Im Westen gegen den Strom - Natascha N. Hoefer - E-Book

Im Westen gegen den Strom E-Book

Natascha N. Hoefer

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Beschreibung

Ein kleines bretonisches Dorf, im Herzen der Bretagne. Hierher flieht die Pariserin Lina vor ihrem Burnout und ihren Problemen. Aber mit der erhofften Ruhe ist es vorbei, als sie Yohann kennenlernt, den stellvertretenden Bürgermeister mit dem Helfertick und der merkwürdigen Besorgnis bezüglich des Linkys: Kann der digitale Stromzähler wirklich so brandgefährlich sein? Doch unversehens findet Lina sich von Yohann und den rebellischen Bretonen mitgerissen, die bald mit Argumenten, Dudelsäcken und Traktoren gegen die Zwangseinführung des Linkys protestieren... Eine Geschichte über das Erlernen der Fähigkeit, "nein" zu sagen. Eine Geschichte über den Mut, neu anzufangen. Und die Geschichte einer behutsamen Annäherung zwischen zwei Menschen, die gar keine Annäherung wollen...

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Seitenzahl: 507

Veröffentlichungsjahr: 2021

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NATASCHA N. HOEFER

Im Westen - gegen den Strom

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar

Autorin und Verlag spenden gemeinsam je verkauftem Buch 1,00 Euro für das Deutsche Pfadfindermuseum in Baunach.

1. Auflage, April 2021© Spurbuchverlag, 96148 Baunach [email protected],www.spurbuch.de

Ausführung: pth-mediaberatung GmbH, Würzburg

ISBN 978-3-88778-614-4eISBN 978-3-88778-926-8

Weitere Bücher des Spurbuchverlages finden Sie unterwww.spurbuch.de

Für Clelia

Für Jérôme

Für Jo

Inhaltsverzeichnis

1.Rauch über Spézet

2.Der grüne Tunnel

3.Singing in the rain

4.Ziemlich beste Freunde

5.Auf dem Mond

6.Streit

7.Zwei Reisende

8.Daten sind Gold

9.Enthüllungen

10.Reisen zu zweit

11.Blaue Stunde

12.Schräglagen

13.Aufbegehren

14.Rote Blumen, blaue Läden

15.In der Schlucht des Corong

16.Unter Freundinnen

17.Verhärtete Fronten

18.Neuland

19.Spannungen

20.Aufdem Weg nach Rostrenen

21.Die Nacht danach

22.Erhitzte Gemüter

23.Ein neues Gesicht

24.Haus der Erinnerung

25.Bekenntnisse

26.Alarmglocken

27.Täuschung

28.Coming-Out

29.Am Meer.

30.Schockstarre

31.Wut und Viren

32.Protesttanz

33.Feierstimmung

34.Fest Noz

35.Goldener Regen

36.Feuer

37.Verdacht

38.Kurzschluss

39.Abschied

40.Ende des Sommers

41.Rückkehr

42.Epilog

1. Rauch über Spézet

Die schwarze Wolke zog sich am tiefblauen Himmel hoch wie die Schwinge eines riesigen Raben. Yohann beschleunigte. Vom Rücksitz schob sich eine witternde schwarze Nase über seine Schulter. »Riechst du das Feuer, Babou?«, fragte er und schob die Hündin behutsam zurück. Die Rauchschwinge schien immer weiter anzuschwellen, sich auszudehnen; sie lag ziemlich genau vor ihm - und vor ihm lag Spézet! Was war es, das im Nachbardorf brannte?

Endlich passierte er das Ortsschild Spézets; ein beißender Geruch drang über das Gebläse in den Wagen. Die Rußwolke stand jetzt links von ihm am Himmel; er bog aufs Geratewohl von der Hauptstraße ab - und da sah er es: Ein Haus stand in Flammen!

Er hielt am Straßenrand, flüsterte seiner Hündin ein paar beruhigende Worte zu, stieg aus und ging auf eine Gruppe Schaulustiger zu. Als er näher kam, schnappte er Wortfetzen auf: »Die armen Meuniers!« »Schrecklich, in ihrem Alter!« »Was soll aus ihnen werden?« Dann entdeckte er, einige Schritte von dem Grüppchen entfernt, Roland Leroux. Er steuerte auf den Bürgermeister von Spézet zu und registrierte, wie ihm hier, nicht mehr weit von den Feuerwehrfahrzeugen, der heiße Rauch in Augen und Nase brannte und die Hitze der Flammen ihm sengend ins Gesicht schlug. Doch die Feuerwehr hatte den Brand anscheinend im Griff: Der Dachstuhl auf der rechten Seite des Bruchsteinhauses war verbrannt, aber gelöscht; nun richteten sich alle Schläuche auf die linke Hausseite, wo ein Rest des Schieferdaches noch stand und wo durch ein Fenster letzte Flammen hochzüngelten.

Er musste husten; erst das schreckte den Bürgermeister auf und ließ ihn den Neuankömmling bemerken. »Ah, Yohann! Sind Sie gekommen, um zu helfen?«, fragte Leroux, mit leichter Ironie.

»Ich war unterwegs und habe den Rauch am Horizont gesehen«, gab Yohann schlicht zurück und sah beklommen auf den verwüsteten Garten, die Osterglocken im Qualm. Ein Teppich gelber Osterglocken, nun niedergestampft. »Was ist mit den Bewohnern?«

Der Bürgermeister hustete und wies nach links. »Da hinten. Das alte Ehepaar.«

Yohann sah hinüber zu dem schlohweiß behaarten, hageren Mann, der mit seinem gebeugten Rücken nicht größer war als das Weiblein in Küchenkittel an seiner Seite, dem er den Arm um die Schultern gelegt hatte. Der Alte wollte seine Frau stützen und hatte selbst Mühe, sich auf den eigenen Beinen zu halten. Ihr Anblick gab Yohann einen Stich. Da regten die alten Leute sich plötzlich. Der Mann suchte mit dem Blick den Bürgermeister, er sah zornig aus; die Frau legte ihrem Gatten eine Hand auf den Arm und schien ihn beschwichtigen zu wollen. Aber er ließ sich nicht aufhalten, sondern kam, auf seinen Stock gestützt, langsam, doch unaufhaltsam auf Leroux zu. Seine Frau folgte ihm mit unsicheren Schritten.

»Monsieur le Maire«, rief der alte Mann schon von weitem, »ich weiß, warum das Feuer ausgebrochen ist!«

Der Bürgermeister hob abwehrend die Hände. »Jaja, Kurzschluss in der Waschmaschine, habe ich bereits erfahren.«

Nun war Meunier angekommen, baute sich so aufrecht wie möglich vor dem Bürgermeister auf. »Ja und nein, Monsieur le Maire, ja und nein. Es war die Waschmaschine; aber die war fast neu. Seit zwei Monaten hatten wir sie, und sie funktionierte! Aber heute Morgen, da haben wir ein anderes Gerät neu gekriegt. Es war der Linky!«, und Meunier ballte die Hand zur Faust.

Yohann sah den alten Mann erschrocken an; der Bürgermeister aber winkte ab: »Ach was!«

»Der Linky wurde heute Morgen um neun Uhr installiert; und zwei Stunden später, Feuer!«, beharrte Meunier, und seine Frau, die sich dicht neben ihn gestellt hatte, nickte bekräftigend.

»Es war Ihre Waschmaschine, haben Sie gesagt. Entschuldigen Sie, ich muss Sie kurz verlassen.« Und der Bürgermeister wandte sich ab und ging ein paar Schritte fort, um ein Telefon aus der Tasche zu ziehen und es sich ans Ohr zu halten.

»Monsieur, das war kein Zufall!«, wandte der alte Mann sich beschwörend an Yohann.

Der nickte vorsichtig. »Verstehe ich Sie richtig: Heute ist Ihr mechanischer Stromzähler gegen einen digitalen ausgetauscht worden?«

»Genau! Und kaum zwei Stunden später - Feuer! Und der eine Installateur, der jüngere Mann, der hatte noch gesagt, unsere Stromleitungen seien zu alt. Das hat er seinem Kollegen leise gesagt, aber wir haben es gehört, nicht wahr, Louise?«

»Ja, das hat er gesagt«, stimmte die alte Frau matt zu. »Aber es funktionierte doch alles! Und sie haben uns trotzdem den guten alten Zähler weggenommen und den neuen montiert.«

Yohann fuhr sich über die Stirn. »Ist der neue Zähler, der Linky, verbrannt?«

Alle drei sahen sie zu dem verkohlten Haus. Das Feuer war gelöscht; die Rauchschwaden stanken, Ruß wirbelte um sie herum.

»Am Treppenaufgang hing er. Der ist bestimmt hin«, murmelte Meunier.

»Die Brandursache wird untersucht werden. Sie muss untersucht werden«, versicherte Yohann.

Doch der alte Mann sackte buchstäblich um einige Zentimeter mehr in sich zusammen. Seine zornige Anklage hatte ihm den letzten Rest Energie geraubt, und er brachte nur noch heiser hervor: »Wer wird da was untersuchen? Die, die den Linky montiert haben? Die werden kaum zugeben, dass das Ding an allem Schuld war.«

Konnte Meunier damit Recht haben? Yohann suchte nach tröstlichen Worten, die ihm nicht kommen wollten; da näherte sich eine jüngere Frau mit schwarzen Haaren und energischem Schritt. »Louise!«, rief sie aus, und in dem Moment, in dem sie die alte Dame in die Arme nahm, begann diese plötzlich zu weinen. Erst leise; dann schluchzte sie, immer lauter, immer ungehemmter.

