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Wenn ihm in letzter Zeit nicht bereits einige merkwürdige Dinge passiert wären, hätte er Ellis Eröffnung, er sei ein Maali-Krieger und dazu bestimmt eine andere Welt zu retten, sicher nicht ernst genommen. Aber so? Irgendwie wusste er, dass sie ihm nicht nur irgendeinen Blödsinn erzählte. Auch dass beide das selbe Mal auf der Schulter trugen, konnte kein Zufall sein. Diese andere Welt war faszinierend. Schön und auch gefährlich. Und nach ihrer ersten Begegnung mit den schrecklichen Changy, den Kriegern des Tyrannen Ty-a-bon, waren die Maali-Krieger nicht mehr so sicher, ob sie ihre Aufgabe erfüllen konnten.
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Seitenzahl: 277
Veröffentlichungsjahr: 2021
Für meine drei wundervollen
Töchter
Inhalt
Prolog
Die Prophezeiung
Der Aufbruch
Nimok
Die Crumba
Die Erste Begegnung
Ty-a-bon
Ahalat
Rhala
Veränderungen und neue Erkenntnisse
Maali
Ubus – Das Geheimnis der Changy
Hoffnung und neuer Mut
Begegnungen
Das Ende und ein neuer Anfang
Prolog
Ein kalter Wind wehte über das trockene Land. Der Himmel war dunkel, nur ein Stern leuchtete hell und schien schützend über dem Bündel zu schweben, das eine vermummte Gestalt heimlich vor dem Lager der Casi ablegte.
Die Casi waren eine kleine, aber stolze Gemeinschaft von Kriegern, die nur dafür lebten, sich in den Kriegskünsten zu üben.
Begegneten sie einem talentierten Jungen, so nahmen sie ihn in ihre Gemeinschaft auf und der Junge war stolz über diese Ehre.
Aber diese Zeiten waren vorbei. Versteckt lebten die Casi als Nomaden, mal in der Wüste, dann in den Bergen. Die Häscher von Ty-a-bon waren überall. Niemand konnte mehr so leben, wie er es seit jeher gewohnt war.
Sato, ihr Anführer, fand das Bündel und sah, dass ein Baby in die Tücher gewickelt war. Schon wollte er es wieder hinlegen - Babys konnten sie nun wirklich nicht gebrauchen - da verschoben sich die Tücher und Sato sah, dass das Kind ein Mal auf der Schulter trug. Er hielt die Luft an, denn er wusste, was es bedeutete.
Vorsichtig hob er die ungewohnte Last auf seine kräftigen Arme und nahm sie mit. Er würde für dieses Kind sorgen, wie für sein eigenes. Die Zukunft des gesamten Landes hing von diesem Baby ab.
Die Prophezeiung
„Hi Ellie! Komm hier rüber. Ich hab‘ dir 'nen Platz freigehalten!“
Andrea hatte quer durch das Klassenzimmer nach ihr gerufen. Die herablassend mitleidigen Blicke der anderen nahm sie kaum wahr. Sie war schon immer eine Außenseiterin und ließ sich in keine Schublade stecken. Elli entdeckte sie sofort. Sie war in ihrem langen bunten Rock mit dem übergroßen Pulli, und den langen lockigen roten Haaren aber auch schwer zu übersehen.
Elli versuchte sich einen Weg durch ihre Mitschüler zu bahnen. Aber sie war so unauffällig, dass sie für die anderen fast unsichtbar war. Endlich ließ sie sich neben Andrea auf einen leeren Stuhl fallen.
„Puh, das fängt ja wieder gut an.“
„Das kannst du laut sagen. Ich kann das Geschnatter von den Gänsen jetzt schon nicht mehr hören.“
„Ruhe bitte!“ Frau Beil kam gutgelaunt ins Klassenzimmer. „Ich weiß es fällt euch schwer, und ihr habt euch sicher 'ne Menge zu erzählen, aber das lange Wochenende ist um, und der Spaß ist vorbei. Also, ich sage euch erst mal, was wir noch so vorhaben.“
„Man, dass hat sich ganz schön gezogen. Aber immerhin gab's keine Hausaufgaben.“ Andrea versuchte ihre widerspenstigen Haare in eine Richtung zu legen, aber es war ein aussichtsloses Unterfangen.
„Also, wie sieht's aus, was machen wir heute Nachmittag?“
„Naja, also eigentlich bin ich ziemlich platt. Ich wollte nach Hause, ein bisschen lesen und früh ins Bett…“
Andrea riss die Augen auf „Spinnst du? Wir haben grad den ersten Schultag überlebt, das müssen wir doch feiern.“
„Überlebt?“ Elli war verwirrt. “Wie meinst du das? Mir ist nichts gefährliches aufgefallen.“ Andrea lachte und schüttelte den Kopf.
„Elli, Elli, was soll ich nur mit dir machen. Du nimmst immer alles so wörtlich.“
Elli`s Gesichtsausdruck ließ darauf schließen, dass sie immer noch auf dem Schlauch stand.
