Im Wind der Zeit - Matthias Janz - E-Book

Im Wind der Zeit E-Book

Matthias Janz

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Beschreibung

Glutroter Stahl vernichtet so gründlich, dass rein gar nichts mehr übrig bleibt - und für einen jungen Mann beginnt mit diesem Anblick das größte Abenteuer seines Lebens. Niederschelden, Siegerland, 1910 Der zwanzigjährige Edmund bekommt zufällig mit, wie in einem Hüttenwerk eine Leiche in flüssigem Stahl entsorgt wird. Daraufhin wird er gezwungen, seine Heimat Schelden zu verlassen. Sein neuer Lebensweg führt ihn auf einem Schiff in ferne Weiten, doch das Glück ist ihm hold: Auf See verliebt er sich, wird als Lebensretter zum Helden und findet in Deutsch-Südwestafrika sogar Diamanten. Doch Edmund trägt sein Geheimnis aus dem Stahlwerk weiter mit sich in seinem Reisegepäck. Kann er wieder ein normales Leben mit seinen Freunden und seiner geliebten Hedwig führen? Oder wird ihm die zufällige Beobachtung nach all den Jahren zum Verhängnis?

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Seitenzahl: 738

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Im Wind der Zeit – Glutroter Stahl

Im Wind der Zeit – Glutroter Stahl

Matthias Janz

Impressum

Copyright: Matthias Janz

Jahr: 2023

ISBN: 978-9-403704-56-2

Lektorat/Korrektorat: Michèle Anna Gries, federrauschen.de

Covergestaltung: Constanze Kramer, coverboutique.de

Bildnachweise: © happylights, © Erik – stock.adobe.com, ©Smolina Marianna, ©KathySG – shutterstock, © Cavan, © Kesu01 – depositphotos.com, Elements.envato.com

Herausgeber:Matthias Janz, Katharinastraße 28, 56626 Andernach

Verlagsportal:Bookmundo Direkt

Gedruckt in Deutschland

Das Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt.

Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verfassers unzulässig.

Prolog

Ich bin älter, als ich es mir jemals ausgemalt hätte.

Und nun, in meinem neunundneunzigsten Lebensjahr, habe ich mir eine ungeheure Bürde auferlegt. Versprochen hatte ich es und immer wieder glaubhaft zugesagt. Vor sehr langer Zeit schon wollte diese Geschichte aufgeschrieben sein, doch Unwichtigkeiten schoben sie von Jahr zu Jahr immer weiter nach hinten. Und heute, wenn es keiner mehr bestätigen oder dementieren kann, muss ich mein Versprechen einlösen.

Die Sonne blinzelt über den Gebirgsgrat und haucht dem Schnee auf der Wiese vor dem Haus eine blassorange Farbe auf. Am äußersten Punkt, oben auf den Schneespitzen, glitzert diamantengleich die Sonne und strahlt wie eine festlich gedeckte Tafel mit einem blütenweißen Tischtuch. Nur auf den Schattenseiten der Wiese zeigt sich in einem dunklen Weiß ein Gegenmuster, das einem Schachbrett gleicht.

Mein Gott, schon vor zwei Tagen fuhr mich Charles hier hinauf ins Landhaus, in die Berge der Catskill Mountains. Dabei murrte er wie ein kleiner Hund, der im Regen nicht Gassi gehen mochte.

„Charles“, beteuerte ich, „seiner Mutter widerspricht man nicht. Und schon zwei Mal nicht, wenn das der letzte Wunsch in ihrem Leben ist.“

Seine Antwort hatte er beängstigend knapp gehalten. Er raunte nur: „Ja, Ma.“

Nach Katzenbach, wie ich dieses kleine Idyll früher oft genannt hatte, sollte er mich fahren. Die ersten Siedler in dieser Gegend waren Niederländer. Sie gaben damals dem fließenden Gewässer, das sich gleich dort unten wild dahinschlängelt, den Namen Catskill. Der Fluss strömt durch das weitläufige Gebirge, wird auf dem Weg immer breiter, bevor er in den Hudson River mündet. Well, heute sage ich kaum noch Katzenbach. Es versteht kein Mensch mehr.

Ich habe volle zwei Tage an Vorbereitung hier oben im Landhaus benötigt, bevor mir jetzt das weiße Blatt Papier gegenüberliegt. Je älter man wird, umso mehr Zeit ist für alles nötig. Eine runde cremefarbene Kerze habe ich angezündet, damit mir ein hilfreicher Lichtschein den Papierbogen erhellt. Ja, meine Sehkraft hat deutlich abgenommen, und ohne meine Lesebrille erkenne ich keinen einzigen Buchstaben mehr.

Mollig warm heizt der Holzofen den großen Raum. Der Anisduft des heißen Tees zieht leicht und fein an meiner Nase vorbei.

Ich betrachte die vor mir liegenden abgearbeiteten Hände, die den Füllfederhalter aufnehmen und warten. Aber dieser kleine Tintenschlingel findet einfach nicht den Weg zum Papier. Wann habe ich zum letzten Mal einen Brief geschrieben? Die, denen ich hätte schreiben können, sind allesamt nicht mehr da. Kein Einziger mehr. Wozu also noch schreiben?

Dessen ungeachtet habe ich meiner Mutter schon vor vielen Jahren fest versprochen, diese Geschichte so festzuhalten, wie sie mir die abenteuerlichen Geschehnisse in unzähligen Sonntagnachmittagen ausführlich beschrieben hatte. Aber um Himmels willen, für wen noch? Für wen muss ich das Verflossene festhalten? My goodness, wer will diese Legenden denn heute lesen und dann auch noch verstehen? Kein Mensch weiß mehr, was vor fünfzig, sechzig Jahren stattgefunden hat. Und Mutter hatte den Anfang ihrer Erzählung noch viel weiter zurückdatiert, noch lange vor den Beginn meiner eigenen Lebenszeit. Bevor mir die Kräfte gänzlich genommen werden, liegt es an mir, diese vermeintlich kolossale Arbeit zu einem Abschluss zu bringen.

Mit meinem Sohn Charles sprach ich ab, bis Weihnachten fertig zu sein, und es wollte eine sehr umfangreiche Geschichte werden. Jesses Maria, elf Monate allein hier oben in den tiefen Wäldern der Catskill-Berge, und nur mit Tinte und Papier bewaffnet. Nein, das stimmt nicht ganz. Mein Gewehr, das stets neben dem Küchenschrank steht, ist immer einsatzbereit. Und in der Woche schieße ich auch schon mal aus dem Fenster, sonst komme ich ja aus der Übung mit meinen immerhin achtundneunzig Jahren.

Mit Charles habe ich weiterhin die Absprache, dass er ein Mal in der Woche hier oben vorbeischaut, um mir das Notwendigste zu liefern an Lebensmitteln, Gas, Patronen – und meine Zigarillos sollte er mir mitbringen. Obwohl der Junge immer wieder den Versuch unternahm, mich von meinem Vorhaben abzubringen, musste er sich letztlich meinen stimmigen Argumenten und meinen Anweisungen beugen, there’s no way for him to escape me.

Ich führe die kalt gewordene Tasse Tee zum Mund. Das Getränk hat inzwischen die Temperatur des Wohnraumes angenommen. Dennoch filtert meine Zunge das angenehme Aroma von Fenchel, Kümmel und Anis heraus.

Der Briefbogen vor mir sieht unvollkommen aus, denn es steht immer noch kein einziges Wort auf dem leeren Blatt. Mein Geist ist noch recht klar. Well, bei genauerem Hineinhören trübt das Alter ab und an die Erinnerungen. Insbesondere, wenn es sich um Namen und Ortschaften handelt. Aber die Bilder der Anfänge waren so deutlich in meinem Gedächtnis wie ein Film auf der Leinwand eines großen Kinos. Mutters in Leder eingebundenes Tagebuch, in dem sie die vielen Geschehnisse jeweils mit einem Datum versehen hat, dieses wichtige Buch habe ich neben der Teetasse auf dem Tisch platziert. Ich muss nur noch starten. Doch womit startet man, wenn man keinen Zündschlüssel hat?

Ein erneuter Blick aus dem Fenster zeigt mir die verflossene Zeit an. Die Sonne hat die Bergspitzen längst verlassen und klettert ohne Unterlass auf der Himmelsleiter aufwärts.

Ich öffne den Schraubverschluss des Füllfederhalters und schreibe mit meiner unruhigen Hand rechts oben das heutige Datum auf das Blatt:

1. Februar 2023

Whatever, schon wieder ist ein ganzer Monat vergangen, seit ich meinen Sohn von diesen Schreibplänen unterrichtet habe. Well, auch wenn dies die letzte Aufgabe auf Erden wäre: Ich habe es Mutter immer wieder zugesagt. Mein Argument, dass ich mich als Mathematiklehrerin besser mit Zahlen als mit Wörtern auskennen würde, wischte sie völlig entspannt mit einer schlichten Handbewegung weg, wie eine lästige Fliege.

„Und warum habe ich dich so viele Jahre studieren lassen?“, fragte sie dann stets.

Tja, genau so war das damals. Mittlerweile liegen diese Diskussionen einige Dekaden zurück.

Ich nehme den Füllfederhalter ein weiteres Mal auf und schraube die Kappe erneut ab. In meinen Ohren höre ich Mutters Worte ganz deutlich, die sie stets vor jeder langen Erzählstunde mit einem hübschen Lächeln auf ihren Lippen und mit ihrer weichen und melancholischen Färbung schon fast wie eine Melodie aussprach:

Im Wind der Zeit

Ich krakele diese vier Wörter auf den Papierbogen und höre im Geiste meiner Mutter weiterhin zu. Die Tinte fließt mit einem Mal gezielt über das Blatt und hinterlässt schwarze dahingezitterte Buchstaben, die unerwartet lange Sätze bilden. Ich vernehme nur noch das Kratzen der Feder auf dem Papier, das mit dem Knistern des Nadelholzes im Ofen einen Kanon bildet.

