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Carry Brachvogel bereist Bayern, spürt historischen Begebenheiten und Anekdoten nach und beschreibt mit Witz und einer scharfen Beobachtungsgabe Eigenheiten von Städten, Landschaften und Menschen - auf dem Weg nach Altötting oder auf einer Floßfahrt, beim Almtanz oder im Englischen Garten, zu Besuch in Regensburg oder in Münchner Wirtschaften. Ein starkes literarisches Kleinod, das ganz ohne süßliche Heimatverehrung und falsches Pathos auskommt.
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Seitenzahl: 248
Veröffentlichungsjahr: 2013
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Allitera Verlag
edition monacensia Herausgeber: Monacensia Literaturarchiv und Bibliothek Dr. Elisabeth Tworek
Die Reihe der ausgewählten Werke von Carry Brachvogel, herausgegeben in der edition monacensia, wird fortgesetzt mit dem Titel:
Alltagsmenschen. Roman
Weitere Informationen über den Verlag und sein Programm unter:www.allitera.de
Juli 2013 Allitera Verlag Ein Verlag der Buch&media GmbH, München © 2013 für diese Ausgabe: Landeshauptstadt München / Kulturreferat Münchner Stadtbibliothek Monacensia Literaturarchiv und Bibliothek Leitung: Dr. Elisabeth Tworek und Buch&media GmbH, München Umschlaggestaltung: Alexander Strathern / Dietlind Pedarnig, München unter Verwendung eines Werbeplakats aus dem Jahr 1910 Bildnachweis U3 und S. 6: Carry Brachvogel, Münchner Stadtmuseum, Sammlung Graphik, Plakate, Gemälde Printed in Germany · ISBN 978-3-86906-468-0
Vorwort
Drei bayerische Kleinodien
Die Bücher der Fraueninsel
Die Toten von Baumburg
Heinz von Stein
Der Weg nach Altötting
Das goldene Rössel
Floßfahrt
Almtanz
Die Stadt mit dem roten Herzfleck
München 1820
Münchner Frauen
Münchner Kellnerinnen
Sommerdirndln
Ein Bayer über »Die teure Zeit«
Münchner Dreiklang
Englischer Garten
Das Pärchen
Verschwiegene Gärten
Zwei schöne Bayerinnen
Nachwort: Wer war Carry Brachvogel?
Editorische Notiz
Literaturverzeichnis
Man kann mit der Eisenbahn die Fahrt unternehmen, die freilich weniger pittoreske Augenblicksbilder bietet als andere Strecken unserer Heimat, die aber, sofern man nur ein wenig Fantasie hat, das Schönste bietet, was eine Reise überhaupt geben kann: Illusionen. Immer bedauere ich die schulmeisterlichen Seelen, für die jede Reise nur ein Art Inventarsaufnahme ist, nie aber ein dichterisches Erlebnis.
Carry Brachvogel, in: »Das Goldene Rössel«
Als »Im Weiß-Blauen Land« 1923 im Verlag Knorr & Hirth erschien, hatte es einen weißen Einband, der ganzseitig von einer blauen Linie eingerahmt war. Ein zusätzlich angebrachter gelber Papierstreifen warb folgendermaßen für den Inhalt des Buches: »Carry Brachvogel erzählt von der Fraueninsel und ihrem seligen Künstlervölkchen, vom Ritter Heinz von Stein, von Altötting und dem Goldenen Rössel, von Münchner Frauen und schönen Bayerinnen, schildert eine Floßfahrt und einen Almtanz und lässt Erinnerungen aus dem alten München und an die teure Zeit von 1817 wieder aufleben – die bayerische Landschaft im Chiemgau, am Inn und an der Isar tritt mit ihren charakteristischen Gestalten und ihrer Geschichte lebendig vor das Auge.«
Die Münchnerin Carry Brachvogel (1864–1942) war eine Berühmtheit ihrer Zeit. Im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts avancierte sie zu einer in ganz Deutschland bekannten Schriftstellerin und Feuilletonistin. Jahrzehntelang führte sie einen literarischen, nahezu legendären Salon in Schwabing. Doch dem nicht genug. 1913 gründete sie zudem den ersten Schriftstellerinnen-Verein Münchens. Bedeutende Persönlichkeiten traten ihm bei: Ricarda Huch, Annette Kolb, Helene Böhlau, Isolde Kurz und viele andere. Noch 1924, zu ihrem 60. Geburtstag, wurde die erfolgreiche Schriftstellerin deutschlandweit gefeiert.
Wenige Jahre später zählte nur noch, dass sie jüdischer Herkunft war. 1933 erhielt sie Berufs- und Publikationsverbot und auch der »Münchner Schriftstellerinnen-Verein« entzog ihr den Vorsitz. 1942 wurde sie zusammen mit ihrem Bruder, dem Historiker Prof. Dr. Siegmund Hellmann, nach Theresienstadt deportiert, wo beide wenige Monate später starben. Neuauflagen der Werke Carry Brachvogels, die damals sehr verbreitet waren, sind nach dem Ende des nationalsozialistischen Terrors nicht bekannt. Sie wurde aus der kollektiven Erinnerung verdrängt – und zu Unrecht vergessen.
