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Wohlbehütet und unbeschwert wächst Shirley Mulhallan mit ihren Eltern und ihrer Schwester Amanda in Boston auf, ist mit Marcus Mason, dem Sohn eines Rechtsanwaltes verlobt. Schon kurz nach der Verlobung beginnen zwischen Shirley und Marcus erste Meinungsverschiedenheiten, nach einem Streit verstirbt Marcus bei einem Unfall, den Shirley durch eine Unachtsamkeit verursacht. Doch Shirley wird bald verdächtigt, die Tat vorsätzlich herbeigeführt zu haben, um die unglückliche Beziehung zu beenden und somit den Einflüssen von Marcus Familie zu entkommen. Als Shirley keinen Ausweg mehr sieht, einer Verurteilung durch das Gericht zu entkommen, flüchtet sie zu einer Freundin, taucht zunächst bei dieser unter und entschließt sich dann, zu Verwandten nach Irland zu reisen. In Irland droht Shirley die Vergangenheit rasch einzuholen und sie reist weiter, um einen neuen Aufenthaltsort zu finden, fernab ihrer Heimat und gelangt nach Wien. Hier findet sie Freunde, die ihr helfen, sich einzuleben, wenn nur nicht welche von diesen vom fernen Amerika träumen würden und Shirley auch hier befürchten muss, dass man herausfindet, was in Boston geschehen ist.
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Seitenzahl: 1007
Veröffentlichungsjahr: 2010
Buch
Die 17jährige Shirley Mulhallan wächst wohlbehütet in einer reichen Familie in Boston auf. Sie ist mit Marcus Mason, dem Sohn eines Rechtsanwaltes verlobt. Eines Tages stirbt Marcus bei einem Unfall. Daraufhin wird Shirley verdächtigt, den Tod ihres Verlobten vorsätzlich herbeigeführt zu haben. Um der Verhaftung zu entgehen flieht Shirley aus ihrer Heimatstadt. Sie träumt davon, in Irland, dem Land ihrer Vorfahren, ein neues Leben zu beginnen. Doch der Weg ist hart, voller Höhen und Tiefen, sowie mehrmaligen unerwarteten Wendungen.
Autor
Susanne Balazs absolvierte eine Lehre zur Bürokauffrau und ist seither als Sekretärin tätig. Bereits in ihrer Kindheit zeigte sich ihre Kreativität. Neben Malen und Basteln dachte sie sich mit Vorliebe Geschichten aus. Ab 2001 begann sie, ihren Traum vom Schreiben zu verwirklichen. Im Zeichen des Feuers ist ihr erster Roman.
Susanne Balazs
Im Zeichen des Feuers
AMERIKA
I m ersten Stock des Backsteinhauses in der Myrtle Street öffnete Shirley das Fenster ihres Zimmers und beugte sich hinaus, sehnsüchtig die Kutsche der Familie Mason erwartend. Sie war bereits fertig angekleidet, trug ein helles, graublaues Kostüm und einen dazu passenden Hut mit breiter Krempe, den ein zierlicher Kranz aus Stoffblumen schmückte. Der Himmel war strahlend blau und wolkenlos, die Sonne schien kräftig an die Mauer des gegenüber liegenden Hauses.
„Welch ein traumhaftes Wetter!“ sagte Shirley und wandte sich zu Amanda um, „Ideal für unseren Ausflug.“
Seit über anderthalb Wochen war das Wetter im Bundesstaat Massachusetts gleichbleibend sonnig und sehr warm. Ebenso an diesem Sonntag im Juni 1907. Die Bewohner Bostons freuten sich darüber, nützten den Tag für Ausflüge auf eine der nahe liegenden Inseln wie St. Marthas Vineyard oder Cape Cod, aber auch die städtischen Parks wurden zahlreich besucht. Der groß angelegte öffentliche Boston Common sowie der angrenzende Public Garden, auf dessen Teich man Bootsfahrten unternehmen konnte, zählten zu den beliebtesten Ausflugszielen. Beide Parks lagen angrenzend an Beacon Hill, einem malerisch, britisch anmutendem Stadtviertel. Eng aneinander gereihte Häuser mit Hinterhöfen, verwinkelte, schmale Gassen und versteckte kleine Stadtgärten prägten dessen viktorianischen Stil. Zwischen den Parks und Beacon Hill führte die gleichnamige Beacon Street.
Hier in Beacon Hill lebten die Angehörigen der wohlhabenden und einflussreichen Bostoner Oberschicht, deren Großteil aus irischer Herkunft bestand. Sie grenzten sich im puritanischen Geist ihrer Religionsgemeinschaft streng von der übrigen Gesellschaft ab, weshalb man sie auch die „Bostoner Brahmanen“ nannte. Seit einem halben Jahrhundert beeinflussten sie entscheidend die Geschicke der Stadt und lenkten trotz ihrer elitären Abgehobenheit deren Entwicklung zunehmend in eine demokratische und soziale Richtung. Sie pflegten auch in einem als sehr vornehm angesehenen Dialekt zu sprechen.
Zu der wohlhabenden Gesellschaft von Beacon Hill zählten auch die Familien Mulhallan und Mason, die miteinander befreundet waren. Der Architekt Tomás Mulhallan und seine Frau Malinda, die einen gutgehenden Handel mit Kosmetikprodukten betrieb, wohnten mit ihren fast erwachsenen Töchtern Shirley und Amanda in der Myrtle Street. Eine Straße höher in der Revere Street, die geradeaus zur Beacon Promenade führt, lag das Haus des Rechtsanwalts George Mason und seiner Frau Margaret. Deren Sohn Marcus strebte ebenfalls den Beruf des Rechtsanwalts an. Er träumte von einer Karriere wie die seines Vaters. Mittlerweile befand er sich im zweiten Semester an der Law School der Harvard Universität.
Vor ein paar Wochen wurde die Verlobung von Marcus Mason und Shirley Mulhallan in großem Stil gefeiert. Bei der Feier waren viele Freunde und Bekannte aus der reichen Bostoner Gesellschaft eingeladen gewesen.
Das Traben eines Pferdes war zu hören und Shirley beugte sich wieder zum Fenster hinaus. Soeben war die ersehnte Kutsche um die Ecke in die Myrtle Street eingebogen.
„Sie kommen!“ rief Shirley mit vor Freude leuchtenden Augen und sah dem Herannahen der Kutsche zu. Da lehnte sich Marcus auch schon aus dem Wagen und winkte seiner Verlobten. Shirley hüpfte vor Freude, winkte zurück und schloss eilig das Fenster. Sie wandte sich an Amanda, die nachdenklich auf dem Bett saß.
„Komm, Amanda, wir müssen hinunter! Und zieh nicht so ein Gesicht!“
Amanda gab einen genervten Seufzer von sich, sprang vom Bett herunter und folgte ihrer Schwester. Die Zimmertür warf sie krachend hinter sich zu. Dann folgte sie Shirley im Laufschritt die Treppe hinunter, bog aber ab in den Salon, wo sich ihre Eltern und die Haushälterin Caroline aufhielten. Währenddessen lief Shirley geradewegs hinaus zur Kutsche. Marcus war bereits ausgestiegen.
„Guten Tag, Shirley“, grüßte Marcus seine Verlobte herzlich und schüttelte deren Hand. Diese erwiderte den Gruß, hielt Marcus Hand fest und sagte:
„Ich habe mich schon seit Tagen so auf den Ausflug gefreut. Komm, lass uns einsteigen. Wie ich sehe, hast du eine große Kutsche gemietet, damit wir auch alle Platz haben.“
Nachdem auch die übrigen Mulhallans eingestiegen waren, gab Marcus dem Kutscher Henry ein Zeichen. Sie fuhren die holprige Straße aus Kopfsteinpflaster entlang, bogen rechts in die Charles Street ein und gelangten schließlich zur Beacon Street.
Die beiden Familien pflegten des Öfteren am Wochenende Picknicke im Boston Common abzuhalten. Ihr Stammplatz befand sich in der Nähe des Teiches. Dort breiteten sie ihre Decken aus und ließen sich gemütlich nieder. Sofort begann Caroline, den Picknickkorb auszupacken.
„Gib mir meinen Sonnenschirm, Mutter“, sagte Shirley, „Bevor ich Ähnlichkeit mit den Leuten aus dem African Meeting House bekomme.“
„Du hast eher Angst, dass du wieder rot wirst wie diese Lobster mit Sherry Sauce, die du so gerne isst“, sagte Amanda zynisch.
Sie hatte es darauf abgesehen, Shirley zu ärgern. Doch zu ihrer Überraschung lachte ihre Schwester darüber. Malinda reichte ihrer Tochter den Schirm und sagte in ernstem Ton:
„Ich habe dir diese verächtliche Weise, in welcher du von den Afrikanern sprichst, untersagt, Shirley.“
„Entschuldige, Mutter, das ist mir einfach so herausgerutscht. Ich habe nichts gegen die Afrikaner“, sagte Shirley, „Ich möchte bloß keinen Sonnenbrand bekommen.“
George begann von der Verlobung zu sprechen.
