten.

»Die Chancen sind gering.« Riley stieß ein zorniges Schnauben aus. »Welches Pferd galoppiert unter einem Reiter so schnell, dass es eine kopflos davonjagende Herde einholen kann?«

»Wenn wir es nicht versuchen, sind die Pferde gänzlich verloren!« Franziska presste ihrer Stute die Schenkel an den Leib und lehnte sich nach vorne, während ihr Pferd im gestreckten Galopp ins Tal stürmte.

»Da!«, rief Faith und deutete nach vorn. »Die Pferde und wir haben wohl Glück.«

Franziskas Herz schlug schneller. Ja, dort vorn ballten sich dunkle Wolken zusammen. Gleich würde das Wetter wechseln, so wie es typisch für Queenslands Sommer war. In einer Minute war es strahlend schön; in der nächsten sammelten sich Wolken und der Regen drohte, das Land zu ertränken. Sie hielt ihr Pferd an und sandte eine stumme Bitte zum Himmel: Regne bitte, regne bitte, regne wie eine Sintflut.

In der Ferne über den Bergen sah sie die ersten Blitze zucken, Donner grollte, das Unwetter kam schnell näher. Die Hubschrauberpiloten schienen es auch bemerkt zu haben und drehten bei.

»Unsere Ahnen meinen es gut mit uns«, sagte Tara. »Sie haben uns Hilfe geschickt.«

»Aber es wird nur für eine kurze Zeit helfen«, antwortete Faith.

»Für heute haben wir gewonnen«, widersprach Franziska.

»Ich bin ungern der, der Wasser in den Wein gießt«, mischte sich Riley ein, »aber nicht wir haben gewonnen, sondern das Wetter hat uns gerettet.«

Er atmete tief aus. »Wir müssen uns dringend Wege überlegen, wie wir schneller reagieren können.«

»Das planen wir morgen.« Franziska nahm die Zügel auf. »Lasst uns zurückreiten, bevor wir völlig durchnässt sind.«

Sie brachten die Pferde in einen leichteren Galopp. Trotzdem peitschte der Regen auf ihre Haut, tropfte in ihr Gesicht und durchnässte die Kleidung. Schon nach kurzer Zeit klebten ihr Jeans und T-Shirt feucht auf ihrer Haut.

Sie nahm es gelassen hin. Wichtig war nur, dass die Pferde heute sicher waren.

Obwohl der Regen ihr in die Augen prasselte, hielt Franziska ihre Stute an, denn vor ihren Augen entfaltete sich ein wunderschönes Bild. Nasser werden konnte sie ohnehin nicht mehr.

Auf der rechten Seite waren die Berge von der Sonne beschienen, deren Licht einen goldleuchtenden Kontrast zu den tief dunklen Wolken bildete, die Regen mit sich brachten. Auf der linken Seite hatte der Regen bereits eingesetzt und bildete eine graue Wand vor den Bergen.

Aus dem Augenwinkel bemerkte Franziska, dass sich neben ihr auf dem Baum etwas bewegte, und zuckte zusammen. Ihr Pferd erschrak ebenfalls und trabte an. Sie nahm die Zügel auf und wendete die Stute, um zu sehen, was ihre Aufmerksamkeit geweckt hatte. Es war ein Baumfrosch. Als geborene Deutsche, die Amphibien nur im Wasser kannte, hatte Franziska sich erst daran gewöhnen müssen, dass in Australien Frösche auf Bäume kletterten.

Dieses Tier musste ein Weibchen sein; das hatte Franziska inzwischen gelernt, die waren größer als die Männchen. Der Frosch war grün mit goldenen Augen und den für Baumfrösche typischen flachen Scheiben an ihren Füßen, mit denen sie den Baum hochklettern.

»Was ist? Warum hast du angehalten?« Riley hatte sein Pferd ebenfalls gewendet und war zu ihr gekommen.

»Ich war nur neugierig, ich hatte etwas gesehen und wollte wissen, was es ist.«

»Ein Baumfrosch. Davon gibt es Tausende hier.«

»Ja, aber ich finde sie immer noch faszinierend. In Deutschland klettern sie nicht, jedenfalls nicht, dass ich wüsste.«

»Hier gibt es nicht nur den normalen«, erklärte Riley, der sich mehr als Franziska für die Tier- und Pflanzenwelt seiner Heimat interessierte. »Wenn du Glück hast, sehen wir den lachenden Baumfrosch.«

»Du willst mich veralbern.« Sie war froh, über so etwas Leichtes sprechen zu können. Sowohl ihr Herz als auch ihr Kopf benötigten Zeit zu begreifen und zu verarbeiten, was sie eben gesehen hatte. Franziska mochte sich gar nicht vorstellen, was geschehen wäre, hätte es nicht das Gewitter gegeben.