1

„Der Zufall wollte es, dass ich etwas sah, was ich besser nicht gesehen hätte.“

EDMUND KÜNKLER

Niederschelden, Montag, 28. Februar 1910, Nachtschicht im Hüttenwerk

Der glutrote Schein aus der Pfanne mit flüssigem Stahl blendete ihn. Er blieb stehen.

Edmund hatte mit dem 1.Schmelzer seinen Weggang vom Arbeitsplatz abgestimmt. In seiner Pause, nach dem Abstich am Hochofen, plante er, auf einen Sprung zu seinem Freund Ludwig ins benachbarte Stahlwerk zu gehen und für den Sonntagnachmittag alles Notwendige zu regeln. Es war nur ein kurzer Fußweg durch die noch mondlose Nacht bis in die Gießhalle zu Ludwigs Arbeitsplatz.

Sein Pausenbrot hatte Edmund schon ausgepackt und halb verschlungen, bevor er im Eingangsbereich der Stahlwerkshalle ankam. Aber er stoppte seinen schnellen Gang abrupt. Es wäre geschickter, einen kleinen Umweg oben über die Chargierbühne der Siemens-Martin-Öfen zu nehmen, sonst führte sein Weg an der Meisterbude vorbei. Dort saß mit großer Wahrscheinlichkeit der Gießereimeister, der es nicht gerne sah, wenn aus anderen Abteilungen jemand in seine Gießhalle kam. Zu gefährlich, wie er immer behauptete.

Edmund nahm zwei Stufen der Eisentreppe hinauf zur Chargierbühne auf einmal. Der Staub auf den Tritten stob bei jedem Schritt puderförmig auf. Etwas außer Atem führte ihn sein Weg an den wuchtigen Stützpfeiler der Hallenkonstruktion vorbei.

Er trat hinter einem dieser Pfeiler hervor und blieb schlagartig stehen. Sein Gesicht war in den glutroten Schein des flüssigen Eisens getaucht. Er blinzelte nur noch durch die Lider, war kurz wie geblendet. Als er seine feucht gewordenen Augen wieder öffnen konnte, sah Edmund für einen Moment die Bewegungen vor sich nur schemenhaft. Direkt oberhalb der wuchtigen Abstichpfanne, gefüllt mit gelb-rotem flüssig waberndem Stahl, standen zwei große Männer und warfen ein langes Bündel hinein.

Er wischte mit dem Handrücken über seine Augen und traute seinen Sinnen nicht mehr. Was war das denn eben für ein Bild vor ihm gewesen? Edmund schlich rückwärts hinter den Doppel-T-Träger der Hallenstütze zurück. Was hatte er da verschwommen gesehen? Ein Bündel, eingewickelt in einen Teppich oder eine große Decke, und ja, am unteren Ende dieses Etwas, hatten dort nicht nackte Füße herausgeschaut? War das der leblose Körper eines Menschen gewesen, den die beiden Männer in den Stahl geworfen hatten? Das Bündel war nicht direkt in der Schmelze untergetaucht, nein, es war in einer großen gelben Stichflamme verbrannt, die nahezu in eine blaue Flamme übergegangen war.

Kleine Perlen traten auf Edmunds Stirn und gleichzeitig wurde ihm eiskalt. Von den Abmessungen her hatte diese Decke, oder was auch immer dies gewesen sein mochte, ausgesehen wie ein Mensch. Die nackten Füße … Er war zu weit entfernt von der Pfanne, um mehr erkennen zu können. In seinem Kopf ratterte es wie in einem Uhrwerk. Waren es Frauen- oder Männerfüße gewesen? Sein Blickwinkel war ungünstig, das Geschehene war so schnell abgelaufen, und mit dem orangefarbenen Gegenlicht, durch den Hallenwechsel war er ja draußen aus der Dunkelheit der Nacht gekommen, hatte er die Szene nicht genau erfassen können. Dennoch und immer klarer werdend, stellte sich Edmund die Frage: War da gerade vor ihm ein Mensch von dieser Welt genommen worden?

„Hey, du“, rief jemand über die Abstichrinne hinweg. Edmund traute sich nicht, sich zu bewegen. Er presste sich regelrecht in die Nische des Stahlträgers hinein. Er wagte es kaum, zu atmen.

Wer rief da? Hatte ihn irgendwer gemeint? Gehörte die Stimme nicht …? Diese raue befehlende Stimme kannte er doch sehr gut. War dies nicht das laute Organ des Stahlwerkschefs höchstpersönlich? Oder täuschte er sich nur?

Wieder rief jemand in seine Richtung. Edmund fand keinen klaren Gedanken mehr. Sonst flossen seine Gedankenströme, flogen so schnell in seinem Kopf umher wie ein Stein, der aufs Wasser geschleudert wurde und nach jedem Aufschlag weitersprang. Jetzt, da er seine schnellen Gedanken gebraucht hätte, genau in diesem Moment, fiel ihm jedoch nichts mehr ein.

Ohne jegliche Vorwarnung stand von einer auf die andere Sekunde ein baumlanger Mann mit einem großen Filzhut auf dem Kopf vor ihm. Durch den hellen Schein des immer noch auslaufenden Stahls waren nur die Umrisse des Stahlwerkschefs Kuhn zu erkennen. Er trug einen langen Mantel, hatte den Kragen hochgeschlagen und seinen Hut tief ins Gesicht gezogen.

„Was machst du hier?“, raunte der Stahlwerkschef Edmund bewusst energisch an. Noch bevor eine Antwort aus seinem zugeschnürten Mund dringen konnte, kam die nächste Frage auf ihn zu, wie eine Kugel aus einem Gewehrlauf. „Hast du hier etwas gesehen? Junge, dich kenn’ ich doch. Du arbeitest doch beim 1. Schmelzer Bottenberg am Hochofen. Ich sag dir nur eines, wenn du was gesehen haben solltest, vergiss es sofort wieder, sonst bist du der Nächste, der dort im Stahl schwimmt. Hast du mich verstanden?“

„Ja – ja-wohl“, war Edmunds brüchige Antwort nach einer kurzen Überlegung.

„Und jetzt ab mit dir, geh’ an deine Arbeit. Und falls mir auch nur ein Wort von heute Nacht zu Ohren kommt, gehst du schwimmen“, blaffte Kuhn ihn ein weiteres Mal an.

Edmund drehte sich zur Treppe, bekam einen Schlag mit der flachen Hand an seinen Hinterkopf, gerade in dem Moment, als er sich zum Gehen wendete. Er rannte die Stufen der Eisentreppe hinunter und lief hastig in die Richtung der Hochöfen.

Was war das schon wieder gewesen? Er konnte und er wollte nicht mehr darüber nachdenken. Dennoch – was er gesehen hatte, das konnte er nicht leugnen. Zwei große Männer hatten einen anderen Menschen, eingehüllt in eine Decke, in den flüssigen Stahl geworfen, und der Körper war rückstandslos verbrannt. So ein verdammter Mist.

Er stolperte kurz über seine eigenen Füße, fing sich wieder und rannte weiter geradeaus in die Dunkelheit. Edmund empfand in jeder Faser seines Körpers, dass sich sein bisheriges Leben in dieser Nacht komplett verändern würde. Er hatte mit seinen eigenen Sinnen etwas wahrgenommen, was er besser nicht hätte mitbekommen sollen.

2

„Geld und Drohungen sind Mittel, die verlässlich dazu führen, dass die Menschen tun, was man von ihnen verlangt.“

STAHLWERKSCHEF PAUL KUHN

Niederschelden, 28. Februar 1910

Edmund, oder wie seine Freunde ihn nannten, Ed, also Ed Künkler, war ein junger, nicht allzu großer Mann von zwanzig Jahren, der frech, neugierig und unerfahren war. Frech, weil er immer das letzte Wort haben musste. Neugierig, da er immer alles genau wissen wollte und seine Rückfragen stets mit einem „Warum“ begannen, damit er eine stichhaltige Begründung bekam.

Seine Unerfahrenheit war das Ergebnis der väterlichen Erziehung, denn bei seinem Erzeuger drehte sich alles, und wirklich alles, um Religion. Der Vater war Mitglied im Presbyterium der hiesigen evangelischen Kirche und so gläubig, dass er oft die Familie beziehungsweise den Familienzusammenhalt außer Acht ließ. Daher durfte Edmund nicht das Mindeste erledigen, was die strenge Glaubenslehre verbot – oder anders gesagt, wie es sein Vater auslegte: Geh beten und arbeiten, sonst nichts. Diese sture väterliche Haltung führte dazu, dass Edmund kein besonders gutes Verhältnis zu seinen Eltern hatte. Denn Mutter, da konnte sein, was wollte, hielt immer zu ihrem Mann.

Edmund war erst vor drei Jahren zu seiner Anstellung im Hüttenwerk in Niederschelden gekommen. Die schwere körperliche Hochofenarbeit war genau das, was er mit großer Begeisterung mochte. Er war dort seit Beginn seiner Tätigkeit als Erzwagenfahrer eingeteilt, verrichtete die ein oder andere Aufgabe schon routiniert selbstständig am Ofen und war recht geschickt in dem, was er tat. Das Handwerkliche, etwas mit den eigenen Händen zu gestalten, das hatte er in die Wiege gelegt bekommen und hierbei hatte er eine regelrechte Schaffensfreude.

Edmunds Schulzeit dagegen verlief nicht so, wie es sich seine Eltern vorgestellt hatten. Nur durch die Unterstützung seines Klassenlehrers hatte er alle Klassenabschlüsse so gerade einmal mit Ach und Krach geschafft. Oder anders ausgedrückt konnte man sagen, dass es sein Vater gewesen war, der nach den Sitzungen im Presbyterium Edmunds Klassenlehrer zur Seite genommen und seinen Presbyteriumskollegen davon überzeugt hatte, dass Edmund es verdient habe, einer Arbeit nachzugehen, statt weitere Jahre in der Schule mit Lernen zu vergeuden. Mit seinen Händen etwas zu bewegen, etwas Sinnstiftendes umzusetzen, das war Edmunds Tugend. Der gottesfürchtige Lehrer hatte stets ein Einsehen mit den Arbeiterfamilien gehabt und hatte, sozusagen als freundschaftlich religiösem Dienst, Edmund in jedem Jahr zum Sprung in die nächste Klasse verholfen.