„Wir alle freuen uns sehr, dass ihr beide euch zur Verlobung entschlossen habt. Das war schon lange mein Wunsch, doch ich wollte damit warten, bis ihr dazu bereit seid. Ihr seid jung und könnt noch Vieles aus eurem Leben machen. Ich erinnere mich gerne an den Nachmittag, als Marcus zum ersten Mal seine Shirley in unser Haus zum Tee einlud. Als ich die beiden zusammen sah, da merkte ich, dass sie sich miteinander gut verstehen. Und ich machte mir darüber Gedanken, ob Shirley für eine Heirat mit meinem Sohn passend wäre. Sobald Shirley im nächsten Jahr die Schule beendet hat, könnten wir die Hochzeit feiern.“
„Schön, dass du gleich am ersten Tag so einen Eindruck von mir hattest“, sagte Shirley mit einem Lächeln zu ihrem zukünftigen Schwiegervater. Dann wandte sie sich an Marcus. „Und was dachtest du von mir, als du mich zum ersten Mal sahst?“
Alle Blicke richteten sich auf Marcus. Er sah sich fröhlich im Kreis der Familie um und sagte:
„Mich sprach Shirleys gesamtes Erscheinungsbild an. Sie war eben die Auffälligste unter den Mädchen.“
Die Familien unterhielten sich über die Zukunftspläne ihrer Kinder, bevor sie auf andere Themen übergingen. Marcus und sein Vater besprachen Dinge, die die Rechtsanwaltskanzlei betrafen. Shirleys Eltern sprachen mit Caroline über hauswirtschaftliche Angelegenheiten. Weil Shirley bei keinem dieser Gespräche mitreden konnte, versank sie in ihren eigenen Gedanken.
In wenigen Tagen beginnen die Sommerferien und dann kann ich viel Zeit mit Marcus verbringen, dachte Shirley und zählte die verbleibenden Schultage ab, im letzten Jahr haben wir uns selten gesehen. Er war mit seinem anspruchsvollen Studium beschäftigt und ich mit dem Lernen für die High School. Für uns beide werden die Ferien erholsam sein.
Die Geräusche rundherum weckten Shirley aus ihren Gedanken. Viele Leute hatten das schöne Wetter für Ausflüge genutzt, auf der Wiese herrschte reges Treiben. Kinder spielten und liefen kreischend umher, Familien saßen zusammen und plauderten, Leute spazierten gemütlich durch den Park. Auf dem Teich schwammen Wildenten, manche Spaziergänger lockten und fütterten sie. Ein Duft von Blumen und Gras lag in der Luft. Shirley atmete tief ein. Ihr Blick traf sich mit dem von Amanda.
„Du bist jetzt besonders glücklich“, bemerkte Amanda. In ihren Augen spiegelte sich der Neid. Amanda war um drei Jahre jünger als Shirley und immer ein liebenswürdiges Mädchen gewesen. Doch seit sich Shirleys Beziehung mit Marcus anbahnte, hatte sie sich sehr verändert. Stets war sie giftig zu ihrer Schwester und ihren Eltern, nörgelte sie über alles, in der Schule ließen ihre Leistungen rapide nach und ihr Benehmen verschlechterte sich. Häufig stritt sie mit den Eltern und auch regelmäßig mit Shirley.
Nach ihrer Verlobung hatte Shirley beschlossen, sich nicht mehr von Amanda ärgern zu lassen. Ab sofort begegnete sie Amanda mit Freundlichkeit, was auch immer diese tat oder sagte. Auch diesmal lächelte sie Amanda fröhlich an, dann brach die Freude, die sie die ganze Zeit über aus Anstandsgründen zurückgehalten hatte, aus ihr heraus.
„Ja, ich bin glücklich! Ich könnte die ganze Welt vor Freude umarmen!“ sagte sie laut und streckte ihre Arme in die Höhe. Die anderen sahen sie überrascht, gleichzeitig auch entsetzt an. Blitzschnell sprang Shirley auf und veranstaltete einen Freudentanz. Lachend und mit ausgestreckten Armen drehte sie sich, vollführte kleine Sprünge.
„Ich bin so glücklich! Hurra! Ich bin der glücklichste Mensch der Welt! Juhuuu!!!“ rief Shirley.
Die Familie sah sie zunächst sprachlos an. Dann begann George zu lachen. Marcus Augen leuchteten fasziniert. Shirley ließ sich neben ihn fallen und umarmte ihn so stürmisch, dass es ihn fast auf den Boden legte.
„Entschuldigt mich, aber ich musste dass jetzt tun, sonst wäre ich vor Freude geplatzt!“ sagte Shirley und sah sich in der Runde um.
George nickte und sagte:
„Ich habe nur darauf gewartet, dass einmal so ein Ausbruch kommen wird.“
Wenn Shirley auf welche Weise auch immer herausgefordert wurde, kam ihr Temperament zu Tage. Es war dann schwer, sie wieder einzubremsen. Malinda blickte sich verstohlen um, ob ihnen jemand zugesehen hatte und sagte:
„Diese Vorstellung hast du jetzt nötig gehabt, bei all den Leuten um uns herum. Was ist nur in dich gefahren, Shirley?“
„Mach dir keine solchen Sorgen um die Leute hier. Sie wundern sich nicht weniger als ihr“, sagte Shirley noch immer strahlend und vor Aufregung zitternd, „Und du, Amanda, kannst meinetwegen weiterhin ekelhaft sein und die Griesgrämige spielen, wenn du dir in dieser Rolle gefällst. Mich ärgerst du damit nicht mehr.“
Mit finsterem Blick wandte sich Amanda von ihrer Schwester ab. Marcus drückte Shirley an sich und sagte lachend:
„Dein fröhlicher Tanz hat mir gefallen. Aber ich hoffe, das wiederholt sich in der Öffentlichkeit niemals wieder.“
Shirley musste an den Tag denken, als sie Marcus zum ersten Mal begegnete. Einige Jahre lag das nun schon zurück. Nach dem Unterrichtsschluss war sie mit zwei Klassenkameradinnen unterwegs, als gerade die Jungs das benachbarte Schulgebäude verließen. Unter ihnen befand sich auch Marcus. Sein Blick traf sich im Vorbeigehen mit dem von Shirley, worauf sie sich lange ansahen. Zu lange.
„Shirley, was ist mit dir los?“ zischten ihre Kameradinnen sie mahnend an, sobald Marcus außer Hörweite war „Weshalb starrst du den Jungen so an? Das gehört sich nicht!“
Von dem Tag an grüßten sich Shirley und Marcus, wenn sie sich vor dem Schulgebäude begegneten. Schließlich verabredeten sie sich für das Rosewoods Coffeehouse. Dieses lag in unmittelbarer Nähe der High School und wurde von dessen Schülern gerne besucht. Das war der Beginn ihrer Freundschaft.
Shirley erwachte aus ihren Gedanken, als sie George reden hörte.
„Ich freue mich, dass sich Marcus entschloss, in meine Fußstapfen zu treten. Er betreibt sein Studium mit großem Eifer und zählt zu den Besten auf der Universität.“
„Ich möchte ein angesehener Anwalt in Boston sein und Klienten aus der reichen Gesellschaft betreuen“, sagte Marcus, „So wie du, Vater.“
„Und ich wünsche mir, dass dir das gelingt“, sagte Shirley stolz.
„Das ist nicht mehr auszuhalten!“, entfuhr es Amanda.
„Was ist nur mit dir los?“ fragte Malinda streng und stellte ihren Becher mit Fruchtsaft ab. Sie sah ihre jüngere Tochter forschend an. „Weshalb bist du immer derart mies gelaunt?“
Die Hausangestellte Caroline, die auch „der gute Geist des Hauses“ genannt wurde, pflegte stets eine gute Beziehung zu den Mädchen. Bei Problemen jeglicher Art war sie deren erste Ansprechpartnerin und kannte daher alle Sorgen und Nöte ihrer beiden Schützlinge. Nun sprach sie in ruhigem sachlichem Ton.
„In den letzten Wochen drehte sich alles nur mehr um Shirley und die Vorbereitungen für die Verlobungsfeier. Amanda fühlte sich dadurch in den Schatten gestellt.“
„So eine Verlobungsfeier ist doch eine fröhliche Angelegenheit“, sagte Malinda, „Ich verstehe nicht, weshalb du dich nicht gemeinsam mit Shirley darüber freuen kannst, Amanda.“
Caroline bot Amanda Kekse an, doch diese lehnte ab.
„Willst du auch nichts zu trinken?“ fragte Caroline besorgt.
„Nein, und lasst mich endlich in Ruhe!“, sagte Amanda patzig.
In diesem Augenblick lief ein kleiner Hund vorbei. Er sah Amanda kurz an, bevor er sich ihr näherte und beschnupperte sie vorsichtig. Amanda begann ihn liebevoll zu streicheln, aber als er auf die Speisen aufmerksam wurde, hielt sie ihn am Halsband fest.
„Das ist nichts für dich!“ sagte sie.
„Jetzt ist aber genug! Mach, dass du wegkommst, du Köter!“ regte sich Shirleys Vater Tomás plötzlich auf und versuchte, den Hund zu verscheuchen, „Sch – sch – verschwinde!“
Tomás konnte ebenso wie seine ältere Tochter Hunde nicht leiden. Ängstlich rückte Shirley näher zu Marcus, als der Hund knurrte und die Zähne zeigte, bevor er sich trollte. Danach hielt Tomás Amanda eine Strafpredigt, sie dürfe mit fremden Hunden nicht derart vertraulich umgehen. Marcus und Shirley sahen zu einer armen Familie hinüber, derer der Hund gehörte. Sie hatte sich nur wenige Meter entfernt niedergelassen.
„Dieselbe Familie hält sich immer in unserer Nähe auf. Letztes Mal habe ich sie auch hier gesehen“, regte sich Marcus auf, „Ich kann solch primitives Volk nicht ausstehen!“
Abermals kam der Hund in ihre Richtung gelaufen, der kleine Bub folgte ihm und hielt ihn fest. Jetzt riss Marcus die Geduld.
„Pass gefälligst auf deinen Köter auf, dass er nicht mehr hierher kommt! Sonst stehe ich auf und lege dich übers Knie!“ rief Marcus ihm streng zu und sagte dann zu seiner Verlobten, „Dreh dich um, Shirley!“
Noch eine ganze Weile fluchte Marcus vor sich hin, bis es Shirley zu viel wurde.