Carry Brachvogel war eine äußerst produktive, sehr vielseitige Autorin und hat zu Lebzeiten um die 40 Werke veröffentlicht: Romane, historische Frauenbiografien, Novellen, Erzählungen, Legenden, zwei Theaterstücke, einen Kriminalroman, zahlreiche Feuilletons und Essays. Sie war berühmt für ihren eleganten und geschliffenen Schreibstil, für ihren psychologischen Scharfblick und eine ganz außergewöhnliche Charakterisierungskunst, aber auch für ihren bissigen Humor, ihre Ironie und ihre zuweilen boshafte Schlagfertigkeit.
Carry Brachvogel war ihrer bayerischen Heimat zeitlebens sehr verbunden. 1920 schreibt sie: »Mein Leben ist äußerlich so einfach gewesen, dass es kaum verlohnt, darüber zu berichten. Es hat sich ganz und gar in meiner Geburtsstadt München abgespielt, in dieser farbigen, von Kunst überfluteten Stadt, deren Humor voll Anmut ist und die es versteht, Gegensätze lächelnd zu versöhnen. Eine ganz richtige Altmünchnerin bin ich aber doch nicht, denn alljährliche Reisen haben mich nach fremden Ländern geführt, von denen ich eines oder das andere sogar ein wenig liebe. Das hat aber meine Bauerntreue nicht zu erschüttern und meine spezifisch süddeutsche Art nicht zu verändern vermocht.«1
Entsprechend verbrachte sie ihre »Sommerfrische« jahrzehntelang in Teisendorf im Chiemgau und zog sich oft sogar mehrere Monate dorthin zurück.2 Meist mietete sie sich in der sogenannten Vitzthum-Villa ein, die dem Kunstmaler Georg Vitzthum gehörte.3 So erstaunt es denn auch nicht, dass sie eine große Kennerin des bayerischen Landlebens war. Ihr Roman »Die Könige und die Kärrner« (1912), der die Schicksale eines alten Bauern- und Brauereigeschlechts im südöstlichen Bayern schildert, erhielt großes Lob: »Der Bauernroman […] schildert meisterlich die schweren, zähen Naturen des Landvolkes, die Carry Brachvogel aus jahrelangem Leben unter ihnen gründlichst kennengelernt hat.«4 Doch man bewunderte auch, wie gut sie den oberbayerischen Dialekt beherrschte: »Darf man auch von einer Schriftstellerin im Range Carry Brachvogels eine Beherrschung des Hochdeutschen voraussetzen, so überrascht doch den Kenner unserer bäuerlichen und bürgerlichen Mundart die Treffsicherheit, mit der die Verfasserin den oberbayerischen Dialekt behandelt und damit eine Klippe umsegelt, an der so viele unserer beliebtesten (besonders hochdeutsch angehauchter) Erzähler jedesmal kläglich scheitern, wenn sie sich hochgemut und selbstherrlich in diese gefährlichen Gewässer wagen.«5
Ihre bayerische Heimat steht immer wieder im Zentrum von Carry Brachvogels Schaffen, selbst wenn sie aus der Ferne fokussiert wird. In »Der Berg der Mütter« (1922) wenden sich ein erfolgloser Münchner Maler und ein Münchner Bierbrauerssohn enttäuscht von ihrer Geburtsstadt ab. Griechenland lockt mit neuen Möglichkeiten. Doch – erfolgreich werden sie erst, als sie lernen, ihre Wurzeln wertzuschätzen. Heimat – Wahrheit – Bekenntnis zu sich selbst – mit diesem Dreiklang schließt das Buch.
Einige der im »Weiß-Blauen Land« versammelten Erzählungen waren schon zuvor als einzelne Feuilletons erschienen. Ihre Geschichten nennt Carry Brachvogel auch »Bayerische Bilder«. Kaleidoskopartige Szenerien sind es denn auch, Merkwürdigkeiten und Besonderheiten bayerischer Landschaften, Sehenswürdigkeiten, Menschen und ihre Gewohnheiten, die ins Blickfeld treten. Sie erzählt Dinge, die in keinem Reiseführer stehen. So verrät sie ein altes Rezept für ein Chiemseegedicht, klärt den Leser mit leisem Zynismus darüber auf, warum man nicht dreimal heiraten sollte, oder begibt sich auf historische Spurensuche nach dem, was sie den »Münchner Spießbürger« nennt.