Edmund traf bei seiner Arbeit die notwendigen Entscheidungen schnell und richtig und war sich für nichts zu schade. Dies schätzten seine Kollegen an ihm und nutzten diese Tatsache regelmäßig aus.

Der 1.Schmelzer, sein Vorgesetzter, war Linus Bottenberg. Er verkörperte einen wahrhaftigen Preußen, so, wie man sich einen geradlinigen Preußen vorstellen konnte, und genau so streng war sein Auftreten. Zu Edmund hatte er eine vollkommen eigene Bindung, denn sein Sohn wäre jetzt im gleichen Alter wie er gewesen.

Tja, wenn nicht damals der Unfall geschehen und der Junge gezwungen gewesen wäre, diese Welt zu verlassen. Linus Bottenberg merkte man diesen Verlust in jeder seiner Bewegungen an, obwohl seit diesem Ereignis schon drei Jahre vergangen waren.

Der Bottenberg hielt große Stücke auf Edmund, und das spiegelte er ihm auch. Er habe das Talent zum 1.Schmelzer am Hochofen, waren seine aufmunternden Worte. Somit hatte er gute Aussichten auf die kommenden Jahre.

„Bereit zum Abstich“, hallte die tiefe Stimme über die Abstichbühne des Hochofens. Die Masselbetten in der Gießhalle waren vorbereitet, die Männer schlurften an ihre jeweiligen Posten. Gleichzeitig wurde das Abstichloch am unteren Ende des gewaltigen Ofens aufgebohrt. Nach dem lauten Bohrhammergetöse trat das flüssige Eisen, mit einer Temperatur von tausenddreihundert Grad Celsius, aus dem schwarzen, wuchtigen Hochofen aus. Ein weißgelber Strahl, dick wie ein Unterarm, floss wie eine zähe Suppe in das vorbereitete Gießbett. Die Hochöfner arbeiteten jetzt schnell und hoch konzentriert, wobei die Hitze des Eisens sich unaufhaltsam in der gesamten Gießhalle ausbreitete. Das Plätschern des flüssigen Eisens an den Abzweigungen klang wie draußen am Schindebach, wenn dieser wenig Wasser führte. Nur ein dumpfes Glucksen und Murmeln waren zu hören, bevor das Eisen in die vorgegebene Bahn lief. Die einzelnen Masselbetten wurden mit Sand verschlossen oder geöffnet. Jeder Handgriff saß. Schon von weitem erkannte man eine eingespielte Mannschaft, die Linus Bottenberg heute auf seiner Nachtschicht beisammenhatte, aber einer fehlte.

Wo war Edmund nur? Der hatte doch nur kurz in der Pause ins Stahlwerk zu seinem Freund Ludwig Hufschmidt gehen und sofort wieder zurückkommen wollen, so war die Absprache gewesen. Die Pausenzeit war schon lange vorbei, aber Edmund fehlte immer noch.

„Hast du den Ed gesehen?“, fragte Bottenberg einen Kollegen. Der schüttelte nur, ohne ein Wort zu sagen, den Kopf und verdrehte gleichzeitig die Augen, als wollte er sagen: „Der schon wieder.“

Das Eisen war inzwischen vollständig aus dem Ofen herausgelaufen und die nachfolgende Schlacke wurde in andere Sandbahnen umgeleitet. Das hell orangefarbene Licht in der gesamten Abstichhalle hatte sich ebenso verändert. Nunmehr sahen die dunkelroten, sich abkühlenden Eisenstränge wie Blutbahnen aus, die dunkler und dunkler wurden.

„Wo warst du denn?“, schrie Bottenberg Edmund an, als er mit gesenktem Kopf plötzlich vor ihm stand.

„Mir geht’s nicht gut, ich bin wahrscheinlich krank“, antwortete er kleinlaut, sah auf den Boden und knetete erregt seine Hände ineinander.

„Von wegen krank, hast dich wohl beim Hufschmidt angesteckt, was?“

„Nein, mir ist wirklich nicht gut …“

„Jetzt geh auf deinen Posten und bring die Schicht zu Ende! Und bevor du heute nach Hause gehst, kommst du zu mir in die Meisterbude! Ist das klar?“ Diese Ansage war deutlich.

Edmund war zuvor von der Stahlwerksbühne gerannt. Er lief geduckt am Schrottverladeplatz vorbei und stolperte in eine Ecke, hinter den letzten aufgetürmten Schrotthaufen, sodass der Kranführer des Verladekranes ihn nicht sah. Dort kauerte er, immer noch klatschnass von seinem eigenen Schweiß.

Er benötigte erst einmal Zeit, um Klarheit in seinen Kopf zu bekommen. Was ist nur los?, fragte er sich. Er hatte bisher nie Probleme damit gehabt, blitzschnell zu kombinieren, aber jetzt war alles wie Butter in seinem Schädel. Er konnte die soeben erlebten Zusammenhänge nicht eindeutig aneinanderreihen.

Was genau habe ich denn gesehen? Habe ich nicht zwei Männer gesehen, die einen Menschen in eine Abstichpfanne im Stahlwerk geworfen haben? Dieser Körper ist komplett verbrannt und ich habe die durchdringend tiefe und raue Stimme des Stahlwerkchefs gehört, die wiederholt zu mir gesagt hat, dass ich der Nächste sei, der schwimmen würde? Aber warum nur? Ich habe nichts Böses getan.

Seine Verwirrung war so weit angewachsen, dass er seine Aufgabe am Hochofen total vergessen hatte. Die kommenden Schritte zu planen, das funktionierte bei ihm zu diesem Zeitpunkt nicht mehr.

Habe ich etwas gesehen, was ich nicht hätte sehen dürfen? Ist es das? Ist das der Grund, weshalb ich als Nächstes schwimmen soll? Und was bedeutet „schwimmen“ überhaupt? Im flüssigen Stahl schwimmt man nicht, man stirbt dort nur.

Sein Herz schlug schneller, er schluckte. Dann habe ich die Tötung eines Menschen mitbekommen. Oder war das Geworfene doch nur ein Sack mit Zuschlägen, der in der glutroten Stahlpfanne gelandet ist? Edmund schüttelte den Kopf, in der Hoffnung, es würde ihm dabei helfen, seine Gedanken zu ordnen. Nein, so kann es nicht gewesen sein. Es war eindeutig der Stahlwerkschef Paul Kuhn höchstpersönlich, der mit seiner rauen Stimme vor mir stand. Somit konnten es keine Zuschläge sein, denn der Chef wirft nicht einen einzigen Sack in eine Pfanne, dafür hat er seine Mitarbeiter. Also war es doch ein menschlicher Körper? Damit schloss sich die nächste Fragestellung an. Wenn der Ablauf so stattgefunden hat, wer ist dann der Tote?

So verging eine geraume Zeit, bis Edmunds Atmung sich etwas beruhigt hatte und er zu seiner Hochofenmannschaft gehen konnte. Zu hören war nichts Ungewöhnliches, nur das monotone Brummen des Stahlwerkfeuers drang an seine Ohren. Auf dem Rückweg schaute er sich dennoch permanent um, schlich nur im Lichtschatten der mondlosen Nacht an der Hallenaußenwand entlang. Er wollte auf keinen Fall erkannt werden. Er, Edmund Künkler, hatte ja nichts Unrechtes getan. Ja, er hatte etwas gesehen, was nicht jeder wissen sollte, das war klar, aber er hatte mit niemandem darüber geredet. Zumindest bisher nicht.

Zum Abkühlvorgang gehörte es, dass die langsam erstarrenden Eisenstränge in der Hochofengießhalle mit Wasser besprüht wurden. Der Wasserdampf stieg auf und nebelte die komplette gewölbeförmige Gießhalle ein. Es sah unwirklich aus, etwa so, als würden in stockdunkler Nacht Nebelschwaden über dem Fluss aufziehen. Unheimlich und gespenstisch, so empfand es Edmund zum allerersten Mal, seit er hier auf der Hütte arbeitete.

Er hatte schon hunderte von Abkühlphasen miterlebt, aber erst heute fiel ihm diese Erscheinung so deutlich auf. Seine Gedanken kreisten weiter wild in seinem Kopf und er fand keine Haltepunkte mehr.

Sollte ich gleich zu Schichtende Linus Bottenberg, meinem Vorgesetzten, berichten, was ich gesehen habe? Oder lieber schweigen, wie Kuhn es gefordert hat?

Seine Hände arbeiteten von allein, rein mechanisch, ohne dass er sie lenken musste. Er sah wieder auf und konnte sich nicht erinnern, was er in den vergangenen Minuten getan hatte. Ganz einfach weg aus der Erinnerung, diese Handgriffe.

Ist also doch was mit meinem Kopf verkehrt?

„So, Junge, jetzt setz dich erst einmal hier auf den Stuhl“, befahl Bottenberg.

Sie hatten die Schicht beendet, die Ablösungen waren an den jeweiligen Arbeitsplatz gekommen. Edmund hatte noch zum Rapport in der Meisterbude beim Vorgesetzten Bottenberg erscheinen müssen.

„Was ist denn bloß los mit dir? Zu Schichtbeginn hast du dich gut gefühlt und mit den Kollegen sogar gelacht. Und jetzt sitzt du hier wie eine eingefallene Primel.“ Bottenberg klang wie ein Priester in seinem Beichtstuhl durch seine pathetisch-tiefe Redeweise.

„Ich … ich weiß nicht … äh“, stammelte Edmund, und genau diese Unordnung wedelte ebenso auf seiner Seele.

