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Am See zelten, unter Sternen schlafen und den Vögeln lauschen – Torbjørn Ekelund erfüllt sich den Traum vom Ausstieg in die Natur und zieht jeden Monat für eine Nacht in den Wald. Auf seinen Mikroexpeditionen findet er nach der Arbeit Ruhe und Abgeschiedenheit. Er spürt beim Fliegenfischen dem Wechsel der Jahreszeiten nach und geht mit seinem kleinen Sohn auf Entdeckungstour. Einfühlsam und inspirierend schildert er, wie wenig man für so ein Abenteuer braucht. Denn Wälder gibt es überall, man muss einfach nur hineingehen.
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Veröffentlichungsjahr: 2016
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Die norwegische Originalausgabe erschien 2014 unter dem Titel »Året i skogen. En mikroekspedisjon« bei Cappelen Damm, Oslo.
Aus dem Norwegischen von Andreas Brunstermann Die Übersetzung wurde gefördert von NORLA, Norwegian Literature Abroad, Oslo.
Mit 46 farbigen Abbildungen
ISBN 978-3-492-97308-3 März 2016 © Cappelen Damm AS 2014 Deutschsprachige Ausgabe: © Piper Verlag GmbH, München/Berlin 2016 Redaktion: Claudia Alt, München Fotos: Torbjørn Ekelund Covergestaltung: Birgit Kohlhaas, Egling Covermotiv: Fotolia (Birkenstruktur) Datenkonvertierung: CPI books GmbH, Leck
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Natur: Der Teil der Wirklichkeit, der nicht vom Menschen bearbeitet ist, sondern durch organische Entwicklung entsteht; das Gegenteil von Kultur.
Aus dem Norwegischen Nationallexikon
Eine Erkundung im Wald
Ausgedehntere Walderkundungen werden heutzutage Expeditionen genannt. Immer mehr Menschen begeben sich auf Expeditionen. Abenteurer, die noch zu Beginn der 1990er-Jahre auszogen, berichten, dass es damals anders war als heute. Schon von der bloßen Idee einer Expedition zu reden konnte dazu führen, dass man auf den Titelseiten der Zeitungen landete. Vom Sofa aus verfolgte das Publikum das Geschehen, und bei ihrer Rückkehr – falls sie zurückkehrten – wurden die Abenteurer wie Halbgötter verehrt. Heutzutage werden sie kaum mehr interviewt, sondern müssen einen Blog über ihre Erlebnisse schreiben, der wiederum mit Hunderten ähnlicher Blogs konkurrieren soll.
Noch immer umweht den Begriff »Expedition« der Hauch des Großen und Wichtigen. Er weckt Assoziationen zu dem Wort »Auftrag«, dem englischen mission. Außerdem haftet ihm etwas Uneigennütziges an, eine Andeutung, die besagt, dass so etwas stellvertretend für andere durchgeführt wird, für eine gute Sache oder zum Wohl der Menschheit.
Darwin begab sich im Namen der Wissenschaft auf Expeditionen. Amundsen wollte Orte sehen, die niemand anderer zuvor gesehen hatte. Sie alle kamen mit mehr oder weniger nützlichen Erkenntnissen zurück. In heutiger Zeit sind dagegen alle Orte längst entdeckt. Unser Planet ist bis auf den letzten Quadratzentimeter genau erforscht, und nur wenige Expeditionen dienen einem anderen Zweck, als bei den Teilnehmern ein Gefühl der persönlichen Befriedigung zu erzeugen.
Expeditionen haben immer ein Ziel. Sie sind davon gekennzeichnet, ja geradezu dadurch definiert, dass sie von Menschen durchgeführt werden, die genau wissen, wohin sie wollen. Sie starten bei A und sollen sich nach B vorarbeiten. Zwischen A und B werden sie auf unzählige Hindernisse stoßen. Hunger und Kälte, gefährliche Tiere, unbeherrschbare Naturkräfte. Am liebsten transportieren sie ihren Proviant ohne die Hilfe anderer, auf einem Schlitten oder im Rucksack. Außerdem ist die Zeit ein wichtiger Faktor. Erreicht eine Expedition nicht das vorab festgelegte Ziel, gilt sie als gescheitert. Erreicht sie das Ziel, hat aber mehr Zeit benötigt als geplant, wird sie in gewisser Weise auch als gescheitert betrachtet.