Bei seinem Erscheinen 1923 erhält das Buch viele positive Kritiken. Brachvogel wird bescheinigt, eine der wenigen wirklichen Kennerinnen Bayerns und seiner Bewohner zu sein. »Unter den Münchner Schriftstellerinnen gibt es nicht viele, die das weiß-blaue Land und seine Bewohner so von Grund auf kennen wie die Verfasserin des lesenswerten Buches. Auf zahlreichen Sommerstreifzügen, auf stillen Fahrten durch weitentlegene Winkel wie in den Gassen des heutigen und des vergangenen Münchens hat sie mit hellen Augen sich umgesehen, und was Natur und Kunst, Geschichte und Gegenwart ihr dabei verraten haben, gibt sie nun hier in farbig gestalteten und seelisch belebten Aufsätzen wieder. Ihre Schilderungskunst ist von erstaunlicher Mannigfaltigkeit. Niemals belehrend – obwohl viel Wissen um Gewesenes und Gegenwärtiges ihr zu Gebote steht – weiß sie von fernen und fernsten Zeiten so anschaulich zu erzählen, daß selbst das dunkelste einst dem Leser zum Greifen nahe kommt oder sie bietet Bilder aus unseren Tagen und flicht durch sie die Ranken ihres sonnigen Humors, dem, je nach Stoff, auch ein Körnlein frischer Satire beigemischt ist.«6
Carry Brachvogel begegnet den Landschaften, Orten und Dingen mit einer spezifischen Haltung. Sie lässt sie auf sich wirken, versucht zu erspüren, welcher Geist sich hinter ihnen verbirgt: »Da steht nun das goldene Rössel seit einem halben Jahrtausend, von vielen beguckt, von vielen bestaunt, doch so recht nach Gebühr nur von wenigen gewürdigt. Die Menschen merken garnicht, daß über ihm noch etwas Lebendigeres, Heißeres liegt als der Nimbus des Kunstwerks: die Fröhlichkeit der anmutigen Fürstin, auf deren Geheiß es entstand.«
An Orten, über die sich in Reiseführern nichts findet, sucht sie selbst nach Spuren früherer Epochen: »Wie schön ist solches Forschen, Suchen und Finden! Hier leuchtet an einem Bauernhaus, das sicher ehedem zum Kloster gehörte, in verblaßten Farben ein altes Wappen, dort plätschert ein feiner Wasserstrahl aus einem Barockwasserspeier, da gewährt ein Tor den Ausblick auf einen Hof mit seltsamen Überschneidungen.« Vor allem aber interessieren sie die Besonderheiten eines Ortes: »Dies ist das seltsamste an dieser kleinen Insel, das was sie erhabenen Kulturstätten gleichstellt: ihr großer Besitz sind ihre Toten […]. Dies kleine Geviert Erde birgt so viele Namen von Klang und Wert, daß man sich erstaunt frägt, warum gerade hier sie alle sich zur letzten Ruhe betten ließen.«
Der Wechsel der Zeiten beschäftigt Carry Brachvogel immer wieder und ein ums andere Mal versucht sie, die Vergangenheit zum Leben zu erwecken und in die Gegenwart zu holen: Dem alten München versucht sie am Chinesischen Turm auf die Spur zu kommen, wenn dort die Blasmusik spielt: »Es klingt ein Ton aus ihr heraus, der weit über die Kinderzeit hin in die Tage schwebt, die wir alle nicht oder wenigstens nicht mit Bewußtsein erlebt haben. Er schwebt um die Tore der Vergangenheit, die sich langsam und lautlos vor ihm auftun, wie die Tore in Märchen. Da tritt denn das alte München heraus, das wir wohl aus kulturhistorischen Büchern und Erzählungen als anmutigen Mummenschanz kennen, – aber wer kann richtig sagen, was eigentlich das alte München ist?!«
»Im Weiß-Blauen Land« lädt den Leser ein, auf Entdeckungstour in München und Bayern zu gehen, auf Carry Brachvogels Spuren zu wandeln, Landschaften, Sehenswürdigkeiten und Orte aus ihrem Blickwinkel zu betrachten und sich den Wandel der Zeiten bewusst zu machen. Kenner des weiß-blauen Landes werden so manche neue Entdeckung machen – und natürlich auch alle, die dieses bisweilen so seltsame Land ohnehin schon immer kennenlernen wollten.
Ingvild RichardsenMünchen, Mai 2013
1 Brachvogel, Carry: Einleitung zu Das Grammophon. Berlin/Leipzig 1920.
2 Vgl. Brief vom 4. September 1919: Carry Brachvogel an Helene Raff (Staatsbibliothek München, Handschriftenabteilung, Raffiana VI, Brachvogel).
3 Auskunft von Josephine Brachvogel: Die alte und sehr eindrucksvoll bemalte Unterkunft (siehe Abb. auf S. 9) wurde leider 1964 / 1965 abgerissen. Auskunft von Altbürgermeister Fritz Lindner aus Teisendorf: Auf dem Grundstück steht heute der Pfarrhof und das Pfarrheim St. Andreas Teisendorf.
4 Baudissin, Eva von: Emma Haushofer-Merk und Carry Brachvogel. In: Münchner Neueste Nachrichten, Nr. 160, Beilage: Frauen-Zeitung, 1924.
5 Schubart, Arthur: Brachvogel, Carry: Die Könige und die Kärrner. In: Münchner Nachrichten, 14. Oktober 1912.
6 Schede, Kurt: Carry Brachvogel: Im Weiß-Blauen Land. Bayrische Bilder. Rezension. In: Kölnische Zeitung, 17. März 1925.