»Das würde ich nie wagen.« Er grinste sie an, sein braunes Haar lag flach am Kopf und wirkte beinahe schwarz durch den Regen. »Nein, es gibt wirklich den sogenannten üblichen lachenden Baumfrosch.«

»Falls du ihn siehst, zeig ihn mir bitte. Vorher glaube ich das nicht.« Franziska hatte sich daran gewöhnt, dass es den Kookaburra gab, deren Gezwitscher klang wie ein Lachen. Aber dass es auch einen Frosch geben sollte, der lachte, konnte sie nun wirklich nicht glauben.

»Doch, du kannst mir vertrauen«, antwortete Riley und griff sich mit der Hand ans Herz, als hätte sie ihn tief gekränkt. »Du wirst ihn erkennen, wenn du ihn hörst. Sein Quaken klingt wie ein kurzes Lachen.«

»Ihr habt schon seltsame Tiere hier.«

»Das macht uns auch zu etwas Besonderem.« Er zwinkerte ihr zu. »Komm, lass uns zurückreiten, bevor wir uns erkälten.«

Kapitel Zwei

Amber’s Joy, Australien

Das entsetzliche Erlebnis hatte Franziska und Riley so angegriffen, dass sie drei Tage vergehen ließen, bevor sie mit ihren Freunden darüber reden mochten.

Sie hatten Tara und Faith eingeladen, bei ihnen zu Abend zu essen und zu überlegen, wie man beim nächsten Mal schneller informiert werden könnte und welche Möglichkeiten ihnen blieben, den Brumbys effektiver zu helfen.

Riley hatte vorgeschlagen, erst im kleinen Kreis miteinander zu reden, bevor sie sich mit dem Team der Brumby-Retterinnen trafen. Franziska hatte noch Andrew, Rileys Vater, dazu gebeten, der der Verwalter der Farm war und sich am besten mit Pferden und auch mit Amber’s Joy auskannte. Und sie hatte Hayley eingeladen, Rileys Cousine und ihre beste Freundin, die leider in Perth studierte und daher viel zu selten zu Besuch kam. Hayleys Hauptfach war Marketing und Franziska erhoffte sich von ihr gute Ideen, wie sie den Wildpferden Queenslands helfen konnten.

Franziska hatte sich bereit erklärt, für alle zu kochen, und stand nun am Herd, während ihre Freundinnen und ihre Familie an dem hellen Holztisch saßen, der schon seit Generationen in der Küche von Amber’s Joy stand. Holly, die Köchin, hatte die Chance genutzt, nach Brisbane zu fahren, um ihren neuen Freund zu besuchen.

Franziska würzte mit etwas Salz nach und gab den klein geschnittenen Tofu in das brodelnde Curry. Obwohl ihr bei dem Gedanken an die bevorstehende Diskussion flau war, knurrte ihr Magen.

»Gleich gibt es Essen.« Franziska drehte sich um und ließ ihren Blick von Riley zu Tara und Faith und dann zu Hayley und Andrew wandern, die am Tisch saßen und sie wartend ansahen. »Das Curry ist in wenigen Minuten fertig.«

Vorsichtig rührte sie den Tofu unter die Gemüsemischung. Mit halbem Ohr lauschte sie der Unterhaltung, die sich hinter ihr entspann. Riley erzählte von seinen Forschungen am Great Barrier Reef, Tara berichtete von den Projekten, die ihre Stiftung bereits angeschoben hatte, und Hayley amüsierte alle mit Anekdoten aus ihrem Studium und Geschichten aus Brandons Sportlerleben.

Brandon, Hayleys Freund, war ein Aborigine und einer der bekanntesten Football-Spieler Australiens, was leider dazu führte, dass er oft zu wichtigen Spielen seiner Football-Mannschaft reiste – so auch heute. Aber Franziska war sich sicher, dass er ihnen immer zur Seite stehen würde. Brandon fand das Abschießen der wilden Pferde ebenso furchtbar wie sie.

Franziska hatte nicht gewagt, ihn zu fragen, ob er sich den Brumbys näher fühlte, weil er ein Ureinwohner Australiens war, da ihr das irgendwie unpassend vorkam. Andererseits musste sie zugeben, dass es sie schon interessierte.

»Ihr wollt also Brumbys retten?«, meldete sich endlich Andrew zu Wort.

Das war für Franziska das Signal, sich umzudrehen. Rileys Dad sah nicht besonders glücklich aus.