„Ok. Für Heute lasse ich deine Ausrede noch mal gelten. Aber am Freitag gilt's. Samstag ist frei zum Ausschlafen. Und auch genug Zeit zum Lernen. Also keine Ausreden mehr. Freitag nach der Schule geht’s ab ins Einkaufszentrum.“
„Einkaufszentrum? Aber ich brauch doch gar …“
„Keine Widerrede. Los jetzt, der Bus kommt.“
Zu Hause angekommen legte Elli sich gleich hin. Aber der Schlaf wollte nicht kommen.
„Was ist nur los mit mir? Ich fühle mich so merkwürdig. Alles wie in einem großen Nebel. Irgendetwas stimmt nicht. Aber was? Ich habe das Gefühl, dass ich etwas zu erledigen habe. Etwas sehr Wichtiges. Aber ich kann mich einfach nicht erinnern. Es ist alles so verschwommen…“
Aber alles Grübeln brachte sie nicht weiter.
Die ganze Woche war sie in der Schule nicht ganz bei der Sache. Auch Andrea kam nicht wirklich an sie heran und ließ sie weitestgehend in Ruhe. Auch sie spürte, dass mit ihrer Freundin etwas nicht stimmte. Sie wollte sie nicht drängen mit ihr zu reden, aber wenn es soweit wäre, würde sie da sein.
Nichtsdestotrotz war jetzt Sportunterricht und Elli ging gedankenverloren in die falsche Richtung.
„Hey, was ist los? Du bist ja jeden Tag schlechter drauf. Hier geht's lang. Sport bei Herrn Tang. Hey, das reimt sich ja sogar.“ Andrea lachte, aber Elli zuckte nur mit den Schultern. „Sagt mir nichts. Wie ist der so?“
„Naja, kann ich dir auch nicht so genau sagen. Er ist halt ein Vertretungslehrer, der überall einspringt. Irgendwie ist er ein komischer Kauz. Aber er nimmt seinen Job ernst, und es gibt keine Extrawürste für unsere Barbiepuppen, die Sorgen um Ihre Fingernägel haben.“
„Na dann lass uns mal sehen, ob die Hühnchen auch ordentlich flattern können.“ Jetzt mussten beide lachen.
Zusammen betraten sie die Halle.
„Sieh dir die an.“ Andrea zeigte auf die anderen Mädchen. „Die denken wohl, das ist 'ne Modenschau. In den knappen Outfits kann man sich ja kaum bewegen. Und wenn, dann verrutscht das bisschen Stoff was da ist.“
Wie Andrea hatte auch Elli bequeme weite Sporthosen und ein T-Shirt an. Trotzdem konnte man erahnen, dass sie nicht so unförmig war, wie die Kleidung vermuten ließ.
Herr Tang ließ sie laufen und klettern und in diversen Spielen ihre Geschicklichkeit üben. Schon nach den ersten Minuten hatten die „Barbiepuppen“ nicht mehr genug Luft, um über diese Folter zu meckern. Und am Ende der Stunde waren alle ziemlich fertig - naja, fast alle.
Normalerweise hielt Elli sich im Sportunterricht zurück, es gefiel ihr, nicht aufzufallen, unsichtbar zu sein. Aber heute war sie immer noch von den wirren Gedanken der letzten Tage abgelenkt. Und so kam es, dass sie alles mitgemacht hatte. Es war trotzdem nicht sonderlich anstrengend für sie. Während ihre Klassenkameraden verschwitzt und außer Puste waren, war ihr die Anstrengung des Sportunterrichts kaum anzusehen.
„Endlich Schluss mit der Schinderei.“, sagte Andrea als es läutete. „Hey, sag mal, warum siehst du eigentlich noch so fit aus, Elli?“
„Das täuscht. In Wirklichkeit bin ich genauso fertig wie du. Aber an meiner alten Schule haben sie großen Wert auf Sport gelegt, daher vertrag' ich vielleicht ein ganz kleines bisschen mehr.“ Sie hasste es ihre Freundin zu belügen.
„Guck mal, ich glaube Herr Tang will mit mir reden. Was der wohl will? Ich geh lieber mal rüber. Bis nachher.“
Nachdenklich sah Andrea ihr nach. Ihre Freundin war ja schon immer etwas sonderlich, aber in letzter Zeit war sie gar nicht mehr sie selbst. Immer so gedankenverloren.
Herr Tang begann ohne Umschweife.
„Du bist Elisabeth, stimmt's?“
„Äh, ja, aber Elli ist mir lieber. Habe ich irgendetwas angestellt, oder warum sollte ich zu Ihnen kommen? Ist irgendwas nicht in Ordnung?“
„Gut, dann also Elli. Und nein, du hast natürlich nichts angestellt. Ich bin Herr Tang, aber das weißt du ja.“
Elli nickte und Herr Tang beobachtete sie genau. Fast, als wenn er in ihre Seele blicken würde. Ihr war das irgendwie ein bisschen unheimlich und gerade wollte sie fragen was das soll, da fand er seine Sprache wieder.
„Ja, du bist es. Ich habe es schon eine ganze Weile geahnt. Aber jetzt weiß ich es. – Willkommen.“
Herr Tang verbeugte sich vor Elli. Diese wurde ganz verlegen. Gut, dass die anderen Schüler die Halle bereits verlassen hatten.
„Herr Tang, was soll das?“ Elli wich einen Schritt zurück.
