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Der vermögende Geologe und Kunstsammler, Herbert Busch, wird scheinbar Opfer eines tödlichen Raubüberfalls. Der karrierebetonte Kriminalhauptkommissar Heinrich List vom Polizeipräsidium Potsdam geht mit seiner ureigenen Vorstellung an die Lösung des Mordfalles heran. Bei seinen Ermittlungen lässt er sich nicht von den Fakten leiten. Mitunter greift er zu eigenwilligen Methoden und versteht keinen Spaß, wenn jemand auch nur annähernd seinen Job erledigen will. Dem neuen Mitarbeiter an seiner Seite traut er besonders wenige Fähigkeiten zu. Für List beherrscht der junge Mann lediglich theoretisches Fachwissen. Meist übelgelaunt sieht List keine Veranlassung, seinem engsten Kollegen die praktische Seite der Polizeiarbeit zu vermitteln. Inmitten seiner Nachforschungen überrascht ihn obendrein ein unerwartetes Delikt. Geschah ein Unfall mit Todesfolge oder ein Mord? Zudem wird ein wichtiger Zeuge erpresst. Ungewollte Versäumnisse und Verzögerungen innerhalb der Polizei erschweren List verwirrend seine Arbeit. Emsig seine Beförderung im Focus anvisierend, kann List dennoch bald erste Ergebnisse liefern. Er präsentiert stolz den Täter des Raubüberfalls. Desto härter trifft ihn die verblüffende Wende des Sachverhaltes. Plötzlich steckt er mittendrin in einem trügerischen Labyrinth aus Lügen und Wahrheiten, das weit in die bewegte Vergangenheit des Opfers zurückreicht und sich bis in die Gegenwart erstreckt. Tiefgründig folgt List auf dem langen Weg zur Gerechtigkeit verschlungenen Pfaden, die ihn entlang menschlicher Abgründe fast an seine eigenen Grenzen führen. Zum ersten Mal in seiner ehrgeizigen Laufbahn benötigt er bei der Aufklärung dieser verworrenen Sachlage Hilfe. Es vergeht einige Zeit, bis er sich genau diesen Fakt eingesteht. Gerade im Laufe der verzwickten Ermittlungen mausert sich sein Assistent zu einem erstaunlich aufmerksamen Polizisten und bietet ihm weitreichende Informationen an. Selbst die reichen nicht aus, die wahren Hintergründe des Verbrechens an dem Geologen zu ermitteln. List fühlt sich bemüßigt, endlich neue Methoden auszuloten. Konfrontiert mit privaten Unzulänglichkeiten muss er seine ganze berufliche Erfahrung aufbringen und die umfangreiche Zusammenarbeit mit dem jungen Kollegen suchen, um die Ermittlungen erfolgreich zu bewerkstelligen. Dabei bringt er schwere private Opfer und durchlebt, neben nie gekannten Gefühlen, seine ganz persönliche Wandlung.
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Seitenzahl: 459
Veröffentlichungsjahr: 2013
www.tredition.de
Die Autorin
Silke Boldt wurde 1966 in Rostock geboren. Sie studierte Textiltechnik und Direktmarketing und arbeitete viele Jahre im Vertrieb eines mittelständischen Unternehmens. Nach mehreren Umzügen in verschiedene Regionen Deutschlands und einem absolvierten Fernstudium über die Grundlagen vielfältiger Literaturformen vollendete sie ihren ersten regionalen Kriminalroman. Sie lebt heute mit ihrem Mann und ihrem Sohn in Mahlow.
Besuchen Sie die Autorin auch auf ihrer Homepage http://www.silkeboldt.de/
Das vorliegende Buch ist ein Roman. Die Handlung und die Personen sind frei erfunden. Jede Ähnlichkeit mit lebenden oder toten Persönlichkeiten ist rein zufällig. Die Verwendung von Namen bestehender Institutionen, Einrichtungen oder Unternehmen ist schöpferisches Stilmittel. Die Autorin hat diverse Quellen für ihre Recherche genutzt. Sie beabsichtigt keine persönlichen Ansprüche verletzen zu wollen.
Silke Boldt
Im Zauber der Madonna
Ein Fall für Heinrich List
www.tredition.de
© 2013 Silke Boldt
Alle Rechte vorbehalten.
1.Auflage
Umschlagmotiv: aboutpixel.de
Umschlaggestaltung: Silke Boldt
Verlag: tredition GmbH, Hamburg
ISBN: 978-3-8491-6525-3
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
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Für Leo und Mo
Die dunklen Wolken hingen tief am düsteren Himmel. Feiner Nieselregen überzog den grauen Asphalt der kleinen Stadt mit perlenden Tropfen. Ein böiger Wind rüttelte unsanft die hochgewachsenen Birken am Straßenrand. Zerzauste, abgerissene Blätter wirbelten tanzend durch die Luft. Sie klatschten schwernass auf die vorspringende Terrasse im Erdgeschoss der dreistöckigen Stadtvilla. Das Haus ragte erhaben, inmitten einer Grünanlage, zwischen niedrigen Reihenhäusern, heraus. Aufsteigende Nebelschwaden vom naheliegenden Teich umwaberten das Gebäude mit einem milchigen Dunst, der sich wie ein Hauch unheimlich hernieder senkte. Durch die geschlossenen Vorhänge sickerte spärlich das trübe Tageslicht in den dunklen Raum. Es verlieh dem anmutigen Gesicht der weißen Statue einen traurigen Schimmer. In ihren magischen Augen glänzten einzelne, zart leuchtende Tränen, welche durch jene rätselhafte Kraft in geheimnisvoller Dunkelheit verschwanden.
Eine schwarze Katze sprang fauchend davon, als der heranjagende Hund mit langen Schritten knapp an ihr vorbei, den ausgetretenen Fußgängerpfad, entlang hetzte. Gewandt schlich der Labrador um die ausladenden Zweige einer dichten Hecke herum und verschwand bellend im Eingang des Wohnsitzes.
Unterdessen der Sprühregen einem prasselnden Guss wich und geräuschvoll auf das Fensterbrett trommelte, verlosch das Leben des alten Mannes mit einem schwachen Atemzug in der stickigen Luft. Seltsam verkrampft lag er steif auf dem blutdurchtränkten Laken seines Bettes mit leblosen Gliedmaßen, welche in ihren letzten Regungen erstarrt blieben. Die rechte Hand umschlang klauenartig den eigenen Leib. Sein Kopf war stark deformiert und voller getrockneten Blutes. Aus den eingefallenen Höhlen blickten die weit geöffneten Augen entsetzt himmelwärts. Ein verhärteter Schmerz überzog seine wächserne Miene. Finsternis legte sich über seine tote Gestalt. Abrupt verstummte das langanhaltende Hundegebell und verlor sich in einem kläglichen Winseln.
Dann war Stille.
Laut pfeifend riss Thomas Kahl die Tür seiner Erdgeschosswohnung auf. In den Mundwinkeln seines wettergegerbten Gesichtes hing eine brennende Zigarette, an der er überaus gierig sog. Unter dem aufgesetzten Basecap lugten, auf dem Rücken hängend, lange braune Haare spärlich hervor. Das linke Ohrläppchen durchstach ein winziger Ohrstecker, ein Geschenk seiner Lebensgefährtin Petra. Ihr Porträt hatte er sich einst auf den rechten Oberarm tätowieren lassen. Den linken zierte ein jüngeres Frauenbildnis, welches widersinnig mit einem Totenkopf verflochten war. Auf diese Symbolik angesprochen, lächelte er stets geheimnisvoll. Kahl trug ein ärmelloses T-Shirt, in dem die kräftigen, braungebrannten Arme überaus muskulös wirkten. Seit Tagen hatte er sich nicht rasiert. Dementsprechend wild wucherte sein Bart. Er strich sich mit der Handfläche schabend über die Wangen, zupfte an einzelnen Härchen und schüttelte, die schmalen Lippen schürzend, den Kopf.
„Morgen“, brummte er gelassen. Er blies blaue Kringel in die Luft und nestelte suchend in den Taschen seiner abgewetzten Jeanshose, die übersät war mit weißen und bunten Malerflecken und überdies Risse an beiden Knien aufwies. Eilig stellte er eine Sporttasche in den Hausflur und betrachtete skeptisch die dunklen Wolken am Himmel. „Ach, Mist“, fluchte er grollend und verschwand augenblicklich ins Innere der Wohnung. Wenige Sekunden später erschien er erneut, ohne Zigarette. Dafür mit einer zerknitterten Jacke über dem Arm, die er achtlos auf die Tasche warf. „Sicher ist sicher, bei dem Sauwetter.“ Zerstreut blickte er auf seine Armbanduhr und rollte mit den Augen. Bin ziemlich knapp dran, dachte er gleichmütig, aber nicht zu spät. Er dehnte sich angestrengt und spürte noch immer den gestrigen Abend in seinen Gliedern. In seinen Schläfen hämmerte ein dumpfes Gefühl.
Er erinnerte sich nicht mehr genau, wie der Streit mit Petra begonnen hatte, aber er war furchtbar wütend auf sie. Seit drei Jahren lebte er nun gemeinsam mit ihr und den beiden Kindern in dieser Wohnung, doch manchmal fühlte er sich wie ein Fremder. Wie schon mehrfach in jüngster Vergangenheit war es in ihrer hitzigen Debatte ums Geld gegangen. Er träumte schon lange von dem dunkelgrünen Jeep, der bei dem Autohändler in Teltow stand. Dafür würde er sogar einen weiteren Kredit aufnehmen, aber Petra lehnte einen derzeitigen Fahrzeugwechsel strikt ab. Sie hatte sich nicht einmal seine Argumente angehört, äußerte sich energisch dagegen und drohte letzten Endes sogar mit Auszug. Eine völlig übertriebene Reaktion, wie er fand. Und dazwischen das ständige Geheule der Kinder. Das war alles zu viel für ihn. Er hatte sich weit fort gewünscht und war stattdessen stumm in die nächste Kneipe geflüchtet. Dort hatte er sich mit Hilfe mehrerer Gläser Schnaps in eine verlockende, fremde Welt phantasiert, die Amerika hieß und mit der er endlose Freiheit sowie abenteuerliche Unabhängigkeit verband. Als er nachts heimgekommen war, lag Petra bereits im Bett.