„Na, was ist mit dir? Sag schon, raus mit der Sprache“, wiederholte Bottenberg verständnisvoll, damit er den wahren Grund für Edmunds seltsames Verhalten in Erfahrung bringen konnte.

„Ich wollte mich mit einem Mädchen treffen, hinter dem Bahnhof, die ist allerdings nicht gekommen“, flunkerte Edmund.

„Das kannst du dem Dasbachs Fritzchen erzählen, aber nicht mir.“ Linus Bottenberg sprang so explosiv auf, als hätte er heißen Kaffee auf seiner Hose verkippt. Sein Stuhl schepperte mit einem Schlag rücklings gegen die Wand und gleichzeitig schrie er Edmund mit kräftiger Stimme an: „Ich habe noch nie im Leben so einen Blödsinn gehört!“ Er beugte sich vor und schaute ihm mit nur wenig Abstand direkt in seine wässrigen Augen. „Und jetzt will ich die Wahrheit hören. Warum bist du so verändert in den letzten Stunden?“

„Ich bin nicht verändert, es ist nur ...“, redete Edmund immer leiser werdend.

„Donnerjoanednoch, ich will heute nichts mehr von dir hören. Geh nach Hause, schlaf dich aus, und morgen zehn Minuten vor der Nachtschicht stehst du hier bei mir in der Meisterbude auf der Matte. Und komm mir ja nicht auf die Idee, krank zu werden oder einfach nicht zu erscheinen, mein Freundchen“, brüllte Bottenberg ihn an. Edmund hatte ihm mit seiner Antwort die Zornesröte ins Gesicht getrieben. Das war deutlich. Der 1.Schmelzer ging zur Tür, öffnete sie und befahl ihm ein letztes Mal: „Raus jetzt!“

Edmund zog den Kopf ein und schlüpfte aus dem Meisterbüro wie ein geprügelter Hund. Er nahm seine abgestellte Arbeitstasche in die Hand, in der die unangetastete Kanne Kaffee lag, und schlich mit traurig gesenktem Kopf in die Richtung des Hauptbüros zum Hüttenwerksausgang.

„Dieses kleine Hochofen-Früchtchen“, raunte Paul Kuhn wieder los und in seiner Stimme lag eine nicht zu überhörende Wut. „Hinter einem Pfeiler versteckt und alles mitbekommen, kaum zu glauben.“

„Der muss ganz einfach von hier weg!“, sagte Paul deutlich leiser.

„Wie, weg? Was meinst du mit weg, Paul?“, hinterfragte Karl.

Paul Kuhn, der Stahlwerkschef, war mit seinem jungen Ingenieur Karl Rosenkranz direkt vom Stahlwerk in sein Büro geeilt. Es befand sich im Hauptgebäude, das von allen Hauptbüro genannt wurde. Beide waren völlig außer Atem dort angekommen und hatten sich in die mit grünem Leder bezogenen Stühle gesetzt. Sie hatten zunächst kein Wort miteinander gewechselt.

Paul rieb sich das Kinn zwischen Daumen und Zeigefinger und fand als Erster die Sprache wieder. „Der Junge muss weg.“

Dieser Satz brachte die Stahlwerksvorgesetzten aus ihren eigenen Gedanken in Kuhns Büro zurück. Heute war Dienstag, der 1.März1910. Die lange Nacht war noch nicht vorüber, die Uhr an der Wand zeigte halb drei. Beide waren auf der Eisenhütte, obwohl sie keinen regulären Dienst hatten.

Sie hatten die Leiche schnell entsorgen müssen und hatten dies widerstrebend auch getan. „Es gibt keinerlei Spuren, wenn wir sie in den flüssigen Stahl werfen. Bei tausendvierhundert Grad verbrennt alles, sogar der Ring am Finger dieser wunderschönen Hand“, hatte Karl Rosenkranz vorher seine Idee begründet.

Zugegeben, der Gedanke lag bei ihrem Beruf auf der Hand, aber ein gewisses Risiko, erwischt zu werden, schwang im Hintergrund mit. Gesehen bei dieser Aktion hatte sie niemand – außer diesem Rotzlöffel vom Hochofen. Da waren sich beide sicher.

Paul hatte das Ganze wirklich klug eingefädelt und der Stahlwerksmannschaft ein paar Flaschen Bier mitgebracht, die sie in der Pausenecke zünftig getrunken hatten. Der Abstich hatte noch einige Zeit angedauert und in der Gießhalle hatte die Gießereimannschaft genug mit der Ausrichtung der Kokillen zu tun gehabt. Ein nahezu perfekter Plan, bis auf diesen Bengel.

Paul Kuhn und Karl Rosenkranz gingen nochmals jede Kleinigkeit im Detail durch. Paul zählte dabei an seinen Fingern auf: Es gab keinerlei Spuren, alles war restlos verbrannt. In der dunklen Nacht hatte sie niemand beim Betreten des Werkes gesehen. Karl hatte den Pförtner Willi Herzog in ein Gespräch verwickelt, während Paul die Leiche auf den Schultern weiter hinten im Schatten in die Stahlwerkshalle gebracht hatte. Und was ganz wichtig war: Niemand würde die Frau vermissen.

Nur die Uhr an der Wand tickte. „Also, was genau machen wir mit dem Rotzlöffel?“, unterbrach Karl die erneute knisternde Stille.

„Der muss ganz einfach weit weg und darf nie mehr hierher zurückkommen. Sozusagen muss er wie vom Erdboden verschluckt sein“, erklärte Paul zum wiederholten Mal.

„Ist … Ich meine, ist weit genug … Afrika?“, fragte Karl mit Verzögerungen in seinen Worten. Er sprach wie Männer, die vor Gericht einen Meineid schworen.

„Na klar, und ohne Rückfahrkarte, versteht sich.“

„Ich habe einen Gedanken in meinem Kopf, bin mir nicht sicher, ob … Hör bitte einfach mal zu und unterbrich mich nicht, damit ich den Faden nicht verliere“, sprach Karl gedämpft seine Grübelei aus. „Ich kenne den Obersteiger Wilhelm Örter von der Grube San Fernando drüben aus Herdorf. Der ist im Januar mit seiner gesamten Mannschaft von Bergarbeitern nach Deutsch-Südwestafrika ausgewandert. In einer Kupfermine unten in unserer Kolonie, dort wollen sie als erfahrene Eisenerzbergleute zu guten Konditionen nach Kupfererzen schürfen. Was wäre denn, wenn der Junge vom Hochofen ebenfalls in die Kolonie, sagen wir mal so, ausreisen würde? Die Mine dort unten hat nach wie vor Bedarf an jungen kräftigen Burschen aus dem Siegerland und bezahlt jedem, der in Arbeit geht, sogar die Überfahrt von Hamburg bis nach Swakopmund, und einen Extrabonus obendrauf.“

Die folgende Stille, in der man eine Nadel hätte fallen hören können, mit ausreichend Zeit, die eigenen Argumente abzuwägen, dauerte nicht lange.

„Genial. Ein wirklich guter Gedanke, Karl. Das wäre die Lösung, um den Jungen quasi, ohne jegliche Gewalt anzuwenden, von hier wegzubekommen“.

„Aber wie bringen wir ihm diese Notwendigkeit bei? Der wird nicht freiwillig nach Afrika reisen wollen? Kennst du vielleicht Freunde, Verwandte, Familie, irgendjemanden, mit dem man vertrauensvoll, nicht über alles, aber über solch eine nette Reise reden könnte?“

Der Stahlwerkschef grübelte über die gestellte Frage nach und formulierte seine Gedanken so: „Ich kenne den Vater des Jungen aus unserer gemeinsamen Volksschulzeit. Ich könnte mit ihm reden und ihn, wie auch immer, davon überzeugen, wenn du weißt, was ich damit meine … dass es besser für alle Beteiligten wäre, wenn der Junge nach Afrika gehen würde.“

„Das hört sich sehr gut an. Aber diese ganze Geschichte muss sehr schnell vonstattengehen, am besten noch heute“, drängte Karl zur Eile.

„Ich müsste erst in Erfahrung bringen, welche Arbeitszeit der alte Künkler hat, der arbeitet ebenfalls auf der Hütte im Walzwerk. Aber das ist alles Quatsch, ich gehe sofort in die Augustastraße, sobald die Sonne aufgegangen ist.“

Wohl fühlte sich Paul Kuhn nicht, als er zu den Stahlwerkshäusern einbog, in der die Künklers wohnten. Er zog geräuschvoll den Rotz hoch und spie ihn auf die Straße. Dennoch, so sagte er zu sich selbst, er war hier der Chef, ein Hüne von Mann, und auf der Hütte war er schon jemand. „Wer will mir etwas abschlagen?“, dachte er. Er sprach sich innerlich Mut zu und stolzierte mit strammen Schritten auf das Haus der Künklers zu.

Der alte Künkler öffnete verschlafen die Haustür. Emma, seine Frau, war schon zum Einkaufen aufgebrochen. Die übrige Familie schlief um diese Zeit noch.

„Du hier, Paul? Was gibt es denn so zeitig?“, fragte Vater Künkler überrascht über diesen hohen Besuch am frühen Morgen.

Paul sah seinen ehemaligen Schulkollegen aus finsteren Augen an und sprach mit seiner tiefen rauen Stimme, ohne jegliche Begrüßung: „Ich muss dringend mit dir persönlich reden, es ist wichtig. Es geht um deinen Sohn, der am Hochofen arbeitet.“

„Komm rein. Du meinst Edmund, ihr nennt ihn ja alle Ed auf der Hütte. Was ist mit ihm?“

„Ja, genau so heißt dieser Taugenichts.“

„Und was hat er verbrochen, sodass du dich persönlich zu so früher Stunde hier heraufbegibst?“, fragte Künkler nunmehr hellwach nach.