Sie wusste nur zu gut, dass Andrew ihren Plänen skeptisch gegenüberstand. Wenn es nach ihm gegangen wäre, würden sie weiter Pferde züchten und hoffen, dass die Marktsituation sich irgendwann in den nächsten Jahren besserte. Franziska und Riley hingegen plädierten dafür, aus der Farm einen Reitbetrieb zu machen, der gleichzeitig einigen australischen Wildpferden ein Heim bot.

Andrew hielt nicht viel von Brumbys, den zotteligen, oft mageren, verwilderten Hauspferden. Aber er hatte einsehen müssen, dass es Amber’s Joy finanziell nicht gut ging, sodass sie ein neues Konzept brauchten. Franziska hatte Tara und Hayley zum Essen eingeladen, um den skeptischen Andrew davon zu überzeugen, dass ihre Idee Hand und Fuß hatte und realisierbar wäre.

Franziska wusste nur zu gut, wie sehr Andrew Veränderungen auf Amber’s Joy hasste. Wenn es nach ihm gegangen wäre, würden sie weiter Pferde züchten, auch wenn das keinen Gewinn brachte.

Andrew sah aus wie die ältere Version seines Sohnes: Er war zäh, hochgewachsen und schlank. Gesicht und Hände waren sonnenverbrannt mit tiefen Falten um Augen und Mund. Er hatte das typische Blinzeln des Aussie-Blicks. Den Blick eines Menschen, der sehr viel Zeit im Freien verbrachte und in die Sonne sah.

»Ja, Dad.« Wie immer, wenn sie Rileys dunkle Stimme hörte, glitt Franziska ein Schauder über den Rücken. Nie hätte sie gedacht, dass sie einen Menschen so sehr lieben konnte. »Dad, du musst zugeben, dass die Pferdezucht sich einfach nicht mehr lohnt. Und wenn dir Pferde am Herzen liegen, solltest du auch versuchen, Brumbys vor dem Tod zu retten.«

»Sie waren nicht dabei, Mister Chandler.« Taras Stimme klang ruhig wie immer, aber Franziska merkte ihr die Traurigkeit und Verzweiflung deutlich an. »Es war entsetzlich, die wunderschönen Pferde sterben zu sehen.«

»Selbst Stuten und Fohlen haben sie erschossen.« Aus Faiths Tonfall klang unterdrückter Zorn. »Und ein oder zwei Pferde haben sie nur verwundet, sie werden elend zugrunde gehen.«

Für einen Moment schwiegen alle, als sie sich daran erinnerten, was sie vor drei Tagen erlebt hatten. Die erschossenen Pferde, die auf dem Boden verrotten oder zu Hundefutter verarbeitet würden, die panisch wiehernden Überlebenden, die gar nicht begreifen konnten, woher der Tod gekommen war, und was mit ihrer Familie geschehen war.

Falls Franziska noch Zweifel gehegt hatte, ob die Idee, Brumbys auf Amber’s Joy ein Heim zu geben, richtig war, waren diese seit dem grauenvollen Anblick verschwunden. Auch wenn sie nicht viel ausrichten konnte, musste sie tun, was möglich war. Lieber nur wenige Leben retten als gar keins!

»Egal, was ihr plant, ich bin auf jeden Fall dabei.« Hayley, Rileys Cousine, schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. »Brandon wird auf jeden Fall mitmachen, das hat er mir versprochen. Habe ich schon gesagt, dass er euch grüßen lässt?«

Hayley hatte ihre hellbraunen Haare raspelkurz geschnitten und platinblond gefärbt, was wunderbar mit ihrer sonnengebräunten Haut harmonierte. Im vergangenen Jahr hatte Hayley mehr Rundungen angesetzt, weil sie weniger Zeit mit Volleyball spielen und mehr Zeit mit ihrem Studium verbrachte. Das stand ihr ausnehmend gut.

»Ihr wisst schon«, warf Andrew ein, »dass Wildpferde nicht einfach zu zähmen sind. Außerdem kann ich mir nicht vorstellen, dass Touristen herkommen wollen. Hier gibt es nichts.«

Franziska hätte am liebsten laut geseufzt. Andrew suchte immer nach Begründungen, warum die Idee eines Reiterhofs auf Amber’s Joy schlecht war. Es kam ihr vor, als wäre Rileys Vater überhaupt nicht bereit, darüber nachzudenken, etwas Positives daran zu finden. Sicher, ein Reiterhof wäre eine Veränderung für sie alle, aber auch eine immense Chance. Andrew sah das offensichtlich anders.