Heute früh hatten sie kein Wort miteinander gewechselt. Je sturer sie blieb, umso mehr schwoll seine schlechte Laune an. Murrend blickte er erneut auf seine Uhr.
„Habe es zum Glück nicht weit“, murmelte er, während er sich im Hausflur die Arbeitshandschuhe überstreifte. Plötzlich nahm er eine absonderliche Stille über dem Treppenhaus wahr. Das Schweigen wirkte merkwürdig beunruhigend in dieser vormittäglichen Stunde. Sich vorsichtig umschauend schüttelte er nachdenklich seinen Kopf.
Als er seine Sporttasche aufnahm und sich zum Gehen wandte, bemerkte er, die spaltbreit offene Wohnungstür seines Nachbarn, Herbert Busch. „Merkwürdig“, brummelte er leise, aber neugierig. Behutsam schloss er die Tür seiner eigenen Wohnung und schlich näher an die schmale Öffnung heran: „Hallo, Herr Busch, sind sie da drin?“ Alles blieb ruhig.
„Herr Busch, hören sie?“
Er stand im Treppenhaus und lauschte mit hocherhobenen Brauen. Weit konnte der alte Mann nicht sein, bei seinem schleppenden Gang. Kahl legte ein Ohr an die Tür und horchte angestrengt. Nichts. Kein Ton, nur Stille, bummerte es in seinem Kopf. Während sein Blick zur Uhr hinabglitt, streifte er das Porträt seines linken Oberarmes. Carina, durchfuhr es ihn schmerzlich. Für einen Moment umfing ihn versonnen die süße Erinnerung an sie und fesselte ihn betrübt. Die Affäre mit Carina war kurz, aber heftig. Nie zuvor hatte ihn eine Frau so hingerissen. Nie mehr verspürte er seitdem jene knisternde Erotik. Mit zittrigen Fingerspitzen tastete er nach dem Tattoo. Sofort schnellte die Hand zurück, geradezu so, als hätte er eine heiße Herdplatte berührt. Auf einmal überzog ein geheimnisvolles Lächeln sein Gesicht. Hatte sie ihm einst nicht von der wertvollen Kunstsammlung des Nachbarn erzählt? Zögernd tippte er mit dem Zeigefinger gegen die offene Wohnungstür. Der Spalt verbreiterte sich ein wenig. Wieder blickte er auf die Uhr. Unentschlossen wartete er, getrieben von einer unersättlichen Neugierde, die mit jeder verstreichenden Minute anstieg.
„Das wird verteufelt knapp. Ob ich trotzdem schnell einen Blick auf die Schätze des Alten riskiere?“, flüsterte er. Von der inneren Unruhe eines dumpfen Gefühls erfasst, verharrte er sekundenlang, ehe er es erneut versuchte. „Herr Busch?“, zischte er mit einer gewissen Zurückhaltung lauschend. Stille. Zaudernd überlegte er, was er tun sollte, bis er augenblicklich von der Kellertreppe deutlich ein schlurfendes Geräusch vernahm. Nervös hielt er den Atem an, reckte vorsichtig seinen Hals.
So sehr er sich auch anstrengte, er konnte niemanden sehen. Aber die Person trippelte unweigerlich näher, deren Schritte wurden lauter. Immerhin, es waren nicht die typischen seines Nachbarn. Nervös um sich blickend lehnte sich Kahl enger an die Wohnungstür des alten Mannes. Dann stieß er sie langsam auf, weil er dem Druck aus Spannung und Neugier nicht mehr standhielt, schlüpfte eilig hindurch und verschloss sie hinter sich behutsam.
Er bemerkte nicht, wie er dabei beobachtet wurde.
Im Korridor verharrte er einen Moment an derselben Stelle. Seine Augen fixierten die Dunkelheit. Noch immer vernahm er kein Geräusch.
„Herr Busch, alles in Ordnung?“ Ein Schauer überlief seinen Rücken. Hatte er gerade einen rasselnden Ton gehört? Er schnaufte tief, aber lautlos. Quatsch, schalt er sich innerlich und rümpfte abstoßend die Nase. Ein widerlicher, unerklärlicher Geruch hing in der Wohnung. Die Luft war nahezu gesättigt davon. Lauernd starrte er in das Halbdunkel, schwankte zwischen spannender Erwartung und Umkehr. Während seine Augen die ungewöhnlichen Konturen unbekannter Gegenstände wahrnahmen, konnte er ein beklommenes Gefühl nicht abschütteln. Eine schwache innere Stimme drängte ihn vorwärts, eine andere hielt ihn zurück.
Schließlich schob er alle Bedenken beiseite, schlich geräuschlos voraus und sah sich aufmerksam um. Dicke Auslegeware dämpfte seine Schritte. Alle Fenster waren verschlossen, die Vorhänge zugezogen. In einigen Ecken türmten sich zahlreiche Kunstgegenstände. Überall standen Statuen verteilt, lagen Steine dichtgedrängt auf Anrichten. An den Wänden hingen neben Bildern sowie Landkarten, mit rot eingezeichneten Punkten, auch vollgestopfte Bücherregale. Als er am Schlafzimmer vorüberschlich, bemerkte er die angelehnte Tür. Durch die schmale Lücke sah er in der Dunkelheit eine Person im Bett liegen. Eine Weile taxierte er die Szene, registrierte aufmerksam die Schläfrigkeit des alten Mannes. Dabei zwickte ihn erneut ein schlechtes Gewissen. Die Tür des Raumes nicht aus den Augen lassend, schritt er auf Zehenspitzen langsam rückwärts, sorgfältig darauf bedacht, den Nachbarn nicht zu wecken.
Plötzlich stieß er gegen ein geöffnetes Fach des Schreibtisches und erschrak so heftig, dass er das Klopfen seines Herzens in der Halsschlagader verspürte. Das Blut pochte in seinen Ohren. Die Uhr im Wohnzimmer tickte laut und unerbittlich. Er zuckte unmerklich zusammen. Hatte er soeben noch ein anderes Geräusch vernommen? Er lauschte abwartend und verfluchte still seine Unachtsamkeit. Der Alte würde noch aufwachen. Aber kein Ton drang in sein Inneres. Als er sich zu der offenen Schublade umdrehte, verspürte er beim Anblick des Inhaltes, wie seine Knie für einen Moment nachgaben. Mehrere Bündel Geld lagen nebeneinander aufgereiht. Er straffte sich und wandte wachsam den Kopf, die Stille hielt an. Seine rechte Hand strich gedankenverloren über die Banknoten. Sekunden der Überlegung quälten ihn.
Ich könnte die Schulden begleichen, mir diesen dunkelgrünen Jeep leisten, hätte auf einen Schlag keine Geldsorgen mehr. Die Scheine lagen, gleich einer Einladung, verlockend vor ihm, sehr viele Geldscheine. Es mussten einige tausend Euro sein, die hier gestapelt verweilten. Zögernd zog er seine Hand zurück. Es plagte ihn plötzlich ein heftiger Kampf. Soll ich das Geld stehlen? Das Verlangen pochte erbarmungslos hinter seinen Schläfen. Nimm es! Niemand merkt das! Vorsichtig schielte er zur Schlafzimmertür, knetete unbeholfen seine Finger, rang mit seinen Gedanken, bis die schwache Gegenstimme in seinem Inneren verglomm. Schließlich siegte die Gier.
Ruckartig stieß seine Hand vor. Wie besessen packte er die Scheine, schnappte mehr und mehr und verstaute sie zügig in der Sporttasche. Mit einem Mal hielt er inne.
Er fühlte sich seltsam beobachtet. Genau über der Schublade auf dem Schreibtisch nahm er die außergewöhnlich feine Statue einer Madonna wahr. Sie schien ihm geradewegs ins Gesicht zu blicken. Ihr reines weißes Antlitz weckte in ihm gewaltige Schuldgefühle. Benommen starrte er sie an. Dann griff er hastig nach ihr und steckte sie ebenfalls in die Tasche. Er handelte schnell und ohne weitere Gedanken, bis der schrille Ton eines Telefons ihn zusammenschrecken ließ. Angespannt blickte er zum Schlafzimmer. Vermutlich wachte der alte Mann davon auf? Kahl wagte kaum zu schlucken. Der Nachbar rührte sich nicht, während der Anrufbeantworter bereits zur Aufnahme klickte.
Er lauschte der verärgerten Frauenstimme: „Hallo, Herbert! Hier ist deine Schwester. Ich habe dich wieder nicht erreicht. Du wolltest mit mir etwas Wichtiges besprechen. Melde dich gelegentlich! Tschüss Erika.“
Schweißperlen traten dem Eindringling auf die Stirn. Er triefte aus allen Poren, fühlte, wie der Schweiß feucht über seinen Rücken rann. Überstürzt ergriff er die letzten Scheine und durchquerte lautlos, mit steifen ungelenken Schritten, die Wohnung. Achtsam öffnete er die Tür. Als er niemanden im Hausflur erspähte, schlüpfte er geräuschlos hinaus. Er ließ den Eingang ebenso einen kleinen Spalt breit, fast unmerklich, offen und entfernte sich eilig mit seiner Tasche.