„Du musst mir versprechen, nichts weiter zu hinterfragen. Ich will deinem Sohn nur helfen“, entgegnete Paul Kuhn nun mit einer deutlich weicheren Krämerstimme, als hätte er gerade Kreide in seinen Schlund bekommen.

Oha, jetzt wird es ja richtig spannend, schätzte der Vater die Situation neu ein. Er nickte nur kurz und faltete seine Hände, als wollte er beten.

„Jetzt hör mir ganz einfach mal zu. Dein missratener Sohn hat unseren Ingenieur Rosenkranz bestohlen. Er hat einen Geldbetrag und eine wertvolle Pistole aus seinem Büro mitgehen lassen. Der Rosenkranz ist außer sich vor Wut. Die Waffe war ein Geschenk seines Patenonkels, ein Familienerbstück sozusagen, und daher von großer Bedeutung für ihn. Da wir uns kennen, habe ich mich dazu bereiterklärt, mit dir über diesen Vorfall zu reden.“

„Ja … wie, ein Diebstahl? Das kann nicht sein, nicht unser Edmund! Ich verstehe dich nicht so recht. Was genau ist deine Absicht? Was möchtest du jetzt von mir, etwa Geld? Eine Pistole kenne ich hier in meinem Haus nicht und habe hier auch nie eine gesehen“, antwortete Vater Künkler auf die massiven Anschuldigungen, während ihm das Herz bis in den Hals hämmerte.

„Nein, hierbei geht’s nicht um Geld. Ingenieur Rosenkranz möchte die Angelegenheit ohne Polizei geklärt wissen. Dein Sohn verlässt ganz einfach Deutschland und soll in unserer Kolonie in Deutsch-Südwestafrika als Bergmann auf einer Kupfermine arbeiten. Damit er nicht nochmals auf dumme Gedanken kommt.“ Nachdrücklich, mit gekreuzten Armen vor der Brust und einer feuchten Aussprache, quollen Paul Kuhn diese Worte gebieterisch aus dem Mund. Die gesamte Kreide war wieder aus seinem Schlund gewichen.

„Ich verstehe dich nicht richtig. Was meinst du, Paul? Wegen eines Diebstahles soll der Edmund auswandern, und dann so weit, bis nach Afrika?“ Vater Künkler schüttelte zweifelnd den Kopf und blickte unter sich. Sollte sein Edmund wirklich einen Diebstahl begangen haben?

Kuhn stand langsam vom Stuhl auf, wie ein Richter zur Urteilsverkündung. Er sah den vollkommen verunsicherten Vater Künkler von weit oben herab an und sprach in einem abgehackten militärischen Befehlston: „Dein Sohn Edmund fährt. Oder du, dein anderer Sohn Helmut und dein Schwager, der Jupp, ihr könnt euch heute Nachmittag noch bei mir auf der Hütte die Papiere abholen.“

„Aber Paul …“, weiter kam Vater Künkler nicht. Er hatte jegliche Gesichtsfarbe verloren und saß wie ein Häufchen Elend auf seinem Stuhl.

„Ich glaube schon, dass du mich richtig verstanden hast. Der Junge fährt nach Afrika, und unser Gespräch hat nie stattgefunden, versteht sich. Du erklärst es deinem Sohn und sagst nichts, rein gar nichts bringst du mit der heutigen Unterredung in Verbindung. Ist das klar bei dir angekommen? Daher, lass dir etwas einfallen.“

Kuhn richtete sich wieder zu seiner vollständigen Größe auf, nachdem er mit jedem ausgesprochenen Wort immer näher an Vater Künklers Ohr herangekommen war. Der Stahlwerker legte seinen Kopf überheblich in den Nacken und redete weiter auf den inzwischen vollständig zusammengesackten Mann ein.

„Ich geh doch recht in der Annahme, dass du ein angesehener Presbyter in unserer evangelischen Kirchengemeinde bist, oder etwa nicht?“

„Ja, aber … was …“, stammelte Künkler, seine Hände immer noch gefaltet, als wollte er göttlichen Beistand erbitten.

„Kommt aus diesem Gespräch irgendetwas an Dritte heraus, werde ich persönlich dafür sorgen, dass du nichts mehr mit der Kirche bei uns im Dorf zu tun haben wirst.“

Mit diesen Worten beendete Paul Kuhn urplötzlich die Unterredung. Er drehte sich auf dem Absatz um und ging mit lauten, auf dem Steinboden nachhallenden Schritten zur Tür hinaus.

3

„Nur laut und vulgär muss man auftreten, und schon hören einem die Menschen zu.“

LUDWIG HUFSCHMIDT

Gießhalle des Stahlwerks, Nachtschicht, 1. März 1910

„Is’ dat ein Drecksack!“, schrie Ludwig seine Arbeitskollegen ohne Vorwarnung an, die alle gleichzeitig nach ihrer Pause aufgestanden waren.

Alle drei Kollegen drehten sich nur kurz um und gingen ohne eine weitere Reaktion an ihre Arbeitsplätze zurück. Das kannten sie schon von Ludwig: Wenn er sich über etwas ärgerte, brachen gewaltige Wörter aus seinem Mund, ohne dass er jemanden direkt ansprach. Laut, aber nichts dahinter, so hatte es sein Kollege Erwin ihm mal entgegnet.

„Dat verlogene Bottroper Elend“, wiederholte Ludwig seine Diffamierung, „der wollte heute in der Pause zu mir kommen, dieser hinterlistige kleine Schisser. Jetzt hat der Kleine mich auch noch vom Rattenschießen abgehalten, so eine verdammte Kacke.“

Rattenschießen mit einer Wildbüchse war eine willkommene Pausenbeschäftigung bei den Stahl- und Walzwerkern der Hütte geworden. Beide Produktionsbereiche grenzten direkt an die Brücke über den Fluss. An einer Kette ließ man eine angezündete Karbidlampe zum Ufer hinab. Der Lichtschein erhellte in der Nacht ein Stück des bewachsenen Uferbereiches. Meist dauerte es nicht lange, bis die ersten Ratten ihrer Neugier folgten. Und sofort fielen die gezielten Schüsse. Bis auf die Getroffene stoben alle anderen in unterschiedliche Richtungen auseinander. Der vermeintliche Schütze kassierte sodann von jedem der Teilnehmer einen Groschen.

Es gab schon mal Streit darüber, wer die Ratte getroffen und erlegt hatte. Das wurde dann so geregelt, wie es unter Männern üblich war. Es kam das eine oder andere Mal vor, dass die Kontrahenten sich im Uferbereich selbst ein Bild von der Situation machen mussten. Die toten Ratten wurden anschließend in den Fluss geworfen oder waren in der kommenden Nachtschicht einfach nicht mehr da.

Diese Pausenbeschäftigung wurde von der Werksleitung toleriert, war doch im gesamten Hüttenbereich das Ungeziefer ein ständiger Begleiter. Aber nur in den offiziellen Nachtschichtpausen durfte geschossen werden. Tagsüber war es verboten und wurde mit Platzverbot sanktioniert.

Ludwig schwadronierte immer noch sein Ungemach aus sich heraus, stand auf und reckte seinen langen schmalen Körper, bis es knackte. Ludwig Hufschmidt war ein baumlanger, sehniger und dennoch muskulöser junger Mann von erst zwanzig Jahren. Blonde gewellte Haare und immer wie aus dem Ei gepellt, damit war er für die Frauenwelt eine Augenweide. Er redete wie ein erfahrener Stahlwerker mit seinem lauten und manchmal vorlauten Mundwerk, arbeitete jedoch nur als Flämmer in der Gießgrube.

Er wollte jedoch mehr, das spürte hier jeder. Ludwig sollte sich hier in der Gießgrube seine Sporen verdienen, so hatte es sein Vater, Peter Hufschmidt, eingefädelt. Von der Pike auf lernen, wie Stahl hergestellt wird, so hatte es der alte Hufschmidt einmal formuliert. Er selbst hatte noch bis vor zehn Jahren im Ruhrgebiet auf der Hütte Deutscher Kaiser in Bruckhausen gearbeitet. Dann war er als Fachmann für die Generatoren, die den notwendigen Brennstoff für die Siemens-Martin-Öfen produzierten, von der Charlottenhütte in Niederschelden abgeworben worden.

Ludwigs Sprachschatz war jedoch nicht nur mit Schimpfwörtern bestückt. Nein, er hatte auch Witz und Humor und war als Draufgänger bekannt. Er hatte einfach keine Angst, vor nichts, vor keiner heiklen Situation, vor keinem Streit und vor allem vor keinem Vorgesetzten. Dazu verhalfen ihm seine stattliche Körpergröße von einem Meter neunzig und sein starrer Blick, immer direkt in die Augen seines Gegenübers. Seine laute und vulgäre Sprache tat ihr Übriges.

Diese Ausdrucksweise hatte er aus dem Ruhrgebiet mitgebracht. Auf den Straßen im Kohlenpott hatte er sich als kleiner Junge immer wieder behaupten müssen. Ludwig hatte dieses Nicht-Klein-Beigeben verinnerlicht und machte aus seiner Bruckhausener Vergangenheit keinen Hehl. Bei aller Bescheidenheit, so sagte er es sich immer, es funktionierte ja. Die Menschen kuschten, wenn er laut wurde. Kannte man den Ludwig länger, dann wusste man: Vieles war nur Fassade.

Ludwigs schlechte Laune war heute jedoch nicht hinter einer Fassade versteckt. Ein jeder konnte seine Stimmung an seinem missmutigen Gang zur umgelegten Gießpfanne erkennen. Grantig und immer noch leise fluchend nahm er den dort abgelegten Brenner wieder auf und setzte seine Arbeit an der Stelle fort, wo er sein Flämmen bei Pausenbeginn unterbrochen hatte.