Betroffen schaute Yohann sich nach dem Bürgermeister um. Es lag auf der Hand, dass die Meuniers unter Schock standen und Hilfe brauchten. Auch näherte Leroux sich nun der Gruppe und sprach den alten Leuten zu, zunächst mit ihrer Nachbarin, der Schwarzhaarigen, mitzugehen, um sich bei ihr hinzusetzen und auszuruhen.

Als die Meuniers gegangen waren, fragte Yohann mehr sich selbst: »Was wird mit ihnen geschehen? - Und wenn etwas dran wäre?«

Der Bürgermeister hatte ihn gehört und fuhr auf: »Der Linky als Brandursache? Unsinn!«

»Ich habe Berichte über ähnliche Fälle gelesen«, meinte Yohann nachdenklich.

»Oh nein! Kein Wort mehr! Wenn wir aus der Mairie plötzlich Panik machen, nur weil es mal eine Neuerung gibt...«

Yohann hob die Brauen. »Was lässt Sie so sicher sein, dass der neue Zähler nichts mit dem Kurzschluss in der Waschmaschine zu tun hatte?«

Leroux erwiderte von oben herab: »Ganz einfach. Unser Staat würde kaum wollen, dass im Zuge der nächsten Jahre jeder Haushalt mit einem potentiellen Brandherd ausgestattet würde! Fragen Sie mal Ihren Chef, ob der nicht genauso wie ich denkt.«

Yohann biss sich auf die Lippen. Sein Chef, das war Pierric Le Bihan, der Bürgermeister von Saint-Hernin; und ja, natürlich würde er mit dem reden! Vorerst konnte er hier aber nichts weiter tun; so verabschiedete er sich von Leroux und ging.

Er fühlte sich aufgewühlt, schockiert, zutiefst beunruhigt. Und er dachte an den Brief; den Brief, den Simon ihm gestern gezeigt hatte. Simon war der erste von ihnen aus Saint-Hernin, der einen solchen Brief erhalten hatte: die Ankündigung eines neuen Stromzählers; eines - also wirklich brandgefährlichen Linkys?

Zurück am Auto, wurde Yohann von einer verunsicherten Babou begrüßt. Er kraulte sie hinter den Ohren, und sie beschnüffelte aufgeregt seinen Arm. Er musste durch und durch nach Lagerfeuer stinken - ein Geruch, den er loswerden wollte, möglichst schnell! Er musste sich umziehen und dann raus, in die Natur, einen langen Spaziergang mit Babou machen. Und darüber nachdenken, was nun zu tun war.

Als er Spézet verließ, prasselten erste Regentropfen aus finsteren Wolken. Zu spät, um beim Löschen zu helfen.

2. Der grüne Tunnel

Es war, als würde die Welt um sie herum grün werden und langsam. Genauer war es der Zug, der langsam war, diese Bummelbahn nach dem TGV; und genauer war es die Natur, die frisch ergrünte, eine Natur, die üppig war, dicht, geradezu aufdringlich. Der Zug fuhr durch einen grünen Tunnel; die Zweige des zart belaubten Buschwerks berührten fast die Panoramafenster des Waggons. Dann öffnete sich der Hohlweg, und der Wechsel von Schatten zu Licht - eine Lichtfülle, die ihr aus Paris her fremd war - ließ sie die Augen geblendet zusammenkneifen. Doch als sie sich an die strahlende Sonne gewöhnt hatte, sah sie erst recht auf Grün, Grün in verschiedenen Schattierungen: Da waren saftig-grasgrüne Wiesen, umwallt mit Bäumen, die erstes zartgrünes Laub zeigten und umrankt waren von dunkelgrünem Efeu; hier und da flimmerte ein Tupfen leuchtendes Gelb auf, das waren Stechginsterbüsche. Nur selten mal sah sie, in einer Talmulde oder auf einer Anhöhe, ein bräunlich-graues Feldsteinhaus, dessen schwarzes Schieferdach unter der Sonne nass glänzte; die Gegend schien unglaublich ruhig und friedlich - und weitgehend menschenleer.

Dieser letzte Gedanke wäre für Lina noch vor wenigen Wochen beunruhigend gewesen, für sie, die geborene Großstädterin. Doch nun ... Sie fühlte sich leer. Zum ersten Mal seit langem fühlte sie sich nicht verzweifelt, wütend, in sich zerrissen, schuldbewusst und voller Scham, nicht einmal zweifelnd - sie fühlte sich einfach nur leer. Und das war, verglichen mit dem, was vorher gewesen war, eine relative Wohltat.

So saß sie da, die Arme verschränkt, den Rucksack zwischen den Beinen, den Kopf seitlich an die Fensterscheibe gelehnt, so dass sie in den Hohlwegen den Eindruck hatte, die grünen Zweige würden ihr gleich die Schläfe streicheln. Kein Zweifeln mehr - nicht im Augenblick. Sie atmete ruhig, wartete ab, schreckte nur manchmal zusammen, wenn der Zug plötzlich trompetete wie ein fröhlicher Elefant. Sie saß da und sah ruhig und leer der Zukunft entgegen, bis der Zug verlangsamend an mit Graffiti besprühten Mauern entlang strich; dann hielt er vor einem bescheidenen Bahnhofsgebäude: Carhaix-Plouguer.

Und es war vorbei mit Linas Ruhe. Jetzt musste sie wieder handeln. Musste aufstehen. Den Zug verlassen. Pierre wiedersehen, den sie seit über acht Jahren nicht mehr gesehen hatte. Würde er sie überhaupt noch erkennen? Sie atmetet tief durch und griff nach ihrem Gepäck.

Jean-Yves wartete nervös vor dem Bahnhof. Wie sollte er die Fremde erkennen? Pierric war gut! Jung und schön, das war keine Beschreibung, das war nur einer von seinen Sprüchen! So, jetzt hatte er sie auch noch verpasst, da kam niemand mehr aus dem Bahnhofsgebäude. Nur der Junge. Oder wartete Pierrics Freundin etwa am Bahnsteig? Jean-Yves ging nachsehen, aber vergeblich.

Als er wieder den Bahnhofsvorplatz betrat, stand nur noch der Junge da, der mit der weiten Hose, der Kapuzenjacke und der komischen Schlumpfmütze. Der sah irgendwie verloren aus. »Hallo, hat dich jemand versetzt?«, sprach Jean-Yves ihn an.

Der Junge wandte sich abrupt zu ihm und antwortete erst nach einem längeren Zögern: »Sieht so aus, ja.«

Jean-Yves stutzte; das war keine männliche Stimme gewesen. Er fuhr sich durch das spärliche Haar. Das konnte nicht sein, oder? Dennoch fragte er: »Verzeihung, aber - kennst du Pierric?«

Sein Gegenüber machte einen kleinen Schritt zurück und meinte unsicher: »Ich warte auf einen Pierre. Le Bihan. Kennen Sie den?«

Jung und schön! Da hatte Pierric ihm einen ganz schönen Bären aufgebunden! Dieses blasse, dünne, knabenhafte Wesen hier - aber etwas hatte das junge Ding an sich, das einem zu Herzen ging, mit seinen großen, dunklen, müden Augen. Er räusperte sich und sagte: »Wenn du Lina bist - ich bin Jean-Yves! Pierric hat mich geschickt, ich bringe dich nach Saint-Hernin«, stolz wies er auf sein Fahrzeug. Die Antwort war ein entgeisterter Blick. Naja, sie war Pariserin, hatte Pierric gesagt. Aber entweder das oder gar nichts. Jean-Yves ging zum Mini-Quad und reichte der Pariserin den Beifahrerhelm. Sie sollte sich nicht so anstellen; schließlich sah sie gar nicht nach einer richtigen Pariserin aus.

»Ich glaube - ich fürchte, es wird auf dem Sitz zu eng für Sie und mich mit dem Rucksack«, wehrte Lina rundweg ab und nahm den Helm nicht entgegen.

»Dafür ist ja der Anhänger da«, versicherte Jean-Yves und schob den Rucksack - wenig Gepäck für eine Pariserin, zugegeben - in die rollende Metallbox, die er selbst konstruiert hatte. Er schloss die Gittertür und erklärte: »Die Box ist super, ist viel Platz drin; normal fährt nämlich Dudu mit, mein Hund.«

»Warum ist Pierre nicht selber gekommen?«, fragte Lina nach einem langen Atemzug.

»Das hat er gewollt, aber man kann nicht immer, wie man möchte, was? Lehrer am Lycée und Bürgermeister - und heute macht er eine Fortbildung. Da hat er uns gefragt, Julien und mich. Julien ist mein Großneffe«, Jean-Yves lächelte stolz. »Der hätte dich mit dem Auto vom Bahnhof abgeholt; aber das ging dann doch nicht, weil er arbeiten musste. Erst vor kurzem hat er einen Job gefunden, zum Glück!«

Die Pariserin sah ihn stumm und merkwürdig an.

»Das ist hier nicht so einfach für junge Leute, weißt du? Hier ist nicht die Großstadt«, erklärte Jean-Yves ernst.

Sein Gegenüber hob ironisch die Augenbrauen und sah nochmals ängstlich zum Mini-Quad.

Jean-Yves verstand, dass er die Pariserin beruhigen musste. Er erklärte: »Pierric hat mich geschickt, weil er wusste, bei mir bist du in sicheren Händen.« Erneut streckte er ihr den Beifahrerhelm entgegen und versuchte es mit einem Scherz: »Die Mütze würde ich aber abziehen, sonst geht der Helm nicht drüber. Oder er geht drüber, aber nachher nicht mehr vom Kopf.«

Was sollte sie machen? Irgendwie musste sie in ihr Quartier. Mutlos und resigniert zog sie den Beanie ab.

Jean-Yves erschrak. »Bist du krank? Das wusste ich nicht«, entfuhr es ihm.