Kriminalhauptkommissar Heinrich List saß mürrisch an seinem Schreibtisch im Polizeipräsidium Potsdam. Die dunkelbraunen, fast schwarzen, glatten Haare umrahmten seitengescheitelt sein Gesicht. Die schwarz eingefasste Brille verlieh dem fünfzigjährigen Kriminalisten ein strenges, fast unnahbares, Aussehen, wären da nicht die dunkelbraunen Augen, welche trotz aller Härte einen sanften Ausdruck vermittelten. Um den zusammengepressten Mund hatten sich tiefe Falten gegraben. An der Wange klebte noch immer ein winziges Pünktchen Blut, ein Resultat der Verletzung während seiner morgendlichen Rasur. Nachlässig steckte sein hellblaues Hemd in der Hose. Eine blau gemusterte Krawatte baumelte achtlos am Garderobenhaken. Seine zerknitterte Hose deutete auf tagelanges Tragen hin. Lustlos sortierte List einige Unterlagen aus der Ablage, verschob sie gleichgültig immer wieder aufs Neue und stieß sie schließlich gedankenlos beiseite. Missmutig schlug er seinen Tischkalender um, Mittwoch, 24. Mai 2006.
Genau genommen, war Karin erst vor wenigen Stunden ausgezogen, konstatierte er gedanklich, während er lange ihr Bild auf seinem Schreibtisch betrachtete.
Zehn Jahre hatten sie zusammengelebt, Höhen und Tiefen gemeinsam durchgestanden. Verschmitzt lächelte sie ihn von diesem Foto an. In den letzten Monaten hatten sie zwar öfter gestritten, aber nie so heftig, wie tags zuvor. Karin hatte ihn rigoros vor die Wahl gestellt, entweder sie oder seine Karriere. An der hatte er bisher hart und ausdauernd gearbeitet, um weitere Sprossen der Leiter nach oben erfolgreich zu erklimmen. Irgendwo auf diesem Weg nahmen sie beide wohl verschiedene Abzweigungen und irgendwann hatten sie sich weit voneinander entfernt, zu weit. Schließlich hatte sich die Spannung zwischen ihnen täglich gesteigert und gipfelte in ihrem Höhepunkt gestern. Ein Wort gab das andere und die Stimmung eskalierte, indem Karin die kostbare chinesische Vase nach ihm warf. Danach hatte sie hemmungslos geweint. Wirklich nur um dieses edle Stückchen Porzellan?
Sein Blick wanderte zum Fenster. Aus grauen Wolken nieselte es fein. Er erinnerte sich noch gut an den Händler, der damals auf ihrer China-Rundreise zwar viele Vasen angeboten hatte, doch nur die eine war farblich von so phantasievollem Muster. Karin hatte sich sofort verliebt und kaufte sie, unabhängig vom Preis. Lachend hatte sie betont, dieses außergewöhnliche Gefäß verkörpere für sie ein Stück Lebensqualität, die verbunden war mit ihrer gemeinsamen Liebe.
So oder so, sinnierte List traurig, nun war sie zerschlagen. Karin hatte die Scherben zusammengesammelt und wortlos einige Sachen in ihren Koffer gepackt. Dann war sie stumm zur Tür hinausgegangen.
Plötzlich stob der Labrador wild auf und davon. Er steuerte mit weit heraushängender Zunge auf die angepflanzte Hecke um die Terrasse im Erdgeschoss der Stadtvilla zu, besann sich im letzten Moment anders und preschte geschwind durch den offen stehenden Hauseingang. Zunächst starrte Ulf Liebl seinem Hund etwas verdutzt hinterher.
„Bruno“, rief er laut und streng, „Bruno, hierher!“
Vergeblich, das Tier ließ sich nicht blicken. Ein gleichmäßig tönendes Bellen und gelegentliches Jaulen hallten überdeutlich zu Liebl herüber. Eigentlich genoss er die morgendlichen Touren mit seinem noch jungen Vierbeiner. Wenn der bloß nicht immer so wild wäre, dachte er griesgrämig. Zudem war es ihm unangenehm, wenn sich die Leute aus dem Haus, wie neulich der Herr Busch aus der Erdgeschosswohnung, über die stürmische Freude und das laute Blaffen des verspielten Tieres beschwerten. Missmutig trat Liebl kräftiger in die Pedalen seines Fahrrades.
„Verdammt noch mal, Bruno, was soll das?“, knurrte der junge Mann mit verhaltener Wut. In dem Augenblick schoss sein Hund aus der Haustür heraus, jagte geradewegs auf ihn zu, wendete scharf, kurz vor ihm und rannte erneut hastig davon.
Plötzlich hielt das Tier inne, schnupperte verhalten und erhob wiederum ein kräftig tönendes Gebell.
„Sofort hierher, mein Freundchen!“, schalt Liebl nachdrücklich und strampelte dem Tier mit zunehmendem Ärger angestrengt entgegen. Der Hund jaulte und bellte. „Warte auf mich, Bruno!“ Die braunen Hundeaugen beobachteten ihn sanft. Der Schwanz des treuen Gefährten wedelte ununterbrochen hin und her. Er winselte wieder und wieder. „Brav, mein Lieber, was ist denn los?“ Keuchend erreichte er sein Tier. Es wartete geduldig neben der ausladenden Terrasse von Herbert Busch. Liebevoll klopfte Ulf Liebl dem Labrador den Hals. Seinen gesamten Ärger hatte er abrupt vergessen. Er konnte dem Hund nicht wirklich böse sein.
„Du weißt, Bruno, derartige Eskapaden solltest du unterlassen!“ Er hob drohend seinen Zeigefinger und versuchte seiner Stimme eine gewisse Schärfe zu geben, aber das Tier hatte ihn längst durchschaut und schmiegte sich eng an seine Beine. „Ist gut, mein Freund.“ Liebl kraulte dem Hund den Rücken: „Ab, nach oben mit dir!“
Der Labrador setzte sich langsam wieder in Bewegung und trabte schnuppernd um die Hecke von Herbert Busch. Aus den Augenwinkeln sah sich Ulf Liebl aufmerksam um. Irgendetwas schien heute anders zu sein. Es war nicht nur das aufgeregte Verhalten seines Hundes. Nachdenklich durchfuhr es ihn auf einmal.
„Natürlich der alte Mann sitzt nicht schimpfend im Gartenstuhl.“ Er schmunzelte verhalten über die Erkenntnis. Sein Hund schnüffelte derweil intensiv am Gebüsch des Nachbarn und drehte sich immer wieder flehend zu ihm um. „Bruno, Herr Busch wird sehr aufgebracht sein, wenn er dich wieder an seiner Hecke bemerkt.“ Der Labrador winselte herzzerreißend. „Nicht doch“, Ulf Liebl blickte auf seine Uhr, „er schläft eben heute lange. Fast 11 Uhr.“
Im Vorbeifahren registrierte er die heruntergelassenen Rollos der nachbarlichen Wohnung. Sogar die Vorhänge waren noch zugezogen. Mit zusammengekniffenen Augenbrauen betrachtete er seinen Hund, dessen Verhalten heute verändert wirkte.
„Sag bloß, du vermisst ihn?“, rief Liebl dem Hund lächelnd hinterher. Während er sein Fahrrad durch einen Seiteneingang am Wohnhaus in den Keller brachte, prasselte der Regen nasskalt auf das Vordach. „Mistwetter.“ Er beklopfte mit steifen Fingern seine klammen Sachen und stieg bedächtig die Kellertreppe hinauf. Schnaufend vernahm er das verhaltene Jaulen seines Labradors. Ab und zu hob der Hund zum kräftigen Gebell an, brach das sofort ab, als er sich in Sichtweite befand. „Bruno, keinen Lärm hier im Hausflur!“
Sein Hund jaulte herzzerreißend auf, doch schon im nächsten Augenblick saß er merkwürdig stumm vor der Wohnungstür Herbert Buschs. Ulf Liebl blickte sich erwartungsvoll um. Er konnte nirgends etwas Ungewöhnliches feststellen. Warum witterte das Tier weiterhin aufgeregt an der fremden Tür? Als sein Hund ihn auffordernd mit braunen Augen fixierte und ihn fortwährend sanft mit der feuchten Nase an der Hand stupste, berührte ihn diese traurige Geste zutiefst. Liebl trat näher an das Tier heran, streichelte ihn beruhigend und blickte genauer auf die Tür des Nachbarn. Da entdeckte er die spaltbreite Öffnung am Eingang. „Deswegen dein Gebell, mein Freund?“ Er schaute über seine Schulter langanhaltend ins Treppenhaus, abwechselnd nach oben oder nach unten. Alles war ruhig. Er lauschte verhalten vor der nachbarlichen Wohnung.
„Herr Busch?“, rief er zögernd und leise klopfend. Es blieb still. Als er klingelte, durchdrang der Ton schrill seine Ohren. „Herr Busch?“
Unschlüssig stand er im Hausflur. Sein Lebenspartner Kuno Albers und er hatten kaum Kontakt zu Herbert Busch oder den übrigen Hausbewohnern. Sie kannten die Leute nur vom Sehen und wussten nichts über deren Gewohnheiten oder deren Alltag. Lediglich das seltsame Starren des Klaus Lehmann, hinter der Gardine, wenn er am frühen Morgen mit Bruno das Wohnhaus verließ, war ihm des Öfteren aufgefallen. Wie er dessen auffälliges Verhalten verachtete.
„Widerwärtig“, flüsterte Liebl kopfschüttelnd. Womöglich mischte der sich in andere Leute Dinge ein? Der Gedanke schreckte ihn auf. „Komm, Bruno, der Herr Busch wird seinen Grund für die offene Tür haben.“ Der Hund bellte anhaltend. „Das geht uns nichts an. Ab nach oben mit dir!“ Er tätschelte beruhigend den Hals seines Tieres und zog ihn an kurzer Leine eine Treppe höher mit sich in die Wohnung.