Die australischen Ureinwohner, die Aborigines, verwenden einen Begriff, der die diametral entgegengesetzte Form einer Expedition beschreibt: den Walkabout. Wobei dieses Wort gar nicht von den Aborigines selbst stammt, sondern eine Übersetzung der Imperialisten ist. Es beschreibt, vereinfacht ausgedrückt, eine Wanderung in den Busch, die kein bestimmtes äußeres Ziel hat, sich über einen undefinierten Zeitraum erstreckt und eine vorher nicht festgelegte Route umfasst. Ins Deutsche ließe sich so etwas am besten mit »im Wald herumstreifen« übersetzen. Ein Walkabout ist die Antithese zur westlichen Expedition, weder zeitlich noch räumlich hat er eine Richtung. Und genau dieses Konzept spricht mich ungeheuer an.
Als ich klein war, wollte ich immer in die Natur hinaus. Soweit ich mich erinnere, war alles, was ich unternahm, von der Natur geprägt. Sie war immer vorhanden, sogar in den kleinsten Dingen. In den Mückenstichen, die mich in hellen Sommernächten nicht schlafen ließen. In dem intensiven Geruch nach Fäulnis und Verfall während der feuchten Herbsttage. In der stummen Verwunderung darüber, dass meine Zunge an eisigen Metallpfosten festklebte, und in dem Schock, als ich begriff, dass ich sie nicht wieder losbekam. Ich war in der Natur, auf eine Weise, wie es vielleicht nur ein Kind sein kann.
Die Jahre vergingen. Ich träumte davon, ein berühmter Forschungsreisender zu werden, ein harter und wortkarger Typ, der Erste, der seinen Fuß auf einen weißen Fleck auf der Landkarte setzte. Ich trieb mich weiterhin in der Natur herum. Ich ging angeln. Ich schlief im Zelt. Ich unternahm Bootsausflüge und kletterte in den Bergen. Das alles machte ich und noch mehr, als ich älter wurde. Ich sah die Wüste und den Regenwald, Vulkane und Lagunen. Ich sah Felsmassive, die so mächtig waren, dass mir der Atem stockte. Dennoch hinterließen diese Naturerlebnisse nicht denselben Eindruck bei mir wie in meiner Kindheit. Sie blieben nicht auf dieselbe Weise in meiner Erinnerung haften. Wie ich herausfand, lag das daran, dass es einen Abstand zwischen mir und dieser Natur gab. Ich stand außerhalb von ihr und betrachtete sie, die eiskalten Berggipfel und die dampfenden Regenwälder. Ich war ein Gast. Wir waren nicht mehr so miteinander verbunden wie in meiner Kindheit.
Als ich klein war, bin ich nie weit gereist. Gleichwohl war jeder Tag eine neue Expedition. Ich befand mich ausschließlich in der Natur, die ich als meine eigene verstand: ein norwegischer Mischwald im Flachland, Fichtenwälder und Forstwege, winzige Vögel in den Laubbäumen, Kiefern auf den Höhenzügen, Sümpfe und Seen, die Schwarzdrossel im Frühjahr, die Mücken an milden Sommerabenden und die Forellen, die ständig an die Wasseroberfläche schnellten. Ich vermisste das Gefühl, in der Natur zu sein, weil ich sie einfach als so bedeutungsvoll erlebt hatte. Dass alle meine eindringlichsten Erinnerungen von der Natur handelten, begriff ich als wichtiges Zeichen.