„Keine Angst, niemand hat uns gesehen. Aber du hast recht, wir sollten versuchen nicht aufzufallen.“
„Von was reden sie überhaupt? Ich glaube sie müssen mal zum Arzt.“
Das war ihr einfach so rausgerutscht, so sollte man ja eigentlich nicht mit einem Lehrer reden, aber Herrn Tangs Verhalten war ja auch nicht wirklich, wie ein Lehrer sich normalerweise benimmt.
„Du weißt genau, was ich meine. Ich weiß, wer du bist. Und du sollst nur wissen, dass ich für dich da bin.“
Mit diesen Worten drehte Herr Tang sich um und ging.
Elli blieb ratlos zurück. Was war das denn jetzt schon wieder. Drehten jetzt auf einmal alle durch?
Andrea wartete im Umkleideraum. Die anderen waren schon alle weg.
„Was wollte der Kauz von dir?“
„Wenn ich das nur wüsste. Er hat sich sehr merkwürdig benommen.“
Aber näher darauf eingehen wollte sie nicht. Andrea beließ es dabei. Wenn Elli nicht reden wollte, half auch nachbohren nicht, so gut kannte sie ihre Freundin.
„Also, wie sieht's aus. Bist du bereit fürs Einkaufszentrum?“
„Was?“
„Hey, wir waren für heute verabredet, sag nicht, dass du das vergessen hast.“
„Naja, eigentlich…“
„Nix da. Zieh dich um und dann geht's los. Heute haben wir mal ein bisschen Spaß.“
Andrea und Elli schlenderten gemütlich durchs Einkaufszentrum. Sie schauten hier und da, probierten elegante Kleider an, die sie doch nie kaufen würden, und hatten ihren Spaß.
Plötzlich wurde Elli ernst. Eine Kälte kroch in ihr hoch, die nichts mit der Temperatur zu tun hatte. Sie schaute sich langsam um.
„Ich glaube, sie sind hier.“, murmelte sie vor sich hin.
„Hast du was gesagt?“, fragte Andrea, die gerade sehr in ihr Spiegelbild vertieft war. Dieser große Hut mit den riesenhaften roten Federn war ja auch zu komisch.
„Keine Ahnung, es ist nichts. Ich denke, ich sollte jetzt gehen.“
„Was? Du spinnst wohl! Der Abend hat doch gerade erst angefangen.“
„Nein, tut mir leid. Ich fühl mich auf einmal nicht so gut.“
Sie spürte wie ihr Amulett, das sie unter dem T-Shirt trug, immer kälter wurde.
„Ok, komm, ich bring dich nach Hause.“
Andrea war besorgt. Sehr gesund sah Elli auf einmal wirklich nicht aus. Sie war blass und als Andrea sie am Arm packte, fühlte sich ihre Haut kalt an.
„Nein. Es geht schon. So schlimm ist es auch wieder nicht. Lass du dir den Abend nicht verderben. Ich komme schon allein klar.“
„Na gut, wenn du meinst. Aber so ganz wohl ist mir dabei nicht. Aber du musst es ja wissen. Leg dich am besten gleich mit 'ner Wärmflasche ins Bett. – Gute Besserung.“
Sie verabschiedeten sich und Elli ging nachdenklich nach Hause.
Die Changy waren hier, das fühlte sie. Sie musste sich beeilen. Viel Zeit blieb ihr wohl nicht mehr.
„Moment, was war das jetzt? Was sollte das bedeuten? Wer oder was sind Changy? Ich glaub ich werde ein bisschen verrückt. Vielleicht werde ich wirklich krank.“
Zu Hause angekommen, nahm sie wie in Trance eine Schriftrolle aus einem Versteck hinter einem Bild. Sie hatte sie schon hier in dieses fremdartige Land geführt. Aber es mussten noch mehr Hinweise enthalten sein, sonst war ihr Volk verloren. Wieder wusste sie nicht, woher dieser Gedanke kam, sie hatte keine echte Erinnerung daran, wusste aber gleichzeitig, dass es wahr war.
Sie wusste auch, dass sie dies schon oft gelesen hatte, und doch konnte sie sich nicht wirklich daran erinnern.
Also las Elli die Prophezeiung auf dem alten Pergament nochmals durch.
Wenn die Kälte der Changy über unser Land zieht und die Crumba trocken und öde ist, liegt die ganze Hoffnung auf zwei Kindern. Sie werden geboren unter dem Stern der Na-ami und tragen das Zeichen der Maali. Das eine wird heranwachsen unter vielen Entbehrungen und dadurch stärker und schlauer sein als andere. Wenn die Zeit der Stürme 17 mal vorüber ist, muss es sich auf die Suche nach dem Portal zu einer fremden Welt machen, denn dort wartet der andere Krieger. Gemeinsam werden Sie die bösen Mächte der Changy besiegen, auf das die Crumba wieder blühen möge und niemand vom Volk der Tschuma jemals wieder Hunger leiden muss.