Zwei Seerosenblätter, deren Stiele sich anmutig kreuzen, bilden das Klosterwappen von Frauenchiemsee und wahrlich! nie hat Heraldik die Wirklichkeit poetischer und zugleich bestimmter versinnbildlicht als diese aus Stein gemeißelten Blätter einer Nymphae. Denn grün, zart und flach schwimmt die Fraueninsel auf den azurnen Wellen des Chiemsees, den in weitem Umkreis die blauende Alpenkette umzieht. Wenn man den Vergleich weiter fortsetzen wollte, könnte man sagen, daß die weißen Mauern des Klosters gleich dem Kelch einer Wasserrose aus dem Inselgrün hervorschimmern. Doch dies Bild würde die Eigenart des kleinen Eilands keineswegs erschöpfen, denn die Insel, die ohne das Kloster nur das Idyll eines in Lindenblüte und Rosenduft eingebetteten Fischerdorfes böte, erhält durch das ehrwürdige Haus des heiligen Benedikt ein besonderes Gepräge von Geistigkeit und vornehmer Gewöhnung.
Frauenwörth ward die Insel genannt im Gegensatz zu dem benachbarten Herrenwörth, das ein Männerkloster trug, und Reiz und Namen einer Frau scheinen immer noch um die Ufer der Insel zu schweben, wenngleich diese Frau seit mehr als tausend Jahren in der Klosterkirche schläft und im Leben vielleicht nie die war, als die sie den Dichtern und den nachdenklichen Gemütern der Fraueninsel erschien. Irmingard hieß sie, war eine Tochter Ludwig des Deutschen und die erste Fürstäbtissin dieses Klosters, das der Baiernherzog Tassilo schon im Jahre 783 gegründet hatte. Nicht freiwillig soll sie auf der Insel gelandet sein. Magen und Sippen drängten sie von der Heimat fort, auf die einsame Insel. Taten’s aber nicht etwa, weil sie einen unerwünschten Freier im Herzen trug, sondern weil sie sich mehr mit politischen Angelegenheiten und Intrigen beschäftigte, als den Männern ihrer Familie wünschenswert schien. Das Bild der politischen Frau im Nonnenschleier ist nun freilich weniger rührend als das der verliebten, aber die halb-historische, halb-legendäre Gestalt wird darum nicht uninteressanter, nur pikanter und moderner. In einem Zeitalter, das den Frauen eigentlich eine Art Haremsleben anwies, nimmt sich die Gestalt dieser gebieterischen und geistig begabten Frau gar tröstlich aus.
Die stille Insel war jedenfalls der rechte Platz, um ein unbändiges Herz zur Verzweiflung oder zur Ruhe zu bringen. Wie Frau Irmingard ihr Los getragen, hat wohl Keiner je erfahren, aber umso mehr haben sich die Dichter gemüht, es zu ergründen. Karl Stieler, der prachtvolle, unvergeßliche Sänger des bayrischen Hochlands, hat ihr und ihrem Geschick einen ganzen Zyklus von Gedichten gewidmet, darunter das schöne:
Weihnacht am Chiemsee
Es geht der Christtag dämmernd nieder,
Und um den Sims weht grimmer Wind,
Dort lehnt, den Mantel um die Glieder,
Frau Irmingard, das Königskind.
Der See liegt wie gebannt im Eise,
Ein weites Blachfeld, öd und grau,
Und an ihr Krönlein rührt sie leise,
Das Abendgold wird abendgrau.
Vereiste Zweige, dunkle Raben,
Die Spur von Elch und Hirsch im Schnee,
Und Sang und Sonne sind begraben,
Eine Ferge nur geht übern See.
Er folgt dem blauen Rauch am Strande,
Dort wohnt sein Trost vor Schnee und Wind,
Doch ohne Trost lugt in die Lande,
Frau Irmingard, das Königskind.
Vielleicht hat der Dichter in diesem melancholischen Bilde die Wahrheit konterfeit. Vielleicht hat Irmingard durch Tage, Wochen, Monde verzweifelt nach der Sonnenuhr geblickt, hat gemeint, daß ihr Zeiger nie voranrücke, hat in ohnmächtigem Zorn gehadert, daß sie nur das Herz eines Mannes besaß, nicht auch seinen Arm und seine Kraft.