Mit einem schwer zu deutenden Lächeln streifte sich die junge Frau den Helm über die nur Millimeter langen dunklen Stoppeln.

3. Singing in the rain

Sie saß etwas bequemer, als sie es befürchtet hatte. Auch wenn es ihr höchst unangenehm war, sich an diesem seltsamen alten Mann festzuhalten, der sie so unpassend und hartnäckig duzte. Und der sie ohne Mütze gesehen hatte. Warum hatte Pierre gerade so einen geschickt? Und wohin fuhren sie überhaupt? Pierre hatte behauptet, das Haus läge nur wenige Kilometer entfernt von der Achttausend- Seelen-Stadt Carhaix-Plouguer; aber aus dem Nest waren sie gefühlt ewig heraus! Nun tuckerten sie eine Steigung hinauf, auf einer engen Landstraße zwischen Wällen, die nach oben hin von den Ästen hoher Bäume umschlossen wurden. Jetzt öffnete sich die Aussicht auf rundliche Hügel, gelb blühenden Stechginster und frischgrüne Felder; aber keine Häuser zu sehen. Was war das? Sie waren schon wieder daran vorbei, ein alter Kalvarienstein? Nun doch ein einsames Haus am Rande der Landstraße - aber hier, in dieser Einöde, hielt der alte Mann nicht, zum Glück! Sie hatte wirklich keine Ahnung, was sie erwartete, und kämpfte gegen ein Gefühl der Hilflosigkeit und Beklemmung.

So schlängelte sich das Mini-Quad immer weiter hoch, auf die Hügel der Montagnes Noires, der Schwarzen Berge, bis sie endlich an einem Ortsschild mit zwei Aufschriften vorbeiknatterten. Saint-Hernin - Sant-Hern; das Zweite war wohl der Ortsname auf Bretonisch, begriff Lina - und es kam ihr komplett unwirklich vor, so weit weg von der Zivilisation zu sein. Aber sie hatte es so gewollt. Genau das hatte sie so gewollt.

Langsam kurvten sie eine Häuserzeile entlang; ein winziges Nest, das war wohl schon das Zentrum, rechts die Bar neben dem Laden mit der Osterdekoration im Schaufenster, links die Kirche, natürlich aus Bruchstein und mit Schieferdach und ziemlich groß für so ein Minidörfchen - aber nun fuhr Jean-Yves daran vorbei und - wieder dorfauswärts? Das konnte nicht sein, nicht noch weiter in die Provinz? Doch da schwenkte das Quad schwungvoll über die Gegenfahrbahn, hielt auf dem breiten Gehweg und der Motor verstummte.

Lina stieg vorsichtig ab, zog den Helm vom Kopf, griff automatisch in die Hosentasche und streifte die Mütze über. Sie zeigte auf die Reihe der drei kleinen Bruchsteinhäuser und fragte unsicher: »Hier?«

»Das linke.«

Aha. Pierre hatte zwar gesagt, es sei klein, aber doch nicht bloß für einen Hobbit?

»Klein, aber fein, nicht wahr?«, strahlte Jean-Yves. »Und hier«, er griff in die Jackentasche - dann in die andere; in die Hosentaschen, eine nach der anderen, immer hastiger. »Wo ist er, der verflixte Schlüssel?«, fragte er Lina, als ob sie das wissen könnte!

»Es sieht aus, als würde es gleich regnen«, bemerkte sie scharf und wies nach oben. Wie aus dem nichts hatten sich dicke Wolken vor die Sonne geschoben. Typisch Bretagne! Wobei eine Wolke am Horizont merkwürdig war; sie hing so tief und sah geradezu schwarz aus.

»Wo habe ich den Schlüssel nur hingetan«, murmelte Jean-Yves unterdessen, »oder hat Pierric vergessen, ihn mir zu geben?«

»Und jetzt?«, Lina fuhr auf, »ich habe den ersten Tropfen abgekriegt. Ich bin müde, wirklich kaputt - nicht nur von der Reise. « Sie biss sich auf die Lippen.

Jean-Yves sah bestürzt, dass die Pariserin plötzlich mit den Tränen kämpfte.

»Warum rufen Sie ihn nicht an? Ich würde Pierre ja selber anrufen, aber ich - ich habe kein Handy«, erklärte die junge Frau nun beschämt und rang sichtlich um Fassung.

»Ein Handy? Habe ich nicht. Aber ich fahre sofort los. Ich habe den Schlüssel wahrscheinlich zuhause liegen gelassen; und wenn er da nicht ist, rufe ich Pierric an - Festnetz hab ich! Und - wir kriegen das schon hin!« Jean-Yves stieg schnell auf das Mini-Quad, brauste los und ließ Lina buchstäblich im Regen stehen.

Sprachlos sah sie ihm nach. Dann wischte sie sich einen Regentropfen aus dem Gesicht und sah mutlos auf das Häuschen, das sie nicht einlassen wollte. Niedlich, irgendwie, und rustikal; es schien gar keinen ordentlichen Neunzig-Grad-Winkel zu haben! Trotz seiner Miniaturgröße wirkte es andererseits wie der Turm eines Ritterschlösschens, mit seinen dicken bruchsteinernen Mauern; und das gefiel ihr. Sie sah auf die zwei Fenster, eines neben der Haustür und eines im ersten Stock, zur Hälfte mit bretonischen Spitzengardinen verhängt. Türen gab es, bemerkte sie jetzt, auch zwei; nebst der Haustür im Erdgeschoss führte an der Seite des Häuschens eine schmale Holzstiege hoch, anscheinend zu einer zweiten Eingangstür direkt zur Etage. Wie das Gebäude im Ganzen, so waren allerdings auch die Fensterchen und Türchen ihrer Kleinheit nach für Menschen der Größe von Hobbits gemacht, dachte sie kopfschüttelnd und musste doch lächeln.

Sie sog tief die Luft ein, in der, vielleicht getragen durch die Feuchtigkeit, ein süßlich-herber Duft lag. Das waren nicht die Forsythien, die hellgelb und fast schon verblüht aus dem Vorgärtchen hervorleuchteten; nein, der an Kokos erinnernde Duft kam von dem kräftigen gelben Stechginster . Sie trat näher an den Busch heran und schloss kurz die Augen. Roch gut. Als sie den Miniaturgarten abschritt, entdeckte sie im Gras grüne Primeln, Gänseblümchen, Vergissmeinnicht, gelbe und blaue Wildblumen, die sie nicht kannte, und dann, zu ihrem Erstaunen, an dem Rosenstrauch neben der Gartenbank eine erste, wunderbar erblühte Rose.

Okay, der Garten war hübsch, fast bezaubernd, aber Regen und Wind verstärkten sich und ihr wurde kalt. Wie lange konnte es dauern, bis dieser Jean-Yves mit dem Schlüssel zurück war? - Bestimmt ewig! Nein, hier warten wollte sie nicht. Sie musste sich bewegen. Sie stellte ihren Rucksack vor der verschlossenen Haustür ab (in dieser menschenleeren Provinz würde wohl kaum jemand ihn stehlen?) und ging los. Zurück Richtung »Zentrum«, wenn man den Kirchplatz so nennen wollte.

Hier hatte sie sich schnell umgesehen. Dem großen Kirchportal gegenüber sah sie sogleich Pierres Arbeitsplatz, ein langgezogenes Bruchsteinhaus mit dem Schild »Mairie« über dem Eingang. Aber da Pierre nicht da war, nützte ihr das nichts; so schlenderte sie unschlüssig an der Kapelle, dem Kalvarienstein, dem Beinhaus, den drei Keltengräbern und dem alten Waschbrunnen vorbei, die allesamt bestimmt wahnsinnig bretonisch und sehenswert waren; nur war sie zum Sightseeing nicht in Stimmung! Es regnete immer stärker, von Jean-Yves oder seinem Mini-Quad keine Spur, und so folgte sie schließlich, um sich durch die Bewegung aufzuwärmen, dem Wegweiser zu einem Wanderpfad, den sie am Ende der Kirchgasse entdeckte.

Und nach wenigen Metern war sie in der Wildnis! Sie schritt über weichen Erdboden, durch einen Hohlweg; rechts von ihr gluckste ein Bachlauf hinter noch braunem Farn und hellgrünen Büschen den Abhang hinab, links erhoben sich mächtige Eichen. Seltsam war, dass der Regen die Vögel nicht störte - sie jubilierten fröhlich und gaben ein Konzert, wie Lina lange keines gehört hatte; wobei manche der Vogelstimmen ihr ganz fremd erschienen und sie sich fragte, was das wohl für Vögel waren? Wo war sie hier hingeraten? Es kam ihr alles mal märchen-, mal alptraumhaft vor; allein die Einsamkeit war ihr bald unheimlich, bald unglaublich beruhigend, und sie bremste ihren eiligen Schritt: Hier würde, hier konnte sie niemand mehr verfolgen!

Und dann schreckte sie plötzlich zusammen. Sie war doch nicht allein. Da war eine Stimme. Eine Männerstimme. Der Mann sang ... und zwar ... ja, sie kannte dieses alte Lied. Sie blieb stehen. Eben hatte ihr enger Pfad sie auf einen breiteren, besser befestigten Weg geführt. Durch die tropfnassen Zweige hoher Bäume erblickte sie ein steiles Gefälle und unten im Tal einen kleinen Fluss. Das Singen wurde lauter, kam von hinter der nächsten Kurve; Rückzug oder Stehenbleiben und Mr. Singing in the rain begegnen? Da schoss etwas auf sie zu und an ihr hoch, ein Hund! Erschrocken schrie Lina auf und fing gleichzeitig die nassen Pfoten auf. Sie starrte dem Tier, das allerdings weder riesig, noch besonders schwer war, in die neugierigen Kulleraugen zwischen den Hängeohren. »Babou, hier!«, rief der Regensänger, und da stand er: Eng anliegende Gummistiefel bis zu den Knien, ein wasserabweisender Trenchcoat, eine Art irische Zwanziger-Jahre - Mütze unter großem Regenschirm.