„Marcus“, sagte Shirley vorwurfsvoll, „Hör endlich auf, in so einem Ton über diese Leute zu sprechen! Sie können nichts dafür, dass sie arm sind. Immerhin versuchen sie, das Beste aus ihrem Leben zu machen. Du hast keinen Grund, so über sie herzuziehen.“
„Es tut mir leid, aber ich kann unanständige Leute nun einmal nicht leiden, das sage ich offen heraus“, sagte Marcus und zündete sich eine Zigarre an, „Wenn der Hund nun jemanden von uns gebissen hätte?“
„Ich möchte, dass du in meiner Gegenwart nie mehr jemanden auf diese Weise kritisierst, wenn derjenige nichts für sein Schicksal kann!“, sagte Shirley, „Mich stört es nicht, wenn sich diese Familie jeden Sonntag unweit von uns aufhält. Und ich wäre ebenso einem Gespräch mit ihnen nicht abgeneigt.“
„Untersteh dich, Shirley, mit diesen Leuten jemals auch nur ein Wort zu wechseln!“ mahnte Marcus sie. Über den Ärger ihres Verlobten musste Shirley kurz lachen.
„Solche Leute gehören nun einmal genauso zu Boston wie wir. Wenn sie nicht wären, könnten wir uns nicht „die Oberen“ nennen.“
Sie kannte nur allzu gut die abwertende Haltung vieler Leute, dazu gehörte leider auch Marcus Familie, anderen Gesellschaftsschichten gegenüber. Wenigstens ihre eigenen Eltern ließen Shirley eine gewisse Meinungsfreiheit. Gespannt wartete Shirley nun auf die Reaktion von Marcus Eltern. Und schon begann seine Mutter Margaret mit energischer Stimme über ihre Ansichten zu sprechen. Diese hatte Shirley, seit sie Margaret kannte, bereits unzählige Male gehört. Zum Glück gingen die Gespräche bald in geschäftliche und politische Themen über.
Es wird mir erst jetzt langsam bewusst, welch verschiedene Meinung Marcus und ich haben, dachte Shirley und beobachtete Marcus von der Seite, fiel mir das bisher nie auf oder hat er sich seit dem letzten Jahr so sehr verändert?
Da fiel ihr auf, dass Amanda deprimiert ihren Blick gesenkt hielt und gegen die Tränen kämpfte.
„Habt ihr etwas dagegen, wenn ich mit Amanda kurz alleine ein wenig herumgehe?“, fragte Shirley und stand auf.
„Nein“, sagte Malinda, „Geht nur.“
„Komm, Amanda“, sagte Shirley und zog ihre Schwester beim Arm, als diese widerwillig reagierte. Dann folgte sie Shirley, verhielt sich jedoch weiterhin abweisend.
„Die Gespräche wurden jetzt schon zu langweilig“, sagte Shirley, „So vertreten wir uns ein wenig die Beine. Lass uns zum Teich hinüber gehen.“
Shirley trat an das Ufer und warf den Enten Brotstücke zu, bis eine sogar in ihrer Nähe auf die Wiese heraus flatterte, worüber Amanda sich kurz erheiterte.
„Endlich kannst du dich wieder über freuen, Amanda. Setzen wir uns hier ins Gras“, sagte Shirley, „Ich möchte wissen, weshalb du dich so eigenartig verhältst. Ist es wegen meiner Verlobung? Bist du eifersüchtig auf deine große Schwester?“
Es dauerte eine Weile, bis Amanda ihre Frage beantwortete.
„Du hast immer und überall Glück, Shirley, was du auch anfängst gelingt dir, im Gegensatz zu mir. Ich versagte in der Schule, Jeremy kündigte mir die Freundschaft, eine Freundin nach der anderen wendet sich von mir ab, die Eltern schimpfen andauernd mit mir. Das sind die Gründe, weshalb ich traurig bin. Ich hasse dieses Leben! Deshalb kann ich mich nicht mit dir über deine Verlobung freuen. Ich hoffe, du bist mir deswegen nicht böse.“
Amanda liefen nun die Tränen über die Wangen.
„Aber das Schlimmste von allem ist, dass Jeremy nichts mehr von mir wissen will“, fuhr sie weiter fort, „Ich hatte gehofft, dass sich unsere Beziehung genauso entwickelt wie deine mit Marcus.“
Die beiden schwiegen. Nun wurde Shirley vieles klar. Als sie ihr Leben mit dem ihrer Schwester verglich, fand sie es nur zu verständlich, dass diese neidisch auf sie war. Tatsächlich schien Shirley einfach mehr Glück zu haben. Stets war sie eine sehr gute Schülerin gewesen, fast alles ging ihr leicht von der Hand und sie machte überdies immer einen guten Eindruck auf ihr Umfeld. Sie hatte auch einen großen Freundes- und Bekanntenkreis, der weit über Beacon Hill hinaus reichte. Woran mochte es tatsächlich liegen, dass Amanda nicht so gut mit ihrem Leben zurechtkam? Shirley zerbrach sich darüber den Kopf.
„Auch wenn es bei Weitem nicht so aussieht, aber ich gebe mir immer Mühe, so zu sein wie du“, sprach Amanda weiter, „Wie oft sagten mir die Eltern, ich solle mir an dir ein Beispiel nehmen? Doch es gelingt mir nicht. Je häufiger ich scheitere, umso deprimierter werde ich.“
„Versuche nicht, mich mit aller Kraft zu imitieren“, sagte Shirley, „Sei einfach du selbst und gehe locker an das Leben heran. Finde heraus, was dir Freude bereitet. Meine Beziehung mit Marcus ergab sich rein zufällig und dass wir uns eines Tages verloben werden, damit rechnete ich überhaupt nicht.“
Angestrengt dachte Amanda darüber nach, was Shirley soeben gesagt hatte.
„Und was soll ich jetzt tun?“ fragte sie.
„Wenn du es nicht ablehnst, helfe ich dir gerne im nächsten Jahr beim Lernen. Und wenn du sonst irgendwelche Fragen oder Sorgen hast, kannst du jederzeit gerne zu mir kommen. Lass uns einfach wieder Freunde sein so wie früher.“
Nach kurzem Zögern stimmte Amanda zu. In der Tat hatte Shirley ihr mit nur wenigen Worten die Augen geöffnet. Das Leben erschien wieder annehmbar. Sie gab einen erleichterten Seufzer von sich.
Plaudernd spazierten sie weiter durch den Park. Es lag bereits lange zurück, seit die Schwestern zum letzten Mal ein vertrauliches Gespräch miteinander geführt hatten. Nach über einer Stunde kehrten sie zu den Eltern zurück. Malinda erwartete sie besorgt.
„Wo seid ihr so lange gewesen? Marcus war nahe daran, sich auf die Suche nach euch zu machen!“
Die beiden Mädchen lächelten fröhlich und setzten sich hin.
„Ihr seid bestimmt sehr durstig“, sagte Caroline und schenkte ihnen Fruchtsaft ein, den ihre Schützlinge dankend annahmen.
Der Tag fand einen schönen Ausklang und am späten Nachmittag machten sich die Familien gemeinsam auf den Rückweg nach Beacon Hill. Shirley und Marcus benötigten ziemlich lange, um sich voneinander zu verabschieden. Es fiel ihnen schwer, sich zu trennen. Schließlich rief ihnen George von der Kutsche aus zu, dass es nun an der Zeit war.
„Wir sehen uns übermorgen am Abend bei dir“, sagte Shirley.
„Ich freue mich darauf“, sagte Marcus, stieg ein und winkte Shirley, die der Kutsche nachsah bis sie um die nächste Ecke bog.
A uf der High School gab es nur wenige Mädchen, die bereits ein Eheversprechen gegeben haben. In der Woche nach der Verlobung war Shirley am Schulhof von ihren Freundinnen und einigen Klassenkameradinnen umringt, die ihr herzlichst gratulierten.
„Shirley, wir alle freuen uns mit dir für deine Verlobung!“ sagte ihre beste Freundin Nathalia als Erste und umarmte Shirley, „Wollen wir heute Nachmittag alle zusammen ins Rosewood Coffeehouse gehen?“
„Das ist eine gute Idee“, sagte Clarissa und sah sich mit fragendem Blick unter den Mitschülerinnen um. Natürlich stimmten Shirley und die anderen zu.
Ich wusste, Nathalia wird auf die Idee mit dem Rosewoods Coffeehouse kommen, dachte Shirley. Wobei ein leises Lächeln ihre Lippen umspielte. Sie ist die größte Naschkatze von uns allen. In regelmäßigen Abständen besucht sie das Kaffeehaus und kennt das gesamte Angebot an Mehlspeisen auswendig. Dass ihre Figur unter dieser Ernährungsweise leidet, scheint sie nicht zu stören. Sie versteht es, sich trotzdem modisch zu kleiden.
Nathalia trug ein roséfarbenes Kleid, welches ihr bis zu den Knöcheln reichte, dazu eine Jacke mit zartem Rosenmuster. Alles umspielte harmonisch ihre mollige Figur. Die dunkelbraunen, lockigen Haare waren zu einer hübschen Frisur hochgesteckt. Shirley mochte Nathalia nicht nur wegen ihres Einfallsreichtums, sondern auch, weil sie eine gute Zuhörerin war. Doch sie verstand es auch, die anderen stets mit ihrer humorvollen Art zu unterhalten und aufzuheitern.
Die Freundinnen setzten sich auf ihren Stammplatz, eine Bank in der Ecke des Schulhofes, um über Shirleys Verlobungsfeier zu sprechen und anschließend über die neuesten Begebenheiten in Beacon Hill.
Nach der Schule gingen sie wie vereinbart gemeinsam in das Rosewoods Coffeehouse in der Beacon Street, um Shirleys Verlobung noch einmal in kleinem Kreise zu feiern.
Shirley war von heiterer, fröhlicher Natur. Sie ging offen auf die Leute zu und schloss dadurch schnell Freundschaften, welche auch von längerer Dauer waren. Im Allgemeinen hatte sie wenige Vorurteile gegenüber weniger betuchten Mitmenschen. Weshalb zu ihrem Freundeskreis mittlerweile auch Leute außerhalb des gehobenen Gesellschaftskreises zählten.