4

„Gute, verlässliche Freunde muss man einfach haben.“

FRITZ WALLAU

Walzwerkshalle, Nachtschicht, 1. März 1910

„Zwei zu.“

„Zwei sind zu.“

„Und los!“

„Hundertvierzig … hundertfünfzig … hundertachtzig steht.“

„Eins mehr zu.“

Die Walzwerker in der neuen Werkshalle riefen sich exakte Arbeitsaufträge zu. Klare, eindeutige Aussagen, damit der 1. und der 2.Walzer die Anweisungen an den Einstellrädern des Walzgerüstes umsetzen konnten. Das war extrem wichtig für die Umformung des Stahles, um aus einem Block einen Knüppel zu bekommen.

Unklare Aufträge und falsche Ausführungen führten unweigerlich zu Schrott, so drückte es der Walzwerkschef Gustav Mathieu aus, immer begleitet von seinem unverwechselbaren frankophilen Dialekt. Aus seinem Heimatdorf Rombach, im deutschen Teil Lothringens, war er vor sechs Jahren auf die Hütte nach Niederschelden gewechselt. Seine Nähe zur französischen Sprache konnte er nie wirklich verhehlen.

Aber warum auch? Lothringen hatte viele gute Hüttenwerker hervorgebracht, die in die Welt zogen und ihr Wissen zur Eisen- und Stahlherstellung einzusetzen wussten. So war Gustav Mathieu an die Sieg gekommen, als auf der Hütte das Walzwerk gerade erst gebaut worden war. Quasi war er von Beginn an mit dabei, daher konnte ihm keiner etwas vormachen. Gustav war ein Walzwerker durch und durch. Der Gröwaz, wie es jemand richtigerweise artikuliert hatte und damit die lange Beschreibung abkürzte, dass Mathieu der „Größte Walzer aller Zeiten“ sei.

An der Zustellung des ersten Walzgerüstes stand der 2.Walzer Fritz Wallau, ein Freund von Edmund und Ludwig. Sein Chef Gustav Mathieu hielt sehr viel von Fritz. Die klaren Ansagen setzte er rasch und geschickt um. Vielleicht eine Winzigkeit früher, als die Ansage kam, stellte er die Walze schon auf oder zu. Die Erfahrung aus den vergangenen drei Jahren und sein Wissen hatten ihm ein gutes Verhältnis zu den Kollegen eingebracht.

Fritz war ein schlanker, drahtiger junger Mann von ebenfalls zwanzig Jahren, wie Edmund und Ludwig. Er hatte leicht abstehende Ohren und stets ein unwiderstehlich geheimnisvolles Lächeln in den Mundwinkeln, das demjenigen, dem er es schenkte, eine Auszeichnung war. Noch bevor man Fritz etwas fragen konnte, erwiderte er eine kluge Antwort, die er oft aus der Situation heraus kombinierte. Und in den meisten Fällen wurde hinterfragt, woher er wisse, was man gerade jetzt fragen wolle. Bei vielen Gelegenheiten hatte er bereits Recht behalten, was ihn dazu beflügelte, dieses Vorhersagen immer wieder neu zu probieren. So war Fritz. Ein Schnelldenker. Schneller als so manch anderer, und anderen dadurch oft einen Schritt voraus.

Soeben hatte er an Ludwig gedacht, zu dem er nach dem Formatwechsel am Walzgerüst unbedingt gehen musste. Edmund hatte es bisher nicht geschafft, Ludwig zu besuchen, denn sonst wären beide anschließend zu ihm ins Walzwerk gekommen. Eine kurze Runde zu den Freunden, das machten sie immer, wenn sie gemeinsam Nachtschicht hatten. Und wenn der Ludwig auf sein geliebtes Rattenschießen hatte verzichten müssen, so kombinierte Fritz, dann war er bis zum Schichtende ein ungenießbarer Ruhrgebietsmensch. Er musste daher unbedingt zu ihm in die Gießhalle gehen.

Der gelb-rot glühende Stahlblock wurde mit jedem Ritt durch die Walzgerüste dünner und länger. Heute, bei den dicken Klamotten, waren die Walzzeiten sehr kurz. Fritz konnte es sich nun erlauben, für rund zehn Minuten seinen Platz am ersten Walzgerüst zu verlassen, um das zu tun, was er jetzt tun musste: Er ging, nein, er eilte wie ein Priester, der zu einem Sterbenden gerufen wurde, in die Gießhalle und steuerte auf Ludwigs umgelegte Gießpfanne zu.

Der rief aufschauend an Fritz gerichtet: „Hömma, Itze, wat wills du oller Schlawiner, wo iss’n der kleene Pannemann?“

„Der durfte wahrscheinlich nicht weg vom Hochofen, eine Störung, ein anderes Problem oder ein Verbot vom strengen Bottenberg“, schrie Fritz durch den stahlwerksgeschwängerten Hallenlärm hindurch Ludwig an.

Ludwig riss die Augen auf und warf lustlos seinen Brenner auf den Hüttenflur. „Hömma, woher weiße dat getz schonn widda? Verdammte Hacke, ich wunder mich immer, wat in deine Birne so abgeht.“

Fritz lächelte verschmitzt und fragte: „Störe ich dich gerade bei einer wichtigen Arbeit, Ludwig?“

„Nee, absolut nich, hab’ eh keine Lust mehr auf diesen belämmerten Scheiß hier.“

„Wenn der Ed nicht kommen kann, dann müssen wir eben bei ihm vorbeigehen.“

„Hömma, du Pannaskopp, dat geht nich … Muss nache Schicht erst noch ’ne Kleinigkeit besorgen, verstehsse?“

„Und wem?“, hinterfragte Fritz schmunzelnd und knipste kurz mit dem rechten Auge. Ludwig ignorierte diese Zweideutigkeit und schaute nicht ein Mal auf, als hätte er diese zwei Wörter nicht gehört. „Sonntag um zehn Uhr, zu einem Bier im Rheinischen Hof, geht das klar bei dir?“

„Dat is’ Poschondek, ich komm auf jeden Fall, und Heidewitzka, dann gehtet widda ab!“, antwortete Ludwig etwas besser gelaunt, das hörte man nun an seiner Tonlage, die sich geändert hatte.

Wie Fritz es wohl immer wieder schaffte, den Ludwig aus seiner vermeintlichen Wut in den Humor zu lenken? Fritz wusste es selbst nicht, aber es funktionierte.

Er verabschiedete sich wortlos, denn der über ihnen fahrende Kran produzierte einen solchen Höllenlärm, Ludwig hätte eh nichts verstanden. Er eilte zurück ins Walzwerk, wobei Ludwig sich pfeifend an die monotone Flämmarbeit begab. Kurz besann er sich auf das soeben beendete Gespräch und sagte aufmunternd zu sich selbst: Der Fritz, dieser Birnenmann, der ist einer. Jetzt pfeife ich sogar schon bei dieser beschissenen Arbeit.

Fritz Wallau stammte aus dem Panneviertel in Niederschelden. Er hatte zwei ältere Schwestern, die aber nix waren, wie sie Ludwig einmal taxiert hatte. Beide waren schon aus dem Haus. Fritz’ Vater Friederich war Steiger in einem großen Bergwerk und seine Mutter Elfriede konnte ausgesprochen gut kochen und backen. Allerdings, was hieß gut, Elfriede Wallau backte herausragend köstliche Kuchen. Untereinander, in der Familie, verstanden sich die Wallaus sehr gut. Es fiel nie ein böses Wort, dafür sorgte schon Elfriede. Und jeden Sonntag gingen sie alle gemeinsam in die evangelische Kirche. Natürlich nur dann, wenn keiner der Männer arbeiten musste, denn die Arbeit hatte immer Vorrang.

Fritz beendete die heutige Schicht mit einer gefühlten Leichtigkeit, als stünde er gerade erst vor Schichtbeginn. Dennoch machte ihn die Tatsache, dass Ed nicht ins Stahlwerk gekommen war, nachdenklich.

Seinen Gefühlen nachhängend führte ihn sein Weg nach seinem Arbeitsende in den Hochofenbereich. Dort saß Edmunds Vorgesetzter Linus Bottenberg und schrieb seinen Schichtbericht ins Raportbuch. Fritz erkundigte sich nach Edmund, woraufhin Meister Bottenberg mit der rechten Hand abwinkte und sein väterliches Gesicht verzog, als ob Fritz etwas Unanständiges gefragt hätte.

„Ach der, Mensch, hör mir auf mit dem. Der war nach der Pause auf der Schicht wie ausgewechselt, ich habe kein einziges Wort aus ihm herausbekommen … Weiß nicht, was mit ihm los war. Wenn er eine Frau wäre, würde ich sagen, der hatte seine Tage. Aber morgen, morgen werde ich ihm auf den Zahn fühlen. Morgen kommt er kurz vor der Nachtschicht zu mir in die Meisterbude.“

Fritz wusste, dass dieses Gespräch hiermit beendet war. Er wandte sich um und lief in Richtung Hüttenausgang am Hochofen, direkt in die Charlottenstraße.

In der Zwischenzeit tauchte die Sonne den Himmel in ein Morgenrot, als würde der Heilige Antonius mit seinen Männern dort oben ebenfalls einen Abstich verfahren. Wie sich die Bilder zwischen Himmel und Erde doch glichen, und dazu pfiffen die Vögel ihr Frühkonzert. Fritz brauchte nur noch an den hohen Winderhitzern vorbeizugehen, die Straße hinunter, und bog ins Panneviertel ab. Je näher er seinem Elternhaus kam, umso mehr breitete sich bleierne Müdigkeit in ihm aus.

5

„Entscheidungen müssen einfach getroffen werden, auch dann, wenn die Folgen nicht klar zu erkennen sind.“

VATER KÜNKLER

Niederschelderhütte, Augustastraße, Dienstag, 1. März 1910

Die Sonne lächelte an diesem wunderschönen Frühlingstag und lud zum Frohsinn ein. Der Bote des Hüttenwerkes spazierte um die Mittagszeit pfeifend und froh gelaunt in die Augustastraße und gab Emma Künkler an ihrer Haustür einen großen verschlossenen braunen Umschlag in die Hand. Der Bote hatte weitere Briefe abzuliefern, daher drehte er sich sofort zum Weitergehen um, nachdem er kurz auf den Umschlag gedeutet und aufgetragen hatte: „Der ist für ihren Mann.“

„Vielen Dank, ich werde ihm den Brief schon aushändigen“, antwortete Emma Künkler verwundert über die befehlerische Ansage des Überbringers. Ihr Mann arbeitete zwar auf der Hütte, aber das war trotzdem seltsam.