Das geheime Portal befindet sich hinter dem Syra-Gebirge. Wenn der erste Vollmond nach den Stürmen zwischen den Zwillingsbäumen hindurch auf eine Malerei auf den Felsen fällt, muss der Auserwählte das Amulett der Maali auf das Bild legen. …Jüngl…..Zeichen….groß…Ge-leh…..Hilf….mehre…Labyri…
Ein Bild erschien vor Elli's geistigem Auge. Sie sah einen riesigen Strudel vor sich, fühlte den Schrecken, den sie bei dem Anblick gespürt hatte. Damals nahm sie allen Mut zusammen und sprang hinein. Als sie wieder zu sich kam, war sie hier, in einer Welt, die so ganz andersartig war, als alles was sie kannte.
Erst nach und nach fand sie sich zurecht und lernte die Regeln und Verhaltensweisen dieser Welt, die Erde genannt wurde. Es gefiel ihr hier recht gut und die Erinnerung an ihr altes Leben schwand schnell.
War dies alles ein Traum? Wenn ja, welches Leben war der Traum, und welches war echt?
Durch die Kälte, die sie plötzlich immer öfters spürte, wurde sie sich ihres wichtigen Auftrags wieder bewusst. Sie musste unbedingt diesen Krieger finden, und zwar möglichst schnell, sonst war alles verloren. Aber die Changy hatten versucht die Schriftrolle zu vernichten, daher waren von dem unteren Stück nur noch einzelne Wörter zu lesen. Elli musste versuchen dieses Puzzle zu lösen. Das war die einzige Möglichkeit. Sie las noch einmal die einzelnen Wörter, die nicht zu sehr beschädigt waren:
Als sie diese Worte zum ersten Mal gelesen hatte, konnte sie nichts damit anfangen, aber sie wusste, sie musste es nochmals versuchen. Die Worte Jüngling und Gelehrter wiesen bestimmt auf die Schule hin. Es musste ihre Schule sein, denn es war ja sicher kein Zufall, dass sie genau hier gelandet war. Und wenn sie es richtig verstand, konnte sie auch noch mit der Hilfe von anderen rechnen. Aber von wem?
Und wie sollte sie sehen, wer das Zeichen der Maali trägt?
Sie konnte ja schlecht einfach jeden fragen.
Als sie später einschlief, hatte sie einen merkwürdigen Traum. Gesichter tauchten auf, merkwürdig verzerrt, aber doch irgendwie bekannt. Wenn sie genauer hinsehen wollte, waren sie wieder verschwunden. Eine riesige Uhr tickte. Aus der Uhr formte sich auf einmal eine Stadt. Plötzlich tauchten undeutlich seltsame Wesen auf und die Stadt war verschwunden. Eine Wüste war zu sehen. Dort am Horizont waren winzige Punkte, die immer größer wurden. Elli erkannte sich selbst und zwei andere Gestalten. Dann war sie plötzlich in einem Labyrinth. Es schien endlos zu sein. Jedes Mal, wenn sie dachte sie hätte den richtigen Weg gefunden, wuchsen neue Mauern aus der Erde. Sie irrte eine Ewigkeit darin umher. Gerade als sie aufgeben wollte, tauchte vor ihr ein riesiger Strudel auf, ähnlich dem, durch den sie hergekommen war, aber doch anders.
Die Changy tauchten auf wie aus dem Nichts und zerstörten den Strudel.
Die Uhr tickte immer lauter. Zur vollen Stunde kam an Stelle von Läuten nur lautes, schauderhaftes Gelächter. Elli wachte schweißgebadet auf.
„Ich hab‘ keine Zeit mehr zu verlieren. Was war nur mit mir los? Im selben Maße, wie ich mich hier eingewöhnt habe, hab‘ ich meine Herkunft vergessen. Wenn nun auch der zweite Krieger nicht weiß wer er ist und welch wichtige Aufgabe er hat? Wieso fällt es mir so schwer, mich an alles zu erinnern ? Dieses Vergessen muss eine Art Zauber sein. Was soll ich nur tun?“
Das ganze Wochenende lief sie grübelnd durch die Stadt. Immer in der Hoffnung auf ein Zeichen. Und immer wenn sie drohte abgelenkt zu werden, wurde ihr Amulett eiskalt.
Elli suchte und suchte, doch kein Zeichen offenbarte sich ihr. Sie wusste nicht was sie tun sollte, um das Rätsel zu lösen und war kurz vor dem Aufgeben. Sollte sie am Montag überhaupt noch in die Schule gehen? Es hatte ja doch alles keinen Sinn. Aber dann fielen ihr wieder die Worte aus der Schriftrolle ein. „Gelehrter“, das musste der Schlüssel sein.
In der Schule kam ihr dann alles sehr merkwürdig vor, so unwirklich. Was wussten die schon. Unbekümmerte, dumme Kinder waren das, mehr nicht. Und die Lehrer? Auch nicht viel besser. Die würden nicht einmal im Traum an die Möglichkeit der Existenz einer anderen Welt denken. Es fiel ihr ja selber schwer. Vielleicht war sie ja doch einfach nur verrückt.
„Au Mann!“, sagte Carola, der Kopf der Barbiepuppen „Was ist denn mit unserem Freak los? Die sieht ja aus wie ein Zombie.“
Die Gruppe lachte. Auch die anderen sahen plötzlich alle auf Elli. Die aber war so in Gedanken, dass sie alles um sich herum kaum wahrnahm. Still ging sie auf ihren Platz.