Carina fuhr, leise singend, mit dem Fahrrad nach Hause. Sie kam gerade aus dem Baumarkt. Als sie um die Ecke der Zufahrtsstraße bog und das Wohnhaus erblickte, gewahrte sie schon von Weitem enttäuscht, dass Herr Busch heute nicht auf seiner Terrasse saß und auf sie wartete, so wie sonst immer. Beim näheren Heranfahren erkannte die junge Frau sogar verwundert die geschlossenen Vorhänge und die heruntergelassenen Rollos. Hat er das heutige Treffen mit mir vergessen? Oder womöglich die Termine verwechselt?
Sie empörte sich still.
Gestern hatte er nichts dergleichen erwähnt. Heute wollten sie zusammen Geranien einpflanzen, vorausgesetzt ihm ging es wieder besser. Wahrscheinlich nicht, durchfuhr es sie mit aufklärender Miene. Offensichtlich plagte ihn mehr als ein harmloser Virus. Nachdem auch ihr Klopfen an der Terrassentür unbeantwortet blieb, machte sie sich ernsthaft Sorgen um den alten Mann. Angespannt zog sie die Stirn kraus. Hatte er sich, entgegen seiner Gewohnheit, zum Mittagsschlaf niedergelegt? Sie mochte ihn sehr gern. Sie betreute ihn, wie selbstverständlich, jeden Dienstag- und Mittwochnachmittag. Beide bewohnten dasselbe Haus. Sie in der zweiten Etage mit ihren Eltern, er im Erdgeschoss der Stadtvilla. Kurz nachdem er eingezogen war, vor einem guten Jahr, war sie ihm auf der Treppe spontan behilflich. Danach hatten sich ihre Wege immer häufiger gekreuzt. Der alte Herr hatte ihr leidgetan. Er war immer so allein. Instinktiv hatte sie seine Nähe gesucht. Einer Eingebung folgend hatte sie eines Tages unwillkürlich an seiner Wohnungstür geklingelt und ihm ihre Unterstützung angeboten.
Anfangs hatte er diese selten in Anspruch genommen, aber nun besuchte Carina ihn regelmäßig und hatte sogar einen Wohnungsschlüssel von ihm bekommen. Trotz des großen Altersunterschiedes genoss sie die gemeinsamen Unterhaltungen, denn der aufrichtige und respektvolle Umgangston beeindruckte sie. Im Laufe der Zeit hatte sich zwischen ihnen sogar eine humorvolle Vertraulichkeit entwickelt. Sie schniefte berührt. In Zeiten seiner Krankheit brauchte er ihre Hilfe mehr denn je.
Hastig legte Carina die Blumenerde auf seiner Terrasse ab und schob das Fahrrad in den Unterstand am Haus. Im Korridor der elterlichen Wohnung traf sie auf ihre Mutter und registrierte nebenbei die Abwesenheit ihres Vaters. „Hallo Mama.“
„Hallo, mein Kind“, wunderte sich Sonja Lehmann über ihre eilig vorbeistürzende Tochter, die den Rucksack achtlos in die Ecke warf und die Jacke über den Garderobenhaken schwang. Sonja Lehmann stand an die Flurgarderobe gelehnt und beobachtete mit flinken Augen die Aktionen ihrer Tochter. Die kurzen, braunen Haare trug sie nach hinten gekämmt. Das Gesicht war dezent geschminkt, nur ein wenig Mascara und Rouge hatte sie aufgelegt. Ihr Teint schimmerte stets, selbst im Winter, bronzefarben, ein wirkungsvolles Ergebnis, erreicht mittels Sonne und Selbstbräuner. In ihrem schwarzen - orangefarbenen Walkinganzug wirkte sie überaus sportlich. Mit ihren 42 Jahren war ihr durchtrainierter Körper fast noch so schlank wie der Carinas. „Was ist los, Carina? Warum wirbelst du so eilig?“, fragte sie behutsam.
„Ich will sofort nach Herrn Busch schauen.“ Carina riss so überhastet den Wohnungsschlüssel Herbert Buschs vom Schlüsselbrett, dass die anderen Schlüssel scheppernd auf den Boden fielen und die Schlüsselborte an der Wand einseitig ausgehakt schwebte. Ärgerlich hob Sonja ihre Augenbrauen.
„Das geht auch halb so wild!“
„Er saß eben nicht auf seiner Terrasse, Mama.“
„Das ist längst kein Grund, so ein Chaos zu verbreiten.“ Sie machte einen Schritt auf das Durcheinander zu.
„Entschuldige, ich bringe das sofort in Ordnung“, bückte sich Carina, die Schlüssel aufzusammeln. Nachdenklich hakte sie das Schlüsselbrett wieder ordnungsgemäß ein. „Denke dir nur, Mama, seine Vorhänge waren alle zugezogen!“
Sonja Lehmann zuckte achtlos mit den Schultern. „Vielleicht liegt er noch immer krank in seinem Bett.“
„Mag sein, ich will lieber gleich nach ihm sehen. Womöglich benötigt er schnell Hilfe“, erregte sich Carina und stürzte davon, ohne eine Antwort abzuwarten. Hinter ihr knallte die Korridortür ins Schloss.
„Hm“, krächzte Sonja knapp, als sie mit unruhiger Miene ihrer Tochter nachblickte.
Den Schlüssel in der Hand haltend, hastete Carina die Treppen abwärts bis sie vor seiner Wohnungstür stand. Erst als sie den Schlüssel im Schloss drehte, bemerkte sie, dass die nur angelehnt war. Es war still in der Wohnung. Sie wunderte sich. Er hatte sich entfernt ohne die Tür abzuschließen! Sein Verhalten bedrückte sie ungewöhnlich. Die letzten Tage hatte er sein Domizil gar nicht verlassen. Befremdend beugte sie sich über das Geländer der Kellertreppe hinunter.
„Herr Busch, sind sie dort unten?“ Sie horchte, erhielt aber keine Antwort.
Einen weiteren Moment zögerte sie noch, ehe sie seinen Korridor betrat.
Sie sah sich aufmerksam in seinem Zuhause um. Auf den ersten Blick schien alles wie immer. Sein Mantel und sein Hut hingen ordentlich am Haken der Garderobe, seine Schlüssel baumelten an der Schlüsselborte und seine Schuhe standen aufgereiht auf dem Fußläufer. Die Kunstgegenstände wirkten sortiert, wie sonst auch. Vielleicht schlief er tatsächlich? Sie ging weiter in die Küche. Intuitiv beschlich sie ein beklommenes Gefühl. Während sie die Vorhänge aufzog, rief sie, vorzugsweise sich selbst ermutigend, in fast beschwingtem Ton: „Herr Busch, ist alles in Ordnung?“ Die anhaltende Stille verunsicherte sie. Mit schnellen Schritten durchquerte sie das Wohnzimmer und zog die Rollos hoch.
„Herr Busch?“ Die Uhr tickte an der Wand. Die Fernbedienung für den Fernseher lag akkurat, wie stets, auf der Programmzeitschrift. Alles dünkte sie merkwürdig still. Carina atmete verhalten, sog die Luft tief durch die Nase ein und öffnete schnaufend im Arbeitszimmer das Fenster. Aus den Augenwinkeln bemerkte sie jetzt die angelehnte Tür zum Schlafzimmer. Argwöhnisch drückte sie diese weit auf. In der stickigen Luft des Raumes hing ein so seltsamer Geruch, der ihr fast den Atem nahm. Der alte Mann lag in seinem Bett.
„Herr Busch“, sorgte sie sich, während sie die blickdichten Gardinen wegraffte, „was ist mit ihnen?“ Sie zerrte ungeduldig am Vorhang. „Es ist bereits Nachmittag!“ Ihr leiser Vorwurf verhallte unbeantwortet. Eine unheimliche Angst umklammerte plötzlich ihren Hals. Sie schluckte wieder und wieder und näherte sich vorsichtig dem Bettgestell.
Sie sah graue Haarspitzen unter der Bettdecke hervorlugen und entdeckte das, mit braunroten Flecken übersäte, Kopfkissen. Ihr Herz schlug sehr heftig. Mit zittrigen Fingern zog sie langsam die Bettdecke ein wenig zurück. Das Laken war völlig blutbesudelt.
Ein Aufschrei entrann ihrer Kehle: „Mein Gott!“
Bestürzt hielt sie sich die Hände vor den Mund. Es würgte sie heftig. Sie stand gelähmt und starrte mit weit aufgerissenen Augen auf den seltsam verkrümmten Körper des alten Mannes. Grausiges Entsetzen breitete sich in ihr aus. Ihre Knie gaben nach. Ihr Kreislauf drohte zusammenzubrechen. Als sie schwankte, durchschoss sie ein einziger Gedanke. Raus hier!
Fluchtartig, mit schmerzverzerrtem Gesicht, ohne die Richtung tatsächlich zu orten, stolperte sie aus der Wohnung. Sie rannte die schrecklich vielen Treppenstufen hinauf bis zum elterlichen Domizil. Ihre Finger zitterten heftig, während sie versuchte, den Schlüssel ins Schloss zu stecken. Auf einmal passte er nicht mehr hinein. Tränen liefen über ihre Wangen. Blindlings probierte sie es wieder und wieder, bis sich die Tür öffnete und ihre Mutter fragend im Rahmen stand.