»Dad, soooo weit weg von Brisbane liegen wir nicht«, sagte Riley und zwinkerte Franziska zu. »Wir könnten einen Abholdienst zum Flughafen oder zum Hotel oder sonst etwas organisieren, um die Menschen hierher zu bringen.«

Nun war Franziska gespannt, welches Problem Andrew für diese Lösung einfallen würde.

»Außerdem wollen wir Reitausflüge für Menschen anbieten, die Ruhe und Natur suchen«, argumentierte Riley weiter.

»Ich stimme euch ja grundsätzlich zu.« Wie immer ließ Andrew sich Zeit mit der Antwort. Er schien alles gut zu durchdenken, bevor er ein Wort von sich gab. »Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass Menschen Brumbys reiten wollen und dafür Geld bezahlen.«

Franziska rührte das Curry noch einmal um und überlegte, ob sie ihm antworten sollte, doch da das Verhältnis zwischen ihnen nicht einfach war, schwieg sie.

»Das kommt auf das Marketing an, Onkel Andrew«, sagte Hayley mit einem Lächeln. »Brumbys und Mustangs sind für viele Menschen der Inbegriff von Freiheit und Abenteuer!«

Das liebte Franziska an Rileys Cousine. Sie konnte sich unglaublich für etwas begeistern und war in der Lage, ihre Leidenschaft auf andere Menschen zu übertragen.

Andrew überlegte und verzog den Mund. »Franziska«, sagte er schließlich, »Riley, ich will euch nicht eure Hoffnung nehmen, aber jemand muss über die praktischen Seiten eurer Idee nachdenken. Wir brauchen Leute, die die Touren mit den Touristen machen. Riley, du schreibst deine Doktorarbeit …«

Franziska hatte erwartet, dass Riley dagegen argumentierte. Schließlich war es vollkommen egal, wo er seine Doktorarbeit schrieb. Die Daten vor Ort, am Great Barrier Reef, hatte er bereits gesammelt und ausgewertet. Er musste dem Text nur noch den letzten Schliff geben. Schreiben und überarbeiten konnte er auch hier. So weit abgelegen Amber’s Joy auch von Brisbane lag, schnelles Internet gab es hier glücklicherweise.

Vorsichtig kostete Franziska von dem heißen Essen. Ja, nun war es gut. Sie griff nach Handschuhen, nahm den Topf vom Herd und stellte ihn auf den Tisch. Dann holte sie Kelle und Joghurt mit Minze, den sie zu dem Curry stellte. Gemeinsam genossen sie in friedlichem Schweigen das Essen.

»Lecker«, brach Hayley schließlich die Stille. »Ich kann auf jeden Fall einen Marketingplan für die Farm entwerfen.«

»Faith und ich überlegen uns etwas, wie wir als Ureinwohner Interesse für das Brumby-Reiten wecken können.«

Faith bestätigte mit einem Nicken Taras Vorschlag. Auf die Idee war Franziska bisher nicht gekommen, die Brumbys und die Aborigines miteinander zu verbinden.

Franziska wusste nicht weshalb, aber die Ureinwohner kamen mit den australischen Wildpferden viel besser zurecht als die weißen Stockmen. Auch auf Amber’s Joy arbeiteten zwei Ureinwohner als Zureiter. Caleb und Jessie lebten schon lange auf Amber’s Joy und gehörten mit zur Familie. Franziska schätzte sie, weil sie freundlich und ruhig mit den Pferden umgingen und ihnen nicht den Willen aufzwangen.

»Danke.« Sie nickte Tara zu.

»Ich bin zwar immer noch nicht überzeugt«, sagte Andrew schließlich, »aber wenn ihr alle dafür seid, muss ich es wohl ausprobieren.«

Bevor Franziska sich bei ihm bedanken konnte, klingelte ihr Smartphone.

»Entschuldigung.« Sie stand auf. Es kam selten vor, dass jemand sie anrief. Meist war es Caro, ihre Freundin, die im Moment durch Guatemala reiste und plante, sich an einer Ausgrabung eines Maya-Tempels zu beteiligen.

Als Franziska Caro auf die Gefahren Mittelamerikas hingewiesen hatte, hatte ihre Freundin nur gelacht. »Guatemala ist nicht gefährlicher als Australien. Hier gibt es deutlich weniger giftige Viecher.«

»Franziska Lindhoff«, meldete sie sich und lauschte dann nur noch. Ihr fehlten die Worte und sie fühlte sich, als müsste sie gleich das Curry ausspucken.