Darunter befanden sich drei Freundinnen aus Familien mit sehr geringem Einkommen, denen das Schicksal in ihrer Vergangenheit arg zugesetzt hatte. Diese hießen Philomena Simonds, Carmen Wilkens und Marsha Darkins. Zu diesem Zeitpunkt ahnte Shirley noch nicht, dass ausgerechnet diese drei Freundinnen ihr später in schlimmster Notlage beistehen werden.
Carmen besuchte einst gemeinsam mit Shirley dieselbe Klasse an der High School, wo sie sich gleich am ersten Schultag miteinander anfreundeten. Leider verließ Carmen noch im Laufe des ersten Schuljahres die High School. Nachdem die Firma ihres Vaters in Konkurs gegangen war, zog dieser mit seiner Familie von Beacon Hill weg nach South Boston. Diese Lebensumstellung war anfangs sehr schwierig für Carmen. Sie gewöhnte sich nur schwer an die neue Umgebung, musste sie sich erst an ihrer neuen Schule, die nicht den elitären Charakter der vorherigen High School hatte, zurechtfinden. Zum ersten Mal erlebte Shirley den sozialen Abstieg einer reichen Familie mit, doch sie hielt ihrer Freundin über Jahre hinweg die Treue.
Die Begegnung mit Philomena geschah aus unglücklichem Zufall vor einem Jahr. Eines Nachmittags kurz vor Weihnachten waren Shirley und Amanda gemeinsam mit der Haushälterin Caroline in der Newbury Street unterwegs, um Einkäufe zu erledigen. Ein Schaufenster zog Shirleys Aufmerksamkeit zur Gänze auf sich und schon hatte sie ihre Schwester und Caroline aus den Augen verloren. Zunächst sah sie sich suchend um, hielt nach Amandas knallrotem Hut Ausschau. Doch vergeblich, bei den vielen Leuten, die in der Einkaufsstraße unterwegs waren. Shirley wartete vor dem Geschäft in der Hoffnung, Caroline und Amanda würden wieder zurückkehren. Dies taten sie jedoch nicht. So blieb Shirley nichts anderes übrig, als die Seitenstraße zu finden, wo die Kutsche abgestellt war. Es ärgerte Shirley, dass sie sich außerhalb von Beacon Hill nicht in der Stadt zurechtfand. Sie bog in eine Gasse ein, aus der sie vermeinte, gekommen zu waren und kehrte wieder um, als sie merkte, dass es die falsche war. Aus irgendeinem Grund gelangte sie nicht mehr zur Newbury Street zurück. Es war Winter, die Dämmerung setzte früh ein und es begann immer stärker zu schneien. Nachdem sie eine Stunde lang herumgeirrt war, blieb Shirley stehen und sah sich um, in welche Gegend sie gelangt war. Hier gab es weit und breit weder ein Geschäft noch eine Kutsche, nur bürgerliche Wohnhäuser. Müde und mit schweren Schritten ging Shirley weiter. Auf einer vereisten Gehsteigkante rutschte sie mit ihren Stiefeletten aus und fiel der Länge nach hin. Als sie versuchte, sich aufzurichten, griff ihr eine junge Frau unter den Arm und half ihr beim Aufstehen.
„Haben Sie sich verletzt?“
Shirley antwortete nicht, wischte sich missmutig den Schnee aus dem Gesicht. Die Frau wiederholte ihre Frage, worauf Shirley verneinte.
„Ich möchte zur Newbury Street“ sagte Shirley, ihre Stimme klang erschöpft. In kurzen Worten erzählte sie von ihrer Odyssee in den dunklen Straßen bei diesem Schneegestöber.
Die Frau war überrascht.
„Die Newbury Street ist weit entfernt von hier.“
„Wie weit?“ fragte Shirley.
Mit einem leisen Schmerzenslaut knickte sie ein. Bei dem Sturz hatte sie sich den Fuß verstaucht. Ein Kloß drückte sie im Hals und sie unterdrückte mühsam ihre Tränen.
„Können Sie mir sagen, wo man hier eine Kutsche bekommt?“
„Sie haben sich ja doch verletzt!“ sagte die Frau und bot Shirley an, mit ihr nach Hause zu kommen, „Ich wohne praktisch um die Ecke. In ungefähr einer Stunde kommt mein Bruder mit einer Kutsche vorbei. Wir möchten Verwandte außerhalb von Boston besuchen. Bei dieser Gelegenheit könnten wir Sie mitnehmen.“
Misstrauisch sah Shirley die fremde Frau an und zögerte. Doch sie hatte keine andere Wahl. Mit ihrem schmerzenden Bein war sie auf deren Hilfe angewiesen. Auf dem Weg zu dem Wohnhaus der Frau kamen sie miteinander ins Gespräch. Sie verstanden sich auf Anhieb gut. Die Frau stellte sich als Philomena Simonds vor und war knapp über zwanzig Jahre alt.
„Haben Sie nur keine Angst, Miss. Mein Bruder und ich werden Sie sicher und wohlbehalten nach Beacon Hill zurückbringen“, sagte Philomena. Sie hatte Shirleys Wohnort anhand ihrem Dialekt und ihrer Vornehmheit erraten. Nun war sie neugierig, wer diese junge Dame war, die sich in diese abgelegene Gegend Bostons verirrt hatte.
Letztendlich bogen sie in eine Straße ein, die hinter dem Hafen lag. Shirley erschrak, als sie sah, wie weit sie von der Einkaufsstraße abgekommen war. Beinahe schämte sie sich für ihre Ortsunkenntnis. Im oberen Stock eines Mietshauses besaß Philomena eine kleine Wohnung mit Blick auf den Old Harbour und das Meer.
„Der Ausblick ist atemberaubend! Woher haben Sie die Mittel, sich solch eine Wohnung leisten zu können?“ fragte Shirley voller Bewunderung. Bisher hatte sie geglaubt, nur in Beacon Hill sei es schön zu wohnen. Inzwischen schenkte Philomena ihnen beiden Saft in Gläser ein. Nun setzten sie ihre Unterhaltung weiter fort, erzählten einander von ihrem Leben. So erfuhr Shirley, dass Philomenas Mutter kurz nach ihrer Geburt gestorben war. Und ihr Vater schied vor zwei Jahren ganz plötzlich wegen einer rätselhaften Krankheit aus dem Leben. Nachdem ihr Bruder geheiratet hatte, blieb Philomena alleine zurück. Sie suchte nach einer Arbeitsstelle und fand eine solche am Old Harbour. Ihr Lohn reichte gerade für die Miete ihrer Wohnung und zum Leben.
Die Zeit verging sehr schnell und bald stand Philomenas Bruder mit der Kutsche vor dem Haus. Für Herrn Simonds war es kein Umweg, nach Beacon Hill zu fahren.
„Ich danke dir für alles, Philomena“, sagte Shirley müde und griff nach ihrer Handtasche.
„Werden wir uns wieder sehen?“ fragte Philomena und es klang fast ein wenig schüchtern. Sie machte sich kaum Hoffnungen, dass eine Frau aus reichem Hause mit einer einfachen Arbeiterin verkehrte. Zu ihrer Überraschung stimmte Shirley zu, denn sie hatte Philomena auf Anhieb gemocht. Schnell tauschten sie ihre Adressen aus, bevor sich Shirley verabschiedete. Das war der Beginn ihrer Freundschaft.
Zu diesem Zeitpunkt ahnte Shirley noch nicht, welch wichtige Rolle Philomena in ihrem Leben spielen wird.
Wenig später begegnete Shirley Marsha Darkins, die eine gute Freundin von Philomena war. Marsha war ein schüchternes Mädchen aus sehr armer Familie. Dennoch hatten ihre Eltern Wert darauf gelegt, dass ihre Tochter eine gute Schulbildung bekam. Sie sollte es später in ihrem Leben besser haben. In diesem Jahr wird Marsha die High School beenden. Natürlich hätte Shirley sie gerne bei der Suche nach einem Arbeitsplatz unterstützt. Aber Marsha war unentschlossen und hätte gerne eine weitere Ausbildung absolviert. Dies war jedoch aufgrund der knappen finanziellen Mittel ihrer Eltern absolut undenkbar.
Somit gehörte bald auch Marsha zu Shirleys Freundeskreis abseits der reichen Bostoner Gesellschaft. Zwischen den vier Mädchen Shirley, Carmen, Philomena und Marsha entstand eine feste Freundschaft und sie vereinbarten, sich zumindest ein Mal wöchentlich zu treffen um etwas zu unternehmen oder einfach nur um Beisammen zu sitzen.
So war auch für diese Woche ein Treffen abgemacht. Wie gewohnt holte Shirley zuerst Carmen von zu Hause ab, bevor sie gemeinsam zu Philomena fuhren. Jedes Mal wurde sie von deren Mutter freudig begrüßt.
„Meine Shirley, ich freue mich, dich wieder zu sehen!“ rief Frau Wilkens. Sie umarmte Shirley und küsste sie auf die Wangen.
„Du bist eine der wenigen aus Beacon Hill, die uns noch die Treue hält. Auf dich konnten wir uns immer verlassen.“
Seit die Familie aus Beacon Hill weggezogen ist, nahm sie immer mehr eine fröhliche, heitere Lebensart an, dachte Shirley, wie steif und förmlich wir uns damals immer gegrüßt hatten.
„Auch ich freue mich, Sie wieder zu sehen, Mrs. Wilkens“, sagte Shirley beinahe gerührt, „Und ich habe wieder etwas für Sie mitgebracht.“
Damit überreichte Shirley ein Päckchen mit Keksen, die sie unterwegs in einer Konditorei gekauft hatte. Bei jedem Besuch brachte sie für die Familie ein kleines Geschenk mit.