Yohann kniff die Augen zusammen. Durch den Regen, der jetzt wie in Bindfäden vom Himmel fiel, konnte er nicht sofort erkennen, wen er da vor sich hatte. So oder so, die Person hatte sich erschreckt, und er beeilte sich zu versichern: »Verzeihen Sie, Babou ist aufdringlich in ihrem Überschwang, aber nicht böse. Ich hoffe, sie hat Sie nicht verdreckt?«

Welchem Jahrhundert war der denn entsprungen, fragte sich Lina? »Mir ist nichts passiert, danke«, murmelte sie undeutlich unter ihrer Kapuze hervor.

Der Stimme nach eine Frau, begriff Yohann, und er fragte höflich: »Haben Sie sich verlaufen?« Er hatte nicht erwartet, bei dem schlagartig schlecht gewordenen Wetter jemandem zu begegnen, und wäre gerade jetzt, gerade heute gerne mit seinen Gedanken alleine gewesen; aber die Gestalt vor ihm sah so durchnässt und unglücklich aus ...

»Alles gut, ich weiß genau, wo ich bin«, log Lina und machte Anstalten, ihren Pfad schnell zurückzugehen.

Er hätte sie ihrem Schicksal überlassen können. Aber irgendwie konnte er es nicht. Er rief ihr hinterher: »Entschuldigen Sie, ich will nicht aufdringlich sein wie mein Hund, aber - wenn Sie zurück zum Dorf wollen, ist dieser Weg hier bequemer. Der Pfad da wird schnell zum Morast.«

Sie blieb stehen, wandte sich langsam um. »Warum meinen Sie eigentlich, dass ich Hilfe brauche?«, fragte sie irritiert zurück.

»Sie tragen keine Gummistiefel.«

In diesem Moment war lautes Donnergrollen zu hören.

Sie schloss kurz die Augen. »Na gut.«

Ihre Anspannung wuchs aber, als der Fremde sie ungefragt zu begleiten begann. »Wollten Sie nicht in die andere Richtung?«, protestierte sie ruppig, aber so leise, dass er es gerade so hören konnte.

Gleichmütig gab er zurück: »Angesichts der Wetterlage ziehe ich es doch vor, zurückzugehen. Mein Schirm ist übrigens groß«, und er hielt das gute Stück einladend ein wenig höher.

Sie wäre gerne auf Abstand geblieben. Aber die Nässe wollte durch jede Naht ihrer Kleidung kriechen. Sie würde sich eine Grippe holen, und wer wusste schon, wie die medizinische Versorgung in der Provinz war . Sie näherte sich dem Schirm und spähte verstohlen zu dessen Träger. Er war nicht viel größer als sie, schmal und mit einem länglichen, feinen Gesicht, das zu seiner sanften Stimme passte; er hatte nichts Furchterregendes an sich. Sie machte noch einen Schritt zur Seite, unter den Regenschutz. Und da sie den Fremden, durch die Kapuze bedingt, nicht mehr misstrauisch aus den Augenwinkeln beobachten konnte, zog sie die lieber ab - vorsichtig, damit die Mütze nicht verrutschte. »Was haben Sie da vorhin gesungen?«, fragte sie, nur um das verlegene Schweigen zu brechen. Irrte sie sich oder sah er scheel auf ihren Beanie?

»Ach das«, winkte er schnell ab und wurde etwas rot, »das passiert mir manchmal so, beim Nachdenken zu singen.«

»Das alte Partisanenlied der Résistance? Das hört sich nach rebellischen Gedanken an«, bemerkte sie nun doch und unterdrückte ein Grinsen.

Yohann räusperte sich und schwieg. Als sie ihn aber weiterhin groß und fragend aus dunklen Augen ansah (ausdrucksstarke Augen hatte sie), zuckte er zuletzt mit den Achseln und sagte wahrheitsgemäß: »Das Lied passte zu meiner Stimmung. Ich war etwas aufgebracht, weil - vielleicht habe ich heute etwas erlebt, was das Ergebnis einer großen Ungerechtigkeit war; oder mehr, einer großen Sauerei. Vielleicht war es aber auch nur ein schrecklicher Unfall. - Aber hören Sie bitte nicht auf mich, Sie merken schon, ich bin zu verwirrt und aufgewühlt, um mich besser zu erklären.« Er schüttelte den Kopf und seufzte. Was stammelte er hier vor dieser Fremden herum, die garantiert eigene Schwierigkeiten hatte?

Lina runzelte die Stirn. Sie hätte ihren rätselhaften Begleiter gerne gefragt, was er gemeint und was er erlebt hatte, doch das war ihr zu persönlich. Also fragte sie nur: »Wo sind wir hier eigentlich, was ist das für ein Fluss?«

Erleichtert darüber, dass sie nicht nachhakte, hielt er ihr einen kleinen Vortrag über den Nantes-Brest-Kanal. Idee Napoleons - natürliche Flussläufe - von Häftlingen ausgegrabene Verbindungen - Transport des bretonischen Schiefers - Konkurrenz durch innerbretonische Eisenbahn - diese stillgelegt in den sechziger Jahren - an Lina rauschten seine Erläuterungen halbwegs vorbei. Sie fragte sich ständig: Was soll ich tun, wenn Jean-Yves gleich mit dem Schlüssel noch nicht zurück ist?

»Aber Sie interessieren sich nicht für Geschichte?«, fragte er sie unversehens.

»Oh - doch, doch. Was ist ein Treidelweg?«, fragte sie, aufs Geratewohl eines der von ihm zuletzt benutzten Wörter aufgreifend.

»Der Weg, auf dem die Pferde früher die Lastkähne zogen - der Weg auf der anderen Kanalseite! Wir gehen eben über die einstige Eisenbahntrasse. - Geht es Ihnen gut?«

Da erklärte sie ihm in ihrer Ratlosigkeit und Verzweiflung ihr Problem; natürlich nur ihr akutes, das Schlüsselproblem, und das auch lediglich in den gröbsten Zügen.

Eine Freundin von Pierric war sie also? Verstohlen warf Yohann ihr einen Seitenblick zu. Warum war Pierric immer zufällig gerade nicht da, wenn man ihn brauchte? Er seufzte und hob an: »Ich habe mich noch gar nicht vorgestellt: Yohann Kervigné.«

Yohann; ein Name aus einer anderen Zeit, das passte, fand sie. »Lina Vincenti«, stellte sie sich ihrerseits vor.

»Sie sind Italienerin?«, fragte er interessiert.

»Meine Mutter«, gab sie knapp zurück. »Ich bin Französin.«

Er nickte. »Da vorne steht mein Auto. Ich fahre Sie nach Saint- Hernin und dann sehen wir weiter, ja?«

Sie zuckte ergeben mit den Achseln.

Sein Auto war ein hellblauer Renault vier, wie sie ewig keinen mehr gesehen hatte. Yohann hielt ihr die Beifahrertür auf, blieb selbst aber noch minutenlang ohne Schirm im Regen stehen, während er die auf der Rückbank sitzende Babou mit einem großen Tuch abrieb. Im Rückspiegel sah Lina, wie das Tier ihm brav eine Pfote nach der anderen reichte und sich dann wie ein Mensch direkt auf den Po setzte, den Rücken an die Rückenlehne gelegt, um ihrem Herrn Brust und Bauch zu präsentieren. Während er rubbelte, gab sie ihm Nasenküsse. Eine hübsche Szene, und auch beruhigend. In Paris wäre sie niemals mit dem erstbesten Fremden in die Karre gestiegen; aber etwas sagte ihr, dass das hier kein perverser Verbrecher war.

Das Einzige, was sie dann doch unangenehm fand, war der Geruch nach nassem Hund. Nur schwerlich überdeckte er noch etwas anderes: Irgendwie roch das Autoinnere - angeräuchert? Aber zum Glück war die Fahrt ins Dorf überraschend kurz. Der Renault vier kurvte schwungvoll ein enges Landsträßchen hoch, dann kam schon nach wenigen Minuten ein Ortsschild, Saint-Hernin, und die Landstraße mündete in eine Kreuzung. Yohann wollte eben fragen, wo sie nun hinmüssten, als Lina überrascht ausrief: »Ich glaube, das ist es schon. Genau vor uns. «

»Welches, das Linke der drei? Dann ist Jeanne Ihre Vermieterin?«, begriff Yohann.

»Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Pierre hat sich um alles gekümmert. Ich weiß nur, wie viel, oder besser, wie wenig Miete ich zahlen soll, wochenweise. « Sie verstummte. Das war schon mehr als sie hatte preisgeben wollen. Sie wollte doch nichts über sich erzählen.

Während er parkte, erklärte Yohann munter, dass die Dorfbewohner die drei Reihenhäuschen immer nur »die drei« nannten, seitdem sie 1898 von drei Geschwistern erbaut worden waren. Jeanne sei die letzte Nachfahrin dieser Geschwister, eine sehr kleine, sehr alte Dame, die zu ihren Enkeln in den Süden gezogen sei. Das mittlere Haus gehöre inzwischen Engländern, die seit Jahren nicht mehr kämen, und das rechte einer sehr sympathischen Autorin mit Hund, die drei- bis viermal im Jahr in Saint-Hernin sei, derzeit aber nicht.

Lina deutete ein Nicken an. Das klang eher gut, fand sie. Das klang nach Ruhe. Wenn sie nur erst den Stress mit dem Reinkommen hinter sich hatte.

Sie gingen zur Haustür; da lag ihr durchnässter Rucksack - aber die Tür war nach wie vor verschlossen.