Was bedeutet dieser Botenbrief jetzt schon wieder? Ein dicker verschlossener Umschlag, ohne Absender, und vom Hüttenboten extra hier heraufgebracht in unsere Straße?, fragte sie sich.

Emma stand lange an der offenen Haustür, auch dann noch, als der Bote nicht mehr zu sehen war. Sie grübelte über den Inhalt nach. Kurze Zeit später überreichte sie ihrem Mann kopfschüttelnd den Umschlag. Sie sagte nichts, nicht einmal, dass der Brief an ihn gerichtet war.

Vater Künkler nahm den Umschlag und verzog sich damit in den Keller. Hier hatte er sich in einer kleinen Ecke eine Werkbank mit einigen Werkzeugen aufgebaut. Er setzte sich auf seinen Stuhl, der eine Art Rückzugszone für ihn geworden war. Hier konnte er ohne Störungen nachdenken und handwerkern, auch ab und an beten.

Er nahm sein Taschenmesser aus der Hosentasche und öffnete den Umschlag, entnahm ein Bündel Geldscheine und zwei hochoffiziell aussehende Schriftstücke. Tiefer unten fischte er eine Zugfahrkarte für die zweite Klasse von Niederschelden nach Hamburg heraus.

Der Stahlwerkschef hatte es tatsächlich ernst gemeint. Vater Künkler las den handgeschriebenen Brief.

Sehr geehrter Herr Künkler,

wie heute Morgen erwähnt, habe ich alles wie besprochen arrangiert. Morgen früh, am 2.März1910 um Viertel vor sechs, fährt der D-Zug vom Bahnhof Niederschelden nach Hamburg ab (Billett beiliegend). Ihr Sohn Edmund meldet sich bei der notierten Adresse mit seinem Namen. Er muss auf jeden Fall seine Ausweispapiere mitnehmen. Die Schiffspassage wird auf seinen Namen umgeschrieben, da ursprünglich eine andere Person an seiner Statt reisen sollte.

Der Geldbetrag (500Mark) ist für die Schiffsreise und Verpflegung gedacht. Der Preis für die Überfahrt beträgt jedoch schon 400Mark. Also Obacht bei den Ausgaben. Alles Übrige wird Ihr Sohn von der Hamburger Adresse erfahren. Nur eins noch: Ihr Sohn soll sich als „Bergmann“ ausgeben.

Hochachtungsvoll

P. Kuhn

(Stahlwerkschef der Charlottenhütte AG in Niederschelden)

PS: Diesem Schreiben liegt die Kündigung des Arbeitsvertrages für Edmund Künkler bei.

Vater Künkler legte bedächtig beide Schreiben auf die Werkbank. Er zählte die Geldscheine nach. Genau, wie es geschrieben stand, waren es 500Mark. Einen so großen Geldbetrag hielt er nicht oft in seinen abgearbeiteten Händen.

Was sollte er jetzt nur tun? Er hatte bislang Edmund nichts vom Besuch des Stahlwerkschefs erzählt. Er säuberte sich, nur, um eine Beschäftigung zu haben, seine Fingernägel und dachte über dieses Durcheinander nach. Konnte er eventuell zu Pastor Schmalgemüller gehen und ihn fragen, was er tun sollte? Nein, das war kein guter Gedanke. Der Pastor würde missliche Fragen stellen. Dies war nicht gut für seinen Leumund. Vielleicht konnte er seine Frau einbinden? Aber bei genauer Betrachtung war dies ebenso unklug, sie würde Edmund nicht freiwillig ziehen lassen.

Großer Gott, sei mit mir, dass ich das Gerechte tue, dachte er und sprach es halblaut vor sich hin.

Was war eigentlich mit dieser Pistole, die Kuhn am Morgen erwähnt hatte? Das schien kein Thema mehr zu sein.

Tief in seinem Inneren war Vater Künkler komplett zerrissen und immer noch uneins mit sich, wie er entscheiden sollte. Eine Zeit so unangenehm lang wie im Wartezimmer eines Arztes verging. Dann stand er unvermittelt auf, bog seinen Rücken durch und hatte eine Entscheidung getroffen.

Er stieg hinauf zu Edmunds Zimmer. Ein kleiner spartanisch eingerichteten Raum auf dem Speicher, abgetrennt vom Trockenboden. Vater Künkler klopfte an, öffnete, ohne eine Antwort abzuwarten, die Tür und trat an Edmunds Bett heran. Durch die Nachtschicht schlief Edmund noch tief und fest. Vater Künkler setzte sich auf die Bettkante und weckte seinen Sohn auf.

Ohne Unterbrechung und ohne Widerrede erklärte er Edmund, dass er morgen früh mit dem Zug nach Hamburg zu fahren habe und von dort aus mit einem Postdampfer ins ferne Afrika reisen solle. Der alte Künkler nannte keinen Grund und gab nicht einmal einen Hinweis auf die Auswirkungen, die sich daraus ergaben. Er teilte seinem Sohn ebenfalls nicht mit, dass seine Arbeit auf der Hütte hiermit beendet war.

Edmund war noch nicht ganz wach, als die Worte seines Vaters auf ihn einschlugen wie ein Trommelfeuer. Er hatte einen riesigen Kloß im Hals und wollte, aber konnte nicht antworten. Nachdem der Vater die Kammer verlassen hatte, verband Edmund die verschiedenen Ansagen, die er schlaftrunken vernommen hatte, mit den Ereignissen der Nacht. Ihm wurde mit einem Mal speiübel. Die Geschehnisse sah er nun wieder klar und deutlich vor sich.

„Ist das ein Mäckes“, urteilte Edmund und hatte ohne Übergang das Bild des Stahlwerkschefs scharf vor Augen. Der große Mann mit dem tief in die Stirn gezogenen Hut. Und er hörte wieder seine laute raue Stimme.

Hatte er seine Finger mit im Spiel? Und nur, weil ich etwas gesehen habe, was ich nicht hätte sehen sollen? Nur aus diesem schnöden Grund soll ich jetzt nach Afrika abgeschoben werden!

Sein Vater konnte unmöglich von den Vorgängen der Nacht wissen. Oder hatte ihm jemand in der Zwischenzeit etwas gesteckt? Nein, das konnte nicht sein, und dennoch sollte er mit einer Schnelligkeit abgeschoben werden, dass es kaum zu fassen war.

So ein verdammter Blödsinn. Er wusste genau, wenn sich Vater etwas in den Kopf gesetzt hatte, dann war es gesetzt, der Kirche sei Dank.

Edmund blieb eine ganze Weile in seinem Bett liegen. Er hatte seine Arme hinter dem Kopf verschränkt und überlegte, was nun noch zu erledigen wäre. Heute Nachmittag nach Siegen fahren und Reiseutensilien einkaufen und morgen in der Früh direkt mit dem Zug nach Hamburg fahren. Er brauchte keinen Rechenschieber für die eingelegte Geschwindigkeit, mit der er seine Heimat verlassen musste.

Seine Gedanken kreisten um alles, was in den vergangenen Stunden über ihn hereingestürzt war. Sein Vater musste von Kuhn oder diesem zweiten Mann einen Hinweis über die Geschehnisse der Nacht erhalten haben. Aber aus welchem Grund hatte er sich nicht den Anweisungen Kuhns widersetzt? Vater hatte ihm nur die Richtung aufgezeigt, und zwar nach Süden. Sein eigenes Fleisch und Blut schickte er, ohne sich seine Meinung einzuholen, ins ferne Afrika.

Edmund verstand seinen Vater nicht. Allerdings stand für ihn eindeutig fest, als wäre es in Stein gemeißelt: Sein bisher geführtes Leben würde sich ab sofort komplett verändern.

„Afrika“, sprach er den Namen des Kontinents laut aus und wiegte bedachtsam den Kopf, als müsste er noch abwägen, was längst beschlossene Sache war.

6

„Wenn jemand eine Reise unternimmt, dann kann er was erzählen. Wenn man aber eine unfreiwillige Reise antreten muss, dann bleibt nur die Wut in einem zurück.“

EDMUND KÜNKLER

Niederschelden, Dienstag, 1. März 1910

Ludwig hatte mittlerweile seine Arbeit auf der Hütte beendet und lenkte sein Fahrrad nicht linksherum, für den Weg nach Hause, sondern steuerte nach rechts zu Henriette. Henriette wohnte am anderen Ende des Ortes und war seit drei Jahren Witwe. Ihr Mann war bei einem Grubenunfall, genau an seinem Geburtstag, zu Tode gekommen. Schlagwetter, so hieß damals die Begründung.

Henriette war deutlich älter als Ludwig, was ihn jedoch nicht davon abhielt, sie immer wieder zu besuchen. Für gewöhnlich nach der Nachtschicht, und oft war es zu dieser Uhrzeit noch dunkel.

Er blieb heute nicht lange, nur rund eine halbe Stunde, dann radelte er auf die Schelderhütte, wo seine Mutter ihn schon erwartete. Er hatte den Auftrag, nach seiner Arbeit auf seinen jüngeren Bruder Klein-Josef aufzupassen. Josef hatte ein Problem mit dem Älterwerden. Er verhielt sich wie ein Kleinkind von drei Jahren, obwohl er schon sieben war. Zurückgeblieben, flüsterten die Leute hinter vorgehaltener Hand.

Ludwig nahm Klein-Josef zu sich auf das Fahrrad und fuhr mit ihm in den Nachbarort Birken. Diese Ausfahrten liebten beide und hatten einen riesigen Spaß dabei, sich den Fahrtwind um die Nase wehen zu lassen.