Heute bin ich erwachsen. Längst habe ich mich an ein Leben gewöhnt, in dem ich viel seltener im Wald bin als in meiner Kindheit. Über lange Zeiträume habe ich nicht ein einziges Mal an den Wald gedacht, weil es immer etwas Wichtigeres gibt. Nicht nur den Job. Menschen und Dinge wollen irgendwohin gebracht oder von irgendwo abgeholt werden, es gibt Geburtstage und Konferenzen, Jubiläumsfeiern und Hilfsaktionen in der Nachbarschaft, Dinge sind instand zu halten und Pläne zu schmieden, Berichte abzugeben und Freunde einzuladen. Meist war ich als freiberuflicher Autor tätig. Die letzten sieben oder acht Jahre habe ich in meinem Büro zu Hause gearbeitet, oder ich war im Vaterschaftsurlaub. Im seligen Durcheinander von Arbeit und häuslichem Leben bin ich wie eine schwergewichtige Fruchtbarkeitsgöttin durch die Küche geschwankt, habe Telefonate geführt, Haferbrei gekocht und meine Kinder auf dem Arm herumgetragen.
Es war ein hervorragendes Leben. Ich habe mich darin wohlgefühlt, es passte zu mir. Aber mir fehlte auch etwas. Und der Wald war zu einem Ort geworden, der der Vergangenheit angehörte.
Unsere Welt besteht im Großen und Ganzen aus zwei verschiedenen Bestandteilen: dem von Menschen geschaffenen Teil und dem, der nicht unseres Ursprungs ist: Kultur und Natur. Auf der einen Seite das, was Technik, Industrie und andere intellektuelle Leistungen hervorgebracht haben. Und auf der anderen: das Organische, das aus sich selbst heraus entstanden ist, sich von allein weiterentwickelt und am Leben erhält, ohne Zutun des Menschen. Befindest du dich in dem einen Element, sehnst du dich nach dem anderen.
Die Vorstellung von der Natur als Quelle der Harmonie und Klarheit ist vermutlich so alt wie die Zivilisation selbst. In vielerlei Hinsicht ist sie banal. Sehnsucht nach der Stille des Waldes zu empfinden setzt voraus, dass wir eine Trennung zwischen der Natur und uns selbst erleben, dass die Natur etwas anderes ist als wir, dass wir heutzutage nicht mehr ein Teil von ihr sind. Sogenannten Naturvölkern wird diese Auffassung wohl eher fremd sein.
Das höchste Ziel der vom Menschen geschaffenen Kultur besteht darin, ihm eine physische und mentale Komfortzone bereitzustellen. Sie soll uns geregelten Zugang zu Nahrung und Wärme gewähren, uns aber auch Sicherheit, Unterhaltung und geistige Anregung bieten.
Kultur sieht so aus: eine Wohnung, ein Sportstudio, ein Kino, eine Bibliothek, eine Kaffeebar, ein Restaurant und eine Kneipe – damit wäre das meiste abgedeckt. Dennoch begeben wir uns oft in die Natur, wenn wir das Bedürfnis danach verspüren, uns abzukoppeln. Warum? Weil der Natur Eigenschaften nachgesagt werden, die im Gegensatz zu dem stehen, was Kultur produziert.
Verursacht Kultur Stress, bietet Natur Ruhe.
Ruft Kultur Engstirnigkeit hervor, verschafft Natur einen Überblick.
Macht Kultur die Menschen einsam, werden sie durch die Natur befreit.
Diese und viele andere Vorstellungen haben sich so in unserem Bewusstsein festgesetzt, dass sie zu einem Teil unseres kollektiven Naturverständnisses geworden sind. Wir leben in einer Zeit, in der ein Ausflug in den Wald als Heilmittel für mehr oder weniger jedes Leiden verabreicht wird. Wir glauben an den lindernden Einfluss der Natur; an ihre Fähigkeit zu heilen, uns auf null zurückzusetzen und uns dem Menschen näherzubringen, der wir ursprünglich waren oder zu sein bestimmt sind.
Ich bin keine Ausnahme. Mein ganzes Leben lang habe ich mich der romantischen Vorstellung von einem einsamen Leben im Wald hingegeben, obgleich nur sehr wenige der tatsächlich gemachten Erfahrungen versprachen, dass dieses Leben so frei und angenehm sein würde, wie ich es gern hätte. Ganz im Gegenteil, erstaunlich oft war es unangenehm, und nicht selten erschien es mir völlig sinnlos. Obwohl die Erfahrung etwas anderes lehrt, existieren diese romantischen Vorstellungen weiterhin. Bei mir und auch bei vielen anderen. Während die Kultur zum Gegenstand präziser Analysen und niemals endender kritischer Debatten gemacht wird, genießt die Natur geradezu einhellige Verehrung. Wir schreiben ihr viele Eigenschaften zu, die sie möglicherweise gar nicht hat. Warum tun wir das? Wozu soll das gut sein? Und was ist eigentlich die Natur der Natur?