Yohann meinte, in den Augen seiner Begleiterin einen Anflug von Panik zu lesen. Ruhig fragte er: »Und oben? Haben Sie bei der oberen Tür nachgeschaut?«

Lina schüttelte den Kopf. Warum sollte die obere Tür offen sein? Aber Yohann forderte sie mit einer Geste auf voranzugehen, und so stiegen sie hintereinander die enge Holztreppe zur Tür im ersten Stock hoch. Lina drückte die Klinke - abgeschlossen, natürlich. Doch Yohann rief aus: »Hat sie sich nicht bewegt? Vielleicht klemmt sie nur bei Feuchtigkeit.« Er drängte sich an Lina vorbei, drückte seinerseits die Klinke und stemmte sich mit der Schulter gegen die Tür, die ruckartig nachgab.»Voilà«, sagte er und machte eine einladende Geste.

Verblüfft trat Lina über die Schwelle.

Ein ganz kleines Zimmerchen mit übergroßem Kamin - der war allerdings mit breiten Bohlen verschlossen. Ein schön geschnitztes Bett, ein passender Nachttisch und ein Kleiderschrank mit Spiegeltüren; ein altes Schreibpult mit Stuhl. Das war sie, die Einrichtung. »Und wie soll man hier heizen?«, fragte Lina. Sie fand es hier drinnen fast kälter als draußen.

»Unten ist noch ein Kamin; vermutlich mit eingebautem Holzofen. Die heizen sehr gut, die Wärme steigt bis hier oben. Wollen wir nachsehen?« Yohann wies auf die Treppe zum Erdgeschoss.

Vorsichtig tastete Lina sich nach unten. Wie er gesagt hatte - im Erdgeschoss nahm der Kamin fast eine ganze Wandbreite ein; ein schwarzer Holzofen stand darin. Vor dem Kamin standen eine kurze Couch und ein kleiner Sessel; ansonsten blieb in dem Zimmerchen gerade mal Platz für eine Küchenzeile an der Rückwand, der Haustür gegenüber, und für ein Esstischchen mit zwei Stühlen.

»Für Hobbits. Sagte ichs doch«, murmelte Lina für sich.

»Wie bitte?«, fragte Yohann.

»Ach, nichts. Ich habe noch nie mit Holz geheizt. Und viel Brennholz sehe ich hier auch nicht.«

»Hinter dem Haus ist ein Schuppen, da könnte noch mehr Holz zu finden sein. Soll ich Ihnen ein Feuer machen?«

Überrascht hob Lina die Brauen. »Das kriege ich schon hin«, wehrte sie dann ab; in ihren eigenen Ohren klang es zu schroff. »Und was ist in dem geheimnisvollen Kasten da, in der Ecke neben der Haustür«, setzte sie daher in gespielt heiterem Tonfall nach.

»Vermutlich der Stromzähler«, antwortete er, ohne nachzudenken - und sah plötzlich wieder das brennende Haus der Meuniers vor sich, roch den beißenden Qualm. Es fröstelte ihn; er nahm sich zusammen und ging zu dem Kasten. Der war nur mit einem Häkchen verschlossen, er öffnete es, zog die Tür auf - und da war er, der alte Zähler.

Es war so dämmrig, so merkwürdig intim in diesem winzigen Zimmer, dass Lina eine gewisse Verlegenheit verspürte und das Bedürfnis, sie mit einer belanglosen Bemerkung zu überspielen; so sagte sie: »Bei uns in Paris ist letzte Woche der Stromzähler ausgetauscht worden, gegen einen digitalen.« Prompt biss sie sich auf die Lippen. Warum sprach sie von Paris?! - Falsches Thema!

»Ach ja?«, fragte Yohann sofort, und es lag ihm auf der Zunge, nun doch von dem Vorfall in Spézet zu erzählen; aber dann riss er sich zusammen. Sicherlich wollte die Durchnässte sich aufwärmen, ausruhen und allein sein, statt mit seinen persönlichen Sorgen belästigt zu werden! Er schaltete den Strom an. »Jetzt können Sie Licht machen. Bei dem Unwetter ist es dunkel wie am Abend, nicht?«

Sie fand den Lichtschalter. Im diffusen Licht der Deckenlampe sahen sich die beiden das erste Mal richtig an, in die Augen. Seine waren hellbraun, fast caramelfarben, mit durchdringendem und doch gütigem Blick. Sie hielten einen Moment Blickkontakt, dann lösten sie ihn und jeder tat so, als würde er das Zimmer genauer betrachten.

»So, ich sollte jetzt gehen«, kündigte er an, und als sie ihn nicht aufhielt, ging er zurück in den ersten Stock. Lina sah sich noch einmal kurz um, dann folgte sie ihm.

Er hatte den Schlafzimmerschrank geöffnet und zog eine Decke hervor. »Hier. Sie sind ganz durchgefroren. - Ah, ich meine, ein Auto gehört zu haben! Waren Sie mit Pierric verabredet? Das wird er sein. Also dann - willkommen in Saint-Hernin!« Er machte eine kleine Verbeugung und verließ hastig das Zimmer.

»Danke!«, rief Lina ihm hinterher, die Treppe hinunter, wobei sie bemerkte, dass der Regen aufgehört hatte.

Unten auf dem Bürgersteig kreuzten sich die Wege der beiden Männer.

»Yohann?«, rief der Ankömmling überrascht aus.

»Salut Pierric! Ich weiß nicht, ob du schon davon gehört hast, aber heute brannte es in Spézet...«

»Ach ja?« Pierric sah zum Linken der drei und war sichtlich mit den Gedanken bei einer anderen Sache.

»Reden wir morgen darüber? Deine Freundin ist oben«, informierte Yohann lakonisch, »schönen Abend noch.«

Pierric, den Haustürschlüssel in der Hand, sah ihm nach, wie er im Auto verschwand. »Und was machst du überhaupt hier? - Der ewige Helfer, hat doch wieder zugeschlagen«, murmelte er kopfschüttelnd. Dann blickte er auf. Im Rahmen der oberen Haustür stand eine vermummte Silhouette. Er atmete auf, freute sich auf die Begegnung. Lina!

4. Ziemlich beste Freunde

»Salut! Was gibt es Neues?« Pierric trat an den Schreibtisch seines sécrétaire adjoint, seines Stellvertreters, und griff nach der Post.

Yohann blickte von seiner Arbeit auf und erklärte: »Das sind die Kostenvoranschläge von drei Unternehmen für die Gestaltung des Gartens hinter der Mairie. - Hast du einen Moment Zeit?«

»Danke. Hast du reingesehen?«

»Ich würde Le Gall nehmen. Hast du Zeit? Wir müssen über den Brand in Spézet...«

Aber Pierric fiel ihm ins Wort: »Ich weiß über die Sache Bescheid. Jetzt sehe ich mir erst einmal diese Unterlagen an.« Er verschwand im Nebenzimmer, seinem Bürgermeisterbüro.

Yohann ließ die Finger nervös über die Schreibtischplatte trommeln. Sollte er ihm folgen? Aber dann wandte er sich doch vorerst wieder seiner Arbeit zu.

Die Dorfbibliothek war seine Idee gewesen. Sie nahm einen großen Teil des kleinen Rathausvorzimmers ein, das nicht viel Platz für Bücher und Filme bot. So hatte er mit dem bretonischen Bibliotheksverband die Lösung gefunden, den kleinen Bestand alle vier Monate zur Hälfte durch Leihgaben aus anderen Bibliotheken zu ersetzen. Die nächste Leihe bereitete er eben vor. Doch war er heute nur halb bei der Sache; er hatte einen großen Teil des Morgens an Recherchen zum Linky gesessen.

Hinter der offenen Tür des Bürgermeisterbüros hörte er Papierrascheln, ein Hüsteln, dann erschien Pierric im Türrahmen und fragte: »Sag mal, wie kam es gestern zu deiner Begegnung mit Lina?«

Pierric und seine Freundinnen. Yohann zuckte mit den Achseln und antwortete: »Sie ging im Regen spazieren, ich habe sie ins Dorf zurückgefahren.«

»Ja, aber was für einen Eindruck hat sie auf dich gemacht?«

»Einen durchnässten.«

»Scherzkeks. Du weißt schon, was ich meine.«

Er hatte durchaus eine Ahnung davon, worauf sein Freund und Vorgesetzter hinaus wollte, wollte darauf jedoch nicht eingehen. Er setzte die Brille ab, die er zum Arbeiten am Rechner trug, und lehnte sich zurück. »Sie war wirklich durchnässt. Und sie wirkte orientierungslos, ein wenig verloren .«

»Hm.« Pierric steckte die Hände in die Hosentasche und lehnte sich gegen den Türrahmen. »Ich war schockiert, als ich sie sah.«

Yohann hob fragend eine Augenbraue, doch widerwillig neugierig gemacht.

Durch Pierric ging ein Ruck und er begann, gleichzeitig zu gestikulieren und zu reden: »Das war nicht Lina! Wenn du sie gesehen hättest, vor zehn Jahren, du hättest sie jetzt nicht wiedererkannt! Ich habe sie nicht wiedererkannt! Sie war damals - unglaublich!« Er rang mit den Händen. »Sie war nicht nur schön, Lina hatte eine Aura! Einen Charme - sie war so mitreißend energiegeladen; sie war kreativ, intelligent, ja, und witzig: Sie hatte so einen eigenen, scharfsinnigen Humor.«

»Wo habt ihr euch kennengelernt?«, unterbrach Yohann Pierrics Redefluss.