„Oh, die sind ja von Rosewoods!“ sagte Frau Wilkens, „Das ist wie in den guten alten Zeiten. Vielen Dank, Shirley!“
Fröhlich plaudernd spazierten Shirley und Carmen den langen Weg durch die Straßen von South Boston zu Philomenas Haus. Anlässlich zur Feier von Shirleys Verlobung hatte Philomena ihren kleinen, runden Esstisch festlich mit Spitzendecke und Kerzen gedeckt.
„Philomena, das hast du wunderschön hergerichtet! Danke, das ist wirklich nett von dir!“ rief Shirley staunend und setzte sich auf ihren Lieblingsplatz, von welchem aus sie auf den Atlantik sowie Castle Island sehen konnte. Der Hafen mit seinen vielen kleinen Booten erweckte in ihr das Fernweh. Sie verliebte sich bereits in diesen traumhaften Ausblick, als sie zum ersten Mal diese Wohnung betreten hatte.
Shirley konnte nicht genug die Dekoration des Tisches bewundern, wenn auch diese im Gegensatz zu ihrem eigenen Zuhause recht bescheiden war.
„Es freut mich, dass dir meine Idee gefällt“, sagte Philomena stolz, „Das Tischtuch ist von meiner Mutter und ich verwende es nur zu besonderen Anlässen.“
Der stets wachsamen Carmen entging ein kurzer trauriger, nachdenklicher Blick von Shirley nicht. So fröhlich sich Shirley auch gab, irgendetwas schien sie zu bedrücken. Später fragte Carmen sie danach. Abrupt verflog Shirleys Freude und eine Ernsthaftigkeit machte sich auf ihrem Gesicht breit.
„Du bist sehr aufmerksam, Carmen. Tatsächlich bin ich ein wenig traurig, obwohl ich versuche, so wenig wie möglich an den Auslöser meines Kummers zu denken. Gestern hatte ich zum ersten Mal Streit mit Marcus. Unsere Ansichten über den Umgang mit anderen Gesellschaftsschichten sind sehr verschieden. Marcus hatte schon immer etwas gegen meine Freundschaft zu euch. Aber ihr bedeutet mir viel. Vor allem seid ihr trotz Armut anständige und ehrliche Leute. Ich bin gerne mit euch befreundet.“
Mit vorsichtig gewählten Worten schilderte Shirley einige Details des Gespräches. Die Mädchen sahen sie überrascht an.
„Marcus kann doch nicht im Ernst meinen, du sollst uns die Freundschaft kündigen?“ entfuhr es Carmen entsetzt, „So ist es, wenn man von der noblen Gesellschaft weg ist. Dann behandeln sie einen, als wäre man nichts mehr wert.“
„Es wäre schrecklich, wenn wir dich verlieren würden, Shirley“, sagte Marsha. Ihr kamen beinahe die Tränen.
„Solange Marcus mit mir nicht an das andere Ende von Amerika zieht, werdet ihr mich niemals verlieren!“, sagte Shirley und lächelte selbstbewusst in die Runde, „Ihr habt keinen Grund zur Besorgnis.“
Das Thema lag den Freundinnen schwer im Magen, dennoch gelang es ihnen, schon bald wieder über andere Dinge zu reden. Später machten sie einen Spaziergang über den Old Harbour. Hier kannte Philomena beinahe jedes Boot sowie dessen Besitzer und wusste viel zu erzählen. Die anderen lauschten ihr neugierig. Als sie auf dem Pier gingen, deutete Philomena auf eine Yacht, die gerade in den Hafen einfuhr, und fragte:
„Shirley, kennst du die Leute auf diesem Boot dort drüben?“
Shirley verneinte und betrachtete nachdenklich die Yacht, aber sie wusste wirklich nicht, wer die Leute sein könnten.
„Das sind Mr. und Mrs. Jones aus Beacon Hill. Sie sind erst vor drei Monaten aus Philadelphia übersiedelt“, sagte Philomena, „Mr. Jones ist Immobilienmakler.“
„Ich kenne lediglich einen Teil der Bewohner von Beacon Hill“, sagte Shirley, „Im letzten Jahr sind viele Neue hinzugezogen.“
Die Mädchen kehrten um und gingen den Pier zurück. Ein Stück weiter auf dem Hafengelände befand sich ein kleines Restaurant. An einem Tisch am Ende der Terrasse ließen sie sich nieder. Sie genossen den weiten Blick über den Hafen und auf das Meer hinaus.
„Fahren von hier aus auch Schiffe andere Kontinente an?“ fragte Shirley so nebenbei.
„Ja, im Abstand von ungefähr drei Wochen fährt die Northern Star nach Europa“, sagte Philomena, „Das ist ein sehr schönes Schiff. Sie fährt vorher noch den Hafen von New York an, bevor sie auf den Atlantik hinaus fährt!“
„Wie lange ist das Schiff unterwegs, bis es in Europa ankommt?“
Shirley war neugierig geworden, denn auf die Art wie Philomena schwärmte, musste es ein besonderes Schiff sein.
„Je nach Wetterlage braucht es bis zu eineinhalb Wochen, bis sie in Queenstown anlegen.“
„Wenn ich mir die vielen Schiffe hier ansehe, weckt das meine Sehnsucht an ferne Länder. Geht es dir nicht auch manchmal so?“
Philomena verneinte.
„Ich habe keine besondere Lust, andere Länder zu bereisen. Lieber bleibe ich in meinem Boston. Hier fühle ich mich am Wohlsten.“
„Früher machten wir gemeinsame Reisen mit Marcus Familie, aber nur in den Vereinigten Staaten“, begann Shirley zu erzählen, „Wir waren schon in den Rocky Mountains, bei den Everglades und in Nashville. Am Mississippi machten wir eine Bootsfahrt.“
„Die Everglades hätte ich gerne einmal gesehen“, sagte Marsha.
„Dort gefiel es mir bisher am besten“, sagte Shirley, „Marcus Vater ist sehr reisefreudig. Sein Wohnzimmer solltet ihr einmal sehen. Es ist voller Reiseandenken und Souvenirs. Er war auch in Europa und Australien, aber das liegt schon viele Jahre zurück.“
„Es gefällt mir, wie manche Leute in der Welt herumkommen. Ich würde gerne einmal eine Bootsfahrt machen. Am liebsten mit solch einem hübschen kleinen Boot wie dieses dort drüben“, sagte Marsha fröhlich und zeigte auf eines. Philomena dachte kurz nach, dann sagte sie:
„Diese Yacht gehört der Familie Heston. Ihnen gehört auch das gleichnamige Restaurant. Mr. Melvin Heston ist ein guter Bekannter von mir. Möchtet ihr am kommenden Sonntag eine Bootsfahrt unternehmen? Ich könnte das für uns in die Wege leiten.“
„Du könntest das wirklich organisieren?“ rief Shirley begeistert, „Eine Bootsfahrt wäre wunderbar!“
Auch Carmen und Marsha stimmten zu und so vereinbarten sie den Treffpunkt für kommenden Sonntag um zehn Uhr Vormittags vor Philomenas Haus.
Es war kurz vor Sonnenuntergang und der Old Harbour bot ein malerisches Bild, als sich die Mädchen auf dem Rückweg zu Philomenas Haus befanden. Beim Häuserblock um die Ecke befand sich ein kleines Geschäft, aus dem gerade ein Herr heraustrat. Er blieb kurz stehen und sah sich um. Shirley, die gerade dabei war, eine Begebenheit aus der High School zu erzählen, hielt inne und starrte den Herrn an.
„Das ist Mr. Jollins, unser Nachbar!“
„Wo ist er?“ fragte Carmen.
„Dort drüben - er ist gerade aus dem Laden gekommen. Los, kommt schnell!“, sagte Shirley und lief los, „Mr. Jollins! Mr. Jollins!”
Die Mädchen folgten Shirley zu dem Geschäft hinüber. Mr. Jollins war durch die Rufe aufmerksam geworden und drehte sich um. Atemlos blieb Shirley vor ihm stehen.
„Shirley, was machst du denn hier?“ fragte Mr. Jollins und freute sich sichtlich über ihre Begegnung. Shirley stellte ihre Freundinnen vor und erzählte von ihrem Spaziergang am Hafen.
„Wenn du möchtest, kannst du mit mir mitfahren“, bot Mr. Jollins Shirley an. Diese nickte. „Welch ein Zufall, dass wir uns gerade jetzt hier trafen.“
Shirley verabschiedete sich von Philomena und Marsha. Carmens Wohnhaus lag auf der Strecke und sie durfte das Stück Weg bis dorthin mitfahren. Mr. Jollins kannte Carmen von früheren Zeiten, als sie noch in Beacon Hill wohnte und er wollte wissen, wie es ihr erging. Sie unterhielten sich, bis Carmen am Ziel war und sich gutgelaunt von den beiden verabschiedete.
„Auf Wiedersehen, Mr. Jollins, danke fürs Mitnehmen“ rief Carmen und winkte, „Auf Wiedersehen, Shirley, bis Sonntag!“
Es war acht Uhr abends vorbei, als sie in der Myrtle Street ankamen. Kaum hatte Shirley ihr Elternhaus betreten, wurde sie von Caroline aufgeregt empfangen.
„Wo hast du so lange gesteckt, Shirley? Marcus war mehrmals hier und fragte nach dir. Er war ganz verärgert und machte uns Vorwürfe, wir würden nicht genügend darauf achten, wo du herumgehst.“
„Ich bin in South Boston gewesen bei meinen Freundinnen. Das hast du doch gewusst“, sagte Shirley, „Du brauchst dich nicht aufregen, Caroline, du hast keine Schuld daran. Meine Eltern und du, solltet ihr mich etwa in Ketten legen? Ich werde Marcus noch besuchen gehen.“
Bevor Shirley noch mal fort ging, wollte Caroline wissen, wie sie nach Beacon Hill gekommen sei.