»Ja, ja, das passt. Bis morgen«, brachte sie stotternd hervor und legte auf. Fassungslos drehte sie sich zu ihren Freundinnen und ihrer Familie um, unfähig, etwas zu sagen.

Nachdem sie den ersten Schrecken verdaut hatte, atmete Franziska tief ein. Es fühlte sich an, als hätte ein Pferd ihr einen Tritt in den Magen versetzt. Niemand sagte ein Wort, ihre Freunde und Familie sahen sie nur besorgt an.

»Ich brauch etwas zu trinken.« Sie stieß einen Seufzer aus. »Etwas Kräftiges. Whisky oder Wodka oder Gin-Tonic, ist mir egal. Hauptsache, etwas Starkes.«

»Was ist, Darling?« Riley stand auf und eilte zu ihr, um sie in die Arme zu nehmen. »Ist etwas mit Carolin oder deiner Schwester?«

»Nein.« Franziska holte tief Luft. »Caro geht es gut und von Alina habe ich ewig nichts gehört.«

Als wäre das jetzt von Bedeutung. Aber sie brauchte noch ein wenig Zeit, sich von dem Schrecken zu erholen. Der Anruf war zu überraschend gewesen.

»Es war … es war unser Anwalt«, stieß sie schließlich hervor. »Anscheinend gibt es einen weiteren Erben für Amber’s Joy!«

»Was?« Auch Andrew war aufgesprungen und kam auf sie zu, Unglauben in seinem Blick.

Hayley und Tara blieben am Tisch sitzen, als wagten sie es nicht, die Familie zu stören.

Franziska holte tief Luft und dann noch einmal. »Es wird schon gut gehen«, sagte sie mit mehr Mut und Zuversicht, als sie wirklich verspürte. »Egal, wer es sein mag, wir werden uns mit ihm einigen.«

»Bei uns erzählt man auch keine Geschichten über einen weiteren Erben«, sagte Tara, aber Franziska wusste nur zu gut, dass ihre Freundin nicht alle Geschichten kannte. Das Vorrecht besaß nur Sam, der Songman, der wie eine Art lebende Bibliothek alle Erzählungen und alles Wissen der Aborigines kannte und dafür sorgte, dass sie von Generation zu Generation weitergegeben wurde.

Franziska seufzte. Sam teilte sein Wissen immer nur bröckchenweise und oft in stark verklausulierten Worten, die viele Interpretation zuließen. Daher fand sie es schwierig, den Songman nach der Geschichte der Familie Wagner zu fragen.

Sie kehrte an den Tisch zurück, aber das Planen konnten sie nicht einfach wieder aufnehmen. Schweigend aßen sie auf, dann verabschiedeten sich Tara, Faith und Hayley und fuhren zurück nach Brisbane.

»Es wird schon gut werden«, sagte Tara, bevor sie Franziska umarmte. »Wir sind immer für dich da.«

Riley kochte Tee für alle und schenkte ihnen die Tassen ein. Andrew spielte mit der Tasse und drehte sie in seinen breiten Händen, die von der schweren Arbeit auf der Farm voller Schwielen waren.

»Ich habe noch nie von einem anderen Erben gehört.« Andrew runzelte die Stirn, Franziska konnte seine Miene nicht deuten. »Ella hätte mir sicher davon erzählt.«

»Oder sie hätte ihn in ihrem Testament erwähnt.« Franziska war genauso fassungslos wie er, versuchte aber mit aller Kraft, sich an ein paar optimistische Gedanken zu klammern.

»Lass uns ins Bett gehen.« Warm legte sich Rileys Hand auf ihre Schulter. »Heute können wir nur spekulieren und das macht uns nur nervös.«

Kapitel Drei

Brisbane, Australien

»Hast du eine Idee, was schlimmstenfalls passieren kann?« Franziska schaute zu Riley, der den Wagen mit sicherer Hand steuerte. Er wandte ihr sein Gesicht zu und lächelte, was ihr das Gefühl von Wärme und Sicherheit vermittelte. Egal, was auch geschehen mochte, solange Riley zu ihr hielt, würde sie alles schaffen.

»Bestenfalls«, antwortete er, typisch für ihn, denn er dachte immer erst an die gute Nachricht, bevor er sich mit der schlechten beschäftigte. »Bestenfalls müssen wir Geld auftreiben, um ihn auszuzahlen, haben dann aber unsere Ruhe. Schlimmstenfalls müssen wir in einen langen Prozess eintreten, um die Erbmasse zu verteilen.«

»Das hat Ella gewiss nicht gewollt.«

Ella war Franziskas Großtante, die sie kennengelernt hatte, als sie vor vier Jahren nach Australien gekommen war. Leider war Ella schwer krank gewesen und kurz nach ihrem ersten Kennenlernen gestorben, sodass viele Fragen offengeblieben waren, die Franziska noch über die australische Seite ihrer Familie hatte.