Vielleicht ersann sie in schlaflosen Nächten abenteuerliche Fluchtpläne, träumte davon, wie sie wieder am Hofe zu Aachen erscheinen und das alte Spiel mit der Macht aufs Neue beginnen könnte. Vielleicht – – Vielleicht aber, wenn sie zur Frühsommerzeit im Duft der Lindenblüten schritt, und auf die Rosenpracht der Fischergärten sah, vielleicht hat sie dann ihren Frieden mit sich und der Welt gemacht und gefunden, daß es noch Besseres auf Erden gibt, als das Gezänk und die Händel ehrsüchtiger Männer. Vielleicht hat sie sich dann gerne beschieden in ihrem kleinen Reich, war ein wenig eitel daß ihr, der Äbtissin, eigene Gerichtsbarkeit zustand, als wäre sie ein Großer im Reich, hat das goldene Krönlein, mit dem sie unter einem Thronhimmel gekrönt worden war, so stolz getragen, als wäre der zierliche Reif die Krone von Byzanz. Und vielleicht, ja vielleicht haben die Nonnen ein wenig gemurrt, daß die Frau Fürst-Äbtissin ihnen gar so selbstbewußt und hoffärtig durch das Kirchenportal voranschritt …
O, dies Portal von Frauenchiemsee! Man mag vor allen möglichen mächtigen und prächtigen Domportalen gestanden haben und kann sich doch nicht dem Reiz entziehen, der von diesem Dokument romanischer Baukunst ausgeht. Wilde Jahrhunderte haben ihm freilich hart zugesetzt, ein besonders barbarisches hat es weiß übertüncht, aber deshalb bleibt sein kleiner Vorraum mit den ganz primitiven, ganz zernagten, aus Fratzenköpfen aufsteigenden Säulen doch von einer unbeschreiblichen, erinnerungsschweren Schönheit. Wenn drinnen hinter der tausendjährigen Eisentüre der Sang der Nonnen erschallt, dann rührt man nur scheu die Klinke, als wäre sie noch warm von einer Frauenhand, als säße drinnen Frau Irmingard tiefgesenkten Hauptes, mit dem Ohr der Hora, mit dem Herzen verklungenen Zeiten lauschend …
Dies ist das seltsamste an dieser kleinen Insel, das was sie erhabenen Kulturstätten gleichstellt: ihr großer Besitz sind ihre Toten. Nicht just die Frau Irmingard, die doch wohl mehr ein Spiel dichterischer Fantasie ist, als vielmehr die Toten, die in dem kleinen Friedhof liegen, von der alten Kirche nur durch eine neue Hecke getrennt, die sich zu einem grünen Tore wölben will. Dies kleine Geviert Erde birgt so viele Namen von Klang und Wert, daß man sich erstaunt frägt, warum gerade hier sie alle sich zur letzten Ruhe betten ließen. Da liegt Max Haushofer, der geistreiche, tiefe Bayerndichter, der eben viel zu geistreich, zu tief und – – zu sehr Bayer war, um je den Ruhm zu erlangen, der dem Dichter der »Verbannten« und des »Ewigen Juden« gehört hätte. Da liegt Emil Lugo, der treffliche Landschafter, Ruben, der Akademieprofessor aus Wien und Wilhelm Jensen, der teure Dichter, der aus Schleswig-Holstein kam und in Bayern heimisch wurde.
Wie sie alle hierher kamen? Ja, das ist es eben, die Toten sind der Reichtum dieser Insel, und das, was sie im Leben gewesen sind, wird von Reisebüchern nur schwach angedeutet, wenn diese berichten: »Die Wirtschaft war einst Mittelpunkt fröhlichen Treibens der Münchener Künstlerwelt.« Weß Geistes Kinder die waren, die einst hier frohes, von Geist und Witz übersprühtes Künstlerleben führten, das liest man am besten in den großen Fremdenbüchern des Wirtshauses nach, die sich zu anderen Fremdenbüchern ungefähr so verhalten, wie eine goldene Ehrenkette zu schäbigem Talmi. Die Schöpfer dieser Fremdenbücher, der »Chronik der Insel«, waren etliche Maler, die so um das Jahr 1828 herum die Insel »entdeckten«. Zwei von ihnen, Max Haushofer (der Vater des Dichters) und Karl Ruben heirateten die schönen Wirtstöchter von der Insel, zogen mit ihnen fort wohin ihr Amt sie rief, nach Prag und Wien, kamen aber jeden Sommer in die Heimat der Frauen zurück, wo deren starke Art fest verankert lag. Kamen wieder, zuerst als junge Eheleute, dann als reife Männer, umgeben von Kindern, die später wiederum ihre Kinder herführten zur Seeroseninsel, kamen auch noch weit her aus Ost und Süd um im blumenüberschütteten Sarg zum letzten Mal über den See gerudert zu werden …
Das ging so Jahre, Jahrzehnte, bis die Entdecker der Insel gestorben, ihre Kinder wiederum Greise geworden waren, und die Insel zum zweiten Mal entdeckt wurde, diesmal aber nicht von Künstlern, sondern von banalen Sommerfrischlern. Seitdem ist hier alles anders geworden. An Stelle der alten Wirtin, deren Braten, Krapfen und Strauben in der »Chronik« gar oft verherrlicht wurden, ist ein moderner Gasthausbetrieb getreten; neben den alten Fischerhäusern machen sich elegante Villen breit, und wo einst fröhlicher Künstlergeist zu harmlosdrolligen Festen lud, ertönt heute der inhaltslose Lärm einer banalen Sommerfrische. Doch nur die Äußerlichkeiten der Insel, ihre landschaftlichen Reize, ihr Lindenduft und ihre Rosenblüte sind der Allgemeinheit preisgegeben, – von ihrer Seele wissen die Scharen nichts, die Tag für Tag mit den Dampfern kommen und gehen. Ihre Seele