„Ich habe zufällig Mr. Jollins getroffen wie er gerade aus einem Laden um die Ecke von Philomenas Haus gekommen ist. Er war so nett und nahm mich mit. Auch Carmen durfte das Stück bis zu ihrem Wohnhaus mitfahren.“
„Sag das nicht so laut, Shirley! Du weißt, deine Eltern mögen Mr. Jollins nicht besonders“, ermahnte Caroline sie.
„Das weiß ich. Weshalb sollten sie sich aufregen, weil er mich ein Mal mitnimmt?“, sagte Shirley, „Und jetzt gehe ich zu Marcus.“
Jedoch war Marcus nicht mehr zu Hause, sondern bei einem Freund und Studienkollegen. Über seine Mutter ließ er Shirley ausrichten, er wolle sie am nächsten Abend besuchen.
Niemand außer Shirley und Marcus hielt sich im Wohnzimmer auf. Marcus hatte darauf bestanden, mit seiner Verlobten unter vier Augen zu sprechen. Seine Aufgebrachtheit überraschte Shirley. Seit sie ihn kannte, war er je derart wütend gewesen.
„Wo hast du dich bis so spät abends herumgetrieben? Du wieder einmal bei diesen Weibern in South Boston! Von einem Kollegen hätte ich zwei Karten für das Old Howard Theatre bekommen. Es wäre ein schöner Abend für uns geworden. Das nächste Mal wirst du mir vorher Bescheid sagen, bevor du irgendwohin gehst!“
„Marcus, es tut mir sehr leid, dass …“, begann Shirley, doch dieser schnitt ihr das Wort ab.
„Hast du keinen anderen Umgang als diese Freundinnen aus niedersten Kreisen? Sie passen nicht zu deinem Niveau, Shirley.“
„Trotz Armut sind sie anständige Leute“, rechtfertigte Shirley ihre Freundinnen, „Ich verstehe nicht, was du gegen sie hast.“
Es folgte ein kurzes Wortgefecht zwischen Marcus und Shirley. Bis Marcus plötzlich grußlos den Raum verließ und die Tür hinter sich zu warf.
„Marcus, das ist keine Manier, einfach fort zu gehen!“ rief Shirley ihm nach.
Völlig außer sich über Marcus abrupten Abgang machte sie sich auf den Weg in ihr Zimmer. Auf dem Flur begegnete ihr Amanda, die sie zynisch anlächelte.
„Du hattest einen Streit mit Marcus.“
„Ja, wir hatten Streit, du kleine Spionin!“ sagte Shirley ärgerlich und ging weiter, „Worüber wir uns auseinander setzten, geht dich aber nichts an!“
Diese Amanda! Immer und überall belauscht sie Gespräche, dachte Shirley, ich kann damit rechnen, dass sie nun den Eltern alles bis ins Detail erzählen wird! Soll sie doch, die kleine Petze, mir ist das völlig gleichgültig! Die Eltern stehen sowieso auf meiner Seite und schenken mir mehr Glauben als wie ihr!
D er gewohnte, sonntägliche Ausflug in den Boston Common wurde unerwartet abgesagt. Sehr zu Shirleys Erleichterung, denn somit blieb es ihr erspart, vor beiden Familien eine Erklärung abzugeben, weshalb sie nicht mitkommen konnte. Tomás musste wegen einer geschäftlichen Angelegenheit nach Medford fahren. Seine Frau Malinda sowie Marcus Eltern begleiteten ihn. Aber auch Amanda hatte anderes vor. Sie unternahm mit einer Schulfreundin und deren Eltern einen Ausflug nach Montpelier südlich von Boston. Und Marcus fuhr mit ein paar Studienkollegen nach Providence um eine Ausstellung zu besuchen. Er wollte Shirley mitnehmen, doch diese lehnte zu seiner Enttäuschung ab. Die Ausstellung interessierte sie nicht.
Nun hinderte Shirley nichts mehr daran, an der Bootsfahrt mit ihren South Bostoner Freundinnen teilzunehmen. Caroline war höchst erstaunt, als Shirley in Wanderkleidung und festem Schuhwerk in der Küche erschien und um ein Lunchpaket bat.
„Wie siehst du denn aus? Man könnte meinen, du gehst auf Safari“, sagte Caroline lachend und bereitete einen Korb mit Speisen und Getränken.
„Ich fahre mit Carmen und den anderen Mädchen ins Grüne“, sagte Shirley fröhlich zum Abschied, „Am Abend bin ich wieder zurück.“
Keine Stunde später schritt sie mit ihren Freundinnen über das Hafengelände, vorbei an den vielen Booten.
„Ihr werdet über die Yacht von Mr. Heston staunen!“ sprach Philomena und sah die Mädchen mit einem eigentümlichen Blick an, „Ich habe eine besonders gute Beziehung zu Mr. Heston.“
Den letzten Satz überhörten die Freundinnen. Zu groß war die Vorfreude auf den kommenden Ausflug.
„Ich bin gespannt, wie diese Luxusyacht aussieht“, sagte Marsha und hüpfte ein paar Mal.
„Wir reisen heute in großem Stil“, sagte Carmen.
Die Mädchen folgten Philomena den Steg entlang, wo die eleganten Boote der reichen Leute lagen. Dann standen sie vor der Yacht und Philomena präsentierte sie stolz.
„Hier wären wir. Das ist die Yacht von Mr. Heston. Bitte schön, meine Damen, kommen Sie an Bord der Beatrice!“
„Das Boot ist traumhaft schön, Philomena“, sagte Marsha und bestaunte dieses mit großen Augen, „Wie kamst es eigentlich dazu, dass uns Mr. Heston sein Boot leiht?“
„Ich sagte doch, Mr. Heston ist ein guter Bekannter von mir“, sagte Philomena augenzwinkernd, „Ihr habt mir wohl wieder einmal nicht richtig zugehört.“
Da erschien ein junger Mann auf dem Deck und lächelte die Mädchen strahlend an.
„Darf ich vorstellen, das ist Mr. Melvin Heston“, sagte Philomena, „Er wird uns bei unserer Ausfahrt Gesellschaft leisten.“
Später nahm Carmen ihren Mut zusammen und flüsterte Philomena zu:
„Ist das dein heimlicher Freund?“
Worauf Philomena errötete.
„Er ist ein guter Bekannter“, verbesserte sie.
„Das ist sehr nett von Ihnen, dass Sie uns heute Gesellschaft leisten, Mr. Heston! Wir sind sehr erfreut!“ sagte Shirley und schüttelte Melvin die Hand. Charmant gab Melvin ihr einen Kuss auf die Hand. Shirley kicherte.
Das hatte bisher noch nicht einmal Marcus getan, dachte Shirley.
Philomena kam als Letzte an Bord und sagte zu Melvin:
„Wir können in See stechen.“
Während Melvin sich in Cockpit begab, hüpfte Marsha vor Freude, bis das Boot schaukelte. Shirley strauchelte und bekam gerade noch rechtzeitig ein Geländer zu fassen.
„Hör auf, ich gehe gleich über Bord!“ rief sie.
Die Mädchen sahen sich auf der Yacht um. Marsha stieg in die Koje hinab, wo ein mit vorzüglichen Speisen gedeckter Tisch stand.
„Sieh dir das einmal an“, sagte sie zu Carmen, die ebenfalls staunte, „Wir reisen heute in ganz großem Stil.“
Melvin setzte den Motor in Gang und die Mädchen eilten wieder ans Deck. Im Cockpit erklärte Melvin Philomena etwas und diese hörte konzentriert zu. In Erwartung, dass sie nun gleich lossegeln würde, setzte sich Shirley beim Bug nieder.
„Gleich fahren wir los, ich muss unsere Frau Kapitän erst einmal kurz einweisen und ihr Mut zusprechen“, rief Melvin den drei Mädchen auf dem Deck zu. Seit ein paar Monaten strebte es Philomena an, mit dem Schiff fahren zu lernen und Melvin half ihr dabei. Heute war ihre erste längere Ausfahrt.
Mit sicherer Hand steuerte Philomena das Boot aus dem Hafen, wobei Melvin sie beobachtete und ihr wenn nötig, Anweisungen gab. Anfangs waren ihre Freundinnen nervös und beobachteten aufs Genaueste, wie Philomena die Yacht an den anderen Booten vorbei aus dem Hafen manövrierte. Schon bald ging ihre Unsicherheit in Bewunderung über und sie lobten Philomena. Auch Melvin freute sich.
Immer weiter entfernten sie sich von der Küste, bis von dieser nur mehr ein Strich zu sehen war. Nun wurde es Carmen ein wenig mulmig zumute.
„Wohin genau fahren wir eigentlich? Nach Castle Island?“
„Nein, wir fahren auf den weiten Atlantik hinaus, bis wir den Horizont erreichen“, sagte Shirley scherzhaft und streckte ihren Arm in die Richtung aus, „Hast du etwa Angst?“
Carmen verneinte schnell. Vor ihren Freundinnen, denen die Fahrt solchen Spaß machte, kam sie sich lächerlich vor, wenn sie zugab, dass sie Angst hatte. Wenig später konnte auch sie die Fahrt genießen. Shirley schloss die Augen und ließ sich den Fahrtwind ins Gesicht blasen.
Philomena steuerte das Boot geradewegs nach Castle Island und dann um die Hälfte der Insel herum. An der dem Atlantik zugewandten Seite befand sich eine kleine einsame Bucht.
„Dort werden wir anlegen“, sagte Philomena und zeigte, „Oben auf dem Felsplateau machen wir es uns gemütlich.“
Die Fahrt bis hierher war ihnen vorgekommen wie eine Ewigkeit. Von der Bucht aus sah man wirklich nur in den weiten Atlantik hinaus. Kein Gebäude Bostons war im Blickfeld.
„Der Ausflug war eine tolle Idee von dir, Philomena!“ rief Marsha und tanzte auf dem weichen Sandstrand herum.