„Oh, jetzt fühlt die sich anscheinend auch noch wie eine Königin,“, spottete Stefanie, „die hat es ja noch nicht einmal nötig uns anzusehen.“
Einige lachten, anderen tat Elli einfach leid. Aber zwei Augenpaare musterten Elli neugierig und besorgt.
Das eine gehörte zu Andrea. Und sie ging gleich zu der Freundin hin.
„Hey, du siehst gar nicht gut aus. Wenn du dich immer noch so beschissen fühlst, dann geh lieber wieder nach Hause.“
„Nein. Geht schon. Ich fühl mich schon ein bisschen besser.“
„So siehst du aber nicht gerade aus. Im Prinzip hat Carola schon recht, du siehst fast aus wie eine lebende Tote.“
„Vielen Dank für das Kompliment.“, spottete Elli. „Genau das habe ich jetzt gebraucht.“
„Reg dich nur nicht gleich so auf. Du weißt genau, wie das gemeint war.“
Das Gespräch wurde unterbrochen, da der Lehrer kam und der Unterricht begann.
Elli war mit ihren Gedanken ganz woanders. Dementsprechend hatten auch alle etwas zu lachen, als der Lehrer sie drannahm und sie gar nicht wusste, um was es ging.
In der Pause traf sie auf Herrn Tang, der sie besorgt ansprach:
„Hey, Elli, was ist mit dir los? Du siehst schlecht aus.“
„Oh, hallo Herr Tang. Ich habe Sie gar nicht kommen sehen. Keine Angst, ich bin in Ordnung.“
„So, meinst du?“, antwortete Herr Tang. „Wenn du mich nicht bemerkt hast, kann es dir eigentlich nicht so besonders gut gehen. Und du weißt genau, wie ich es meine.“
Er musterte Elli nochmals sehr nachdenklich.
„Oder,“, er stockte, „oder hat das große Vergessen doch schon so schnell von dir Besitz ergriffen?“
Elli sah ihn mit großen Augen an.
„Sie wissen davon?“ Sie war eindeutig überrascht. Sie hatte zwar schon vorher ein komisches Gefühl bei Herrn Tang, aber das hatte sie nicht erwartet.
„Wer sind Sie?“
„Ich sagte doch schon, ein Freund. Aber hier ist nicht die richtige Zeit und nicht der richtige Ort, um das zu besprechen.
Wir reden später darüber. Wenn du den 2. Krieger finden willst, musst du dich mehr unter die jungen Leute mischen. Oder meinst du, er kommt einfach auf dich zu und sagt ,Hallo ich bin’s -?“
„Was…? Woher wissen Sie davon?“ Elli war etwas verstört.
„Ich sagte doch schon, wir reden später. Ich melde mich bei dir. Aber jetzt geh endlich auf die Suche. Die Zeit läuft dir davon.“
Herr Tang drehte sich um und ging. Elli wollte mit ihm reden, ihn fragen, was er wusste. Einfach nur sicher gehen, dass sie nicht verrückt wurde. Aber er war so plötzlich wieder verschwunden, wie er aufgetaucht war, und das Gespräch war beendet. Elli war wieder allein mit ihren Gedanken. Aber nicht lange. Andrea kam von hinten angeschlichen.
„Hey, du siehst auf einmal viel besser aus.“
„Ja, stimmt, irgendwie fühle ich mich plötzlich auch besser - merkwürdig.“
Elli war es erst durch Andreas Worte bewusst geworden. Aber während ihrem Gespräch mit Herrn Tang, ließ das Gefühl der Kälte etwas nach. Auch das Amulett war nicht mehr ganz so eisig. Vielleicht konnte das Amulett ihr ja helfen, den zweiten Krieger zu finden. Sie musste mehr darauf achten.
„Da es dir ja besser geht, hast du bestimmt Lust mit ins Jugendzentrum zu kommen. Irgendeine Kneipe hat einen ausgemusterten Flipper gespendet. Die Jungs haben ihn so umgebaut, dass man ohne Geld spielen kann. Also, wie sieht's aus?“
Elli dachte kurz darüber nach. Herr Tang hatte Recht. Wenn sie sich nicht mehr unter die Leute mischte, konnte sie ihren Auftrag nie erfüllen.
„Ok. Mal sehen was da so los ist.“
Andrea stutzte, Elli stimmte ohne Widerspruch zu? Musste nicht überredet werden?
Als sie rein gehen wollten, kam Markus ihnen genau in der Tür entgegen. Und da auch er mit seinen Gedanken woanders war, stießen sie zusammen.
„Oh, Entschuldigung. Ich habe nicht aufgepasst.“, stammelte Markus verstört vor sich hin.
Elli hatte ein komisches Gefühl. Aber bevor sie es näher bestimmen konnte, war es schon wieder verschwunden.
„Kein Problem, wir haben auch nicht besser aufgepasst. Willst du schon weg? Es ist doch noch früh.“
„Ja, ich muss zum Training.“
Ihre Blicke hielten kurz aneinander fest. Plötzlich und ohne ein Wort ging Markus mit schnellen Schritten davon. Andrea sah abwechselnd zu Markus und Elli. Dann fing sie an zu lachen.