»Wir waren in derselben Clique, an der Sorbonne .«

Yohann verdrehte die Augen. Er kannte diese Art, in der Pierric Sorbonne sagte, wie beiläufig und doch immer betont. Er selbst hatte nicht an der Pariser Elite-Universität studiert, und Pierric erinnerte ihn hin und wieder subtil daran.

»Sie war ein paar Jahre jünger als ich«, sinnierte der jetzt, »ich schon in der Abschlussphase und sie noch am Beginn ihres Studiums; aber der Kontakt hat noch gehalten, als ich mit dem Examen fertig war .« Er verstummte und schien ganz in seinen nostalgischen Träumereien zu versinken; dann setzte er abrupt nach: »Wir waren nie zusammen.«

»Nein?«, rutschte es Yohann heraus.

»Sie war zu gut für mich - zu gut für uns alle. Und ich verstehe immer noch nicht, wie sie ihr Leben dermaßen verpfuschen konnte! Erst ist sie Sozialarbeiterin geworden, obwohl ihr Soziologieprofessor sie dazu aufgefordert hatte, an der Uni zu bleiben, Professorin zu werden - sie war sein Shooting Star, weißt du; und dann, ein paar Jahre später, hat sie diesen unsäglichen, arroganten Typ geheiratet, diesen Schwätzer und Besserwisser - er war zu alt für sie, hatte ein Kind aus erster Ehe ...«

Yohann hatte genug gehört. Er zog die Brille auf und begann zu tippen.

»Was?«, protestierte Pierric, »ich erzähle von einem tragischen Menschenschicksal und dich berührt das nicht? Hörst du mir zu?«

Er sah lächelnd auf. »Fragst du mich als Chef oder als Freund?«

Pierric stützte sich mit den Ellenbogen auf den Schreibtisch auf und sah Yohann tief in die Augen. Schöne Augen hatte Pierric, groß, tiefblau mit schwarzen Wimpern, und das wusste er. Er zwinkerte leicht, als er sagte: »Jetzt lass mal deine Feinheiten und sage mir lieber, wo ich ein Fahrzeug für sie auftreiben kann. Lina ist das Dorfleben nicht gewohnt, sie muss mal wegfahren können.«

»Aha, das hört sich gleich vernünftiger an«, lachte Yohann. »Ich werde mich umhören. - Übrigens, egal ob deine Freundin Eheprobleme oder andere Schwierigkeiten hat, sie wirkte auf mich so, als bräuchte sie Ruhe .« Er sah Pierric vielsagend an.

Der richtete sich auf und stützte die Hände in die Hüften. »Sehe ich da einen moralischen Zeigefinger, mein pragmatischer und diskreter Freund? Aber mach dir keine Sorgen. Sie hat mich seit Jahren das erste Mal kontaktiert, über Facebook, und gefragt, ob ich eine günstige Unterkunft für sie auftreiben könnte, bei uns in der tiefsten Bretagne. Das habe ich gemacht und keine Fragen gestellt. Jetzt ist sie hier, in dem Zustand . Also, ich verspreche dir, ich lasse die Finger von ihr. Sowieso, ich bin viel zu gestresst mit Nelly, um ...«

»Ich dachte, mit Nelly wäre es aus?«

»Das dachte ich auch, aber es ist kompliziert.«

»Wie immer«, murmelte Yohann.

Achselzuckend wandte Pierric sich ab und seinem Büro zu. »Irgendein Fahrzeug für Lina, ja? Das braucht sie ganz sicher«, sagte er, schon über die Schulter hinweg.

»Warte! - Wir haben noch nicht über den Brand gestern gesprochen und über ...«, begann Yohann hastig, aber Pierric sagte laut und plötzlich im Chef-Tonfall: »Später! Ich habe doch gesagt, ich weiß über den Brand Bescheid, ich habe längst mit meinem Kollegen Leroux telefoniert! Und jetzt habe ich weitere wichtige Telefonate zu erledigen, die ich auf keinen Fall bis nach Ostern verschieben kann«, und er zog die Tür hinter sich zu.

Yohann sah die geschlossene Tür vorwurfsvoll an. Dann murmelte er für sich: »Nein, Pierric, ich denke nicht, dass du über alles Bescheid weist. Aber gut; wer nicht hören will, lässt die anderen machen. Dann kümmere ich mich eben darum. Ist ja nicht das erste Mal. Und um ein Fahrzeug für diese Lina ...« Er sah sie vor sich, grazil und zerbrechlich in ihrer zu weiten Kleidung, ihren ausdrucksstarken dunklen Blick. Dieses ganze Gefasel eben von ihrer einstigen Schönheit - Pierric war blind, um nicht die weit anrührendere, innere Schönheit seiner geheimnisvollen Freundin zu sehen. Sie wirkte nur, ja, gefangen in sich; wie geknebelt durch etwas - Trauer? Wut? Und dann, ihre abrupten Stimmungsschwankungen . Sie wirkte angegriffen, ziemlich labil. Was hatte sie wohl durchgemacht?

Er schüttelte den Kopf, fuhr sich durch das Haar und machte sich wieder an die Arbeit. Das alles ging ihn im Grunde nichts an.

5. Auf dem Mond

Um zwölf Uhr verließ Yohann die Mairie; am Nachmittag würde Lucie, die Sekretärin, ihn ablösen. Pierric war schon vor ihm in die Mittagspause gegangen, er hatte noch Unterricht am Lycée Paul Sérusier in Carhaix. Er hatte sich heftig darüber aufgeregt, dass die Schüler am Karfreitag sowieso keine Lust mehr auf Schule hätten; und wenn Pierric sich aufregte ... Schmunzelnd bei dem Gedanken an die kleine Abschiedsszene schlenderte Yohann die Hauptstraße herunter. Er pflegte jeden Mittag seine Baguette in Elaines Laden zu holen. In Saint-Hernin gab es keine Bäckerei, aber die kleine Épicerie diente als Brot-Depot. So konnte man ziemlich sicher sein, vor einer der drei Mahlzeiten jemand anderem aus dem Dorf beim Brotkauf zu begegnen.

»Ah, da kommt er«, sagte im Ladeninneren Elaine, die Yohann durch das Schaufenster hindurch erspäht hatte.

Lina sah ihn auch. Sie tauschte mit der alten Dame, die ihr vorhin stolz unterbreitet hatte, seit sechsundfünfzig Jahren die Épicerie zu führen, einen verschwörerischen Blick; noch eben hatten sie über ihn gesprochen. Das Glöckchen an der Tür klingelte; Yohann sah Lina, blieb verblüfft stehen, lächelte, ging aber nicht auf sie zu, sondern zu den Brotregalen.

»Sehen Sie? Er ist schüchtern, wie ich gesagt habe«, flüsterte Elaine.

Lina sah zu Boden. Sie wollte nicht, dass Yohann mitbekam, dass sie über ihn tuschelten.

Nun kam er und machte eine kleine, höfliche Verbeugung. »Guten Tag«, grüßte er, »haben Sie gut schlafen können in der ungewohnten Umgebung?«

»So ist er, immer besorgt um die anderen«, nickte Elaine, als stünde Yohann nicht direkt vor ihr.

Er wurde rot. »Elaine, jetzt ist es aber gut! Lina, Sie dürfen nicht auf alles hören, was man Ihnen hier so erzählt.«

»Er meint, über sich, weil es nur Gutes ist«, erklärte Elaine unbeirrt.

»Gut, ich gehe«, entschied Yohann und legte das Geld für seine Baguette auf den Tresen.

»Ich wollte auch gerade gehen«, beeilte Lina sich zu sagen und hob ihre große Tüte auf. Sie hatte sich etwas Gutes für das lange Wochenende kaufen wollen und war immer noch erschrocken darüber, wie viel Geld sie ausgegeben hatte. In diesem kleinen Laden gab es lauter feine, qualitativ hochwertige Sachen, viele Bioprodukte. Das war schön; nur würde sie es sich auf Dauer nicht leisten können, davon zu leben. Im nahen Carhaix würde es natürlich Supermärkte geben - aber ohne Fahrzeug war Carhaix gar nicht so nah. Sie traten auf den sonnigen Bürgersteig, und Lina fragte Yohann schnell, bevor er davoneilen würde: »Pardon, aber - gibt es Busse von hier nach Carhaix?«

Er blieb stehen. »Aber ja. Allerdings fahren sie nicht sehr häufig, daher ...« Er verstummte; er sollte ihr lieber kein Fahrzeug versprechen, bevor er es nicht gefunden hatte.

Hm. Besonders hilfreich war das nicht. »Ich habe gehört, dass Sie in der Mairie arbeiten, mit Pierre«, sagte sie, als sie die Verlegenheit ihres Gegenübers bemerkte, jedoch nicht recht begriff.

Yohann sah sie kurz an. Sie hatte »mit Pierre« gesagt, nicht »für Pierre«. Er lächelte und antwortete: »Ja, dort arbeite ich. In der Mairie finden Sie übrigens alles Mögliche - von Busfahrplänen bis zu gelben Säcken und von Wanderkarten der Gegend bis hin zu Büchern und Filmen, die Sie ausleihen können. Heute Nachmittag ist die Mairie ab zwei Uhr wieder geöffnet; ansonsten erst wieder Dienstag, nach Ostern. Kommen Sie ruhig vorbei, wenn Sie Fragen haben!« Er sah, wie schwer ihre Tüte war, und griff unversehens danach. Als ihre Finger sich flüchtig begegneten, ließ sie die Tüte schnell los.

Auch er war leicht zusammen- und von ihr weggezuckt. »Ich begleite Sie die paar Schritte, wenn Sie wollen«, schlug er dann vor, als ob nichts wäre.

»Sie müssen meine Tüte nicht tragen«, protestierte sie.

»Ich tue es gerne«, gab er zurück.