„Schön, das es euch gefällt“, sagte Philomena, „Jetzt steigen wir auf das Plateau hinauf!“
Oben angelangt, sahen sie sich abermals um und prüften, ob der Platz richtig für das Picknick war.
„Hier können wir uns niederlassen“, sagte Shirley.
Philomena breitete die Decke aus, dann richtet sie die Speisen an. Dabei half ihr Melvin. Marsha versuchte die Champagnerflasche zu öffnen und stellte sich dabei so ungeschickt an, dass Shirley sie ihr schließlich wegnahm:
„Gib her, du kannst das nicht.“
Mit lautem Knall flog der Stöpsel über Shirleys Schulter hinweg und landete im Meer. Nach einem kurzen Aufschrei lachte und klatschte freudig die Hände. In aller Ruhe hatte Melvin die Szene beobachtet.
„Ihr seid stürmische Damen!“
Lange Zeit blieben sie auf dem Felsen sitzen, unterhielten sich und beobachteten die vorbeifahrenden Boote.
„Ich habe es einer Reihe von glücklichen Zufällen zu verdanken, dass unser sonntäglicher Ausflug in den Boston Common abgesagt wurde. Somit blieben mir Diskussionen mit meinen Eltern und Marcus erspart“, sagte Shirley und biss herzhaft in ein Brötchen.
„Ohne dich hätte uns der Ausflug keinen Spaß gemacht“, sagte Carmen.
„In den Ferien könnten wir öfters etwas unternehmen, damit ich hinaus komme aus Beacon Hill.“
„Wie wäre es mit einer Rundfahrt durch Boston und die Vororte?“, sagte Philomena, „Es freut mich, dass du dich nun immer besser in der Stadt auskennst, Shirley.“
„Mein schlechter Orientierungssinn kommt daher, weil ich immer in Kutschen herumgefahren werde. Deshalb lernte ich nie, mich in der Stadt zurechtzufinden.“
„Philomena, du bist schon bewundernswert, du kennst Boston wie deine Westentasche“, sagte Carmen.
„Ich sehe schon, dass wir heuer gemeinsam einen schönen Sommer verbringen werden“, sagte Philomena unternehmungslustig, „So oft wie möglich machen wir zu Viert Boston unsicher. Oder vielleicht sogar zu fünft?“
Damit sah sie Melvin fragend an.
„So einer netten Damenrunde schließe ich mich gerne an.“
„Einmal sollten wir auf den Quincy Market gehen. Dort ist immer etwas los. Des Öfteren zeigen Gaukler und Zauberkünstler ihre Vorstellungen“, sagte Marsha, „Dann stöbern wir in den kleinen Geschäften herum und essen im Kaffeehaus ein Gefrorenes.“
„Im Boston Common und im Public Garden ist es auch sehr schön. Auf dem Teich des Public Garden kann man Bootsfahrten machen“, sagte Shirley und stieß einen leichten Seufzer aus, „Wir sind fast jeden Sonntag dort.“
„Ich habe schon gehört, dass es dort sehr schön sein soll“, sagte Philomena, „Aber von den Bootsfahrten wusste ich nichts. Aber dorthin könnten wir einmal einen Ausflug machen.“
„Ich würde gerne in Beacon Hill herumgehen, mir die Häuser der Reichen ansehen und wissen, wer in diesen wohnt“, sagte Marsha, „Das muss ja sein wie im Märchen.“
Shirley lächelte verschmitzt und sagte:
„In Beacon Hill ist es traumhaft schön. Wenn ihr es möchtet, führe ich euch gerne herum.“
„Nachdem wir von Beacon Hill weggezogen sind, habe ich diesen Stadtteil sehr vermisst. Aber ich gewöhnte mich schnell in South Boston ein und möchte meinen Wohnort mit keinem anderen mehr tauschen. Die Leute sind hier freundlicher und im Allgemeinen das Leben gemütlicher“, sagte Carmen, „In den Jahren ist es uns gelungen, das Beste aus unserem Schicksal zu machen. Mein Vater baute sich eine neue Existenz auf und es geht uns einigermaßen gut. Ich glaube, wir haben von Anfang an nicht richtig nach Beacon Hill gepasst.“
„Wieso denn?“, wollte Marsha wissen.
„Wenn man in besseren Gesellschaftskreisen verkehrt, muss man auf seinen Ruf aufpassen“, sagte Shirley, „Unser Nachbar Mr. Jollins, den wir letztens trafen, wird von manchen Leuten in Beacon Hill nicht akzeptiert. Ich möchte aber auf keine Details eingehen. Er ist ein guter Mensch, einfach und unkompliziert, deshalb schätze ich ihn sehr. Man kann sich mit ihm ungezwungen unterhalten, lachen, scherzen und Witze erzählen.“
„Auch ich mochte ihn. Er war mir auf Anhieb sympathisch!“ rief Marsha, „Am liebsten wäre ich mit euch mitgefahren! Bisher dachte ich immer, die Reichen sind eingebildete und langweilige Leute, die nur Geld und Geschäfte im Kopf haben.“
„Meine Eltern können Mr. Jollins ebenfalls nicht leiden und rügten mich, weil ich am Donnerstag mit ihm in der Kutsche mitgefahren bin“, sagte Shirley, „Um darauf zurückzukommen, weshalb unser sonntäglicher Ausflug ins Wasser fiel: Meine Eltern fuhren gemeinsam mit Marcus Vater nach Medford. Dort wohnt ein Bauherr, mit welchem mein Vater Probleme hat und Beratung in rechtlichen Dingen benötigt. Das Gespräch hatten sie ausgerechnet für Sonntag vereinbart. Marcus fuhr mit seinem Freund nach Providence eine Ausstellung ansehen. Und Amanda macht mit einer Schulkollegin und deren Eltern einen Ausflug nach Montpelier. Ich wüsste nur zu gerne, wie ausdauernd sie beim Wandern ist oder ob sie sie schon tragen müssen.“
Die anderen begannen zu kichern.
„Amanda fuhr freiwillig mit zum Wandern? Haben die Eltern ihrer Schulkollegin auch eine Sänfte mitgenommen, um sie den Berg hinauf zu tragen?“ scherzte Carmen.
„Ich werde mit Marcus reden und versuchen, seine Ansichten zu ändern, was meine Freundschaft mit euch betrifft“, sagte Shirley, „Immerhin hat auch er Freunde und Studienkollegen, die nicht in Beacon Hill leben. Heute hätte ich die Gelegenheit gehabt, einige von ihnen kennen zu lernen. Aber ich mochte die langweilige Ausstellung nicht besuchen und mir Gespräche anhören, von denen ich nichts verstehe.“
„Will Marcus wirklich Rechtsanwalt werden so wie sein Vater?“, fragte Carmen.
„Ja. Und er nimmt sein Studium unglaublich ernst. In dem letzten Jahr, seit er auf der Universität ist, hat er sich sehr verändert. Manchmal gibt es Momente, in denen ich ihn nicht wieder erkenne. Ich hatte noch nie einen solchen Streit mit ihm Darum war ich so deprimiert.“
„Wenn ihr nächstes Jahr verheiratet seid und zusammen lebt, werdet ihr noch häufiger miteinander streiten“, sagte Marsha, „Meine Eltern streiten auch manchmal, aber nur selten und nicht so schlimm.“
„Nicht einmal mit Amanda habe ich jemals derart heftig gestritten. Mit ihr ist das etwas ganz anderes. Wir einigen uns ziemlich schnell.“
„Ich habe mit meinem Bruder noch nie gestritten. Er lebt in Glendale und arbeitet in einem Sägewerk“, sagte Philomena, „Wir sehen uns alle zwei Wochen und auch mit seiner Frau verstehe ich mich Bestens. Wenn ich etwas brauche, sind die beiden immer für mich da.“
Die Mädchen verbrachten einen angenehmen Tag auf Castle Island. Später erkundeten sie die Bucht. Auf dieser Seite war die Insel unbewohnt und es gab viele naturbelassene Plätze. Erst als die Sonne sich dem Horizont näherte, meine Melvin, dass es nun Zeit für die Rückfahrt sei.
„Wir müssen uns beeilen, damit wir den Hafen erreichen, bevor die Dunkelheit hereinbricht“, sagte er.
„Dass heißt, ich werde heute wieder ziemlich spät nach Hause kommen“, seufzte Shirley, „Ich habe zwar Caroline von einem Ausflug erzählt, jedoch nicht den genauen Ort angegeben. Sie wird sich alle möglichen Gedanken machen.“
Eilig packten die Mädchen ihr Equipment zusammen und gingen an Bord der Beatrice, wo sich jede ein gemütliches Plätzchen suchte. Wieder übernahm Philomena die Aufgabe des Kapitäns und lenkte mit strahlendem Gesicht die Yacht zurück zum Hafen. Als sie bereits eine Weile unterwegs waren, versuchte Philomena Shirley zu überreden, ans Steuerrad zu kommen. Dabei mussten sie und Melvin all ihre Überredungskünste aufwenden, bis Shirley es wagte, die Yacht zu lenken. Kurz vor dem Hafen übernahm Melvin das Steuer.
„Unglaublich, dass ihr beide mir das zugetraut habt!“ sagte Shirley, „Wenn ich zu Hause erzähle, dass ich eine Yacht gefahren habe, wird mir das keiner glauben!“
Schnell hatten sie den Pier erreicht.
„Mir kommt es vor, als hätte ich das alles nur geträumt“, sagte Marsha, als sie vom Boot herunter stieg, „Wann machen wir wieder so eine Ausfahrt?“
Philomena sah Melvin mit fragendem Blick an und lächelte verschmitzt.
„So bald wie möglich wieder“, sagte Melvin.
Die Familie Mulhallan saß im Wohnzimmer beisammen, als Shirley nach Hause kam. Sie trat ein und begrüßte ihre Eltern.