„Also, wenn ich die Lage richtig überblicke, dann hat's wohl zwischen euch gefunkt.“
Elli sah Andrea fassungslos an. Da wo sie herkam, sprach man über so etwas nicht, schon gar nicht so offen. Dennoch war Andrea auf dem Holzweg, dessen war Elli sich sicher.
„Du spinnst ja, wir kennen uns doch kaum.“
„Manchmal reicht schon ein Blick.“, stichelte Andrea grinsend weiter.
Sie gingen hinein. Elli dachte jedoch weiter über Gefühle nach. Ihre Erinnerung kam seit ihren Begegnungen mit Herrn Tang stückchenweise zurück. In der Crumba redete man nicht viel über Gefühle. Da sie das Zeichen der Maali trug, wurde sie von klein auf auf ihre Aufgabe als Krieger vorbereitet. Gefühle störten da nur. Wenn wirklich welche aufkamen, egal ob Trauer, Wut, Freude oder irgendetwas anderes, wurden sie im Keim erstickt, sie hatten keinen Platz in dieser Welt.
Aber hier stürmten ständig so viele Gefühle auf sie ein, dass sie sie zum Teil gar nicht sortieren konnte. Das war für Elli schon sehr verwirrend.
Drinnen war es recht laut, die Musik lief, einige Teens hatten es sich auf den Sofas bequem gemacht und quatschten, andere tanzten oder spielten Billard oder an dem neuen Flipper. Über den Lärm hinweg hörte Elli einen Teil eines Gesprächs zwischen Gerd und Timo, zwei Jungs aus ihrer Klasse.
„Oh, Mann. Markus tut mir echt leid. Der hat doch schon seit langem keine Lust mehr auf dieses bekloppte Training. Aber nein, er wird behandelt wie ein kleines Kind und muss dort hin, weil seine Eltern es so wünschen. Die sind doch nicht ganz dicht.“
„Immer langsam.“, unterbrach ihn Gerd. “Du kennst seine Eltern doch kaum. Die sind doch eigentlich ganz in Ordnung. Mit denen kann man über alles reden. Und von wegen „Wie ein kleines Kind behandeln“, Markus darf eigentlich machen was er will, viel mehr als wir alle zusammen. Aber er ist vernünftig genug das nicht auszunutzen. Es sind eigentlich die Eltern, die sich jeder wünscht. Der einzige Tick den sie haben, ist dieses Training. Aber das ist doch eigentlich nicht so tragisch, oder? Gibt echt schlimmeres. Ich würde auf der Stelle mit ihm tauschen.“
„Schon gut,“, entschuldigte sich Timo, „so war das doch nicht gemeint. Lass uns weiter spielen.“
Timo wollte so schnell wie möglich das Thema ändern.
„Ich wollte mich ja gar nicht so aufregen, aber wenn zu Unrecht schlecht über jemanden geredet wird, dann kann ich nicht ruhig sein.“
„Tut mir leid.“, Timo war etwas verlegen. Er wusste, dass Gerd nicht gerade die tollste Familie hatte. Seine Eltern tranken, und waren oft tagelang nicht zu Hause. Ohne ein Wort und wie selbstverständlich, hatten sich die Eltern von Markus um ihn gekümmert. Ihre Tür stand immer für ihn offen.
Elli interessierte sich nicht sonderlich für das Gespräch, nahm es eigentlich nur am Rande wahr. Aber sie musste feststellen, dass der neue Flipper, mit dem Andrea sie hergelockt hatte, natürlich von den Jungs belagert war.
Andrea hatte wohl den gleichen Gedanken.
„Na ja, dafür wird wenigstens der Billardtisch gerade frei. Hast du Lust?“
„Klar,“, antwortete Elli, „Wenn du's mir erklärst.“
„Soll das heißen, dass du keine Ahnung hast, was Billard ist?“ Andrea tat entsetzt.
„Nein, da wo ich herkomme, gibt es kein Billard.“
„Ich wusste ja gar nicht, dass du aus Hintertupfingen kommst.“
„Von wo?“, Elli verstand nicht was sie meinte.
„Nicht so wichtig. Na komm, ich erklär dir das Spiel.“
Elli kapierte die Regeln sofort. Und da sie sehr geschickt war, spielte sie für einen Anfänger schon ziemlich gut. Aber das Gespräch zwischen Gerd und Timo ging ihr irgendwie doch nicht aus dem Kopf.
„Sag mal, von was für einem Training haben die vorhin gefaselt?“
„Was? Wer?“
„Gerd und Timo. Irgendetwas wegen Markus.“
Andrea überlegte einen Moment.
„Ach so, jetzt weiß ich, was du meinst. Die Eltern von Markus lassen ihm wirklich viele Freiheiten, aber wenn es um das Training geht, kennen sie keine Ausreden.“
„Aber was ist das nun für ein Training, dass es ihnen so wichtig ist?“
„Das kann ich dir auch nicht so genau sagen. Verschiedene Sachen. Irgendwelche Kampfsportarten und Meditation und lauter so'n Kram. Was weiß ich. Ich weiß nur, dass Markus dadurch viele Sachen nicht mitmachen kann, weil ihm einfach die Zeit fehlt.“
Sie spielten noch eine Weile. Aber Elli war nicht mehr ganz bei der Sache. Gedanken und Ideen formten sich in ihrem Kopf…
Am Abend suchte Herr Tang Elli zu Hause auf. Sie war sehr überrascht.