Das passte ja so sehr zu allem, was sie von ihm gehört hatte! Als er sich zu ihr umwandte und ihren Blick fragend erwiderte, hob sie schnell an: »Warum nennen alle hier Pierre >Pierric<? Ist das ein Spitzname?«

»Pierric ist die bretonische Verkleinerungsform. Sie wird als Kosename benutzt, oder in diesem Fall als Freundschaftsname.«

»Dann ist Pierre wohl sehr beliebt?«

»Oh ja. Jeder kennt Pierric, und er kennt Gott und die Welt.«

Sie widersprach nicht. Dabei hatte die alte Dame in der Épicerie gesagt, dass eigentlich Yohann alle Welt kenne und dass ohne ihn gar nichts laufen würde im Dorf.

Schnell waren sie am Gartentor des Häuschens angelangt. »Wollen Sie reinkommen, etwas trinken?«, lud Lina ihren Begleiter zögernd ein.

»Aber nein, ich habe gar keine Zeit. Das heißt -« Sollte er sie doch noch auf den Linky ansprechen? Er ließ sich von ihr die Tüte abnehmen, und als sie ihn abermals einlud, begleitete er sie in den Garten, wo er auf sie warten wolle, sagte er. Die Sonne sei so schön.

Während sie also mit ihren Lebensmitteln im Haus verschwand, schlenderte er in die anheimelnde Ecke mit der Gartenbank und roch an der einen, schon voll erblühen Rose, die einen zarten Duft verströmte, der sich mit dem herberen des üppig blühenden Stechginsters daneben vermischte. Er setzte sich auf die Bank, lehnte sich zurück und lauschte dem Frühlingsgezwitscher der Vögel. Laut gurrten zwei Tauben vom Dach. Er schloss die Augen und wandte das Gesicht der warmen Sonne zu.

So fand ihn Lina, als sie mit zwei Gläsern zurückkam. »Es ist nur Orangensaft, ich habe keinen anderen Aperitif anzubieten«, entschuldigte sie sich.

»Orangensaft ist gerade richtig, danke!« Er nahm das Glas entgegen, darauf bedacht, sie nicht noch einmal versehentlich zu berühren wie vorhin.

Sie setzte sich und sah ihn aufmerksam an. Unwillkürlich rückte er ein kleines Stück weg von ihr, wobei er so tat, als wolle er mehr in den Schatten. »Blendet ganz schön«, murmelte er, ehe er etwas abrupt fragte: »Sie haben mir gestern erzählt, in Paris sei Ihr Stromzähler ausgetauscht worden?«

Sie verschluckte sich fast und sah auf ihre Knie. Warum musste er damit anfangen? Sie wollte nicht über Paris sprechen!

»Und - wie war das mit dem Linky? Nachdem er installiert worden war, gab es da Auffälligkeiten? Schwierigkeiten?«, hakte er jetzt auch noch nach.

»Aber nein, wieso denn?«, fragte sie abweisend.

Was hatte sie plötzlich, fragte er sich, erklärte ihr aber: »Vorgestern war ein alter Herr bei mir in der Mairie; Simon hatte die Benachrichtigung erhalten, sein Stromzähler solle gegen einen digitalen Linky ausgetauscht werden.«

Entnervt fragte sie: »Und der Linky ist ein Problem für den alten Herrn?«

Er sah sie ernst an. Dann betonte er: »Es könnte sein, der Linky ist ein Problem für uns alle.«

Zu dieser Zeit in Edern, vierzig Kilometer von Saint-Hernin entfernt, stiegen zwei Männer in gelben Overalls in einen Lieferwagen.

»Hast du gesehen, wie einfach es war?«, fragte der Ältere, der sich ans Steuer setzte.

»Es war okay«, nickte der Jüngere, der mit den Dreadlocks.

»Die haben doch nur Panik gemacht in der Firma«, meinte der Ältere verächtlich, »und dafür dieser ganze Kursus von wegen was ihr machen müsst, wenn die nicht wollen, und so weiter .«

Der jüngere Mann sah nicht überzeugt aus. »Das waren Engländer«, gab er zu bedenken, »und es war nur ihr Ferienhaus.«

»Die vorher waren alle von hier, und gab es Probleme?« Der Ältere startete.

Der Jüngere sah beim Vorbeifahren auf das Haus, in dem sie eben den Zähler ausgetauscht hatten. Ihm war nicht wohl bei der Sache; vor allem nicht seit dem, was am Vortag passiert war. Das bereitete ihm echte Bauchschmerzen. »Hör mal, Michel, hast du etwas von dem Feuer gehört, gestern in Spézet?«

Michel schüttelte den Kopf.

»Echt nicht? Ich - ich fürchte, das war das Haus, in dem wir am Morgen einen Linky installiert hatten. Weißt du noch? Das Stromnetz war weit entfernt von den neuen Standards.«

Michel starrte ihn an. Dann zog er mit geübter Geste seinen silbernen Taschenkamm aus der Hemdtasche und sich damit zweimal durch das schütter werdende Haar, an jeder Schläfe vom Haaransatz nach hinten zurück.

»Wie kannst du dich ruhig frisieren, nach dem, was ich dir eben gesagt habe?«, platzte es aus dem jungen Mann heraus.

»Kämmen täte dir auch mal gut, Julien, weißt du«, grinste Michel. »Aber was Leute mit veralteten Stromleitungen betrifft - selbst schuld. Wo müssen wir als nächstes hin?«

»Selbst schuld? Hast du nicht gehört? Das Haus von den alten Leuten ist abgebrannt!«

»Hatte mit uns nichts zu tun.« Michel schüttelte entschieden den Kopf.

»Der neue Linky und das alte Stromnetz - Mensch, Michel, was ist, wenn es doch an uns lag?«

»Unmöglich. Die Dinger sind sicher.«

»Was, wenn nicht?«

»Julien. Wer ist hier der echte Elektriker, he?«

Julien rollte die Augen.

»Sag schon, wer ist hier der echte Elektriker?«

»Du bist Elektriker, Michel, okay, aber ...«

»Und wer hat nur den Schnellkurs zum Austauschmonteur gemacht, he, wer?«

»Ach, halt doch den Rand«, Julien schaute weg.

Michel lachte. »Nichts für Ungut, Kleiner. Du denkst zu viel. Kann ja sein, dass es in Spézet gebrannt hat. Das hat aber garantiert nichts mit uns zu tun.«

Julien gab keine Antwort.

»Hey«, Michel boxte ihn gegen die Schulter. »Siehs mal so. Das hier ist ein Start für dich. Auf jeden Fall gibts Knete.«

Julien antwortete noch immer nicht und starrte aus dem Wagenfenster.

»Also, wo müssen wir hin?«, wiederholte Michel seine Frage.

Widerwillig und langsam zog Julien seine Liste hervor.

»Und diese Meuniers meinten, der Linky wäre die Brandursache gewesen?«, wiederholte Lina zweifelnd.

Yohann versicherte: »Ja! Und wissen Sie, in anderen Regionen Frankreichs erschienen in verschiedenen Zeitungen auch schon Berichte zu Brandfällen in Häusern, in denen ein Linky installiert worden war. Kann das Zufall sein? Und das ist nicht das einzige, das mir Sorgen bereitet. Es könnte sein, dass der Linky weitere Nebenwirkung hat, wie höhere Kosten, den Verlust unserer Intimsphäre, Krebsrisiko.«

Lina starrte ihn von der Seite an. »Glauben Sie das?« Sie kniff die Augen zusammen. »Davon müssten wir längst etwas wissen.«

»Man kann es ja erfahren, via Internet.«

»Aber Sie wissen doch, wie das ist, jeder Idiot kann irgendwelchen Quatsch ins Netz setzen .«

»Es wären immerhin Idioten aus den USA, Großbritannien, Österreich, Italien und Frankreich - nur um einige Beispiele für Länder zu nennen, in denen digitale Stromzähler bereits laufen.«

Lina schüttelte den Kopf. Was er da sagte, regte sie auf, und sie hatte wirklich in der letzten Zeit, und genauer seit acht Jahren, genug Aufregung gehabt! Daher rief sie scharf abwehrend aus: »Das ist Panikmache, das ist ausgedacht!«

»Aber warum sollte jemand das tun?«, ereiferte auch er sich, verletzt durch ihren Tonfall.

»Um sich wichtig zu machen?« Sie sah ihn herausfordernd an.

»Warum damit?«

»Um Aufmerksamkeit zu bekommen?«

»Da gäbe es bessere Mittel!«

»So? So einfallsreich sind die Leute nicht! Lesen Sie keine Posts auf Facebook? Aber nein, Sie sind nicht auf Facebook, stimmt's?«

»Nein, kein Facebook.«

»Twitter?«

»Ich heiße nicht Trump.«

»Whats app?«

»Auch nicht, und?«

Sie sahen sich fest in die Augen. Ihre Gesichter waren sich beim Schlagabtausch unmerklich näher gekommen. Yohann war der erste, der sich zurückzog. »Ich lebe nicht auf dem Mond, wenn Sie das meinen. Zugegeben, Saint-Hernin ist manchmal wie der Mond, doch im positiven Sinne. Vermutlich verstehen Sie das nicht; aber sollten Sie länger hierbleiben«, er machte eine fragende Pause, die Lina nicht füllte, »sollten Sie länger hierbleiben, dann würden Sie erkennen, dass die Menschen hier durchaus mit der Zeit gehen, aber dass manches erfrischend langsamer oder provinzieller ist, wie Sie wohl sagen würden.«

Sie wurde rot. Das Wort »provinziell« hatte sie sich natürlich gedacht, ihm gegenüber aber nie fallen lassen. »Ich wollte Ihr Dorf und Ihre Lebensweise nicht angreifen«, versicherte sie, »aber wenn hier der Linky eingeführt werden soll, werden Sie das nicht aufhalten können.«

Etwas blitzte in seinen Augen. »Sie wissen nicht, wozu Bretonen fähig sind.« Er trank seinen Orangensaft auf einen Zug aus, reichte ihr das Glas, verbeugte sich und ging.