„Was ist los, Carina, findest du das Schlüsselloch nicht?“
Carina stürzte unvermutet auf sie zu und umklammerte schutzsuchend fest den Arm der Mutter. Ihr Gesicht sah außerordentlich blass aus, sie röchelte stoßweise. Sonja ergriff ihre Hände. Sie fühlten sich eiskalt an. „Mama“, Carina weinte schmerzversunken und schüttelte sich heftig, „es war schrecklich.“
Ein unheilvolles Gefühl beiseite schiebend, zwang sich Sonja Lehmann zur Ruhe. Sie brachte Carina vorsichtig auf die Couch in das Wohnzimmer und betrachtete mit erstarrtem Blick ihr Kind. Ihre Tochter ruhte mit geschlossenen Augen und qualvoll verzogener Miene auf dem Sofa. Erst nach einer Weile der Gelähmtheit rührte sich Sonja von der Stelle. „Einen Augenblick, Liebes“, hauchte sie schließlich, „ich bin gleich zurück.“
Sie lief eilig ins Badezimmer, riss den Badschrank auf und zog ein Handtuch hervor. Während sie kaltes Wasser darüber laufen ließ, stieg ihre innere Verwirrung unaufhörlich. Sie steigerte sich so panikartig, dass sie große Mühe hatte, den schwernassen Stoff auszuwringen. Ihre Finger packten steif und ungelenk zu. Das wasserdurchtränkte Handtuch klatschte ins Waschbecken und Wasserspritzer benetzten ihr Gesicht. Sie zuckte aufgeschreckt zurück. Während das Wasser rauschend in den Abfluss lief, hielt sie sekundenlang inne. Mit zitternden Händen stützte sie sich auf den Sockel der Ablage und blickte gequält ihr Spiegelbild an, das sie wie eine unbekannte Fratze anglotzte. War sie das wirklich? Von einem Augenblick auf den anderen schien sie merkwürdig verändert. Wassertropfen rannen an ihrem Kinn hinab. Eine Haarsträhne hing abgerutscht in ihre Stirn. In ihren Augen brannte ein unaufhörliches Feuer. Mit der Zunge glitt sie über ihre widerlich verdorrten Lippen. Was hatte Carina gesehen? Wie lautete die Wahrheit? Zitternd glitten Sonjas Finger am Spiegel entlang, die Konturen des eigenen Gesichtes erfassend.
„Reiß dich zusammen! Du wirst es erfahren“, murmelte sie ihrem Spiegelbild zu. Mit verengten Augen funkelte sie sich durchdringend an. Langsam wischte sie mit dem Ärmel die Wasserspritzer aus dem Gesicht, atmete tief durch und stellte schließlich den Hahn ab. Während sie das Handtuch fest ausdrückte und das restliche Wasser durch den Abfluss gluckste, blickte sie ein letztes Mal prüfend in den Spiegel. Dann verließ sie das Bad.
Im Wohnzimmer saß Carina zusammengesunken auf der Couch mit rot umränderten Augen und weinte unaufhörlich. Einen Moment noch hielt Sonja inne, bevor sie auf ihre Tochter zuschritt. „Carina.“ Ein leichtes Vibrieren begleitete ihre Stimme. Ihre Augen flackerten. Carina starrte an ihr vorbei. „Carina, was ist los?“ Sonja kniete nieder und schüttelte sie sanft. „Um Gottes willen, Kind, hörst du? Antworte bitte! Was ist passiert?“ Carina blieb reglos. Sonja sah sie abwägend an. Dann strich sie ihrer Tochter mit einer unendlich liebevollen Geste eine Haarsträhne aus der Stirn. Als sie sich erhob, hörte sie Carina flüstern. „Er ist tot!“
„Was? Was hast du gesagt?“
„Furchtbar, alles voller Blut.“
„Wie bitte? Carina, wovon redest du?“
„Ich habe ihn so gefunden.“
„Du hast wen gefunden?“, eine düstere Ahnung belegte Sonjas Stimme. Wie versteinert blickte sie auf ihr Kind hinab. Erst nach Sekunden fasste sie sich. „Herrn Busch?“, flüsterte sie leise fragend. „Du hast ihn gefunden?“
Carina sah sie mit weit aufgerissenen und tränenverschleierten Augen an. „Ja, Mama, ich, er“, sie stockte, wischte sich mit der Hand über die brennenden Augen, „er lag in seinem Bett, auf diesem blutigen Laken, es war grauenvoll.“
Sie schlug erneut schluchzend ihre Hände vor das Gesicht.
Sonja rieselte ein kalter Schauer durch alle Gliedmaßen. Langsam wandte sie Carina den Rücken zu. Mit zusammengekniffenen Lippen stand sie unbeweglich im Zimmer.
Klaus, durchfuhr es sie fröstelnd, hast du es wirklich getan?
„Mama?“ Die erschreckende Regungslosigkeit ihrer Mutter verwirrte Carina. „Mama, lass uns den Notarzt rufen!“
Sonja zog den Reißverschluss ihrer Freizeitjacke höher. Sie zitterte auf einmal entsetzlich. Um sie herum drehte sich das Zimmer. Sie schwankte kaum merklich.
Dann hauchte sie: „Ja, ja natürlich.“
Sie schleppte sich mit bedächtigen Schritten zum Telefon und hob mit bebenden Fingern ungeschickt den Hörer ab. Unbeholfen glitt ihr dieser aus der Hand. Mit seltsam gequältem Blick fuhr sie herum und betrachtete Carina fragend. Dann tastete Sonja erneut nach dem Apparat, aber erst nach einer Weile abwartender Stille wählte sie schließlich die Rufnummer des Bereitschaftsarztes.
Hallo?“ Sie lauschte der männlichen Stimme im Apparat. „Sonja Lehmann hier. Meine Tochter hat einen Mann gefunden. Sein Name ist Herbert Busch.“
„Was ist mit dem Mann?“, tönte es so laut aus der Leitung, dass Carina blinzelnd vom Sofa zu ihr hinüberschielte, sich dabei das feuchte Tuch an den Kopf presste.
„Er ist“, Sonja stutzte, „voller Blut.“ Sie spannte ihren Rücken und richtete sich auf.
„Ist er tot?“, fragte die Stimme aus dem Hörer.
„Ich, ich weiß es nicht“, reagierte Sonja beinahe hysterisch. Sie strich die gelockerte Haarsträhne zurück und zupfte sich am Ohr. „Wann er gefunden wurde?“, wiederholte sie murmelnd die Frage. Sie neigte den Kopf: „Heute, gerade eben.“
„Wo?“, fragte die ungeduldige Stimme am anderen Ende der Leitung hörbar.
„Kommen sie in den Bernstein-Ring nach Mahlow“, wisperte Sonja mit schwacher Stimme.
„Wie bitte? Sie müssen lauter sprechen!“, rief der unbekannte Mann. „Ich verstehe sie nicht. Wohin soll ich kommen? Bitte antworten sie laut und deutlich!“
„In den Leonard-Bernstein-Ring nach Mahlow“, wiederholte Sonja fast beleidigt.
„Ich bin gleich vor Ort. Bitte entfernen sie sich nicht!“, bat die Stimme aus dem Hörer energisch.
Sonja legte genervt auf und verharrte, stumm starrend, neben dem Apparat. Schließlich besann sie sich. Verkrampft lächelnd näherte sie sich Carina auf dem Sofa und setzte sich neben ihre Tochter. Zärtlich legte sie einen Arm um sie und wiegte sie schaukelnd hin und her, so wie sie ihr Kind getröstet hatte, als es noch klein war.
„Alles wird gut, Kind“, versuchte sie ihre Tochter sanft zu beruhigen, ehe ihre Stimme versagte. Ihr Blick glitt weg zum Fenster, einen fremden Punkt in der Ferne fixierend.
Das befremdende Verhalten ihrer Mutter wirkte ebenso bizarr auf Carina, wie das ihres Vaters. Unweigerlich versuchte sie die eigenwilligen Reaktionen ihrer Eltern einzustufen. Schon die merkwürdige Haltung ihres Vaters, am frühen Morgen, hatte sie überrascht. Schluchzend seufzte sie auf, unterdessen die Erinnerung dämonisch an ihr vorbeizog.
Sie hatte die Küche betreten. Er stand regungslos hinter der Gardine am Fenster und beobachtete, wie schon seit Wochen, das morgendliche Treiben rund um das Wohnhaus. Seine dunklen, langgewachsenen Haare hingen ihm wirr in die Stirn. Die buschigen Brauen düster zusammengezogen, blickte er mit starren Augen auf die Straße hinunter. Das legere Jeanshemd verdeckte die korpulente Figur. Seine nackten Füße steckten in den ausgetretenen Pantoffeln. Wie so oft war er unrasiert und wirkte sichtlich nervös. Obwohl sein Verhalten ihr gewaltig missfiel, sorgte sie sich ernsthaft um ihn. Seit er vor drei Jahren seine gutbezahlte Stellung als Elektromonteur verloren hatte, veränderte er sich stetig. Kampflos hatte er aufgegeben und sich verkrochen in eine Welt aus Alkohol und Frust. Er dämmerte dahin und präsentierte sich zunehmend teilnahmsloser am Familienleben. Genau das mochte sie nicht wahr haben. War das wirklich noch ihr Vater?
„Morgen, Papa“, hatte sie gerufen und war beschwingt hinter ihm ans Fenster getreten. Sie hatte ihm neckend in die Seite geknufft, ihm ein Lachen zu entlocken und konnte doch ein unangenehmes Gefühl nicht verhindern. Seinen Kopf zu ihr neigend, hatte er zwar ein Lächeln versucht, doch war ihm das gründlich misslungen.
„Guten Morgen, Carry, schon auf?“, fragte er stattdessen kurz und lehnte sich mit dem Rücken an den Küchenschrank.