Zu Franziskas großer Überraschung hatte Ella ihr die Farm und viel Geld vererbt. Nach einer Traumreise vor zwei Jahren hatte Franziska sich entschlossen, dieses Geld den Menschen zu geben, denen es ihrer Meinung nach gehörte: den Yaggera, den Ureinwohnern, die immer auf diesem Land gelebt hatten. Gemeinsam mit Tara und Faith, ihren Freundinnen, hatte Franziska eine Stiftung gegründet, die Projekte für die Ureinwohner Queenslands auflegte und half, deren Kultur und Wissen für ihre Nachkommen zu bewahren.

»Ella wird sich etwas dabei gedacht haben«, merkte Riley an.

»Ein Prozess – wie sollen wir uns das leisten?« Franziska seufzte. »Auch das Auszahlen wird nicht so einfach. Das meiste Geld steckt in der Stiftung.«

»Ich weiß, aber wir werden einen Weg finden. Gemeinsam.« Riley lächelte ihr zu und konzentrierte sich dann wieder auf die Straße. Inzwischen waren sie in Brisbane angekommen, der modernen australischen Metropole, in der sie gemeinsam eine Zeit lang gelebt hatten. So sehr Franziska das Stadtleben mochte, so sehr sie es liebte, sich einen Coffee to go zu holen, sie vermisste Brisbane seltsamerweise nicht. Franziska war glücklich auf Amber’s Joy mit den Pferden, den Menschen, die dort lebten, und vor allem mit Riley. Leider hielt er sich oft am Great Barrier Reef auf, wo er seine Doktorarbeit über die Rettung der Korallen schrieb. Ab und zu begleitete sie ihn, doch meist blieb sie auf der Farm, denn irgendetwas fand sich immer zu tun: Zäune zu flicken, kleinere Wunden bei Mensch und Tier zu versorgen, Pferde zu bewegen und gemeinsam mit Andrew die Finanzen zu planen.

Der Verkehr wurde stärker und Franziska war froh, dass sie nicht am Steuer saß. Sie konnte zwar Auto fahren, tat es aber nicht wirklich gerne. Riley hingegen fuhr so, wie er alles anging: gelassen und sicher.

Als meinte das Schicksal es gut mit ihnen, fanden sie sofort einen Parkplatz vor der Kanzlei in der Ann Street, in der Nähe der Universität.

Da ihnen noch eine halbe Stunde bis zu dem Termin blieb, schlenderten sie Hand in Hand die Straße entlang, schauten in die Schaufenster und holten sich zwei Cappuccinos. Endlich war es an der Zeit, von ihrem Anwalt zu erfahren, was sich zugetragen hatte. Andrew, der mit seinem eigenen Auto gefahren war, erwartete sie bereits vor der Tür des Hauses.

Gemeinsam betraten sie die Kanzlei, wo eine Sekretärin sie abholte und ins Büro des Anwalts brachte.

»G’day, Mr Wilson.« Inzwischen hatte Franziska sich daran gewöhnt, dass ihr Anwalt aussah wie ein Surfer, den man in einen maßgeschneiderten Anzug gesteckt hatte. Hinter der gebräunten Haut und den sonnengebleichten Haaren verbarg sich ein Jurist, der lange überlegte, bevor er etwas sagte. Aber alles, was er dann von sich gab, hatte Hand und Fuß.

Cecil Wilson schaute sie ernst an. »So eine Situation hatten wir bisher noch nicht. Mein Vorschlag wäre, dass wir mit Mr Kelly sprechen, ob eine gemeinschaftliche Lösung zu finden ist.«

»Aber wie kann das sein?« Franziska hatte sich gestern im Internet über das australische Erbrecht schlaugemacht. Wenn sie richtig verstanden hatte, hatte Ella ihr alles vererbt und damit war das Erbe abgeschlossen. Sobald ein Testament vorlag, besaß es abschließende Gültigkeit.