Amüsiert sah sie ihm nach. Amüsiert und nachdenklich. Sie hatte wieder Pierres Stimme im Ohr. Er hatte sie zu sich zum Essen eingeladen, gestern Abend; sie hatten einigen Rotwein getrunken und dabei ein langes Gespräch geführt. Es war ihr gelungen, seine Fragen nach den Gründen ihres Hierseins weitgehend abzublocken; dafür hatten sie viel von der gemeinsamen Vergangenheit gesprochen, ehe er ausführlich sein jetziges Leben und seine Tätigkeiten als Bürgermeister von Saint-Hernin beschrieben hatte. So waren sie auch auf seinen Stellvertreter gekommen - den »ewigen Helfer«, den »letzten der drei Musketiere«, den »hochintelligenten, sensiblen, einfallsreichen« und »übrigens stockschwulen« Yohann. - Es hatte ihr nicht gefallen, wie abfällig Pierre das Letzte gesagt hatte.

»Lina?«

Sie schreckte zusammen. Da war er schon wieder!

Vom Gartentörchen rief er ihr zu: »Ich habe vergessen zu sagen, dass Pierric ein Fahrzeug für Sie auftreiben wird. Damit Sie hier nicht festhängen.«

Ein Fahrzeug? »Ich - wieso - danke; aber ich habe um kein Fahrzeug gebeten«, wehrte sie erschrocken ab. Was sollte das jetzt? Über die Miete für das Häuschen hinaus konnte sie sich keinesfalls eine Mietgebühr für ein Fahrzeug leisten!

»Es wird allerdings nichts Grandioses sein«, meinte Yohann, um keine falschen Erwartungen zu wecken, »die Leute hier sind sehr hilfsbereit, aber nicht unbedingt wohlhabend; dementsprechend wird sich vielleicht ein klappriges Auto oder ein altersschwacher Roller auftreiben lassen. Und das sicherlich erst nach den Feiertagen. - Sind Sie versorgt über Ostern? Möchten Sie an einem der Feiertage irgendwo hin?«

»Nein - nein, danke«, stammelte sie.

»Dann bis bald«, er lächelte und ging diesmal wirklich.

Bis bald! - Nein danke!! Er hatte es sicherlich gut gemeint, aber ... Es war schon unangenehm, überaus unangenehm, Pierre ihre Unterkunft zu verdanken; sie hatte eben keinen anderen Ausweg gesehen. Doch darüber hinaus wollte sie weder Pierre, noch Yohann, noch sonst jemandem irgendetwas schuldig sein - und erst recht nicht über ihren Kopf hinweg zu Ausgaben gezwungen werden, die schlichtweg unmöglich für sie waren! Sie wollte keine aufgedrängte Hilfe, und diese Art von Hilfe, die in Wahrheit keine war, schon gar nicht!

Den ganzen Tag über verfolgte sie dieser Gedanke - wie sie nicht die Ruhe finden würde, die sie so dringend brauchte; wie sich andere anmaßen würden, sich in ihre Angelegenheiten einzumischen. Sie versuchte, sich nicht in diese Befürchtungen hineinzusteigern, doch sie ließen sie nicht los; auch in den nächsten Tagen nicht. Nach Ostern wusste sie, sie musste etwas unternehmen.

6. Streit

Am Dienstagmorgen, seinem ersten Arbeitstag nach Ostern, fand Yohann einen gelben Zettel vor, den Lucie ihm an den Rand des Monitors geklebt hatte: »Eine Lina hat nach Dir gefragt. Sie will wiederkommen.«

Er lächelte, als er den Zettel neben die Tastatur legte.

Lina betrat die Mairie. Yohann saß hinter seinem Bürotisch, war aber nicht allein; vor ihm standen eine jüngere Frau und Jean-Yves, der Mini-Quad-Fahrer, der sie nun erkannt hatte und auf sie zu trat. »Hallo, wie geht es, Lina?«, fragte er zu laut für die Enge des Zimmers, »hast du ein gutes Osterfest gehabt?«

»Hm - danke«, brachte sie sarkastisch hervor, bei dem Gedanken an die Einsamkeit, Verlorenheit, die Weinkrämpfe. Dann kam von hinter Jean-Yves ein weiteres vertrautes Wesen angewedelt - sofern man die Bewegung dieses Mini-Schwanzes als Wedeln bezeichnen konnte. »Babou«, sagte sie laut und das Schwänzchen zuckte noch schneller hin und her. Wie ein Mini-Metronom, dachte sie und musste wider Willen lächeln. Sie streichelte die Hündin, die sich sogleich an sie drängte; dann war plötzlich ein zweiter Hund da, anders als die braun-weiß gefleckte Babou schwarz-weiß. »Das ist meine Dudu«, verkündete Jean-Yves stolz, während im Hintergrund die junge Frau Yohann fragte, wie lange sie das Buch ausleihen könne, das sie einem der hohen Wandregale entnommen hatte. Was Yohann antwortete, verstand Lina nicht, weil Jean-Yves meinte, ihr mitteilen zu müssen: »Dudu fährt immer mit mir, in dem Anhänger, du weißt schon.«

»Jaja«, murmelte sie und dann, weil sie nicht weiter wusste: »Warum kupiert man diesen armen Hunden die Schwänze?« Mittlerweile hatte sich Dudu an ihr rechtes Bein gedrängt, das linke nahm Babou ein, und Lina streichelte beidhändig. Sie hatte noch nie so aufdringlich verschmuste Hunde erlebt.

»Aber das sind Epagneuls bretons - Jagdhunde; und man kupiert ihnen die Schwänze nicht«, entrüstete sich Jean-Yves.

»Nein?«, fragte sie und setzte ironisch hinzu: »Dann werden die Hunde wohl so geboren?«

»Genau!«, bestätigte Jean-Yves, angetan davon, dass die Pariserin so schnell von allein darauf gekommen war.

Da verließ die Frau mit dem Buch endlich die Mairie und Yohann lächelte scheu: »Guten Tag, Lina. Jean-Yves und ich sind gleich fertig; wir waren im Gespräch, als Patricia kam.«

Sie nickte zerstreut. Patricia - das musste die Buchausleiherin sein. Gab es in Saint-Hernin keine Nachnamen? Sie hörte mit Hundestreicheln auf und ging zum Bücherregal neben der Eingangstür, möglichst weit weg von den beiden Männern, die sie in ihrer Unterhaltung nicht stören wollte. »Und du meinst, das geht wirklich, dass man einfach so nein sagt?«, hörte sie Jean-Yves trotzdem. Verblüfft horchte sie auf. Es war, als hätte der alte Mann ihren eigenen Gedanken laut ausgesprochen; so antwortete sie ihm im Stillen: Aber sicher kann man nein sagen, wenn man es muss.

Yohann antwortete unterdessen: »Aber sicher. Es muss sein.«

Lina lächelte ironisch und spitzte unwillkürlich die Ohren. Was hatten die vor?

»Na gut. Und wenn die Ärger machen?«, wollte Jean-Yves wissen.

Yohann zuckte die Achseln. »Wir werden sehen.«

»Du hilfst mir doch, oder?«

»Natürlich.«

»Weil - ich will garantiert keinen Linky.«

Aha, dachte sie sich, darum geht es! Die wollen wirklich rebellieren? - Typisch Bretonen! Nur mit halbem Ohr hörte sie danach zu, wie Jean-Yves beklagte, seinen Neffen, der ihm normalerweise bei Papierkram helfe, kaum mehr zu Gesicht zu bekommen; er, Jean- Yves, habe nicht einmal verstanden, was Juliens beanspruchender neuer Job sei - »irgendwas Technisches, hat er gesagt, mehr nicht.« Der alte Mann holte tief Luft. »Aber zumindest verdient er etwas. Und es ist nicht gut für die jungen Leute, wenn sie zu Hause herumhängen und keine Arbeit finden. Sie haben den Eindruck, dass niemand sie will. Nein, so ist es wohl besser.«

Yohann nickte und spähte nach Lina, die so tat, als hätte sie nichts von der Unterhaltung mitbekommen. »Gut, Jean-Yves, machen wir es wie besprochen, ja?«, fragte er.

»Geht in Ordnung, Yohann. Kenavo!« Jean-Yves wandte sich zum Gehen. »Kenavo, Lina! So verabschiedet man sich auf Bretonisch!«

»Soso. Dann kenavo, Jean-Yves.« Sie atmete auf, als der Alte aus dem Raum war, und trat endlich an Yohann heran. »Guten Tag. Ich - ich wollte gelbe Säcke. « Das war geflunkert. Sie hatte sich am Freitagnachmittag gelbe Säcke geholt. Aber sie brauchte das Ausweichmanöver für den inneren Anlauf.

»Gelbe Säcke liegen in der Kiste, drüben auf dem Stuhl.« Er wies in besagte Richtung.

Sie nahm sich schnell eine Rolle aus dem Karton, ihr Blick schweifte dann zu der halb geöffneten Tür zum Nebenzimmer.

»Pierric ist nicht da«, sagte Yohann, ihrem Blick folgend.

»Gut, egal. Sie sind ja da .«

Er sah sie abwartend an.

»Was ich sagen wollte«, begann sie abrupt, »was ich sagen will ist: Ich will kein Fahrzeug!«

Er hob unmerklich die Augenbrauen, sah von Linas zusammengepressten Lippen zu ihrem fast bösen Blick, dann zu ihren geballten Fäusten. »Kein Problem«, sagte er sanft.