gehört den Andern, die ihr den göttlichen Atem einbliesen, die durch die Fülle ihrer Fantasie dies kleine Eiland weit über seinesgleichen hinaushoben. Wohl kommen immer noch einige aus der früheren Zeit her, aber ihre Schar mindert sich von Jahr zu Jahr und sie tragen auch schon zu schwer an Erinnerungen, als daß sie noch auf eine fröhliche Gegenwart bedacht wären. Sie schütteln wohl den Kopf, daß hier alles so anders geworden, meinen, daß sie eigentlich hier gar nichts mehr zu suchen hätten, kehren aber doch jeden Sommer wieder, – die Insel läßt sie nicht los. Vielleicht müssen sie immer wiederkommen, weil ihnen hier einst ein großes Glück widerfuhr, vielleicht zieht sie ein teures Grab her, vielleicht aber ist der Bann, in dem sie stehen, ein letztes Vermächtnis Irmingards an ihre Insel. Vielleicht wollte die Frau, die im Leben nicht zur Macht kam, sie wenigstens im Tode haben und keinen mehr freigeben, der je in den Bezirk ihres verschollenen Reiches trat …
Frauenwörth ist unrettbar der Allgemeinheit verfallen, doch in seiner Nähe gibt es noch verträumte Nester genug. Von hier eine halbe Stunde Dampferfahrt nach Seebruck und schon lockt ein andres Idyll, das, vom Fremdenstrom wenig bespült, in manchem Zug an Frauenwörth erinnert ohne sein Abklatsch zu sein. Ein schöner Weg durch üppige Wiesen und durch tiefen Wald führt nach Kloster Seeon und seinem lieblichen See. Lange ehe man das ehemalige Kloster erreicht, merkt man schon, daß man sich einer alten und wohlhabenden Kulturstätte nähert; da ist eine Meierei, die man an der stolzen Art ihres Baues und an dem grauen Haubendach sofort als ehemaliges Kloster gut erkennt, und richtig, die Kühe stehen in einem Stall, dessen gwölbte Decke von Säulen getragen wird! Dann erscheint als bescheidener Auftakt vom Seeoner See ein ganz kleiner Wassertümpel, immer mehr Häuser im Klosterstil machen sich auf, schließlich schimmert hinter hohen Bäumen das mächtige Schloß, eine ehemalige Benediktinerabtei, mit zwei braunen Zwiebeltürmen hervor.
Seeon hat nur eine geistliche Vergangenheit, keine künstlerische Legende wie Frauenwörth. Während aber das Kloster der Fraueninsel mit kurzer Unterbrechung bis auf unsere Tage Kloster geblieben ist, starb der letzte Abt von Seeon schon 1817 extra muros in Traunstein. Das Schloß ging dann ein wenig von Hand zu Hand, gehörte lange den Herzögen von Leuchtenberg, die als Stammmutter ja eine bayrische Königstochter haben, wenngleich sie selber vollständig russifiziert sind, sodaß auf dem kleinen Seeoner Friedhof immer wieder die russischen Kreuze mit den dreifachen Querbalken und der fremden Inschrift stehen. Wer’s nicht gesehen hat, kann sich nicht vorstellen, wie absonderlich sich diese Malzeichen einer östlichen Kultur neben unsren einheimischen Kruzifixen und Grabschriften ausnehmen …
In respektvoller Entfernung von den braunen Zwiebeltürmen, wie sich’s für artige Laien schickt, schmiegt sich das Dörfchen um den See herum, dessen regungsloser blauer Spiegel Schloß, Kirche, Dorf und Hügel so klar zurückwirft, daß man begreift, wie die naive Einbildungskraft des Volkes auf die Sage von versunkenen Städten kommen konnte. In sanften Buchten wiegen sich Schwärme gelber und weißer Wasserrosen, Möwen streifen über die Wellen, glitzern im Sonnenlicht goldig auf, daß man meint, es seien lauter Sternentaler, die vom Himmel ins Wasser fallen. Ein langer Holzsteg führt über den See vom Schloß zum Ufer herüber, und hier erschließt sich ein Landschaftsbild von schwer zu beschreibendem Reiz. Weit hinter Zwiebeltürmen, Haubendächern und Waldkämmen steigen jetzt Berge auf, so blau, als ströme der See unablässig seine Wellen über sie hin. Tiefblau sind sie wie das Land, das von alters her die germanische Sehnsucht suchte, nur ihre äußersten Umrisse löst die Sonne in stäubendem Goldflitter auf. Wenn man auf diesem Steg steht, überfällt einem eine schwere, süße Melancholie. Wieviele heiße, junge Augen mögen von hier aus mit brennender Sehnsucht nach den blauen Gipfeln geblickt, wieviele demütige oder vermessene Wünsche mögen sie überklettert haben, um glaubensselig oder machtgierig in Sankt Peter einzuziehen! Von diesem Steg aus begreift man, wie ein Volk jahrhundertelang nichts anderes träumte, als wie es diese Berge erreichen und jenseits ein Reich gründen könnte, das von ewiger Lenzluft und alten Mythen durchströmt war. Man begreift’s mit einem Male, bloß weil die Berge so blau sind und ihre äußersten Umrisse wie stäubendes Gold schimmern …