„Meine Güte, Shirley, wie siehst du denn aus?“ rief Malinda entsetzt und kam näher, um die Haut ihrer Tochter anzusehen. Auch die anderen wandten ihren Blick nicht von Shirley ab.
„Warum starrt ihr mich alle so an?“ fragte diese.
„Letzten Sonntag wolltest du noch darauf achten, nur ja keinen Sonnenbrand zu riskieren“, sagte Amanda und lachte, „Und heute kommst du rot wie ein Lobster zurück!“
„Du musst dich auf jeden Fall gründlich eincremen“, sagte Malinda, „Nachher werde ich dir eine spezielle Creme geben.“
Shirley strich mit der Hand über ihre Gesichtshaut, die sich erhitzt anfühlte und spannte. Sie trat zu dem großen Spiegel mit breitem Goldrahmen hinüber. Der Anblick ihrer geröteten Gesichtshaut ließ sie erschrecken. Auf Castle Island hatte sie überhaupt nicht daran gedacht, sich vor der prallen Sonne zu schützen und sich einen Sonnenbrand zugezogen.
„Komm, Shirley, setze dich zu uns und erzähle, was du heute gemacht hast“, sagte Tomás lächelnd und deutete neben sich auf die Couch, „Du hattest Caroline lediglich gesagt, du würdest mit Carmen irgendwohin ins Grüne fahren.“
„Wir machten einen Ausflug auf Castle Island“, begann Shirley ihre ausführliche Erzählung über den so schön abgelaufenen Tag.
D ie Behandlung mit der Pflegesalbe aus Malindas Kosmetikhandel ließ Shirleys Sonnenbrand bald wieder abklingen. Auch war nach dem Ausflug auf Castle Island das sonnige Wetter vorbei. Tageslang regnete es beinahe ununterbrochen. Shirley und Amanda hielten sich deshalb ständig zu Hause auf, während ihre Eltern zur Arbeit mussten. Dennoch kam bei ihnen keine Langweile auf. Caroline wusste, wie sie die Mädchen beschäftigte. Mit Spielen, Handarbeiten und langen Gesprächsrunden. Besonders Shirley diskutierte gerne, man konnte sich mit ihr über viele interessante Themen unterhalten.
Eines Tages wurde es Shirley trotzdem zu öde. Ein langes Herumsitzen im Haus hatte sie noch nie auf Dauer ertragen. Auch ließ sich zu ihrer Enttäuschung Marcus kein einziges Mal blicken. Schließlich besuchte sie Nathalia und vereinbarte mit ihr ein Treffen für Nachmittag im Rosewoods Coffeehouse.
Nathalia war als Erste da. Sobald sie Shirley durch die breite Auslagenscheibe des Kaffeehauses erblickte, winkte sie ihr entgegen. Die Freundinnen begrüßten sich, als hätten sie sich lange nicht mehr gesehen. Das stimmte auch, denn seit Schulschluss war fast ein Monat vergangen. Und sie hatten sie sich viel zu erzählen.
„Du siehst erholt aus. Man könnte meinen, du wärest fern von Boston auf Urlaub gewesen“, sagte Nathalia, wobei sie Shirley herzlich die Hand schüttelte, „Setze dich. Ich habe mir erlaubt, dir schon mal deinen Lieblingskaffee zu bestellen und hoffe, das war in deinem Sinne.“
Soeben servierte die Kellnerin die Getränke, welche Nathalia vorhin geordert hatte. Vor Shirley stand nun eine Tasse Kaffee, aromatisch duftend mit einem Sahnehäubchen und Schokosplittern. Sie roch genüsslich daran, nickte und sagte:
„Hmmm! Ich danke dir, Nathalia! Du hast genau das Richtige für mich gewählt! Nach diesem Kaffee sehnte ich mich bereits. Um auf mein Aussehen zurückzukommen: Ich war häufig an der frischen Luft. Leider lassen die geschäftlichen Angelegenheiten meines Vaters heuer eine längere Reise nicht zu. Aber auch Marcus und seine Eltern haben keine Zeit für Vergnügungen. Marcus hält sich fast täglich in der Kanzlei seines Vaters auf. Dabei hatte ich gehofft, wir würden in den Ferien mehr Zeit miteinander verbringen. So mache ich kleine Ausflüge mit Freundinnen, die in South Boston leben, oder gehe mit Amanda und Caroline in der Stadt herum.“
„Dann steckt also doch eine Wahrheit hinter dem Gerede mancher Leute. Es kursieren nämlich seltsame Gerüchte, du hättest einen eigenartigen Freundeskreis.“
„Welche Gerüchte das auch immer sein mögen, mein eigenartiger Freundeskreis besteht aus Carmen Wilkens, die du ohnehin kennst, und zwei anderen Freundinnen. Weiters gesellte sich ein junger Mann zu uns, ein gewisser Herr Melvin Heston, dessen Vater Besitzer eines Restaurants in South Boston ist.“
In diesem Augenblick dämmerte es Shirley, von wo das Gerücht herrührte. Man hatte sie gesehen, als sie mit ihren Freundinnen und Melvin mehrmals in Beacon Hill herumgegangen war. Natürlich zogen die Leute, die Shirley kannten, daraus ihre Schlüsse und redeten über sie.
„Der Name Heston ist mir unbekannt. Was sagt Marcus eigentlich dazu, dass du dich in Gesellschaft eines anderen Mannes aufhältst?“
Nathalias Stimme klang beinahe vorwurfsvoll und sie sah Shirley forschend an.
„Eines möchte ich klarstellen, liebe Nathalia, Melvin ist ein guter Bekannter meiner Freundin Philomena. Aus diesem Grund begleitet er uns, wenn wir ausgehen. Aber zwischen ihm und mir besteht keine Beziehung.“
Wobei Shirley den Namen Philomenas betonte. Während sie sich unterhielten, beobachtete Nathalia jemanden, der hinter Shirley saß. Schon wollte Shirley sie darauf ansprechen, da beugte sich Nathalia nach vor und flüsterte:
„Shirley, sieh dir dieses Mädchen dort drüben an! Sie kommt ungefähr einmal in der Woche hierher. Ihr Dialekt ist ulkig, du solltest sie einmal reden hören. Sie tut immer so, als wäre sie aus der Gegend, aber ich weiß genau, sie wohnt hier nicht.“
Vorsichtig wandte sich Shirley um und erkannte Marsha. Ansonsten befanden sich gerade keine anderen Gäste im Kaffeehaus. Mit übereinander geschlagenen Beinen saß Marsha an einem Fenster bei einer Tasse Heißer Schokolade und las die Beacon Hill Times. Abrupt stieg Shirleys Spannung aufs Höchste an.
„Hast du sie schon einmal angesprochen?“ fragte sie.
Energisch verneinte Nathalia und sagte:
„Mit dieser rede ich nicht. Ich finde, sie ist eine äußerst seltsame Person. Es ist aber wirklich nicht auszuschließen, dass sie neu nach Beacon Hill gezogen ist.“
Dabei überlegte sie laut, wer in den letzten Monaten in den Stadtteil gezogen war. Unter anderen nannte sie die Familie Jones, die in der Chestnut Street wohnte.
„Mr. Chestnut? Das ist doch dieser Immobilienmakler aus Philadelphia?“ fragte Shirley.
„Ja, genau, das ist er. Du kennst ihn schon?“
„Ich habe ihn im Hafen gesehen, als er gerade mit seinem Boot fortsegelte. Philomena erzählte mir von ihm. Sie arbeitet am Old Harbour und kennt dadurch fast alle Boote und deren Besitzer.“
Jetzt war Nathalias Neugierde geweckt und sie wollte einiges von Philomena wissen. Shirley begann zu erzählen und konnte es dabei nicht lassen, sich mehrmals nach Marsha umzudrehen. Ihre ansonsten ärmliche Freundin aus South Boston trug ihr bestes Kleid und wies ein ganz anderes Benehmen vor. Sie versuchte, ein reiches Mädchen zu spielen. Wie ein Mensch sich verändern konnte, ließ Shirley staunen. Einmal erwiderte Marsha ihren Blick und lächelte kurz.
Gerne hätte Shirley Marsha angesprochen, sie an ihren Tisch gebeten und Nathalia alles über ihre Freundschaft erzählt. Doch aufgrund Nathalias abfälligen Bemerkungen über Marsha fand Shirley, dass Zurückhaltung angebracht war. Gleichzeitig hoffte sie, Marsha würde ihrerseits nicht auf die Idee kommen, sie anzusprechen. Da fiel ihr ein, dass Marsha es nicht leiden konnte, wenn sie rauchte. Mit eindrucksvoller Geste zündete sie eine Zigarette an und nahm einen langen Zug.
„Das habe ich ebenfalls seit Langem vermisst“, sagte sie.
Worauf Nathalia sie verwundert ansah und sich ein Lachen verkniff.
„Was für eine Show ziehst du hier ab? Du tust so, als wärst du eine Lady aus herrschaftlichem Hause.“
„Ich bin auch aus herrschaftlichem Hause!“ scherzte Shirley.
Sie lächelte erhaben und nahm einen weiteren Zug. Später wandte sie sich noch einmal um. Marsha hatte das Kaffeehaus verlassen.
„An diesem Tag wollte ich unbedingt nur mit dir alleine etwas unternehmen“, sagte Marcus und drückte Shirley an sich, als sie am Ufer des Jamaica Pond entlang spazierten, „Bedingt durch meine Arbeit hatte ich in den letzten Wochen kaum Zeit für dich. Ich lerne sehr viel von meinem Vater und sammle Erfahrungen, die für einen guten Rechtsanwalt unerlässlich sind.“
Shirley genoss es, in Marcus Nähe zu sein. Er erzählte noch einige Begebenheiten aus der Anwaltskanzlei, bevor er abrupt inne hielt und seine Verlobte genau ansah.
„Wie hast du eigentlich die ganze Zeit verbracht?“ fragte er.