„Wie kommen sie denn hierher?“
„Mit dem Auto, natürlich. Spaß beiseite. Ich glaube es ist an der Zeit, dass wir uns unterhalten. Darf ich reinkommen?“
„Natürlich. Entschuldigung.“ Verwirrt trat sie zur Seite und ließ Herrn Tang hinein.
Elli und Herr Tang setzten sich ins Wohnzimmer.
„Also, um was geht's?“
„Du wolltest doch wissen wer ich bin, und woher ich einige Sachen über dich weiß. Ich denke, jetzt ist der richtige Zeitpunkt.“
„Ich mach uns nur schnell einen Tee. Dann können Sie loslegen.“ Sie brauchte diese Zeit, um sich zu sammeln.
Als Elli mit dem Tee zurückkam, begann Herr Tang:
„Ich weiß nicht genau, wie weit du Bescheid weißt und an was du dich noch erinnerst. Kennst du die Geschichte der Familie Koromon?“
Elli überlegte kurz.
„Der Name sagt mir etwas. Ich habe ihn schon einmal gehört, denke ich. Aber etwas Genaues weiß ich nicht, oder besser gesagt, nicht mehr. In letzter Zeit vergess' ich soviel. Ich weiß nur, dass diese Familie verschwunden ist, oder? Manche sagen auch, sie wären tot.“
„Ja, verschwunden – aber nicht tot. Aber lass mich die ganze Geschichte erzählen.
Du weißt doch, dass die Prophezeiung schon lange existiert, länger als die Changy in der Crumba wüten. Auch die Changy wussten von der Prophezeiung und hatten überall
Spitzel. Wenn ein Kind mit dem Zeichen der Maali geboren würde, sollte es sogleich getötet werden.
Nun lebte in der Crumba auch eine Familie namens Koromon. Früher waren sie reich. Aber durch die Changy war der Reichtum verflossen. Doch es ging ihnen im Vergleich zu anderen noch immer recht gut. Sie halfen, wo sie nur konnten. Ich glaube, viele Familien wären damals ohne ihre Unterstützung verhungert. Die Göttin Maali wachte über diese Familie und hatte ihnen auch einen Beschützer gesandt. Er hieß Fun-Tschen. Allerdings wussten sie nicht, dass Fun–Tschen im Auftrag der Maali dort war. Sie hielten ihn nur für einen treuen Diener. Eines Nachts hatte Sary Koromon einen merkwürdigen Traum. Sie sah riesig das Zeichen der Göttin Maali. Aus diesem Zeichen stieg die Göttin selbst und sprach zu ihr. Sie erzählte von der Prophezeiung und davon, dass Sary eines der prophezeiten Kinder bekommen würde. Auch sagte sie, dass unter ihnen ein Verräter lebte, der das Kind direkt nach der Geburt töten würde. Sie müssten sofort fliehen, um nicht nur das Kind, sondern das ganze Land zu retten. Dann beschrieb sie ihr den Weg durch das Syra-Gebirge, hin zum Portal.
Als Sary aufwachte, hielt sie ein Amulett in der Hand, genauso eins wie du es trägst.“
Unwillkürlich griff Elli zu dem Amulett unter ihrem T- Shirt.
„Woher wissen sie von dem Amulett?“ - Elli war sehr aufgeregt über das Gehörte.
„Lass mich erst mal fertig erzählen, dann kannst du deine Fragen stellen.
Sary weckte ihren Mann Folta auf und erzählte ihm von dem Traum. Dieser war zuerst natürlich skeptisch, aber als Sary ihm das Amulett zeigte, glaubte er ihr und verlor keine Zeit. Sie packten nur die nötigsten Sachen und machten sich mit ihrem Diener Fun–Tschen unbemerkt auf den Weg. Es war eine beschwerliche Reise und sie kamen nur langsam voran, denn Sary war wirklich schwanger.
Es war nicht leicht das Portal zu finden und sie irrten lange durch das Gebirge. Am Ende ihrer Kräfte fanden sie es schließlich doch. Dort angekommen, bedankten sie sich von Herzen bei ihrem Diener, der ihnen auch ein Freund geworden war und wollten sich von ihm verabschieden. Da offenbarte er ihnen, dass er von Maali als Beschützer geschickt war und mitkommen würde. Sary und Folta freuten sich und gemeinsam gingen sie durch das Portal. Sie landeten hier, genau wie du. Sie brauchten natürlich eine Weile, um sich in dieser Welt zurecht zu finden und änderten auch ihre Namen. Das Kind wurde geboren und trug, wie es vorausgesagt war, auf seiner Schulter das Zeichen.
Aus Angst vor den Changy trennte sich die Familie Koromon von ihrem Diener, damit man sie nicht so leicht aufspüren konnte. Aber Fun–Tschen blieb immer in ihrer Nähe, um sie zu beschützen.
Der Junge aber wurde von klein auf auf seine spätere Aufgabe vorbereitet, ohne etwas von seiner wirklichen Herkunft oder Bestimmung zu wissen.“
„Jetzt verstehe ich.“, sagte Elli. „Sie sind Fun-Tschen.“
„Ganz genau.“
„Und wer ist der Krieger?“
„Das darf ich dir leider nicht sagen. Laut Prophezeiung musst du ihn selbst finden. Ich weiß nicht, was es für Auswirkungen hätte, wenn ich dir zu viel verrate. Ich bin aber sicher, du schaffst das. Du musst….