„Ja“, murrte sie verstimmt. Sie zerrte ungeduldig am Kragen ihrer karierten Bluse und stopfte sie in die enge Jeans. Sie hasste es, wenn ihr Vater sie, mit ihren 22 Jahren, so kindisch ansprach. „Schlechte Laune heute?“
Sie biss sich auf die Unterlippe, schwenkte die Kaffeekanne und goss sich genervt das heiße Getränk in die Tasse. „Nein.“ Er hatte so unendlich traurig genickt, dass sie sofort ein schlechtes Gewissen befiel. Vielleicht sollte sie weniger zimperlich sein oder doch den freien Platz im Studentenwohnheim annehmen? Sie hatte ihre Lippen geschürzt und sich bemüht, freundlicher zu klingen. „Wie war dein Tag gestern?“
Er hatte sich bleich zu ihr gesetzt. Dann hatte er mit hängenden Schultern, völlig regungslos, vor sich hingestarrt. Die großen Hände ruhten auf seinen Knien, während er resigniert antwortete: „Lass gut sein, Kind!“
Stumm aßen sie zusammen das Frühstück. Um das unerträgliche Schweigen zu durchbrechen, platzte sie schließlich mit ihrer Neuigkeit heraus: „Stelle dir vor, Papa, der Herr Busch wollte mir gestern seine Madonna schenken!“
„Die Statue?“, flüsterte er seltsam erregt.
„Ja, die“, sprudelte es aus ihr heraus, glücklich, endlich ein gemeinsames Gesprächsthema gefunden zu haben,
„ich lehnte natürlich ab.“
„Warum?“, hatte er sie mit krächzender Stimme gefragt.
Völlig unverständlich hatte sie ihre Tasse abgestellt und ihn verwundert angesehen. Sein bizarrer Gesichtsausdruck erinnerte sie gespenstisch an eine Maske. Sofort bereute sie ihre Gesprächigkeit: „Warum was? Papa, ich kann eine so wertvolle Statue nicht annehmen.“
Er schluckte: „Nein?“ Dann brach er ab.
„Papa? Papa!“ Sein merkwürdiges Verhalten irritierte sie.
„Weshalb?“ Er suchte zögernd nach Worten. „Warum will er sie dir schenken?“
Sie zuckte mit den Schultern: „Ich weiß es nicht. Vielleicht, weil ich ihn jeden Dienstag und Mittwoch besuche. Vielleicht mag er mich. Vielleicht hat er sonst niemanden. Ich kann das nicht beantworten.“
„Ja, vielleicht“, hatte ihr Vater geheimnisvoll gemurmelt und sie dabei seltsam abwesend angesehen. Schließlich hatte er sich stumm umgewandt und ununterbrochen aus dem Fenster geschaut. Verunsichert hatte sie das Ticken der Wanduhr wahrgenommen, ehe sie beinahe erleichtert ausrief: „Du, ich muss los. Meine Bahn fährt gleich.“
„Wo willst du hin?“
„Uni-Bibliothek.“
Hastig hatte sie sich das restliche Brötchen in den Mund geschoben. Einzig um ein eigentümliches Gefühl loszuwerden, hatte sie ihn kauend, eher scherzhaft, gefragt: „Kennst du inzwischen die Gepflogenheiten sämtlicher Anwohner, Papa?“
Anstatt zu lächeln, hatte er ernsthaft das gerötete, erstarrte Gesicht verzogen: „Ich denke schon.“
„Ach wirklich?“
Noch während sie mit geübten Handgriffen ihre Bücher einpackte und die Bänder ihres Rucksackes fest verschnürte, hatte sie seine Stimme leise vernommen.
„Der Kuno Albers verließ heute als Erster das Haus. Petra Golin drängte ihre Kinder auch besonders früh zur Eile. Die sind alle bereits fort.“ Er hatte seinen Hals gereckt und seine Hände fahrig geknetet. „Bald startet Ulf Liebl zur Radtour mit seinem Hund.“ Ungeduldig hatte er auf die große Wanduhr geblickt, unterdessen der Regen an die Fensterscheibe sprühte. „Was für ein trüber Tag“, flüsterte er. „Doktor Wegener und Anita Berger verlassen auch bald das Haus. Oft kurzzeitig hintereinander, manchmal auch gleichzeitig. Ein Zufall, Kind, nicht wahr?“
Carina hatte ihn kopfschüttelnd beobachtet.
Seine zusammengekniffenen Lippen waren vollkommen unter dem dunklen Vollbart verschwunden. Die kleinen Augen bewegten sich flink hin und her. Er stellte sich auf Zehenspitzen, schob immer wieder die Gardine beiseite. Abscheulicher Weise verfolgte er draußen genau jede Bewegung.
Schließlich hatte sie es nicht länger ausgehalten, hastig nach ihrer Regenjacke geschnappt, diese übergestreift und bereits im Gehen gerufen: „Tschüss, Papa, bis heute Nachmittag!“
Vor der Haustür hatte sie ihm noch kurz zugewinkt und war zügig davon geradelt. Erleichtert hatte sie sich auf das Treffen am Nachmittag mit Herbert Busch gefreut. Aber der alte Mann hatte tot in seinem Bett gelegen und zu allem Unglück hatte sie ihn gefunden.
Carina verschob schniefend das feuchte Tuch auf ihrer Stirn. Unter ihren geschlossenen Lidern quollen weitere Tränen hervor. Als sie die Augen aufschlug, sah sie in das ernste Gesicht ihrer Mutter.
„Du bist zehn Minuten eingenickt, Kind.“
Carina nickte gequält.
Endlich hörten die beiden Frauen die Sirenen heranrasender Fahrzeuge und kurz darauf klingelte es an ihrer Wohnungstür. Sonja schob ihre Tochter sanft zur Seite und trat zum Fenster. Vor der Haustür parkten ein Krankenwagen und das Fahrzeug des Notarztes. Sie warf rasch einen flüchtigen Blick in den Korridorspiegel und ordnete instinktiv ihr Haar. Erst danach öffnete sie die Tür.
Sie sah drei Männer in weißer Kleidung mit orangefarbenem Aufnäher. Die Herren unterhielten sich leise miteinander. Der Größte von den dreien hatte ihr den Rücken zugedreht, auf dem sie die Aufschrift Notarzt las. Mit einer überaus ruhigen Geste wandte er sich zu ihr um. Sie betrachtete die schlanke Figur des Mediziners und sein volles, wenn auch stark mit grauen Strähnen durchzogene, dunkle Haar. Das sonnengebräunte Gesicht wirkte sehr jungenhaft und strahlte dennoch einen kompetenten Eindruck aus. Er war überaus attraktiv und über den Rand seiner rahmenlosen Brille hinweg blickte er sie forschend an. Dr. Hartmann las sie auf dem kleinen Schildchen auf seiner Brust.
„Guten Tag, ich bin Dr. Hartmann“, reichte er ihr augenblicklich seine Hand. „Ich bin der Notarzt und das hier“, er deutete auf seine beiden Kollegen, „sind mein Assistenzarzt Dr. Müller sowie Herr Basken von der Rettungsstelle. Hatten wir miteinander telefoniert? Sind sie Frau Lehmann?“
„Ja, Doktor Hartmann, mein Name ist Sonja Lehmann. Kommen sie bitte herein!“, bat sie. „Meiner Tochter geht es gar nicht gut.“
„Verstehe“, nickte der Arzt verständnisvoll und instruierte sofort den jungen Mediziner. „Versorgen sie bitte die junge Frau! Währenddessen gehen Herr Basken und ich mit Frau Lehmann sogleich in die Wohnung des Herrn Busch. Sie haben einen Schlüssel?“, fragte er sich wieder an sie wendend.
„Ja, ja natürlich, einen Moment bitte.“
Sie griff zögernd hinter ihm an das Schlüsselbrett. Als er ihren unsicheren Blick streifte, fasste er behutsam ihren Arm.
„Bitte, Frau Lehmann, sie brauchen uns nur seine Wohnungstür öffnen!“ Während der Assistenzarzt bereits in seinem Einsatzkoffer neben Carina hantierte, schob Dr. Hartmann sie sachte zur Tür hinaus.
Schweigend stiegen sie die Treppen zum Erdgeschoss hinab.
Der Fußabtreter vor Herbert Buschs Wohnung lag stark verschoben und wellig davor und bot den Anblick eines übereilten Aufbruches. Sonja richtete ihn mit dem Fuß aus, schloss die Tür auf und trat beiseite. Hartmann und sein Kollege schlüpften eilig in das Innere. Sie blieb unschlüssig vor der Wohnungstür zurück und rang zwischen Spannung und Angst, als sie den Arzt plötzlich laut rufen hörte.
„Das ist abscheulich. Wer tut denn so etwas? Hören sie, Herr Basken, wir müssen sofort die Polizei verständigen!“
Von Neugier überwältigt, setzte Sonja zaudernd einen Fuß vor den anderen, erreichte schrittweise die Schlafzimmertür und spähte blinzelnd hinein. Der Arzt stand, ausgestattet mit Handschuhen und Atemschutzmaske, über dem Bett gebeugt. Dieser Anblick gab ihm ein befremdendes Aussehen. Etwas beiseite stehend und wild gestikulierend telefonierte sein Mitarbeiter scheinbar mit der Polizei. Er drängte die Beamten zur Eile. Den rechten Handschuh hatte er dabei ausgezogen und die Atemschutzmaske auf seine Stirn hoch geschoben. Sonjas Augen glitten von ihm zurück zu Doktor Hartmann, der sehr genau die erforderlichen Untersuchungen vornahm.
Ein Anblick von schockierender Tragweite bot sich ihr.