Als mir diese Gedanken zum ersten Mal kamen, war es Sommer. Die ganze Familie verbrachte vier Wochen in unserer Ferienhütte, und mit jedem Tag fühlte ich mich besser. Es war ein einfaches und praktisches Dasein, ein Leben, in dem die Natur jederzeit bestimmte, was wir taten und was wir nicht taten. Wetterverhältnisse und Windrichtung. Temperatur. Fischvorkommen. Beeren und Pilze. Die Gemüsesorten, die wir pflanzten. Mücken am Abend, Wespen am Nachmittag. Als sich die Ferien dem Ende zuneigten, begann eine Idee Gestalt anzunehmen.
Was, wenn ich einfach in den Wald ginge?
Was, wenn ich mich für ein paar Tage aus meinem Arbeitszimmer abmeldete, das Telefon ausschaltete und auf alles andere pfiff? Und wie wäre es, wenn ich das im ganzen kommenden Jahr machte, sodass ich dem Lauf der Natur durch Winter, Frühling, Sommer und Herbst folgen könnte, bis es erneut Winter werden würde?
Warum nicht ernst machen und den Traum von einer Expedition Wirklichkeit werden lassen? Es müsste ja keine große Expedition sein. Könnte es nicht genauso gut eine kleine sein?
Es muss doch möglich sein, allem für eine Weile zu entfliehen. Diese Idee drängte sich geradezu auf, denn überall in meiner norwegischen Heimat gibt es Wälder. Und wenn man so eine Eingebung erst einmal hat, ist alles gar nicht mehr so schwierig. Genau dieser Gedanke erfasste mich. Nachdem er sich erst einmal bei mir eingenistet hatte, ließ er mich nicht mehr los. Er wuchs heran wie eine Nebelbank am Horizont, immer öfter beschäftigte ich mich damit. Bevor ich abends einschlief und sobald ich am Morgen erwachte.
Ein Jahr im Wald, dachte ich, jeweils einen Tag im Monat, zwölf Nächte in der Nordmarka. Ich flüsterte den Gedanken vor mich hin, als sei er so unglaublich oder riskant, dass es gefährlich war, ihn laut auszusprechen. Ich erzählte auch niemandem davon, weil ich Angst davor hatte, wie die Leute reagieren würden. Was willst du denn da machen?, würden sie vielleicht fragen. Warum? Was soll das Ganze?
Nicht jeder kann die Pole besuchen oder den Gipfel des Mount Everest erklimmen. Ich stand in Lohn und Brot, hatte Kinder und eine Lebensgefährtin. Ich konnte nicht lange wegbleiben, und ich wollte auch nicht lange wegbleiben. Daher beschloss ich, mir meine eigene Expedition maßzuschneidern, eine Mikroexpedition, die zu meinen persönlichen Ambitionen und dem äußeren Rahmen, in dem sich mein Leben bewegte, passte. In jedem der kommenden zwölf Monate wollte ich mir einen Tag freinehmen. Ich würde bis zur Mittagspause arbeiten und dann in den Wald hinausziehen. Am Morgen des folgenden Tages wäre ich wieder zurück in meinem Arbeitszimmer.
Das war nicht viel, aber es war mehr als nichts. Ich hoffte, dass es mir die Möglichkeit verschaffen würde, die Natur einigermaßen ungestört und aus nächster Nähe zu beobachten. Dass ich Kälte und Wärme spüren, die unmerklichen Übergänge der Jahreszeiten und das Wechselspiel des Lichts sehen könnte. In den Übergängen erlebt man die Natur am deutlichsten, doch können diese einem leicht entgehen, da sie nur einen kurzen Augenblick währen. Eine milde Brise am Morgen, die den Frühling erahnen lässt. Ein Windstoß im trockenen Laub, der vom nahenden Herbst kündet. Wenn du mit dringenden Arbeiten beschäftigt bist oder gerade schwere Einkaufstüten aus dem Laden nach Hause trägst, wirst du diese Augenblicke mit Sicherheit verpassen. Sie erfordern Ruhe und Aufmerksamkeit, eine auf die Umgebung gerichtete Offenheit, die gestresste Menschen nicht haben. Jedenfalls ich nicht. Und ich bin oft gestresst.