Das dritte Kleinod erreicht man, indem man entweder den Rückweg über den Chiemsee bis Prien und von da den Bummelzug bis Station Teisendorf nimmt oder man fährt mit der Schneckenpost bis Endorf und von dort nach Teisendorf, das wie ein stiller Wächter vor eine der anmutigsten Idyllen Bayerns tritt, den verborgenen Schatz so wohl hütet, daß nur wenige seinen Namen kennen. Von Teisendorf erreicht man in kaum anderthalb Gehstunden Höglwörth, erreicht es auf einem Weg, der über kleine Bäche, blumenstrotzende Moorwiesen und dunkle Waldschluchten führt und immer wieder an Schwind’sche Landschaften erinnert. Langsam hebt sich dann über schwarzen Tannen die graue, zerrissene Romantikerstirne des Hohen Stauffen empor, spiegelt sich in einem See, in den aus einer Halbinsel ein altes Kloster hineinragt, das wiederum an das Kloster von Seeon gemahnt. Aber nur auf den ersten Blick, nur in den Äußerlichkeiten, denn wenn Seeon an lichten Tagen ganz Helle, ganz Heiterkeit ist, so behält Höglwörth auch unter strahlender Sonne sein dunkles, melancholisches Gesicht. Unbeweglich, tiefgrün, beinahe schwarz liegt der See, zuweilen nur geht durch die weißen und gelben Wasserrosen ein leises Beben, als wüßten sie von Schrecknissen, die dieser schwere, dunkle Grund eingeschluckt hat. Tannen und Fichten sind vom Berg bis an den Wasserspiegel herabgestiegen, bewachen ihn gebieterisch, fast angstvoll, damit er ihnen nicht langsam und tückisch von der Erde eingesogen werde, wie die tiefen Buchten, die sie und der Stauffen noch als grünen Wasserspiegel kannten und die heute schon fester Boden geworden sind. In verschwiegenen Nächten mögen sie wohl Zwiesprache halten mit dem Stauffen und dem sagenumsponnenen Untersberg über längst vergangene Zeiten, da hier noch die Römer saßen und dem Mithras opferten, und wie später die frommen Brüder vom hl. Augustinus kamen, bauten, lehrten und Bier brauten. Und wie dann im Jahr 1817 das Kloster aufgehoben wurde, aber nicht etwa durch die Säkularisation, sondern weil die Unbotmäßigkeit im Kloster und gegen das Domkapitel in Salzburg zu arg geworden war. Von den Mithrasopfern redet ein Stein, der lange an der Kirche von Höglwörth eingemauert war, dann aber ins Nationalmuseum nach München überführt wurde, wie auch die Klosterbibliothek nach München kam, während Höglwörth selbst an einen Großgrundbesitzer verkauft wurde, in dessen Familie es sich seitdem forterbt.
Wenn sich aber auch die Hauptstadt an dem aufgelassenen Kloster bereichert hat, so ist die Schönheit Höglwörths doch unzerstört geblieben, weil es hier gar keine sogenannte Sehenswürdigkeit gibt, gar nichts, was Reisebücher mit einem Sternchen bezeichnen, weil alles tief eingesponnen liegt in Vergangenheit und Vergessenheit, sodaß man sich auf den Zufall und das eigene suchende Auge verlassen muß, wenn man die Köstlichkeiten ausfinden will, die von einer früheren, reichen Epoche übrig geblieben sind. Doch wie schön ist solches Forschen, Suchen und Finden! Hier leuchtet an einem Bauernhaus, das sicher ehedem zum Kloster gehörte, in verblaßten Farben ein altes Wappen, dort plätschert ein feiner Wasserstrahl aus einem Barockwasserspeier, da gewährt ein Tor den Ausblick auf einen Hof mit seltsamen Überschneidungen und altersgrauem Erker, daneben wölbt sich ein Portal mit mächtigem Steinarchitrav und dem Lilienwappen. Einmal versucht man wohl auch einen düsteren, verfallenen Hausgang zu passieren, öffnet eine banale Eisentüre, die aussieht, als ob sie in ein Kellergewölbe führte und steht plötzlich dem Alltag entrückt in einem Hof, der kaum größer ist als ein mäßiges städtisches Wohngemach, aber so reich an Reiz und Stimmung, daß jeder Deutsche ihn kennte, wenn – ja wenn der kleine Hof eben nicht in Deutschland läge, sondern in der Schweiz, in Italien oder sonst wo. Steile Mauern umschließen ihn von allen Seiten, steigen so hoch, daß die Sonne nur vom Zenith aus hier hereinlugen kann. Zerfressen und zerklüftet sind sie, sodaß man nicht mehr unterscheiden kann, wie sie wohl einst gewesen; eine einzige Querwand leuchtet noch in wildem, unheimlichen Rot. Das sieht gespenstisch aus, als ob hier Blut geflossen wäre, das nie verlöschen kann. Wie gejagt von diesem Schrecknis stürmt eine schwarze Zypresse aus dem kargen Boden des Hofes himmelan, streckt ihr düsteres Haupt über die Mauern hinaus, der Sonne entgegen, um wenigstens die Stirne im Lichte zu baden, wenn schon der Leib es nimmer empfangen kann. Ein zerklüfteter Steingang, aus dessen Ritzen Gras und Unkraut wachsen, führt um den kleinen Hof her, ungezähmte Floxhecken flammen in weißer, rosenfarbener und violetter Pracht. Hinter ihrer jungen, lebendigen Schönheit strecken sich verwitterte steinerne Köpfe empor mit Mitra und Krummstab: die Pröbste des einstigen Klosters sind hier zu einem Frieden eingegangen, von dem sie, wie es scheint, im Leben nicht allzuviel verspürt haben. Auf drei Seiten ist der Hof ganz umgürtet von ihren in die Mauer eingelassenen, wunderschönen Grabsteinen aus rotem und weißem Untersberger Marmor, nur die vierte, blutigrote, ist von allen gemieden. Buschwerk und Baumgrün verschleiern sie ein wenig, verbrämen ihre Leere mit ein wenig Leben, indessen drüben, hinter weißen, rosenfarbenen und violetten Blüten altertümlich-gemeißelte Gestalten und Lettern vom Tode reden.