Du kannst aber nicht einfach jeden fragen. Selbst wenn er dabei ist, er weiß ja gar nicht wer er ist. Aber nun lasse ich dich lieber allein. Es ist besser, wenn wir nicht zu viel Zeit zusammen verbringen. Die Changy kommen näher und wir wollen sie ja nicht auf deine Spur bringen.“
„Aber ich habe noch so viele Fragen.“
„Nein, ich hoffe ich habe nicht schon zu viel gesagt. Laut Prophezeiung musst du den zweiten Krieger selbst finden.“
Elli saß noch eine Weile reglos im Sessel. Sie musste das Gehörte erst noch richtig verarbeiten. Jetzt, wo sie das Amulett wieder kalt auf ihrem Herzen spürte, wurde ihr erst bewusst, dass es in der Nähe von Herrn Tang, oder besser gesagt von Fun–Tschen, angenehm warm war. Ja, sie hatte diese Wärme schon einmal gespürt, aber wo?
In Gedanken ging sie die letzten Tage noch einmal durch. Das Jugendzentrum, genau. Als sie in der Tür Markus begegnet waren, war die Kälte für einen Moment verschwunden. Es passte alles zusammen. Die Eltern, die sehr zurückgezogen lebten, deren Tür aber für Hilfesuchende immer offen stand, das Training, das Markus schon viele Jahre machen musste, ohne zu wissen warum, und niemand wusste, ob die Familie irgendwelche Verwandte hatte, oder wo sie herkamen.
Elli fragte sich, wie sie so blind gewesen sein konnte, es lag doch auf der Hand. Aber bevor sie Markus' Eltern aufsuchte, musste sie vollkommen sicher sein. Sie musste bei Markus das Zeichen der Maali sehen, aber wie?
Am nächsten Tag in der Schule beobachtete Elli Markus ganz genau. Wie sollte sie das Zeichen zu sehen bekommen? Wirklich schwierig. Wie immer schlich Andrea sich von hinten an.
„Na, dich hat's ja anscheinend richtig erwischt.“
„Du sollst dich doch nicht so anschleichen. Aber was meinst du?“
„Na dich und Markus, natürlich. Du lässt ihn ja gar nicht mehr aus den Augen.“
„Hat das sonst noch jemand bemerkt?“, Elli wurde unruhig.
„Keine Angst,“, konnte Andrea sie beruhigen, „ich habe ein feines Gespür für so etwas. Besonders, wenn es um meine Freunde geht.“
Elli dachte nach. Sie konnte eine Verbündete gebrauchen, aber durfte sie das Risiko eingehen? Die Prophezeiung sprach von „mehreren“ und auch in ihrem Traum war sie mit zwei Leuten zusammen. Vielleicht war Andrea diese zweite Person? Vielleicht aber auch Fun–Tschen?
Also die Sache lieber erst mal vorsichtig angehen.
„Es hört sich vielleicht ein bisschen komisch an, ich brauche deine Hilfe. Mir fällt nichts ein, vielleicht hast du eine Idee.“
„Um was geht's denn? Willst du wissen, wie du bei der Chemiearbeit spicken kannst, oder wie du Markus dazu kriegst, dass er dich küsst?“ Andrea grinste Elli groß an.
„Was? Ach so, nein. Davon rede ich gar nicht.“ Elli wurde rot. „Es ist viel harmloser. Es hört sich allerdings etwas verrückter an. Ich weiß gar nicht, wie ich es sagen soll.“
„Nur einfach raus mit der Sprache. Bei dir bin ich einige Verrücktheiten gewohnt.“
„Du hast es so gewollt.“ Elli sah Andrea ernst an. „Ich muss unbedingt die Schulter von Markus sehen.“
So, jetzt war es raus. Andrea sah Elli zuerst verständnislos an. Dann fing sie an zu lachen.
„Die Schulter? Na, dich soll einer verstehen. Aber was soll's. Ich weiß zwar nicht, warum das so wichtig ist, aber ein großes Problem ist das bestimmt nicht. Das kriegen wir schon hin. Komm heute Abend ins Jugendzentrum und halte die Augen offen. Man, du bist wirklich ein bisschen schräg, aber auch meine Freundin. Aber danach verlange ich eine Erklärung. Ich bin schon gespannt was das soll.“ Grinsend ging sie voraus in die Klasse.
Aber auch Markus machte sich so seine Gedanken. Irgendetwas hatte sich verändert. Er konnte es nicht wirklich definieren, aber er spürte, dass irgendetwas Wichtiges im Kommen war.
Und er fühlte auch, dass Elli etwas Besonderes war, ohne sagen zu können, warum. Sie hatte etwas mit diesen Veränderungen zu tun.
Mit seinen Eltern konnte er sonst immer über alles reden, aber als er von der Kälte sprach, die er seit einigen Tagen spürte, wurden sie nur irgendwie verlegen und versuchten ihm einzureden, es wäre bestimmt eine Einbildung, oder eine Grippe wäre im Anmarsch.