Als die Sommerferien vorüber waren und wir uns wieder in der Stadt befanden, stellte ich die Idee meiner Familie vor. Dabei versuchte ich, deutlich und entschieden aufzutreten. Ich sagte, ich wolle im kommenden Jahr einen Tag und eine Nacht in jedem Monat allein im Wald verbringen, und dass dies etwas sei, womit sich alle arrangieren müssten. Ich erklärte, wie wichtig das für mich sei und wie das Ganze ablaufen solle. Zunächst reagierten sie verwundert und fragten, was ich denn da draußen machen wolle. Ich erwiderte, dass ich dort überhaupt nichts tun wolle außer herumstreifen, und ich sah ihnen an, dass sie diese Antwort ganz und gar nicht beruhigte.
Ich versicherte ihnen, dass wirklich nichts anderes dahinterstecke als mein Wunsch, öfter im Wald zu sein. »Es hat nichts mit euch zu tun«, sagte ich, und nach einer Weile schienen sie sich damit abzufinden.
Der Spätsommer ging in den Herbst über. Ich begann mit meiner Planung. Allzu viel gab es nicht zu tun. Weder musste ich mit Autoreifen im Schlepptau steile Berghänge erklimmen, noch musste ich mir meinen eigenen gefriergetrockneten Proviant herstellen. Ich musste lediglich meine Wanderausrüstung überprüfen und mir ein paar Dinge aufschreiben, die ich vermutlich brauchen würde. Am späten Abend studierte ich Landkarten, wog verschiedene Möglichkeiten ab, verwarf eine Idee und hatte sogleich eine andere. Mir war klar, dass ich nicht weit wegfahren konnte, denn dazu hatte ich keine Zeit. Zu Beginn empfand ich das als Nachteil, doch im Laufe der Wochen wurde mir klar, dass das überhaupt keine Rolle spielte. Weit weg oder in der Nähe, Wildnis oder Wandergebiet. Wenn du an einem späten Januarabend allein im Wald in einem Zelt sitzt, fühlst du dich wie der letzte Mensch auf Erden, egal ob die nächste Ansiedlung eine Dreiviertelstunde oder drei Tagesreisen entfernt ist.
Genau das, dachte ich schließlich, ist der Kern meiner Expedition. Das Jahr im Wald würde eine Expedition sein, bei der alles klein war. Die Erlebnisse, die Entfernungen und die Aufenthaltsdauer im Wald – nichts sollte so groß sein, dass ich oder jemand anderer, der sich gern im Wald aufhielt, das Gefühl bekam, es wäre nicht zu bewältigen.
Ich schrieb die Stichwörter »Mikroexpedition« und »letzter Mensch auf Erden« in mein Notizbuch und studierte wieder die Karte. Schließlich fiel meine Wahl auf einen kleinen Waldsee, eine Gehstunde vom Parkplatz entfernt. Ich war früher schon einmal da gewesen, hatte Ausschau gehalten, ob dort vielleicht die Fische an die Oberfläche kamen, nachdem ich in den bekannteren Seen der Gegend nichts gefangen hatte.
Dieser See ist ganz typisch für die Region und auch für die meisten anderen Mischwälder im norwegischen Flachland. Auf der einen Seite wird er von dunklem Fichtenwald gesäumt, auf der anderen Seite ist die Vegetation lichter. Eine Mischung aus hohen, schmalen Kiefern und Birken. Offene Heidelandschaften und Moore. Hier und da eine glatt geschliffene Felskuppe. Der See ist von Moorlöchern und schwimmenden Torfinseln umgeben. Im Sommer und Herbst wächst dort Wollgras, mitunter findet man Moltebeeren. Etwas weiter abseits, da wo der Boden fester ist, gibt es auch Heidelbeeren. Forellen kommen ebenfalls vor, nicht viele und auch keine großen, aber es gibt sie. Und in den kleinen Buchten blühen die Seerosen.