Während Ludwig nach seiner Nachtschicht noch aktiv war, schlief Fritz Wallau schon in seiner kleinen Kammer im Viertel. Schlaf war wichtig, damit die anstehenden Aufgaben leichter von der Hand gehen konnten. Diese Redewendung hatte Fritz einmal irgendwo gehört und sich zu eigen gemacht.

Die Kirchturmuhr schlug gerade zwei Mal. Der Geruch von Mittagessen und frischem Kuchen kitzelte ihn in der Nase. Meine Mama ist die Beste, fand er, und grinste verschlafen in sich hinein. Er stand mit Schwung aus dem Bett auf, dehnte seinen schlanken Körper einige Male, zog sich an und flanierte regelrecht, immer dem Geruch nach, hinunter in Elfriedes große Küche. Heute gab es Bohnensuppe mit Speck. Mutter Wallau hatte mal wieder aus wenig viel gezaubert. Sie wusste sehr genau, was sie mit geräuchertem Speck bei ihren Männern auslösen konnte.

Fritz war nach der köstlichen Suppe satt und zufrieden. Er überlegte, ob er bei Ed vorbeischauen sollte. Er wägte kurz ab und kam zu dem Entschluss, gleich in die Augustastraße zu spazieren. Vielleicht war Ed zu einem kurzfristigen Gespräch aufgelegt.

„Hier, dieser Brief ist von Edmund für dich“, begrüßte Emma Künkler den Freund ihres Sohnes aus dem Panneviertel und drückte ihm ein Schreiben in die Hand. Ihr Junge sei unvorhergesehen mit seinem Vater in die Stadt gefahren, einige Besorgungen erledigen.

Auf dem Weg zurück ins Viertel wurde Fritz immer schneller, er rannte zwei Stufen auf einmal nehmend in seine Kammer hinauf. Mit seinem Taschenmesser öffnete er Eds kurzen Brief. Auf der Vorderseite stand in seiner ureigenen Kinderschrift:

AnFritz Wallaup.

Das kleine p stand wohl für persönlich, reimte sich Fritz zusammen. Ed war nie ein löblicher Schüler gewesen, richtig fließend lesen und schreiben, das konnte er einfach nicht.

Der Briefinhalt bestand aus zwei Zetteln. Auf dem ersten Zettel stand:

Mus weck – melde misch

Auf dem zweiten Papier waren drei unterschiedlich große Kreise gemalt. Zwischen dem ersten und zweiten Kreis waren außen umlaufend in gleichem Abstand Buchstaben notiert. Einem ersten Überblick zufolge waren dies alle Buchstaben des Alphabets, aber in keiner bestimmten Reihenfolge. Genau unter den Schriftzeichen, zwischen dem zweiten und dem inneren Kreis, standen die Ziffern von eins bis fünfundzwanzig.

Das, was er da in seinen Händen hielt, war wohl eine Methode, Ziffern Buchstaben zuzuordnen, oder umgekehrt. Eine Art Geheimschrift. Dieser Schlüssel sollte wohl zur zukünftigen Kommunikation zwischen Ed und ihm dienen, so vermutete er.

Nur um alles in der Welt, warum schrieb er dies? Die Geschehnisse der vergangenen Stunden passten nicht zueinander. Fritz faltete die beiden Zettel ordentlich zusammen und legte sie gemeinsam mit dem Umschlag in seinen Duwes, sein Geheimfach, das er am Kopfende seines Betts hinter einem losen Ziegelstein hatte.

Edmund Künkler, ein echter Schelder Junge, stand auf dem Bahnsteig, bereit dafür, seine Heimat zu verlassen. Mit einem Dampfer nach Afrika sollte es gehen, gezwungenermaßen.

An diesem frischen Morgen, es war erst Viertel nach fünf und stockdunkel, roch der gesamte Bahnhofsvorplatz nach Feuer, verbranntem Eisen und schmelzenden Stahl. Nur der abnehmende Mond stand hoch oben über der Birker Ley. Edmund schaute hinauf zu der Bergspitze und mit einem Mal wurde es ihm eng in seiner Brust. War dies schon Heimweh, obwohl er noch gar nicht fort war?

Edmund hatte noch eine halbe Stunde bis zur Abfahrt des Zuges. Sein Vater wollte es genau so – nicht, dass seine Mutter seinen ungewöhnlichen Aufbruch mitbekam. Eine gewöhnliche Reise war dies bei weitem nicht. Genauer gesagt fühlte sich diese Situation eher wie ein Rauswurf an, und von dieser Abschiebung sollte keiner etwas mitbekommen.

Als sein Vater ihm eine Fahrkarte und ein Bündel mit Geld in die Hand gedrückt hatte, war es Edmund vollkommen klargeworden, woher der Wind wehte. Dennoch hätte er sich gewünscht, sein Vater hätte ihn nach seiner Sicht der Dinge gefragt, aber das hatte er nicht einmal versucht. Der alte Künkler war so verbittert und seine Gesichtszüge waren so ernst gewesen, dass er die zusammenführenden Worte nicht hatte aussprechen können.

Dennoch hatte Edmund gespürt, wie die ganze Situation den Vater innerlich zerrissen hatte. Sie hatten kein einziges Wort mehr miteinander gesprochen, nachdem sie gestern in Siegen die Reiseausrüstung gekauft hatten. Der letzte Satz, den Edmund in deutlicher Erinnerung immer noch in seinen Ohren hatte, war: „Das wird jetzt so gemacht, und damit basta!“

Alle im Elternhaus hatten geschlafen, als er die Haustür hinter sich zugezogen hatte. Er war die Straße hinuntergegangen, hatte sich ein letztes Mal umgedreht und war dann die Mittelstraße in Richtung Bahnhof fast schon gerannt. Zügig war er das Stürzetreppchen hinunter auf das Bahnhofsgebäude marschiert. Dieses lag direkt gegenüber dem Stahlwerk. Edmund hatte dabei zugesehen, wie sich ein Tor des Siemens-Martin-Ofens nach oben hin geöffnet, der Chargierkran eine Mulde Schrott in die Stahlschmelze gekippt hatte und das Tor wieder geschlossen worden war. Ein Aufeinanderfallen von Metall, der orangefarbene Lichtschein auf dem gegenüberliegenden Berghang – dies waren Heimatgefühle, mit denen er aufgewachsen war. Daher hatte er sie ein letztes Mal in sich aufgenommen wie ein trockener Schwamm das Wasser.

Viele Fragen wirbelten in seinem Kopf umher. Sollte ich nicht auf der Stelle den Bahnhof verlassen und hier in meiner geliebten Heimat bleiben? Nein, das ist nicht möglich. Auf der anderen Seite: Welcher Junge in meinem Alter bekommt schon die Möglichkeit, bis ans andere Ende der Welt zu reisen? Vielleicht ein wunderbares Abenteuer zu erleben? Eine Rückkehr ist bisher nicht ausgeschlossen worden.

In seinen kalten, scharfen Worten hatte Vater die unausweichliche Reise so hart herübergebracht, beinahe, als wäre es ein elftes Gebot: „Und damit basta!“

Er war nicht grundsätzlich gegen eine Reise hinaus in die weite Welt. Nein, was ihn dabei massiv störte, war dieser auferlegte Zwang, sozusagen die Nötigung, in einen Reisezug einsteigen zu müssen. Wesentlich reizvoller wäre Freiwilligkeit gewesen. Letztlich hatte er seinem Vater zugesagt, und jetzt war es halt so. Edmund hatte eine gültige Fahrkarte, neue Kleidung und ein wenig Geld in seinem Reisegepäck.

Na, dann eben auf nach Afrika, sagte er in Gedanken zu sich, obwohl er den Kontinent nur von der Landkarte aus seiner Schulzeit kannte. Der Lehrer hatte damals von trockenen Wüsten, wildem Dschungel und sehr viel Sonne gesprochen. Bisher hatte Edmund jedoch niemanden getroffen, der in Afrika gewesen war. Eine packende Neugier stieg in ihm auf, da er überhaupt nicht wusste, was auf ihn zukam.

7

„Es ist ein unvorstellbares Gefühl, wenn der Wind einen in ungewisse Weiten weht.“

EDMUND KÜNKLER

Niederschelden, Hamburg-Hafen, Mittwoch, 2. März 1910

Der Bahnsteig in Niederschelden füllte sich stetig. Einige Männer kannte Edmund nur vom Sehen, die meisten Reisenden sagten ihm nichts. Die zwei Jungen rechts neben dem Treppengebäude kamen aus Gosenbach, das wusste er. Die Stufen hinauf trotteten Friedrich und Goldi aus dem Unterdorf. Welches Reiseziel die beiden wohl hatten?

Sie erkannten Edmund und kamen auf ihn zu. „Guten Morgen, Ed“, begrüßte ihn Friedrich als Erster, „wohin führt dich deine Zugfahrt?“

„Ich fahre nach Hamburg“, antwortete Edmund wahrheitsgemäß.

„Prima, dann haben wir den gleichen Weg.“

„Fahrt ihr ebenfalls mit der Zwischenstation Dortmund nach Hamburg?“, fragte Edmund unsicher.

„Na klar, und noch viel weiter, als du denkst.“

Das Dampfross fuhr rumpelnd, hustend, spritzend und stampfend von Cöln aus kommend in den Bahnhof ein. Die Bremsen der Waggons quietschten geräuschvoll und der weiße Rauch aus der fauchenden Lokomotive verhüllte kurz das komplette Geschehen auf dem Bahnsteig mit einer warmen, sich schnell auflösenden Wolke.

Edmund kannte diese schwarzen Rösser zur Genüge, fuhren sie doch mehrfach am Tage durch den Ort. Aber zum ersten Mal sollte die Fahrt für ihn weiter als bis nach Siegen gehen. Hamburg, das war eine Wegstrecke, die fast den ganzen Tag über dauerte.