Kalte Schauer trieben ihr über den Rücken. Sie rieb sich fröstelnd die Oberarme. Das Bett, die Laken, alles war übersät mit Blut. Herbert Busch lag inmitten steif versunken. Auf seinem Körper zeichneten sich grauenvolle dunkle Flecken ab. Dazu hing ein entsetzlicher Geruch im Raum. Sonja nestelte in ihrer Jackentasche und suchte Halt am Türrahmen. Obwohl sich das Zimmer vor ihren Augen zu drehen begann, konnte sie diese nicht abwenden. Sie fixierte benommen das Geschehen, bis der Notarzt sie erblickte. Er warf seinem Kollegen einen mahnenden Blick zu und rief energisch: „Schnell, schnell, Herr Kollege, bitte bringen sie Frau Lehmann von hier fort!“
Oliver Basken lief mit großen Schritten eiligst auf sie zu.
„Treten sie bitte nicht näher, Frau Lehmann! Es ist ein schrecklicher Anblick. Wir haben inzwischen die Polizei verständigt. Die Beamten müssten jeden Augenblick hier eintreffen. Kommen sie! Ich bringe sie zurück in ihre Wohnung.“
„Ist er tot?“, flüsterte Sonja benommen.
„Leider, er ist tot.“ Der Mann von der Rettungsstelle versperrte ihr mit seinem massigen Körper jegliche weitere Sicht, drängte sie, am Arm führend, zur Tür hinaus und gab Dr. Hartmann ein flüchtiges Zeichen seines kurzen Weggangs. Der Arzt nickte stumm und setzte die Erforschung des Leichnams fort. Fast willenlos ließ sich Sonja in ihre Wohnung zurückführen.
Schon der Vormittag war mehr als zäh verlaufen. Jetzt, am Nachmittag, fiel es List noch schwerer, sich auf die Arbeit am Schreibtisch zu konzentrieren. Dabei hatte er so viel aufzuarbeiten, dass er nicht wusste, womit er eigentlich beginnen sollte. Er verspürte einen schmerzhaften Stich in seiner Brust und ein Krächzen im Hals. Hastig griff er nach Karins Bild und steckte es in die unterste Schublade seines Schreibtisches. Hinterher schob er sich mit zittrigen Fingern eine Salbeipastille in den Mund. Gedankenverloren drehte er an seinem Kugelschreiber, drückte heftig daran herum, warf ihn schließlich in die Stiftablage zurück. Die Bürotür war angelehnt. Im Vorraum klapperte die Sekretärin, Astrid Edeling, mit dem Geschirr. Sein Kaffee war inzwischen kalt geworden. Tief atmend lehnte List sich zurück, betrachtete ärgerlich seine ungeputzten Schuhe. Schmollend verzog er sein Gesicht.
„Frau Edeling ist der Schulz schon zurück?“, rief er grantig mit grollend tiefer Stimme. Das dünne, schwarze Bärtchen auf seiner Oberlippe wippte auf und ab.
Vor acht Wochen wurde ihm der Polizeimeister Ralf Schulz als Assistent zugeteilt. Da hatte der gerade die Polizeischule beendet und stürzte sich übereifrig, voller Theorie, aber vollkommen praxisunerfahren, auf die Arbeit. List nervte das so gewaltig, dass er ihn bereits mehrfach einbremsen musste. „Warum habe ausgerechnet ich dem Neuling den richtigen, polizeilichen Weg zu weisen?“, maulte er vor sich hin, rief dann erneut mit energischer Stimme in Richtung Nebenzimmer, „Frau Edeling!“
„Ja, Herr Kriminalhauptkommissar?“
„Wo bleibt denn der Schulz?“
„Er kommt sicher jeden Moment vom Mittagstisch zurück.“ „Das will ich hoffen.“
Astrid Edeling trippelte zwischen Kopierer, PC und Kaffeeautomat hin und her. Als sie heute früh das Büro betreten hatte, saß Heinrich List bereits an seinem Schreibtisch, nur einen brummigen Morgengruß von sich gebend. Für gewöhnlich war sie die Erste im Amtszimmer. Sie liebte die morgendliche Stille und nutzte diese gern für Schreibarbeiten, welche ihre ganze Konzentration erforderten. Heute war daran nicht zu denken. Ihr Vorgesetzter hatte ihre Tätigkeiten entweder mit nervösen Rufen, mit zeitaufwendigen Kopieraufträgen oder mit gereizten Ausbrüchen seiner schlechten Laune unterbrochen. Sie runzelte geheimnisvoll die Stirn. Natürlich war ihr die neueste Information über ihren Chef nicht verborgen geblieben. Ob sein griesgrämiges Verhalten mit dem gestrigen Auszug seiner Lebensgefährtin, Karin Suttner, zusammenhing?
„Frau Edeling…“, klang es wieder aufbrausend aus seinem Büro. Sie verdrehte die Augen und schnaufte hörbar. Trotzdem, dachte sie aufbegehrend, alles kein Grund, mich fortwährend zu drangsalieren.
Nervös ruckte Heinrich List an seiner Brille, griff sich an den trockenen Hals. Schimpfend durchwühlte er seinen Schreibtisch. „Also, Frau Edeling, wo sind die Jägerunterlagen?“, schrie er ungeduldig. „Ich finde sie nirgends.“ Ein Stapel Akten mühsam haltend, entfiel dieser ungeschickt seinen Händen. Fluchend kroch er unter den Schreibtisch, stieß sich heftig den Kopf an der Tischplatte. „So ein Mist, Frau Edeling!“, keifte er ärgerlich aus dem Untergrund. „Wo bleiben sie denn?“
In dem Augenblick, als die Sekretärin das Büro betrat, läutete sein Telefon. List krabbelte mit hochrotem Gesicht hervor. Wütend warf er die eingesammelten Unterlagen auf den Tisch und rieb sich die schmerzende Stelle am Hinterkopf. Astrid Edeling verzog skeptisch ihren Mund. Sein Hemd war vollständig aus der Hose herausgequollen, die Brille hing verrutscht auf seiner Nase.
Das Telefon klingelte noch immer ununterbrochen.
„Ja, ja, ich komme schon“, polterte er und wandte sich verärgert an seine Sekretärin. „Nun schauen sie doch nicht so!“ Astrid Edeling trat beleidigt den Rückzug an. „Wir sprechen uns gleich bezüglich der Jägerunterlagen“, blaffte er ihr wütend hinterher und hob brummelnd den Hörer ab: „Kriminalhauptkommissar Heinrich List.“ Dann lauschte er sekundenlang stumm den Ausführungen des Anrufers.
„Ja, danke, Herr Basken, ich verstehe. Dr. Hartmann ist vor Ort, gut. Wir kommen sofort.“ Er klemmte sich den Hörer zwischen Ohr und Schulter und schrieb einige Anmerkungen. „Und bitte, Herr Basken, achten sie darauf, keine Spuren zu verwischen!“ Er notierte weiter. „Hm, natürlich ist das für sie selbstverständlich, doch lassen sie mich trotzdem noch einmal darauf hinweisen.“ List nahm den Hörer wieder in die Hand. „Auf Wiederhören! Ja, bis gleich.“
Er warf den Hörer auf den Apparat zurück. Hektische rote Flecken hatten sich an seinem Hals gebildet. Er stürzte ins Vorzimmer. „Frau Edeling, verdammt, ist der Schulz noch nicht zurück?“
„Herr Schulz ist gleich hier. Soeben rief er an“, entschuldigte sie ihren Kollegen.
„Typisch, dieser Schulz. Keine Ahnung von Polizeiarbeit, aber immer kommt er zu spät. Alles muss ich selber machen.“
Astrid Edeling schüttelte missbilligend ihren Kopf. Trotz ihres stummen Protestes schimpfte List weiter: „Der soll sich sofort, aber bitte sofort, in meinem Büro melden! Wir müssen zum Einsatz. Ein Toter in Mahlow. Ich gebe die Nachricht unverzüglich an die Spurensicherung weiter. Dann kann der Meier mit seinem Team schleunigst ausrücken.“ Damit verschwand er augenblicklich auf dem Gang in Richtung Sonderabteilung, um nur wenige Minuten später wieder aufzutauchen. Mit den Fingern pochte er ungeduldig auf ihren Schreibtisch.
„Was ist mit der Jäger – Akte?“, unterbrach ihn Astrid Edeling, die sein Klopfen gewaltig nervte. „Hm, wie bitte?“
„Die Jägerunterlagen? Was soll damit geschehen?“
List starrte seine Sekretärin verständnislos an, ehe er sich besann und sich erneut ereiferte: „Wo sind die überhaupt?“
„Auf dem Aktenschrank, neben ihrem Schreibtisch“, antwortete sie sauertöpfisch.
„Sie müssen noch einmal die Namen vergleichen, irgendetwas stimmt da nicht“, er zuckte verständnislos mit den Schultern, „und bitte das Ganze in Tabellenform bringen. Aber jetzt habe ich dafür keine Zeit mehr.“ Astrid Edeling verzog geladen ihr Gesicht und stand abrupt auf. „Halt, wo wollen sie denn hin?“, fauchte List ihr fahrig hinterher.
„Die Jägerunterlagen für die weitere Bearbeitung aus ihrem Büro holen“, empörte sie sich.
„Hm, ja, machen sie mal.“ Er zupfte nervös an seiner Hose und trat an das Fenster seines Büros. Auf dem Hof sah er wie die Kollegen der Spurensicherung bereits ihre schnellen Einsatzkoffer in ihre Fahrzeuge schleppten und davonfuhren.
Während er grollend in seinem Amtszimmer stand, betrat Ralf Schulz mit einem riesigen Strauß roter Rosen das Gebäude. Im Laufen zog sich der junge Mann die khakifarbene, sportliche Jacke aus. Er war guter Dinge. Die Rosen entsprachen genau seinen Wünschen. Sie leuchteten prächtig und rochen ausgesprochen verführerisch. Heute Abend würde er mit Anja, seiner neuen Flamme, über den Gendarmenmarkt in Berlin schlendern, gemütlich essen gehen und nebenbei Händchen halten. Später würde er mit ihr vielleicht in der Newton Bar sitzen und einen coolen Drink genießen und dann eventuell…zu ihr oder zu mir? Er lächelte verschmitzt und steuerte, freudig erregt, zwei Stufen auf einmal nehmend, direkt auf die Büros seiner Abteilung zu.