Die Zeit scheint hier stille zu stehen. Die Gegenwart weicht scheu zurück. Auf einem schönen, schmiedeeisernen Bildstöckl, das unter der Zypresse steht und von grünen Ranken umklettert ist, erblickt man über dem unkenntlich gewordenen Heiligenbildchen das Zifferblatt einer Uhr, der die Zeiger fehlen; wie ein tiefsinniges Symbol kommt einem dies Zifferblatt vor, das alle Stunden verzeichnet aber keine mehr ansagt. Auf diesen Grabsteinen, die vier bis fünf Jahrhunderte zurückreichen, kann man lesen, daß ihre Herren stolz, tapfer und baulustig gewesen, und die Architektur von Höglwörth beweist, daß diese Grabreden nicht lügen. Doch über all der Tapferkeit, dem Stolz und der Baulust blüht es heute in weißer, rosenfarbener und violetter Pracht, – braucht’s da noch eine Uhr, um die Flüchtigkeit der Stunde zu künden?! In diesem kleinen Todeshof herrscht ein so tiefes, bedeutsames Schweigen, daß man beinahe an der eigenen Stimme erschrickt und sie dämpft, um den Schlaf der Jahrhunderte nicht zu beleidigen. Schreitet man dann durch die banale Eisenpforte wieder hinaus zur Wirklichkeit, so kommt einem vielleicht die Sage vom Mönch von Heisterbach in den Sinn, der meinte, er hätte nur e i n e Stunde verträumt und derweil war es ein Jahrtausend … So zeitlos, so verschollen liegt dieser Erdenwinkel da, daß er sogar noch den Nachhall eines Trutzrufs aus verklungenen Jahrhunderten bewahrt hat.
In dem kleinen Wirtshaus, das sich oberhalb Höglwörth an der Staatsstraße befindet, auf der täglich ungezählte Autos nach Reichenhall hinabrasen, findet sich ein renoviertes, aber längst wieder nachgedunkeltes Bild sonder Kunstwert, dessen Naivität und Sprache aber anmuten, als läse man ein Flugblatt aus den Bauernkriegen. In drei Felder geteilt, zeigt es einen Bischof, einen Fürsten und einen Landmann und unter ihnen die Verse:
Bischof:
»Ich mit meiner Lehr’
Viel Leut’ zue Gott bekehr’.«
Fürst:
»Ich mit meiner Macht
Hab’ Land und Leut’ an mich gebracht.«
Landmann:
»Haha, wenn Gott und ich nichts tät’,
Ihr Beide nichts zu essen hätt’.«
Vor etwa fünfzig, sechzig Jahren soll dies Bild noch in vielen Bauern-und Wirtshäusern zu sehen gewesen sein, ist aber natürlich seitdem von modernen Öldrucken verdrängt worden. Die letzte Zuflucht des bauernstolzen Trutzrufes ist Höglwörth geblieben …
Gar schön sitzt sich’s dann unter hundertjährigen Kastanien vor der altertümlichen »Tafernwirtschaft« in Höglwörth, dem Untersberg gegenüber, dessen kühnes, langgestrecktes Massiv nicht wie ein einzelner Berg wirkt, sondern wie ein Gebirgsstock, den die Sonne in eine stäubende Goldwolke aufzulösen scheint. Man sitzt, sinniert ein wenig, schaut fast gerührt der alten, gelben Postkutsche nach, die behäbig, sonder Eile, wie sie es seit Großvaters Zeiten gewohnt ist, über Anger (»das schönste Dorf Bayerns«) dem Weltbad Reichenhall zustrebt. Und man wird gewahr, daß weder die Eisenbahnen, noch die Motorposten so schönheitsmordend sind, wie rückständige Nörgelsucht immer behaupten möchte, – man muß nur an der richtigen Wegbiegung aussteigen …
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