»Mrs Murdoch hat eine Klausel in ihrem Testament aufgenommen, dass weitere Erben berücksichtigt werden sollten.« Es schien dem Anwalt sichtlich unangenehm, dass er ihnen diese Nachricht zu überbringen hatte. »Sie wissen ja, welche Bedeutung die Familie für Mrs Murdoch hatte.«

»Ja.« Franziska nickte. »Nachdem wir mehr über die Geschichte der Wagner-Frauen herausgefunden hatten, hat Ella vielleicht gehofft, dass es noch Nachfahren von Victoria oder Catherine geben könnte, die sie bisher nicht kannte.«

»Das könnte erklären, warum Mrs Murdoch diesen Passus hinzugefügt hat. Das hat sie erst kurz vor ihrem Tode gemacht, damals, als sie Sie als Erbin eingesetzt hat.«

Oh nein, dachte Franziska, also bin ich selbst schuld daran, dass wir diesen Ärger haben, weil ich Ella auf Catherine und Victoria aufmerksam gemacht habe. Sie hielt inne und schüttelte den Kopf. Was denke ich da nur? Falls es noch Nachfahren gibt, haben die natürlich einen Anspruch auf Amber’s Joy, auch wenn es für Riley und mich schwierig wird.

»Außerdem war Ella jemand, dem es sehr wichtig war, niemanden zu benachteiligen«, fügte Riley hinzu.

»Was kann schlimmstenfalls passieren?«, erklang Andrews Stimme. »Welchen Anspruch kann der neue Erbe haben?«

Er drehte den Ehering an seiner Hand, ein sicheres Zeichen, wie aufgeregt er war. Seine Stimme ließ sich das nicht anhören und man musste ihn schon gut erkennen, um dieses Indiz zu bemerken.

»Das kommt darauf an, in welchem Verwandtschaftsverhältnis er zu Ihnen steht.« Mister Wilson wiegte bedächtig den Kopf von einer Seite zur anderen. »Dann kommt es darauf an, was für Ansprüche er hat, was er sich vorstellt. Das kann man nicht so einfach sagen. Daher habe ich ihn gebeten, heute hierher zu kommen, damit Sie sich kennenlernen und wir etwas mehr über seine Ansprüche erfahren.«

»Heute?« Das war eine unangenehme Überraschung, wie Franziska fand. Eigentlich hätte sie die ganze Sache lieber dem Anwalt überlassen und den Erben erst kennengelernt, wenn eindeutig klar war, wie berechtigt sein Anspruch war.

Sie wusste noch nicht, wie sie mit dieser neuen Situation umgehen sollte, das machte sie nervös. Sollte sie die Ansprüche bestreiten und fordern, dass er erst einmal seine Ansprüche auf Amber’s Joy belegte? Oder sollte sie versuchen, mit ihm zu reden, um gemeinsam eine Lösung zu finden?

Hilfesuchend sah sie Riley an, der wohl ähnliche Gedanken hegte, denn seine Stirn lag in Falten. Auch Andrews Miene wirkte besorgt.

»Können wir das verschieben?« Kaum waren ihr diese Worte über die Lippen, öffnete sich die Tür und seine Sekretärin kam herein.

»Mister Wilson, Mister Kelly und sein Anwalt sind da. Soll ich sie hereinbringen?«

Als der Anwalt sie fragend ansah, nickte Franziska schließlich. Es hatte keinen Zweck zu warten, sie brauchte vorläufig nur darauf hören, was der Mann ihr zu sagen hatte. Reagieren konnte sie später immer noch. Sie holte tief Luft und musterte den Mann, der Amber’s Joy als sein Erbe beanspruchte.

Garrett Kelly war ein gut aussehender Mann um die Dreißig, mit fast schwarzen Haaren und dunkelblauen Augen in einem kantigen Gesicht und mit der Figur eines Mannes, der viel im Freien körperlich arbeitete. Allerdings hatte er einen verschlagenen Zug um den Mund und seine Augen standen ein wenig eng, was seine Attraktivität milderte.

Er stürmte in den Raum, als wollte er sie alle über den Haufen rennen. Sein Blick fiel auf Mister Wilson, den er von oben bis unten musterte und den Mund zu einem höhnischen Lächeln verzog. Erst dann drehte er sich zu Andrew, Riley und Franziska um, sein Lächeln wurde tiefer.

»G’day«, sagten Franziska und Riley gleichzeitig, Andrew hob nur grüßend zwei Finger.

Hinter Mister Kelly betrat ein kleiner Mann den Raum, der aussah, als hätte er seinen Anzug noch von der Konfirmation.

»Guten Tag«, sagte er förmlich und nahm neben Riley Platz, sodass Mr Kelly nur der äußere Stuhl übrig blieb. Doch der Mann setzte sich nicht, sondern starrte Franziska unverfroren an.