Der Waldsee war perfekt für meine Mikroexpedition. Ich zeichnete ein Kreuzchen auf die Karte und beschloss, die meisten meiner zwölf Nächte genau dort zu verbringen.
Das Ziel eines Menschen, der sich auf eine Expedition begibt, ist wunderbar konkret. Es lässt sich geradezu mathematisch beschreiben. Man befindet sich an einem bestimmten Ort und soll zum nächsten vordringen. Die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten ist eine Gerade; prinzipiell ist das alles, wonach man sich richten muss. Ich behaupte nicht, dass Expeditionen einfach sind, aber die damit verbundene Dramaturgie gleicht der eines Kinderbuchs.
So gesehen würde das Jahr im Wald wie eine Art Anti-Expedition wirken. Ich würde immer wieder dieselben, noch dazu leicht zugänglichen Orte besuchen, die schon viele andere vor mir gesehen hatten und für die sich eigentlich niemand so recht interessierte. Schritt der Expeditionsteilnehmer eine gerade Linie ab, so wollte ich im Kreis gehen. Auch verfolgte ich keine hehren Ziele, derer ich mich rühmen konnte. Ich würde das weder für die Menschheit noch für die Wissenschaft tun, ja nicht einmal für meine Liebsten. Ich würde das einzig und allein für mich selbst tun. Dennoch war ich davon überzeugt, dass bei dieser Expedition etwas herauskommen würde, das auch für andere bedeutsam wäre.
Ich entschied mich für die Nordmarka, nördlich von Oslo, weil dieses Waldgebiet meinem Wohnort am nächsten liegt. Es ist zwar nicht der Wald meiner Kindheit, sieht ihm aber zum Verwechseln ähnlich. Für mich war es gar nicht wichtig, neue Orte zu entdecken. Im Gegenteil. Ich wollte immer wieder denselben Ort aufsuchen, weil ich wusste, dass er jedes Mal anders auf mich wirken würde, sofern ich mir die Mühe machte, genau hinzusehen.
Der Wald liegt nur eine kurze Fahrstrecke von meinem Zuhause entfernt, wie das auch für viele andere Menschen in diesem Land der Fall ist. Ein Privileg, über das wir hier nur selten nachdenken, denn überall gibt es Wälder, große und kleine, dichte und offene, unberührte und kultivierte; man muss einfach nur hineingehen.
Ich betrachtete diese zwölf Tage als eine Art persönliches Naturreservat, ein geschütztes Gebiet in meinem Leben, das zwar nicht hinsichtlich seiner Ausdehnung, aber in Bezug auf die Zeit festgelegt war. Ein temporäres Reservat. Ich ging davon aus, dass die Grenzen dieses Reservats permanent von kulturellen Einflüssen bedroht werden würden, war aber fest entschlossen, diese Grenzen zu verteidigen.
Das war mein Plan.
An einem Donnerstag im Januar, zur Mittagszeit, schaltete ich den Computer aus, packte meinen Rucksack und begab mich auf die erste Etappe meiner Expedition.
Januar
Das Geräusch der Stille
Tiefes Schweigen lag über dem Lande, das eine Wildnis war, ohne Leben, ohne Bewegung, so einsam, so kalt, dass die Stimmung darin nicht einmal traurig zu sein schien (…) Die unerbittliche, unerforschliche Weisheit des Ewigen lachte da über die Nutzlosigkeit des Lebens und seiner Anstrengungen. Es war die echte Wildnis, die ungezähmte, kaltherzige Wildnis des Nordens.[a]
Jack London, Wolfsblut
Zweite Januarhälfte. Ein Donnerstag, kurz nach zwölf. Eigentlich ein gewöhnlicher Arbeitstag, allerdings nicht für mich. Ich lief über einen von schneebedeckten Fichten gesäumten Forstweg. Die Schneewälle am Rand waren meterhoch. Der Schnee leuchtete weiß. Ich begegnete niemandem.
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