„Hallo, junge Frau, bin wieder zurück“, rief er gut gelaunt zu Astrid Edeling und legte die prachtvollen Rosen mitten auf seinem Schreibtisch ab. „Sehen die nicht herrlich aus?“
Er warf seine Jacke über den Kleiderständer, rieb sich die Hände und goss sich eilig heißen Kaffee in eine Tasse.
„Sehr schön, Herr Schulz, trotzdem müssen sie sofort in sein Büro“. Astrid Edeling hob ihre Augenbrauen und deutete mit einem leichten Kopfnicken in die Richtung von Heinrich Lists Amtszimmer. „Der Chef hat schon mehrfach nach ihnen gefragt. Beeilen sie sich bloß! Ein dringender Einsatz wartet bereits.“
Ihrem Blick folgend, sah Ralf Schulz seinen Vorgesetzten hektisch in seinem Büro auf und ab laufen. Schulz blinzelte fragend zur Sekretärin und verzog trotzig seine Miene. Seine Stimmung verschlechterte sich zusehends. Mit Blick auf die Rosen ahnte er Schlimmes. „Frau Edeling, könnten sie bitte?“
Augenblicklich polterte List aus dem Nebenraum: „Schulz, auch schon angekommen? Wo waren sie eigentlich?“
Verschwörerisch legte Ralf Schulz einen Zeigefinger auf seinen Mund. „Gehen sie schon“, raunte Astrid Edeling ermahnend „ich stelle die Blumen für sie ins Wasser.“
„Danke“, hauchte der junge Kriminalist und stürzte noch schnell den Kaffee hinunter.
„Verdammt noch mal, wir müssen los!“, hetzte List ungeduldig an ihm vorbei. „Sie können gleich ihre Jacke wieder anziehen. Zum Kaffeetrinken haben wir jetzt überhaupt keine Zeit. Sind sie denn von allen guten Geistern verlassen?“
Ralf Schulz schürzte gekränkt seine Lippen. Einsatz! Wie passend, überlegte er resigniert, während er sich die Jacke überwarf. Ausgerechnet heute! Hoffentlich gefährdet der nicht mein Treffen mit Anja. Er blinzelte verstohlen zur Uhr. Noch ist Zeit bis dahin, versuchte er sich zu beruhigen.
„Schulz, kommen sie bald?“, schrie List bereits ungeduldig vom Gang aus. „Ja, ja.“ Schleunigst folgte Ralf Schulz dem Ruf seines Vorgesetzten.
Als sie sich der Stadtvilla in Mahlow näherten, wimmelte es rundum von Leuten. Wenige Minuten vor ihnen waren zwei Polizeifahrzeuge mit durchdringendem Sirenengeheul sowie ein schwarzer Kombi angekommen. Mehrere Polizisten waren aus den Fahrzeugen gesprungen und hatten mit der Absperrung des Tatortes begonnen, damit die Experten der Spurensicherung ungehindert ihrer Arbeit nachgehen konnten. List registrierte missmutig die schwierige Aufgabe der Kollegen, die versuchten, eine großräumige Einkreisung der Umgebung vorzunehmen. Die Ansammlung neugieriger Anwohner ließ sich nicht ohne weiteres vertreiben. Während ein Bestattungsfahrzeug zwischen dem Notarztwagen und dem Rettungsfahrzeug einparkte, schäumten die Spekulationen der Menge über. Schaulustig drängten sich die Leute an den polizeilich gezogenen Markierungen und warteten gierig hechelnd auf jede Information. Für einen Moment taxierte List sie verächtlich. Sie glichen Hyänen, welche auf die fleischlichen Überreste eines Opfers lauerten. Kopfschüttelnd zwängte er sich zwischen die ausharrenden Personen und schob sich angestrengt, die angewinkelten Ellenbogen vor der Brust haltend und fest entschlossen, sie links und rechts des Weges einzusetzen, vorwärts.
„Verflixt noch mal. Jetzt lassen sie uns schon durch!“, fauchte er aufgebracht die versammelte Menschenmenge an.
Ralf Schulz folgte ihm mühsam, jedoch in einigem Abstand. Je mehr sich die beiden Kripobeamten dem Hauseingang näherten, umso dramatischer gestaltete sich ihr Durchkommen. List fühlte sich regelrecht umzingelt von wartenden Passanten. Hilfesuchend blickte er sich um.
„Hier gibt es nichts, gar nichts, zu sehen“, brüllte er grimmig. „Sie behindern lediglich die Arbeit der Polizei.“
Aufatmend entdeckte er einige Kollegen, welche ihm hilfreich entgegeneilten, die Leute rabiat zurück zu drängen. Er selbst teilte so wirkungsvolle Knuffe und Boxhiebe aus, dass die Menge sich widerwillig teilte und den kleinen, drahtigen Mann mit dem dünnen Schnauzbart und der ungewöhnlich tiefen Stimme zusammen mit seinem Mitarbeiter schließlich durch eine gebildete Gasse ungehindert passieren ließ. Verschwitzt erreichten die Beiden die Wohnung des Toten, wo ihnen zu allem Unglück zwei Spezialisten der Spurensicherung in weißer Schutzkleidung gerade den Zutritt versperrten. List stöhnte laut schnaufend: „Auch das noch!“
Der kleinere der beiden mit untersetzter Figur hob den Kopf und List blickte genau in zwei wässrig blaue Augen.
Das muss der Schubert sein, schoss es ihm geradewegs durch den Kopf.
Augenblicklich bestätigte sich seine Vermutung, denn unter der Gesichtsmaske klang dessen knarrende Stimme, zwar gedämpft, aber unverkennbar hervor: „Aha, der Kommissar List ist eingetroffen.“
„Kriminalhauptkommissar bitte“, verbesserte List wütend.
Alfred Schubert zog seine Augenbrauen zusammen und stieß schmunzelnd seinen Kollegen an. Der war groß gewachsen und überragte ihn um eine Haupteslänge. Die Schutzkleidung hing schlaksig an seinem Körper herunter. Er nickte stumm und wandte sich schweigend wieder seiner Arbeit zu. Unschlüssig tänzelte List um die beiden Männer herum. Einerseits wollte er unbedingt in die Wohnung, andererseits die Arbeit der Kollegen nicht behindern oder gar aufhalten.
„Brauchen sie noch lange?“, fragte er leicht gereizt.
Mit einem Pinsel tupfte der größere Mitarbeiter feines Pulver an die Tür, bis ein Ohrabdruck sichtbar wurde. Dann blies er unbeirrt überflüssiges Pulver fort und drückte einen Klebestreifen fest auf den Abdruck.
„Jetzt lassen sie ihn mal in Ruhe arbeiten, Herr Hauptkommissar!“, betonte Alfred Schubert energisch und zog List derb am Ärmel beiseite, der ungeduldig auf der Stelle trat, sein mürrisches Gesicht keinesfalls verbergend.
„Also, wenn ich bitten darf, meine Herren! Geht das einen Tick schneller?“
„Einen Moment noch“, nuschelte Alfred Schubert unter seiner Gesichtsmaske. List blickte ratlos auf die Kollegen. Aus dem Inneren der Wohnung hörte er hektisches Treiben und aufgeregte Rufe. Da fasste er Alfred Schubert handgreiflich am Arm.
„Ich muss jetzt da hinein, Schubert. Machen sie bitte den Weg frei!“ Der Angesprochene schüttelte verständnislos den Kopf und nickte seinem Mitarbeiter zu. Noch während der das Klebeband von der Tür zog, drängte Heinrich List ihn unsanft zur Seite.
„Mal nicht so dreist“, schimpfte Alfred Schubert. Lediglich schulterzuckend registrierte List dessen empörten Ausruf und stürmte vorbei in die Wohnung, gefolgt von Ralf Schulz, den der unangenehme Auftritt seines Chefs sichtlich peinlich berührte.
Schon im Korridor fiel List die vielfältige Sammlung der verschiedenen Steine sowie zahlreicher Kunstgegenstände ins Auge. Meisterhaft geformte Figuren schmückten die Anrichte in der Garderobe. Manche Skulpturen waren sehr filigran gearbeitet und mit hervorragenden Details ausgestattet. Jedes Stück schien ein Unikat zu sein und forderte die gesamte Aufmerksamkeit des Betrachters für sich. List begutachtete lediglich im Vorbeigehen die wertvollen Stücke. Die gesamte Wohnung präsentierte sich nahezu vollgestopft damit und wirkte beinahe überladen. Anerkennend identifizierte er die außerordentlichen Leistungen, mit denen sie gefertigt wurden. Kein Wunder, dachte er kopfschüttelnd, solche Kunstwerke fordern unweigerlich die Gier manches Zeitgenossen heraus. Im Wohnzimmer erblickte er Winfried Meier, den Leiter der Spurensicherung. Die Spezialisten dieser Abteilung vermaßen gerade das Zimmer nach brauchbaren Spuren. Sie analysierten Fingerabdrücke, Fasern sowie sonstige geeignete Hinweise. Akribisch untersuchten sie den Fußboden und die Möbelstücke nach verwendbaren Anhaltspunkten. List eilte auf den Kollegen zu und stellte sich breitbeinig vor ihm auf.
„Na, wie sieht es aus, Meier?“, fragte er, einen Salbeibonbon lutschend, denn er hatte immer noch dieses entsetzliche Kratzen im Hals. Meier blickte kurz auf: „Wie schon? Blutig.“
„Weiß man schon die Todesursache?“
„Möglicherweise.“ „Ja, und? Was heißt das genau?“