»Sie sind also die, die mir mein Erbe gestohlen hat?«, stellte er fest. »Eine Deutsche, die eine Farm in Australien klaut, einfach unglaublich.«

Die Anschuldigung war so dreist, dass ihr keine Antwort einfiel. Sie konnte den unverschämten Kerl nur mit offenem Mund anstarren. Dann wollte sie aufbrausen und holte tief Luft, doch Riley legte beruhigend seine Hand auf ihre.

»Nehmen Sie erst einmal Platz, Mr Kelly«, sagte Riley gelassen. Aber sie spürte, wie es in ihm ebenfalls brodelte. »Wir haben Ihnen nichts gestohlen, wir haben das genommen, was Ella, Mrs Murdoch, uns vererbt hat. Wir wussten nichts von anderen Erben.«

Ein kurzer Moment des Schweigens trat ein. Dann ging Mr Kelly zu dem Stuhl und ließ sich schwer darauf fallen. Sofort lehnte er sich zurück, verschränkte die Hände hinter dem Kopf und machte die Beine breit, als wollte er seinen Platz behaupten.

»Das muss ich Ihnen wohl glauben, ich habe keinen anderen Beweis.« Tonfall und Mimik machten deutlich, dass er Riley kein Wort abnahm.

Franziska hatte sich inzwischen gesammelt. »Woher wissen Sie, dass Sie mit … mit mir verwandt sind?«

»Meine Grandma ist vor drei Wochen gestorben. Ich bin der Einzige, der sich um alles kümmert.« Seine Stimme klang rau, er schien an seiner Großmutter gehangen zu haben. »Also bin ich der Einzige, der die Farm bekommen wird.«

Sie holte tief Luft und wollte etwas erwidern, doch Riley griff nach ihrer Hand und drückte sie. Wie immer gelang es ihm, ruhig zu bleiben, während bei ihr das Temperament durchzugehen drohte. Dankbar nickte sie ihm zu.

»Wir werden eine Lösung finden«, sagte Riley gelassen. »Ella hätte bestimmt nicht gewollt, dass wir uns streiten. Ihr war die Familie wichtig.«

Andrew nickte bestätigend; Franziska hätte sich gewünscht, dass er auch einmal etwas sagte.

»Das ist mir, ehrlich gesagt, ziemlich egal.« Garrett Kelly musterte Riley von oben bis unten. »Wer sind Sie überhaupt? Was haben Sie zu sagen?«

»Das ist Riley Chandler«, nun konnte Franziska nicht mehr an sich halten, »mein Verlobter. Seine Familie arbeitet seit Gründung der Farm dort als Verwalter und er kennt Amber’s Joy garantiert besser als Sie.«

»Aber er gehört nicht zur Familie, also warum ist er hier?«

»Ja, Sie haben recht, ich bin kein Verwandter«, sagte Riley. Franziska vernahm deutlich die Anspannung in seinem Ton. »Aber ich kannte Ella mein ganzes Leben und sie hat uns, meinem Vater und mir, ein Haus, Land und ein paar Pferde vermacht.«

Garrett Kelly stieß ein Schnauben aus. »Da haben Sie die arme alte Frau bestimmt ausgebeutet und ihr das in die Feder diktiert, als sie schon verwirrt war.«

Franziska holte tief Luft und presste die Lippen zusammen. »Nur, was ich selber denk und tu, trau ich jedem anderen zu«, flüsterte Franziska auf Deutsch, was ihr einen misstrauischen Blick von Garrett Kelly einbrachte. Sie lächelte ihn an. Riley, dessen Deutsch immer besser wurde, gab ein unterdrücktes Prusten von sich.

»Woher wissen Sie überhaupt, dass Sie angeblich der Erbe von Amber’s Joy sind?« Franziska musste an sich halten, um den Mann nicht anzuschreien.

»Es war wie im Film. Auf dem Dachboden habe ich Briefe gefunden. Briefe von einer Florence an meinen Urgroßvater.«

»Haben Sie die dabei?« Das Ganze klang für Franziska wie aus einem Roman, aber auch ihre Großtante Ella hatte die wichtigsten Unterlagen auf dem Dachboden versteckt gehabt.

»Selbstverständlich.« Er holte Papiere heraus, die er ihr überreichte. »Natürlich sind das nur Kopien, die Originale sind mir zu wichtig.«

»Danke. Woher wissen Sie, dass es um Amber’s Joy geht?«

»Das steht in einem der Briefe.«

»Kann ich die Papiere mit nach Hause nehmen?« Ihre Stimme zitterte. »Sie werden verstehen, dass ich ein bisschen Zeit brauche, um mich da einzulesen.«

»Meinetwegen.« Er zuckte mit den Schultern.

»Was sind Ihre Forderungen?

---ENDE DER LESEPROBE---